Harald B. A. - Über Direkte Aktion als "Propaganda durch die Tat"

Über Direkte Aktion als "Propaganda durch die Tat", die Schaffung einer "Moralischen Ökonomie" und die Notwendigkeit einer institutionalisierten Handlungsfeldes

Die Definition von Direkter Aktion

Ich werde da anfangen, wo ich auch mit einem Artikel begann, den ich für die Anarcho-Syndicalist Review verfaßt habe. Während einer Organisierungskampagne für die Industrial Worker of the World (IWW) stellte Eugene V. Debs im Dezember 1905 fest: "Die Kapitalisten besitzen die Werkzeuge, die sie nicht benutzen und die Arbeiter benutzen die Werkzeuge, die sie nicht besitzen". Dem könnte man hinzufügen, dass Direkte Aktion manchmal bedeuten kann, die Werkzeuge, die wir nicht besitzen, außer Betrieb zu setzen und bei anderen Gelegenheiten sie ins Spiel zu bringen für unsere eigenen, selbstgesetzten Notwendigkeiten und Ziele. Letztlich kann es nur bedeuten, so zu handeln, als würden all die Werkzeuge in der Tat uns selbst gehören. Wenn man die Direkte Aktion bis zu ihrer letzten und logischen Konsequenz betreibt, ist sie die libertäre soziale Revolution: die direkte Übernahme, Umgestaltung, Transformation und Dekonstruktion (wenn sie mit unseren selbstgesetzten menschlichen Bedürfnissen nicht zusammenpassen) der Produktionsmittel (die die materiellen Werkzeuge der Freiheit darstellen) durch die ArbeiterInnenklassen und die Entwaffnung derjenigen Kräfte, die die bestehende Ordnung beschützen.

Ich möchte an dieser Stelle die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass der geplante Krieg des Pentagons gegen den Irak vollständig von der Verwendung der Handelsmarine verschiedener Flaggen abhängig ist, um militärische Ausrüstung in die Golfregion zu transportieren. Im Zusammenhang mit einem geplanten wilden Streik in einer Schokoladenfabrik in der ich einmal gearbeitet habe, benutzten wir die bei der Firma beschäftigten Fahrer als direkte Boten zwischen uns und den ArbeiterInnen in den Zulieferbetrieben. Zusammen mit Süßigkeiten und Schokolade lieferten sie auch Flugblätter aus, die zur Aufsässigkeit aufriefen. Der Umstand, dass wir Arbeitszeit und Firmenfahrzeuge zu diesem Zweck verwendeten, trieb die Bosse noch viel mehr auf die Palme, als der Inhalt der Flugblätter an sich. Bosse neigen dazu ein feines Gespür für die Bedeutung von Formalitäten zu haben und sie verstehen beinahe instinktiv, wenn ihre Autorität an sich von dem bedroht wird, was der englische Historiker E. P. Thompson als moralische Ökonomie der erzeugten arbeitenden Klasse bezeichnen würde.

Direkte Aktion kann definiert werden als eine Aktion, die von niemandem anderen als uns selbst getragen wird, bei der die Mittel gleichzeitig auch die Ziele sind. Falls letzteres nicht der Fall sein sollte, wie z.B. bei nicht von der Gewerkschaftsbürokratie vermittelten Lohnstreiks, stehen zumindest die Mittel (Verringerung des Profits der Bosse durch unsere Nicht-Arbeit und damit auch die Verringerung ihrer Macht) in einem unmittelbaren Zusammenhang zu selbstgesetzten Zielen (Erhöhung unserer Löhne und Ausdehnung unserer eigenen Macht). Eine erfolgreich durchgeführte Direkte Aktion hat eine direkte Neugestaltung der existierenden Lebensbedingungen durch die vereinigten Anstrengungen der direkt Betroffenen zur Folge.

Ich habe Direkte Aktion als eine Handlung ohne Stellvertretung definiert. Wer aber sind die direkt Betroffenen und an welchem Punkt hört eine Handlung auf eine Direkte Aktion zu sein, weil es nicht mehr die direkt Betroffenen sind, die sie durchführen? Die Verfechter der Ideologien von repäsentativer bürgerlicher Demokratie, Sozialdemokratie und Leninismus nehmen alle für sich in Anspruch für "die Leute" im Interesse "der Leute" zu handeln. Darin unterscheiden sie sich nicht von einem Herrscher oder König, Von AnarchistInnen wurde stets nicht nur abgelehnt, dass die Repräsentanten dieser Ideologien das tun, sondern bereits die bloße Absicht, dass sie es tun könnten. Oder, noch weitergehend, selbst wenn sie könnten, sagen wir, dass dies dennoch nicht in unserem eigentlichen Interesse wäre, weil unsere Selbstbestimmung ein zentrales Wesensmerkmals des Menschseins ist.

Auf der anderen Seite halten wir die Prinzipien von gegenseitiger Hilfe und Solidarität hoch, dass ein Angriff auf eine von uns, ein Angriff auf alle ist und damit auch die Sache aller. Es geht hier aber nicht um philosophische Rätsel sondern um die Poltik der menschlichen Emanzipation. Auf dieser Ebene führt uns die Beantwortung dieser Frage zu einer weiteren: Wer hat die Definitionsmacht? Ich definiere die niedrigen Löhne und die schlechten Arbeitsbedingungen in Firma X, egal wo diese sich auf der Welt befinden mag, als meine Sache. Ich tue dies nicht nur aus moralischen Gründen, sondern - in Anlehnung an Bakunin - weil in den Händen der Besitzer der Welt ihre Ausbeutung und Unterdrückung zum Instrument meiner eigenen Unterordnung wird. Zur logischen Schlußfolgerung gebracht könnte uns dieser Gedankengang allerdings geradewegs wieder zur Herrschaft durch Stellvertretung und zum erleuchteten Despotismus zurückbringen. Die Definitionsmacht muß sich bei den ArbeiterInnen von Firma X befinden. Dennoch würde mich die Teilnahme an einer Direkten Aktion auf ihre Initiative oder durch vereinte Initiative und Kooperation, zu einem Teil dieser Direkten Aktion machen, wenn diese sich auch ansonsten als solche qualifiziert, wie z.B. eine Blockade während eines Streiks. Wir haben uns dann gemeinsam als Kollektiv mit gemeinsamen Interessen definiert, das einen Angriff auf eine als Angriff auf alle ansieht, Es gibt noch viele weitere Dinge, die zu diesem Punkt gesagt werden könnten. Das Entscheidende ist aber, seine Wichtigkeit zu verstehen, damit eine Aktion, die für sich in Anspruch nimmt eine direkte zu sein, uns nicht auf den Weg in Richtung Elitismus bringt und damit weg vom anarchistischen Projekt der individuellen und sozialen Emanzipation.

Die Definition von Direkter Aktion als eine Aktion ohne Vermittler benötigt eine genauere Bestimmung. Vom anarchistischen Standpunkt aus betrachtet ist Direkte Aktion nicht nur mit Solidarität verknüpft, sondern auch mit dem, was als Vorbedingung für Solidarität und das zugrundeliegende Prinzip der direkten Demokratie angesehen werden kann, nämlich nichthierarchische menschliche Kommunikation. Eine solche Kommunikation liegt dem zugrunde, was Direkte Aktion immer ist, nämlich individuelle und kollektive Selbstbefähigung. Da Direkte Aktionen immer ihre Ziele beinhalten, finden sich darin auch ihre Mittel wieder. Je mehr sich Ziele in den Mitteln ausdrücken, desto direkter ist die Aktion.

Direkte Aktionen sind primär, wenn nicht sogar vollständig mit kollektive Aktionsformen. Schon alleine deswegen, weil wir als entlohnte und nichtentlohnte ArbeiterInnen die Macht haben, unsere Lebensbedingungen direkt und oft sogar unmittelbar zu ändern. Je weniger handeln, desto symbolischer werden unsere Handlungen sein. Sie neigen dann dazu, nicht ein Mittel zur Umgestaltung von Teilen unserer Realität durch unsere eigenen Bemühungen zu werden, sondern in erster Linie ein Appell an die Macht von anderen. Während manche in der Illusion leben mögen, dass wir durch Direkte Aktion der Notwendigkeit uns zu organisieren entkommen könnten, ist genau das Gegenteil der Fall: sie benötigt im Allgemeinen ein höheres Maß an organisierter Koordination. Der Grad unserer eigenen Desorganisation ist der Grad in dem unser Leben durch andere organisiert werden wird. Wir sind es, die die Welt erschaffen. Da wir es als ein Kollektiv tun, (wenn auch momentan unter dem Kommando und durch die Vermittlung der Besitzer der Welt), können wir auch gemeinsam direkte und tiefgreifende Veränderungen ohne Vermittlung durch außenstehende Mächte erreichen und in letzter Konsequenz die Welt und die Fähigkeit über unser eigenes Geschick zu bestimmen, erringen.

Direkte Aktion kann auch als eine Art Sprache angesehen werden: Als eine Sprache der praktischen Artikulation. Als solche beinhaltet sie auch eine symbolische Kraft, die weit über die eine rein symbolischen Aktion hinausgeht und zwar genau deswegen, weil die Botschaft in den Mitteln enthalten und nicht davon losgelöst ist. Direkte Aktion ist immer "Propaganda durch die Tat".

Der Begriff "Propaganda durch die Tat" erzeugt Assoziationen an Bomben und andere individuelle Handlungen von Verzweifelung und sozialer Machtlosigkeit. Aber diese Verbindung ist nicht unbedingt notwendig. In einer Situation, in der wir uns globalen Aufgaben gegenübersehen, mögen wir Direkte Aktionen, die zu nur lokalen Veränderungen im Hier und Jetzt führen oder die international, aber nur von einem kleinen Sektor der Klasse ausgeführt werden, für einen Tropfen auf einen heißen Stein halten. Erfolgreich Direkte Aktionen verbreiten aber eine Nachricht, die über ihre unmittelbaren Ziele hinaus gehen und die die Saat einer libertären sozialen Revolution mit sich tragen. Akte von unmittelbarer Selbststärkung neigen dazu, ansteckend zu sein, da sie praktisch verdeutlichen, dass es Wege gibt, die außerhalb des Reichs von bürokratischen Vermittlnern und parlamentarischer Vertretung beschritten werden können.

Elemente von Direkter Aktion können in Aktionen vorhanden sein, die sich nicht vollständig als solche anzusehen sind. Ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin, diese Elemente, wo immer es möglich ist, so stark als möglich zu machen. Darin, eine bestimmte Praxis zu verbreiten, die ihre Wurzeln in einer anderen moralischen Ökonomie hat, die in sich die Saat für eine andere Art und Weise trägt, das Leben zu organisieren. Das bedeutet auch, und das kann nicht genug betont werden, dass die Aktionsform an sich wichtig ist und dass sie eine laute und deutliche Botschaft transportieren muß.

Ich möchte diesen ersten Teil mit der Behauptung abschließen, dass ein revolutionärer Syndikalismus oder ein Anarcho-Syndikalismus, der nicht zumindest teilweise die gesetzlich regulierten Arbeitsbeziehungen bekämpft, ein Widerspruch in sich ist. Anarcho-Syndikalismus bewegt sich entweder im Grenzland zwischen Legalität und Illegalität oder gar nicht.

"Operaismus" und die Fragestellung Kommunikationsstrukturen

In einem mehrfach interessanten Papier zu Klassenzusammensetzung, das die durch den italienischen Operaismus inspirierte Gruppe Kolinko verfasst hat, die auf dieser Konferenz verantwortlich zeichnet für den Workshop zu "Befragungen und Eingreifen in Callcentern," ist zu lesen:

"Der formale Begriff von Ausbeutung (enteignete Mehrarbeitszeit) macht nicht erkennbar, welche Möglichkeiten der Selbstorganisierung die ArbeiterInnen entwickeln können. Als "NichtbesitzerInnen" von Produktionsmitteln haben sie keine Macht, und die bloße Tatsache, dass sie alle ausgebeutet werden, schafft keinen wirklichen Zusammenhang zwischen ihnen. Die Möglichkeit der Selbstorganisierung ergibt sich nur aus der Tatsache, dass die ArbeiterInnen in einem praktischen Verhältnis zu sich selbst und zum Kapital stehen: sie arbeiten im Produktionsprozess zusammen und sind Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Als ProduzentInnen stehen sie dem Kapital nicht als formale "Lohnabhängige" gegenüber, sondern durch ihre praktische Tätigkeit produzieren sie das Kapital. Nur in diesem Verhältnis können ArbeiterInnenkämpfe eine eigene Stärke entwickeln."

Sie fahren dann fort: "Die Isolation der ArbeiterInnen in einzelne Betriebe, Branchen etc. und die darauf basierende Beschränkung von Kämpfen lässt sich nicht "künstlich" aufheben, indem die Gemeinsamkeit der ArbeiterInnen als "ausgebeutete Lohnabhängige" als Grundlage der Organisierung genommen wird. In diesem Versuch besteht der Kern jeder gewerkschaftlichen Organisierung: es werden immer äußerliche Organisationen und Vertreterinstanzen notwendig sein, um den "formalen Zusammenhang" der Lohnabhängigkeit organisatorisch zusammenzuhalten."

Kolinko wählen sich eine geschichtlich auferlegte Aufteilung der arbeitenden Klasse zum Ausgangspunkt. Sie unterstreichen die tatsächliche Praxisbeziehung zwischen Arbeitenden, die damit einhergeht, wenn wir als LohnsklavInnen zufallsartig zusammengewürfelt werden, und stellen fest, dass die bloße Tatsache, dass alle Arbeitenden ausgebeutet werden, noch keinen wirklichen Zusammenhang zwischen uns als Menschen herstellt: Es liegt keinerlei Macht im "Nicht-Besitz", wie sie etwa in der Tatsache begründet liegt, dass ohne unsere Hirne und Muskeln sich kein einziges Rad bewegen würde. Daraufhin verurteilen sie als künstlich, wenn irgendeine Institution einen Zusammenhang erzwingen will, der nicht auf der tatsächlichen gesellschaftlichen Zusammenarbeit Arbeitender gründet, sondern bloß auf dem "formalen Zusammenhang", als Lohnarbeitskraft ausgebeutet zu werden. Dies ist eine klare Bezugnahme auf Gewerkschaften.

Was an diesem Bild stimmt, ist offensichtlich, aber was haben Kolinko falsch gemacht? Hier wird der wirkliche Zusammenhang eingesetzt als einfach abgeleitet von den Bedingungen, die mit Kapitalherrschaft einhergehen, wobei Anstrengungen Arbeitender, ihre eigenen Kräfte zu vereinen zur Überwindindung oder doch Schwächung dieser Herrschaft und der damit auferlegten Teilung, aufgefasst werden als notwendigerweise immer künstlich von außen übergestülpt und einen bloß formalen Zusammenhang bildend. Nun ist es, wo heutige körperschaftliche Gewerkschaften dabei angelangt sind, die Tatenlosigkeit Arbeitender zu organisieren statt der Selbstorganisierung von eigenem Handeln der Arbeitenden, nicht völlig abwegig, diesen formalen Zusammenhang als künstlich zu bezeichnen. Das heißt, soweit Mitgliedschaft in diesen sogenannten Gewerkschaften nicht viel mehr umfasst, als versichert zu sein, und soweit die gewerkschaftliche Vertretung auch einfach durch eine rein juristische ersetzt werden könnte.

Wo nun aber Kolinko - wie andere vor ihnen - behaupten, dass Gewerkschaften und ständige Strukturen überhaupt per Definition reformistisch sind, da finde ich es selbstverständlich, dass nur

  • indem wir sozusagen künstlich - also schöpferisch und mit Institutionen - die Teilungen überwinden, die das Kapitalverhältnis uns auferlegt,
  • indem wir unsere Mittel mit unseren Zielen vereinbaren, um direkte Neugestaltung bestehender Lebensbedingungen hervorzubringen durch unsere zusammenwirkenden Anstrengungen,
  • indem wir uns gegenseitig als Teil der Menschengemeinschaft verstehen und dabei eine Ungerechtigkeit gegen 1 von uns als eine gegen uns alle auffassen und indem wir ständige Strukuren errichten zur Kommunikation zwischen Arbeitenden - also nur durch Einheitsgewerkschaft - wir überhaupt erhoffen können, über die trennenden Bedingungen hinaus zu gelangen, die so fruchtbaren Boden bieten für Reformismus und Konterrevolution


Wenn wir zum Ausgangspunkt der Kolinko zurückkommen und von dort weitergehen zu den Praxisbeziehungen zwischen Arbeitenden an einem einzelnen Arbeitsort, gewerkschaftlich organisiert oder nicht - die ganzen Kleinchefs mal nicht mitbetrachtet - so erwächst aus diesen Bedingungen keineswegs automatisch auch nur irgendein Zusammenhang im Kampf. Solcher Zusammenhang muss sozusagen erst künstlich hergestellt werden. Das ist zum Beispiel Voraussetzung eines jeden wilden Streiks.

Kolinko behaupten, angenommen wir als Produzierende widersetzten uns dem Kapital nicht bloß als der Form nach LohnsklavInnen sondern durch die besondere Praxis bei der Herstellung von Kapital, dass dann nur vom Ausgangspunkt dieser Beziehungen unsere Kämpfe ihre Kraft entfalten können. Ohne irgendwie abstreiten zu wollen, wie lebenswichtig es ist, auf dieser Ebene Stärke zu entfalten, werde ich dieser einseitigen Sichtweise zuwider behaupten: dass nur beim Hinausgehen - im Denken und Handeln -über diese beschränkte unmittelbare Umgebung die Arbeitenden-Kämpfe ihre Kraft über Reformismus hinaus entfalten können, hinaus über eine Bewusstheit und Praxis, die völlig an die Logik des kapitalistischen Überlebens gebunden sind. Die liverpooler Hafenleute hatten dies gut verstanden, indem sie die Welt und nichts weniger zu ihrem Streikposten erklärten.

Die Zersplitterung der Arbeitskraft nicht nur zwischen verschiedenen Arbeitssphären, sondern zwischen unserer entlohnten und nicht-entlohnten Zeit - und entlohnten und nicht-entlohnten Arbeitenden - kann mit einem etwas hinkenden Vergleich gesehen werden als ein gigantisches Puzzle, bei dem es nötig ist, wenigstens einige der Teile zusammenzupassen, um eine Ahnung vom Gesamtbild zu bekommen. Über einen bestimmten Punkt hinaus entfalten sich Arbeitenden-Kämpfe nicht, solange sie nicht die Staatsgrenzen überschreiten - und vieles an der Körperschaftsstruktur sogenannter Gewerkschaften heutzutage ist der Tatsache zu verdanken, dass sie sozusagen verstaatlicht wurden, was wieder eine direkte Auswirkung der seit der I Internationalen in der Arbeitendenbewegung vorherrschenden Ideologie des Staatskapitalismus war. Umsoweniger können unsere Kämpfe über einen bestimmten Punkt hinaus sich entwickeln, wenn sie nicht über die Grenzen zwischen bestimmten Betrieben und Industriezweigen gehen. Dies zu erreichen geht keineswegs unter Umgehung ständiger Strukturen, innerhalb derer menschliche Kommunikation sich entfalten kann, und in denen auf greifbarer Wirklichkeit gründende Zukunftsträume, wie auch unser einander ergänzendes Wissen und Können, entwickelt werden können. 90 Prozent jeden erfolgreichen Arbeitenden-Kampfes macht menschliche Kommunikation aus.

Ausgeblendet wird aus dem anti-gewerkschaftlichen Blickwinkel heraus, dass die körperschaftliche Gewerkschaftsbewegung - die mit der Organisierung von Nichtstun und Zersplitterung eine besondere Sorte Desorganisation institutionalisiert hat - nicht einfach ein Ergebnis natürlicher Entwicklung ist, sondern einer Geschichte von Klassenkämpfen und betrieblicher wie staatlicher Unterdrückung einerseits, sowie anderenteils einer langen Vorherrschaft staatskapitalistischer Ideologie innerhalb der Arbeitendenbewegung. Heutzutage braucht es ein ganzes Strebwerk von Gesetzen zur Aufrechterhaltung dieser Bedingungen.

Auch wird ausgeblendet, dass der Arbeitsvertrag, sei er kollektiv oder individuell, schon von seinem eigentlichen Wesen her ein dem Kapitalismus grundlegender Disziplinierungsmechanismus ist, und dass in solche Verträge einzuwilligen eine bedingte Anerkennung der Klassenbeziehungen darstellt. Das ist einfach Vorbedingung fürs Überleben eines/einer jeden Arbeitenden, daraus kann sich niemand aufgrund politischer Überzeugung zurückziehen, und schon gar nicht auf individueller Ebene. Das lässt die Kapitalherrschaft bloß unangefochten dastehen. Als LohnsklavInnen - zeitweilig in Arbeit oder zeitweilig ohne Arbeit, im Formungsprozess zum/zur Arbeitenden oder als socheR schon abgeschrieben - sind wir mit dem Funktionieren des Kapitalismus verbunden. Allerdings ist diese Verbindung nicht umfassend; wir sind keine bloßen Anhängsel des Kapitals. Unsere Anerkennung ist immer unter Vorbehalt. An der Verbindung gibt es einen Riss, der aufgeweitet oder zusammengezurrt werden kann.

Da haben Arbeitende für mehr als einen kurzen Zeitabschnitt es fertiggebracht, einen Riss zu verursachen in den Ketten, die sie an das Vertragssystem binden - auf das sich die Syndikalisten bezogen, wenn sie "Sklavereiverträge" sagten - und zwar genau weil sie nicht-hierarchisch-ihre Kräfte als Gewerkschaft vereinten. Dass diese Ketten nicht völlig zerbrochen werden können, solange es kapitalistische Beziehungen gibt, muss nicht extra erwähnt werden. Doch ein Beispiel solch unvollendeter Abtrennung war der Gebrauch des sogenannten Registers - einer durch die Syndikalisten in der SAC entwickelten Methode. Diese Herangehensweise wäre am besten als Dauerstreik beschrieben - das Zurückhalten der Arbeitskraft noch vor jeglicher Anstellung. Es wurde einseitig ein Mindestlohn erzwungen, unter dem keine Arbeitenden sich anheuern lassen würden. Wers doch tat - das galt als Streikbruch - hatte sich den Konsequenzen zu stellen. Die Löhne dort, wo diese Arbeiterklassen-Moral-Wirtschaft herrschte, stiegen spürbar über die Höhe, wie sie in Regionen mit sozialdemokratischer Gewerkschaftsvorherrschaft üblich war, und sie hatten in bindende und zeitlich begrenzte Verträge Eingang gefunden. Was schwerer wiegt: diese und andere angewendete Methoden direkter Aktion nährten einen gewissen Geist schöpferischer Rebellion. Darauf komme ich noch zurück.

Um diesen Teil abzuschließen, obwohl es ja noch viel mehr dazu zu sagen gäbe: Vereinnahmung ist wie Lenins berüchtigte revolutionäre Bewusstheit nicht einfach etwas von außen übergestülptes. Sie ist in der arbeitenden Klasse selber verwurzelt, so sicher wie das Potenzial zur Rebellion. Die Tendenz zu Reformismus und Vereinnahmung, die es im Anarchosyndikalismus immer geben wird, ist einer seiner größten Trümpfe. Sie erzwingt, dass Antworten auf diese Fragen greifbar und tagesaktuell sind und nicht in eine abstrakte Zukunft verweisen. Wo nun die einzige Garantie gegen Vereinnahmung der Tod ist, könnte gefragt werden: Würde eine Organisationsstruktur, die in der Hitze einer revolutionären Situation auftaucht und aus Arbeitenden besteht, deren überwiegende Erfahrung einer bürokratisierten, körperschaftlichen Gewerkschaftsstruktur entstammen - oder gänzlicher Desorganisation - würde die für eine Vereinnahmung in eine alte oder neue Klassenbeziehung weniger anfällig sein? Das glaube ich nicht. Das Gegenteil erscheint als rational viel begründbareres Urteil. Ich weigere mich, jene Logik anzuerkennen, dass Gewöhnung an höhergradige Unterwürfigkeit und Tatenlosigkeit ein großer Trumpf in revolutionärer Situation sei. Weder dies, noch dass ich irgend geschichtliche Anhaltspunkte zur Unterstützung dieser Sicht sähe. Stattdessen sehe ich eine endlose Blutspur und eine endlose Reihe Tyrannen vom Gegenteil Zeugnis ablegen. Es gibt tatsächlich gute Gründe für die Frage, ob nicht, wenn wahre RevolutionärInnEn alle ständigen Massenorganisationen grundsätzlich von sich weisen, dies der endgültige Triumph kapitalistischer Vereinnahmung ist.

CGT, Betriebsräte und die die unvermittelte Kreativität der ArbeiterInnen

Auch wenn die spanische CGT in viele konkrete Kämpfe verwickelt ist, bei denen es jeden Grund für eine Unterstützung gibt, gründet dennoch viel von ihrer Existenz auf der Beteiligung an den Wahlen zu Betriebsräten (comités de empresa und delegados personal) und dies nicht nur als taktische Ausnahme sondern als Regel, die - wenn man es vom Standpunkt der Geschichte der Arbeit bewertet - schnell zu einer unreflektierten Gewohnheit geworden ist. Als Duplikat zum parlamentarischen System mit seiner unglaublichen vierjährigen Wahlperiode, überläßt die Struktur der Betriebsräte den ArbeiterInnen sogar noch weniger Kontrolle über ihre Repräsentanten als dies in dem korporativistischen Konstruktion der Arbeitsbeziehungen in Skandinavien der Fall ist. Die Betriebsräte wurden anfangs von der CGT wegen deren Befürwortung der Klassenkollaboration, des Korporativismus und der Passivität kritisiert und es besteht wenig Zweifel daran, dass diese Strukturen genau für diese Zweck entwickelt und durch das Gesetz abgedeckt wurden und dass sie auch tatsächlich diesen Effekt gehabt haben. Sie dienen der Herstellung von Passivität und der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung durch ein System von Stellvertretung und durch eine Errichtung einer Ebene von Gewerkschaftsoffiziellen, die teilweise oder ganz von der Quälerei der täglichen Lohnsklaverei freigestellt sind. Solche Strukturen sind eine permanente Tragödie, die eine rebellische Seele nach der anderen aufsaugt und wie einem jeder Sozialdemokrat bestätigen kann, sind sie vor allem in einer Hinsicht effektiv, nämlich in der Erzeugung einer ganz besonderen Athmosphäre und Mentalität von konstruktiver Mitverantwortlichkeit, zumal die Bosse ja trotz allem irgendwie auch Menschen sind.

Die Beteiligung der CGT am System der Betriebsräte funktioniert als eine sich selbst legitmierende Praxis. Sie erfüllt die Rolle des radikalen Alibis innerhalb des Systems in einer ähnlichen Weise, wie das diverse selbst-erklärte revolutionäre Parteien innerhalb des parlamentarischen Systems über ein Jahrhundert lang getan haben. Was als pragmatischer Ansatz beginnt, wird als ein besonders Denkmuster internalisiert. Je mehr die CGT sich davon abhängig macht, innerhalb dieser Rahmenbedingungen zu funktionieren, desto mehr begiebt sie sich in einen Käfig und desto schwieriger wird es werden, sich aus dieser Umklammerung zu befreien und sich an der Begründung einer Praxis von autonomen ArbeiterInnenkämpfen zu beteiligen, die auf ihren zwei eigenen Beinen stehen kann und keinerlei staatlich-gesponserte Krücken benötigt. Ein Anzeichen hierfür ist sind die Fälle, in denen die CGT die Initiative dazu übernommen hat, solche Strukturen in Betrieben einzuführen, wo sie davor nicht existiert hatten. Schon allein die Frage nach einer Praxis die in radikaler Seperation vom System der Betriebsräte funktioniert, gerät schnell in Vergessenheit oder droht - falls sie überhaupt noch gestellt werden sollte - herabgewürdigt zu werden. Während man mitmacht, um entweder das System der Betriebsräte von innen heraus zu verändern oder indem man es benutzt, um damit andere Ziele zu verfolgen, endet man darin, dass man selbst von diesem System verändert wird. Es mag einfach sein zu vergessen, dass der sozialdemokratische Reformismus, mit seinen ursprünglich revolutionären Hoffnungen, im Sinne der Kapitalisten genau deswegen erfolgreich war, weil er, unterstützt von so vielen wohlmeinenden Idealisten und weil er tatsächlich einige Verbesserungen erzielte, gleichzeitig die Quelle unterminierte, die ihn erst möglich gemacht hatte und zusätzlich noch die Tür verschloß für fundamentalere Veränderungen der Gesellschaft.

Die Doppelkommunikation, die die Beteiligung der CGT am Betriebsratssystem mit sich bringt, sendet eine Nachricht des Schweigens hinsichtlich dessen, was stattdessen sein könnte und beinhaltet die Art der Doppelzüngigkeit wie sie auch mit Politikern in Verbindung gebracht wird. Was sie der CGT antut - und wie viele Mitglieder sie in einer kurzfristigeren Perspektive bringen kann - ist uninteressant im Vergleich zu ihren Effekten auf die Kreativität der ArbeiterInnen insgesamt. Es geht weniger um die Frage, ob die Entscheidungen, die von einem Betriebsrat gefällt werden, gut oder schlecht sind, sondern darum, dass fast alles auf eine halbjuristische Ebene gebracht wird und - um zur Frage der guten oder schlechtetn Stellvertreter zurückzukommen - dass die Schwerpunkte und die Gedanken wegbewegt werden von den in den ArbeiterInnen selbst schlafenden Potentialen eigener unvermittelter Kreativität, die die einzige Basis darstellt, auf die eine anarchosyndikalistische Praxis begründet werden kann. Anarchosyndikalismus ist mehr als alles andere eine Frage der Föderung eines bestimmten Geistes rebellischer Kreativität.

In dem Sinn, dass die Haltung, einige wenige ausgewählte Repräsentanten könnten die Interessen der ArbeiterInnen an deren Stelle vertreten, der Kern der sozialdemokratischen Ideologie ist und eine Praxis darstellt, die in direktem Widerspruch zu einer Praxis die aus der eigenen, unvermittelten Kreativität der ArbeiterInnen selbst entspringt und zu selbstorganisierten Kämpfen mit dem Mittel der Direkten Aktion steht, kann eine permanente Beteiligung der CGT an diesem System nicht der Logik der Reproduktion der kapitalistischen Ordnung und Ideologie entfliehen. Sofern es ihr aber gelingt, dieser Logik zu entfliehen - was sie ohne Zweifel für sich in Anspruch nimmt - ist es schwer zu begreifen was denn die Ziele dieser Beteiligung eigentlich überhaupt sein sollen. Ihre fortgesetzte und verstärkte Beteiligung an diesen Strukturen hört sich nach Abhängigkeit an. Und ich zumindest, bin nicht in der Lage gewesen, eine Strategie zu entdecken, die aus dieser Situation herausführt, in die sie sich selbst begeben haben, außer diejenige, jeden weiteren Schritt hinein als Ziel in sich selbst zu feiern. Je erfolgreicher das wäre, desto schwieriger wäre es, jemals wieder heraus zu kommen. Das Ende dieser Sackgasse wäre mit fast hoher Wahrscheinlichkeit eine Spaltung innerhalb der CGT, mit anschließender Wiedervereinigung einer Fraktion mit der CNT.

Die SAC und die moralische Ökonomie der ArbeiterInnenklasse

Ich kann an dieser Stelle nicht allzusehr in die Details des Funktionierens der heutigen SAC gehen. Es ist aber relativ offensichtlich, dass, trotz einiger positiver Entwicklungenin den letzten Jahren, mehr als eine oberflächliche Veränderung notwendig wäre, damit die SAC wieder zu der potentiell sozialrevolutionären Kraft wird, die sie einst innerhalb der ArbeiterInnenklasse war. Die SAC hat sich zweifellos eine viel demokratischere Struktur erhalten, als die Gewerkschaftsverbände, die ihre Wurzeln in der sozialdemokratischen Tradition haben und es gibt viele idealistische und wohlmeinende Leute in ihren Reihen. Dennoch ist es sehr schwierig zu entdecken, inwiefern sich ihre Praxis in konkreten Klassenkämpfen von der der sozialdemokratischen Gewerkschaften unterscheidet, außer, dass sie ihren Mitgliedern gegenüber einen größeren Respekt zeigt. Ich denke, es ist auch richtig zu sagen, dass sie immer noch ein viel größeres Potential beinhaltet und aus diesem Grund neige ich auch zu der Meinung, dass die norwegische IAA-Sektion, die NSF, weitaus Schlechteres tun könnte, als der SAC als oppositionelle Kraft beizutreten. Trotz all ihrer Mängel und Fehler fällt es schwer irgendeine Zukunft für den Anarchosyndikalismus in Skandinavien außerhalb der SAC zu sehen.

Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass schon alleine die Frage danach, über den die Legalität hinauszugehen, von großen Teilen der SAC-Mitgliedschaft nicht verstanden wird. Selbst die Art von extra-juristiziellen Kämpfen mittels direkter Aktion, wie sie von Zeit zu Zeit auf Betriebsebene innerhalb des Rahmens der sozialdemokratischen, korporativistischen Gewerkschaften stattfinden, werden dann oft als unverantwortlich denunziert, wenn vorgeschlagen wird, sie zur Basis der SAC-eigenen Praxis zu machen. Die Angst vor dem Verlust von Mitgliedern, um das Überleben der Organisation, ist wichtiger geworden als das Überleben, oder korrekter die Wiederaneignung einer spezifisch syndikalistischen Praxis. Ich hoffe, das sich das ändern wird, aber das bislang Gesagte ist nichtsdestotrotz ein ziemlich genaues Bild der derzeitigen Situation.

Ich denke, es ist nicht gänzlich unfähr zu behaupten, dass ein großer Teil der Mitglieder der SAC die rein juristische Definition davon, was ein Streikbruch ist, ebenso verinnerlicht haben, wie die der sozialdemokratischen Gewerkschaften in Skandinavien. Das ist vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte umso erstaunlicher. Im Gegensatz dazu haben die Industrial Worker of the World (IWW) sich ein sehr genaues Verständnis vom Konzept des Streikbruchs durch eine Gewerkschaft bewahrt, der mehr als jedes Arbeitsgesetz historisch die SAC als revolutionäre Kraft innerhalb der ArbeiterInnenklasse geschädigt hat.

Es ist nicht weit entfernt von der Wahrheit, zu behaupten, dass das gesamte Gebäude der Arbeitsgesetzte in Schweden vor dem 2. Weltkrieg mit dem einzigen Ziel errichtet wurde, dem Einfluß der SAC auf die Arbeiterklasse ein Ende zu bereiten. Gesetze können natürlich immer gebrochen werden. Der entscheidende Faktor - und das hat die schwedische Arbeitgebervereinigung SAF (Svenska Arbetsgivarfõreningen) sehr gut verstanden - war dabei die Untergrabung einer moralischen Ökonomie der ArbeiterInnenklasse, der ungeschriebenen Gesetze innerhalb der Klasse, die die wirkliche Basis für die Stärke der SAC darstellten.

Seir Gründung der SAC im Jahre 1910 war die größte Kapitalistenvereinigung, SAF, tief besorgt über die syndikalistischen Methoden der Direkten Aktion und sie verwandte viel Zeit und Energie darauf herauszufinden, wie man das, was sie als eine Bedrohung einer geordneten Gesellschaft und die eigentlichen Grundlagen der kapitalistischen Produktion ansahen, bekämpfen könnte. Sie arbeiteten daran, das, was sie als "geheimtuerische und hinterlistige" Methoden der Direkten Aktion der SAC beschrieben, in das umzuwandeln, was sie als "offene und ehrliche" Arbeitsbeziehungen bezeicheten. Die Bandbreite an Begriffen, die sie verwendeten, um SyndikalistInnen zu beschreiben, die angeblich "geistig unterentwickelt" seien und eine "unmoralische Mentalität" besäßen, die eine "Sache des Strafrechts" sei, erweckt unweigerlich Assoziationen an die Beschreibung von "Wilden" durch die Kolonialmächte. So wie die Situation war, beklagten sich die Unternehmer, dass sie nie vorher wüßten, wann die syndikalistischen ArbeiterInnen zuschlagen würden, ebensowenig wann ihre Aktionen endeten, oder ob ein Angebot angenommen worden war, bevor "die Arbeiter plötzlich die Arbeit wieder aufnahmen". The Syndikalisten in der SAC weigerten sich meistenteils Verträge zu unterzeichnen, und wenn sie es taten, nutzen sie jede Gelegenheit, um sie wieder zu brechen. Abgesehen davon, dass sie ständig Unruhe verursachten, waren sie auch noch völlig unzuverlässig. Besonders aber war die SAF besorgt darüber, wie diese besondere syndikalistische Mentalität das moralische Gebäude der kapitalistischen Ordnung untergrub und damit auch noch die Mitglieder und Ortsvereine der sozialdemokratischen Gewerkschaftsföderation verseuchte. Diese respektierten, den ungeschriebenen Gesetzen der moralischen Ökonomie folgend, die geheimen und offenen syndikalistischen Blockaden und nahmen in zunehmendem Maße die das große Repertoire an Methoden der Direkten Aktion an.

Im Jahre 1924 äußerte das Sonderkomittee für Gewerkschaftsfragen der SAF, dass sie die weiter Ausbreitung syndikalistischer Methoden als "tadelnswert" und "schädlich für die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung" betrachten und die SAF erklärte, dass sie jeden weiteren Bezug auf syndikalistische Betriebsaktionen als eine betriebliche Kriegserklärung betrachten würden.

Die SAC-Methoden der Direkten Aktion hingen in einem großen Maße von der Existenz einer moralischen Ökonomie der ArbeiterInnenklasse als Ganzes ab. Erst in dem Augenblick als es den Zentralorganen der sozialdemokratischen Gewerkschaften in einem langen Kampf mit ihren eigenen Mitgliedern gelungen war, diese dahingehend zu disziplinieren, dass sie das Konzept der Arbeitersolidarität durch das neue der Loyalität gegenüber einer Organisation ersetzten, oder in anderen Worten den gewerkschaftlichen Streikbruch akzeptierten, wurde die revolutionäre Kraft der SAC schwerwiegend unterminiert. Das war viel wichtiger als die systematischen Schwarzen Listen, die es schon lange gegen Syndikalisten gab oder all die neuen Gesetze, die zum erklärten Zweck der Marginalisierung der SAC erlassen worden waren. Die SAF verstand perfekt, dass die Stärke der SAC exakt darin zu messen war, inwieweit es der syndikalistischen Mentalität gelang die Denkweise der ArbeiterInnen an der Basis der sozialdemokratischen Gewerkschaften zu kontaminieren. Um die SAC als potentiell revolutionäre Kraft auszuschalten, mußten sie zunächst die moralische Ökonomie innerhalb derjenigen ArbeiterInnen zerstören, die in den sozialdemokratischen Gewerkschaften organisiert waren.

Daraus können wir den Schluß ziehen, dass unsere Bemühungen heute sich weitgehend daran messen lassen müssen, inwieweit es uns gelingt, die Haltung der anderen gewerkschaftlich organisierten oder nicht organisierten ArbeiterInnen mit dem alten Wobbly-Geist der rebellischen Kreativität zu infizieren. Der Weg dahin führt über die Wiederbelebung der moralischen Ökonomie der ArbeiterInnenklasse und die Autonomie in den Kämpfen und nicht alleine über die Mitgliederzahl. Eine demokratischere Struktur, eine nette schwarzrote Farben, einige wunderbare Ziele und Prinzipien auf Papier und mehr oder weniger erfolgreiche Lohnstreiks, begründen nicht in sich selbst den Anarcho-Syndikalismus. Sie müssen mit einer Praxis verknüpft sind, die fortwährend danach strebt, den Einfluß der Direkten Aktion in den Kämpfen von ArbeiterInnen auszudehnen und welche die Flammen der Unzufriedenheit anfacht, indem sie eine Brücke schlägt über die Kluft zwischen den Zielen und den Mitteln, die uns Arbeitsgesetze und korporativistische Gewerkschafterei aufzwängen und so die Kämpfe in eine kreative Praxis verwandeln. Es gibt keine Abkürzungen. Bei jedem Gebäude benötigt das Fundament seine Zeit. Alles andere aber wird von ihm abhängen.

Originaltext: http://www.fondation-besnard.org/article.php3?id_article=572


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