Helmut Rüdiger - Diskussionsbrief an einen Freund über J. P. Proudhon und den Syndikalismus (Hagalund, 31. 3. 1949)

... Ich bin vollkommen Deiner Meinung insofern, als der Syndikalismus allein die anarchistischen Ideen in ein Verhältnis zur Arbeitermasse bringen kann - der großen Menge der Bevölkerung, deren Lage doch verbessert oder grundsätzlich geändert werden soll. Stets habe ich die Arbeiterbewegung als natürliche Grundlage aller freiheitlich-sozialistischen Bestrebungen betrachtet. So viel die heutigen syndikalistischen Bewegungen zu wünschen übrig lassen, so ist es ein Glück, daß sie überhaupt bestehen. Ich wünsche nun allerdings, die rein syndikalistische – ich meine gewerkschaftliche - Auffassung des Sozialismus durch die genossenschaftliche - kooperative zu ergänzen; ich glaube im Gegensatz zum Marxismus nicht an "Missionen" bestimmter Klassen in der menschlichen Geschichte, sondern möchte den Sozialismus auf eine freiheitlich-humanistische Grundlage gestellt sehen: ich sehe im Klassenkampf eine Realität und nehme stets die Partei der Arbeit gegen das Kapital - ich bin jedoch im Gegensatz zu den Marxisten nicht der Meinung, daß die Mechanik des Klassenkampfes nach geheimnisvollen dialektischen Gesetzen automatisch mit dem Umschlagen des Kapitalismus in den Sozialismus endet; ich lehne überhaupt die Einteilung der Gesellschaft in zwei oder drei Klassen ab und sehe die ganze Sozialstruktur viel komplizierter und vor allem als eine ständig im Fluß befindliche Sache an - der Fluß der Entwicklung geht durchaus nicht in die Richtung der vom Marxismus vorausgesehenen Vereinfachung der Klassenverhältnisse-; ich glaube vor allem nicht an die einfache Mechanik des Zusammenhangs zwischen materiellen Interessen und politischer Gesinnung, die Marx und Bakunin als gegeben betrachteten - aber ich halte es für ganz selbstverständlich, daß wir freiheitlichen Sozialisten an die unmittelbaren Interessen und die wirtschaftlichen Organisationen der arbeitenden Massen anknüpfen, auf sie aufbauen müssen. Verglichen mit jedem philosophischen Anarchismus, der diese Notwendigkeit leugnet, ist der Syndikalismus ein unleugbarer Fortschritt. In diesem Sinne bin ich stets Syndikalist gewesen und nenne mich übrigens auch heute noch stets so, - schon deshalb, weil das immer noch die beste Abgrenzung gegen allen Parteisozialismus usw. ist.  Aber ich bin der Meinung, daß der Syndikalismus - der doch wohl im Wesentlichen auf die sog. Erklärung von Amiens zurückgeht, die 1906 angenommen wurde - allzutief im klassischen Marxismus steckte und zum Teil überholt ist. Der Begriff muß eine Umdeutung erfahren, und wir müssen diesen Tatsachen offen ins Auge blicken.

Die Amienserklärung war eine Art Synthese zwischen der Geschichtsauffassung des Marxschen Kommunistischen Manifestes und der freiheitlichen Forderung. Man ging davon aus, daß die - angenommenen - gemeinsamen oder immer klarer gemeinsam werdenden Interessen des Proletariats die sichere Voraussetzung einer organisatorischen Einheit zwischen allen Arbeitern schaffen würden, und daß sich auf der Basis dieser gemeinsamen Organisation auch ganz organisch - besser gesagt mechanisch - eine gemeinsame "Ideologie" entwickeln würde. Eine "Ideologie" war ja nach der als selbstverständlich angenommenen marxistischen Deutung nur das Spiegelbild der wirtschaftlichen Interessen. Seitdem sind 43 Jahre vergangen. Die Arbeiterklasse ist wohl heute gruppenmäßig stärker differenziert als damals, die Mittelklassen sind nicht verschwunden, nur umgeformt worden, auch neue nichtproletarische Gesellschaftsschichten sind entstanden. Vor allem ist keinerlei internationale Vereinheitlichung der Lage des Proletariats eingetreten. Ebensowenig hat sich die Arbeiterbewegung im Sinne einer einheitlichen politischen Auffassung entwickelt. Im Gegenteil: Im Großen und Ganzen stehen die Arbeiter der Welt zu den staatlichen Machtblöcken, in deren Bereich sie wirksam sind. Mit der Variante, daß in den demokratischen Ländern verschiedene Richtungen der Arbeiterbewegung, die nicht durch verschiedene Lohnstufen bestimmt sind, in bitterem Kampfe gegeneinander stehen. Große Massen wollen auf dem Wege einer Ausnutzung der demokratischen Freiheiten ihre Lage verbessern. Millionen aber sehen in der totalen Abschaffung der Freiheit zugunsten einer staatstotalitären Diktatur die einzige Voraussetzung für die Lösung der sozialen Frage. Es wäre lächerlich, wenn wir Syndikalisten in dieser Lage glaubten, durch einen gutgemeinten Hinweis auf die Weisheiten von 1906 die Arbeiter zum Eintritt in unsere Organisation auffordern zu können. Es zeigt sich, daß die Frage der Stellungnahme zum sozialen Kampf nicht allein von sozialen Gesichtspunkten abhängig ist. Vielmehr tobt auch ein weltweiter Kampf um die Freiheit. Innerhalb der Demokratie geht es um Ausweitung oder Einschränkung der Staatsmacht. In all diesen Fragen stehen die Arbeiter gegen Arbeiter und Bürger gegen Bürger, es handelt sich nicht um einfache Klassenfronten. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit besteht außerdem noch, er ist aber nicht der einzige die Welt bewegende Gegensatz, nur einer von mehreren. Selbst der Name Arbeiterbewegung hört auf ein sinnvoller Begriff zu sein, wo Millionen Anhänger der demokratischen Freiheiten gegen Millionen Gegner der demokratischen Freiheiten stehen - Arbeiter gegen Arbeiter. Ich finde nichts merkwürdiges daran, daß es so ist. Ich finde es natürlich; nur ein Marxist, der der Arbeiterklasse gewisse naturnotwendige Eigenschaften und Ideen zuschreibt, kann sich über diesen Zustand wundern. Der Syndikalismus wird niemals die ganze Arbeiterschaft repräsentieren können. Er vertritt vielmehr den freiheitlichen Gedanken in der sozialistischen Bewegung. Daraus müssen aber verschiedene theoretische und praktische Konsequenzen gezogen werden.

Erinnert Euch stets daran, daß auch der spanische Syndikalismus nicht die ganze spanische Arbeiterschaft vertritt, sondern organisatorisch gesehen die Hälfte. Daß der spanische Syndikalismus die andere Hälfte "absorbieren" kann, glaube ich nicht. Weder durch kluge Propaganda noch durch Gewalt, d.h. Diktatur, womit der Syndikalismus außerdem sich selbst verleugnen würde. Der spanische Syndikalismus muß durch Diskussion mit der anderen Richtung in der Arbeiterbewegung zu einer gemeinsamen Plattform zu kommen suchen, sei es von Tag zu Tag, sei es für größere Zeiträume. Den totalitären Anarchismus, der z.B. in der von spanischen syndikalistischen Emigranten zu Toulouse im Februar 1949 angenommenen Resolution über antifaschistische Aktion zum Ausdruck kommt, lehne ich ab. Übrigens spricht die ganze tatsächliche Entwicklung der CNT dagegen. Die Wirklichkeit war stets stärker als diese absolutistische Theorie. Und nun noch eins zum Thema Spanien. Der spanische Syndikalismus, besser gesagt Anarchismus, ist nicht als reine Arbeiterbewegung so stark und mächtig geworden. Natürlich organisiert er Arbeiter - aber er ist im Grunde ein Appell an nationale Traditionen, uralten Individualismus, Überlieferungen religiöser Toleranz und Erinnerungen an Gemeinde- und Regionalfreiheiten unter der arabischen Zeit, die Kämpfe der Bauern und Bürger des ausgehenden Mittelalters usw. Stark und bewußt knüpft der spanische Anarchismus an diese Ideen an. Er ist zum Teil ein Ausdruck für die internationalen Gedankengänge des Syndikalismus. Zum anderen ist er die Auswirkung der spanischen, besser gesagt iberischen Geschichte auf die spanische Arbeiterbewegung. Ein Beispiel dafür, wie wenig der Syndikalismus sich selbst genügt. Übrigens ist dies ja auch nicht Deine Meinung. Ich möchte nur etwas weiter gehen und all dies anführen zur Mitbegründung einer tieferen freiheitlich-sozialistischen Motivierung des ganzen Syndikalismus und als Argumente für die Abstandnahme von der naiv übernommenen marxistischen Klassentheorie. Ich behaupte, daß viele, die in der heutigen Diskussion in unseren Reihen Treue zu den überlieferten Prinzipien statt Neudenken wollen, im Grunde weiter nichts verteidigen als längst abgestorbene und verfaulte Theorie des Kommunistischen Manifestes - an denen der intelligente Marxismus längst nicht mehr festhält. Im Gegenteil. Eine ganze Anzahl linker, unabhängiger Marxisten haben sich in den letzten Jahren vor allem nach Spanien, organisch zum freiheitlichen Sozialismus hinentwickelt. Ich erinnere an gewisse Kräfte des spanischen POUM, der englischen ILP, Personen wie Jeff Last und George Orwell, Dwigth MacDonald / Politics in USA, usw. Diese Kräfte wirken heute bezeichnenderweise für die Vereinigten Sozialistischen Staaten Europas - dieses Problem ist tatsächlich ein zentrales für unsere Zeit - von Bedeutung sowohl im Kampfe für den Frieden wie für den Sozialismus.

Ich habe die Meinung zum Ausdruck gebracht, daß unsere Bewegung gerade in diesem Augenblick wieder stärker an die Denkweise, nicht an die Rezepte Proudhons anknüpfen solle. Du bist darüber erstaunt. Ich habe oft, - in diesem Falle ziele ich nicht auf Deine Briefe - den Eindruck bekommen, daß unsere Genossen der Meinung waren, die Entwicklung des Anarchismus von Proudhon über Bakunin zu Kropotkin sei in allen Punkten ein objektiver Fortschritt, so daß also Proudhons Theorien gegenüber denen Bakunins, dessen Lehren wiederum gegenüber denen Kropotkins eine primitivere Stufe darstellen, während der Syndikalismus, in den späteren Lebensjahrzehnten Kropotkins ausgebildet, eine weitere oder gar die definitive Vollendung verkörpere. Eine Erscheinung wie Landauer z.B. läßt sich bei dieser Betrachtungsweise schwer historisch klassifizieren; man begnügte sich wohl auch damit, seinen Fall als eine Kuriosität anzusehen.

Nun kann man unsere großen anarchistischen Denker nicht einfach auf bestimmte Formeln bringen. Sie waren reiche und komplexe Persönlichkeiten, und auch ihre Lehren enthalten ganz verschiedene Elemente. Bakunins Ausdeutung der marxistischen Theorien über die Entwicklung des Proletariats zum sozialistischen Denken wirken heute einfach naiv - geradezu als eine Vergröberung der immer noch differenzierten marxistischen Auffassungen. Aber sein Freiheitsappell, seine Gedanken gegen den Absolutismus der Wissenschaft, vor allem seine zahlreichen föderalistischen Projekte und anderes wirken heute hochaktuell. Kropotkins Memoiren sind eines der schönsten Zeugnisse reinen Menschentums, seine Gegenseitige Hilfe ein Evangelium der Güte - diese Bücher werden gelesen werden, solange Menschen leben, um sie zu sozialem Denken und sozialem Opfergeist anzuregen. Seine Gedanken über technische Dezentralisierung haben vielleicht eine große Zukunft. Ich will aber hier die drei Denker nach den von ihnen verkörperten Vorstellungen vom sozialistischen Ziele charakterisieren. Von diesem Gesichtspunkte aus war Proudhon der Vertreter eines freiheitlichen Genossenschaftssozialismus, in dessen gerechter Ordnung verschiedenen Wirtschafts- und Betriebsformen im Rahmen einer gemeinsamen Markt- und Kreditorganisation nebeneinander existieren. Bakunin war "Kollektivist", nach der Ausdrucksweise jener Zeit, - er war für Totalsozialisierung im Marxschen Sinne und meinte, der Anteil des einzelnen Arbeiters an den erzeugten Gütern werde durch seine individuelle Leistung bestimmt, - jeder der Sohn seiner Werke; Kropotkin lehnte diesen Gedanken ab und war der Auffassung, in einer neuen Gesellschaftsordnung könne jeder, ohne Bemessung der Arbeitsleistung, einfach nach seinen Bedürfnissen konsumieren. Kommunistischer Anarchismus, in Spanien freiheitlicher Kommunismus, comunismo libertario genannt. Daß in einer gerechten Ordnung jeder "nach seinen Fähigkeiten" arbeiten würde, sah Kropotkin als gegeben an. Ich bin allerdings der Meinung, daß er damit das, was bestenfalls das Ergebnis einer langen sozialen Erziehung sein kann, ganz einfach zur Voraussetzung des Sozialismus machte. Ich gehe sogar noch weiter: ich meine, der Konsum wird immer von der Leistung bestimmt werden. Menschen müssen das Recht auf Faulheit haben, wenn sie sich mit einer geringeren Menge Konsumgüter begnügen wollen, und Mehrarbeit muß durch eine höhere Menge Konsumgüter belohnt werden; der Fleißige kann nie für den Faulen arbeiten. Ein vernünftiger und anständiger Faulenzer wird auch nie die Arbeitsleistung des Fleißigen beanspruchen.

Was abgeschafft werden soll, ist ja gerade das arbeitslose Einkommen; es soll nicht mehr so sein, daß man besseres Einkommen erzielt, wenn man eine bequemere Arbeit zu verrichten das Privileg hat, und das der Reichste überhaupt nicht zu arbeiten braucht.  Schon Malatesta bezeichnete Kropotkin als einen "frommen Optimisten". Meiner Ansicht nach ist seine Theorie über den freiheitlichen Kommunismus das Endprodukt der optimistisch - aufklärerischen Strömung des 19. Jahrhunderts, deren Grundlagen in den letzten 35 Jahren, seit 1914, zusammengebrochen sind. Kropotkin war der Auffassung, daß die sich ausbreitende naturwissenschaftliche Erkenntnis und Volksaufklärung den Menschen davon überzeugen werde, daß er gut ist; daß es zu einer Auslösung aller guten Kräfte kommen werde und der Sozialismus auf diese mit Sicherheit bald eintretende Entwicklung bauen könne. Diese Auffassung vom Zusammenhang wissenschaftlichen Fortschritts und menschlicher Psychologie hat sich als völlig irrig erwiesen. Die moderne Tiefenpsychologie in ihren verschiedenen Schulen hat die menschlichen Motivkomplexe in all ihrer Kompliziertheit und Widerspruchsvollheit bloßgelegt. In gewissen Fällen bedeuteten diese psychologischen Erkenntnisse sogar eine Art Rückkehr zur alten religiösen Auffassung vom radikal Bösen im Menschen, der Pessimismus Freuds. Technik bedroht die Menschheit mit dem Untergang. Nun ist es durchaus nicht so, daß es einfach gilt, die Atombombe den Händen einer Bande kapitalistischer Verbrecher zu entwinden, um sie in die Hände der Vertreter des Proletariats zu legen. Von Arbeiter- und Bauernmassen an die Macht gebrachte Regierungen herrschen in Rußland und Osteuropa, und es ist nicht sicher, daß diese Regierungen menschlicher denken und fühlen als die Regierungen des kapitalistischen Westens. Im Gegenteil, es ist anzunehmen, daß die alten herrschenden und besitzenden Klassen des Westens stärkere menschliche Hemmungen haben, als die neuen, aus der proletarischen Bewegung aufgestiegenen herrschenden Klassen des Osten, die an die Tradition von Ländern anschließen, in denen Demokratie und Toleranz noch gar keine Gelegenheit hatten, sich zu entwickeln. In diesen Ländern ist es gerade der Gedanke der vielgepriesenen Planwirtschaft im Interesse kommender Generationen, der die Führenden instandsetzt, rücksichtslos die Lebenden zu opfern. Gewiß kann man hier einwenden, das sei nicht die notwendige Folge einer auf Planwirtschaft eingestellten Denkweise. Das mag sein. Aber tatsächlich ist es auf weiten Gebieten die Folge solcher Ideen gewesen. Das sind "nur" Tatsachen, aber Tatsachen sind auch etwas wert. Zumindest muß man zugeben, daß zu einer menschlichen Planwirtschaft gewisse politische Voraussetzungen gehören, die in der Demokratie allein entwickelt werden können.

Tiefer gesehen scheint es mir notwendig, den Sozialismus auf festere Gründe zu bauen als leichtfertige optimistische Hoffnungen, die man mit einem einfachen demagogischen Appell an die Massen kombiniert. Die Theorie, daß es für die Menschheit gut gehen wird, wenn nur die Proletarier rücksichtslos ihre Interessen wahrnehmen, ist allzu einfach. Bakunin mit seiner leidenschaftlichen Anteilnahme an den großen politischen Bestrebungen seiner Zeit scheint die Zusammenhänge zwischen Klassenkämpfen und politischen Auseinandersetzungen deutlich verspürt zu haben. Man denke an seine Interessen für die Verwaltung Sibiriens, die Vereinigten Staaten Europas, die kommunistische Revolution in Frankreich und überhaupt für die Sache Frankreichs 1870, seinen Pessimismus nach dem deutschen Sieg.  Proudhons Denkweise scheint mir dem Leben viel näher zu sein als die der späteren anarchistischen Denker. Ich komme später noch darauf zu sprechen. Er ging aus von seinen Erfahrungen - als Arbeitersohn und Bauernenkel, als Kuhhirt und Arbeiter, als geschäftlicher Angestellter, und stand viel tiefer im Volksleben als die aristokratischen Idealisten Bakunin und Kropotkin. Es ist nicht so, wie Du in einem Deiner Briefe schreibst, daß Proudhon vom Liberalismus ausging. Proudhon war ein leidenschaftlicher Gegner des britischen Liberalismus und Freihändlertums. Von Anfang an bewegte ihn nur ein Gedanke, die Verbesserung des Loses der Arbeiterklasse, ja die Befreiung der Arbeiterklasse, wie er es schon als ganz junger Mensch formuliert. Sein leidenschaftlicher Kampf gilt dem Eigentum, er verteidigt die Sache der Eigentumslosen. Später definiert er das Eigentum, das er bekämpft, näher - er meint das Monopoleigentum.

Die Idee einer nichtstaatlichen sozialistischen Ordnung, die er allmählich ausbildet, macht er nicht abhängig von einer kommenden Revolution, die eine bestimmte soziale Klasse an die politische Herrschaft bringen soll. Er appelliert dagegen an konkrete soziale Interessen, die er augenblicklich im Sinne gegenseitiger Hilfe und gegenseitigen Kredits zu gerechtem Austausch organisieren will. Er strebt nicht nach einem plötzlichen und totalen Sozialismus, sondern spricht immer nur davon, was der nächste Schritt sein könnte, wenn er auch eine große historische Perspektive aufzeigt; die Überwindung aller politischen Herrschaft von Menschen über Menschen durch die Organisation der Arbeit auf der Grundlage der Gegenseitigkeit der Interessen, Mutualismus. Sein Sozialismus war vor allem eine neue Organisation des Marktes und des Kredits. Innerhalb dieses Rahmens waren verschiedene Wirtschafts- und Betriebsformen möglich. Später verband er diese Vorstellungen immer mehr mit den Ideen des politischen Föderalismus, einer dezentralisierten internationalen Demokratie. Ich glaube, daß all dies grundsätzlich modernen Ideen viel näher kommt als die allzu idealistischen und allzu einheitlichen totalsozialistischen oder kommunistischen Vorstellungen Kropotkins oder des späteren Syndikalismus. Diese ganze Denkweise zielt auf einen vielförmigen genossenschaftlichen Sozialismus, in dem auch ein privater Sektor möglich, ja nötig ist. Nach diesen allgemeinen Bemerkungen über die drei größten anarchistischen Denker möchte ich einiges über Proudhon sagen und seine Denkweise einigermaßen klarzumachen versuchen, ehe ich einige Thesen für die Stellungnahme zum modernen Sozialismus zu formulieren unternehme. Es ist wirklich wichtig, sich einmal darüber klar zu werden, daß Proudhon unter den wissenschaftlichen Denkern des Sozialismus im vorigen Jahrhundert der einzige Proletariersohn war. Seine Ideen und seine Forderungen knüpfen stets unmittelbar an seine praktischen Lebenserfahrungen an. Sein Gerechtigkeitseifer und seine unbedingte Hingabe an die Sache der Arbeiter vereinten sich aber mit einem sehr nüchternen wirtschaftlichen Sinne. Er sah seine Mitmenschen niemals als wirkliche oder potentielle Engel. Der deutsche Proudhonforscher Diehl hat einen wichtigen Unterschied zwischen Proudhon und allen anderen sozialistischen Schulen hervorgehoben. Während diese den Sozialismus für den Proletarier als ein bald erreichbares Land des Wohllebens und des Genusses hinstellten und den Zusammenbruch des Kapitalismus prophezeiten, formulierte Proudhon den Sozialismus als Aufgabe und gerechtes Handeln, Produzieren und Tauschen im Kleinen und Alltäglichen.

Übrigens war er weit davon entfernt, Illusionen zu verbreiten über das Wohlleben, das eine gerechte Wirtschaftsordnung unmittelbar mit sich bringen würde. Ich zitiere aus "Krieg und Frieden" - alle Zitate vom Original übersetzt, ich habe keine deutschen Übersetzungen zur Verfügung; in den meisten Fällen dürfte es keine geben - : "Angesichts eines unbegrenzten Konsumtionsvermögens und eines notwendigerweise begrenzten Produktionsvermögens ist uns sorgfältiges Haushalten anbefohlen... Tägliches Brot durch tägliche Arbeit. Elend als Strafe für Verschwendung und Faulheit: das ist das erste unserer Moralgesetze. Es hat der Natur nicht gefallen uns ein Leben in Ausschweifungen zu versprechen, wie es die Bauchphilosophen annehmen." Proudhon meinte, die Menschheit werde immer in gewissem Sinn "arm" sein, daher immer haushalten und rechnen müssen; nur die "anormale" Armut, den Pauperismus gelte es zu bekämpfen, der eine Folge schlechter Organisation und kodifizierter Ungerechtigkeit sei.

Da man Proudhon von marxistischer Seite oft zu den "Utopisten" rechnet, will ich hier eine Briefstelle von 1841 anführen, aus der Proudhons wissenschaftliche Denkweise klar hervorgeht; er schreibt: "Wir haben nicht die Aufgabe, in unseren Hirnen irgendein soziales System auszuarbeiten und dann Propaganda für dieses zu machen. So kann die Welt nicht reformiert werden. Die Gesellschaft kann nur aus sich selbst heraus verbessert werden, d.h. wir müssen die menschliche Natur in allen ihren Äußerungen, in den Gesetzen, den Religionen, den Sitten in der politischen Ökonomie studieren, und aus der Masse dieses Materials gilt es dann das Wesentliche herauszufinden, die Symptome des krankhaften, falschen, unvollständigen auszuscheiden und dann auf der Grundlage dessen was übrig bleibt allgemeine Prinzipien zu formulieren, die als Richtschnur für unsere Bestrebungen Verwendung finden können, - eine Arbeit, deren Durchführung Jahrhunderte fordert." "Es gibt niemanden in der Welt, der so wie Saint Simon und Fourier es beabsichtigten, ein ganzes System mit allen dazugehörigen Teilen konstruieren könnte, das dann nur in Gang gesetzt zu werden brauchte. Dies ist die größte Lüge, mit der Menschen betrogen werden, und deshalb widersetze ich mich so energisch dem Fourierismus. Die soziale Wissenschaft ist niemals abgeschlossen; niemand kann sie zu seinem Eigentum erklären... wir können nur ihre grundlegenden Prinzipien, ihre Elemente und gewisse Teile erforschen, die doch immer wieder erweitert werden können...". Übrigens war Proudhon auch der Meinung, daß "zu allen Zeiten die politische Verfassung ein Reflex der ökonomischen Organisation" gewesen sei - in seiner Schrift "Die Philosophie des Elends", die 1846 erschien, für Deutsche nur durch Marx' Gegenschrift bekannt geworden ist -. Aber aus solchen Einsichten machte Proudhon keine Zwangsjacke für die Geschichte der Menschheit wie die Marxisten mit ihrem Materialismus.

Der prachtvolle freiheitliche Zug Proudhons, seine tiefwurzelnde Abneigung gegen alle Formen absolutistischen Denkens, die leider selbst in den heutigen freiheitlich-sozialistischen Strömungen Einzug gehalten haben, kommt in dem glänzenden Brief an Marx zum Ausdruck, aus dem 1848 sogar eine deutsche Zeitschrift zitierte. Hier schreibt Proudhon: "Ich bekenne mich vor der Öffentlichkeit zu einem fast vollständigen Antidoktrinarismus. Lassen sie uns gemeinsam, falls sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft erforschen, ihre Wirkungen untersuchen - aber lassen sie uns nicht, nachdem wir alle Dogmen zerstört haben, an den selben Widersprüchen straucheln wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die Theologie der katholischen Kirche zerstört, unmittelbar und mit sämtlichen dazugehörigen Exkommunikationen und Bannflüchen eine neue protestantische Theologie begründete, lassen Sie uns eine loyale Polemik führen, lassen Sie uns der Welt ein Vorbild der wahren Toleranz geben; und lassen Sie uns, die wir an der Spitze der Bewegung stehen, nicht die Verantwortung für neue Intoleranz übernehmen, selbst wenn es die Religion der Logik und der Vernunft wäre. Lassen Sie uns allen Protesten Ausdruck verleihen. Lassen Sie uns diese stimulieren, lassen Sie uns alle Einseitigkeiten und jeden Mystizismus verbannen, lassen Sie uns niemals eine Frage als endgültig beantwortet betrachten, und wenn wir zu unseren letzten Argumenten gekommen sind, so lassen Sie uns wieder von vorn beginnen, wenn es notwendig ist - mit Beredsamkeit und Ironie. Unter dieser Bedingung werde ich mit Vergnügen Ihr Mitarbeiter sein, - an der Zeitschrift, für die Marx Proudhons Mitarbeit wünschte, - sonst aber nicht". Aus der Mitarbeit Proudhons wurde nichts. Für diese Auffassungen hatte Marx nichts übrig. Seitdem spritzte er nur noch Gift und Hohn gegen den einst verehrten Meister.

Hier ist auch gleich Gelegenheit, zur Frage der sozialen Revolution von Proudhons Standpunkt Stellung zu nehmen. Landauer hat oft auf diese Äußerung hingewiesen. Im gleichen Brief sagt nämlich Proudhon: "Ich habe auch eine Einwendung gegen folgende Stelle in Ihrem Brief zu machen: ... Im Augenblick der Aktion wird es für alle von großem Interesse sein, über die Ereignisse im Ausland informiert zu sein..." Vielleicht sind Sie der Auffassung, daß keine Reform möglich ist ohne einen Putsch durchzuführen, ohne das, was man früher eine Revolution zu nennen pflegte... Diese Idee... bin ich gern bereit zu diskutieren, zumal ich den Gedanken selbst ziemlich lange gehegt habe. Aber ich muß sagen, daß meine Studien dahin geführt haben, daß ich ihn ganz und gar aufgegeben habe. Ich sehe die Sache so, daß wir durch eine ökonomische Kombination der Gesellschaft die Reichtümer wiederschenken müssen, die ihr infolge einer anderen ökonomischen Kombination verloren gegangen sind. So, mein lieber Philosoph, sehe ich die Sache heute. Unsere Proletarier dürsten so sehr nach Wissen, daß wir sicher schlecht aufgenommen werden würden, wenn wir ihnen nur Blut zu trinken geben wollten. Es wäre eine schlechte Politik, wenn wir als Vernichter auftreten wollten. Die Mittel der Gewalt treten von selbst ins Spiel: wir brauchen das Volk nicht zur Gewaltanwendung aufrufen." Am Schluß dieses Briefes lehnt es Proudhon noch in vornehmer Weise ab, gegen den deutschen Grün anzutreten, gegen den ihn Marx ohne nähere Gründe einzunehmen versucht hatte. Das schlug dem Faß den Boden aus, und er erhielt nie eine Antwort. Marx reagierte auf seine Weise, mir unerbittlicher Feindschaft.  Soweit die Grundauffassungen Proudhons, seine soziologische Methode und Geschichtsauffassung. Was seine sozialistischen Anschauungen betrifft, so geht er im Gegensatz zu dem, was manche annehmen, von einer radikalen sozialen Stellungnahme aus: nicht vom Liberalismus, sondern vom Protest gegen das Eigentum. Mit diesem Protest verbindet er aber sofort seine Einwendungen gegen eine Gesellschaftsform, in der allen alles gehören und kein Maßstab mehr an die Konsumtion angelegt werden soll. Die bestehende Eigentumsordnung, sagt er in seinen grundlegenden Schriften, benachteiligt den Schwachen zugunsten der Starken, aber der Kommunismus würde das Gegenteil tun. Eigentum ist Diebstahl, aber Kommunismus ist Unterdrückung und Sklaverei. Die Begrenztheit der ökonomischen Mittel, die "natürliche" Armut, verbietet den Kommunismus. Stattdessen müssen wir eine Gesellschaft auf der Grundlage des gleichen Rechtes für alle aufbauen - worunter Proudhon aber keine garantierte absolute Gleichheit verstand, sondern die Gleichheit der Bedingungen, des Ausgangspunktes. Die "Grande Encyclopédie", das große französische Lexikon, sagt in ihrem Artikel über Proudhon, seine Schrift "Was ist das Eigentum" sei ein Schlußpunkt hinter alle humanitären Deklamationen und das erste Werk des wissenschaftlichen Sozialismus.

Einen anderen Gedanken, der ihn vor jeder "totalitären" Anwendung der eigenen Grundideen schützte, entwickelt Proudhon vor allem in der "Philosophie des Elends". Die moralische wie die materielle Ordnung in der Welt, führt er aus, beruht auf einer Mehrzahl einander entgegengesetzter und doch unauflöslich ineinander verflochtener Elemente, aus deren unaufhörlicher Auseinandersetzung und Spannung die Entwicklung der Welt und der menschlichen Gesellschaft hervorgeht. Proudhon selbst war der Meinung, mit diesem Gedankengang die Hegelsche Dialektik in sein System übernommen zu haben, d.h. den Gedanken, daß jede Wirklichkeit - These - einen Widerspruch zu sich selbst hervorruft - Antithese -, während aus These und Antithese sich eine Synthese entwickelt, die ihrerseits eine neue These darstellt, usw. Marx und andere bestritten den Hegelianismus Proudhons. Lassen wir diese Frage beiseite, so können wir sagen, daß Proudhon die gesellschaftliche Entwicklung aus der Spannung zwischen Gegensätzen hervorgehen sah, die seiner Meinung nach nicht verschwinden würden, sondern zwischen denen nach einem Gleichgewicht gesucht werden müsse, das der Natur der Sache nach, nie statisch, sondern stets labil bzw. dynamisch sein müsse. Ein Zitat: "Es gibt in der Gesellschaft kein Prinzip, keine Kraft, die nicht gleich viel Elend wie Reichtum hervorbrächte, sofern nicht nach einem Gleichgewicht zwischen ihr und einer anderen Kraft gesucht wird, die die schädlichen Wirkungen aufhebt." In diesem Sinne sah Proudhon z.B. die soziale Organisation der Gegenseitigkeit - Mutualismus - und die Konkurrenz, den Wettbewerb - in einem gewissen sozialen Rahmen - als zwei Prinzipien an, die einander nicht ausschlossen, sondern ergänzten. Im Zusammenhang mit diesen Ideen spricht Karl Puhlmann in den Sozialistischen Monatsheften 1947 von der "föderalistischen Synthese" Proudhons und im Gegensatz dazu von der antithetischen Denkweise Marxens "... die, in der Konsequenz zu Totalitarismus und Diktatur führen müsse, während Proudhon nach der harmonischen Angleichung zwischen Gegensätzen suche. Zu Proudhons Gedanken gehört die Idee, die später bei Landauer wiederkehrt, daß das erstrebenswerte soziale Gleichgewicht nicht ein für alle Mal geschaffen werden kann, -Landauer-: aller Sozialismus ist relativer Sozialismus, werdender Sozialismus-. Das soziale Gleichgewicht ist keine tote Ordnung, sondern eine Ordnung sich bewegender Elemente, eine Ordnung in der Vielfalt, die nicht stillsteht, weniger deswegen, weil sie zu zerfallen droht, als weil sie sich ständig zu verbessern strebt. Auf die gleiche Weise wie unser Körper, erklärt Proudhon, so bedarf auch unser geistiges und soziales Leben gewisser Elemente, die in reinem Zustand Gift wären, aber in Zusammenwirken mit anderen das ganze Leben in Bewegung halten.

Ein unerhört fruchtbarer Gedanke, der alle autoritären Auffassungen des Sozialismus aus den Angeln hebt, aber auch alle naiven Vorstellungen von der Möglichkeit, jemals ein fertiges sozialistisches "System" einführen zu können, an diesem heute völlig überwundenen Gedanken festzuhalten, betrachten ja bekanntlich selbst freiheitliche Revolutionäre als Treue zu den klassischen Ideen. Ich habe früher einmal darauf hingewiesen, daß alle Bestrebungen, der Geschichte ein absolutes Ziel zu setzen, oder Behauptungen, daß die Geschichte ein solches Ziel habe, auch zum Absolutismus der politischen Methode führen müssen. Das beweisen die doktrinären "wissenschaftlichen" Marxisten, aber viele sg. freiheitliche Sozialisten sind gar nicht weit davon entfernt.

In der 48er Revolution fand Proudhon Gelegenheit, auf breiterer Grundlage für seine Ideen zu wirken. Innerhalb einer relativ kurzen Periode, die mit einer Verurteilung zu mehrjähriger Gefängnisstrafe endete, trat er mit seinen Projekten in die Öffentlichkeit. Obwohl sein Gedanke stets auf einen nicht-staatlichen, nach heutigen Begriffen genossenschaftlichen Sozialismus zielte, obwohl er es ablehnte, den Staat als den Organisator der neuen Wirtschaft anzusehen, sprach er dem Staat nicht jede Bedeutung ab. Er war auch Abgeordneter und betonte wiederholt sein Interesse an der allgemeinen Rechtsordnung. Später kam dieses Interesse auch in seiner internationalen Theorie des Föderalismus zum Ausdruck. Das Wesen der sozialen Befreiung sah er aber stets im Zusammenschluß von Produzenten und Konsumenten zu gemeinsamen Unternehmungen gegenseitiger Hilfe. Nicht in den politischen Klubs sollt ihr Arbeiter den Krieg gegen das Eigentum führen, schrieb er damals, sondern dieser Kampf geht in der Werkstatt und auf dem Warenmarkt vor sich. Die Staatsmacht muß besiegt werden, indem wir nichts von ihr begehren. Wir müssen den parasitären Charakter des Kapitals beweisen, indem wir es durch den gegenseitigen Kredit ersetzen, wir müssen die Freiheit erobern, indem wir die wirtschaftliche Initiative der Massen organisieren. Es handelt sich nicht darum, gegen irgendjemand Wohltätigkeit zu üben, sondern darum, die Gerechtigkeit zu organisieren, vor allem den Tausch ohne Ausbeutung und Monopole: "In der Mitte zwischen dem Kommunismus und dem Eigentum will ich eine Welt bauen". In den durch Louis Blanc, den Staatssozialistischen Minister, geförderten Nationalwerkstätten des Staates sah er sinnlose Unternehmungen, aus öffentlichen Geldern bezahltes Nichtstun. Seine Äußerungen über die Sinnlosigkeit des Streiks muß man im Zusammenhang etwa mit Gustav Landauers Beurteilung des Klassenkampfes sehen: der Kampf des eigentumslosen kapitalistischen Produzenten mag noch so gerechtfertigt sein, man mag tausendmal auf ihrer Seite stehen, aber dieser Kampf führt nur im Kreis des Kapitalismus herum, niemals zu seiner Überwindung. Von einer Überwindung des Kapitalismus kann nur die Rede sein, wo anders kreditiert, anders produziert und anders getauscht wird.

In dieser Zeit legte Proudhon seinen Vorschlag der Gründung einer Tauschbank vor und tat die ersten Schritte zur Durchführung seines Planes. Der parasitäre Charakter des Eigentums, meinte er, liegt nicht im eigentlichen Besitztitel, sondern kommt erst in der Warenzirkulation zum Ausdruck. Kann die Zirkulation ohne Ausbeutung organisiert werden, dann verlieren die Besitztitel ihren Wert. In der Tauschbank sollten Handwerker, Gruppen von Handwerkern, industrielle Gesellschaften und Bauern zusammentreten, um sich gegenseitig zinslosen Kredit und die Zirkulation ihrer Waren zu garantieren. Für den Kredit sollte kein Zins, sondern nur der Kostensatz der Bank berechnet werden, den Proudhon mit 1% ansetzte. Als Ziel dieser Organisation gab er an: Steigerung der Produktion, dem Kredit eine breite Grundlage zu geben, einen Markt zu schaffen, der nicht überlastet werden kann, eine regelmäßige Warenzirkulation zu ermöglichen, die keinen Störungen unterworfen ist. Proudhon stellte sich vor, daß unter Umständen die französische Staatsbank zu einer Tauschbank unter Kontrolle industrieller Föderationen werden könne. Die Sozialisierung sah er also nicht als Organisation der Arbeit, die der freien Einzel- und Gruppeninitiative vorbehalten bleiben sollte, sondern in der Schaffung eines Marktes, auf dem alle Produzenten unter Bedingungen wirklicher Gleichheit in Wettbewerb treten könnten. Allerdings lag ihm der Gedanke der Beeinflussung der Produktion durch statistische Untersuchungen und Veröffentlichungen, ferner die Idee des föderativen Zusammenwirkens zusammengehöriger Produzentengruppen nicht fern. Was er ablehnte, war der Gedanke einer zentral oder sonstwie total geleiteten, verrechnungslosen Planwirtschaft, in der der Staat oder irgendwelche Organisationen den Konsumenten ihre Anteile zumaß oder aber, nach dem rein kommunistischen Rezept, alle "frei" vom großen Überfluß der produzierten Güter nehmen sollten.

Was heute an diesen Auffassungen noch interessant sein kann, sind nicht die Einzelheiten des Projekts - das übrigens von Proudhon viele Male abgewandelt und immer wieder im Anschluß an konkrete Tagesmöglichkeiten neuentwickelt wurde - sondern das Prinzip, auf die Wirtschaft einzuwirken nicht durch bürokratische Leitung der Produktion, sondern durch Regelungen des Kredits, der Kapitalbildung, Einflußnahme auf den Markt, der aber als solcher erhalten bleiben sollte. Von proudhonistischem Geiste ist ohne Zweifel z.B. die Wirtschaftspolitik der schwedischen Genossenschaften inspiriert. Sie mögen viel zu wünschen übrig lassen, aber ihr ständiges Hervortreten mit freiheitlich – genossenschaftlichen Initiativen gegen die staatssozialistische Tendenz ist wertvoll und richtungweisend. Hierher gehört z.B. der Kampf der schwedischen Genossenschaften gegen das eine Zeit lang von der Sozialdemokratie geforderte staatliche Ölimport- und Handelsmonopol. Die Genossenschaften forderten stattdessen eine Gesetzgebung, die den Ausbau der kooperativen Einfuhr und Distribution durch Ölverbraucherverbände begünstigen könnte. Ich weise im Zusammenhang mit diesen Ideen auch auf das Buch von Rudolf Rocker hin, das während des Krieges spanisch erschien und jetzt eben auch englisch herauskommt unter dem Titel "Pioniere des freiheitlichen Gedankens in Amerika". In dieser Arbeit zeigt Rocker hauptsächlich, wie die proudhonistischen Ideen in Amerika entwickelt wurden, und er schließt symptomatisch mit Hinweis auf den amerikanischen Genossenschaftler Warbasse - Verfasser des Buches "Genossenschaftliche Demokratie" -, der einen klaren Zusammenhang zwischen Wesen und Politik der Genossenschaftsbewegung und der Gedankenwelt Proudhons feststellt.

Die Ideen Proudhons treten in größerem historischen Zusammenhang hervor in seinem Buche von der Revolution des 19. Jahrhunderts. Bezeichnenderweise widmet er dieses Buch der Bourgeoisie, die die Lehrmeisterin des Proletariats sei, aber ihren eigenen Gedankengang nicht zu Ende geführt habe und konterrevolutionär geworden sei. Die großen Gedanken von 1789 wurden verfälscht. Das an sich fruchtbare Prinzip der Konkurrenz, das ein Prinzip der Freiheit ist, wurde von der Bourgeoisie entstellt: zur echten Konkurrenz gehört nämlich eine regulierende höhere Norm, und die fehlt in der bürgerlichen Ordnung. Nur das Kapital kann frei konkurrieren, nicht der arbeitende Mensch - Proudhon hat den modernen Monopolkapitalismus noch nicht gekannt, der auch die Konkurrenz der Kapitalisten erheblich einschränkt, bzw. abgeschafft. Die neue merkantile Aristokratie ist räuberischer als der alte Geburtsadel. Eine neue Wirtschaftsordnung auf der Grundlage gerechter Bedingungen für alle muß unser Ziel sein. Warentausch, Kredit und Arbeitsteilung sind wirkliche Fortschritte, es kann sich nicht darum handeln, wieder auf ältere Prinzipien zurückzugreifen. Aber wir müssen begreifen, welchen Wert die "kollektive Kraft" hat. Hundert Menschen, die sich vereinen, sagt Proudhon, produzieren viel mehr als hundertmal einer, sie können vielleicht tausendmal soviel produzieren wie einer. Konkurrenz kombiniert mit einem regulierenden Prinzip ist das Zeichen der freien Gesellschaft. In dieser Gesellschaft können individuelle Unternehmen bestehen Seite an Seite mit assoziativen Unternehmungen. Speziell in großen Industrien, bei öffentlichen Arbeiten, im Verkehrswesen können und müssen von den Arbeitern gebildete Assoziationen als Unternehmer hervortreten, meint Proudhon. Das Ganze ist keine Frage des Kampfes um die politische Macht oder der Ausweitung der politischen Macht, sondern es handelt sich um die "Organisation der ökonomischen Kräfte im Geiste des Vertrags".  Diese Gesellschaft fällt aber nach Proudhons Meinung nicht vom Himmel. Sie kann auch nicht plötzlich eingeführt werden. Aber die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung muß allmählich geändert werden, so daß sie sich diesem Ziel nähert, anstatt im angeblichen Interesse der sozialen Gleichheit neue politische Tyranneien einzuführen. Proudhon spricht von einer "friedlichen Revolution", deren Aufgabe es sei, allmählich "das desorganisierende Prinzip" zu überwinden, das wir von der Revolution des Jahres 1789 ererbt haben", um stattdessen eine wirkliche "Konstitution des Eigentums" zu schaffen. Monopoleigentum ist Diebstahl, aber wahres Eigentum ist Freiheit. Daran sollen alle Teil haben. Ich könnte hier noch vieles aus diesem Buche anführen, aber das ginge zu weit. Proudhon sagt in diesem Zusammenhange manches Interessante über das Wesen des Vertrages. Er erklärt die Gemeinde zur eigentlichen Trägerin der politischen Organisation und deutet die Grundzüge des in späteren Werken ausgearbeiteten politischen Föderalismus an. Gemeinden und ökonomische Korporationen sollen die Grundlagen der politischen Ordnung sein. Dem Gedanken der "Arbeitergesellschaft" - Produzentengenossenschaft - widmet er viel Aufmerksamkeit. Alle Industrien müssen sich zu solchen entwickeln, aber nicht so, daß das Mitglied Sklave dieser Genossenschaften wird, sondern jederzeit seine Rechnung mit der Genossenschaft abschließen kann. Das Gesamtbild der erstrebten neuen Gesellschaft beschreibt Proudhon so: auf der einen Seite Bauern, die noch Besitzer ihres Bodens sind, auf der anderen "Myriaden" von kleinen Fabrikanten, Handwerkern und Kaufleuten, die isoliert oder zu Gruppen vereinigt arbeiten, und schließlich die "Arbeiterkollektive, die eigentlichen Armeen der Revolution". In unserer Zeit wäre das Verhältnis der verschiedenen Unternehmungsformen zueinander natürlich ein anderes, aber die Vision Proudhons ist damit nicht entwertet. In der Kritik Proudhons an Louis Blancs Nationalwerkstätten liegen vielleicht Elemente einer Kritik an der modernen sozialdemokratischen Sozialpolitik. Nicht "Recht auf Arbeit" und garantierte Staatsanstellung kann das Ziel der Revolution oder der Sozialpolitik sein, sagt er, sondern nur Eingliederung aller Produzenten und produzierenden Kollektive in eine sinnvolle Ordnung des Kredits und des Tausches. Die heutige Sozialpolitik läuft ja stattdessen darauf hinaus, unter Verzicht auf eine genossenschaftliche Organisation der Wirtschaft, allerdings auch unter Verzicht auf Verstaatlichung aller Wirtschaftszweige nach einer Ausgleichung der Verteilung des Sozialprodukts durch Besteuerung zu streben, wodurch aber der diese Operation vornehmende Staat sich zu einem Riesenbürokraten entwickelt.

Von Proudhons politischen Ideen will ich hier nur kurz sprechen, da es mir vor allem darauf ankommt, zu zeigen, daß Proudhon als sozialistischer Denker, als Formulierer wesentlicher ökonomischer Prinzipien keineswegs "veraltet" oder etwa durch Bakunin respektive Kropotkins idealistischen Kommunismus "überwunden" ist. Ich sehe heute im Gegenteil auf der ganzen Linie eine Art Proudhon-Renaissance, auch wenn der Name Proudhons dabei nicht fällt, seine Werke nicht zitiert werden. Anders ist das allerdings in Frankreich und anderen Ländern, wo die Auseinandersetzung mit Proudhon in einer umfassenden modernen Literatur ihren Ausdruck findet. Eben erhielt ich die neue große Proudhonbiographie von Edouard Dolléans, 528 Seiten, 1948 bei Gallimard in Paris erschienen; vor mir liegt die kluge und verständnisvolle Arbeit des Katholiken Henri de Dubac, Proudhon und das Christentum, vor wenigen Jahren erschienen und jetzt so viel diskutiert; hier habe ich einen der interessantesten Beiträge zu den Fragen des internationalen Föderalismus, von großer Aktualität, kurz vor dem Machtantritt Hitlers erschienen: N.Bougeois, Die Theorie des internationalen Rechts bei Proudhon, und so könnte ich mehr zitieren. Es ist traurig, daß Deutschland, das so sehr neuer, frischer, auflockernder Ideen bedürfte, von alledem nichts weiß. Zu welcher traurigen Verballhornung des deutschen Denkens der Marxismus geführt hat, wird vielleicht erst in kommenden Jahrhunderten einmal wirklich klar werden. Eine Schande ist es, daß ein großer, reicher fruchtbarer Geist wie Proudhon in unserem Lande nur durch eine Schmähschrift Marxens bekannt ist, deren herabsetzende Grundeinstellung zu Proudhon ganz unbewußt selbst in das Denken der freiheitlich gerichteten Geister eingedrungen ist, die sich damit den Zutritt zu einer der tiefsten und reinsten Quellen freien sozialistischen Denkens verschüttet haben. Und wieviel, wie unendlich viel könnte man nicht von dem großen Menschen Proudhon sagen. Aber auf all das will, - oder besser gesagt, kann ich hier nicht eingehen. Die sozialen und wirtschaftlichen Ideen Proudhons kommen jedenfalls in seiner Forderung der "vollständigen industriellen Demokratie" zum Ausdruck. Diese allein kann die wahre Konsequenz der Revolution sein. Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist eine Entartung der Freiheit, nicht die wahre Freiheit: "Der Egoismus unter dem Deckmantel der Freiheit hat uns vergiftet und unser ganzes Wesen zersetzt", ruft Proudhon aus. Die bestehende Ordnung beruht auf dem Prinzip der "absoluten Unsolidarität". In seinem nachgelassenen Werke über die politische Berufung der Arbeiterklasse hat Proudhon dann noch manchen interessanten Gedanken im Hinblick auf die Arbeiterbewegung formuliert, der Beachtung verdient.

Ein Eingehen auf den politischen Proudhon, etwa die Darstellung des Werkes von Bougeois, auf Proudhons großes Buch über das föderative Prinzip, muß ich mir hier leider ersparen, obwohl gerade dies zeigen würde, welche unerhörte Bedeutung diese Ideen für den Kampf um einen sinnvollen sozialistischen europäischen Föderalismus haben würden. In glänzender Weise skizziert Proudhon die Leitideen des politischen Föderalismus als internationales Prinzip, die Probleme der administrativen Dezentralisierung, der Kommunalselbstverwaltung usw. und verknüpft diese Forderungen eindeutig mit dem Gedanken der industriellen Föderation und der Idee einer freien sozialistischen Marktwirtschaft. Könnte man behaupten, daß alle diese Gedanken im Widerspruch zu einem Syndikalismus stehen, der seinen wahren Platz im sozialen und politischen Geschehen erkennt ? Im Widerspruch zu einem rein marxistisch aufgefaßten Syndikalismus vielleicht, der auf die Dialektik des Klassenkampfes baut; im Widerspruch auch zu der Auffassung, die sich mit "der Übernahme der Produktion" - der ganzen Produktion - durch die Gewerkschaften begnügt und für den Tag nach dieser Revolution mit den Sprung in die verrechnungslose kommunistisch - anarchistische Wirtschaft, - möglich gemacht durch allgemeinen Ausbruch des bis dahin nur gewaltsam unterdrückten Edelmuts aller Menschen - kalkuliert.... Wir sollten die Begrenzung des Syndikalismus erkennen; er ist von unerhörter Bedeutung als Klassenkampfgedanke, und sein konstruktiv - sozialistischer Gehalt ist von Bedeutung, sein freiheitlicher Wert in der Arbeiterbewegung unbestreitbar, aber er bezieht sich doch im besten Fall nur auf die Verwaltung des sozialisierten Sektors der Wirtschaft. Was hat der Syndikalismus zu den Fragen der Rechtsordnung, der Kapitalbildung, des Geldes, der Warenzirkulation, des Kredits zu sagen? Auf den ganzen Blutkreislauf der Wirtschaft geht die Theorie überhaupt nicht ein; wer überhaupt darüber nachdenkt begnügt sich mit vagen idealistischen Träumen und Hoffnungen im Sinne der liebenswürdigen Visionen der "Eroberung des Brotes". Aber so geht das nicht. Ich meine, daß wir wesentliche Anregungen zu einer Ergänzung des Syndikalismus, ja zu seiner Modernisierung, durch ein Eintauchen in die Ideenwelt Proudhons finden können. Da stoßen wir auf eine Unzahl Probleme, die von Bedeutung sind und lernen eine Denkmethode kennen, die wir auf die Fragen unserer Zeit anwenden können. Ich bin der Meinung, daß Proudhon der einzige sozialistische Denker ist, der die Gefahren des autoritären Kollektivismus im vollen Umfang erkannte und lebensfähige Elemente, entwicklungsfähige Grundgedanken für eine freisozialistische Wirtschaft formulierte.

Man könnte hier vielleicht noch anführen, daß auch der Gedanke eines auf industrielle Vertretungen oder teilweise auf industrielle Vertretung aufgebauten Repräsentativsystems, der auch bei Frantz auftaucht, auf Proudhon und seine ersten Schüler zurückgeht. Der Gedanke des "Manifestes der 60 Arbeiter des Seinebezirks", die sich 1864 in einer kritischen Äußerung über die Parlamentswahlen für die Schaffung einer Arbeiterkammer einsetzen, ist vielleicht noch immer der Diskussion wert. Proudhon war auch stets sowohl Reformist wie Revolutionär. Seine Mentalität geht vielleicht am besten aus einem Briefe an den Prinzen Napoleon hervor, in dem er schreibt: "Was das für eine Gesellschaft ist, von der ich träume? Nun, Majestät, ich träume von einer Gesellschaft, in der ich selbst als Reaktionär geköpft werden würde"... Schon seine Ironie bewahrte ihn vor jeder dogmatischen Erstarrung. Henrie de Lubac schreibt von Proudhon: bei ihm bleibt die Diskussion stets offen. Proudhon selbst meinte, daß wir niemals vollkommen sein werden, da Vollkommenheit nur gleichbedeutend mit dem Tode sein könnte. Die britische Encyclopedia of the Social Science sagt von ihm: Er hat keine Schule gebildet; seine ununterbrochene Weiterbildung erschwerte die Bildung einer Gruppe permanenter Anhänger. Und doch, oder gerade deswegen, ist Proudhon eine so große Gestalt des französischen Geisteslebens, gerade deshalb setzt sich wohl jede neue, aufwachsende französische Generation mit ihm auseinander. Obwohl er keinen "ismus" und keine Schule hinterlassen hat, hat er doch Wesentliches für das französische Volk ausgesagt, als dessen Sohn er weiterlebt, mit seiner Volkstümlichkeit, seiner Verwurzelung hat er als Individuum etwas von der unzerstörbaren Vitalität an sich, die dem spanischen Anarchismus, im Gegensatz zum theoretischen Anarchismus aller anderen Länder, als Volksbewegung eigen ist. Aber ich meine, daß Proudhon noch seine Wiederauferstehung als einer der Ahnväter des kommenden föderalistischen und sozialistischen Europas erleben wird. Landauer meinte dies auch. Ich bin heute fester vom Werte Proudhons überzeugt denn je. Ich denke auch an bedeutende moderne Gelehrte, die Proudhon einen entsprechenden Platz in der europäischen Geisteswelt anweisen: Oppenheimer, Lewis Mumford, Alfred Cobban von der Londoner Universität und andere.

Ich könnte ja noch den Versuch machen, die Grundgedanken zu formulieren, die wir im Geiste Proudhons und eines realistischen, modernen freiheitlichen Sozialismus vertreten könnten. Doch vielleicht können wir dies späteren Diskussionen überlassen. Ich will nur in aller Kürze den Gedanken zum Ausdruck bringen, daß ich eine Sozialisierung nach einer einzigen Richtlinie: z.B. Gewerkschaftssozialismus statt Staatssozialismus, für verhängnisvoll hielte. Wir müssen an einen vielfältigen Sozialismus denken. Als Träger sozialisierter Unternehmungen oder sozialisierter nationaler und internationaler Industrien können und müssen verschiedene und zusammengesetzte Körperschaften auftreten: Belegschaften und Gewerkschaften, gewiß; aber auch Kommunen, Konsumentenverbände, größere Territorialverbände usw. Ich finde darum verwertbare Anregungen, außerhalb des Syndikalismus, auch bei Weber - Heidelberg, Kogon und Dircks, Dr. Koch mit seiner Idee der Sozialgemeinschaften - in seiner Rede von 26. Januar kommt er gewissen Gedanken Proudhons prinzipiell sehr nahe, - in den hochinteressanten Vorstellungen der kleinen 16seitigen Broschüre des Schweden Bengt Hedin unter dem Titel "Föderalismus", in Evert Arvidssons "Die Bergwerke dem Volke", in den praktischen Erfahrungen der französischen Communautés de Travail, die ich in einem besonderen Briefe an Hilse geschildert habe, bei Landauer natürlich, im modernen Genossenschaftswesen usw. Alles Streben nach totaler Einheitlichkeit ist gefährlich. Man fordert in der Demokratie politische Gewaltentrennung. Man muß Gewaltentrennung auch für die sozialisierte Wirtschaft fordern. Mir kommt sogar mehr und mehr die Idee, daß es schädlich für die Arbeiter sein kann, wenn in großen sozialisierten Unternehmungen ihre Gewerkschaften identisch mit der Leitung dieser Unternehmungen sind, diese Leitung monopolisieren. Vorzuziehen scheinen mir gemischte Träger sozialisierter Industrien, denen gegenüber die Gewerkschaften immer noch die Interessen der Arbeiter vertreten können, wenn das nötig ist. Wir dürfen doch nicht annehmen, daß sich nach einer Sozialisierung auf breiter Front plötzlich alles in einen großen Harmoniebrei auflöst. Spannungen zwischen Interessen der Allgemeinheit oder der Leitung, die allgemeine Interessen vertritt, und der Belegschaft eines bestimmten Betriebes, einer Industrie, auch wenn diese sozialisiert ist, können immer auftreten. Wie aber, wenn die Arbeiter in einer solchen Situation einmal ohne gemeinsame Organisation, ohne ökonomische Waffen in der Hand dastünden? Damit komme ich zum Ende. Um zu sagen, daß ich Proudhon für springlebendig, für nicht durch Kropotkin oder den Syndikalismus überwunden ansehe, sondern teilweise eher umgekehrt, hatte ich, oder sah ich kein anderes Mittel als einiges von seinen Ideen in aller Kürze zusammenzufassen. Proudhon ist ja leider unbekannt - das ist seine Tragödie, wenigstens in Deutschland. Er muß bekannt werden. Eine gute Auswahl von Proudhon in Deutschland herauszubringen, dazu eine Anzahl neuerer französischer Arbeiten über Proudhon oder einzelne Probleme des Proudhonschen Werkes, würde ich für eine der Hauptaufgaben deutscher freiheitlicher Sozialisten halten. Um zum Schluß noch einen zugespitzten polemischen Gedanken in die Debatte zu werfen: bei aller Verehrung für den wunderbaren Menschen Kropotkin würde ich mich hingegen der Verbreitung oder gar einer Neuherausgabe der "Eroberung des Brotes" widersetzen. Auch dieses schöne Buch enthält gute Anregungen, wird wohl immer in der Bibliothek eines freiheitlichen Sozialisten seinen Platz verteidigen; aber zu den Werken, die uns helfen können, in Kontakt mit Kreisen außerhalb unserer engen Reihen - die es zu sprengen gilt - Grundfragen eines modernen freien Sozialismus zu diskutieren, gehört es nicht..... Vielleicht wäre es aber eine lohnende Aufgabe, einmal ein kleines Proudhonbuch für Deutschland vorzulegen.

Was ich zeigen wollte, war, daß von dem Syndikalismus von 1906 / Amiens, und dem von 1922 / IAA vieles veraltete Gedankengut abgetrennt werden muß, während er auf der anderen Seite bei Proudhon entscheidende Anregungen für seine Erweiterung und Belebung finden kann.  Ich betone noch, daß diese Blätter weit davon entfernt sind, ein wirkliches Portrait der Persönlichkeit Proudhons und eine Darstellung seiner geistigen Welt zu geben. Auch von seinen wirtschaftlichen Auffassungen gebe ich hier nur gröbste Züge, und nichts von der Menge seiner wirtschaftspolitischen Vorschläge und Überlegungen. Proudhons politisches System, sein Föderalismus sind fast unberührt geblieben, mehr noch seine Philosophie, und mit der Antiautorität Proudhons, dem unerbittlichen Rebellen konnte ich mich hier gar nicht befassen. Ich möchte das hier noch sagen, um nicht den Eindruck hervorzurufen, daß ich bei Proudhon nur die in diesem Briefe skizzierten Ideengänge für wesentlich halte. Allerdings glaube ich, daß diese Dinge wichtig sind gerade für die Diskussion des Standpunktes unserer heutigen Bewegung...

H. Rüdiger, Hagalund - 31. 3. 1949

Originaltext: http://mitglied.lycos.de/absurdist/atexte/atexte.html


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