Jens Herrmann - Gustav Landauers Gemeinschaftsutopie

Teil 1 der Artikelserie Politische Gemeinschaften aus der Zeitschrift "Rabe Ralf"

"Ich aber behaupte, daß nicht die Handvoll Schmarotzer, sondern die Masse selbst für diese schrecklichen Verhältnisse verantwortlich ist." (Emma Goldman)

Die Erkenntnis, daß zu einer gesellschaftlichen Veränderung mehr gehört als die Auswechselung der Machthabenden, ist alt. Spätestens seit dem Scheitern und den zahlreichen Verdrehungen des Realsozialismus ist klar geworden, daß auch der Weg des verordneten Staatssozialismus eine Sackgasse ist.

Auf der Suche nach Alternativen sind gemeinschaftliche, kommunitäre Organisationsformen bereits so lange in der Diskussion wie der Sozialismus selbst. Schon früh führte das zu Spaltungen in der sozialistischen Bewegung. Frühsozialisten wie Robert Owen und Charles Fourier, aber auch linke Sozialisten wie Gustav Landauer - der später Bildungsminister in der Münchner Räterepublik wurde - verabschiedeten sich bereits im letzten Jahrhundert von ihren parteisozialistischen und technikfetischistischen StaatsreformerInnen und setzten stattdessen auf gemeinschaftliche Selbstorganisation. Mit der sogenannten 68er Bewegung wurde eine neue Welle von Gemeinschaftgründungen in Europa und den USA ausgelöst. Einige der so entstandenen Kommunen verstehen sich als politisch und streben eine emanzipatorische, befreiende Gesellschaftsveränderung an. Dabei möchten sie nicht nur im klassischen Sinne in der Gesellschaft aktiv sein, sondern auch ein gelebtes Experiment sozusagen vorwegnehmen - das Leben in Gemeinschaft.

Bleibt die Frage, wie sie ihren Anspruch, Gesellschaft radikal zu verändern, in der konkreten Lebenspraxis umsetzten konnten - die Frage nach den Erfolgen und Ernüchterungen der Projekte. In seiner Diplomarbeit "Politische Kommunen" am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU Berlin hat sich Autor Jens Herrmann mit dieser Frage ausführlich beschäftigt. Neben einer intensiven Auseinandersetzung mit der Theorie der Gesellschaftsveränderung durch Gemeinschaft hat in seiner Untersuchung das Gespräch mit Kommune-AktivistInnen aus drei Gemeinschaftsprojekten einen breiten Raum eingenommen. So ist er nach Neustadt an der Weinstraße zum Projekt A/WESPE, nach Kassel zur Kommune Niederkaufungen und ins Allgäu auf den Finkhof gefahren. Alle drei Projekte sehen sich als politische Projekte und alle sind "Kinder" der 70er und 80er Jahre - zwei bestehen bis heute, eines ist quasi gescheitert (Projekt A/WESPE).

Diese RABE-RALF-Serie ist eine auszugsweise Überarbeitung dieser Diplomarbeit. Zunächst werden in vier Theorie-Teilen die Ideen von Gustav Landauer, P.M., der Gruppe KRISIS und den Bielefelder Ökofeministinnen vorgestellt, bevor sich mehrere Praxis-Teile mit den betrachteten Gemeinschaftsprojekten befassen. Wer sich ausführlicher und wissenschaftlicher mit der Arbeit auseinandersetzen will, kann beim Autor (siehe ganz unten) eine Kopie der Arbeit gegen 5 Euro und einen mit 0,77 Euro frankierten A4-Rückumschlag anfordern.

Der "Staat in uns"

Ausgangspunkt der Gesellschaftsanalysen von Gustav Landauer (1870-1919) ist eine schonungslose Abrechnung mit der kapitalistischen Industriegesellschaft seiner Zeit. Seine Grundthese dabei ist die vom Menschen als einem Gemeinschaftswesen. Schon immer seien einzelne Menschen durch einen gemeinsamen Geist, ähnlich dem tierischen Instinkt, zusammengehalten worden. Doch über diesen Geist habe sich der Ungeist der Religion, des Aberglaubens, der Symbole und Kulte in seiner Starrheit und Kälte eines Dogmas gelegt. "Und dazu kommt dann die äußere Organisation: die Kirche; und die Organisation äußeren Zwangs weltlicher Art erstarken und wachsen ins Schlimme aus: die Leibeigenschaft, der Feudalismus, die mancherlei Behörden und Obrigkeiten, der Staat." [1]

Und so zeigte sich auch zu Landauers Lebzeiten, Anfang des 20. Jahrhunderts, daß es keinen "Geist der Gemeinschaft" gebe, auch unter den Sozialisten nicht, weder im Wort noch in der Tat: "Ein verbindender Geist, sage ich, der die Menschen von innen her zum Zusammenarbeiten in den Dingen der Gemeinsamkeit, der Herstellung und Verteilung der gebrauchten Güter triebe, ist nicht da. ... Ein Geist, der die Gegenstände des Gebrauchs, der die natürlichen Triebe, die Befriedigungen, die Feste mit Notwendigkeit und Freiheit erfüllte, ist nicht da."

Auch die Arbeit sei keine wirkliche Arbeit, die sich am Geist der Gemeinschaft und der Vorsorge orientiere. Vielmehr sei es so, daß "die Erde, und damit die Möglichkeit des Wohnens, der Werkstatt, der Tätigkeit; die Erde und damit der Rohstoff; die Erde und damit die aus der Vergangenheit ererbten Arbeitsmittel" im Besitz von Wenigen seien. "Diese Wenigen drängt es nach wirtschaftlicher und persönlicher Macht in Gestalt von Bodenbesitz, Geldreichtum und Menschenbeherrschung." Die Waren, die sie für den Markt herstellen ließen, entsprächen nicht den Bedürfnissen der Menschen, sondern den "Erfordernissen ihres maschinellen Betriebs, auf den Tausende von Arbeitern wie Ixion aufs Rad gespannt sind, weil sie gar nichts anderes können als an diesen Maschinen kleine Teilarbeiten verrichten... Ob ihre Waren gebraucht werden, ob sie nützlich oder sinnlos, schön oder häßlich, fein oder gemein, solid oder liederlich sind, ist gleichgültig. Wenn sie nur gekauft werden, wenn sie nur Geld einbringen."

Auch der Boden, der zuvor durch körperliche Gewalt den Menschen weggenommen wurde, sei so zum Eigentum und zur Ware geworden. Doch die Vorstellung der Völker, daß der Boden frei ist, sei unausrottbar: "Der Boden ist nicht Produkt oder Ware, sondern eine Voraussetzung des Lebens, ein Stück Natur, wie Luft, Licht und Meer". [2]

Landauer zeichnete das Bild eines kranken, sinnentleerten und weitgehend entwurzelten Volkes, das sich in bittere Armut und protzenden Reichtum aufteile. "Um in all dieser Geistlosigkeit, diesem Unsinn, diesem Wirrwarr, dieser Not und Verkommenheit Ordnung und Möglichkeit des Weiterlebens zu schaffen, ist der Staat da. Der Staat mit seinen Schulen, Kirchen, Gerichten, Zuchthäusern, Arbeitshäusern, der Staat mit seinen Gendarmen und seiner Polizei; der Staat mit seinen Soldaten, Beamten und Prostituierten. Wo kein Geist und keine innere Nötigung ist, da ist äußere Gewalt, Reglementierung und Staat. Wo Geist ist, da ist Gesellschaft. Wo Geistlosigkeit ist, ist Staat. Der Staat ist das Surrogat des Geistes." [3] Der Staat ist für Landauer, genau wie die Nation, ein künstliches Gebilde, das eben nicht an den Boden, die Sprache oder die Kultur gebunden ist, sondern das vielmehr dazu dient, die Interessen des ausbeuterischen Wirtschaftslebens und der Eigentumsverhältnisse durch Gesetze, Polizei und andere Institutionen zu sichern.

Dabei ist Landauer wichtig, zu erkennen, daß es nicht nur die Unternehmer und Händler sind, die an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus mitwirken, sondern auch die Arbeiter. Alle Menschen seien in die gegenseitige Ausbeutung verstrickt, würden ihre Sonderinteressen wahren und dabei die Gesamtheit schädigen. Auf allen Stufen der kapitalistischen Gesellschaft seien die Individuen von Unsicherheit bedroht. Im Staat erkannte Landauer nicht bloß eine bedrohliche Institution - und deshalb widersprach er vehement allen Theorien, die den Staat durch einen einmaligen revolutionären Akt zerstören wollten: "Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern, aber die sind eitle Wortemacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding oder einen Fetisch halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält." [4]

Hiermit begibt er sich in scharfe Abgrenzung zum Marxismus und zum wissenschaftlichen Sozialismus, dessen "Geist voraussetzungsloser rationaler Planung" er auf die Revolution von 1789 zurückführt. Eine Lehre aus Landauers Beschäftigung mit der Französischen Revolution war, das sein anarchistischer Sozialismus in entscheidenden Punkten mit marxistischer Theorie und Praxis unvereinbar ist. Sein Sozialismus wächst nicht aus dem - wie Landauer schreibt - "Totengräber"-Kapitalismus marxistischer Gewohnheit heraus, sondern er wächst dem Kapitalismus entgegen. Der Marxismus hingegen führe die sozialistische Bewegung wieder zum Kapitalismus zurück. Er führe zum Staatsproletarier und sei damit ein Hindernis und ein Übel. "Darum ist dieser unser unermüdlicher Angriff auf den Marxismus, darum kommen wir fast nicht von ihm los, darum hassen wir ihn von ganzem Herzen: weil er nicht eine Beschreibung und eine Wissenschaft ist, wofür er sich ausgibt, sondern ein negierender, zersetzender Appell an die Ohnmacht, die Willenlosigkeit, die Ergebung und das Geschehenlassen." [5] Landauer wendet sich damit gegen die Auffassung, nach der der Sozialismus sozusagen "naturnotwendig" eintrete. Der Proletarier war für ihn kein geborener Revolutionär, sondern ein geborener Philister. Und noch weiter zugespitzt: "Der Marxismus ist der Philister, und der Philister kennt nichts Wichtigeres, nichts Großartigeres, nichts, was ihm heiliger ist als Technik und ihre Fortschritte... Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf."

Landauer selbst macht drei zentrale Angelpunkte der wirtschaftlichen Sklaverei im Kapitalismus aus: [6]

  1. Das Eigentum an Boden: "Aus dem Bodeneigentum und seinem Korrelat der Bodenlosigkeit entsteht die Sklaverei, die Hörigkeit, der Tribut, die Pacht, der Zins, das Proletariat."
  2. Die Güterzirkulation in der Tauschwirtschaft, durch ein Tauschmittel (Geld) mit absolutem und unverjährlichem Wert.
  3. Den Mehrwert, der im Wirtschaftsprozeß realisiert wird und den Profit des Kapitalisten bildet. Der Mehrwert bezeichnet die Differenz zwischen dem realen - durch den Aufwand und die Kosten der Herstellung eines Produkts entstandenen - Wert und dem auf dem Markt erzielten Preis des Produktes. Jedoch ist Mehrwert für Landauer nicht - wie bei den Marxisten - eine absolute Größe, sondern "genau wie Lohn oder Preis ein Verhältnis und entsteht im ganzen Fluß des Wirtschaftsprozesses, nicht an einer bestimmten Stelle." Es sei also nicht der Unternehmer, dem man durch höhere Löhne den Mehrwert streitig machen könne, weil es sich ja um ein Lohn-Preis-Verhältnis handele. Bei höheren Löhnen würden die Preise steigen, damit der Kapitalist einen verhältnismäßig größeren Mehrwert erzielen könne.


Die zentrale Funktion im Kapitalismus nehme dabei das Geld ein. Geld als reines Tauschmittel, als Vertretung aller Produkte und Dienste sieht Landauer als die "Krone der Freiheit" an. Jedoch sei das Geld auch ein "gefährliches Gebilde der Zweideutigkeit", denn es sei auch zinstragendes Kapital und damit Grundlage der "Schmarotzerei", ohne Arbeit die Arbeitsprodukte und Dienste anderer für sich zu erwerben. [7]

Ausstieg aus dem Kapitalismus: Die sozialistische Siedlung

Gustav Landauer war ein Mann der Tat. Das "Beginnen" war für ihn zentrales Element seines politischen Handelns. So lag es ihm immer auch daran, seinen gesellschaftstheoretischen Schriften eine Perspektive zu geben - den Ausweg aus der Misere zu beschreiben - ja gar zu predigen. Dabei ging es ihm keinesfalls um eine Einbindung in die Politik, die für ihn vor allem Parteipolitik war, er selbst bezeichnete seine Haupttätigkeit vielmehr als "Antipolitik". 1908 initiierte Landauer die Gründung des "Sozialistischen Bundes" (SB), dessen erstes Flugblatt bald darauf erschien. Landauer übernahm 1909 auch die Leitung der - zuvor eingestellten - Zeitung "Sozialist", wodurch er ein Forum für seine Ideen erhielt. Prägend für Landauers politische Theorie war die Bekanntschaft mit dem Anarchisten Pjotr Kropotkin während seines einjährigen England-Aufenthalts, auf dessen Schriften er sich oft bezieht. Aber auch die Freundschaft mit Erich Mühsam und Martin Buber, sowie die Beschäftigung mit den Werken von Pierre-Joseph Proudhon beeinflußten ihn. Seine antistaatliche, anarchistische Grundhaltung setzte sich auch in seiner Utopie der sozialistischen Gesellschaft fort.

Zentrales Element seiner Gesellschaftsutopie ist die Wiedererweckung eines Geistes "der keine Ruhe gibt, die Wirklichkeit von Zeiten zu Zeiten mit seinem Bilde zu vergleichen und danach umzugestalten." Landauers Ziel ist also das der permanenten Erneuerung. [8] Zentrale Losung des SB war: "Durch Absonderung zur Gemeinschaft". Dahinter stand die Theorie des allmählichen Ausstiegs aus dem Kapitalismus. Im zweiten Flugblatt des SB wird dies so dargestellt: "Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir aufhören, Knechte des Kapitals zu sein. Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir nicht mehr als Lohnarbeiter für den Warenmarkt produzieren. Die eigene Arbeit, um des schönen Lebens und der inneren Seligkeit willen, zusammen mit arbeitenden und helfenden Menschenbrüdern und Schwestern in den Dienst des eigenen Verbrauchs stellen - das ist der Beginn des Sozialismus... Nicht die Lohnkämpfe der für den Kapitalismus Produzierenden schaffen den Sozialismus. Der Sozialismus beginnt mit der Organisation des Konsums. Die Organisation des Konsums schafft den für ihre Gemeinsamkeit arbeitenden Menschen die wirtschaftliche Macht und ihren Sachausdruck: gegenseitigen Kredit, Grundstücke, Baulichkeiten, Fabriken, Maschinen und alles, was not tut. Die Organisation des Konsums nimmt den schmarotzenden und anhäufenden Machthabern die wirtschaftliche und damit jegliche Macht: das Kapital, den Wert ihres Geldes, die Arbeiter, die Möglichkeit, ohne produktive Arbeit zu leben." [9] Doch es bedarf auch eines Kampfes, denn der Kapitalismus wird so nicht vollständig abzuschaffen sein: "Bleibt aber der Kampf gegen die Monopolisten ersten Grades um die Gewinnung der Rohprodukte und der notwendigsten Lebensmittel. Bleibt der Kampf um die Natur, die nicht von Menschen geschaffen werden kann; um das, was allen Menschen von Natur wegen gehört: um den Grund und Boden." Landauer war hier optimistisch: "Längst solltet ihr wissen, daß all eure Knechtschaft eine freiwillige ist, und daß niemand euch wahrhaft hindert als ihr euch selbst. Wer im rechten Geiste baut, zerstört im Bauen die stärksten Hindernisse. Wenn alle, die den Sozialismus erstreben, ihn wirklich wollen, das heißt tun, sind wir unüberwindlich... Der echte, ganze, lebendige, aus dem Geiste geborene und den Geist wiederum zeugende Sozialismus erwacht in der sozialistischen Siedlung; und von ihr aus leuchtet er weit hinaus ins Land und ins Volk."

Im dritten Flugblatt "Die Siedlung" wird ein etwas konkreterer Entwurf vorgestellt: Gegen Besitz, sei es nun Privat- oder Gemeindebesitz, sei nichts einzuwenden, sondern gegen die Besitzlosigkeit. Ziel sei es, den allgemeinen Besitz an Boden und Bodenprodukten zu verwirklichen. Besitz sei dabei nicht zu verwechseln mit Privateigentum oder Staatseigentum. Dem Besitz inhärent sei seine Vergänglichkeit. Daher bedürfe es von Zeit zu Zeit einer Neuaufteilung des Bodens, um seine Konzentration in wenigen Händen zu verhindern. Zweites wichtiges Element ist, daß Sozialismus nicht als ein abgeschlossenes Gebilde zu verstehen sei. "Unter uns Menschen und in der Natur überhaupt gibt es keine fertigen Gebilde, nichts Rundes und Abgeschlossenes. Rund und geschlossen sind nur Wörter, Bilder, Zeichen und Phantasien. Die Wirklichkeit ist in der Bewegung, und der wirkliche Sozialismus ist immer nur beginnender, ist immer nur ein solcher, der unterwegs ist." [10]

Land- und Industriearbeiter sollen sich vereinigen und gemeinsam aus dem Kapitalismus austreten: "Wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden." Hier lehnt Landauer sich an die Ideen Proudhons an, der sich eine Tauschbank als antikapitalistische Institution einer freien Gesellschaft vorstellte und auch begann, diese zu verwirklichen. [11] In den zwölf Artikeln des Sozialistischen Bundes legten die Mitglieder ihre Grundwerte fest: Wollende Sozialisten sollen sich als freie Individuen zu Lebensgemeinschaften zusammenschließen, die sich in einem Bund selbständig wirtschaftender, untereinander in Gerechtigkeit tauschender Gemeinden freiwillig vereinigen. Als Vorbereitung zur sozialistischen Siedlung sollen die Menschen sich in ihrem Konsum zusammenschließen und die Geldwirtschaft durch gegenseitigen Kredit ersetzen. Sozialismus ist dabei nicht bloß Staats - oder Besitzstandspolitik, sondern eine geistige Bewegung. Kapital wird daher durch einen verbindenden Geist ersetzt, der Voraussetzung für die Umwälzung der Bodenbesitzverhältnisse sei. Ein unverjährliches Eigentum an Boden könne es nicht mehr geben. Der Geist des Sozialismus sei die echte Natur des Menschen, er entfalte seine Kraft, je weiter er aus dem Kapitalismus heraustrete, er schaffe die neue Gesellschaft. Der Aufbau des SB führe zur Abwanderung des Industrieproletariats auf das Land und zur Verbindung von Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, [12] zu Arbeitsfreude und Gemeinschaftssinnigkeit, so die Hoffnung. Gerade aus diesem letzten Abschnitt wird deutlich, daß es die Vorbildfunktion der wenigen Beginnenden ist, die den Prozeß der Revolution auslösen sollen, auf den der SB setzt. Landauer war der festen Überzeugung, daß die sozialistische Gesellschaft nur außerhalb des bestehenden Staates reifen könne, ihre Realisierung jedoch bereits jetzt beginnen müsse, um in der Revolution auf diese neuen Kräfte zurückgreifen zu können. [13]

Seine konkreten Versuche, sozialistische Siedlungen zu gründen, blieben jedoch leider auch bei den "Wenigen" stehen. Ein wichtiger Grund dafür war sicher der Erste Weltkrieg, der das politische Klima in Deutschland und auch Landauers Wirken nachhaltig beeinflußte. Mit dem Ende des Weltkrieges sah Landauer noch einmal eine große Chance für gesellschaftliche Veränderung - die Münchner Räterepublik. Er selbst war ein entschiedener Gegner der gewaltsamen Politik und doch ein glühender Kämpfer für die Anarchie und für die Revolution. Das mußte er nach der Niederschlagung der Räterepublik 1919 mit seinem Leben bezahlen. Im Gefängnishof von Stadelheim traten ihn wutentbrannte Soldaten zu Tode.

Fußnoten:
[1] Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus, Europäische Verlagsanstalt, 1967, Frankfurt/Main, S. 62ff
[2] G. Landauer: Beginnen - Aufsätze über Sozialismus, Verlag Büchse der Pandora, 1977, S. 24f
[3] Landauer, 1967, S. 72
[4] Zit. n. Siegbert Wolf: G. Landauer zur Einführung, Hamburg, 1988, S. 60
[5] Zit. n. Wolf, 1988, S. 34f
[6] Landauer, 1967, S. 158ff
[7] Wolf, 1988, S. 23
[8] Landauer, 1977, S. 29f
[9] "Was ist zunächst zu tun?"; 2. Flugblatt des SB, a.a.O., S. 98ff
[10] a.a.O., S. 108
[11] Proudhons Tauschbank hatte bald einen solch großen Erfolg, daß sie vom französischen Staat verboten wurde. Seine Idee war dabei keinesfalls so neu.
[12] Aus der Verbindung von Industriearbeitern und Bauern erhofft sich Landauer besondere Stärke der Bewegung. So stellt er sich als Ideal den Anschluß von (städtischen) Siedlern an ein bestehendes Dorf, daß sie will, vor. Hier soll nun gemeinsam neue Kultur entstehen, sollen alte Gemeinschaftseinrichtungen wiedererweckt werden. Vgl.: Die Siedlung, in: Landauer, 1977, S. 69ff
[13] Wolf, S. 50

Die ganze Serie kann als Original-Diplomarbeit gegen 5 € und einen frankierten (0,77 €) und adressierten A4-Papp-Umschlag beim Autor bezogen werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Aus: DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung, c/o GRÜNE LIGA Berlin e.V., Prenzlauer Allee 230, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg www.grueneliga.de/berlin/raberalf

Originaltext: www.grueneliga.de/berlin/raberalf


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