Helmut Rüdiger - Konstruktive Zukunftsaufgaben des Syndikalismus

Anregungen

Das Wort "Revolution" hat auch im Munde vieler Syndikalisten einen etwas mystischen Klang. Uralte chiliastische Hoffnungen auf den plötzlichen Anbruch einer neuen Zeit leben als Reste religiöser Vorstellungen noch in uns allen. Sie sind vielleicht bis zu einem gewissen Grade sogar positiv zu werten, als Hoffnungen, die uns nicht müde werden lassen. Darüber hinaus aber sind solche Vorstellungen vom sozialistischen Gesichtspunkt sogar außerordentlich gefährlich. Die marxistische Theorie vom katastrophalen Umschlagen des kapitalistischen Systems ins sozialistische, die naive Vorstellung August Bebels vom großen "Kladderadatsch" findet allenthalben unsere Gegnerschaft. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß auch wir den Begriff der Revolution viel zu politisch, viel zu gefühlsmäßig und viel zu wenig nüchtern und ökonomisch auffassen. Wir kämpfen unseren Tageskampf und verschieben die Aufgabe der Errichtung eines neuen Wirtschaftsorganismus auf den berühmten "Tag nach der sozialen Revolution" - und machen uns sonst recht wenig Sorgen darüber, was wir an diesem Tage und in den auf ihn folgenden Monaten und Jahren wirklich praktisch tun könnten. Diese ganze Einstellung ist grundfalsch. Ebenso wie jene andere, die für uns Heutige nur die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen fordert und im übrigen glaubt, daß die Entwicklung einer neuen Kultur später einmal die "naturnotwendige" Folge einer wirtschaftlichen Umwälzung sein werde. Solche Anschauungen sind irrig. In der Zukunft wird nichts sein, was wir nicht in der Gegenwart mindestens schon erfaßt und keimhaft verwirklicht haben. Von jeder mechanischen Denkweise müssen wir uns gründlich frei machen.

Wir haben große Revolutionen erlebt. Über die russische Umwälzung, die im Jahre 1917 begann, äußert Dr. Gerschuni in seinem Buche "Die Konzessionspolitik Sowjet-Rußlands": "Die ersten Maßnahmen der Sowjetregierung zur Liquidation der großkapitalistischen Positionen zeigten das Fehlen eines systematischen Planes der Überführung der Wirtschaft auf neue Wege." Dasselbe müssen wir von der deutschen Revolution sagen. Man hatte - ob sozialdemokratisch oder bolschewistisch, das lief im Endeffekt auf dasselbe hinaus - nur an die Eroberung der Macht gedacht und stand, nachdem man sie gewonnen oder in den Schoß geworfen bekommen hatte, den Verhältnissen und Ereignissen praktisch vollkommen planlos und infolgedessen trotz aller politischen Macht doch machtlos gegenüber. Prüfen wir aber nun uns selber: Wir sind Gegner der Eroberung der politischen Staatsmacht. Wir sind für den Willensausdruck der revolutionären Arbeiterklasse durch das Rätesystem, für einen dezentralisierten Aufbau der Gesellschaft. Dabei denken wir aber meist ebenfalls viel zu sehr an die politische Seite, an die Sicherung der revolutionären Macht (die natürlich unbedingt notwendig ist), und viel zu wenig an die wirtschaftlichen Zwecke, die wir durch das politische Mittel des Räteaufbaus verwirklichen wollen. Unsere diesbezüglichen Formulierungen in der Literatur stammen (Kropotkin) zum größten Teil noch aus dem vorigen Jahrhundert, und die neueren Pläne nach dieser Richtung (Prinzipienerklärung) sind letzten Endes nur als Rahmen zu werten, innerhalb derer gearbeitet werden müßte, aber praktisch so gut wie gar nicht gearbeitet wird.

Die Marxisten verwerfen das, was sie "Utopien" nennen. Damit meinen sie aber keineswegs nur rein gefühlsmäßig aufgebaute, mehr oder weniger zwecklose Phantasien über ein zukünftiges Leben ("Die Sonnenstadt" u.a.m.), sondern auch jedes positive Planen und Bauen für die Reorganisation der Produktion und der Verteilung der Güter im Sinne des Sozialismus. Hier ist die syndikalistische Bewegung die einzige Geistesströmung in der Arbeiterschaft, die wenigstens grundsätzlich den Willen hat, positive Aufbauarbeit zu leisten. Wollen wir das aber tun, so muß bei uns noch vieles anders werden.

Wir haben in unserer Organisation schon übergenug Streitigkeiten über die Funktionszuständigkeiten einzelner Organe unserer Bewegung gehabt. Erinnert sei nur an die Streitfrage, ob die Regelung der Solidarität durch die Börsen oder die Föderationen geschehen soll. Gerade dieser Zwist ist ein deutliches Zeichen dafür, daß bei uns wirklich konstruktive Arbeit absolut nicht geleistet wird. Worum handelt es sich denn? Wir müssen unseren Genossen Solidarität bezahlen, um sie durch Kämpfe mit hindurchzuschleppen, die nicht einmal unsere eigenen sind, die fast immer auf eine Art und Weise geführt werden, die wir auf das schärfste ablehnen und von Anfang an als erfolglos erkennen müssen! Einer solchen Pflicht wie der Solidaritätsregelung sollten wir uns doch mindestens so unterziehen können, daß absolut nicht darüber geredet zu werden braucht. Haben denn die Börsen etwa ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie die Solidarität reibungslos und zur Zufriedenheit aller regeln können?

Niemals. Wir müssen sogar noch weitergehen. Womit beschäftigen sich Börsen und Föderationsleitungen denn darüber hinaus? Sie sind, wie ich zu sagen pflege, bloße Abwicklungsgeschäftsstellen. Im Verlaufe einer Sitzungsperiode läuft immer automatisch eine Anzahl organisatorischer Notwendigkeiten auf, die dann allmonatlich etwa irgendwie geregelt werden müssen. Briefe werden beantwortet und Briefe geschrieben, Rundschreiben und Ermahnungen verfertigt, eine ab und zu einmal notwendige Versammlungstour, die fällige Mai- oder Chikagofeier wird vorbereitet. Damit ist man meist fertig. Nun aber müßte die eigentliche Tätigkeit unserer Funktionärkörper erst einsetzen! Der Funktionärkörper - sei es eine Orts-, Kreis- oder Provinzbörse, eine örtliche, provinziale oder Landesföderationsleitung - muß grundsätzlich als Arbeitsgemeinschaft zur Klärung ökonomischer Fragen der sozialen Umwälzung betrachtet werden und seine ganze Arbeitsweise danach bestimmen.
 
Daß man unserer Bewegung heute allenthalben anfängt unzufrieden zu werden und gerade auf konstruktivem Gebiete neue Ideen für unsere Tätigkeit zu erschließen, ist, im Zusammenhang mit den obigen Gedankengängen gewertet, an sich durchaus ein gutes Zeichen und bedeutet den Willen zur Gesundung. Von Göppingen und Magdeburg aus kamen wiederholt an die Redaktionen der antiautoritären Zeitungen deutscher Sprache Anregungen zur Verwirklichung neuer genossenschaftlicher Ideen durch unsere Bewegung. Diese Vorschläge sind auch zum größten Teil in der Öffentlichkeit unserer Organisation bekanntgeworden, tragen allerdings, wie das auffälligerweise gerade bei solchen Tendenzen oft der Fall ist, einen gewissen dilettantischen Charakter. Es wird ins Uferlose hineinphantasiert, und eine organisatorische Grundlage ist nicht vorhanden. Wir brauchen selbstverständlich, wenn wir nach dieser Richtung hin Erwägungen anstellen, die denkbar größte Nüchternheit, und der größte Fehler bei konstruktiven Bestrebungen ist es, wenn das Gefühl mit dem Verstand durchgeht. Im Rahmen einer immerhin relativ umfassenden Gewerkschaftsbewegung wie der FAUD jedoch sollte die Möglichkeit gegeben sein, konstruktive Ideen in sachlichster und planmäßiger Kollektivarbeit zu verfolgen und ihre Verwirklichung in Beziehung zur Organisation zu setzen.

Viele Genossen dürften es freudig begrüßt haben, als in der "Internationale" die wertvollen historischen Abhandlungen Rudolf Rockers über konstruktiven Sozialismus erschienen, die später auch noch bis in die Gegenwart führen und die vorliegenden Probleme aktuell zur Diskussion stellen sollen. Bereits auf dem Mannheimer Kongreß lag ein Antrag der Nürnberger Genossen vor, genossenschaftliche Aufbaufragen zu diskutieren. Das bekannte neue Regulativ der Provinzföderation der Metallarbeiter Groß-Thüringens kann, obwohl es vielleicht mehr aus formalen Gründen nicht allenthalben Anklang gefunden hat, in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Hier ist jedenfalls ein beachtlicher Versuch gemacht, über das rein organisatorische und einseitig Gewerkschaftliche hinaus Wege in die Zukunft, Wege zum sozialistischen Aufbau zu weisen. Das alles sind zweifellos Anzeichen dafür, daß in unserer Bewegung eine bestimmte Ader revolutionären Denkens lange Zeit verschwunden war, und daß man jetzt versucht, Versäumtes nachzuholen.

Die anarchistische Bewegung hat im allgemeinen nicht gerade einen Überfluß an wirtschaftlich konstruktiver Literatur hervorgebracht. Kropotkins "Landwirtschaft, Industrie und Handwerk", eine reiche Fundgrube, hat leider bei uns durchaus noch nicht die Beachtung gefunden, die dieses wertvolle Buch verdient. Abgesehen von diesem Werke Kropotkins ist unser großer Vorkämpfer letzten Endes vor allen Dingen als Ethiker zu werten, und insofern beschäftigt man sich auch mit ihm, während man den konstruktiven Wirtschaftsdenker über alle Maßen vernachlässigt.

Die Persönlichkeit Michael Bakunins ist die eines bedeutenden Revolutionärs; auf ökonomischem Gebiete lag seine Tätigkeit am wenigsten. Derjenige Anarchist, der am meisten veranlagt war, wirtschaftlich auf bauend zu denken, ist sicherlich Proudhon gewesen. Und ihn kennen die wenigsten Genossen. Es kommt gerade bei Proudhon durchaus nicht darauf an, alles zu lesen, was er je geschrieben hat, es kommt darauf an, den Kern seines Wesens zu begreifen, den beispielsweise Gustav Landauer seinen Zeitgenossen nahebringen wollte, wenn er in seinem letzten "Sozialist" den Grundgehalt der Proudhonschen Ideen in gut ausgewählten Übersetzungen zu vermitteln unternahm. Es würde Aufgabe eines besonderen Artikels sein, der auch später erscheinen wird, die Ideen Proudhons einmal klar darzustellen, soweit sie noch heute für uns als Anregungen und zum Weiterdenken dienen können. Daß Proudhon sich einer so allgemein verbreiteten Unbekanntheit in unseren Reihen "erfreut", ist wiederum ein drastischer Beweis für die Mängel, die hier gerügt werden sollen. Wir müssen konstruktiv denken und arbeiten lernen, nicht in phantastischem Sinne, nicht dilettantisch, sondern großzügig, gründlich, wissenschaftlich und in gemeinsamer Arbeit im Rahmen unserer Organisation.

Die menschliche Wirtschaft ist heute nicht mehr so einfach, wie sie es vielleicht in Zeiten geschlossener Haus- und Stammeswirtschaft oder auch noch handwerklicher Kundenproduktion war. Die ökonomischen Beziehungen sind ungeheuer verwickelte geworden; sie bedecken den ganzen Erdball kreuz und quer. Der Kapitalismus ist insofern ein kompliziertes Gebilde. Wenn man an seine Stelle etwas Neues setzen will, so muß man ihn nicht nur analytisch restlos erfaßt haben (auch das ist sehr notwendig), sondern man muß wissen, wie man im Anschluß an die vorhandenen Produktivkräfte und die im Laufe von Jahrtausenden entwickelten komplizierten Bedürfnisse der Menschen etwas Neues aufbauen kann. Wir haben in unserer Prinzipienerklärung die Forderungen niedergelegt, daß Industrieföderationen die Produktion übernehmen sollen, und es heißt dann, daß man mit Hilfe einer Föderation von Arbeitsbörsen "leicht imstande" wäre, "den Gesamtverbrauch des Landes zu berechnen und auf die einfachste Art organisieren zu können".

Die Berliner Arbeitsbörse hat später einmal, was ebenfalls in einer Broschüre niedergelegt ist, einen beachtlichen Versuch gemacht, diese programmatischen Forderungen weiter zu erläutern. Dazu ist aber einmal zu sagen, daß konstruktives wirtschaftliches Denken überhaupt nur dann Sinn bekommt, wenn es sich nicht mit einmal gewonnenen Resultaten begnügt. Die Produktivkräfte, die wirtschaftlichen Beziehungen und die Bedürfnisse des Kapitalismus ändern sich ja ständig, infolgedessen muß auch das Denken praktischer Sozialisten in dauernder Entwicklung sein. Wir müssen an unserem Plane der sozialen Reorganisation ständig arbeiten. Es ist ein lächerlicher Gedanke, vorliegende Bücher und Broschüren als Programme bis in die Ewigkeit benutzen zu wollen.

Zum anderen: auch die oben erwähnten Publikationen unserer Bewegung haben nur dann Sinn, wenn sie als Rahmen aufgefaßt werden, in denen die eigentliche Arbeit noch geleistet werden muß! Das Andeuten oder Aussprechen von Prinzipien der sozialistischen Wirtschaft bedeutet noch keineswegs, daß man eine solche auch wirklich zu organisieren weiß. Möglichst klare Vorstellungen aber vom erstrebten wirtschaftlichen Ziel braucht unsere Agitation. Unsere ganze Gegenwartsarbeit muß im Sinne unserer Ziele geleistet werden. Eine große Zukunftsklarheit der Arbeiterbewegung kann ungeheuer befruchtend wirken. Man denke nur daran, was die Sozialdemokratie im vorigen Jahrhundert mit ihrem Begriff des "Volksstaates", so unklar er war, für Massen zu begeistern vermochte; man denke ferner daran, wie den Kommunisten in ihrer Agitation auch der Hinweis auf das fertige oder doch wenigstens im Entstehen begriffene angebliche Arbeiterparadies Rußland zugute kommt! Die Massen wollen ohne Zweifel, wenn sie sich einer sozialen Bewegung anschließen, gesagt oder gezeigt bekommen, was diese Bewegung im Endresultat will. Je klarer sie das sagen kann, um so besser ist es. Aber gerade die klarsten und einfachsten Formulierungen fordern die intensivste Vorarbeit. Mit verworrenen Redensarten, die ohne jeden Zusammenhang etwa so herumgetragen werden wie die Phrase vom zweistündigen Arbeitstag oder das Wort "Jedem nach seinen Bedürfnissen" ist da nicht viel anzufangen.

Ich möchte hier anregen, unsere Funktionärkörper zu ökonomischen Arbeitskreisen umzugestalten. Ihre Aufgabengebiete wären ungeheuer groß. Seien wir uns darüber klar, daß hier eine Wandlung unbedingt eintreten muß, wenn wir den Anspruch weiterhin aufrechterhalten wollen, nicht nur eine Tageskampfgewerkschaft, sondern auch eine anarcho-sozialistische Organisation zu sein. Versuche zur Gründung solcher Arbeitskreise sind schon hie und da gemacht worden. Es kann sich hier absolut nicht darum handeln, ein festumrissenes Arbeitsprogramm aufzustellen. Dieses wird je nach örtlichen und industriellen Bedingungen immer verschieden sein müssen. Immerhin lassen sich einige grundsätzliche Andeutungen geben.

Einmal gilt es in sozialistischem Geiste die Gebiete zu meistern, die von bürgerlichen Voraussetzungen aus die Nationalökonomie, so wie sie auf unseren Universitäten gelehrt wird, bearbeitet. Ohne wirtschaftsgeschichtliches Wissen kann man letzten Endes nicht Sozialist sein. Solches kann kollektiv sehr gut erarbeitet werden. Ferner ist es notwendig, Eigentumsverhältnisse und wirtschaftliche Organisationsformen zu untersuchen. Die Fragen von Güterwert und Preis, die Probleme des Geldwesens müssen historisch und grundsätzlich betrachtet werden. Die Einkommensformen des Kapitalismus, der Konsumfonds des Kapitalismus überhaupt, Kapitalzins, Unternehmergewinn und Arbeitslohn müssen untersucht werden. Die Aufsätze unseres Genossen Cornelissen in der "Internationale" dürften beispielsweise geeignet sein, nicht nur gelesen, sondern auch in den Börsen durchgesprochen zu werden. Schließlich muß auch die gesamte technische Organisation des Kapitalismus erforscht werden; Rohstoffbezug und Absatzverhältnisse dürfen demjenigen, der einmal sozialistisch aufbauend tätig sein will, keineswegs unbekannt sein. Ungeheure Gebiete sind hier zu bearbeiten.

Die Untersuchung des Gewordenen und des Bestehenden führt mitten in die Probleme einer wirtschaftlichen Umformung der Gesellschaft hinein. Wenn es gilt, den kapitalistischen "freien" Weltmarkt zu beseitigen, sämtliche Unwirtschaftlichkeiten und Sinnlosigkeiten des trotz aller Betriebsrationalisierung bedarfsdeckungsmäßig unrationellen Kapitalismus durch eine planmäßige Bedarfsdeckungswirtschaft zu ersetzen, so werden wir dabei ohne umfassende Kenntnisse der Gegenwartswirtschaft im oben angedeuteten Sinne nicht auskommen können. Da gilt es zu untersuchen, was für Möglichkeiten die menschlichen Produktivkräfte haben. Es gilt die Betriebsformen nach ihrer sozialistischen Zweckmäßigkeit hin zu betrachten, es ist notwendig, die Formen und die Möglichkeiten des Ackerbaues zu studieren und schließlich darüber Erwägungen anzustellen, wie relativ geschlossene Gebietsbedarfswirtschaften verwirklicht werden können. Untersuchungen über die Bevölkerungsbewegung und die Rolle der Geburtenregulierung gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang. Die Konsumbedürfnisse der heutigen (konsumbeschränkten) Menschheit und die einer Gesellschaft, die in Wohlstand für alle leben soll, müssen eingehend untersucht werden, um für die Zeit nach einer sozialen Umwälzung Wege für den sozialistischen Neuaufbau zu finden. Über die Frage der Bedarfsgestaltung des einzelnen arbeitenden Menschen im Sozialismus sind sich die wenigsten unserer Genossen klar. Wie weit soll sie frei bleiben, wie weit gebunden oder beschränkt werden? Wie weit ist es, um auf ein anderes Gebiet zu kommen, möglich und notwendig, schon in der kapitalistischen Ordnung keimhaft und experimentell den Sozialismus vorzuarbeiten?

Das alles sind notwendige Forschungsgebiete für ökonomische Arbeitskreise, wie sie unsere Organisation unbedingt braucht. Ehe ich dazu übergehe, Anregungen zur Behandlung besonders wichtiger Einzelfragen und ferner über die Methode solcher Kollektivarbeiten zu geben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf das Thüringer Metallarbeiterregulativ hinweisen. Hier ist unter Punkt 2 (Gebiet und Gliederung) die sehr vernünftige Forderung auf gestellt, daß die Delegationen in den Arbeitsbörsen einen ausgesprochenen Industrie- und Produktionscharakter haben müssen, so wie es der Syndikalismus erfordert. Wir betrachten unsere Organisation noch viel zu sehr vom demokratischen, parlamentarischen und vom Gesichtspunkt der Fraktions- und Parteipolitik. Daher kommen auch viele Zwistigkeiten in unseren Reihen. Hier muß sich die Einstellung unserer Genossen noch stark ändern. Wir müssen tatsächlich den fachlichen und industriellen Charakter, den wirtschaftlichen Gilden-Charakter, den Genossenschaftscharakter unserer Organisation in diesem Sinne viel stärker zum Ausdruck bringen.

Das erwähnte Regulativ geht unter 3. (Zweck und Aufgaben, zweiter Hauptabschnitt) ganz im Sinne obiger Anregungen auf die Notwendigkeit der Förderung des ökonomischen und industriellen Wissens und der geistigen Erfassung des Produktionsprozesses vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat ein. Ferner wird darauf hingewiesen, daß aktives Verständnis erweckt werden muß für die Verwirklichung "der Dezentralisation der Produktion und die Neugeburt der Arbeitsfreude durch eine neue Arbeitseinheit; für die Erforschung und Vervollkommung der Produktionsmethoden, die den geringsten Arbeitsaufwand mit größtem Produktionsreichtum verbinden; für die Anlegung wirtschaftlicher Archive, die enthalten sollen das Material der Beratung und Untersuchung der industriellen und landwirtschaftlichen Studienkommissionen über das Wesen der Umgestaltung und der Reorganisation des künftigen Produktionsprozesses auf der Grundlage der durch die Arbeitsbörsen ermittelten Verbrauchs- und Konsumtionsbedürfnisse der gesellschaftlich föderierten freien Kommunen".

Weiter ist sehr richtig darauf hingewiesen, daß wir uns über die Frage der Betriebsverwaltung ("Menschenökonomie") im sozialistischen Sinne klar sein müssen, und später werden dann noch einmal im Zusammenhang mit dem oben Erwähnten als notwendig hingestellt "die Überprüfung der Betriebsproduktion auf ihren sozialen Nützlichkeitswert und der produktionstechnischen Zusammenhänge mehrerer Betriebe zueinander im Produktionsorganismus; statistische Untersuchungen und Ermittlungen über die Produktionsfähigkeit und über die Notwendigkeit einer Abänderung des Produktionscharakters der einzelnen Betriebe, über die Bedürfnisse des Produktionsorganismus an Rohstoffen, Produktionsmitteln, Halbfertigfabrikaten, Arbeitskräften, Arbeitsräumen und Arbeitszeit". Hier sind Probleme in großer Fülle angedeutet, die einer Behandlung und Lösung durch unsere Organisationen noch immer harren.

Wie könnte man sich aber nun die ganze Arbeitsweise eines so sozialistisch aufgefaßten Funktionärkörpers oder interessierten Arbeitskreises einzelner Genossen denken? Nun, da gibt es verschiedene Wege. Einmal sollte es in unseren Versammlungen ganz allgemein zur Gepflogenheit werden, im Sinne der hier angedeuteten Probleme ständige Betriebsberichte zu geben (auch in anderem Zusammenhang; hierüber siehe meinen Artikel in Nummer 8 der "Internationale"). Durch Betriebserforschung und -berichte wäre schon viel Material für konstruktive Arbeit zu liefern. Weiter aber können auch wertvolle Bücher als Unterlage und Anregung dienen, und zwar vor allen Dingen solche, die unseren Ideen irgendwie nahestehen und prinzipiell konstruktiv gerichtet sind.

Hierher gehört ein Teil der Werke Proudhons (vor allem alles das, was Gustav Landauer im "Sozialist" übersetzt hat und den meisten unserer Genossen völlig unbekannt ist; wie man vor längerer Zeit hören konnte, ist Martin Buber damit beschäftigt, diese Übersetzungen in einem Sammelband herauszugeben, der hoffentlich in unserer Organisation begeisterte Aufnahme finden wird). Ferner ist sehr brauchbar, als bedeutsame Anregung zumindest, die Literatur von Theodor Hertzka, die wohl vor dem Kriege auch schon einmal in unserer Bewegung mehr gelesen wurde. An Titeln seien in diesem Zusammenhang der des utopischen Romans "Reise nach Freiland" und das grundsätzliche Werk "Das soziale Problem" genannt. Ein Teil der Aufsätze Gustav Landauers lohnte ebenfalls ein Weiterdenken, und nicht zu vergessen ist Kropotkins inhaltsreiches Werk "Landwirtschaft, Industrie und Handwerk". Ferner könnten statistische Werke in den Kreis der Untersuchungen gezogen werden. Ich nenne da das umfangreiche und relativ billige "Statistische Jahrbuch des deutschen Reiches" und W. Woytinskis "Die Welt in Zahlen"; auch die Zeitschrift des statistischen Reichsamtes "Wirtschaft und Statistik" bietet reiches Material. Diese Hinweise sind keineswegs erschöpfend.

Wenn nun unsere Funktionärkörper, und zwar sowohl die der Ortsvereine wie diejenigen der Börsen und Föderationen, aus bloßen Abwicklungsstellen zu Arbeitsgemeinschaften werden wollen, so heißt es natürlich auch eine Arbeitsmethode zu finden, die der Forderung nach Kollektivarbeit, nach Zusammenarbeit gerecht wird und das allgemeine Interesse möglichst stark reizt und lebendig macht. Ich möchte da empfehlen, daß von Sitzung zu Sitzung immer reihum jeder Genosse damit daran kommt, über die Verhältnisse in einem bestimmten Betrieb oder die Konsumverhältnisse in einem einzelnen Haus- oder Häuserblock, oder aber (was zumeist der Fall sein wird) über einen Abschnitt oder ein größeres oder kleineres Kapitel eines Buches knapp Bericht zu erstatten und einige eigene Gedanken zur Sache zu äußern, worauf die allgemeine Diskussion einzusetzen hätte. Die Stoffsuche und Einteilung hätte vorher gemeinsam zu geschehen, worauf Einzelaufgaben verteilt werden müßten. Hier kann jeder ehrliche Genosse mitreden. Wir wollen nicht routinierte Schwätzer erziehen, die in jedem Augenblick zum Phrasendreschen fähig sind, sondern ernst denkende Menschen, die sich ihre Überzeugungen redlich erarbeiten und sie schließlich auch in klaren und einfachen Worten zu vertreten verstehen. Die meist recht leblose und letzten Endes autoritäre Form der Abhaltung von Vorträgen durch irgendwelche Rednerkanonen, die dann diskutiert werden sollen, ist meines Erachtens weniger zu empfehlen, wenngleich man vielleicht in einzelnen Fällen dazu übergehen muß.

Es kommt jedenfalls auf den Charakter einer wirklichen Arbeitsgemeinschaft an, in der jeder freudig mittun lernt. Das alles sind natürlich nur Anregungen, deren zweckmäßigste Befolgung und Verwirklichung eigentlich nur die Praxis ergeben kann. Diese Praxis aber zu beginnen, ist eine dringende Aufgabe. Sowohl aus dem engen Bezirk persönlich-organisatorischer Streitereien wie der Beschränkung auf allgemeine Prinzipien müssen wir endlich heraus, wenn anders unsere Bewegung nicht geistig und organisatorisch zur vollkommenen Stagnation verurteilt bleiben soll.

Hinzuzufügen wäre zu dem Plane der ökonomischen Arbeitsgemeinschaft weiterhin, daß hierbei (siehe auch Metallarbeiter-Regulativ) eine geregelte, gründliche und stetig wechselnde Protokollführung zur Niederlegung gewonnener Arbeitsergebnisse notwendig ist.

Grundsätzlich kommt es mir bei diesen Anregungen für praktische Arbeit darauf an, davor zu warnen, sich über die Frage der Verwirklichung des Sozialismus leichtfertigen und scheinrevolutionären Täuschungen hinzugeben. Wir müssen aufhören die Geschichte der Menschheit so zu betrachten, als ob wirtschaftliche Abschnitte und Systeme bis zu einem bestimmten Tage dauern und dann plötzlich durch neue, womöglich ganz entgegengesetzte Wirtschaftsformen abgelöst werden könnten. So liegen die Dinge nicht; Revolutionen spielen im Leben der Gesellschaft, so notwendig sie sind, nur dieselbe Rolle, die die Geburt bei den Säugetieren ausfüllt. Geburten sind blutige und gewissermaßen gewaltsame Ereignisse; ohne sie gäbe es kein neues Leben; aber Geburten könnten nicht stattfinden, wenn nicht ein neues Lebewesen, ein ganz neuer Organismus sich bis zu einem gewissen Grade schon im Mutterleibe entwickelt hätte. Dieser neue Organismus muß alle Merkmale und Entwicklungslinien des reifen Lebewesens schon in sich und an sich tragen; nur daß alles im keimhaften Zustande und in primitiver Form vorhanden ist. Eine Revolution hat nur dann Sinn, wenn sie einen neuen sozialen Zustand gebären kann. Der aber muß vorbereitet sein.

Ich kann nicht umhin, noch einmal auf Landauer hinzuweisen, der einer der wenigen war, die in Deutschland über diese Zusammenhänge schon früher klare Gedanken zu fassen versuchten. Er wies darauf hin, daß gemeinhin die Überzeugung bestehe, man könnte nur durch die Revolution zum Sozialismus gelangen. Gustav Landauer sagte: Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Nur durch sozialistisches Beginnen kommen wir zur Revolution. Wir müssen so lange bauen, bis wir nicht mehr weiter können und die Hülle der alten Gesellschaftsordnung durch eine Revolution gesprengt werden muß. Darin liegt ein großes Stück Wahrheit. Man muß auch heute noch Landauers Ausschließlichkeit, seine Einseitigkeit und seine Ablehnung aller Gewerkschaftsarbeit kritisieren - unbedingt; trotzdem aber müssen wir uns gerade an Landauer revidieren, selbst wenn wir nicht zu der Folgerung der Beschränkung auf Genossenschaftsarbeit kommen wie er.

Das Reden von der Revolution muß aufhören Phraseologie zu sein, es muß Sinn bekommen dadurch, daß wir uns instandsetzen zu sagen, was wir durch die Revolution an positiven Neuerungen bezwecken, und daß wir diese Neuerungen soweit wie irgendmöglich praktisch vorbereiten. So verstehe ich auch die vielen kritischen und warnenden Stimmen, die sich in der internationalen freiheitlichen Bewegung erhoben haben und auch uns Syndikalisten zu theoretischer Besinnung rufen. Ich erinnere nur an frühere Ausführungen Rudolf Rockers in der "Internationale" und im "Fanal", bei denen er sich auch auf Äußerungen Emma Goldmans und anderer bekannter Genossen des Auslandes bezog. Sie forderten eine gewisse theoretische Erneuerung nicht nur in bezug auf unsere Anschauungen gegenüber dem Kapitalismus und unsere ethische Grundlage, sondern vor allen Dingen auch im konstruktiven Sinne. Diese Stimmen dürfen nicht ungehört verhallen. Es muß endlich einmal gehandelt werden, begonnen werden, neue Gebiete geistig zu erschließen und praktisch zu arbeiten. Geschieht das nicht, so bleiben wir ewig auf dem jetzigen Punkt stehen.

Wenn ich oben die Arbeitsgebiete für unsere Funktionärkörper und alle interessierten Genossen zu umreißen versucht habe, so konnte das natürlich nur sehr allgemein und flüchtig geschehen. Ich will deshalb noch ganz kurz einige Einzelgebiete anführen, auf denen meines Erachtens ganz besonders Klarheit geschaffen werden muß. Wir bekennen uns zum anarchistischen Kommunismus, der auf dem Gebiete der Konsumtion in der Devise "Jedem nach seinen Bedürfnissen" Ausdruck finden soll. Bei diesen Worten denkt man sich meistens nichts oder nur sehr wenig. Gerade um dieser Devise willen haben uns beispielsweise die in diesen Dingen schärfer denkenden Anhänger Silvio Gesells gar oft verspottet, und zwar nicht ganz ohne Recht. In der "Letzten Politik" stand einmal ein Gedicht, das mit den Worten begann: "Pierre Ramus erfindet eine Welt - welche funktioniert ganz ohne Geld ..." und dann - ich habe mir das Gedicht leider nicht aufgehoben - ironisierte man die Idee des freien Verbrauchsrechtes, nach dem jeder Konsument zu jeder Zeit und von jedem Produkt so viel in seinen Konsum übernehmen kann, wie er will.

Ich glaube tatsächlich, daß es sich hier um eine Wahnidee handelt. Wir haben alles Recht, anzunehmen, daß gerade in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung die Produktivität unserer Arbeit noch unerhört gesteigert werden kann, wir müssen uns aber genau so bewußt sein, daß für die allgemeine Produktivität jeder Zeit auch eine bestimmte Grenze nach oben vorhanden ist und somit auch für den Konsumfonds jedes einzelnen Verbrauchers. Mit dieser Erkenntnis hängt ja tatsächlich auch die Existenz des Geldes zusammen. Nun hat allerdings das Geld im Kapitalismus Formen angenommen, die unsozial und ausbeuterisch sind; es ist zum Herrscher geworden (hierüber siehe Landauers Aufruf zum Sozialismus und Proudhon), aber wir müssen uns doch darüber klar werden, daß wir auf absehbare Zeit auch im Sozialismus einen Bemessungsmodus für den Einzelverbrauch benötigen, dessen Formen möglichst klar herausgearbeitet werden müssen. Ich bekenne mich keineswegs zu dem Individualismus Gesells und seinem Schwundgeld. Wir wollen ja im Gegensatz zu ihm gerade Planwirtschaft, er aber "freie Konkurrenz". Deshalb aber kommen wir über die Frage des Geldes doch nicht ganz so leicht hinweg, wie mancher glaubt. Wir brauchen keinerlei kapitalistisches Umlaufsgeld, wir brauchen aber doch für jeden Menschen, der nachweist, daß er arbeitet, irgendeine sachliche, gesellschaftlich-objektive Garantie und zugleich Beschränkung seines Verbrauchsanspruches. Unbeschränkte Verbrauchsansprüche kann es in keiner Gesellschaftsordnung geben, wohl aber gleichen Konsumanspruch aller.

Ein anderes Kapitel ist die Bedarfsstatistik, über die man sich recht wenig den Kopf zerbricht. Föderalistische, sozialistische Statistik kann keine Erhebungsform sein, wie sie heute von den Behörden und irgendwelchen Zentralstellen gehandhabt wird, wenn nicht der Sozialimus eine schlimmere Bürokratie erzeugen soll als der Kapitalismus. Sozialistische Bedarfsstatistik setzt weitestgehende ehrenamtliche Vorarbeit von unten voraus. Die Familie, das Haus, der Häuserblock, der Stadtteil und die Stadt müssen lebendige und aus sich selbst heraus funktionierende und ununterbrochen in Tätigkeit befindliche statistische Erhebungsorganismen sein. Wir wollen doch die menschlichen Bedürfnisse keinesfalls herabdrücken und uniformieren ("Linsensuppe für alle")! Im Gegenteil: sie sollen noch mehr differenziert und gesteigert werden im Sinne wahrer Kultur!

Aber wer bedenkt die ungeheuren wirtschaftlichen Aufgaben, die solch ein Ziel stellt? Wollen wir unvorbereitet an sie herangehen oder sie jahrzehntelang nur theoretisch lösen? Was z.B. Bedarfsstatistik zu bedeuten hat, können wir zentralistisch erstarrten Gegenwartsmenschen uns kaum vorstellen, zumal auch wir angeblichen Föderalisten unseren Föderalismus meist nur in der Protestlererei gegen andere, oft sogar nur gegen unsere eigenen Funktionäre zu betätigen wissen. Protestieren ist eine Untertanengeste, Arbeitswille ist das Kennzeichen des Föderalisten. Übungen in statistischen Erhebungen werden zu den bedeutsamsten Aufgaben unserer Funktionärkörper gehören.

Die sozialistische Wirtschaftsweise wird auch vom Menschen eine innere Umwandlung verlangen, die nicht von heute auf morgen erfolgen kann, sondern schon jetzt geübt werden muß. Das kann durch praktische Experimente geschehen. Versuche zu teilweise gemeinsamer Wirtschaft, was den Verbrauch betrifft, sind in jeder Beziehung und auf allen Gebieten zu begrüßen. Sie haben nicht nur Wert als wirtschaftliche Experimente, sondern fast noch mehr erzieherische Bedeutung. Ich kann hier nur ganz kurz andeuten und auffordern, die Dinge weiterzudenken. Es kommen Versuche in Frage, Zusammenlegungen von Haushaltungen unter vollkommener Wahrung genügender, auch wirtschaftlicher Distanzen (das ist die Hauptsache!) zu unternehmen.

Das Problem der Konsumgenossenschaft gehört ebenfalls hierher. Daß die Käuferschaft, die proletarische Konsumentenschaft eine ungeheure Macht darstellt, darauf wies ich schon in meinem Artikel über konstruktive Gegenwartsaufgaben hin. Gustav Landauer sagte: "Die Verwirklichung des Sozialismus führt nur über die Zusammenlegung des Konsums." Allgemein verbreitet ist die Erkenntnis, daß auch die radikalste Lohnpolitik ohne Preispolitik immer nur Teilerfolge und Verbesserungen für eine gewisse Zeit erzielen kann. Wir haben schon heute in der FAUD erfreulicherweise hie und da kleine konsumgenossenschaftliche Experimente. Für diese Versuche müssen aber durch unsere Organisationen wegweisende theoretische Fundamente geschaffen werden. Im heutigen Deutschland gibt es rund 4 Millionen konsumgenossenschaftlich organisierte Haushaltungen. Wir verwerfen die sozialdemokratischen Konsumgenossenschaften, da sie in jeder Beziehung, und nicht zuletzt in ihrem inneren sozialen Aufbau, kapitalistisch sind. Mit Recht. Aber im Unrecht und höchst oberflächlich wären wir, wenn wir glaubten, die Idee der Konsumgenossenschaft deshalb verwerfen zu können. Viele Genossen begnügen sich mit dieser recht bequemen Stellungnahme. Nein: wir müssen es besser machen! Wir müssen geistige Vorarbeit leisten und Wege weisen, die wirklich zur Annäherung an den Sozialismus führen.

Wir sind eine Gewerkschaftsbewegung. Darauf wurde in diesem Aufsatze nicht eingegangen, weil es uns allen doch wohl selbstverständlich ist. Darüber gibt es keine Meinungsverschiedenheiten. Selbst in diesem Gewerkschaftskampf aber können - wer hätte die Geldsolidarität bei Streiks nicht schon als unsozialistisch empfunden! - konstruktive Ansätze verwirklicht werden. Ich muß auch hier wieder auf Landauer verweisen und speziell auf eine Äußerung von ihm, die ich in der diesjährigen Mai-Nummer des "Syndikalist" zitiert habe. Eine festgefügte Gewerkschaffsbewegung muß das Fundament, die menschliche Grundlage für neue theoretische Forschungen sein. Es kann nicht ins Blaue hinein gearbeitet werden. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, daß es mit der bisherigen Einseitigkeit des Syndikalismus nicht mehr lange so weitergehen darf. Niemand kann die Wahrheit ein für allemal finden, und gerade im Wesen des freiheitlichen Sozialismus liegt es, daß seine Anhänger keine Dogmatiker, sondern nur immer Suchende sein dürfen. Das müssen wir wieder lernen: Suchende zu sein. Was wir geistig erreicht haben, darf uns nie genügen. Unsere Organisation ist kein Selbstzweck, und wir dürfen ihren Betätigungskreis nicht beschränken, solange wir wirklich freiheitliche Sozialisten sein wollen. Wir brauchen eine neue Propaganda der Tat, aber wahrlich keine mit Bomben und Handgranaten, sondern eine aufbauende Propaganda. Die kann wohl doch letzten Endes mehr für unsere Ideen werben, als bisher unsere Reden allein es vermochten.

Neue Wege gilt es zu suchen und zu beschreiten, aus der allgemeinen Erstarrung und den innerorganisatorischen Auseinandersetzungen gilt es herauszukommen. Werden wir uns doch endlich darüber klar: es gibt keine Organisationsform, die uns das Heil bringen könnte. Das Heil kann immer nur von den Menschen selber kommen, und das gilt für alle Gebiete des Lebens. Auch für die Wirtschaft, die wahrlich nichts Totes, Mechanisches und Seelenloses ist, sondern gerade im Sozialismus von den seelischen Energien einer neuen Menschheit durchflutet sein muß. Es kommt also weniger auf die Organisationsform an als auf das Leben, das sie entwickelt. In diesem Sinne ist eigentlich der Föderalismus überhaupt kein Organisationssystem wie etwa der Zentralismus, sondern eine neue Art und Weise zu leben. Darauf kommt es an, gerade heute und in unserer Bewegung.

Leseergänzung: Helmut Rüdiger - Konstruktive Gegenwartsaufgaben des Syndikalismus

Originaltext: Helmut Rüdiger - Konstruktive Zukunftsaufgaben des Syndikalismus. Aus: Helmut Rüdiger, Aufsätze 1. Texte zur Theorie und Praxis des Anarchismus und Syndikalismus, Band 12.  Digitalisiert von www.anarchismus.at (bearbeitet - UE zu Ü usw.)


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