Jens Herrmann - Entscheidungsfindung und Konsens / Alternative Ökonomie / Zusammenfassung

Teil 7 der Artikelserie Politische Gemeinschaften aus der Zeitschrift "Rabe Ralf"

Entscheidungsfindung: Plenum, Konsens, Veto? Kleingruppe!

Ein besonders sensibler Punkt für emanzipatorische Gemeinschaften ist die Entscheidungsfindung. Die Vollversammlung (Plenum) spielt hier eine zentrale Rolle.

Der amerikanische Anarchist Murray Bookchin begründet sein Plädoyer für "Selbstbestimmung durch direkte Versammlungen" mit der Ablehnung der repräsentativen Demokratie. "Die Souveränität kann aus demselben Grunde, der sie unveräußerlich macht, auch nicht vertreten werden; sie besteht wesentlich im Allgemeinwillen, und der Wille läßt sich nicht vertreten; er bleibt derselbe oder er ist ein anderer; ein Mittelding gibt es nicht. Die Abgeordneten eines Volkes sind also nicht seine Vertreter und können nichts endgültig beschließen. Jedes Gesetz, das das Volk nicht in Person bestätigt hat, ist null und nichtig; es ist überhaupt kein Gesetz. (...)" [1], zitiert er Rousseau aus dessen "The ecthics of evil". Daraus folgert er zwingend, "daß es keine substantielle Demokratie und kein sinnvolles Selbstverwaltungskonzept geben kann, solange die Menschen nicht in offenen, direkten (face to face) Versammlungen eine Politik für ihre Gesellschaft formulieren. Also ist eine Politik erst dann demokratisch legitimiert, wenn sie direkt durch die Menschen vorgeschlagen, diskutiert und entschieden worden ist (...)".

Gleichzeitig wendet sich Bookchin jedoch auch gegen den in Kommunegemeinschaften weitgehend gültigen Grundsatz der Konsensentscheidungen [2] "Weiterhin müssen wir uns den Gedanken abgewöhnen, daß in großen Gruppen immer ein Konsens erreicht werden kann. Eine Minderheit hat nicht das Recht, die Entscheidung einer Mehrheit zu verhindern - sei es in einer Versammlung oder im Verhältnis der Versammlungen untereinander. Wenn Rousseaus "Allgemeinwille" tatsächlich in einen verallgemeinerten Willen transformierbar wäre - das heißt, wenn man annehmen könnte, daß rationale Menschen, die keine Interessen außer denen der Gemeinschaft insgesamt verfolgen, zu kollektiven rationalen Entscheidungen über klare und eindeutige Probleme gelangen - dann ist es möglich, daß ein Konsens erreicht wird. Ein solches Ziel wäre allerdings noch nicht einmal wünschenswert. Es ist eine versteckte Tyrannei, die sich auf einem gedankenlosen Brauch gründet, ja sogar ein atavistischer Rückschritt in Zeiten, als die öffentliche Meinungen gleichen Zwang ausübte wie nackte Gewalt (die zumindest) für jedermann sichtbar war. (...) Wenn die Entwicklung des Einzelmenschen durch öffentliches Mißfallen abgewürgt wird und seine abweichenden Vorstellungen durch den Druck der öffentlichen Meinung "normiert" werden, so fördert dies weder wahre Gemeinschaft noch Solidarität."

Auch in den Kommunen selbst gibt es seit langem eine Diskussion um das "Konsensprinzip". Exemplarisch dafür sind die Erfahrungen eines Kommunarden aus Niederkaufungen. Er verweist auf offene Fragen bezüglich der Ausgestaltung des Konsensprinzips. So sei weder klar, ob das Aussprechen eines Vetos bedeute, daß nun weiterdiskutiert werden müsse, oder ob damit die Entscheidung feststehe. Auch was passieren soll, wenn zwei sich gegenseitig ausschließende Meinungen vertreten werden und es zu keiner Einigung käme, oder was Verantwortung im Zusammenhang von Konsens heiße, sei letztlich nicht klar. Nach seinen Erfahrungen verhält sich das Konsensprinzip eher konservativ: "Dadurch, daß Experimente extrem angstbesetzt sind und niemand Lust hat, sich durch einen Neuerungsvorschlag unnötig zu verschleißen, werden viele Ideen schon im Vorfeld verworfen." [3] Zudem bedeute die Entscheidung im Konsens meist, daß die Lösung dann der kleinste gemeinsame Nenner werde. Neues Engagement werde immer von irgendwem mißtrauisch beäugt, was schnell dazu führe, daß KommunardInnen, die etwas Alternatives einbringen oder machen wollen, sich eher zurückhalten, in der Erwartung, daß es ohnehin nicht durchsetzbar wäre. Ein Beispiel dafür sei, daß die Einigung auf einen Namen für die Kommune "schlicht nicht möglich" sei. "Kreativität blüht nur in konsensfreien Räumen oder im kleinen Rahmen, wie zum Beispiel in den verschiedenen Arbeitsbereichen." Ein neues Modell, das die Niederkaufunger Kommune ausprobiere, sei die Dezentralisierung von Entscheidungen in Kleingruppen.

Annette Staab bescheinigte dieser Strategie in ihrer Arbeit über die Entscheidungsfindung im Konsensprinzip gute Erfolgschancen: "Die Zentralisation von Entscheidungsbefugnis auf einen begrenzten Personenkreis scheint eher ungünstig zu sein, da dadurch der Gesamtgruppe der Überblick leicht verloren geht und eine Distanz bzw. Desinteresse entstehen kann. Der bessere Weg deutet sich wohl in der Richtung Dezentralisation von Entscheidungsbefugnis an, wobei diese starke Kluft zwischen Verantwortungstragenden und Passiven nicht so leicht entsteht." [4] Optimal scheint eine Mischung aus Dezentralisierung und gleichzeitiger Einbindung durch gemeinsame Entscheidung.

Was sich ebenfalls hemmend und verfälschend auf die Entscheidungsfindung auswirkt, so Staab, sei, daß das Konsensprinzip bei den Mitwirkenden "starkes Selbstvertrauen, Mut und ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit" voraussetze, sowie "die Geistesgegenwart, im entsprechenden Moment sich zu Wort zu melden, aber auch Fähigkeit, Verantwortung abgeben zu können." Das folgende Zitat, das sich in der Kommune Niederkaufungen eingebürgert habe, unterstreicht dies: "Ich will ein Veto einlegen, aber ich tue es nicht, weil ich mich nicht traue."

Insofern ist das Ringen um einen Konsens auch immer ein Stück Kampf und Kräftemessen. Dies bringt den genannten Niederkaufunger Kommunarden zu der Feststellung: "Die Konsensentscheidungen bei uns sind nur vom ideologischen Aufbau her grundsätzlich unterscheidbar von Mehrheitsentscheidungen. Die alltägliche Entscheidung ist eine Mehrheitsentscheidung in dem Sinne, daß niemand ein Veto einlegen kann, bei dem sie/er sich selbst den Boden entzieht." Für Leute, die eher am Rand des Projektes stünden, sei es auch immer eine Frage der Kraft, die eigene Meinung gegen etwas zu stellen. Aber: "Trotzdem ist das Erlernen von Konsensentscheidungen immer ein revolutionärer Prozeß."

Jörg Bergstedt sieht hierin ein ganz anderes Problem. Er greift die Projekte hart an und wirft ihnen "Gemeinschaftstümelei" vor: "Zudem legen sie viel Wert auf ihr Gemeinschaftsleben, moderierte oder auf andere Art ritualisierte und geregelte Gruppenprozesse. Diese erzeugen das Problem, daß trotz minimaler Ergebnisse ein Gefühl der Befriedigung entsteht und so die Ergebnis- und Orientierungslosigkeit nicht wahrgenommen wird." [5] Seiner Meinung nach nehmen solche Gruppenprozesse einfach zu viel Energie weg, die dann bei politischer Arbeit fehle.

Alternative Ökonomie: Auf in die Freiheit oder ab in die Nische?

Wie bereits in Teil 1 dargestellt, wird der Ökonomie in Bezug auf die Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft - und damit auch auf deren Überwindung - eine zentrale Stellung zugeschrieben. Der Gedanke einer alternativen Ökonomie jenseits der kapitalistischen ist nicht erst seit der neueren Alternativbewegung populär, er ist so alt wie die Herausbildung und Durchsetzung des modernen Kapitalismus selbst.

Fritz Vilmar und Brigitte Runge verweisen in ihrer Abhandlung zur Selbsthilfebewegung auf die Frühsozialisten Owen und Fourier. Bei Robert Owen war der bis heute als wesentliches Strukturmerkmal von Kommunen geltende Grundsatz der Vollgenossenschaft, also der Abschaffung allen Privateigentums zugunsten von Kollektiveigentum, bereits ausgearbeitet und wurde in seinem Gemeinschaftsexperimenten auch bereits gelebt. Auch die genossenschaftlich-gemeinschaftliche Organisation der Arbeit wurde bei Owen bereits praktiziert.

In den sogenannten Phalangen Charles Fouriers waren die Selbstverwaltung und das Prinzip der Freiwilligkeit wichtige Elemente der Wirtschaftsorganisation seiner Vollgenossenschaften. Womit er jedoch nicht übereinstimmte, war die Forderung nach gleichem Lohn. Vielmehr wollte Fourier dadurch Anreize schaffen, daß er weniger beliebte Arbeiten hoch entlohnte. [6]

Über die Tauschbanken bei Proudhon und Landauer bis hin zu heutigen Tauschringkonzepten, Einkaufsgemeinschaften, Kollektivbetrieben und Kommunegemeinschaften hat dieser Gedanke einer alternativen ökonomischen Struktur innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bestand gehabt. Die neueren Konzepte werden allgemein unter der Bezeichnung Selbsthilfe- bzw. Alternativbewegung zusammengefaßt.

Josef Huber kam bereits in den 80er Jahren in einer Untersuchung der alternativökonomischen Projekte zu dem Schluß, daß diese in hohem Maße von der kapitalistischen Gesellschaft abhängig seien. So bezögen sie nur einen geringen Anteil ihrer Einkommen aus den Erlösen ihrer Arbeit, während sie einen großen Anteil durch staatliche Zuschüsse und Unterstützungen erhielten. Nur wenige in Alternativbetrieben Arbeitende bezögen auch ihre Einkommen von dort, viele blieben weiter abhängig von anderen Einkünften, um ihren Lebensunterhalt sichern zu können. Zudem sei die alternative Ökonomie in hohem Maße eine "Ghettowirtschaft", da sie im Wesentlichen nur für ihr eigenes Bezugsfeld, das Teil der Alternativbewegung sei, und für sich selbst arbeite. Nur etwa sieben Prozent der Arbeiten, so Huber damals, seien auf die Bedürfnisse breiter Gesellschaftsschichten abgestimmt. Damit sei die Alternativökonomie keinesfalls unabhängig, sondern vielmehr in hohem Maße abhängig von SympathisantInnen und staatlichen Geldern. [7] Die Grenzen alternativer Ökonomie sieht er somit einerseits im Markt, auf den die Projekte letztlich doch angewiesen seien und der sie einem Profitdruck aussetze, und andererseits im Staat, von dem sie sowohl durch die Gesetzgebung als auch finanziell abhängig seien.

Auch Jörg Bergstedt verweist mit Blick auf die neueren Gemeinschaftsprojekte auf diese Abhängigkeiten insbesondere von staatlichen Zuschüssen: "Statt eine eigene wirtschaftliche Grundlage aufzubauen, werden öffentliche Geldquellen angezapft." Diese Kritik wird, in noch grundsätzlicherer Form, auch von Robert Kurz und der Krisis-Gruppe (siehe Teil 2) geteilt und fortgeschrieben.

Die Ökofeministinnen (siehe Teil 2) sehen die Entwicklung alternativer Ökonomie heute ebenfalls eher kritisch: "Diese Alternativbetriebe fingen zwar explizit mit nicht-kapitalistischen Grundsätzen an, wurden aber häufig vom kapitalistischen Markt wieder eingeholt, und viele sind heute kaum noch von anderen Betrieben zu unterscheiden. (...) Projekte und Initiativen, die an ihren politischen Zielen und Prinzipien festgehalten haben, sind vor allem solche, die zum Prinzip der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung das der Selbstversorgung hinzugefügt haben." [8] Positives Beispiel sei die Sozialistische Selbsthilfe Köln-Mülheim, ein Gemeinschaftsprojekt, das auch heute noch Visionen freisetze. [9] Damit kehren die Ökofeministinnen wieder stärker zu den Gedanken der FrühsozialistInnen und AnarchistInnen zurück. Jedoch: "Kommunen, Kooperativen und Arbeitskollektive mögen eine ausgezeichnete Schule sein, wo Menschen lernen können, wie selbstverwaltete Unternehmungen organisiert werden können. Allerdings sind sie für gewöhnlich marginale, oft sehr kurzlebige Projekte und eher als Lehrbeispiel denn als funktionierende Institutionen brauchbar. Eine Kooperative mag noch so gut ankommen, den Konkurrenzkampf gegen eine riesige Supermarktkette wird sie niemals gewinnen; und eine "Tauschbank" im Sinne Proudhons mag noch so viel Unterstützung finden, sie wird kein bedeutendes Geldinstitut verdrängen können." [10] Insofern gelte es wirkliche Gegeninstitutionen und eine Bewegung zu schaffen.

Davon sieht Bergstedt die gegenwärtigen Gemeinschaftsprojekte jedoch weit entfernt: "Die Arbeit in den Projekten ist zwar in der Regel selbstverwaltet, aber kaum anders organisiert als in der freien Wirtschaft: Regelmäßige, oft sogar längere Arbeitszeiten, maximale Gewinnorientierung, Geldbeschaffung vom Staat bzw. von Banken, Familienbildung mit einer Erwerbsarbeitskraft plus familiärem bzw. WG-"Hinterland". Es ist erstaunlich, wie wenig die Tages- und Lebensabläufe von Anders-Leben-ProjektlerInnen sich von konventionellen Tages- und Lebensabläufen unterscheiden."

Zusammenfassung: Eckpunkte emanzipativ-politischer Gemeinschaftsprojekte

Die bisher dargestellte Theorie bietet nur einen selektiven Einblick in die theoretische Diskussion von sich politisch verstehenden Gemeinschaftsprojekten, ihren Ansprüchen und Problemen. Doch fassen wir die zentralen Punkte zusammen:

Gemeinschaft ist an sich nicht emanzipatorisch oder "links". Sie muß erst in einen ideologischen Kontext gesetzt werden. Dabei bieten sich die Traditionen des Anarchismus und des libertären Sozialismus besonders an. Ihre Gemeinschaftskonzeptionen beruhen auf der freien Vereinbarung selbstbestimmter Individuen. Soll diese Assoziation auch politisch wirksam sein, so muß sie dem Individuum einerseits Rückhalt und Unterstützung bieten, um eine eigene Meinung ausbilden zu können. Andererseits soll sie auch kollektiven Widerstand gegen die herrschenden Institutionen und Lebensformen ermöglichen und seine Mitglieder vor Anpassungszwängen der Gesellschaft schützen. Gerade weil eine Gemeinschaft oft stärker und unabhängiger, aber auch weniger kontrollierbar ist als einzelne Menschen, hat sie, die Pflicht "politisch" zu sein, ihre Ressourcen also in einem emanzipatorischen Sinne zu nutzen.

Trotzdem bleiben die Kommunegemeinschaften letztlich Teil der Gesellschaft. Deutlich wird dies nicht nur durch die unmittelbar materiell erfahrbaren Herrschaftsverhältnisse, sondern gerade auch auf der individuell-psychologischen Ebene, wo die Herrschaftskultur tief in den Verhaltensweisen und Empfindungen verankert ist. Eine "Auflösung des Kapitalismus" durch Dissidenz und Absonderung erfährt hier ihre Grenzen. Doch gleichzeitig ist sie - angesichts des Scheiterns staatssozialistischer und reformerischer Politik - die einzig verbleibende Alternative einer emanzipatorischen Gesellschaftsveränderung.

Aber gerade aufgrund der Erkenntnis der eigenen Verstrickungen in die Herrschaftsverhältnisse und der Vielfältigkeit dieser Verhältnisse ist es wichtig, eine Strategie des Vorgehens zu entwickeln. Die Theorie der Subversion bietet hier Anknüpfungspunkte in ihrer Verzahnung von Kritik, Praxis der Verweigerung gegenüber Herrschaftsinstitutionen, (experimenteller) Praxis der Alternative und auch dem Kampf gegen die Herrschaftsinstitutionen - denn schließlich wird die Herrschaft auch durch Gewalt abgesichert. Wichtig erscheint u.a. eine Strategie, die breite Kreise der mit den gesellschaftlichen Verhältnissen unzufriedenen, an einer emanzipatorischen Veränderung interessierten Opposition mit einbezieht.

Wichtig ist, sich nicht den Mantel einer zweiten Kultur überziehen zu lassen. Unter dem Decknamen des Pluralismus werden die Gemeinschaften sonst letztlich zu "kollektiven Hofnarren" (Huber), während der Herrschaftsapparat unbeirrt seinen Weg geht. Vielmehr kann eine Doppelstrategie aus radikaler Subkultur und alternativer Einbindung mittels "intermediärer Personen" (Huber) weiter führen. [11] Ohne diese Vermittlung bleibt die Radikalität wohl im subkulturellen Ghetto stecken.

Auf der Geschlechterebene eröffnen alternative und linke, radikale Gemeinschaftsprojekte Chancen für ganz praktischen Herrschaftsabbau zwischen den Geschlechtern. Sie bieten mit ihren Grundsätzen der Selbstbestimmung und der Gleichbehandlung aller Arbeit Voraussetzungen für den Abbau von Herrschaft - garantieren können sie dies jedoch nicht.

Denn auch das Leben in Gemeinschaften ist letztlich den Grenzen der Selbstveränderung der Individuen unterworfen. Trotzdem bieten Gemeinschaften außergewöhnliche Möglichkeiten und Freiräume, eine solche Selbstveränderung experimentell zu erfahren und in ihren relativen Freiräumen eine andere Kultur zu entwickeln. Eine Verankerung persönlicher Veränderungsstrategien beispielsweise mittels der Methode der "Radikalen Therapie" kann hier nützlich sein. Für politische Gemeinschaften ist es dabei auch wichtig, von der sturen Negierung und Ablehnung von Spiritualität zu einem differenzierten Verständnis von Spiritualität zu kommen, um nicht letztlich in "bürgerlichen Rationalismus" zu verfallen, der letztlich die Herrschaft absichert.

Ein sehr schwieriges Feld ist das der Entscheidungsfindung in Gemeinschaften. Hier gilt es zu vermitteln zwischen den beiden Polen: der "Tyrannei der Minderheit über eine Mehrheit" (Bookchin) und der Unterdrückung unter einen Konsens, der dann oft sogar zum kleinsten gemeinsamen Nenner mutiert. Vielmehr gilt es, Selbstvertrauen und Mut für die eigene Position und die Fähigkeit, sich auf Kompromisse und andere Meinungen einzulassen, zu geben. Das Prinzip der Dezentralisierung von Entscheidungen, Diskussionen und Lösungsfindung scheint hier einen gangbaren Mittelweg zu bieten. Grundsätzlich gilt jedoch, daß alle, die von einer Sache betroffen sind, gemeinsam entscheiden - am besten in einer Versammlung. Wird ein gemeinsamer Konsens erreicht, so ist dieser sicher auch tragfähiger und wird eher funktionieren, als ein Beschluß, der gegen eine Minderheit erzielt wurde.

Ein weiterer Eckpunkt für eine politische Kommunegemeinschaft wird in ihrer Beziehung zur Autonomen Bewegung deutlich. Hier gilt es, die zahlreichen gemeinsamen theoretischen Grundlagen mit einer gemeinsamen Praxis zu verbinden. Die Kommunebewegung muß dabei deutlicher machen, daß sie ein Handlungsfeld für den Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Struktur ("friedliche Militanz") bietet und nicht etwa nur ein Ausstieg in die gesellschaftliche Nische oder ins Abseits ist.

Die Vision von einer Unabhängigkeit vom Kapitalismus wird sich schnell als Trugschluß herausstellen müssen, denn auch die sogenannte alternative Ökonomie ist Teil des Kapitalismus. Damit gelten hier letztlich auch die Grenzen von Markt und Staat. Eine Möglichkeit, diese Grenzen ein Stück weit zu erweitern, könnte Subsistenzwirtschaft [12] sein. Sie kann helfen, ein Gespür für die Einbindungen und Abhängigkeiten zu entwickeln und auf der Existenzsicherungsebene weniger abhängig von der Geldwirtschaft zu sein. Insbesondere ist es auch wichtig, Konzepte zu entwickeln, wie man unabhängiger vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft und vom Finanztropf des Staates werden kann.

Doch Subsistenz allein ist keine Lösung, es bedarf auch des Aufbaus von Gegeninstitutionen. Für Kommunegemeinschaften könnten dies zum Beispiel ökonomische Vernetzungen sein, aber auch praktische gegenseitige Hilfe, wie sie oft in Ansätzen bereits besteht. Interessant wäre hier auch eine Ausweitung der Konzepte über den Rahmen der Gemeinschaft hinaus, wie es das Beispiel vieler Selbsthilfegruppen zeigt. Damit könnte auch eine breite Bewegung von unten angeschoben werden und die Gemeinschaft in die Wahrnehmung von mehr Menschen rücken. Praktische Werte von Solidarität und Gegenseitigkeit könnten der kapitalistischen "Vereinzelungsgesellschaft" sowie konservativ-reaktionären Gemeinschaftsmodellen eine emanzipatorische Alternative entgegensetzen.

Fußnoten:
[1] Rousseau zitiert nach Murray Bookchin: Die Neugestaltung der Gesellschaft - Pfade in eine ökologische Zukunft, Trotzdem-Verlag, 1992, S. 173
[2] Das Konsensprinzip bei Entscheidungen ist keine eindeutig festgelegte Verfahrensweise. Es gibt jedoch einige übereinstimmende Grundmerkmale. So sollen bei Entscheidungen im Konsens alle von einem Problem betroffenen Mitglieder einer Gruppe gemeinsam nach einer Lösung suchen, die alle Mitglieder der Gruppe in möglichst großem Umfang zufriedenstellt. Wenn ein Mitglied der Gruppe gegen eine Entscheidungsvariante ist, so kann diese nicht erfolgen, sondern bedarf einer Nachbesserung, bis alle der Lösung zustimmen. Damit grenzt sich diese Entscheidungsweise von der der Abstimmung dadurch ab, daß letztlich immer ALLE mit der Lösung einverstanden sein müssen, oder zumindest nicht dagegen sein dürfen. In der Regel gibt es, um dies sicherzustellen, in Gruppen, die im Konsens entscheiden, die Möglichkeit, ein "Veto" einzulegen und damit unmißverständlich deutlich zu machen, daß keine Übereinkunft, kein Konsens besteht. Das Konsensprinzip soll sicher stellen, daß eine Minderheit nicht von einer Mehrheit ausgegrenzt und überstimmt wird, sondern alle gleichberechtigt entscheiden.
[3] Burkhard Keimburg: Konsensprinzip in der Kommune, In TRAFIK, Internationales Journal zur libertären Klutur und Politik, Nr. 32, 2/1989, S. 29ff
[4] Annette Staab: Entscheidungsfindung im Konsensprinzip: Möglichkeiten und Grenzen, Diplomarbeit an der TU Berlin, 1995, S. 61
[5] Jörg Bergstedt: Agenda, Expo, Sponsoring - Recherchen im Naturschutzfilz, Frankfurt/Main, 1998, S. 164
[6] Runge/Vilmar: Handbuch, 1988, S. 359f
[7] Josef Huber: Wer soll das alles ändern. Die Alternativen der Alternativbewegung, 1981, S. 44ff
[8] Mies/Bennholdt-Thomsen: S. 144
[9] "Wo alles Arbeit ist, ist nichts mehr Arbeit", DER RABE RALF April 00, S. 16
[10] Veronika Bennholdt-Thomsen, Maria Mies: Eine Kuh für Hillary - die Subsistenzperspektive, 1997, S. 181f
[11] Anmerkung: Freilich bleibt - nach den Erfahrungen mit der rot-grünen Regierung - heute fraglich, ob diese Veränderungen irgendeinen qualitativen Wert haben, außer die Stabilität des Projekts letztlich um ein weiteres Fundament zu erweitern
[12] Anmerkung: Subsistenz ist hier nicht in einem verkürzten Sinne nur auf landwirtschaftliche Eigenproduktion zu verengen, sondern erweitert auf alle möglichen Formen der direkten, nicht durch Markt und Staat vermittelten Existenzsicherung.

Die ganze Serie kann als Original-Diplomarbeit gegen 5 € und einen frankierten (0,77 €) und adressierten A4-Papp-Umschlag beim Autor bezogen werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Aus: DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung, c/o GRÜNE LIGA Berlin e.V., Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg www.grueneliga.de/berlin/raberalf

Originaltext: www.grueneliga.de/berlin/raberalf


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