Jens Herrmann - Auf dem Weg: Alternative Theorie und Praxis der Gemeinschaftsprojekte

Teil 5 der Artikelserie Politische Gemeinschaften aus der Zeitschrift "Rabe Ralf"

Teil 5 leitet den zweiten Hauptteil dieser Serie ein, der sich stärker auf die Theorie der PraktikerInnen heute bezieht. Dabei wird es im Folgenden einige spannende Erweiterungen der zuvor gewonnen Erkenntnisse geben.

In diesem Abschnitt soll nun auf die konkrete Praxis von Gemeinschaftsprojekten eingegangen werden. Viele der Ideen, wie sie nebenstehend beschrieben werden, haben bereits Eingang in die Praxis von Lebens- und Arbeitsmodellen gefunden, Menschen haben versucht, ihrer Utopie ein Stück näher zu kommen.

Bereits frühe Pioniere der sozialistischen Gemeinschaftsidee wie Robert Owen und Charles Fourier [1] versuchten sich in der Praxis ihrer theoretischen Erkenntnisse. Später waren es sozialistische und anarchistische Theoretiker wie Proudhon oder Landauer, die Gemeinschaftsprojekte initiierten. Auch in der neueren Geschichte der Kommune-Idee hat es seit den legendären Kommunen K1 und K2 in (West-)Berlin zahlreiche Praxisversuche gegeben, insbesondere im Kontext der Alternativ- und Selbsthilfebewegung.

Im Folgenden wird ein Einblick in die Erkenntnisse gegeben, die aus der theoretischen Beschäftigung und Aufarbeitung der beobachteten oder gelebten Praxis gewonnen wurden. Am Ende der nächsten Folge sollen dann wichtige Eckpunkte für sich politisch verstehende und auf Gesellschaftsveränderung abzielende Gemeinschaftsprojekte zusammengefaßt werden.

Abgrenzung zu konservativ-elitären Konzepten

Das Konzept der Gemeinschaft ist nicht von vornherein als Konzept der Befreiung und Emanzipation zu verstehen. So weist Rolf Cantzen darauf hin, daß der Kommune- oder Gemeinschaftsbegriff auch für autoritäre und anti-emanzipatorische Interpretationen offen stünde. Nicht nur die Interpretation durch den Faschismus - wo Gemeinschaft als autoritäre, das Individuum unterwerfende Volks- und "Rasse"gemeinschaft verwendet wurde - sondern auch neuere Konzepte, wie das Gemeinschaftsverständnis, welches er beispielsweise in Rudolf Bahros Buch "Logik der Rettung" ausmacht, hätten deutlich anti-emanzipatorische Ausrichtungen. So plädiere Bahro nicht nur für Ökogemeinschaften mit charismatischen Führern, sondern sei auch "ökodiktatorischen Einzelmaßnahmen" gegenüber aufgeschlossen und strebe zudem eine Weltregierung als Ergänzung des dezentral-kommunitären Pols seiner utopischen Gesellschaft an. [2] Als autoritäre und anti-emanzipatorische Elemente von Gemeinschaftskonzepten macht Cantzen aus:

  • Eine Zusammengehörigkeitsideologie über konkrete Interessengegensätze hinweg.
  • Die Vorstellung einer Politik vom Ganzen her, zusammen mit der Vorstellung eines "Führertums".
  • Die Sicht einzelner Gemeinschaften/Kommunen nur unter dem Aspekt der Integration in ein gesellschaftliches oder staatliches Ganzes.
  • Nicht das Interesse des Einzelnen steht im Mittelpunkt, sondern die Integration in das Ganze.
  • Gemeinschaft wird zum Selbstzweck.
  • Gemeinschaft bezieht sich nicht auf eine überschaubare Gruppe.

Und auch Fritz Vilmar und Brigitte Runge verweisen darauf, daß der Gemeinschaftsbegriff seit Ferdinand Tönnies [3] und dem Faschismus immer wieder konservatives Ideal rückwärtsgewandter Sehnsüchte und Suche nach Geborgenheit gewesen sei. So weisen auch die beiden GemeinschaftspraktikerInnen Elisabeth Voß und Uwe Kurzbein darauf hin, daß "Gemeinschaft" keinesfalls frei von rechten und rechtsradikalen Interpretationen ist, sondern wir im Gegenteil auf eine bis heute andauernde Tradition solcher anti-emanzipatorischen Gemeinschaftsprojekte zurückblicken müssen. Insbesondere die "Neue Rechte" versuche über eine Anknüpfung an Spiritualität und "New Age" elitäres Denken mit dem Kommunegedanken zu verbinden. [4]

Einen positiven Bezug auf Gemeinschaft sehen Vilmar/Runge und Cantzen hingegen im Rückgriff auf frühsozialistische und anarchistische TheoretikerInnen. Die oben bereits erwähnten Anarchisten Landauer und Kropotkin, aber auch der für die israelischen Kibbuzim wichtige Theoretiker Martin Buber hätten einen positiv-emanzipatorischen Bezug auf Gemeinschaften genommen. In ihren Vorstellungen über freie Assoziationen von Einzelnen und Familien zu Gemeinden/Gemeinschaften und weiter zu Bünden von Gemeinden läge eine Verbindung politisch-emanzipatorischer und sozial-integrativer Ansätze vor. Cantzen schreibt: "Bei Kropotkin (und ähnlich auch bei Landauer) soll dezentrale Selbstverwaltung durch eine Verbindung von "Industrie, Handwerk und Landwirtschaft" im Rahmen einer Dorfgemeinschaft möglich werden. (...) Vielfalt, Flexibilität und Heterogenität, wie sie Kropotkin versteht, entwickeln die Individualität der Menschen und integrieren sie in gemeinschaftliche Zusammenhänge. (...) Das Ziel gemeinschaftlicher Lebensformen bleibt immer die (solidarische) Selbstbestimmung der Einzelnen." [5]

Aus dieser Tradition leitet Cantzen einen emanzipatorischen Gemeinschaftsbegriff ab. Die Elemente einer solchen Gemeinschaft sind:

  • Eine Gruppe selbstbestimmter Individuen schließen sich in freier Vereinbarung zusammen.
  • Gemeinschaften sollen dem Verfall verbindlicher sozialer Beziehungen entgegenwirken.
  • Gemeinschaft soll dem Individuum Rückhalt bieten, um Individualität entwickeln zu können.
  • Sie soll "kollektiven Widerstand gegen herrschende Institutionen und Lebensformen ermöglichen und sich Anpassungszwängen widersetzen: Gemeinschaft als Widerstand und kollektive Selbstbehauptung."
  • Sie soll der Uniformisierung der Gesellschaft entgegenwirken, indem sie Heterogenität und Vielfalt schafft.
  • Sie soll der Verfolgung "individueller und kollektiver Interessen und Bedürfnisse dienen."

Insbesondere die Widerstandsfunktion ist auch für Landauer sehr wichtig, wenn er dazu aufruft, mit den autoritären Vermittlern (Staat, Kirche, Kapitalismus, Führer etc.) "aufzuräumen": "Räumt mit den autoritären Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt für unmittelbare Verbindung der Interessen". Kommunen, Genossenschaften oder "sozialistische Gemeinden" sollten damit beginnen.

Und auch Uwe Kurzbein - selbst langjähriger Kommuneaktivist - gibt seinem Verständnis von Kommune-Gemeinschaft eine klare Aussage: "Gehören unsere Kommunen nicht zu den Reichen dieser Gesellschaft, in einem der reichsten Länder dieser Welt? (...) Dieser Reichtum verpflichtet. Er verpflichtet dazu, immer wieder an das politische Ziel zu erinnern und hartnäckig daran zu arbeiten. Er verpflichtet, aktiv an verinnerlichte Strukturen heranzugehen. Er verpflichtet, politisch zu sein. Er verpflichtet zur Öffentlichkeit." Was Kommune nicht ist und seiner Meinung nach in einem anarchistisch-libertären Sinne nicht sein kann beschreibt Kurzbein unter dem psychologischen Begriff der "Symbiosesehnsucht". Treibendes Motiv vieler, vor allem junger Menschen, in eine Kommune zu gehen, sei die romantische Hoffnung und Sehnsucht (nach der frühkindlichen Erfahrung) "dort bis zum Umfallen geliebt zu werden". Gerade eine anarchistische Gruppe könne diese Sehnsucht jedoch nicht erfüllen, da sie auf autonomen und selbständigen Einzelnen aufbaue.

Was eine Kommune hingegen sehr viel besser leisten kann, beschreibt Cantzen. So seien Gemeinschaftsstrukturen (sozial)staatlich weniger stark kontrollierbar, böten Stabilität und Halt für alternative Lebensweisen und Widerstand, würden helfen, Interessen zu bündeln und gemeinsam besser durchzusetzen bzw. selbst zu organisieren.

Das Verhältnis zu Staat und Gesellschaft

Der Kommunarde Uwe Kurzbein hatte Anfang der 80er Jahre, als er die Entscheidung für ein Leben in einer Kommune traf, damit zwei Visionen verbunden. Zum einen wollte er die "Schere zwischen (meinem) Anspruch und der Wirklichkeit so weit wie möglich zusammenklappen" [6], andererseits ging es ihm darum, ausgehend von seiner Gesellschaftskritik, eine menschliche Gesellschaft aufzubauen mit einer menschlichen Ethik, menschlichen Arbeitsverhältnissen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Das sei Experiment und politische Missionierung zugleich gewesen. Kurzbein kritisierte die Gesellschaft aus einer anarchistischen Perspektive - es ging ihm also darum, Herrschaftsverhältnisse aufzudecken und abzubauen. Dabei schien es ihm unumgänglich, die bürgerlichen Strukturen, in denen er lebte, zu verlassen.

Doch schon bald wurden er und seine MitkommunardInnen mit den materiellen und psychischen Abhängigkeiten, die sie an die Gesellschaft banden, konfrontiert. Sie wurden zu Haus- und GrundeigentümerInnen. Dies lehnten sie eigentlich ab. Es bot ihnen aber gleichzeitig Schutz vor staatlichem Zugriff. Sie richteten Betriebe ein und schnell stand die Frage der Legalisierung auf der Tagesordnung. Ein Meister - der für die Arbeit haftet - wurde gebraucht und damit waren bereits Hierarchien eingeführt. Dazu kamen noch sozial-emotionale Abhängigkeiten, verinnerlichte Verhaltensmuster aus der Kindheit, der Pubertät und dem Berufsleben. "Aus dieser Erfahrung lernte ich, daß es uns nicht gelingen kann, die Struktur, das Koordinatensystem, die Dimension, in der wir leben, auch nur ansatzweise zu verlassen." Vielmehr gebe es eine "subtile Anpassung" an diese Struktur.

Fortsetzung folgt.

Fußnoten:
[1] Charles Fourier ging davon aus, daß selbstverwaltete Kommunen zur umfassenden Befriedigung der Bedürfnisse bzw. Triebe der Menschen notwendig seien. Basis seiner 1500 bis 2000 Mitglieder umfassenden Vollgenossenschaften sollte das Prinzip der Freiwilligkeit sein. In den sogenannten Phalangen (Gemeinschaften) sollte die Arbeit weiterhin auf Vollversammlungen aufgeteilt werden. Eine substanzielle Gleichheit der Mitglieder strebte er im Gegensatz zu Owen nicht an, während ihm die Gleichberechtigung der Frauen - ebenfalls im Gegensatz zu Owen - ein wichtiges Anliegen war. Vgl. Vilmar/Runge, S. 359ff
[2] Rolf Cantzen: Gemeinschaft, Einzelner und der Heilige Geist, In: TRAFIK, Internationales Journal zur libertären Klutur und Politik, Nr. 32, 2/1989, S. 61f; Vgl. hierzu auch Helmut Thielen: Subversion und Gemeinschaft - Befreiung in der Zeitenwende, Hamburg, 1993, S. 85
[3] Ferdinand Tonnies stellt der Gemeinschaft, die für ihn die natürliche Verwandtschaft ausmacht, die Gesellschaft, als Neben- bzw. Gegeneinander nicht verbundener Personen, gegenüber. In Kontakt treten die ansonsten getrennten Individuen der Gesellschaft nur aus praktischen Gründen, dem Tauschinteresse. Bei Tönnies gibt es eine freie Vereinbarung nur innerhalb der Gesellschaft und nicht in der Gemeinschaft, da diese auf dem Zwangsprinzip beruhe. Im Gegensatz dazu steht der anarchistische Gemeinschaftsbegriff, der eine solche Trennung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft nicht macht. AnarchistInnen gehen vielmehr davon aus, daß Gesellschaft sowohl den Aspekt individualistischer Selbstbehauptung als auch den der sozialen Integration in eine Gemeinschaft hat. Vgl. Rolf Cantzen: Weniger Staat, mehr Gesellschaft, 1987, S. 141ff
[4] vgl. hierzu Elisabeth Voß: Wege, Umwege, Irrwege... Ein Versuch über die Sehnsucht. In: Das KommuneBuch, Göttingen 1996, S. 69-98
[5] Cantzen 1989 (s. Anm. 2), S. 65f
[6] Uwe Kurzbein: Kommune in der Abhängigkeit von Gesellschaft und Staat, In TRAFIK (s. Anm. 2), S. 20

Die ganze Serie kann als Original-Diplomarbeit gegen 5 € und einen frankierten (0,77 €) und adressierten A4-Papp-Umschlag beim Autor bezogen werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Aus: DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung, c/o GRÜNE LIGA Berlin e.V., Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg www.grueneliga.de/berlin/raberalf

Originaltext: www.grueneliga.de/berlin/raberalf


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