Syndikalismus nach 1945

Krise und Richtungsentscheidungen des deutschen Nachkriegssyndikalismus im internationalen Kontext

Marcel Van der Linden und Wayne Thorpe kommen in einem Beitrag für die Zeitschrift "1999 Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts" nach einer Analyse der internationalen syndikalistischen Nachkriegsbewegung in ihrer Schlussfolgerung auf drei Entwicklungsmöglichkeiten der syndikalistischen Bewegungen:

1. Marginalisierung des Syndikalismus durch (dogmatische) Prinzipientreue.
2. Verwässerung der Prinzipien durch Kursänderung Richtung Reformismus und
3. Auflösung der Organisation, bzw. Übertritt in andere Organisationen.

An diesen drei aufgezeigten Möglichkeiten entlang möchte ich nicht zuletzt in Fortsetzung der in den DA- Ausgaben Nr. 155 und 157 erschienenen Artikel über die Geschichte der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD), insbesondere ihrer Stellung zu Tarifverträgen und gesetzlichen Betriebsräten aufzeigen, wie sich der Anarcho-Syndikalismus in Deutschland nach 1945 weiterentwickelt hat, ohne dabei die Entwicklung auf internationaler Ebene aus den Augen zu verlieren.

Kurzer Rückblick

Mit Ausnahme Spaniens verhielten sich die Mitgliederzahlen der syndikalistischen Organisationen in den zwanziger Jahren nahezu in allen europäischen Ländern rückläufig, was auch Marcel van der Linden und Wayne Thorpe im Rückblick weniger auf die erhöhte Repression zurückführten, sondern ebenso, wie zeitgenössische FAUD- Theoretiker auf die Etablierung des Wohlfahrtsstaates mit den Folgen der Integration und Befriedung der Arbeiterklasse. Die deutschen Syndikalisten der FAUD versuchten diesem Fatalismus entgegen den Spagat zwischen der ersten und der zweiten Entscheidung. Sie versuchten ihre Strategie möglichst flexibel, anpassungsfähig und gleichzeitig wenigstens auf ideeller Ebene prinzipientreu auf die Verhältnisse in Deutschland abzustimmen. Die föderalistische, von gegenseitiger Toleranz (in betrieblichen Fragen, wie Tarifverträgen oder Betriebsräten) geprägte Organisationsform und Vorgehensweise trug zu einer relativen Stabilisierung der FAUD ab Mitte der zwanziger Jahre bei. Dennoch stellte der Gründungskongress der FAUD- Nachfolgeorganisation "Föderation freiheitlicher Sozialisten" (FFS) auf ihrem Gründungskongress im Jahre 1947 fest, dass die FAUD versagt habe, da sie sich als in dieser Hinsicht nicht "beweglich genug" erwiesen habe.

Syndikalismus international

Innerhalb der IAA führten die unterschiedlich eingeschlagenen Wege der einzelnen Sektionen, flankiert von faschismusbedingten Verbotsverfügungen, beispielsweise in Deutschland (1933), Spanien (1939) oder Italien (1922), in den folgenden Jahrzehnten zu den wohl unvermeidlichen Symptomen von Misstrauen, Spaltungen, Austritten, bzw. Ausschlüssen. Während sich aktuell zumindest auf europäischer Ebene neue syndikalistische Gewerkschaften in Abspaltung von den verbliebenen IAA- Sektionen formieren und neue Wege beschreitend anwachsen (z.B. die "Confederation Nationale du Travail" (CNT- Frankreich- "Vignoles") oder die Majorität der "Unione Sindacale Italiane (USI- Italien), befinden sich die IAA- Sektionen, wie die "Confederacion National del trabajo" (CNT- Spanien) oder die "Confederation Nationale du Travail" (CNT- Frankreich- "Bordeaux"), in jahrelang anhaltender Agonie. Wieder andere Organisationen mit syndikalistischer Wurzel und postulierten "syndikalistischen Zielsetzungen" (Hans Jürgen Degen), wie etwa die "Sveriges Arbetares Centralorganisation" (SAC-Schweden), welche im Jahre 1957 aus der IAA austrat oder die "Confederacion general del Trabajo" (CGT- Spanien) als Abspaltung der CNT können als offen reformistisch eingeschätzt werden. Wie an diesen Beispielen aufgezeigt werden kann, besitzt diese von van der Linden und Thorpe vorgenommene Dreiteilung der Entwicklungsmöglichkeiten syndikalistischer Bewegungen bis heute uneingeschränkte Gültigkeit. Damals wie heute besitzen diejenigen syndikalistischen Organisationen am meisten Anziehungskraft, welche es verstehen, zwischen anarchistischen Prinzipien und aufoktroyierten Sachzwängen mittels hoher Flexibilität jeweils richtige Maß zu finden und bei bleibender ideeller Prinzipientreue jeglichen Dogmatismus abzulegen. Gelang es der FAUD auf diese Weise, sich zu stabilisieren, verzeichnen einige der oben genannten syndikalistischen Organisationen auf diese undogmatische Weise aktuell ein teilweise rasantes Anwachsen ihrer Mitgliederzahlen (in Paris stellen die Syndikalisten der CNT "Vignoles" die meisten Teilnehmer auf der revolutionären 1. Mai Demonstration vor den kommunistischen Organisationen).

Die Internationale Arbeiter Assoziation (IAA)

Passend dazu stehen die Aussagen bezüglich der IAA seitens der Deutschen Nachkriegsanarchosyndikalisten A. Leinau und August Kettenbach. Ersterer konstatierte hinsichtlich des Beharrens der IAA auf dem ersten Möglichkeit (van der Linden/ Thorpe), "dass mit dem Ableben der alten F.A.U.D. auch die I.A.A. ihre Bedeutung verloren hat. Was wir brauchen ist eine Internationale, welche lebendig ist und jedem Land und seiner Mentalität gerecht wird." Kettenbach sah die IAA "zum Abtreten verurteilt, denn sie ist nur noch ein Erinnerungsstück". Da die IAA in einem Dogmatismus erstarre, welcher den jeweiligen Entwicklungen in den einzelnen Ländern nicht Rechnung trage, sah die deutsche Sektion FFS in ihr keine Zukunft mehr und trat schon im Jahre 1952 wieder aus. Aus demselben Grunde verließ fünf Jahre später auch die SAC, als wohl einzige funktionierende und ernstzunehmende Gewerkschaftssektion die IAA. In ihrem pragmatischen Reformismus kamen sich die SAC und die FFS sehr nahe, verfasste Rudolf Rocker doch nicht nur die für die FFS entscheidende Schrift von den "...Möglichkeiten einer anarchistischen und syndikalistischen Bewegung...", sondern 1952 auch die Prinzipienerklärung für die SAC. Der Unterschied zur FFS bestand darin, dass die SAC weiterhin an ihrer gewerkschaftlichen Organisationsform festhielt - reformistische Interessenorganisation und revolutionäre Ideenorganisation auch organisatorisch miteinander verbunden wissen wollte.

Standpunkte der FFS

Anders gestaltete sich die Angelegenheit zunächst in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, wo sich die Syndikalisten auf betrieblicher Ebene für die dritte von van der Linden und Thorpe genannten Möglichkeiten entschieden und auf eine Wiedergründung der FAUD verzichteten. Stattdessen schufen sie eine anarcho-syndikalistische Ideenorganisation, die "Föderation freiheitlicher Sozialisten" (FFS), welche auch der Internationalen Arbeiter- Assoziation (IAA) beitrat. Die Anarcho-Syndikalisten knüpften nach 1945 nicht nur in wirtschaftlichen Fragen dort an, wo sie bis 1933 weitestgehend ohne Erfolg blieben, sondern auch dort, wo sie seit Ende der zwanziger Jahre die größten Erfolge zu verzeichnen hatten: In der Kulturarbeit und dort im speziellen an die Gilde freiheitlicher Bücherfreunde (GfB), denn "eine solche Kulturarbeit ist heute in Deutschland doppelt notwendig, um Klärung zu schaffen und unsere Anschauungen in breitere Volkskreise zu tragen, wo sie befruchtend beim Wiederaufbau des Landes mitwirken können". Die Priorität der Arbeit auf den kulturellen Bereich zu legen, bedeutete, nicht an einer anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftsform festzuhalten oder eine solche wiederzubeleben, sondern eine Kulturorganisation zu gründen, bei gleichzeitigem Engagement der Mitglieder auf Gemeindeebene, um ihre Ansichten und Ideen beim Wiederaufbau einsetzen zu können.

Die meisten der ehemaligen FAUD- und nunmehrigen FFS- Mitglieder organisierten sich gemäß dieser dritten Variante (van der Linden/ Thorpe) gleichzeitig in der SPD, den DGB- Gewerkschaften (was einer grundsätzlichen pragmatischen Bejahung von Tarifverträgen gleichkommt), den Kommunalparlamenten (keine offizielle FFS- Linie !) - und natürlich als Betriebsräte, um dort "in allen verantwortlichen Stellen" als Vorbildfiguren im Sinne föderalistisch-anarchistischer Ideen tätig zu sein. Wieder kann hier ein Spagat in der Organisierung deutscher Anarcho-Syndikalisten festgestellt werden, diesmal jedoch nicht zwischen den von van der Linden und Thorpe genannten Möglichkeiten eins und zwei (wie es noch bei der FAUD der Fall war), sondern zwischen eins und drei. Denn einerseits wurde die FFS eigens als Ideenorganisation für die Erhaltung, Förderung und Weiterentwicklung anarchistischer und syndikalistischer Bestrebungen konzipiert. Auf betrieblicher Ebene wurde die eigenständige anarcho-syndikalistische Organisationsform zugunsten nüchterner Tageskämpfe (hier besonders in der existentiellen Versorgungsfrage der Nachkriegsjahre), aber auch aufgrund eines von großen Teilen der FFS angestrebten "Gemeindesozialismus" vollständig aufgegeben. Das Machtvakuum des Staates und die dadurch gestiegene Bedeutung der Gemeinden beim Wiederaufbau böten nach dem auf die FFS maßgeblichen Einfluß ausübenden Rudolf Rocker ein ideales Betätigungsfeld für "positive Mitarbeit", wodurch auch das Recht, gehört zu werden und "unsere Ansichten zur Geltung zu bringen", erworben würde.

Trotz der Unterbrechung syndikalistischer Entwicklung zwischen 1933 und 1945 durch die faschistische Diktatur des Nationalsozialismus kann hier eine einheitliche und relativ gleichmäßige Linie konstatiert werden, sowohl in der Haltung der Anarcho-Syndikalisten in der Tarivvertrags- als auch in der Betriebsrätefrage. Die Mitglieder der FFS knüpften in den vierziger Jahren unmittelbar an ihre mehrheitlich bejahenden Überzeugungen der dreißiger Jahre an, ohne dabei ihr Ideal einer freien Gesellschaft auf föderalistisch-anarchistischer Grundlage aufzugeben. Der Unterschied der Verknüpfung der Möglichkeiten eins mit zwei sowie eins mit drei ist hier rein formeller Art, nämlich die Aufgabe der Reorganisation der alten FAUD zugunsten des Übertritts der bedeutendsten ehemaligen FAUD- Mitglieder in andere (reformistische) Organisationen unter Wahrung der Prinzipien auf ideeller Ebene in der FFS: "(Es) kann davon ausgegangen werden, dass sich die Mehrzahl der gewerkschaftlich engagierten FFS- ler damit abgefunden hatte, nur in den ‚Zentralgewerkschaften' zu arbeiten; die FFS dagegen aber als ihre eigentliche ‚politische' (anarchosyndikalistische) ‚Ideenorganisation' anzusehen." Zugleich blieb es das langfristige Ziel der Anarcho-Syndikalisten unter den auf ihrem Wege noch zu schaffenden besseren eigenen Voraussetzungen (die FFS - als Ideenorganisation - fasste lediglich etwa zwischen 150 und 400 Menschen in 30 Orten - ganz ähnlich wie die FAU heute) und der Veränderung der gesellschaftspolitischen Umstände mittels eigenem tatkräftig-überzeugenden Einsatz in den Kommunen (auch Kommunalparlamenten) und lokalen Gewerkschaftsverbänden ein erneutes Gegengewicht zu den Zentralgewerkschaften und Parteien aufzubauen: "Unser Ziel muss sein, unsere Ideengänge in weitestem Umfange in den bestehenden Gewerkschaften zu verbreiten... Sollten sich aber örtlich oder bezirklich Situationen ergeben, die eine Gründung syndikalistischer Gewerkschaften notwendig erscheinen lassen, dann ist es erforderlich, dass unsere Ortsföderationen ihre Pflicht erfüllen...". Die FFS sei zunächst ein "Notbehelf, der sobald wie möglich dem vollendeteren Organisationsgefüge der föderierten Produktions- Syndikate aller Richtungen und Arbeitsbörsen weichen muß". In dieser Hinsicht spekulierten FFS- Aktive damit, dass sich ganze Belegschaften, nicht zuletzt aufgrund betrieblicher anarcho-syndikalistischer Überzeugungsarbeit geschlossen von den Zentralgewerkschaften lösen und sich anarcho-syndikalistisch organisieren würden. Die FFS konnte zwar ihrem Anspruch auf Wahrung der Ideen des Anarchismus und Syndikalismus gerecht werden, zugleich gelang es ihr weder, sie an die jüngeren Generationen, noch sie ihrer eigenen strategischen und primären Zielsetzung nach in den reformistischen Organisationen zu verbreiten , so dass sich die letzten einzelnen ehemaligen FFS- Gruppen in den sechziger Jahren altersbedingt auflösten.

Ausblick

Stellten FFS- Mitglieder im Jahre 1949 noch die Behauptung auf, dass "in Deutschland die Arbeiterbewegung um 100 Jahre zurückgeschlagen (sei), so lassen sich heute weitere 54 Jahre dazuaddieren. Noch immer gilt der Satz, "dass wir wieder von vorne anfangen müssen". Die aktuell anhaltenden kapitalistischen Krisenerscheinungen und der darauf folgende rigorose Abbau des "Sozialstaates" bei gleichzeitigem Versagen der sozialpartnerschaftlichen "Gewerkschaften" (aktuell besonders der IG- Metall) bieten jedoch die Rahmenbedingungen für eine Renaissance anarcho-syndikalistischer Theorie und Praxis, welche weniger von dem Spannungsverhältnis zwischen Idee und reformistischer Praxis geprägt sein wird. Die eingangs angeführten drei Entwicklungsmöglichkeiten des Syndikalismus können schon bald der Vergangenheit angehören, wenn der Anarcho-Syndikalismus nicht nur als eine Ideengemeinschaft, sondern viel mehr als bisher auch als eine praktikable Interessensgemeinschaft wahrgenommen werden wird.

H. (FAU- Bremen)

Aus: "Direkte Aktion" Nr. 159 (2003)

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu


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Syndikalismus nach 1945 - Teil 2

International zeichneten sich nach der Niederlage der internationalen ArbeiterInnenklasse im Spanischen Krieg (1936 – 1939) drei Möglichkeiten syndikalistischer Entwicklung ab: 1. Marginalisierung des Syndikalismus durch (dogmatische) Prinzipientreue. 2. Verwässerung der Prinzipien durch Kursänderung Richtung Reformismus und 3. Auflösung der Organisation, bzw. Übertritt in andere Organisationen.

Wie orientierten sich die den 2. Weltkrieg und die NS- Herrschaft überlebenden deutschen Syndikalisten? Welche Möglichkeiten bietet uns der Syndikalismus heute?

Trotz der Unterbrechung syndikalistischer Entwicklung in Deutschland zwischen 1933 und 1945 durch die faschistische Diktatur des Nationalsozialismus kann hier eine einheitliche und relativ gleichmäßige Linie konstatiert werden, sowohl in der Haltung der Anarcho- Syndikalisten in der Tarifvertrags- als auch in der Betriebsrätefrage. Die Mitglieder der FFS (Föderation freiheitlicher Sozialisten) knüpften in den vierziger Jahren unmittelbar an ihre mehrheitlich bejahenden Überzeugungen der dreißiger Jahre an, ohne dabei ihr Ideal einer freien Gesellschaft auf föderalistisch- anarchistischer Grundlage aufzugeben. Der Unterschied in den Verknüpfungen der von van der Linden und Thorpe genannten Möglichkeiten eins mit zwei sowie der Möglichkeiten eins mit drei ist hier rein formeller Art, nämlich die Aufgabe der Reorganisation der alten FAUD zugunsten des Übertritts der bedeutendsten ehemaligen FAUD- Mitglieder in andere (reformistische) Organisationen unter Wahrung der Prinzipien auf ideeller Ebene in der FFS: „(Es) kann davon ausgegangen werden, dass sich die Mehrzahl der gewerkschaftlich engagierten FFS- ler damit abgfunden hatte, nur in den ‚Zentralgewerkschaften’ zu arbeiten; die FFS dagegen aber als ihre eigentliche ‚politische’ (anarchosyndikalistische) ‚Ideenorganisation’ anzusehen." Zugleich blieb es das langfristige Ziel der Anarcho- Syndikalisten unter den auf ihrem Wege noch zu schaffenden besseren eigenen Voraussetzungen (die FFS - als Ideenorganisation - fasste lediglich etwa zwischen 150 und 400 Menschen in 30 Orten - ganz ähnlich wie die FAU heute) und der Veränderung der gesellschaftspolitischen Umstände mittels eigenem tatkräftig- überzeugendem Einsatz in den Kommunen (auch Kommunalparlamenten) und lokalen Gewerkschaftsverbänden ein erneutes Gegengewicht zu den Zentralgewerkschaften und Parteien aufzubauen: „Unser Ziel muss sein, unsere Ideengänge in weitestem Umfange in den bestehenden Gewerkschaften zu verbreiten... Sollten sich aber örtlich oder bezirklich Situationen ergeben, die eine Gründung syndikalistischer Gewerkschaften notwendig erscheinen lassen, dann ist es erforderlich, dass unsere Ortsföderationen ihre Pflicht erfüllen..." Die FFS sei zunächst ein „Notbehelf, der sobald wie möglich dem vollendeteren Organisationsgefüge der föderierten Produktions- Syndikate aller Richtungen und Arbeitsbörsen weichen muß". In dieser Hinsicht spekulierten FFS- Aktive damit, dass sich ganze Belegschaften, nicht zuletzt aufgrund betrieblicher anarcho- syndikalistischer Überzeugungsarbeit geschlossen von den Zentralgewerkschaften lösen und sich anarcho- syndikalistisch organisieren würden.

Die FFS konnte zwar ihrem Anspruch auf Wahrung der Ideen des Anarchismus und Syndikalismus gerecht werden, zugleich gelang es ihr weder, sie an die jüngeren Generationen, noch diese ihrer eigenen strategischen und primären Zielsetzung nach in den reformistischen Organisationen zu verbreiten, so dass sich die letzten einzelnen ehemaligen FFS- Gruppen in den sechziger Jahren altersbedingt auflösten.

Zwanzig Jahre FAU-IAA seit 1977

Im Jahre 1977 wurde die FAU zunächst als „Initiative Freie Arbeiter Union" (I-FAU) wiedergegründet. Sie befand sich jedoch im gleichen Dilemma, wie die beiden Vorläuferorganisationen FAUD und FFS. Mehrheitlich wurde und wird die Einflussnahme über Betriebsräte und Tarifverträge kategorisch abgelehnt. Ein revolutionärer Pragmatismus, wie er in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre von der FAUD und nach 1945 von der FFS praktiziert worden ist, unterliegt hier gut gehüteten basisdemokratischen Prinzipien. Die Rolle und Bedeutung der FAU-IAA beschrieb Wolfgang Haug 1997 im „Schwarzen Faden" (Nr. 61) folgendermaßen: „Sie (die FAU) wollte in erster Linie eine Gewerkschaftsorganisation sein, aber als Gewerkschaftsorganisation konnte sie ihren Mitgliedern bislang nichts anbieten. Es blieb bei einer Ideenorganisation (...) Eine Ideenorganisation, die die verschiedenen Strömungen des Anarchismus aufnimmt und ihnen einen organisatorischen und politischen Rahmen verpasst, wollte die FAU nie sein, obwohl ihr historisch genau diese Rolle zufiel, weil es keinen anderen ernstzunehmenden anarchistischen Organisationszusammenhang gab. (...) Gewerkschaftsarbeit (Betriebsarbeit, ohne wirkliche Verankerung in den Betrieben) oder Organisierung anarchistisch gesinnter Individuen und damit Ausrichtung der politischen Arbeit an den Sozialen Bewegungen. In dieser Gespaltenheit haben sich x- GenossInnen folgenlos aufgerieben."

Ausblick: Die FAU-IAA seit 1998

Stellten FFS- Mitglieder im Jahre 1949 noch die Behauptung auf, dass „in Deutschland die Arbeiterbewegung um 100 Jahre zurückgeschlagen (sei), so lassen sich heute weitere 54 Jahre dazuaddieren. Noch immer gilt der Satz, „dass wir wieder von vorne anfangen müssen".

Die aktuell anhaltenden kapitalistischen Krisenerscheinungen und der darauf folgende rigorose Abbau des „Sozialstaates" bei gleichzeitigem Versagen der sozialpartnerschaftlichen „Gewerkschaften" (aktuell besonders der IG- Metall) bieten jedoch, wie bereits aufgezeigt worden ist, die Rahmenbedingungen für eine Renaissance anarcho- syndikalistischer Theorie und Praxis, welche weniger von dem Spannungsverhältnis zwischen Idee und reformistischer Praxis geprägt sei wird. Die eingangs angeführten drei Entwicklungsmöglichkeiten des Syndikalismus können schon bald der Vergangenheit angehören, wenn der Anarcho- Syndikalismus nicht nur als eine Ideengemeinschaft, sondern viel mehr als bisher auch als eine praktikable Interessensgemeinschaft wahrgenommen werden wird. Seit 1998 ist ganz in diesem Sinne ein Trend hin zu praktischer syndikalistischer Tätigkeit zu beobachten. Löhne werden eingetrieben, den skandalösen Arbeitsbedingungen bei der „Lebenshilfe" zum Teil Einhalt geboten, Lernende am „Institut für Erwachsenenbildung" Bremen werden nach zunächst erfolgter Absage doch noch zugelassen - haben jetzt Abitur, und auch in den boomenden Sektoren der prekarisierten-, sowie der Zwangsarbeit sind die Syndikalisten der FAU präsent. Die FAU gewinnt an syndikalistischem Profil. Was ist zu tun?

Anmerkung: Die Zitate stammen, wenn nichts anderes angegeben ist, auf Hans Jürgen Degen: Anarchismus in Deutschland 1945 - 1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten, Ulm 2002

H. und M.V. (Syndikat der Lohnabhängigen und Erwerbslosen – FAU- Bremen)

Aus: Direkte Aktion Nr. 160

Originaltext:
www.fau-bremen.de.vu


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Zukunftsperspektiven des Syndikalismus

Der Text ist unter der Überschrift „Syndikalismus nach 1945, Teil III" in der DA Nr. 161 erschienen. Zuvor erschien er in der "Bremer Aktion" Nr. 11

Der Abbau sozialer Errungenschaften ist in vollem Gang. Umfassende Gesundheitsversorgung wird in Zukunft ausschließlich das Privileg der „Besserverdienenden" sein. Der Chef des Technologiekonzerns Infineon, Ulrich Schuhmacher, fordert die Einführung der 7-Tage-Woche. Mit der Agenda 2010, Hartz und Rürup wird sich die Republik schneller und gründlicher in Richtung eiskalter kapitalistischer Anti-Gesellschaft verändern. Es zählen nur noch die Interessen der Wirtschaft. Der Widerstand dagegen ist noch schwach. Welche Perspektiven für den revolutionären Syndikalismus können aus dieser Situation entstehen, was hat er an Alternativen anzubieten?

Trotz der beständigen Hetzwellen gegen die reformistischen und laschen DGB- Gewerkschaften in den bürgerlichen Medien, die als Angriff auf die Organisationen der ArbeiterInnen generell begriffen werden müssen und einer nahezu absoluten Dominanz von Wirtschaftsbossen und Politikern, die für die Beschneidung und Abschaffung erkämpfter ArbeiterInnenrechte die Trommel schlagen, bemerke ich in „meinem" Betrieb eine deutliche Bewusstseinsveränderung der KollegInnen. Zunehmend wird ihnen bewusst, dass sie nur das Arbeitsvieh sind, das von Bossen, Staat und Regierung beliebig ausgebeutet wird. Die Agenda 2010, Hartz und das ständige Rumgejammere der Wirtschaftsbosse über längere Arbeitszeiten und höheres Rentenalter haben die Streikbereitschaft deutlich steigen lassen. Ganz besonders bei emigrierten KollegInnen, die aus Ländern gekommen sind, in denen der Streik als taugliches Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen Praxis ist. Natürlich ist diese kurze Zustandsbeschreibung subjektiv. Ich kann nicht für andere Branchen sprechen. Für den Bereich, den ich überblicken kann, finde ich, dass dies zutrifft. Ich arbeite in einer Firma, die im Bereich Müllentsorgung, Gartenarbeiten, Möbeltransporte und Recycling tätig ist. Also körperliche und „schmutzige" Arbeit, mit all ihren negativen gesundheitlichen Folgen und der Hochnäsigkeit wohlhabender Kundschaft. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass körperliche Arbeit von der bürgerlichen Klassengesellschaft als weniger „respektabel" angesehen wird als z.B. Bürotätigkeiten. Was auch an der viel schlechteren Bezahlung deutlich wird.

Die Bewegung gegen den Sozialabbau mitprägen

In den Kommissionen zu den Sozialabbau- Konzepten der Hartz- Kommission und der Agenda 2010 bestimmten hochrangige DGB- Funktionäre bei den Beratungen die Richtung mit. Sie tragen den Sozialabbau damit aktiv mit. Als Glanzleistung haben sie mit dem Abschluss von Tarifverträgen mit Zeitarbeitsfirmen zur Legalisierung der Leiharbeit im großen Stil beigetragen. Sie haben Schützenhilfe für Niedriglohn und Unsicherheit zugunsten der Sklavenhändler geleistet. Sein Ansehen unter den ArbeiterInnen ist dadurch rapide gesunken. Und das ist gut so. Es ermöglicht uns, stärker gehört und als Alternative wahrgenommen zu werden, denn wir sind eine andere Gewerkschaft. Eine revolutionäre, die mit klaren Zielen von gesellschaftlicher Selbstverwaltung, ArbeiterInnensouveränität, Gleichberechtigung der Geschlechter, Selbstbestimmung des Menschen und antirassistisch antritt. Wir haben Ideen und Vorstellungen, die wir unseren erwerbslosen und erwerbstätigen KollegInnen anbieten können. Unsere Kampfmethoden sind effektiv. Direkte Aktionen, Streik, Boykott und vor allem die Solidarität als Lohnabhängige und Ausgebeutete untereinander. Wichtig ist, dass wir Anarcho- SyndikalistInnen klare Orientierungen geben. In den Bewegungen und Bündnissen gegen die Hartzkonzepte und den Sozialabbau waren AnarchosyndikalistInnen von Anfang an aktiv. Aufpassen müssen wir dabei vor den Möchtegern- Berufspolitikern in den verschiedenen linken Kleinstparteien, die mit großen Phrasen versuchen werden, sich an die Spitze der kommenden sozialen Bewegung zu setzen. Hier gilt es, unsere Form der direkten Demokratie bei den Bündnistreffen zu praktizieren und gegen Angriffe, die auf die Einführung von Stellvertreterpositionen zielen, durchzusetzen. Genauso muss der dümmlichen Orientierung auf Forderungen an die DGB- Gewerkschaften entgegengetreten werden. Der DGB- Apparat steht auf der anderen Seite der Barrikade. Für unsere Interessen müssen wir schon selber eintreten, wenn wir erfolgreich sein wollen. Gleichzeitig - wir können das bereits sehen - werden auch viele unabhängige Gruppen aus der radikalen Linken, die den Klassenkampf für sich entdecket haben, diese Bewegung mittragen. Das ist zu begrüßen; allerdings dürfen wir dabei nicht übersehen, dass diese oftmals AktivistInnen mit akademischen Hintergrund sind. Ihr Interesse am Klassenkampf leitet sich oftmals aus theoretischen und strategischen Erwägungen ab. Sie wollen wie wir eine soziale Revolution. Nur ihr Hintergrund dafür ist ein anderer als unserer. Unsere soziale Existenz ist durch den Kapitalismus beständig bedroht. Wir haben ein elementares, existenzielles Interesse, ihn zu beseitigen. Und im Anarcho- Syndikalismus eine in der Praxis geformte und erwiesene Waffe und Strategie zur Verteidigung gegen Angriffe, als auch zum Aufbau einer neuen, freien, klassenlosen Gesellschaft. Das bedeutet viel Verantwortung für uns. Denn wir müssen Orientierung geben. Außer uns verkörpert niemand eine solch deutliche und organisierte Zielvorstellung der Freiheit und Würde der ausgebeutete Menschen. Andere „revolutionäre" Gruppen oder Bewegungen wollen selber an die Macht und zu neuen Ausbeutern werden. Deshalb ist die FAU so wichtig. In ihr liegt der Kern für eine zukünftige organisierte syndikalistische Bewegung der ArbeiterInnen, die auf Gleichheit und Selbstorganisation beruht.

Oftmals ist die Situation die, dass AnarchosyndikalistInnen alleine in einem Betrieb arbeiten. Hier ist die Unterstützung der GenossInnen vor Ort aus den lokalen Gruppen und Syndikaten notwendig. Der Austausch und die Diskussion über die Situation in den Betrieben, in denen FAU- Mitglieder arbeiten, muss ständig sein. Die GenossInnen müssen wissen, was im Betrieb XY passiert, wie die Stimmung ist, wie die Kräfteverhältnisse liegen, um in vielfältiger Form die GenossInnen im Betrieb zu unterstützen und eingreifen zu können. Z.B. müssen viel mehr Informationen über uns, unsere Ziele und unsere Arbeit zu den KollegInnen in die Betriebe getragen werden. Dazu dient auch die „Direkte Aktion" als einzige bundesweite anarchosyndikalistische Zeitung, und die stets aktualisierte Webseite der FAU- IAA. Auch muss mit falschen Vorstellungen individueller Gegenwehr gebrochen werden. Oft wird das Blaumachen als Gegenwehr gegen unerträgliche Arbeitsbedingugnen und Vorgesetzte propagiert. Doch Blaumachen ist nur eine Möglichkeit unter vielen, um Luft zu holen. Und AnarchosyndikalistInnen, die oft blau machen, bauen keine Betriebsgruppen auf und gehen der Konfrontation mit Vorgesetzten und Geschäftsleitung oder DGB- Funktionären aus dem Weg. AnarchosyndikalistInnen sollten mit Beispiel vorangehen und Widerstand praktizieren. Propagiert werden muss der gemeinsame Widerstand aller im Betrieb beschäftigten Lohnabhängigen. Denn Syndikalismus ist Frontkampf. Dabei geht es nicht darum, von heute auf morgen eine Betriebsgruppe zu schaffen, so wünschenswert das auch ist. Wichtig ist erst mal, dass wir als KollegInnen respektiert werden und unsere KollegInnen wissen, dass wir zu dem stehen was wir von uns geben. Gerade jetzt, mit den Regierungs- Angriffen durch die Agenda 2010 fragen sie uns um unsere Meinung. Und wir sollten alle gesetzlichen Rechte, die sich Gewerkschaften bieten, nutzen. Wir müssen dazu übergehen, Betriebsversammlungen einzuberufen, selbstverständlicher im Betrieb aufzutreten, schwarze Bretter für unsere Gewerkschaftsinformationen nutzen und unsere Infos auf den Arbeitsstellen verteilen. Dabei müssen wir eine kontinuierliche Präsenz und Information in Betriebe und auf den Arbeits- und Sozialämtern entwickeln. Und, wie ich finde, müssen wir auch das „heiße Eisen" syndikalistischer Betriebsräte anfassen. Die Diskussion über sie sollten wir stärker an pragmatischen Gegebenheiten ausrichten, als an einer „reinen Lehre". Denn manchmal wären sie eine Möglichkeit der festen Verankerung anarcho- syndikalistischer GenossInnen und Positionen im Betrieb. Klare organisatorische Beschlüsse könnten Befugnisse und Arbeitsweisen syndikalistischer Betriebsräte regeln. Diese Diskussion wird innerhalb der internationalen anarcho-syndikalistischen Bewegung seit Jahrzehnten immer wieder geführt und brachte die unterschiedlichsten Ergebnisse. Wenn SyndikalistInnen nicht auf DGB- Listen kandidieren wollen und sollen, muss diese Diskussion geführt werden.

Rückbesinnung auf Klassenkampf und Selbstorganisation

Wir müssen uns auf das Ursprüngliche zurückbesinnen. Den Widerstand, den Klassenkampf, die Selbstorganisation, den Anspruch, unser Leben gut, würdig und frei leben zu können. Wir stehen noch am Anfang und müssen in der Lage sein, unsere KollegInnen, die Menschen unserer Klasse auf allen nur möglichen Wegen zu erreichen. Dazu gehört auch das Reden in Versammlungen, die Erklärung unserer Perspektiven, unserer Ziele. Bücher sind gut und Wichtig. Nur meistens fehlt den KollegInnen die Zeit dazu. Gerade diejenigen, die mehrere Jobs und Kinder unter einen Hut bringen müssen, haben dazu kaum Gelegenheit. Deswegen ist die freie Rede und das persönliche Gespräch eine Möglichkeit der Information, wenn wir dies handhaben ohne aufdringlich zu werden. Das Weitere ist die Schaffung anarcho- syndikalistischer Zentren, wie etwa in Berlin oder Leipzig, in denen soziales Leben und Information stattfindet.

Bei all diesen Gedanken zu betrieblicher Arbeit noch ein (leider hier nur kurzer) Blick auf die Erwerbslosigkeit. Die Kapitalistenverbände fordern vehement die Verlängerung von Lebensarbeitszeit, Überstundenbereitschaft und 7- Tage Woche. Ihnen geht es nur um den eigenen Profit, den eigenen Wohlstand. Denn die Millionen Erwerbslosen werden auch als Druckmittel gegen die Beschäftigten benutzt. Es ist deshalb notwendig, offensiv für Arbeitszeitverkürzungen einzutreten und Überstunden abzulehnen. So können neue KollegInnen eingestellt werden. Ähnlich liegt es mit den befristeten Arbeitsverträgen. Diese müssen in unbefristete umgewandelt werden, um die existenzielle Sicherheit der Arbeiterinnen und Arbeiter zu erhöhen. Darüber hinaus erschweren befristete Arbeitsverträge auch das feste Verankern von Gewerkschaften im Betrieb. Denn die Menschen sind die Träger von Ideen und propagieren den Einsatz für unsere Interessen als Lohnabhängige.

Generell muss die Spaltung zwischen erwerbsarbeitenden und erwerbslosen KollegInnen aufgehoben werden. Und das geht am besten mit der gemeinsamen Organisation zum gemeinsamen Kampf in der syndikalistischen Gewerkschaft.

Selbstverwaltung der freien Gesellschaft

Armut, Unterdrückung, mangelnde Gesundheitsversorgung und vieles negative weitere sind Bestandteil kapitalistischer Herrschaft. Diese Herrschaft zu beenden und ein gleichberechtigtes Leben in Wohlstand und Selbstbestimmung für alle zu erkämpfen, ist das Ziel des Anarcho- Syndikalismus. Nicht die Wahl einer Partei oder die Hoffnung auf andere wird uns diesem Ziel näher bringen. Nur unser eigenes Eintreten, der Aufbau einer großen, kämpfenden und starken syndikalistischen Bewegung kann dies leisten. Um uns selber müsse wir uns selber kümmern. Im Hier und Jetzt gilt es, uns die Fähigkeiten anzueignen, die Betriebe in ArbeiterInnenhände zu übernehmen um sie dann nach der Revolution zu leiten und damit den Bedarf der Bevölkerung an den unterschiedlichsten Produkten zu gewährleisten. Und dies beginnt damit, sich über die eigene Situation klar zu werden, und in der Selbstorganisation in der syndikalistischen Gewerkschaft. Es geht um unsere menschliche Würde und Freiheit.

H. und M.V. (Syndikat der Lohnabhängigen und Erwerbslosen - FAU- Bremen)

Aus: "Direkte Aktion" Nr. 161

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu


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