Anarchosyndikalistischer Widerstand - Illegale Schriften 2 (Die Internationale, 1934)  

Die Internationale. Neue Folge Jahrgang 1. Nr. 2 - Okt.-Nov. 1934

Zur Lage in Deutschland  

Die Internationale 1934 (Tarnumschlag)Nicht das werktätige Volk Deutschlands allein hat seine Sorgen, wie es sich gegen weitere wirtschaftliche und moralische Verelendung zur Wehr setzt und die Freiheit erobern kann. Nein - auch die faschistischen Machthaber des Landes tragen ernste Sorge, wie sie die gewonnene Macht behaupten sollen.
 
Der 30. Juni beweist, dass es knisterte im Gebälk des «totalen» Staates, und es wird weiter knistern. Exportrückgang, Valuta- und Kreditschwierigkeiten bedrohen die Weiterexistenz des Regimes. Nach 15-jähriger Verelendung, aus der uns Hitler angeblich herausführen wollte, steht Deutschland heute dort, wo die zerrütteten Wirtschaften gewisser Länder in der ersten Nachkriegsperiode standen. JO Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkrieges weiss man als einziges Heilmittel nur noch die Rückkehr zu einer neuen Kriegswistschaft - das ist Hitlers Volksbeglückungs-Programm.
 
Hitlers «Enthüllungen» über die Verschwendung einzelner brauner Bonzen, die unter die Räder gekommen sind, lassen für jeden normalen Menschen nur den Schluss zu, dass der übrige, am 30. Juni siegreich gebliebene Rest der neuen Bonzokratie genau nicht anders wirtschaftet. Allmählich zerstören die neuen Herren selbst den Kredit, den sie sich bei einzelnen Schichten des Volkes durch ihre grandiose Selbst-Beweihräucherungspropaganda verschafft hatten. Ein Zeichen dafür ist die Sammeltätigkeit. Die Einnahmen auf diesem Gebiet fliessen immer spärlicher, der Terror beginnt seine Wirkung zu verlieren.
 
Es ist auch im Ausland bekannt, dass die Erschiessung einer Anzahl von ehemals vergötterten SA-Führern am 30. Juni von den Massen nicht bedauert wurde. Eine Zeit lang erschien es sogar, als ob sich Hitlers Führerglorie nach dieser Leistung noch verstärken sollte. Heute lichtet sich der Nebel. Man begreift, dass Hitler nicht schon deshalb als grosser Mann verehrt werden kann, weil er seine besten Freunde umbringen liess. Selbst die Schichten des Kleinbürgertums, auch Bauern und SA-Kreise erkennen, dass ein Teil der korrupten Bonzokratie erledigt wurde, weil die Existenz gewisser Mit-Machthaber eine ständige unangenehme Erinnerung an einst gegebene und längst verratene soziale Versprechungen der Partei bedeutete. Der dem 30. Juni nachgefolgte politische Anschauungsunterricht macht es immer breiteren Schichten klar, dass es aus ist mit dem Nationalsozialismus, dass es beim Kapitalismus bleibt.
 
Die Schwierigkeiten der Herrschenden werden durch die Aussicht auf den bevorstehenden Hungerwinter noch verstärkt. In dieser Situation kam der Tod Hindenburgs zur rechten Zeit. Durch die Inszenierung einer neuen Abstimmungskomödie konnte dem Ausland und einem Teil des eigenen Volkes wieder einmal ein gigantisches Einigkeitstheater vorgespielt werden. Die Wahlen erzeugten aber in Deutschland selbst nicht die erhoffte Neubelebung des allgemeinen Interesses, der ganze Rummel ging ohne innere Anteilnahme der Massen vor sich, und heute schon spricht kein Mensch mehr davon. Der Volksstimmung vor der Wahl nach zu urteilen, müssen die Abstimmungsresultate wesentlich schlechter gewesen sein als amtlich zugegeben wurde. Es ist ganz selbstverständlich, dass bei der Aufrechnung der Wahlziffern wieder einmal mächtig gelogen worden ist, ganz abgesehen davon, dass die Bevölkerung immer noch unter einem gewissen Angst-Terror zur Abstimmung ging, die übrigens alles andere als «frei» war. Bis zu dem Tage, da ein revolutionärer Volkssturm einmal das Hitlerregime hinwegfegt, wird das Goebbelssche Lügenministerium stets eine Abstimmungsmehrheit für das System garantieren. Hitler ist dieses Ergebnisses gewiss und lässt deshalb stets dann wählen, wenn es ihm schlecht geht. Allerdings bleiben die Schwierigkeiten die alten, gerade dieses Mal, und die sozialen Spannungen verschärfen sich immer mehr.
 
Die grösste Gefahr, die heute droht, ist, dass das Regime einen Ausweg sucht im Abenteuer des Krieges. Nicht ausgeschlossen, dass ein wirtschaftlicher Zusammenbruch erfolgt, ehe es so weit kommt. Die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen nehmen täglich zu. In diesem Sinne verlängert der Faschismus nicht, wie er es eigentlich beabsichtigt, die Lebensdauer des Kapitalismus, sondern er treibt ihn sogar schneller zum Abgrund.
 
Die Internationale 1934Wie steht es aber mit der revolutionären Opposition gegen den Nationalsozialismus? Ohne jede Schönfärberei muss gesagt werden, dass sie keineswegs befriedigend ist. Die deutsche Arbeiterschaft ist immer noch gelähmt, sie verharrt in der typischen Kampf-Unentschlossenheit, die sie schon längst vor dem Dritten Reich an den Tag legte, durch Jahrzehnte parlamentarischer Politik zum Stumpfsinn erzogen. Was heute in Deutschland gegen den Nationalsozialismus getan wird, sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Vorpostengefechte, die eine heldenhafte Minderheit liefert. Die moralische Verfassung der Gesamtarbeiterschaft ist schlecht. Es ist noch durchaus nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität da, das allein die Grundlage für einen erfolgreichen Widerstand bieten könnte. Auch wird es unterlassen, die Krisen des Systems systematisch für die revolutionäre Sache auszunützen; die rein passive Ablehnung des Regimes ist zwar weit verbreitet, hat aber keinerlei praktische Konsequenzen.
 
Eine kleine Vorhut opfert sich auf, verblutet und welkt dahin in den Kerkern des Zuchthaus-Deutschland. Die Masse ist noch feige und träge. Sie sucht den bequemen Ausweg. Es wird von der Revolution geträumt, aber man will kein Risiko auf sich nehmen. Gerade jetzt aber muss die Arbeiterschaft die akute Krise des Nationalsozialismus ausnützen und kämpferisch vorgehen. Wer heute Mutlosigkeit sät, ist konterrevolutionär. Die Machthaber brüllen sich heiser nach der Sympathie des Arbeiters, weil ihre Fundamente zu schwanken beginnen. Das sollte der Arbeiter erkennen, damit zugleich seine grosse Aufgabe, sich endlich selbst zu befreien. Heute hat er nicht zu befürchten, dass ihm selbstgewählte Führer und Bürokraten in den Arm fallen, wenn er sich erhebt. Die deutschen Arbeiter sind ihrer alten Organisationen und aller Vormünder - die sie ins Unglück geführt haben! - beraubt. Sie stehen «verwaist», sie sind auf sich allein angewiesen: die Niederlage der alten Arbeiterbewegung kann zum Glück im Unglück werden und die Massen auf die Erkenntnis hinstossen, dass sie selbst anpacken müssen. 
 
Arbeiter, erkennt die Macht, die ihr in Händen haltet, ohne sie zu gebrauchen, eure unumgrenzte wirtschaftliche Macht! Wendet sie an, verweigert dem System den Gehorsam - nicht nur den nationalsozialistischen Bonzen, sondern dem Kapitalismus überhaupt! Erkämpft eure Befreiung, organisiert euer Befreiungswerk selbst! Habt Mut zu diesem Kampfe, denn es bleibt kein anderer Ausweg! Nur ein freies Räte-Deutschland sichert euch allen Frieden, Wohlstand und Freiheit! Es lebe die Einheit aller Werktätigen auf der Grundlage der freien Räte! Mit den Räten zur Vernichtung des Kapitalismus, mit den Räten zum Aufbau der Bedarfswirtschaft. Die Räte werden der sich ständig von unten auf erneuernde Willensausdruck eines zu sich selbst gekommenen arbeitenden Volkes sein, das keine Ausbeuter und keine Machthaber mehr über sich duldet!
 
Organisationskomitee der D.A.S


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Deutschland rüstet!  

Wenn nun die offiziellen Äusserungen der Männer des neuen Deutschland zur Frage von Krieg und Frieden liest, fragt man sich, warum eigentlich die Pazifisten ins Konzentrationslager gekommen sind. Hitler erscheint als Erbe Stresemanns. Nicht nur die angebliche Erfüllung des Versailler Vertrags wird in den Vordergrund gestellt, sondern offener Verzicht auf jede kriegerische Absicht proklamiert. Deutschland hat abgerüstet, und Deutschland hat diese Abrüstung unter schärfster internationaler Kontrolle vollzogen; 6 Millionen Gewehre und Karabiner wurden ausgeliefert und zerstört, 130.000 Maschinengewehre, riesige Mengen Maschinengewehrläufe, 91.000 Geschütze, 38,75 Millionen Granaten und enorme weitere Waffen- und Munitionsbestände hat das deutsche Volk zerstören oder ausliefern müssen. Das Rheinland wurde entmilitarisiert, die deutschen Festungen wurden geschleift, unsere Schiffe wurden ausgeliefert, unsere Flugzeuge zerstört, unser Wehrsystem aufgegeben und die Ausbildung von Reserven dadurch verhindert, so berichtete Hitler vor dem Reichstag am 17. Mai 1933. Nach der offiziellen Version der Regierung hat also Deutschland sämtliche Artikel von Teil V des Vertrages von Versailles erfüllt, die ihm grosse Rüstungseinschränkungen auferlegen (100.000 Mann-Heer, Auflösung des Grossen Generalstabs, Höchstbestand von 102.000 Gewehren und Karabinern, 1926 MG., 207 Geschützen von 7,7 cm. 84 Haubitzen von 10.5 cm usw.). 
 
Nach seiner letzten Rede vor dem berliner diplomatischen Corps will Hitler den Frieden, nichts als den Frieden. Italien zuliebe wurde bekanntlich schon vor der Machtergreifung durch die Partei der Anspruch auf Südtirol aufgegeben. Nach dem missglückten, mit amtlichen deutschen Mitteln durchgeführten Putsch in Wien wurde auch der Verzicht auf den Anschluss feierlich kundgegeben. Immer wieder weist Hitler vor der Öffentlichkeit, vor allem gegenüber ausländischen Pressevertretern, darauf hin, dass das Reich keinerlei Gebietsforderungen erhebe, sondern lediglich seine jetzigen (in Versailles festgelegten) Grenzen zu schützen gewillt sei (eine Ausnahme wird nur mit dem Saargebiet gemacht, das man auf jeden Fall ins Reich eingliedern zu wollen zugibt). 
 
Einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreichte diese nationalsozialistische Propaganda in der Rede des Hitler-Stellverlreters Hess auf dem Gauparteitag der NSDAP in Königsberg Am 8. Juli dieses Jahres. Seine Sätze schienen dem «Anderen Deutschland» entnommen: «Wir Frontkämpfer wollen nicht, dass wieder eine unfähige Diplomatie uns in eine Katastrophe hineinstolpern lässt, deren Leidtragende wiederum Frontkämpfer sind... Seid ehrlich! Hat nicht dann und wann ein jeder von uns gefragt: Wozu das alles? Muss es sein? Kann der Menschheit das in Zukunft nicht erspart werden?... Die Welt weiss, dass der Frontkämpfer Hitler mit überraschender Offenheit seine wirklichen Gedanken ihr darlegt. Die Frontkämpfer in der Regierung Deutschlands wollen ehrlich Frieden und Verständigung.»
 
Diese Sprache klingt wesentlich anders als die nationalistische Hetze, der die NSDAP ihren Aufstieg verdankt. In allen seinen früheren Reden und Schriften hat Hitler es seinen Anhängern eingehämmert, dass Deutschland nur durch einen Krieg wieder aufsteigen und neues Gebiet für seine wirtschaftliche Fortentwicklung erobern kann. In «Mein Kampf» heisst es offen, dass Grund und Boden zu schaffen das Ziel der deutschen Aussenpolitik sein müsse; diese Aktion sei die einzige, schreibt Hitler, «die vor Gott und unserer deutschen Nachwelt einen Bluteinsatz gerechtfertigt erscheinen lässt». «Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm Untertanen Randstaaten denken», präzisiert er einige Seiten weiter sein Programm. Ausserdem bezeichnet es Hitler als Aufgabe des deutschen Volkes, jeden Versuch zu verhindern, an den Grenzen des Reiches eine Militärmacht zu organisieren, «beziehungsweise einen solchen (Staat), wenn er schon entstanden, wieder zu zerschlagen». Ausdrücklich betont der Autor dieser Sätze, dass dies «mit allen Mitteln, bis zur Anwendung von Waffengewalt» zu geschehen habe.
 
Das kann sich nur auf Frankreich beziehen. Tatsächlich wird auch dies klar zugestanden. Der deutsche Lebenswille dürfe nicht in bloss passiver Abwehr «verkümmern», sondern muss «zu einer endgültigen aktiven Auseinandersetzung mit Frankreich» zusammengerafft werden mit dem eindeutigen Ziele der «Vernichtung Frankreichs..., um danach unserem Volke endlich an andrer Stelle die mögliche Ausdehnung geben zu können.»
 
Jeder weiss, dass die ganze Nazipropaganda vor dem Januar 1933 auf diesen Ton gestimmt war, und es wäre lächerlich anzunehmen, dass der Nationalsozialismus seinen Wesensgehalt geändert hat, seitdem er in seiner propagandistischen Entfaltung lediglich durch diplomatische Rücksichten gehemmt ist. Die Tatsachen beweisen, dass Deutschland durch teilweise Vernichtung seines alten Wehrsystems und seiner Waffenbestände nach dem Kriegsende militärisch nicht entmachtet, sondern nur gezwungen worden ist, sich auf anderer, und zwar höherer Ebene geheim militärisch zu reorganisieren. Diese Entwicklung, die bereits unter Mitverantwortung der Sozialdemokratie von der Weimarer Republik begonnen wurde, hat sich in den letzten 1 1/2 Jahren sprunghaft fortgesetzt, sodass Deutschland im bestem Zuge ist, die grössten Mächte des Kontinents zu überflügeln. Ist es so weit, dann wird Hitler die pazifistische Maske abwerfen und der letzte, der fruchtbarste Akt der mit dem 30. Januar 1933 eingeleiteten, deutschen Tragödie beginnen, der zum Verhängnis für den Kontinent werden kann.
 
Die Rüstungsausgaben des Reiches steigen rapid, seit dem die Regierung in den Händen der Nationalsozialisten ist. Alle Gelder, die für militärische Zwecke bestimmt sind, können kaum erfasst werden, doch allein die offiziellen Militärausgaben des Reichsetats machen die Entwicklung deutlich. Die Ausgaben für Kriegsministerium, Heer, Luftfahrt und Luftschutz, kasernierte Polizei, Arbeitsdienst und SA, Abfindungen an ausscheidende Soldaten und Marine ergeben zusammen die Summe von 1625.3 Millionen Mark. Für die gleichen Posten wurden 1932 verausgabt 949.6 Millionen. Verschiedene der heutigen Etatskapitel existierten noch gar nicht. Natürlich stecken selbst im amtlichen Etat noch andere Militärausgaben. Viele der für sog. Arbeitsbeschaffung ausgegebenen Gelder sind Rüstungssubventionen. Auch die Erträgnisse vieler privater Sammlungen, z.B. für Luftschutz, Flugzeugbeschaffungen usw. gehören hierher.
 
Die Reichswehr ist längst über den Bestand von 100.000 Mann hinaus, vielleicht ist sie schon auf den in Genf von Deutschland geforderten Stand von 300.000 gebracht. Schon die Weimarer Republik leitete die illegale Heeresvergösserung ein. Heute geht es mit Riesenschritten vorwärts. Nach privaten Informationen eines Mitarbeiters des Neuen Tagebuch sind allein in Berlin Ostern 1934 aus den Kreisen der Abiturienten der höheren Lehranstalten 5 bis 8.000 Reichswehrrekruten hervorgegangen, die sich zu einer Dienstzeit von 1 1/2 Jahren verpflichtet haben. Als weitere Rekrutierungsdepots dienen Arbeitsdienst, SA, SS usw. Die 12jährige Dienstzeit wird längst nicht mehr eingehalten, riesige Reservebestände ausgebildeter Mannschaften stehen bereit. 200.000 Mann kasernierter Schupo müssen ebenfalls zum Militär gerechnet werden, dazu 2 bis 300.000 Mann der SS, die eine gut bewaffnete Elitetruppe darstellt und regelmässige Ausbildungskurse durch die Reichswehr erhält. Auch die reduzierte SA hat hohen militärischen Wert, insbesondere das vollkommen militärisch aufgezogene Kraftfahrerkorps und die Motorstürme. Der «Freiwillige» Arbeitsdienst, dem durch Entlassung der jugendlichen Arbeiter unter 25 Jahren zwangsweise Hunderttausende zugeführt werden, kann nach Äusserungen Hierls jetzt jährlich 250.000 Mann ausbilden. Diese Ausbildung ist ein vollkommener Infanteriedrill, und nicht zufällig ist der Leiter des Arbeitsdienstes, Oberst Hierl, theoretischer Verfechter der These, dass im Zukunftskrieg durchaus nicht nur technische Elitetruppen den Ausschlag geben werden, wie Herr v. Seeckt meinte, sondern grosse Infanteriemassen. Hitler selbst hat schon in seinem «Kampf» vorausschauend auf die heute abgeleugnete militärische Bedeutung sportlich-arbeitsdienstlicher Erziehung hingewiesen: aus «sechs Millionen sportlich tadellos trainierten Körpern» werde ein nationaler Staat «in nicht einmal zwei Jahren eine Armee geschaffen haben». Im Arbeitsdienst werden auch 10 bis 16.000 junge Saarländer erfasst, die, amtlich zugegeben, mit hohen Sonderkosten und in eigenen Lagern eine «Spezialausbildung für den Saarkampf» erhalten. Aus diesen verschiedenen Reservoirs nährt sich die neue deutsche Militärmacht.
 
Nicht die direkten Militärausgaben und die Soldatenausbildung allein geben Aufschluss über die deutsche Aufrüstung. In welchem Masse die neuen Herrn des Reiches bereits mit kriegerischen Abenteuern in kürzester Frist rechnen, beweist auch die Wirtschaftspolitik. Eine der wichtigsten Zielsetzungen des Nationalsozialismus auf diesem Gebiete ist die Einstellung der Landwirtschaft und Volksernährung auf eine durch Krieg verursachte Blokade. «Die Freiheit eines Volkes und seine aussenpolitische Bewegungsfreiheit», heisst es bei Darre, «ist abhängig von der Sicherung seiner Ernährungsgrundlage». Diese wird «gesichert» durch Drosselung der Lebensmitteleinfuhr ohne Rücksicht auf Preissteigerungen und Verschärfung des sozialen Elends. Von 1932 bis 33 schon nahm die Schweineeinfuhr nach Deutschland um 25% ab, die Einfuhr von Reis um den gleichen Satz, die von Fleisch, Speck, Butter, Käse, Margarine um je 20 %, der Eierimport um 40, die Schmalzeinfuhr um 33%. Wertmässig ging in dieser Frist die Lebensmitteleinfuhr um 400 Millionen Mark zurück, mengenmässig von 63.3 auf 44,7 Millionen Doppelzentner. Der Rückgang hat sich noch weiter fortgesetzt. Dabei lässst man sogar noch die Vorräte ansteigen. Im Sommer dieses Jahres z.B. stieg die Zahl der Schlachtungen wegen Futtermittelmangel um 25% gegenüber dem vorigen Jahre, was eine besondere Stelle des Ernährungsministeriums dazu benutzte, grosse Aufkäufe zur Herstellung von Fleischkonserven zu tätigen. Dies hatte nebenbei die «soziale» Wirkung, dass trotz Zunahme der Schlachtungen die Preise stiegen. 
 
Ein Kapitel für sich ist die Beschaffung von Riesenlagern kriegswichtiger Rohstoffe aus dem Ausland. Am. 27. Juni dieses Jahres wies die Regierung der USA in ihrer Antwort auf die deutsche Zahlungseinstellung auf diese Zusammenhänge mit folgenden Sätzen hin: «Man hält es allgemein für die Pflicht einer Schuldnerregierung, ihre Politik derart zu regeln, dass die für den Dienst ihrer Auslandsschulden bestimmten Summen die Priorität haben gegenüber allen anderen Ausgaben, ausgenommen die wesentlichen Bedürfnisse des Landes. Man glaubt allgemein zu wissen, dass Deutschland im Laufe der letzten Monate beträchtliche Käufe von Rohstoffen ausgeführt hat, die militärischen Zwecken dienen, und für diese Zwecke seine Devisenreserven verbraucht hat...»
 
Das beweist die Statistik. Die Einfuhr von Eisen nach Deutschland betrug im Monatsdurchschnitt 1932 13.283 Tonnen, im April dieses Jahres 75.974 Tennen. Für Eisenerze lauten die gleichen Ziffern 287.633 bezw. 731.551 Tonnen,    für Kupfer 14.795 bezw. 30.368 Tonnen, Zink 8.482 bezw.    19.897 Tonnen. Nickel wurde im Monatsdurchschnitt 1932 importiert 194 Tonnen, im Monatsdurchschnitt Januar - März 1934 636 Tonnen; Aluminium: Monatsdurchschnitt 1932 147 Tonnen. April 1934 452 Tonnen; Manganerze: 8.898 Tonnen bezw. 54.969 Tonnen. Diese Stoffe dienten unmittelbar    für Zwecke der Rüstung und werden seit Regierungsantritt der Nationalsozialisten systematisch in immer beschleunigterem Tempo angehäuft. Ebenso ist es der Fall mit anderen wichtigen Matenalien, so z.B. Wolle und Baumwolle, Flachs, Kautschuck usw. Nebenbei wird die Industrie noch gezwungen, die Verarbeitung gewisser Stoffe einzuschränken berw. sie durch andere zu ersetzen, damit die Lager nicht abnehmen, und es wird eine besondere Kampagne zur Ersparnis von Rohstoffen eingeleitet. Andererseits fördert man unrentable Geschäfte wie die deutsche Petroleumbohrung, nur um sich unabhängig zu machen. Die Herstellung künstlichen Benzins wird trotz höherer Kosten amtlich begünstigt, usw. Diese planmässige Wirtschaftspolitik lässt nur eine einzige Deutung zu.
 
Die direkte Rüstungsindustrie selbst ist fieberhaft beschäftigt. Wenn das Konjunkturforschungsinstitut noch dieses Jahr zum Thema der deutschen Abrüstung fesstellen zu müssen glaubte: «Als Folge der Zerstörung der deutschen Rüstungsindustrie mussten etwa 100.000 bis is 150.000 Menschen in einen anderen Beruf überführt werden. Die Umstellung erforderte auch schwere kapitalmässige Opfer» , so hat heute längst eine Rück-Umstellung eingesetzt. Neues Kapital wird in die Rüstungsindustrie investiert, die Belegschaften steigen unaufhörlich.
 
Siemens, AEG und Loewe in Berlin arbeiten im Dienst der Kriegsrüstung in drei Schichten von je acht Stunden. Viele neue Bänke wurden aufgestellt, die seit dem Krieg unbenutzt lagen. Sie dienen jetzt zur Herstellung von Granaten der Kaliber 77, 105 und 150 mm. Sämtliche Auto- und Flugzeugfabriken arbeiten unter Vollausnützung ihrer Kapazität. In verschiedenen Gegenden Deutschlands gibt es keinen arbeitslosen Dreher mehr. Man hat sogar aus den Konzentrationslagern Spezialarbeiter geholt. Die Borsigwerke haben ihr Personal auf 3.000 Menschen erhöht, in Suhl wurden Waffenfabriken wiedereröffnet, die seit Jahren still lagen. Der «Bochumer Verein» fabriziert jeden Tag 7.000 Granaten und 500 Minen. Mit der Herstellung des Verpackungsmaterials sind allein 50 Tischler beschäftigt. In bedeckten Eisenbahnwaggons werden die Granaten nach Süddeutschland abtransportiert. Die Düsseldorfer Rheinmetall produziert 2 cm-Granaten für Tanks. Die Arbeiter müssen schwören, das Fabrikationsgeheimnis zu wahren. Die hergestellte Munition wird in den Kellern grosser Banken und SA-Heimen untergebracht, SS-Truppen bilden die Bewachung. Schering Kahlbaum in Berlin-Adlershof wurde unter Gregor Strasser zu einer regelrechten Giftgasfabrik umgebaut. In die Laboratorien darf man nur nach Abgabe der Geheim-Parole eintreten. Verschiedene Arbeiter mussten bereits mit dem Leben bezahlen für gelegentliche Unfälle, die als «Kohlenoxydgasvergiftungen» hingestellt werden. Hunderte von Stahlflaschen mit verschiedenerlei Giftgasen werden unter der Erde vergraben.
 
Diese Details sind natürlich nur zufällig zur Kenntnis des Auslandes gekommen und könnten durch systematische Beobachtung noch beliebig vermehrt werden. In diesen Zusammenhang gehört noch die Tatsache, dass das Reich auch im Ausland Rüstungsaufträge vergibt, in England und Amerika Flugzeugmotoren kauft usw. Die Zeiss-Werke Jena z.B. lassen die für Kriegszwecke benötigte Optik (Scherenfernrohre usw.) nicht in Deutschland, sondern in ihren holländischen Betrieben herstellen. Auch in zahlreichen anderen Branchen Hollands wird für deutsche Rüstungszwecke gearbeitet. Hier ist die »blutige Internationale» am Werk, die anzuklagen jetzt auch in Deutschland Mode geworden ist - allerdings nur soweit sie sich gegen Deutschland richtet. Deutsche militärische Fachzeitschriften aber veröffentlichen ohne Skrupel die Tank-Offerten der englischen Firma Vickers.
 
Die Hauptrolle in der Aufrüstung Deutschlands spielt das Flugwesen. Diese Tendenz kommt schon im Reichsetat zum Ausdruck. Die Ausgaben für Luftfahrt haben sich 1933 verdreifacht. Das Luftfahrtministerium, gegründet 1932, hat seine Kosten unter Goering verfünffacht. Angeblich sind diese Ausgabenerhöhungen durch Erneuerung des alten Materials der Lufthansa entstanden, ferner durch Experimente auf dem Gebiete des Nachtfluges, die natürlich auch nur militärische Bedeutung haben. Das Luftfahrtministerium hat einen Bestand von 435 Beamten (das Wehrministerium nur 369). Seine Kosten betrugen 1933 373,6 Millionen Mark.
 
Die Ausbildung von Piloten wird mit grösster Energie betrieben. Namentlich Jugendliche werden herangezogen. Bei einer Demonstration in Berlin marschierten allein die lokalen Flugstürme in einer Stärke von 12.000 Mann auf. Daneben werden alle alten Militär- und Zivilflieger aus ihren bürgerlichen Berufen herausgeholt und wieder der Aviatik zugeführt. Sie werden auch im Waffengebrauch instruiert. Eine staatliche Schule für Luftschutz bildet in 9-tägigen Kursen je 200 Mann gemeinsam aus. Die Gesamtbevölkerung versucht man in die Luftschutzorganisation hineinzupressen. Dass diese Bestrebungen keinen rein defensiven Charakter tragen, zeigen deutlich die Worte eines Aufsatzes von Domeier in der von Ernst Kriegk (Rektor der Universität Frankfurt) herausgegebenen Zeitschrift «Volk im Werden»: «Die Aufgabe der Luftabwehr ist nicht nur die, das Leben der Bevölkerung zu schützen, sondern ebensosehr kommt es darauf an, die Gesamtheit der technischen Anlagen in möglichst ununterbrochener Funktion zu erhalten, auf denen das Leben und die kriegerische Kampfkraft der Nation beruhen.»
 
Die verschiedensten Vereine, die Kommunen usw. werden amtlich angehalten, sich aus Privatmitteln Flugzeuge zu kaufen. In den Bayerischen Motorenwerken arbeiten 2.000 Mann angeblich für einen russischen Auftrag, der 400 Flugmotore vorsieht. Deutsche Arbeiter der holländischen Fokkerwerke werden nach Deutschland zurückbeordert. Bisher in der Herstellung von Flugmotoren nicht erfahrene Arbeiter erhalten eine spezielle Ausbildung.
 
Die Adlerwerke, Auto-Union, Stoewer, Daimler-Benz, Maybach und alle anderen Autofabriken mit Ausnahme der unter ausländischer Kontrolle stehenden wie Opel haben Hochkonjunktur und stellen in Massen Flugmotoren her. Die Flugzeugwerke selbst nehmen dauernd Neueinstellungen vor und vergrössern ihre Leistungsfähigkeit enorm. Die Bayerischen Flugzeugwerke Augsburg erhöhten ihre Belegschaft von 280 auf 1.460 Mann; nur ein Beispiel von vielen. Neue Typen von Maschinen werden in Verkehr gestellt und dem Ausland als Passagierflugzeuge präsentiert. Die gleichen Modelle werden anderen Staaten als Militärflugzeuge verkauft. Viele Apparate werden geheim aufgestapelt, ebenso Motoren, um im geeigneten Moment hervorgeholt zu werden. Auch die Bodenorganisation wird vervollkommnet, immer mehr moderne Flugplätze entstehen. Unterirdische Anlagen werden geschaffen. In Hannover, Köln, Frankfurt, Lyck, Essen, Freiburg, Münster, Dessau sind unterirdische Flughäfen bereits vorhanden.
 
Darüber, welche Massen von Apparaten das Reich jetzt besitzt, können nur Vermutungen angestellt werden. Die Lufthansa z.B. gibt in ihren Jahresberichten die gefahrenen Kilometer und viele andere Einzelheiten an, nie aber die Zahl ihrer Maschinen. Die dummfreche Erklärung Goerings gegenüber einem englischen Presservertreter im Februar 1934, Deutschland besitze nur 300 Flugzeuge, darunter vieles alte wertlose Material,    verdient natürlich keine Beachtung. Die Frankfurter Zeitung sprach am 20. Juli schon von 1.200 Stück. Doch auch diese Zahl wird man vervielfachen müssen, um der Wirklichkeit nahezukommen. Beim Ausbruch des nächsten Krieges werden Wolken deutscher Bombenflugzeuge die Sonne verdunkeln, um Schrecken und Vernichtung über den Kontinent zu säen.
 
Zur deutschen Kriegsvorbereirung gehört auch die systematische Erziehung der Zivilbevölkerung im militärischen Geist und der soldatische Drill, dem breiteste Schichten unterworfen werden. Die Reichspost gründete eine militärische Verteidigungsorganisation, die ihre Beamten zu regelmässigen soldatischen Übungen verpflichtet. In den Sportorganisationen geben Offiziere den Ausschlag. Rein militärische Übungen sind in allen Verbänden vorgeschrieben und werden auch in den Schulen unter direkter militärischer Leitung ausgeführt.
 
Beamte öffentlicher Körperschaften müssen mehrwöchige militärische Kurse durchmachen, zu denen sie beurlaubt werden, ebenso Studenten usw. Die Studenten der ersten Semester werden jetzt sogar uniformiert und kaserniert.
 
Durch die Presse und eine in hohen Auflagen erscheinende Spezialliteratur wird ausserdem das militärische Interesse zu wecken und zu fördern gesucht. Auch die Erziehung ist eindeutig auf Erzeugung kriegerischer Gesinnungen eingestellt, selbst das Kinderspielzeug hat dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Doch dies ist ein ganzes Thema für sich, vielleicht das traurigste von allen. Die Seelen junger Menschen werden vergiftet, und wahrscheinlich werden noch Generationen später die Spuren dieser raffinierten militaristischen Infizierung des deutschen Volkes zu finden sein.
 
Deutschland rüstet, darüber kann es keinen Zweifel geben. Der Nationalsozialismus ist nicht nur auf Verteidigung und Sicherheit des Landes gerichtet, sondern seinem Wesen nach nichts anderes als eine neue Form der alten imperialistischen Bestrebungen des Deutschen Reiches, die von den Grossgrundbesitzern und der Schwerindustrie getragen werden, in einem fanatisierten Kleinbürgertum millionenfaches Echo und in einer durch ihre eigenen ehemaligen Organisationen schon zum Staatsdenken und blossen politischen Rekrutentum vorgedrillten Arbeiterschaft leider nur wenig prinzipielle Opposition finden. Der Nationalismus, die Religion des modernen Staates, erlebt seine höchste Steigerung und droht einen Vernichtungskampf der Menschheit zu entfesseln.
 
1914 erhoben sich die «westlichen Demokratien», um den deutschen Militarismus zu vernichten. Deutschland verlor den Krieg, aber der Militarismus verschwand nicht. Seine einstigen Kriegsgegner begannen das grosse Wettrüsten der Nachkriegsjahre, und Deutschland trat nach kurzer Atempause ebenfalls mit zu diesem Wettlauf an. Heute steht es vor seiner letzten, entscheidenden Kraftanstrengung, um die Welt ein zweites Mal herauszufordern.
 
«Die Wiederaufrüstung Deutschlands ist eine Tatsache», heisst es in einer Veröffentlichung der Internationalen Antimilitaristachen Kommission (Holland), «und die Sieger des Weltkrieges sind ohnmächtig etwas gegen sie zu unternehmen. So wird endgültig bewiesen, dass es unmöglich ist, den Militarismus durch Militarismus zu besiegen.»
 
In der Tat bleibt kein anderer Ausweg mehr, keine andere Hoffnung als aktiver sozialrevolutionärer Antimilitarismus. Darum ergeht an die werktätigen Massen und die Intellektuellen Deutschlands der Appell, den das Land regierenden Verbrechern, die es dem Abgrund zutreiben, zur rechten Zeit noch in den Arm zu fallen. «Deutschland rüstet gewaltig», lesen wir in einer an uns gelangten Zuschrift der Organisationsleitung der Deutschen Anarchosyndikalisten, «und Hitlers Reden vom Frieden ist nichts als Doppelzüngigkeit. Er braucht nur noch Zeit zur Vorbereitung. Wie er ehemals die Arbeiterschaft mit seinen Legalitätsbestrebungen einlullte, so heute die Welt mit seinen Friedensschwüren. Ungeheuer wächst in dieser Situation die Verantwortung der Arbeiter in der Deutschen Rüstungsindustrie. Hier ist ein Betätigungsfeld für direkte Aktion. Nieder mit der Rüstungsarbeit, nieder mit dem Krieg, es lebe die Soziale Revolution!» Wenn setzat die Entscheidung herannaht, dann wird vielleicht die Einsicht reifen: kommt der Krieg über das Land, dann werden Millionen einen grauenhaften Tod sterben und Städte und Dörfer vernichtet, dann wird Verderben getragen werden in die Häuser unschuldiger Menschen vieler Länder und die Welt einer neuen Barbarei entgegentreiben - wenn aber die Arbeiterschaft sich aufrafft und statt für die Besitzenden und Unterdrücker endlich ihr Leben für die eigene Sache einsetzt, dann kann sie durch direkte Aktion die deutsche Kriegsmaschine zertrümmern, in einer letzten gigantischen Anstrengung den Nationalsozialismus hinwegfegen und damit der Sozialen Revolution in Europa den Weg bahnen. Alles deutet darauf hin, dass die entscheidende Stunde schon sehr nahe ist.
 
H. R.


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Wie Mühsam ermordet wurde

Das von Otto Strasser in Prag herausgegebene oppositionell-nationalsozialistische Blatt «Deutsche Revolution» bringt einen Bericht über die Ermordung Erich Mühsams in Oranienburg, für dessen Richtigkeit das Blatt alle Beweise zu besitzen behauptet. U.a. beruft sich die Redaktion auf Aussagen des jetzt im Auslande befindlichen englischen Staatsangehörigen John Stone, der vom 14. Juli 1933 bis 13. Juli 1934 «irrtümlich» im Konzentrationslager Oranienburg festgehalten worden ist. Wir lassen den Bericht folgen:
 
Am 6. Juli wurde das Lager offiziell von der SS übernommen, nur die für die Übergabe der einzelnen Abteilungen usw. verantwortlichen SA-Männer versahen weiter ihren Dienst. Das Lager unterstand nunmehr dem SS-Brigadeführer Eicke, sein Adjutant war der SS-Sturmführer Weibrecht. Ihre Namen und die Namen des SS-Sturmbannführers Wackele sowie des SS-Sturmbannführers Eckardt muss man sich merken, weil sie die Mörder Erich Mühsams sind. M. E. ist der Befehl zur Beseitigung Mühsams von oben gekommen, sie haben ihn ausgeführt.
 
Der «Selbstmord» Erich Mühsams trug sich folgendermassen zu: Am 9. Juli wurde Mühsam nachmittags zum SS-Sturmführer Eckardt gerufen. Dieser sagte zu ihm: «Wenn Sie sich nicht binnen zwei Stunden erhängen, Mühsam, werden wir Sie aufknüpfen». Mühsam kam zu uns zurück und erzählte uns das. Er sagte danach wörtlich: «Den Gefallen tue ich ihnen aber doch nicht». Er wusste, was ihm bevorstand, war gefasst und ruhig und verteilte seine letzten Habseligkeiten unter uns. Um halb neun Uhr ging alles wie sonst schlafen. Um neun Uhr wurde Mühsam mit einem Male plötzlich herausgerufen, angeblich sollte er noch einen Anzug eines Wachtmannes sauber machen. Es ist nie vorgekommen, dass noch so spät ein solcher Auftrag gegeben wurde. Nachdem Mühsam herausgerufen wurde, wurde uns anderen Schutzhäftlingen verboten, auf die Toilette auf dem Hofe zu gehen. Sonst konnten wir sie auch nachts benutzen. Darüber hinaus wurde, was auch sonst nie der Fall war, noch eine besondere Wache aufgestellt, die darauf zu achten hatte, dass niemand der Schutzhäftlinge auf den Hof kam. Wir wussten alle, Erich Mühsams letztes Stündlein hat geschlagen und konnten vor Erregung kein Auge zutun. Was die SS in dieser Nacht mit ihm angestellt hat, wissen wir nicht. Einen Schuss haben wir nicht gehört, auch kein Schreien. Am anderen Morgen, beim Wecken, fragte der SA-Truppführer Petscher sofort nach Mühsam. Sonst ist nie nach ihm gefragt worden. Mühsam, der zu dieser Zeit schon tot war, konnte natürlich nicht antworten. Petscher, der natürlich die Ermordung Mühsams längst wusste, sagte daraufhin zynisch: «Na, wenn er nicht da ist, wird er wohl tot sein».
 
Als wir auf die Toilette gingen, hing Erich Mühsam dort, man wollte uns einen Selbstmord Mühsams Vortäuschen. Uns allen war es gewiss, dass er schon als toter Mann dort aufgehängt worden ist, das ging schon daraus hervor, dass er mit einem regelrechten Zimmermannsknoten dort hing - wie sollte er selbst den wohl fertigbekommen haben? -, dass seine Augen geschlossen waren, die Zunge ihm nicht aus dem Halse hing und seine Brille ungefähr zehn Meter davon auf dem Boden lag. Erich Mühsam, der wie kein anderer gequält und misshandelt worden war, war von seinem Leiden erlöst. Die SS hat die Leiche selbst abgenommen, eine Kommission wurde nicht gerufen. Eine ärztliche Untersuchung hat auch nicht stattgefunden.

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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