Paul Goodman - Zentralisierung oder Dezentralisierung (1963)

Überall in der Gesellschaft wurde der zentralisierende Organisationsstil so weit vorangetrieben, daß er unwirksam geworden und auf wirtschaftlichem Gebiet verschwenderisch ist; er verdummt die Menschen und ruiniert die Demokratie. Es gibt überzentralisierte Systeme in der Industrie, in der Regierung, im Kulturbetrieb und in der Landwirtschaft. Die enge Verflechtung dieser Systeme hat eine Situation geschaffen, in der auch nur eine bescheidene, direkte und unabhängige Handlungsweise auf jedem Gebiet äußerst schwierig geworden ist. Das einzige Heilmittel dafür ist eine starke Dosis Dezentralisierung. Die Frage ist, wo soll man sie verabreichen, wieviel und wie dabei vorgehen.

Lassen Sie mich einige grob umrissene Definitionen geben. In einem zentralisierten Unternehmen ist die zu leistende Aufgabe das Ziel einer Organisation und nicht das von Personen (es sei denn, diese identifizierten sich mit der Organisation). Die Personen sind Personal. Die Autorität führt von der Spitze nach unten. Informationen werden unten an der Basis gesammelt, verarbeitet und für die Spitze auswertbar gemacht; Entscheidungen werden in Hauptquartieren getroffen; politische Richtlinien, Zeitpläne und einheitliches Vorgehen werden über eine Kommandokette nach unten weitergegeben. Das Gesamtunternehmen ist in Operationsgebiete aufgeteilt, denen Personal mit bestimmten Rollen und einheitlichen Leistungen zugeteilt wird. Nach diesem Schema wird in Mr. Goldwaters Fachgeschäft verfahren, ebenso wie bei General Motors, bei der Automobilarbeitergewerkschaft, in den New Yorker Volksschulen und in vielen Universitäten, in den meisten Krankenhäusern, bei Wohnbau- und Erneuerungsprogrammen, beim Rundfunk und in der Nachrichtenagentur Associated Press, und in den Verträgen, die Supermärkte mit den Bauern abschließen. Das System wurde geschaffen, um Armeen zu disziplinieren, um Karteien anzulegen, Steuern einzutreiben und bürokratische Funktionen zu verrichten, außerdem für verschiedene Formen der Massenproduktion. Heute ist es allumfassend geworden.

Das Prinzip der Dezentralisierung beruht darauf, daß Menschen eine gewisse Funktion ausüben; die Organisation ist ihre Form der Zusammenarbeit. Autorität wird so oft wie möglich von der Spitze weg delegiert, und es gibt viele Sammlungszentren, wo politische Richtlinien ausgearbeitet und Entscheidungen getroffen werden. Informationen werden in direkten Kontakten zwischen dem breiten Feld der Basis und dem Hauptquartier vermittelt und erörtert. Jede Einzelperson wird sich zunehmend des ganzen Unternehmens bewußt und arbeitet daran auf ihre Weise mit, nach ihren Möglichkeiten. Gruppen arbeiten ihre eigenen Zeitpläne aus. Historisch betrachtet, hat dieses System der freiwilligen Zusammenarbeit die meisten Werte der Zivilisation hervorgebracht, aber es wird als völlig unbrauchbar bezeichnet unter modernen Bedingungen, und schon der Begriff hat einen fremden Klang ...

Dezentralisierung heißt nicht Mangel an Ordnung oder Planung, sie ist vielmehr eine Art der Koordinierung, die, auf verschiedenen Motivationen aufbauend, wie Leitung von oben nach unten, Standardregeln und äußerlichen Belohnungen wie Gehälter und Status, Integration und Zusammenhalt zu erreichen trachtet. Sie bedeutet nicht „Anarchie“. (Aber die meisten Anarchisten, wie die Anarcho-Syndikalisten oder die Gemeinschaftsanarchisten (community-anarchist) waren natürlich keine „Anarchisten“ sondern Dezentralisten) ...

„Wie kann man die Flugsicherung dezentralisieren?“ fragt ein Schüler.

Man kann es nicht. Es gibt viele Funktionen, die ihrer Natur nach zentral sind, und es ist nützlich, einige der Hauptspielarten aufzuzählen.

Eine zentrale Macht ist dort notwendig, wo es keine Bezirksgrenzen gibt und etwas Konstruktives getan werden muß, wie etwa bei der Bekämpfung von Epidemien oder bei der Smog-Bekämpfung; oder dort, wo eine willkürliche Entscheidung notwendig, aber keine Zeit zu Überlegungen vorhanden ist, wie bei der Verkehrskontrolle; oder wenn es gilt, für ein ganzes Gebiet willkürliche Richtlinien aufzustellen, die besonderen Richtlinien aber gleichgültig sind, z. B. bei Gewichten und Maßen von Geld. Zentralisierung ist zeitweise notwendig, wenn ein Notfall die Konzentrierung aller Kräfte zu einer gemeinsamen Aktion erfordert. Aber die Geschichte hat gezeigt, daß solche Not-Zentralisierungen fatal sein können, denn die zentralisierte Organisation neigt dazu, den Notfall zu überleben, und dann produziert allein ihre Existenz schon einen permanenten Notstand; die Leute werden sehr bald hilflos und müssen erst gesagt bekommen, was sie zu tun haben.

Eine zentrale Macht erweist sich als praktisch, wenn es darum geht, Routine - oder „reine“ administrative Funktionen zu erfüllen, die Menschen aber wichtigere Dinge zu tun haben.

Dies ist die marxistische Theorie vom Zurückdrängen des Staates auf die „reine“ Administration. Aber auch das kann fatale Auswirkungen haben, denn die Administration bemächtigt sich sehr bald schon aller Funktionen. So kommt es, daß der Verwaltungssekretär einer Organisation am Ende den Betrieb leitet.

Zentrale Organisation ist dort das rationalste System, wo die Strategie der Gesamtsituation gegenüber den Überlegungen der damit verbundenen konkreten Einzelheiten überwiegt. Das gilt für alle Fälle von Verkehrsstrafen und Steuererhebung, wo eine Person der anderen gleich ist ... Ich bin der Meinung, dasselbe gilt auch für die Massenproduktion und -Verteilung von jedem Standardprodukt, das gut genug ist und das jeder braucht.

Daneben gibt es Monopole, die von einer zentralen (oder verstaatlichten) Macht reguliert und kontrolliert werden müssen, weil man ihnen in ihrer Zielsetzung kein Gegengewicht entgegensetzen kann. Einige Monopole sind ganz natürlich oder werden es durch die Umstände, wie etwa die städtische Wasserversorgung. Einige Unternehmen werden monopolistisch, weil sie derart viel Kapital verschlingen, daß eine Konkurrenz zu ihnen gefährlich, riskant und verschwenderisch wäre. Sie wachsen, bis sie zu einer unausweichlichen und natürlichen Sache werden und müssen dann entsprechend reguliert werden. Die Eisenbahnen Europas z. B. waren dezentralistisch geplant und gebaut worden mit freiwilligen Vereinbarungen über Spurweite und Fahrpläne; aber schließlich wurden sie als Monopole verstaatlicht und zum Teil internationalisiert.

Ich neige zur Dezentralisierung; dennoch glaube ich, daß wir auf einigen Gebieten mehr Zentralisierung brauchen, als wir haben. Zum Beispiel müßte es gleichförmige, genormte Teile für Baumaterialien und Installationen geben. Das Baugewerbe ist ein typisches Beispiel dafür, wie wir die Dinge falsch herum anpacken. Wo Dezentralisierung angebracht wäre, in der Gestaltung nämlich, welche Kunstfertigkeit verlangt und die eigene Entscheidung jeder Nachbarschaft darüber, wie sie leben möchte, da haben wir bürokratische Routine-Gestaltung, politische Entscheidungen auf Bundesebene, die Maßstäbe von Soziologen, die weit vom Schuß sind und die Profite der Makler. Aber dort, wo man wichtige Einsparungen machen könnte, beim Baumaterial und beim Konstruktionsverfahren, da wird nicht genormt. Ebenso sollte es eine Standardisierung von Maschinenteilen und -modellen geben, besonders bei Haushaltsmaschinen und bei Automobilen, um die Reparatur zu erleichtern. Und ganz gewiß ist es absurd, bei den kostspieligen Unternehmen der Weltraumforschung international zu konkurrieren, anstatt zentral zu planen und die Arbeit nach Fachgebieten aufzuteilen, wobei man sowohl die Mannschaft wie auch die Ehre aufteilen könnte.

Schließlich ist die Automations- und Computertechnologie von Natur aus in Stil und Anwendungsform hochgradig zentralisierend.

Dies ist ein schwerwiegendes Phänomen der Gegenwart und unmittelbaren Zukunft, und wir werden ständig darauf zurückkommen. Im allgemeinen vertritt dieses Buch die Ansicht, daß, wo immer relevant, diese Technologie so schnell wie möglich maximiert und viele solcher Anlagen als Monopole reguliert werden sollten. Aber das vielleicht tiefgreifendste Problem, mit dem sich die moderne Gesellschaft konfrontiert sieht, ist, zu entscheiden, bei welchen Funktionen der Automations- und Computerstil nicht relevant ist, und ihn dort zu beschneiden oder zu vergessen.

Ein marxistischer Schüler wendet ein, daß Aufweichung von Arbeitsteilung, örtliche Entscheidungen, direkte Kommunikation und andere dezentralistische Positionen, Relikte einer Bauernideologie darstellen, die provinziell und engstirnig seien.

Da ist etwas Wahres dran. Tatsächlich hat es immer zwei Stränge von dezentralistischem Denken gegeben. Einige Autoren, wie Lao-tse oder Tolstoi, üben eine konservative bäuerliche Kritik am zentralisierten Hof und an der Stadt, weil diese unorganisch, ritualisiert und verbal seien. Aber andere Autoren, wie etwa Proudhon oder Kropotkin, äußerten eine demokratische, urbane Kritik an der zentralisierten Bürokratie und Herrschaft, einschließlich der feudalen Industrieherrschaft, wegen deren Ausbeutung, Ineffektivität und ihrer Behinderung von Eigeninitiative. In unserem gegenwärtigen Zeitalter des Staatssozialismus, des korporativen Feudalismus, der reglementierten Bildung, der Gehirnwäsche durch die Massenkommunikation und der städtischen Anomie sind beide Arten der Kritik angebracht. Wir müssen beides wiederbeleben: die Autarkie der Bauern und die demokratische Macht von professionellen und technischen Gilden und Arbeiterräten.

Jede Dezentralisierung, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt stattfinden könnte, wäre unweigerlich nach-städtisch und nach-zentralistisch; sie könnte nicht provinziell sein. Es gibt keinen Amerikaner, der nicht vom überregionalen Fernsehen geprägt ist, und es gibt keine Regionen, die nicht durch Straßen und Reihen-Geschäfte homogenisiert sind. Ein Modell für Dezentralisierung im 20. Jahrhundert ist das israelische Kibbutz. Einige würden vielleicht behaupten, diese freiwillig zusammengekommenen Gemeinschaften seien fanatisch, aber niemand würde bezweifeln, daß sie kosmopolitisch und rationalistisch sind, nach-zentralistisch und nach-städtisch ...

Ein Schüler macht einen verwandten Einwand: Dezentralisierung gilt nur für kleine Städte; sie kann bei großer Bevölkerungsdichte nicht funktionieren. Aber ich glaube nicht, daß dieser Einwand Gültigkeit hat. Dezentralisierung ist eine Form der gesellschaftlichen Organisation; es handelt sich dabei nicht um eine geographische Isolierung, sondern um eine besondere soziologische Anwendung der Geographie.

Unter wichtigen Gesichtspunkten kann eine Stadt von 5 Millionen dezentralistisch in einer Vielzahl von einzigartigen Gemeinschaften organisiert werden, innerhalb des Rahmens der geschäftigen Metropole ...

Aber die Frage ist nicht, ob eine Dezentralisierung in dicht besiedelten städtischen Gebieten wirksam werden kann, sondern wie man sie herbeiführen kann, denn sie ist dringend erforderlich. Das Anwachsen von gesellschaftlichen Stadt-Krankheiten und stadtbedingten seelischen Krankheiten geht im Grunde auf die Machtlosigkeit, Resignation und Zurückgezogenheit der Menschen zurück; als ob die einzige Form, sich seiner Vitalität zu versichern, das Produzieren von Symptomen sei. Die zentralen Behörden versuchen, als strenge oder hygienische Fürsorger damit fertig zu werden; die Bürger reagieren darauf mit einer zunehmenden „Gemeinschafts-Abhängigkeit“ - im Gefängnis, im Krankenhaus, auf Grund von Unterstützung; das heißt, sie werden chronische Patienten. Mit vielen ist das bereits seit zwei oder drei Generationen so geschehen.

Dennoch muß noch ein Weiteres über große Bevölkerungsansammlungen gesagt werden. Meiner Meinung nach gibt es eine Grenze für städtische Bevölkerungsdichte und städtische Ausdehnung, über die hinaus sie von keiner gesellschaftlichen Organisation, sei sie zentralistisch oder dezentralistisch, bewältigt werden kann. Städtische Menschenansammlungen schaffen ein sonderbares Klima, das beides enthält: zu viele gesellschaftliche Beziehungen und zugleich eine Art von sinnlicher und gefühlsmäßiger Verarmung. An die Stelle von Kontakt und Kommunikation tritt Lärm und Zurückgezogenheit. Es unterscheidet sich kaum von John Calhouns zusammengepferchten Nagetieren, die verwirrt wurden und starben ... Die Bevölkerungsdichte in Central Harlem z. B. ist bei 67.000 Einwohnern pro Quadratmeile beinahe dreimal so groß wie die von New York City insgesamt. Selbst wenn man von den anderen ungünstigen Bedingungen, unter denen die Schwarzen leben, absieht, ist ein solch dichtes Zusammenleben selbst schon pathologisch, überstimulierend und doch verarmend, zerstörerisch in seiner Einsamkeit, brutal und bis zum Exzeß polizeilich reglementiert.

Unser Grad von Urbanisierung liegt jenseits von aller Vernunft. In diesem Lande haben wir die Symptome einer „Bevölkerungsexplosion“, während zur gleichen Zeit weite und schöne ländliche Gegenden entvölkert werden ...

Ein Schüler gibt leidenschaftlich zu bedenken, daß Dezentralisierung menschlich unrealistisch sei, da sie zu viel Vertrauen in die menschliche Natur setze und sich auf innerliche Motive verließe, wie Interesse an der Arbeit und freiwilligen Zusammenschluß. Ein anderer Schüler erwähnt Rousseau, der seit seiner Entthronung durch Professor Babbit vor einer Generation in akademischen Kreisen immer noch als altmodisch gilt. (Auch Jefferson bekommt jetzt sein Teil ab.)

Diese Bedenken schießen auf bemerkenswerte Weise am Ziel vorbei. Meine Erfahrungen zeigen, daß die meisten Dezentralisten gründlich und skeptisch, und eher Aristoteles, denn Rousseau verpflichtet sind. Gerade weil wir fehlbar sind, müssen wir die Konzentration von Macht vermeiden; quis custodiet custodes? Aristoteles sagt, die Demokratie sei vorzuziehen, weil sie das „kleinste Übel“ unter den Regierungsformen sei, da sie die Macht unter Vielen verteile. Ich glaube, der Schüler stellt das moralische Problem auf den Kopf. Die moralische Frage ist nicht, ob die Menschen „gut genug“ sind für einen bestimmten Typus von gesellschaftlicher Organisation, sondern ob die Organisationsform brauchbar ist, um das Potential an Intelligenz, Anmut und Freiheit im Menschen zu entwickeln ...

Schließlich werden die moralischen Bedenken auch auf umgekehrte Weise vorgebracht: Dezentralisierung sei unmöglich, nicht weil die Menschen unfähig sind, sondern weil die jeweils Herrschenden es nicht zulassen werden ... Angenommen, eine Dezentralisierung sei in einigen Gebieten möglich, wie könnte man sie möglicherweise herbeiführen? Wir können von den zentralen Mächten ebensowenig erwarten, daß sie Autonomie delegieren, wie wir von den Nationalstaaten erwarten können, daß sie irgend etwas von ihrer Souveränität oder ihrer Grandeur aufgeben? Tatsächlich geht die Tendenz in eine ganz andere Richtung nämlich zu größeren Unternehmen, Kombinationen und Verschmelzungen, zu noch schärferer Zeiteinteilung und Klassifizierung in der Erziehung, zu wachsender Standardisierung und Anwendung der Automatisierungs- und Computertechnologie auf jedem Gebiet, und natürlich zu immer größerer Machtballung in Washington, wo der größte Hausbesitzer, der größte Mäzen der Forschung und der größte Polizist sich entwickelt.

Ja, aber es gibt auch Kräfte in anderer Richtung. Ich muß z. B. annehmen, daß es kein gesellschaftliches Versehen ist, daß ich, als ein Autor, dieses Buch schreibe.

Im Prinzip gibt es zwei Wege, wie man ein überzentralisiertes System in ein mehr gemischtes umwandeln kann. Freiwillige Vereinigungen bilden sich spontan wegen drückender Mängel, für die das zentrale System keine Lösung anzubieten hat, oder denen gegenüber es sich ungerührt zeigt. Oder die zentrale Behörde entschließt sich selbst, oder wird gezwungen, dezentralisierte Organismen einzubauen, weil ihre eigenen Methoden einfach versagen.

Es gibt eine offensichtliche Tendenz zur Bildung von spontanen Organisationen, was zunächst Verzweiflung, dann aber Gleichgültigkeit gegenüber den regulären Methoden andeutet. „Man muß es halt selbst machen.“ Wir haben bereits Spontaneität, örtliche Organisationen und dezentralisierte Föderationen in der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen erkannt, was im Gegensatz steht zu den konventionelleren Taktiken der „Urban League“ und der älteren NAACP. Aber das ist ein Teil einer allgemeinen Verbreitung von para-legalen Formen der Demonstration, des Boykotts und der Manifestation von Macht, die Widerspruch ausdrückt zu einem formalistischen Vorgehen, das ineffektiv ist. Die große Entdeckung ist der gewaltlose Aktivismus gewesen, der sich als besonders ansteckend erwies, weil es dabei sofort etwas zu tun gibt, anstatt sich lediglich aufhalten zu lassen - ein schöner Zug daran ist es, oft die Behörden zu behindern, die zuvor noch uns behindert haben; und doch bedarf es keiner Gründung von politischen Parteien oder der Aufstellung von Privatarmeen. (Wenn Gewaltlosigkeit moralisch authentisch ist, dann haben allein schon ihre Aktionsformen dezentralisierende Wirkung: Sie stellt die Opposition wieder her gegen ein System, wo es keine Personen, sondern Personal gibt. Gewalt erzielt die gegenteilige Wirkung, nämlich die Menschen in einer strengen Organisationsform zusammenzuschweißen.)

„Do-it-Yourself“ kann para-institutionell, wenn nicht sogar offen para-legal sein. Die Beat-Jugend zieht sich aus dem wirtschaftlichen Alltag zurück und versucht, eine eigene Gemeinschaftskultur zu finden. Off-Broadway Künstler ziehen sich zunächst vom Broadway zurück, oppositionelle Künstler ziehen sich zunächst aus den großen kommerziellen Galerien zurück und gründen dann ihre eigenen Galerien, usw.; aber dann verbreitet sich eine Abneigung gegen jede Form von Formalismus. Studenten verlassen berühmte Universitäten, weil sie feststellen, daß sie dort keine Ausbildung bekommen, dann gründen sie z. B. die „Northern Student Movement“, um sich zurückgebliebener Großstadtkinder anzunehmen: aber dann stellt die „Northern Student Movement“ fest, daß die Lehrpläne der Volksschulen ungenügend sind, und sie lehren nach ihren eigenen Einsichten ...

Selbst im politischen Kontext gibt es eine ähnliche Note. Im Gegensatz zu den älteren „Reform“-Bewegungen, die sich der Säuberung der Bosse und dem Kampf gegen unerlaubte Praktiken gewidmet hatten, bilden sich die neuen städtischen Reformbewegungen plötzlich ad hoc zu einem ganz bestimmten Zweck, und nicht etwa, um sich der Partei-Maschinerie zu bemächtigen, sondern meist, um skandalöse Übergriffe durch Regierungsstellen oder durch andere große Institutionen zu blockieren. (Leider haben diese „Reform“-Bewegungen jedoch gewöhnlich kein Gegenprogramm; sie belassen es bei einem Veto, verlieren den Wind aus den Segeln und meistens auch ihren ursprünglichen Anlaß.) All diese Erregung stellt das dar, was Arthur Waskow vom Institut für Politische Studien eine „schöpferische Unordnung“ nennt...

Die Industriepsychologen sind zum größten Teil von ihrer Neigung her dezentralistisch eingestellt und haben eine Weisheit gelehrt, die den Zeit-Bewegungsstudien des „wissenschaftlichen Betriebsmanagements“ genau entgegensteht. Statt den Arbeiter noch weiter unterzuordnen, ihn noch weiter zu parzellieren, haben sie darauf gedrungen, daß es effektiver sei, ihm mehr Auswahl und Spielraum zu lassen, um Vorschläge von unten zu bitten, das „Zugehörigkeitsgefühl“ zu stärken. Um ein typisches Beispiel zu geben: In einer Fabrik wurde festgestellt, daß es auf lange Sicht produktiver ist, wenn ein halbes Dutzend Arbeiter eine große Werkbank von Anfang bis Ende gemeinsam montiert und dann beim Anblick des Produkts eine Befriedigung verspürt, statt den Vorgang am Fließband aufzugliedern.

Unnötig, darauf hinzuweisen, daß unsere Industriepsychologen ihre Einsichten nicht bis zur logischen Konsequenz weiterverfolgen können: nämlich Arbeiterselbstverwaltung. Dennoch, Gradunterschiede sind nicht unbedeutend. Bedenken Sie das folgende Beispiel: In einem Teil Englands ist es traditionsgemäß üblich, in einer Gruppe oder nach einem Kollektivvertrag zu arbeiten. (Dieses „Coventry-Verfahren“ ist von Professor Melman von der Columbia-Universität untersucht worden.)

Eine Gruppe von Arbeitern einigt sich darauf, in einer bestimmten Zeitspanne eine gewisse Stückzahl eines Produktes herzustellen, wofür sie eine Summe Geld erhält, die zu gleichen Teilen aufgeteilt wird. Der Kapitalist stellt Maschinen und Material zur Verfügung, aber alles andere - Arbeitsregeln, Zeitplan, Anstellungsbedingungen - wird der Gruppenentscheidung überlassen. Die Gruppe kann aus einem halben Dutzend oder aus mehreren Tausend Arbeitern bestehen. Menschlich gesehen hat ein solches Verfahren außergewöhnliche Vorzüge. Die Männer tauschen die Arbeiten untereinander aus und erwerben so neue Kenntnisse; sie richten ihren Stundenplan nach ihren Bedürfnissen ein; sie bringen Lehrlinge mit ein und bilden sie aus; sie erfinden arbeitssparende Methoden, die sich zu ihrem eigenen Nutzen auswirken, sie stehen für sich gegenseitig ein, bei Krankheit oder Urlaub.

Es ist offensichtlich nicht leicht, ein solches System, das so erstaunlich abweicht von unseren minutiösen Anweisungen von oben nach unten, von der Stech-Uhr-Disziplin, den Gewerkschaftseinzelbestimmungen und dem Konkurrenzdenken, in den größten Teil der amerikanischen Industrie einzubauen. Und dennoch würde es dort, wo es angebracht ist, eine grundlegende Veränderung herbeiführen. Wo wäre es angebracht? Wie müßte es beschaffen sein? Wie könnte man es einrichten?...

Wir befinden uns in einer Periode der exzessiven Zentralisierung. In diesem Buch werde ich demonstrieren, daß dieser Stil auf vielen Gebieten wirtschaftlich unwirksam, technologisch unnötig und menschlich schädigend ist. Deshalb könnte man folgende Maxime aufstellen: Zentralisierung, wo, wie und wieviel ist vorteilhaft. Aber wo, wie und wieviel, sind empirische Fragen. Sie erfordern Forschung und Experimentieren.

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Nach: People or Personnel. Decentralizing and the mixed System. New York 1965, pp. 3-27. Der Text wurde von uns beim Scannen sprachlich angepasst (Computer statt Komputer u.a.)

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

Gescannt von anarchismus.at


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