Horst Stowasser - Ist der Anarchismus noch zu retten?

»Ihr Fickschweine!!! @«
»Leistet Wiederstand! @«
»Deutschland verecke! @ «
»Fachos an die Wand! @«
Anarchosprayereien, Ende des 20. Jh.

Unser langer Marsch durch die Niederungen anarchistischer Aktion und die Höhen libertären Sinnierens dürfte gewisse Leser zu Tränen gerührt haben. Ganz im Ernst: Gerade im Umfeld der hartgesottensten Anarcho-Fans steht die romantische Geste des heroischen Scheiterns ungebrochen in hohem Ansehen. Recht gehabt zu haben und auf verlorenem Posten unterzugehen, scheint für viele die typische anarchistische Tugend zu sein. Der standhafte, von romantischer Tragik umwehte "lachende Verlierer" bietet Stoff für Legenden und jede Menge schwarzroter Mythen. Das rührt den stärksten Genossen an und sorgt für feuchte Augen. In diesem verklärten Winkel der Nostalgie haben sich Viele Anarchos unserer Tage gemütlich und auf Dauer eingerichtet.

Andere Leser werden die Lektüre ganz anders erlebt haben: »Seitenweise Klassenkampfgesülze und Verzweiflungstaten irgendwelcher Desperados! Ein paar Leute, die glaubten, das Ruder der Menschheit herumreißen zu können ... ? Zeitungen in Zehntausender-Auflage und selbstgebastelte Internet-Seiten, angetreten gegen die Verführungskünste moderner Massenmedien?! Generalstreik, Alternativprojekte, Solidarität, Tyrannenmord und die Eroberung des Brotes - das ist doch alles Schnee von gestern, kaum mehr als das Psychogramm einer romantischen Sekte.«

Abschied vom Schmollwinkel

Nun, die Menschen, denen wir auf unserer Vergangenheitsreise begegnet sind, hatten mit Romantik nichts am Hut. Keine Revolte der Geschichte wurde je mit der Absicht begonnen, auf der Bühne sozialer Dramen tragisch zu scheitern. Nostalgische Verklärung stellt sich erst durch die zeitliche Distanz her, und so manche Anarchoaktion unserer Tage, die heute selbst ihren Urhebern trivial erscheinen mag, dürfte schon übermorgen den Stoff für neue Mythen liefern. Je älter eine Banalität ist, desto leichter wird sie zur Legende.

Die handelnden Menschen jedoch waren sich der Begrenztheit ihres Tuns meist sehr wohl bewusst. Dennoch haben sie gehandelt, und oft haben sie - trotz ihres objektiven Scheiterns - etwas bewegt. Auch die Summe kleiner, unspekta­kulärer Schritte wirkt auf die Gesellschaft und ihren Zeitgeist. Angesichts der eigenen Schwäche nicht zu resignieren und trotzdem gehandelt zu haben - darin liegen Wirkung und Größe der anarchistischen Aktion. Die Handelnden waren aufgestanden, weil sie das Dasein unerträglich, öde oder verlogen fanden und so nicht weiterleben mochten. Ihr Ziel war dabei nicht die »schöne Geste«, sondern tatsächlich eine andere Gesellschaft.

Das alles aber heißt für eine politische Bewegung, die diesen Namen verdient und sich selbst ernst nimmt, nichts anderes als den Abschied von rückwärtsgewandter Revolutionsromantik. lm Schmollwinkel liegt keine Zukunft. Wer eine andere, eine freie und solidarische Gesellschaft wirklich erreichen will, darf sich nicht darauf beschränken, ein Leben lang Emma Goldman, Durruti oder Gandhi zu verehren. Auch sie waren keine Götter, sondern simple Menschen, die in ihrer Zeit ihr Möglichstes taten, indem sie - begannen. Sie waren ebenso oft unsicher, einsam und verzweifelt wie jeder x‑beliebige Anarchomensch unserer Tage. Sie alle dürften das beklemmende Gefühl gekannt haben, kein Land mehr zu sehen, und den Zweifel, ob der Kampf der Schwachen gegen die mächtige Macht der Starken überhaupt einen Sinn hätte.

Irgendwelchen Vorbildern nachzueifern macht nur dann einen Sinn, wenn die Strukturen ihres Handelns verstanden und auf unsere Zeit angewendet werden. Die wirklich interessanten Beispiele der anarchistischen Sozialgeschichte aber waren diejenigen, die den Schritt ins Praktische wagten.

Politische Verwirklichung beginnt dort, wo soziale Ideen Millionen von Menschen bewegen, nicht ein paar Tausend. Die meisten libertären Experimente sind nichts weiter als ‑ Experimente: Versuche im Kleinen, Lerngruppen, Revolutionsetüden, bestenfalls kleine Inseln für die beteiligten Menschen. Das aber ist noch lange nicht die Verwirklichung einer libertären Gesellschaft. Zu gesellschaftlich relevanter Wirklichkeit wird ein Experiment erst, wenn es beginnt, die Vorstellungskraft der Menschen außerhalb dieser Inseln zu beflügeln und sich zu Handlung verdichtet. Alle libertären Ansätze, die dieses Bindeglied zwischen dem kleinen Häuflein Aufrechter und dem Alltag der Millionen nicht finden, sind dazu verurteilt, fruchtlose Sekte zu bleiben. Sie werden der langen Gesc ichte anarchistischen Scheiterns ein paar neue Anekdoten hinzufügen. Bewegungen ohne offene Zugänge zur Außenwelt können nur in ihrer Innenwelt verkümmern und verblöden. Darum ist das nächtliche Sprayen trotziger Slogans eher ein Zeichen für die politische Schwäche einer Bewegung als für ihre Lebendigkeit.

Die anarchistische Bewegung war in ihrer Geschichte selten auf der Höhe der Zeit. Zwei, drei Mal haben ihre Ideen es vermocht, im Gleichtakt mit dem Puls der Menschen zu schlagen und Millionen zu erfassen. Das waren die wenigen Momente, in denen die Chance zur Verwirklichung der libertären Utopie im realen Leben gegeben war. Ein einziges Mal ist diese Verwirklichung so weit gediehen, dass ihr dauerhafter Erfolg nur sehr knapp verfehlt wurde, und das ist über siebzig Jahre her. Eine düstere Bilanz. Ist also der Anarchismus noch zu retten?

Wenn er das Ziel einer libertären Gesellschaft nicht aufgegeben hat, so muss er nach neuen Wegen suchen, solche Chancen wieder herzustellen. Er muss endlich wieder über den Tellerrand hinausschauen und eine zeitgemäße Strategie entwickeln. Dazu hat er aus seiner Geschichte ein paar nüchterne Lehren zu ziehen. Das geht nicht, ohne sich von einigen liebgewordenen Anarchomythen zu verabschieden.

Der Traum vom perfekten Menschen

Zu den besonders hartnäckigen Mythen gehört die Vorstellung, die libertäre Gesellschaft müsse eine Gemeinschaft Gleichgesinnter sein, quasi ein Zusammenschluss von Überzeugungstätern. Nur wenn Menschen ein hohes Niveau gemeinsamer libertärer »Standpunkte« erreicht hätten, könnten sie auch mit libertären Strukturen zurechtkommen.

Dieser Auffassung liegt eine sehr primitive Vision des Anarchismus zugrunde, nämlich die, dass es nur eine große, umfassende Gesellschaft gäbe, mit einer für alle gleichen Ethik und Struktur. Demnach müssten sich alle Menschen auf eine verbindliche Norm einigen und diesen Standard kollektiv erreichen. Mit anderen Worten: Sie müssten sich gleichmachen. Diese Ansicht unterscheidet sich strukturell in nichts von der staatlichen Doktrin, die in einem geographischen Raum ebenfalls nur einen Gesellschaftstyp zulässt und mit Zwang durchsetzt. Sollte dies aber freiwillig geschehen, müssten enorme moralische Anforderungen an die Mitglieder einer solchen Gesellschaft gestellt werden, setzt sie doch faktisch einen neuen, einen >besseren< Menschen voraus. Jeder Gesellschaftstyp aber, der nicht für den Menschen taugt, so wie er ist, und zu seinem Funktionieren erst eine Neuschöpfung des Homo sapiens braucht, bleibt ein reines Gedankenspiel und ist daher praktisch untauglich. Es sei denn, der Mensch wird zwangsweise umerzogen. Das haben die kommunistischen Systeme einige Generationen lang versucht und sind daran gescheitert ‑ ein Scheitern, dessen tiefere Lehren von vielen Anarchisten bis heute nicht verstanden worden sind.

Selbstverständlich dürfen Menschen in einer anarchischen Gesellschaft aneinander hohe Ansprüche, Erwartungen und Forderungen stellen, sie sollen es sogar. Moderner anarchistischer Organisationstheorie zufolge aber ist das Errei­chen solcher Ansprüche ein Lernziel und nicht die Voraussetzung gesellschaftlichen Lebens. Sie beträfen zudem nur die Mitglieder eines jener kleinen sozial­vernetzten Gebilde, denen man sich anschließen kann oder auch nicht. In verschiedenen sozialen Gebilden können sie verschieden aussehen. Wenn aber in irgendeiner sozialen Gruppe bestimmte Ansprüche zur Voraussetzung gemacht würden, dann nur aufgrund der freien Vereinbarung der beteiligten Menschen und selbstverständlich nur für diese gültig.

Wer Anarchie daher als eine ethische Glaubensgemeinschaft versteht, verwechselt ganz einfach die Mosaiksteinchen, aus denen sich eine anarchische Gesellschaft zusammensetzt, mit dem Gesamtmosaik. In jedem >Steinchen< schließen sich Menschen nach ihren Neigungen und Bedürfnissen zusammen. Dabei dürfen sie so anspruchsvoll oder anspruchslos sein, wie ihnen beliebt: die saft- und kraftlose Zweckgruppe oder die hoch motivierte Glaubensgemeinschaft nichtrauchender, friedensbewegter, antipatriarchaler und sitzpinkelnder VeganerInnen ‑ alles ist denkbar. Die Interaktion zwischen den Mosaiksteinchen geschieht durch Beispiel, Erfahrung und Überzeugungskraft, nicht durch Zwang. Sobald aber rauchende und nichtrauchende, stehpinkelnde und sitzpinkelnde, fleischessende und pflanzenessende, schrille und fade, aggressive und pazifistische, rationale und esoterische, laute und leise, epikuräische und asketische, individualistische und kollektivistische Menschen gegenseitig voneinander verlangen, so und nicht anders zu leben, weil es so und nicht anders >richtig< sei, kann eine anarchische Gesellschaft nicht funktionieren. Solche Menschen haben das Wesen der Anarchie nicht begriffen, und selbstverständlich brauchten sie überhaupt keine libertäre Struktur. Zur Durchsetzung einer kollektiven Ethik sind Philosophie und Struktur des Staates viel besser geeignet.

Anarchie als Gesellschaftsstruktur besteht im Grunde nur darin, dem Zusammenleben eine andere Grammatik zu geben. Das setzt nicht voraus, dass die Menschen in ihr >Anarchisten< sind! Das setzt nur voraus, dass die geänderten Spielregeln allgemein akzeptiert werden. Der Grundkonsens einer libertären Gesellschaft besteht also nicht in Überzeugung, Anschauung, Lebensentwurf, persönlicher Konsequenz oder Ideologie, sondern in libertären >Essentials<. Und die sagen nichts weiter aus, als dass die Menschen selbst entscheiden, sich horizontal vernetzen und dezentral organisieren. Eine anarchische Gesellschaft existiert von dem Moment an, wo Menschen beginnen, ihr Leben in großem Maßstab so zu organisieren.

Es ist erschreckend, wie wenig verbreitet der moderne Anarchismusbegriff in der modernen anarchistischen Bewegung ist. Dort scheint noch immer die Meinung vorzuherrschen, Anarchie sei nur mit >anarchistischen Menschen< und einer perfekten Weltanschauung machbar. Das ist ein Grund dafür, weshalb sich diese Bewegung so schwer tut, Aktionsmodelle zu finden, in denen auch der unperfekte Menschentyp des Mitläufers einen Platz fände. Stattdessen entwickelt sie eine beharrliche Tendenz zum Edelghetto, in dem man auf der Suche nach seiner eigenen Veredelung leicht sein ganzes Leben verbringen kann. Der Mensch ist aber weder edel noch heilig, und wenn Anarchie ein Ding nach menschlichem Maß sein soll, sollte sie die Vervollkommnung des Menschen zwar fördern, sich aber davor hüten, Vollkommenheit zur Voraussetzung zu machen.

Worauf es bei der praktischen Verwirklichung ankommt, ist letztlich die Frage, ob es sich in einer libertären Struktur gut leben lässt. Das ist aber keine Frage eines Glaubensbekenntnisses. Wir leben heute in der Struktur der parlamentarischen Demokratie. Milliarden Menschen tun das, aber nur wenige verstehen sich als überzeugte Demokraten oder engagieren sich gar in demokratischen Strukturen. Zweifellos aber ist hier die Beteiligung der Menschen größer als noch im Absolutismus, und es ist gut möglich, dass sie in der Anarchie bedeutend höher wäre als in der Demokratie. Der springende Punkt bei alldem ist jedoch, dass in der Demokratie Menschen passabel leben können und dürfen, die keine Demokraten sind. Anarchisten sind überzeugt davon, dass ihre Struktur weit besser ist als die der Demokratie. Das wird sich aber erst dann zeigen, wenn die Menschen auch in solchen Strukturen leben wollen, ohne dass sie deshalb zuvor zu überzeugten Anarchisten werden müssten.

Soll das heißen, dass Anarchisten sich nicht um persönliche Konsequenz bemühen sollten? Immerhin wurde im dritten Kapitel das Gegenteil behauptet.

Konsequenz als Fetisch

Selbstverständlich ist der Versuch, das, was man vertritt, auch selbst umzusetzen, die einzig glaubwürdige Nagelprobe der Ernsthaftigkeit. Wie weit die persönliche Konsequenz dabei geht, hängt vom Charakter des einzelnen Menschen ebenso ab wie von den äußeren Bedingungen und dem Wesen dessen, worin man eigentlich konsequent sein möchte. Es kann zum Beispiel sein, dass Konsequenz einen Menschen überfordert. Auch kann das Objekt der Konsequenz zweifelhaft sein. Möglicherweise setzt konsequentes Handeln auch zu früh ein.

Herrschaftsfreies Verhalten beispielsweise setzt ein tiefgreifendes Umdenken und lange Übung voraus. Wer sich vornimmt, das sofort >zu können<, ohne es zunächst vielleicht erst einmal mit herrschaftsärmerem Verhalten zu versuchen, verzweifelt schnell. Die Meinungen über solch alltägliche menschliche Regungen wie etwa Wut oder Eifersucht gehen ‑ nicht nur bei Anarchisten ‑ weit auseinander. Denkbar wäre, dass der konsequente Versuch, immer freundlich zu sein oder keine Eifersucht zuzulassen, überhaupt nicht richtig ist und deshalb zu bloßer Gefühlsunterdrückung führt, die niemandem nützt. Und wenn diejenigen Anarchisten, die beispielsweise für die Abschaffung der Geldwirtschaft eintreten, so konsequent wären, hier und heute ihr Geld auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, wäre das sicher ein hübscher symbolischer Akt, aber eine unsinnige >Konsequenz< zum falschen Zeitpunkt.

Zwischen Ernsthaftigkeit, Konsequenz und Fanatismus bestehen fließende Grenzen. Jeder Mensch, der es mit den libertären Essentials ernst nimmt, muss im eigenen Leben selbst seine Fähigkeiten ausloten und die Sinnhaftigkeit seines Handelns testen. Anderenfalls gerät >Konsequenz< leicht zur lächerlichen Groteske.

Eine Bewegung aber, die konsequentes Verhalten zur Voraussetzung ihrer sozialen Modelle macht, hat schon verloren. Bei den allermeisten Menschen gehen Veränderungen in kleinen Schritten vor sich, und nur wenigen erhabenen Charakteren ist die innere Stärke eigen, sich zwischen Hirn und Bauch so erfolgreich kurzzuschließen, dass sich ihr Handeln makellos widerspruchsfrei an ihren Überzeugungen ausrichtet.

Form und Inhalt

Unter Anarchisten gibt es auffallend viele Menschen, die meinen, nur das persönliche konsequente Verhalten führe zur angestrebten gesellschaftlichen Veränderung. Diese Annahme stimmt in zweierlei Hinsicht nicht.

Erstens reicht das persönliche Beispiel nicht aus. Eine rein persönliche Konsequenz stört nicht weiter und ändert zunächst auch nichts an den Ursachen. Ist das Niveau der eigenen Konsequenz sehr hoch angesiedelt, kann es sogar zur Abschreckung führen. »So was könnt' ich nie!«, denkt der Normalbürger ‑ und ist damit angenehmerweise von der Versuchung entbunden, seine eigenen Verhaltensweisen in etwas weniger spektakulärer Weise zu ändern. Ein gutes Modell muss deshalb auch inkonsequenten Menschen Zugänge schaffen und ihnen die Möglichkeit geben, sich in Veränderungsprozesse einzubringen, die nicht nach den Qualitäten eines Heiligen verlangen.

Zweitens verändern auch inkonsequente Menschen die Gesellschaft. Ohne Frage hätte es größere soziale Auswirkungen, wenn 30 Millionen inkonsequente Kraftfahrzeugbesitzer täglich mit Bus und Bahn zur Arbeit führen, als wenn dreitausend konsequente Ökoaktivisten ihr Auto ganz abschafften. Und die Handlungen eines Landwirtes, der sich auf einem Bio‑Bauernhof etwa für biologischen Anbau, selbstverwaltetes Arbeiten und gesunde Ernährung einsetzt, behalten ihre Wirkung auf die Gesellschaft auch dann, wenn dieser Mensch etwa so inkonsequent ist, dass er lieber Bier mit Korn statt Kräutertee trinkt. Vielleicht wirkt er auf einige weniger glaubwürdig, auf viele aber mit Sicherheit sehr menschlich.

Entsprechender Streit aber gehört in anarchistischen Zirkeln zum Alltag. Der Disput um das richtige, konsequente und ultimativ‑korrekte Verhalten scheint manche Anarchas und Anarchos pausenlos zu beschäftigen; es beherrscht überregionale Treffen und füllt die Spalten vieler Szeneblätter und Chatrooms. Das geht von Ernährungsgewohnheiten über Sexualpräferenzen, Kosmetika, Urinierverhalten und Kleiderordnung bis zur jeweilsgängigenSzene‑Sprache. Die völlig legitime Suche nach einer eigenen Identität verselbstständigt sich dabei bisweilen und gerät leider nur allzuoft zu einem Spießertum mit umgekehrtem Vorzeichen, das von außen betrachtet befremdend wirkt, wenn nicht lächerlich. Auch in der Anarchoszene gibt es ein ritualisiertes »Das tut man aber nicht!« ‑ nur wird es anders ausgedrückt ...

Hinter alldem steckt eine merkwürdige und sehr hartnäckige Gleichsetzung von Formen und Inhalten. In den meisten Fällen fügt dabei der übersteigerte Formalismus dem inhaltlichen Anliegen schweren Schaden zu.

Nichts hat wohl dem Anliegen der Arbeiterbewegung jemals mehr geschadet als der idiotische »Proletkult«, mit dem die kommunistische Ideologie der Welt beweisen wollte, dass der arbeitende Mensch der bessere Mensch sei. Arbeiterbewusstsein, Arbeitersprache, Arbeiterlieder, Arbeiterkultur, Arbeiterwitze, Arbeiterkitsch und nicht zuletzt der heilige Arbeiterschweiß wurden als Errettung aus bürgerlicher Dekadenz hoch in den blauen Himmel der diversen Arbeiterparadiese gejubelt. Alles war per Definition gut und edel, sofern es nur vom Proleten kam. Selbst als dieser Mythos im Ostblock längst eingeschlafen war, feierte er in der >Neuen Linken< als Szene‑Mode fröhliche Auferstehung. Nun waren es westdeutsche Studenten, die dem Kult der »werktätigen Massen« fröhnten, und in deren Kampfblättern man lesen konnte, dass »über zweitausend Menschen und Werktätige« an einer Demonstration teilgenommen hatten.

Heute hingegen wird ebenso streng zwischen Menschen und Frauen unterschieden. Mit der gleichen Akribie wie seinerzeit der »Klassenstandpunkt« wird derzeit der »Frauenstandpunkt« verfochten. Damals war die »Frauenfrage« ein »Nebenwiderspruch des Klassenkampfes«, heute ist jedes gesellschaftliche Problem ein Ergebnis des »Geschlechterkrieges«. Und so hört es sich auch an. In den einschlägigen InsiderInnenblättern erfährt die erstaunte LeserInnenschaft etwa, dass die Beteiligung der AntifaschistInnen aus dem Spektrum der HausbesetzerInnen bei den Aktionen der betroffenen Leute aus den autonomen Frauen‑ und Lesben‑Männer/Schwulen‑Zusammenhängen zu inhaltlicher Kritik am sexistischen Sprachverhalten einiger Typen geführt hat, die die Forderung nach einer getrennten Frauen/Lesben‑Küche lächerlich gemacht haben, weil man/frau die Vermittlung eines spezifisch feministischen Standpunkts in dieser Frage vernachlässigt hat, da niemensch mit solchem Chauviverhalten rechnen konnte.

JedeR, der/die so etwas liest und nicht zufällig zur entsprechenden Szene gehört, wird sich angesichts solch Orwelfschern Neusprech die Frage stellen: »Haben die sonst keine Sorgen?« Vorausgesetzt, der Inhalt dieses Satzes wurde überhaupt verstanden.

Das fragen sich übrigens auch jene selbstbewussten und durchaus emanzipierten Frauen, die eine solche sprachliche Liturgie ablehnen und sich dagegen verwahren, dass das Anliegen der Frauen auf diese Weise von einer überspannten Szene zum formalen Modethema verwurstet wird ‑ und es so auf das Niveau von Svende Merians Jammerroman Der Tod des Märchenprinzen reduziert. Es handelt sich ja in den meisten Fällen nicht, wie gern behauptet, um eine Reinigung der Sprache von männerbestimmter Ideologie ‑ die selbstverständlich dringend nötig ist! ‑, sondern um eine Befrachtung der Sprache mit einem permanenten Bewusstseinsbekenntnis. Sie wird dadurch nicht nur auf schauderhafte Weise unsprechbar, unlesbar und unverständlich, sondern wirkt auf neunundneunzig Prozent aller Menschen so grotesk wie alle Ideologie‑Jargons. Die politischen Folgen sind verheerend. So wie ein frommer Katholik nicht »Maria« sagen kann, ohne »die Du bist gebenedeit unter den Weibern« anzuhängen, damit sprachlich dokumentiert bleibt, dass ihm die besondere Rolle der Heiligen Jungfrau stets und ständig bewusst ist, so dokumentiert auch der trendbewusste Linksmensch in jedem Satz seine tiefe Betroffenheit: Er weiß, dass es eine Unterdrückung der Frau und ein Patriarchat gibt und er zeigt, dass er dieses Problem allzeit ernst nimmt und nie vergisst. Der gläubige Moslem muss in seinen Nebensätzen sobald er auch nur Gott erwähnt jedesmal betonen, dass Allah der Einzige und Erhabene Gott ist und Mohammed Sein Prophet. Der gläubige Marxist flicht mit seinen proletarischen Sprachschlenkern in jeden Satz das Bekenntnis zum »Klassenstandpunkt« ein. Dem »Frauenstandpunkt« widerfährt leider kein besseres Schicksal.

Es handelt sich im Grunde genommen um ein semantisches Glaubensbekenntnis, das gleichzeitig als wichtiges szenetypisches Identifizierungssignal funktioniert. Dieser Jargon dürfte in zwanzig Jahren auf diejenigen, die ihn heute anwenden, nicht weniger peinlich wirken als heutigentags die Proletkult‑überfrachtete Agitationssprache des SDS auf die alten Achtundsechziger. Im Laufe der letzten zehn Jahre fiel mir auf, dass fast alle libertär‑feministisch bewegten Frauen aus meinem Bekanntenkreis an der Aufgabe gescheitert sind, diese Form einer politisch‑korrekten Ausdrucksweise in ihrer eigenen gesprochenen Sprache tatsächlich durchzuhalten. Die meisten haben es aufgegeben, ohne deswegen auch nur einen Deut weniger feministisch, selbstbewusst oder libertär zu sein ‑ allerdings wirken sie auf die meisten Menschen ihrer Umgebung jetzt viel unverkrampfter und glaubwürdiger. Selbst Alice Schwarzer ist heute mit folgendem Satz zitierbar: »Man kann den symbolischen Wert einer Situation hochhalten und trotzdem in der Sache kritisieren.« Übrig bleiben werden vermutlich die bewegten Männer. Wie zum Beispiel mein Freund und FAU‑Genosse B., der der unter unseresgleichen nie versäumen würde, Freie ArbeiterInnen‑Union zu sagen, während er, sobald ihn ein >normaler Mensch< fragt, was denn die Buchstaben auf seiner schwarzroten Fahne zu bedeuten haben, ohne zu zögern in breitem Dialekt antwortet: »Ei, de Freie Arbeiterunion halt ... « Ich versuche mir in solchen Augenblicken immer vorzustellen, was wohl ein zufällig mithörender Nicht‑Szene‑Mensch bei sich denken mag, wenn er ‑ wie seinerzeit in meiner Projekt‑A-­Stammkneipe tatsächlich geschehen ‑, Zeuge des folgenden Dialogs zwischen einer Gästin und dem Wirt hinter der Theke wird: »Ich hätte gerne eine Radlerin.« »Tur mir leid, aber das Zapfhuhn ist kaputt.« Selbst ich, der ich seit vielen Jahren Gelegenheit habe, mich in meinen eigenen >Lebenszusammenhängen< auch an die merkwürdigsten Skurrilitäten dieses Jargons zu gewöhnen, war kürzlich echt überfordert, als ich in meinem politisch sehr korrekt geführten Bioladen auf einer Verpackung den erstaunlichen Aufdruck STUDENTINNENFUTT lesen musste. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Groschen fiel und mir klar wurde, dass das Display der Etikettierungsmaschine nicht breit genug war, um die politisch korrekte Schreibweise des Wortes STUDENTENFUTTER auszudrucken.

Die Auswirkungen solcher Sprachghettos auf das eigentliche Thema sind immer negativ ‑ gleichgültig, wie gut, berechtigt und wichtig das Anliegen auch immer ist. Je intensiver sprachliche Überzeugungs‑ und Unterwerfungsrituale gepflegt werden, desto weniger werden sie geglaubt. Der formalistische Neofeminismus als aktuelles Modethema einiger linker Scenes wird dem Anliegen der Frauen einen hohen Preis abverlangen.

Dabei steht er hier nur als ein Beispiel für viele linke Zeitgeisterscheinungen, bei deren kultischer Erhöhung stets Form und Inhalt verwechselt und auf einen idealisierten Typus projiziert werden. Erinnern wir uns, wer in letzter Zeit neben Proletariern und Frauen nicht schon alles als Hoffnungsträger und Übermensch gehandelt wurde: der Vietkong, der Tatmensch Che Guevara oder der Guerillero an und für sich, dessen im Kampf gestählte Güte zum leuchtenden Menschheitsvorbild wurde. Der liebesvolle Hippie, der durch halluzinogene Drogen in seinem Bewusstsein erweiterte Erkenntnismensch, der Schamane. Ebenso der entkolonialisierte Drittweltmensch, die Indianer schlechthin, die mittlerweile übrigens »Menschen mit ethnisch indigenem Hintergrund« heißen, aber schon wieder ziemlich out sind. Sodann der zivilisationsfeindliche gute Wilde, der genau so heißen darf, falls ein überzeugter Anarcho‑Hardliner auf seine Militanz verweisen will, ansonsten aber ein zivilisationsfeindlicher Stammeskulturangehöriger ist. Auch buddhistische Mönche, Gurus, Visionäre, Menschen mit dem Dritten Auge und esoterisch Erleuchtete aller Schattierungen bis hin zu Ätherleibern und ethisch hochstehenden Außerirdischen, die mit ihren UFOs zur Rettung der' Erde angetreten waren, dienten ihrer jeweiligen Szene schon als Projektionsfläche: für das Gute an sich. In etwas größerer Heimatnähe dann noch der allseitig betroffene Öko‑ und Friedensaktivist, der sanfte Naturmensch, der Bewusstseinskünder. Nicht zu vergessen die sagenhaften Rückzugsgefilde des kleinen Hobbit, falls alle anderen Wesen aus Fleisch und Blut versagten.

Hinter all diesen Dingen stecken fast immer legitime, zumindest interessante und manchmal auch unerhört wichtige Anliegen. Indem aber ein jedes dieser Themen zu dem Thema schlechthin gemacht wird, verwandelt sich der Inhalt dieses Anliegens umgehend in starre, äußerliche Form. In der Regel werden alle Heilserwartungen auf jenen neuen, perfekten Menschen projiziert, der dort angeblich schlummere und nun endlich entdeckt worden sei. Diesem Hoffnungsträger wird mit allen möglichen neu entstandenen Formalien gehuldigt und fast immer mit einem sprachlichen Ritual. Solche Formalien tendieren zu Isolation und stoßen auf Unverständnis. Die ultrasofte Müsliszene wirkt mit ihrem Verhaltenskodex auf Außenstehende natürlich genauso grotesk wie die knallharten Autonomen oder die antisexistisch festgebissenen »Frauen/Lesben‑Zusammenhänge«.

Auf die gleiche Weise wurde aus dem Rebellenfreak Jesus eine katholische Kirche, aus dem Kampf der unterdrückten Arbeiter ein Proletkult, aus dem Kampf der unterdrückten Frauen ein Frauenkult. Auf diesem Wege werden dem armen Menschen weiblichen Geschlechts heute sämtliche ersehnten Tugenden aufgebuckelt. Aber auch die heftigsten Rituale werden all die Nicht‑Gläubigen beiderlei Geschlechts kaum von der Überzeugung abbringen können, dass eine Frau auch bloß ein Mensch ist.

Monokausale Fallgruben

Das gemeinsame Muster dieser nicht nur bei Anarchisten weit verbreiteten Neigung ist immer die Suche nach einer Ursache, mit der alles erklärbar ist und lösbar wäre. Diese Suche nach dem allumfassenden Weltgesetz ist ein altes, tiefsitzendes Erbe. Es spiegelt sich im göttlichen Weltbild des Christentums ebenso wider wie in der naturwissenschaftlich geprägten Tradition der Aufklärung. In der Philosophie wird diese Art zu denken »monokausal« genannt. Manche Feministinnen haben übrigens dieses Denkmuster mit guten Argumenten als ein eher männliches Schema beschrieben.

Anhand der Chaostheorie haben wir gesehen, dass monokausale Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung fast nur im Labor, das heißt, in der Theorie existieren. Leben aber ist praktisch. Hier haben wir es stets mit komplexen Zusammenhängen zu tun, bei denen mannigfaltige Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Ursachen zum Tragen kommen. Monokausales Denken ist verlockend einfach und deshalb auf dem Markt sozialer Theorien eine Ware, die immer wieder gerne genommen wird. Das ist zwar verständlich, weil menschlich, aber nicht gerade hilfreich. Der frühe Rustikalanarchismus Bakuninscher Prägung etwa ist ein klassisches Beispiel monokausalen Denkens, denn er sieht im Staat die Wurzel fast allen Übels und in seiner Beseitigung den Schlüssel zum Glück. Nicht ohne Grund wurde eingangs so viel Wert auf die Feststellung gelegt, dass >der Staat an sich< nicht >das Grundübel< der Menschheit sei und dass sich der Anarchismus keineswegs in seiner Abschaffung erschöpfe.

Wer monokausal denkt, neigt dazu, von mehreren Alternativen immer nur eine gelten zu lassen und alle anderen völlig auszuschließen. Das führt auch bei Anarchisten zu verhängnisvollen Fallgruben des Denkens, die immer wieder in Dogmen enden.

Zum Beispiel das Dogma des Kollektivismus. Der Glaube, kollektives Arbeiten, kollektive Entscheidungen und kollektives Leben seien in jedem Falle gut und stünden für die libertäre Lebenseinstellung schlechthin, ist in der heutigen Anarchobewegung hartnäckig verbreitet. All das ist natürlich höherer Blödsinn, denn Kollektive können ebenso gut schlechte Arbeit leisten, dumme Entscheidungen treffen oder das Leben zur Hölle machen. Die Tatsache, dass in unseren Gesellschaften das soziale Zusammenwirken von Menschen mittels Hierarchie und Vereinzelung denkbar schlecht organisiert ist, hat dazu geführt, dass der Anarchismus kollektive Modelle entwickelte, die möglicherweise besser sind. Das bedeutet aber nicht, dass auf einmal alles kollektiv zu geschehen habe. Praktische Kollektivmodelle können hervorragende Lösungen bieten, dogmatische Kollektivideologie aber ist das Ende von Freiheit und Vielfalt. Formalisiertes Kollektivhandeln führt leicht zum Tod individueller Kreativität und würgt jede Art persönlichen Genies ab. Heraus kommt das graue Einheits‑Mittelmaß. Wer aber hat denn gesagt, dass man sich entscheiden müsse zwischen entweder kollektiv oder individuell? Das kann nur der kleine monokausale Virus im Hinterkopf gewesen sein!

Ähnliche Überlegungen gelten auch für die große Glaubensfrage, die die Linke hundertfünfzig Jahre lang in Atem hielt: ob denn die Arbeiterbewegung auf einer materialistischen* oder idealistischen* Philosophie aufbaue. Bestimmt nun das Sein das Bewusstsein oder umgekehrt das Bewusstsein das Sein? ‑ Ohne diese spannende Frage konnte nach 1968 überhaupt kein ernsthaftes Gespräch unter politisch bewegten Menschen begonnen werden! Es handelt sich hierbei zweifellos um ein sehr interessantes Thema, und das sei ohne Ironie gesagt. Aber für die Frage, ob ein Mensch willens und in der Lage ist, ohne Hierarchie zu leben, ist es ohne Belang. Tatsächlich scheint beides zuzutreffen, und der Anarchismus hat das praktisch auch nie anders gesehen. Es liegt ja auf der Hand, dass der Mensch durch seine soziale Umwelt geformt ist und so denkt, wie er geprägt wurde. Genauso eindeutig aber ist die Beobachtung, dass der Mensch auch kraft des eigenen Willens diesen Zustand ändern kann. Ein typisches Beispiel also für Wechselwirkung, und ein seltenes Beispiel für die Überwindung monokausalen Denkens, denn diese Frage scheint heute niemanden mehr sonderlich zu interessieren.

Auch die überaus schwache Differenzierung, die in Anarchokreisen zwischen Begriffen wie »Autorität«, »Herrschaft«, »Unterdrückung« und »Hierarchie« gepflegt wird, ist Ausdruck monokausalen Denkens. Das führt dann dazu, dass man meint, Freiheit zu erreichen, indem man jede Überlegenheit eines Menschen weghobelt. Egal, ob es sich nun um Wissen, Talent, besondere Fähigkeiten oder ausgefallene charakterliche Züge handelt ‑ alles steht im Verdacht, »autoritär« und »hierarchisch« zu sein. Wehe, ein Genosse kann etwas besser als ich ‑ das wäre ja eine ganz perfide Form von Herrschaft! Da wollen wir doch lieber Gleichheit, und die erzielen wir, indem wir alle Menschen mit ihren vielfältigen Eigenschaften durch den Wolf drehen, bis sie sich auf einem gleichen Nenner wiederfinden. Der ist dann zumeist das niedrigste gemeinsame Niveau. In der Tat gibt es dann keine »Hierarchie« mehr, aber eben auch nichts Besseres. Es gibt keinen entlarvenderen Ausdruck für diese schematische Manie, von allem, was wir als schlecht empfinden, immer ganz genau gerade das Gegenteil anzustreben, als das problematische Wörtchen »antiautoritär«. Dieses Verhalten, die sogenannte »antithetische Bindung«, fesselt uns stets an eine einzige Option: die Gegenthese. Sie hat immer wieder zu groteskem Unsinn geführt und ist mit schuld daran, dass sich Anarchisten öfter durch die Hervorbringung irgendwelcher nervtötender Platitüden hervorgetan haben als durch die Entwicklung praktischer Modelle.

Kirche oder Gemeinde?

Genug geschimpft! Die Frage lautete, ob der Anarchismus noch zu retten sei. Ob sich also die anarchistische Bewegung, so wie sie sich heute darstellt, totläuft, oder einen hilfreichen Beitrag dazu leisten kann, dass sich die Menschheit anarchische Strukturen gibt. Hierzu war es leider nötig, Themen anzusprechen, die sich vielleicht nur politischen Insidern ganz erschließen. Deshalb möchte ich mit einer leicht nachvollziehbaren Analogie enden, die auch Außenstehenden klar machen dürfte, an welchem Punkt sich diese relativ junge Bewegung heute befindet.

Vergleichen wir sie einmal ‑ ganz formal gesehen, versteht sich, und keineswegs inhaltlich ‑ mit dem Christentum. Einer Idee also, die zu einer Bewegung wurde. Diese Bewegung stand irgendwann an einem wichtigen Scheideweg. Sie musste sich der Frage stellen: Puritanismus oder Lebendigkeit? Hinter dieser Alternative standen verschiedene Denkweisen: Hier der Wunsch nach perfekter Vollendung, Hingabe, Konsequenz; dort der Wunsch nach praktischer Umsetzung einer Lebenseinstellung im freien Experiment. Hier zählten feste Glaubensgrundsätze, starre Strukturen, effektiver Apparat; dort zählten zwischenmenschlicher Austausch, Alltagsstrukturen und Spontaneität. Hier die klösterliche Abgeschiedenheit mit ihren heiligen Mönchen und asketischen Einsiedlern, dort die Bewegung mit ihrer Gemeinschaft suchender Menschen mitten im Leben. All das lässt sich zusammenfassen in der historischen Entscheidung, die das Christentum zwischen Kirche und Gemeinde zu treffen hatte und bekanntlich zugunsten der Kirche getroffen hat. Es war der Triumph des Puritanismus und der Tod der Lebendigkeit, die Geburt eines Apparates und das Ende einer Idee.

Meines Erachtens steht der Anarchismus heute an einem vergleichbaren Punkt. Perfektioniert er die Idee der Freiheit in immer sophistischeren Theorien, in der Weiterentwicklung symbolischer Riten und immer konsequenterer Verhaltensmuster? Schafft er eine anarchistische Elite, die sich in der Auslegung der Klassiker übt, über die Reinhaltung der Lehre wacht und die Menschheit ermahnend zum Ziele führen will? Bringt er eine Avantgarde hervor, die für den Triumph der Ideale kämpft? Schafft er sich die dazu notwendigen Organisationen, eine eigene Sprache und die passende Dienstkleidung? Und pflegt er all dies in der sterilen Abgeschiedenheit geschlossener Kreise?

Dann wäre dies das anarchistische Kloster, mit den Straight‑Edgern als Jesuiten, dem Theoretiker als erleuchtetem Eremiten und einem jeden Anarchisten in seinem entsprechenden Glaubensorden mit eigener Liturgie. Meiner Meinung nach könnten aus dieser klösterlichen Anarchokultur durchaus köstliche Anregungen an den menschlichen Geist entspringen, so wie dies bei den christlichen Abteien ja auch der Fall war. Zur Durchsetzung des christlichen Geistes unter den Menschen aber haben es alle Zisterzienser, Dominikaner, Karmeliter, Kapuziner und Jesuiten nicht gebracht. Die Durchsetzung des libertären Geistes unter den Menschen wird vermutlich auch all jenen geschlossenen Zirkeln nicht gelingen, die langsam aber stetig in eine libertär‑klösterliche Kultur abdriften.

Noch aber ist die Entscheidung nicht gefallen. Die Anarchisten stehen seit Jahren unverändert vor dem Scheideweg. Solange es Libertäre gibt, die statt dem Prinzip Kloster das Prinzip Gemeinde vorantreiben, bleibt Hoffnung.

Von der Demokratie zur Akratie

»Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assmilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will « (Johann Wolfgang von Goethe)

Einen Menschen, der vor dreihundert Jahren behauptet hätte, dass dereinst ein Volk nicht mehr vom gottgewollten König regiert werden würde, hätte man glatt für verrückt erklärt. Die Vorstellung, alle paar Jahre ein paar hundert Leute auszuwählen, die sich zusammenhockten, diskutierten und statt des Monarchen regierten, wäre absurd erschienen. Weil es gegen die Natur des Menschen verstoße und gegen die bewährte Ordnung der Dinge. Man hätte die Verkünder solcher Ideen als gefährliche Aufwiegler verfolgt oder bestenfalls als Utopisten ausgelacht. Tatsächlich ist all das ja auch geschehen.

Heute indes leben wir nach genau diesem Muster, nennen es »Demokratie« und finden es völlig normal. Wer heute die Rückkehr zur Monarchie fordert, gilt als Idiot.

Wandlung ist möglich

Politische Herrschaft ist nicht Ausdruck des Bösen, sondern eine Form von Verwaltung. Diese Verwaltung kann besser oder schlechter organisiert sein. Was dabei >gut< oder >schlecht< ist, hängt von der Perspektive ab, das heißt, von der Frage: für wen gut oder schlecht. Untersuchen wir die Frage vom Standpunkt derer, die man allgemein >das Volk< nennt, also unserem: Wie stark kommen wir in der Verwaltung vor?

Früher herrschte ein Einzelner im Namen einer Idee, die sich auf einen Einzelnen berief. Der »einzige Herrscher«, der Monarch, betrieb als Vasall, Herzog oder König sein Verwaltungsgeschäft im Namen des »einzigen Gottes«. Die uneingeschränkte Herrschaft eines Einzelnen nennen wir »Autokratie«. Sie brachte Fremdverwaltung hervor.

Heute herrschen viele im Namen einer Idee, die sich auf das ganze Volk beruft. Die »vielen Herrscher«, Polyarchen, betreiben als Abgeordnete, Minister, Regierungschefs ihr Verwaltungsgeschäft im Namen der Gesamtheit der »mündigen Wahlbürger«. Die eingeschränkte Herrschaft vieler im Namen aller nennen wir »Demokratie«. Sie bringt eine Stellvertreterverwaltung hervor.

Gemäß der anarchistischen Idee, die heute noch im Rang einer Utopie steht, herrscht morgen jeder über sich selbst oder, was dasselbe ist, niemand mehr über andere. Die Gesamtheit nicht‑herrschender Menschen, Anarchen, betreiben als autonome Individuen ihre Verwaltungsgeschäfte in dezentralen Strukturen im Namen ihrer selbst. Herrschaft wird durch Selbstorganisation ersetzt, einen Zustand, den wir »Akratie« nennen. Sie würde Selbstverwaltung hervorbringen.

Somit wäre ein gesellschaftlicher Zustand der Akratie mit der Organisationsstruktur Selbstverwaltung der für die Partizipation aller Menschen am weitesten fortgeschrittene Entwicklungszustand.

Es ist verlockend, in solchen Entwicklungssträngen zu denken. Demzufolge gäbe es eine stetige gesellschaftliche Veränderung, die sich im theoretischen Denkbild von der Autokratie über die Demokratie zur Akratie entwickelte. Das entspräche in den politischen Formen einer Umwandlung von der Monarchie über die Polyarchie zur Anarchie. Die gesellschaftlichen Strukturen wechselten von der Fremdverwaltung über Stellvertreterverwaltung zur Selbstverwaltung. Aber das sind nur Theorien ‑ Modellvorstellungen, die zur Orientierung dienen können. Wir wissen, dass es kaum jemals eine >reine< Monarchie gab, und dass auch unsere >Demokratie< ihrer eigenen Idee von >Volksherrschaft< nicht gerecht wird.

Solche Denkmodelle können die Perspektive erweitern und unser Hirn auflockern. Deshalb sind sie aber noch lange nicht Realität, und sie entwickeln sich auch nicht in irgendeiner Weise >automatisch<. Kein okkultes Weltgesetz ‑ weder ein göttliches, ein aufklärerisches, marxistisches oder ein ökologisches ‑ lenkt die Schritte der Menschheit automatisch einem höheren Endziel zu. Und natürlich auch kein anarchistisches. Der Entwicklungsstrang Autokratie‑Demokratie‑Akratie ist eine Möglichkeit, die sich aufzeigt. Damit Möglichkeiten zu Wirklichkeiten werden, braucht es ein Ziel, einen allgemeinen Wunsch, das Ziel zu erreichen und schließlich das Handeln von Menschen, um sich diesem Ziel zu nähern.

Alles, was wir aus der Tatsache folgern dürfen, dass das Gros der Menschheit sich von der Autokratie zur Demokratie bewegt hat, ist, dass Wandlung möglich ist. Wie >absurd< die Zielvorstellungen solch einer Wandlung von den Zeitgenossen wahrgenommen werden, ist unerheblich, weil sich auch die politischen, moralischen und gesellschaftlichen Ansichten wandeln können. Nichts ist unbeständiger als der Zeitgeist.

Für überzeugte Libertäre bedeutet dies, sofern sie in solchen Prozessen überhaupt noch eine Rolle spielen wollen, zweierlei: Sie dürfen erstens nicht nur auf das Endziel starren, sondern müssen die Krisen der heutigen Herrschaftsform als Strukturprobleme einer verfehlten Verwaltungsphilosophie verstehen. Zweitens dürfen sie nicht auf die automatische Erfüllung solcher Entwicklungsstränge hoffen; sie müssen etwas dafür tun. Das heißt, nach Wegen, Ansätzen und Chancen zu suchen, sich mit besseren Strukturen dort einzubringen, wo die schlechteren Strukturen versagen. Ein Aufspüren von Krisen also, das jedoch nur dann Sinn macht, wenn die Libertären außer Kritik auch Alternativen im Gepäck haben.

Mit einem Wort: Die Libertären müssten lernen, strategisch zu denken.

Kapitel 41 & 42 des Buches "Anarchie" von Horst Stowasser (Edition Nautilus), das hiermit allen LeserInnen wärmsten empfohlen sei. Entnommen wurde der Text dem Downloadbereich der Projektwerkstatt Saasen.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS