Karl Roche - Der proletarische Ideenmensch (1924)

Gestörte Träume - Zerschlagene Hoffnungen - Die "Macht" des Proletariats

Der Weltkrieg und die Nachkriegszeit haben die Arbeiterschaft vor neue Probleme gestellt.

Wir haben noch vor zehn Jahren an das absehbare Ende der kapitalistischen Eigentums-Wirtschaft geglaubt.

Wir hatten gesellschaftliche Verfalls- und Entwicklungstheorien vorgelegt erhalten von Männern, deren Wissen und Objektivität wir anstaunten, deren persönliche Ehrlichkeit uns außer Zweifel schien. Diese leblosen, doktrinären, ideenarmen Theorien waren uns Gesetz, Bibel. An ihrer schematischen Verwirklichung hegten wir gar keine Zweifel.

Nun hat sich ein Stück Weltgeschichte von größter Bedeutung vor uns abgespielt. Die Bedeutung liegt weniger in dem grausen Menschenmorden an sich; der Weltkrieg wurde nicht geführt um weltbewegende Ideen, und er ist darum für die Weltgeschichte von untergeordneter Bedeutung. Die Bedeutung liegt für uns Arbeiter vielmehr in dem Fehlschlagen unserer Sozialrevolutionären Hoffnungen, die wir auf ideenlose Voraussetzungen, nämlich auf künstlich konstruierte Theorien gestellt hatten.

Wir glaubten uns an einer Zeitenwende stehend. Wir standen da wie die Kälber vor einem Raphaelschen Gemälde, denn die Ideen der neuen Zeit lagen in uns unter hanebüchenen Theorien verschüttet.

Millionen Menschen blickten hoffnungsfreudig in die Zukunft. Sie beteten um einen neuen Messias, der über sie kommen sollte, da sie unfähig geblieben waren, ihn aus ihrem Ich zu schöpfen. Sie warteten gläubig auf das Erscheinen des sozialistischen Götzen, dem sie, Hosianah singend, in das tausendjährige Reich folgen wollten. Daß sie dieses tausendjährige Reich in sich haben, daß sie bei sich selbst anfangen müssen, um es aus eigenen Ideen, aus eigenen Kräften, mit eigenem Willen schöpferisch zu gestalten - das war ihnen wohl von anarchosyndikalistischer Seite gesagt worden; aber sie glaubten daran nicht, denn die Parteiführer hatten es als Blödsinn in Bann und Acht getan.

Besonders in Deutschland und Rußland sind die Arbeiter vor eine reale Wirklichkeit gestellt, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Diese Wirklichkeit herrscht uns kategorisch an: Erwache und lerne! Habe Ideen, und du wirst die Welt ideal gestalten!

1914 wurden wir zuerst empfindlich aufgestört, als wir es miterlebten - und mit dabei waren - wie in allen Ländern Millionen Arbeiter zu den Mordwerkzeugen griffen, um sich gegenseitig abzuschlachten. Wir hatten doch geglaubt, daß ein Weltkrieg nicht mehr möglich sein könne, denn da waren in allen Ländern große politische Arbeiterparteien, die ein neues Menschenschlachten verhindern könnten. Wir hatten dabei außer acht gelassen, daß die Kriegsgegnerschaft kein destilliertes Produkt einer politischen Retorte sein kann, sondern, daß sie in jedem lebendig wirken muß, der zum Waffentragen aufgefordert wird. Die Kriegsgegnerschaft ist eine Idee, eine Idee, geboren aus der Liebe zur Menschheit, sie hat nicht Raum im Parteiprogramm und vertrocknet dort. Und so zerrann die internationale proletarische Solidarität vor unseren Augen.

Wer zwang die Millionen und Abermillionen Arbeiter, mit einem Schlage alles in den Wind zu schlagen, was ihnen von den Parteien als theoretische Weisheit gelehrt worden war?

Der Prinzipalgrund ihres blöden Frontwechsels lag in ihnen selbst. Sie hatten immer geträumt von einer wundersamen Entwicklung. Wie der Wilde vor den berückenden Farben des Regenbogens, so hatten sie sich verschlossen vor der Tatsache, daß die Entwicklung zu einer idealen Welt aus den Ideen des idealen Menschen fließt, und daß sie den Lauf nimmt, den das ideelle Leben derer, die an der Änderung der Verhältnisse zunächst interessiert sind, ihr gibt.

Bisher hatten sie in der Parteiliteratur ihre geistige Nahrung gefunden. Mit den Schlagworten "Klasse" und "Klassenkampf" waren sie betäubt worden, der Stimmzettel war das Symbol ihrer internationalen Solidarität. Vollgepfropft mit politischen Phrasen standen sie ideenlos da und harrten der großen Worte der Parteiführer. Diese kommandierten: Rechts-schwenkt!, als der Militarismus seine stählerne Walze über die Kulturwelt rollen ließ. Der Titan der Arbeit, versinnbildlicht mit der phrygischen Mütze auf dem trotzigen Haupt, den fruchtheischenden Hammer in der Rechten, die rote Fahne mit der Linken schwingend, wurde zum vertierten Sklaven, der auf Befehl seines Herrn alles, auch das Nichtswürdigste ausführt.

Aber auch der Sklave kann eine Idee haben, für die er in den Tod geht. Er mag ein Idol anbeten, um dessen vermeintlichen Gottwert er sich freudig martern läßt.  Hatten die Feldgrauen solch einen Götzen? Nein, sie hatten ihn nicht.

Da war kein Cäsar, da war kein Hannibal, da war kein Mohamed. Fünfundneunzig Prozent von ihnen glaubten an keinen Gott und an keinen Teufel. Und sie hatten durchaus nicht das Gefühl, für ein Vaterland oder gar für eine ideale Zukunft ihr Leben zu opfern.

Sie hatten keine eigenen Ideen, sie hatten keinen eigenen Willen. Der sie einigende Wille wurde ihnen aufgezwungen durch die Allmacht des Staates. Im Triebleben des modernen Menschen hat der Staat sich als Gottheil verankert. Mit Vorliebe nennt der Arbeiter diesen Vampyr, der die Ideen tötet, "Gesellschaft", "Vaterland" oder auch "Republik". Der Staatsbürger ist ein Geist vom Geiste des Staatszwanges. Der Staatswille ist das Gottesgnadentum, kraft dessen alle Souveräne regieren. Seine sittliche Idee verkörpert der Staat im Beil des Henkers. Der deutsche Durchschnittsarbeiter ist ein moderner Staatsspießer in höchster Vollendung. Er selbst ist des Denkens enthoben: die staatliche Bürokratie und die Organisationsbürokratie denken für ihn. Er braucht sich auch nicht um Ideen placken, die werden für ihn in den Parlamenten und in den Parteibüros gedrechselt. Er ist Staatssklave.

Man wirft den Arbeiterführern vor, daß sie sich bei Kriegsausbruch an die Seite ihrer Regierungen stellten und alles taten, dem Staat, zu dem sie gehörten, den Sieg zu verschaffen. Dieser Vorwurf trifft sie zu Unrecht. Als Führer zentraler Organisationen und als Parlamentarier leben sie in Ideengemeinschaft mit der Staatsbürokratie. In kritischer Stunde mußte sich diese Gemeinschaft bewähren. Und sie bewährte sich.

Wie die Masse sich ehemals die Götter machte, so macht sie sich heute die Führer. Und sie staunt sie an und verehrt sie, wenn sie ihr Tun und Lassen nicht versteht. Gleich den Göttern sind die Führer der trübe Niederschlag eines denkunfähigen Massengeistes. Götter wie Führer leben von der Blödheit und Vergeßlichkeit der Menge.

Aber selbst wenn die Führer 1914 den Mut aufgebracht hätten, in den Parlamenten "nein" zu sagen, darum wäre die Masse doch in den Krieg gezogen. Die Führerautorität reicht immer nur soweit, als der Staatswille es zuläßt. Als Parteigenosse ist der Arbeiter nur Zelot; als Staatsbürger aber ist er Helot. Dort braucht er keine eigenen Ideen, hier darf er keine haben.

Partei und Staat sind aufeinander angewiesen. Der Ideenmensch ist ihr gemeinsamer Feind. Die Partei denunziert ihn, der Staat verfolgt und verurteilt ihn. Der Staat muß sich vor revolutionären Ideen schützen, so läßt er dem Bürger nur so viel Spielraum im Denken, daß die staatliche Zwangsordnung nicht gestört wird. Die Partei sterilisiert das Denken. Sie konstruiert Theorien und Programme und zwängt den Bürger Arbeiter hinein, sie vollendet den Staatsbürger. Der Ideenmensch behält keine Luft zum atmen. Will er denkend leben, so muß er sich aus dem Staat und aus dem Parteiprogramm hinausdenken. Er gerät außerhalb der staatlichen Ordnung. Er schöpft eine neue Ordnung aus sich. Er weist in sich den Zwang des Staates ab. Er baut in sich die Gegenwart ab und die Zukunft auf. Er ordnet seine ideale Welt ohne staatlichen Zwang. Er ordnet die Ordnungslosigkeit. Er wird herrschaftslos. Er strahlt in seinen Lebensäußerungen Ordnung und Harmonie ans. Er ist Anarchist. Der Staat ist sein einziger Feind.

Ideenmenschen gibt es oben und unten, in der Armut und im Reichtum. Der Traum von der endlichen Harmonie in der Menschheit macht nicht halt vor der Klasse und dem Stand. Alle Religionen haben ihren ethischen und kulturellen Wert in der Solidarität der materiellen Interessen. Geschäftstüchtige Priester machen aus der Religion die Kirche und stellen diese in den Dienst des Staates. Die Religion wird geschändet. Auch die Priester des Sozialismus machen ein Geschäft daraus. Sie machen die Partei auf und verbinden die Partei mit dem Staat, stellen sie zu Diensten der Staatsnotwendigkeiten. Der Sozialismus wird geschändet. Wo immer Priesterschaft zu finden ist: Priesterschaft ist Führerschaft, ist Herrschaft. Die Gier nach Herrschaft verbindet die Priesterschaft mit der Bürokratie des Staates. Der vorwärts denkende Ideenmensch ist ihr gemeinsamer Feind.

Der Traum von der Solidarität aller mit allen ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Die größten Geister haben ihn geträumt - und haben kaum jemals ernsthaft Hand ans Werk gelegt, ihn zu verwirklichen. Die schönsten Ideen sind für die Katz`, wenn die Menschen fehlen, die sie durchführen können. Die begüterten Ideenmenschen schöpfen aus sich ihre kleine, ihre eigene, ihrem Sonderinteresse angepaßte Welt. Sie bleiben gute Menschen, sind aber schlechte Musikanten. Der Reichtum gestattet ihnen den schrankenlosesten Individualismus. Sie bleiben Eigentumsfanatiker und können keine Verbindung finden mit den proletarischen Ideenmenschen. Die alte Welt aus den Angeln zu heben, die neue, bessere Welt für alle zu schöpfen aus dem Ideenborn der sozialen Revolution, das kann nur Aufgabe des Proletariats selbst sein.

Und wie 1914 dem Proletariat die Ideen fehlten, die den Weltkrieg hindern konnten, so fehlen ihm die Sozialrevolutionären Ideen, den Kapitalismus überwunden zu können. Man träumt noch davon, die Entwicklung werde ihn beseitigen.  

Der Traum von der letzten Krise des Kapitalismus

Eine Hoffnung blieb: Deutschland mußte diesen Krieg verlieren. Es brauchte ihn nicht verlieren, wenn der Staat eine große Idee seinen feldgrauen Sklaven hätte aufsuggerieren können. Und wäre diese Idee noch so absurd gewesen. Was die Idee im Kriege bedeutet, weist die Türkei auf. Das so geschäftige, das industriell so hochentwickelte Deutschland, das "Volk der Dichter und Denker" leidet an Ideenschwindsucht. Sein Wohl und Wehe stand auf industriell-militärischen Füßen, und diese erwiesen sich als tönern. In der "Dicken Bertha" war der Ideenreichtum der Wilhelminischen Zeit konzentriert. Sie war bald überwunden. Es ging um rein materiellen Besitz: um die surrenden Webstuhlspindeln Elsaß-Lothringens, um die Erze und Kohlen in Nordfrankreich, in Belgien, in Luxemburg, um den entscheidenden Einfluß über den englischen Kanal. Deutschland hatte nur die brutale Gewalt in den Würfelbecher des Kriegsglücks zu legen. Und da mußte es unterliegen, denn die ganze Welt, gegen die es schließlich zu kämpfen hatte, brachte mehr Eisen, mehr Kohle, mehr Nahrung, mehr Technik auf als die "Mittelmächte". Und Ludendorffscher Größenwahn hinderte Deutschland daran, sich mit halbem Mißerfolg aus der Affäre ziehen zu können.

Der Zusammenbruch des militärischen Schreckens, der Wirtschaft, des Staates war unausbleiblich. Dann mußte der sozialistischen Arbeiterschaft die "Erbschaft" zufallen. Und was sie damit anstellen sollte, das wußte sie nicht, denn es fehlten ihr die Sozialrevolutionären Ideen. Sie war ja staatsgläubig, parteifromm. In den Parteien politisch verwildert, im Kriege sittlich verdorben, gewann sie nicht die Macht über sich, in der entscheidenden Stunde sich loszureißen vom Staat, von der Autorität, von der Bevormundung durch Berufsführer; sie stand ratlos da und suchte nach einem neuen Schlagwort. Die radikalen Agitatoren hatten es bald gefunden, es heißt: die letzte Krise des Kapitalismus.

Auch diese Illusion ist rauh zerstört; und die noch von der letzten Krise des Kapitalismus faseln, tun es, weil das Schlagwort zu ihrem Agitationsrepertoir gehört.

In Rußland, wo eine kommunistische Partei die Regierung diktiert, sind die ungeheuren Bodenschätze dem Weltkapital zur Ausbeutung überlassen worden: dort könnte es sich von der Krise erholen, wenn sie es befallen gehabt hätte. Aber allem Anschein nach hat der Weltkapitalismus die Russische Kommunistische Partei in die entscheidende Krise gebracht.

In der Welt der Sieger war der Kapitalismus gar nicht in der Krise. Einige durch den Krieg verursachte Stockungen überwand er spielend. So setzte in Amerika bald nach Kriegsende eine glänzende Konjunktur ein.

Es ist eine demagogische Narrheit übelster Sorte, den deutschen Arbeitern vorzulügen, die Weltwirtschaft könne nicht gesunden, so lange das deutsche Wirtschaftsleben krank ist.

Die Ursachen des Verfalls der deutschen Wirtschaft liegen in Deutschland selbst. Nicht der Vertrag von Versailles ist das Grundübel. Die insolente Raffgier der besitzenden Klassen Deutschlands richtet Deutschland zugrunde. Der deutsche Kapitalismus befände sich dann in der Krise, wenn die Kapitalisten ärmer und innerpolitisch machtloser geworden wären. Das dieses der Fall ist, wird kein vernünftiger Mensch behaupten wollen. In der Krise befindet sich in Deutschland die Armut, die zeitweise nicht das trockene Brot hatte, darum, weil die Reichen reicher und allmächtig über die Armen wurden. Nur die Beziehungen zum Weltkapital sind gestört. Er selbst, der nationale Junge, ist so robust und schmaust so eifrig die Kräfte der Arbeiter wie nie zuvor.

Kapital ist aufgespeicherte Arbeitsleistung. Je größer der Anteil der Besitzenden an der Gesamtarbeitsleistung ist, je größer ist die Macht des Kapitals über die Arbeiter.

Die Inflation hat alle Hypotheken wertlos gemacht und den Grund- und Bodenbesitz entschuldet.

Der Anteil der Gutsbesitzer und Bauern am nationalen Reichtum ist bedeutend gestiegen. In demselben Maße stieg ihre Macht über die Arbeiter. Das ist ja gerade der gravierende Charakterzug der Eigentumswirtschaft, daß jeder ideenlose Idiot, jeder Bordellwirt reich und mächtig werden kann, sofern er zu spekulieren versteht, und daß der proletarische Ideenmensch arm bleiben muß, weil die Eigentumslosigkeit die Voraussetzung für eine ideale Lebensführung ist.

Die Schlotjunker und Kohlenbarone nutzten die angebliche Krise, sich gesund zu machen. Sie liehen Geld vom Staat, nicht um die Produktion zu steigern; sie kauften dafür Devisen oder steckten es in den Betrieb. Die Mark wurde wertloser und wertloser, die Schuldner reicher und reicher. Während des Ruhrabenteuers warf das Reich ihnen ungezählte Trillionen zu, die denselben Weg gingen. Sie steigerten die Inflation, die Inflation steigerte den Reichtum, indem sie den Arbeiter für seinen Lohn nichts kaufen ließ. Der Prolet arbeitet umsonst, der Faulenzer steckt den Arbeitslohn ein. Der Tod der Reichsmark kam den Besitzenden wirklich sehr gelegen. Diese Mißwirtschaft erzeugt die ständige Unterbilanz im Außenhandel und das Defizit in den öffentlichen Kassen. Der deutsche Mister Raffke hat wohl ein leeres Hirn, aber im Beutel hat er Dollars, und er läßt die Welt murren. Auch er ist Anarchist in des Wortes schlimmster Bedeutung, aber kein Ideenmensch. Als Fanatiker des Eigentums ist er Hyäne.

Die kapitalistische Dauerkrise ist ein Spukgespenst kommunistischer Agitation. Es ist eine Erbsünde im Menschen, eine wirkliche Erbsünde, daß ihm sein Wohl und Wehe abhängig erscheint von Mächten, die außer ihm liegen. Er sucht den Schöpfer im Himmel und hat ihn in der eigenen Brust. Er bangt um seine Erlösung und hat nicht den Mut, seine eigene Kraft zur Selbsterlösung zu gebrauchen. Er ratet, ob es ein Fortleben nach dem Tode gibt und weiß nicht, daß er fortleben kann, wenn er Ideen hat und sie verwirklicht. Er unterwirft sich zentraler Bevormundung und schreit nach Freiheit. Er kettet seine Person an Eigentumsbegriffen und schimpft auf das Kapital und die Kapitalisten. Er fühlt sich glücklich innerhalb der Zwangsorganisation des Staates und jammert über die Nüchternheit und Langeweile des Lebens. Er ist ideenlos, und darum ist er unselbständig und wartet auf äußere Hilfe.

Wir sind nur zu leicht geneigt, das Gute, das uns widerfährt, auf unser eigenes Verdienstkonto zu setzen, und das Böse dem bösen Willen der anderen zuzuschreiben. Es fehlt die sittliche Kraft das materielle Dasein aus dem kapitalistischen Morast herausheben zu können.

Alles, was mit uns geschieht, hat seine tiefste Ursache in uns selbst.

Wir müssen den Mut aufbringen, den ganzen Sitten- und Unsittenkodex unserer Zeit aus uns herauszuwerfen, die Zwangsorganisation des Staates müssen wir in uns wirkungslos machen. Dann befreien wir uns vom Kapitalismus.

Der Krieg brachte uns in eine Krise mit uns selbst. Unsere Hoffnungen wurden zerschlagen, unsere Illusionen wurden gestört, brutal wurden wir aus den politischen Träumereien aufgeschreckt, Millionen Arbeiter sind aufsässig geworden gegen alles Hergebrachte in der Arbeiterbewegung. Sie irren suchend nach neuen Wegen, neuen Organisationen. Sie finden nicht aus ihrer Krise heraus, wenn sie sich nicht los denken können von ihrer Zeit. Sie verzweifeln an der Zukunft, wenn sie die Zukunft nicht in sich aufbauen können. Sie gehören in die ideenlose Zeit hinein, weil sie keine eigenen Ideen haben.

Die soziale Demokratie als politischer Spuk

Der Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus liegt in der Fähigkeit der Arbeiterschaft, sich frei zu machen vom kapitalistischen Denken, sich von der Zwangsorganisation des Staates loszudenken. Die Freiheit des Handelns, des sozialistischen Aufbaues folgt dann unmittelbar. Da ist keine Macht auf Erden und im Himmel, die vorwärtsstrebende Ideen hindern könnte, Tatsache zu werden, sobald die Ideen befruchtet sind von einer natürlichen Moral.

Die Organisationen, mit denen das Alte überwunden und das Neue schöpferisch gestaltet werden soll, müssen inhaltlich und in der Form vom Alten losgelöst sein, um das Neue aus sich herauswachsen zu lassen. Die proletarischen Ideenmenschen vereinen sich in syndikalistischen Organisationen, um den Anarcho-Kommunismus herbeizuführen. Sie beginnen mit der eigentumslosen Wirtschaft, indem sie beginnen, sich von der Eigentumswirtschaft loszulösen. Der Geist der Mitglieder gibt den Organisationen den Inhalt, der Organisationsgeist macht die Organisationsform. Die geistige Ungebundenheit die aus der Energie jedes Einzelnen sich selbst ordnende Ordnungslosigkeit, die Anarchie, hat an die Stelle der durch Demokratie und Parlamentarismus verschleierten Zwangsordnung des Staates zu treten.

Über Wesen und Ziel von Demokratie und Parlamentarismus müssen wir uns klar werden, um erkennen zu können, daß sie Mittel zum Zwecke der Erhaltung der Eigentumswirtschaft sind.

Die Demokratie sagt: Der Gesellschaftszustand und mit ihm die staatliche Verfassung ruhen auf einem Vertrage, den die Volksgenossen in den Parlamenten durchführen und überwachen lassen durch ihre erwählten Vertreter. Diese Auffassung kommentiert der Geschichtsmaterialismus dahin, daß der Vertrag seine Veränderungen aus den Veränderungen der wirtschaftlichen Grundlage erhält und daß die Menschen gewissermaßen die automatisch handelnden Figuren der Wirtschaft sind. Darum, so sagen die sozialen Demokraten, sind die Menschen - und auch die Parlamentarier - an die Verhältnisse gebunden. Wirtschaft und Staat sind dem Wollen der Menschen entrückt. So wäre der Gesellschaftsvertrag: der Staat, eine Art Laterna-magica, die den vom Geschichtsmaterialismus willenlos gemachten Arbeiter das Recht am Parlamentieren vorspiegelt und ihm hintenherum durch die Macht der wirtschaftlichen Tatsachen das Fell über die Ohren zieht, wenn er nicht so glücklich ist, als Eigentümer an den Veränderungen der Wirtschaft mitwirken zu können. 

Die soziale Demokratie ist also verankert in einer heillosen Konfusion: Bestimmen die Veränderungen in der Wirtschaft das Tun und Lassen der Menschen, ist das sozusagen ein Naturgesetz, dann ist die Lohnsklaverei eine natürliche Einrichtung, und dann ist die Demokratie, die vorgibt, in den Parlamenten auf die Sozialisierung und die Aufhebung der Lohnarbeit hinzuarbeiten, eitel Schaumschlägerei, betrügerische Demagogie. Dann sind aber auch die Besitzenden, die doch die Wirtschaft dirigieren - die Wirtschaft ist ja kein Perpetuum mobile - kraft des Geschichtsmaterialismus Übermenschen. Die Stinnesse sind dann die rechtmäßigen Götter.

Nein, die Sache ist so: Die Gier nach Eigentum beherrscht unsere Zeit. Sie beherrscht auch die Arbeiter. In ihren Hirnen haben sozialrevolutionäre Ideen keinen Raum. Sie werden von der Gier nach Eigentum betäubt.

Sie sind Sklaven ihrer Gier und darum Sklaven des Kapitals, vor dem sie innerlich knien, obwohl sie nach Sozialismus und Befreiung schreien. Auch sie benutzen die Parlamente, um vom Moloch Kapital einen Brocken vorgeworfen zu erhalten. Die Morphiumsüchtigen werden nicht gewahr, wie jede Wahl sie mehr vergiftet. Sie sind abgestumpft und sehen nicht das Janusgesicht der sozialen Demokratie. Die Demokratie peitscht die Arbeiter und liebäugelt dabei mit ihnen.

Für dieses Liebäugeln sucht man nach einem Fremdwort, nach einem Schlagwort, vor dessen Zauberkraft die Massen heiligen Respekt haben sollen. Man nahm aus dem Altgriechischen das Wort "Demokratie", das man ins Deutsche mit "Volksherrschaft" übersetzte. Unter Demokratie oder Volksherrschaft kann die Masse sich sehr viel vorstellen. Darüber läßt sich trefflich streiten. Es hat aber nie eine Volksherrschaft gegeben und wird sie nicht geben, solange die Menschen eine Autorität anerkennen. Und die antiautoritäre Zeit wird den Begriff Herrschaft nicht mehr kennen.

Auch im Altertum bedeutete Demokratie nicht die Herrschaft aller über alle; sie war auch damals die Herrschaft der Nichtarbeitenden über die Arbeitenden. Demokratie bedeutete im Altertum Freimachung von Sklavenarbeit. Die vom Sklavendienst Befreiten konnten "Bürger" und damit Stimmvieh für herrschsüchtige Cäsaren werden. Die eigentlich produktive Arbeit blieb außerhalb der Demokratie auf die Sklaven und Leibeigenen lasten. Demokratie ist ins Deutsche viel richtiger mit "Freibürgertum" übersetzt. Die Bürger waren befreit von der Sklavenarbeit. Dem modernen bürgerlichen Staat und der heutigen bürgerlichen Demokratie fällt es jedoch nicht im Traume ein, etwa die moderne Lohnsklaverei zu beseitigen. Und darum ist diese Demokratie eitel Humbug.

Und außerdem ist das Wesen jeder Demokratie die Autorität einzelner Persönlichkeiten über die Menge. Diese Autorität schlägt jedesmal in die Diktatur um, wenn sich die Menge nicht länger mißbrauchen lassen will.

Vollends der "demokratische Sozialismus" ist eine blödsinnige Wortverbindung. Sie bringt mit dem ihr innewohnenden Widersinn es ganz treffend zum Ausdruck, daß die Sozialdemokratie garnicht weiß, was sie eigentlich will: Sozialismus ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Menschen vom Menschen, die in der Gegenseitigkeit und Wechselbereitschaft sich zur sozialen Harmonie gestaltet. Kein Staat, keine Herrschaft ist da möglich.

Die soziale Demokratie aber, das ist die Gemeinschaft aller politischen Führer mit der Bürokratie gegen die schaffende Arbeit, ist die Etablierung des zentralen Staates auf höchster Stufenleiter, wo nur Demagogen, Bürokraten und Lohnsklaven möglich sind.

Nach diesem Phantom starren die Arbeiter. Es hat sie immer in die Irre geführt, es hat sie jetzt um die mageren Früchte der November-Rebellion gebracht. Es hindert sie, sich auf sich selbst zu besinnen, es schlägt immer wieder neue Brücken vom Proletariat zur Bourgeoisie, es narrt den Arbeiter, ihm vortäuschend, er hätte etwas mitzubestimmen.

Der Parlamentarismus bindet den Arbeiter an die Gegenwart, an den Kapitalismus, an den Staat, er hindert ihn, über den Werkeltag hinaus zu denken.

Der Parlamentarismus suggeriert dem Arbeiter die Notwendigkeit der Gesetzgebung auf und macht ihn glauben, er sei sein eigener Gesetzgeber.

Der Parlamentarismus dient dazu, dem Arbeiter vorzutäuschen, durch die Reform des kapitalistischen Staates könne der Sozialismus erreicht werden.

Der Parlamentarismus stellt das Gesellschaftsideal des Arbeiters als neues Staatsgebilde dar.

So bindet der Parlamentarismus den Arbeiter psychologisch. So hindert der Parlamentarismus den Arbeiter, sein Innenleben los zu lösen vom Zwange, er verleitet ihn, an die Notwendigkeit einer Bevormundung zu glauben, er verschließt ihm den Weg, auf seine eigenen sittlichen Kräfte zu bauen und sich frei zu machen. So ist der Parlamentarismus das trügerische Gift, womit die Demokratie jede soziale Revolution im Keime tötet.

Die soziale Demokratie, diese demagogische Phrase der sozialdemokratischen Führerschaft ist das Festhalten an den Grundprinzipien des kapitalistischen Staates und ist eine Verdunkelung der zentralen Allgewalt als Ziel, um das jede Partei kämpft. In ihrer höchsten Vollendung würde die soziale Demokratie die Diktatur der sozialdemokratischen Parteileitung sein. Das ist das "sozialistische" Gesellschaftsideal der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, das sich in der Wirklichkeit auswirken würde als ein Staat auf höchst zentralisierter Stufenleiter mit einem Direktorium und einer alles paragraphierenden Bürokratie. Alle Schaffenden bleiben Lohnarbeiter.

Die Sozialdemokratie ist die staatserhaltende Partei par excellence. Verwischt wird diese Prägung nur durch ihr Agitationsbedürfnis. Aber wie keine andere Partei stellt sie die Interessen derer, die sie angeblich vertritt, hinter die Staatsnotwendigkeiten. Darum stimmte sie 1914 für die Kriegskredite, darum brüllte sie mit "Durchhalten", bis die Feldgrauen selbst Schluß machten, darum schloß Legien 1918 jene berüchtigte Arbeitsgemeinschaft mit den Stinnessen ab, darum wurden unter der politischen Verantwortung sozialdemokratischer Regierer Luxemburg und Liebknecht ermordet, darum war die Partei für das Ruhrabenteuer, darum verzichtete sie schließlich auf das Regieren, ließ die Militärdiktatur zu und stimmte für das Ermächtigungsgesetz. Das alles tat sie nicht mit offenem Bekenntnis. Sie verschleierte es mit sozialistischer Heuchelei. In dieser Verschleierung, in ihrem agitatorischen Aufputz liegt ihre Gefährlichkeit. In Wirklichkeit ist die Sozialdemokratie der schlimmste Feind der sozialen Revolution.

Die "revolutionäre" K.P.D.

Was wir im vorigen Abschnitt über die sozialdemokratische Partei gesagt haben, blieb natürlich dem vorwärtsstrebenden Teil der Arbeiterschaft nicht gänzlich verborgen. Die Partei war ihnen Glaube und Hoffnung gewesen, von der Partei erwarteten sie alle Wunderdinge. Der agitatorische Aufputz der Partei hatte sie bestochen. Nun war der Staat in Gefahr, die Partei lüftete zeitweise ihren Schleier, und in der heuchlerischen Freiheitsmaske grinste das nackte Staatsgebot. In jener Zeit, als die Radikalen die "Unabhängige Sozialdemokratie" gründeten, entschied sich bereits das Schicksal der "Revolution" 1918. Auch der denkende Teil der deutschen Arbeiterschaft konnte im Strudel der Geschehnisse nicht klar sehen. Es mußte partout eine neue Partei sein, die die soziale Revolution machen sollte. Um die zentralen Gewerkschaften kümmerte man sich kaum. Die blieben als eherner Fels der Reaktion im politischen Bewußtsein der "revolutionären" Arbeiterschaft unangetastet. Eine Zeit lang gab es ein Drunter und Drüber in der Parteiumschichtung, bis der russische Rubel dem grausamen Spiel halt gebot und die K.P.D. aus der Taufe hob. Die K.P.D. wird solange leben, bis das revolutionäre Papier eines Tages ausbleibt und der kostspielige Organisationsapparat nicht mehr bezahlt werden kann. Dann kehrt die K.P.D. in den Mutterschoß der Sozialdemokratie zurück, und ihre Anhänger, die etwas aus de Geschichte gelernt haben, werden dann zu den Syndikalisten und Anarchisten kommen.

Die K.P.D. will die Weltrevolution nach dem Muster der russischen Revolution durchführen, von dorther bezieht sie ihre Parolenrezepte.

In Deutschland ist eine Revolution wie die russische ganz unmöglich. Dafür ist die deutsche Arbeiterschaft schon zu sehr sozialdemokratisch verspießert, auf ihr lastet das Sumpfgas einer siebzigjährigen Parlamentsgeschichte, das sie energielos gemacht hat. Das "allgemeine" Wahlrecht, die soziale Gesetzgebung, die Tarifvertragspolitik und die Versicherungseinrichtungen der Gewerkschaften haben die Masse als aktiven Faktor in einer gewaltsamen Revolution entmannt. Der deutsche Durchschnittsarbeiter findet die bürgerliche Diktatur erträglich; die proletarische wird sein sozialdemokratisches Gewissen abschütteln. Er betrachtet sein Sklavendasein durch die Brille der Staatstreue, und es erscheint ihm lebenswert.

Deutschland hat ein Bürgertum, das fähig ist, die proletarische Diktatur zu überwinden, weil die sozialdemokratische Arbeiterschaft bürgerlich denkt. Mit Rußland ist da kein Vergleich möglich. Dort gab es 1917 kein eigentliches Bürgertum, die russische Intelligenz war bürgerlich revolutionär. Weil sie sich gegen den Zarismtis nicht durchzusetzen vermochte, stellte sie sich dem Proletariat zur Verfügung. Das russische Proletariat war an Zahl und relativ ungeheuer, denn fast die ganze Bauernschaft gehörte zu ihm. In Deutschland gehört das Bauerntum zur Bourgeoisie und ist ihr reaktionärster Flügel. Jedenfalls steht der deutsche Bauer dem besitzlosen Proleten wirtschaftlich und politisch als Feind und Ausbeuter gegenüber. Wenn die K.P.D. für Deutschland eine "Arbeiter- und Bauernregierung" propagiert, so scheint das nicht nur absurd, es scheint auch moskowitische Ignoranz der deutschen Verhältnisse zu sein. Aber in Wirklichkeit ist es die radikal-kleinbürgerliche Staatsumwälzung, die von der K.P.D. als soziale Revolution ausgeschrien wird. Nicht, was die Parteien sagen, sondern was sie tun, kennzeichnet ihr Ziel. Die Russische Kommunistische Partei verteilte den Acker als Privateigentum unter die Bauern. Dadurch machte sie sich regierungsfähig. Aber dadurch schlug sie auch den Wesensinhalt einer sozialen Revolution zu Tode, denn der Wesensinhalt einer sozialen Revolution ist: die Beseitigung jedes Eigentums immer, welcher Art es auch sei. Die Eigentumslosigkeit ist das sittliche Prinzip des Sozialismus. Die vorhandenen Güter gehören niemand, keinem Staat, keiner "Gesellschaft", keiner Kommune, weil der Anarcho-Kommunist den Begriff Eigentum nicht kennt. Mit seiner persönlichen Energie, die nicht ihm, sondern der Menschheit zu Diensten steht, tritt er an die Produktionsmittel heran und schafft neue Werte. Jede Gier nach dem Besitz dieser Werte ist ihm fremd. So zu sagen: er verzehrt schon heute, was er morgen erwirbt. Die Arbeit ist ihm Genuß, der Genuß ist nicht sein, er ist Genuß aller.

Diesen anarcho-syndikalistischen Revolutionsideen stehen die Kommunisten und die Sozialdemokraten und natürlich auch alle erklärt bürgerlichen Parteien mit offenem Munde hilflos gegenüber. Sie sind eben alle "Bürger", sie haben ein Anrecht am Eigentum oder wollen es haben. Die Gier nach Eigentum macht auch die Kommunisten bürgerlich und stempelt sie zu einer bürgerlichen Partei gleich den Sozialdemokraten. Sie alle denken, kämpfen und streben wegen Eigentum. Das unterscheidet sie vom proletarischen Ideenmenschen, der selbst nichts besitzen will, dessen höchstes Sittengesetz die Eigentumslosigkeit ist, und der darum wirklich Sozialrevolutionär sein kann.

Rußland wird ein Staatsgebilde nach amerikanischem Muster werden, ohne den Zug ins Gigantische, der Amerika auszeichnet. Denn der Russe ist zu sehr Pfahlbürger:

Die K.P.D. geht in die Parlamente, um sie den Arbeitern zu denunzieren, um sie zu zerstören - sagt sie. Das ließe sich hören, wenn diese Vergiftungskomödie sich nicht als völlig erfolglos erwiesen hätte. In den gesetzgebenden Redestuben da sitzen hartgesottene Advokaten mit und ohne Doktortitel. Und wenn ihr tausendfach gewaschener Witz nicht ausreicht, dann gibt es in Deutschland noch eine Reichswehr und Richter. Augenfälliges Exempel: Zeigner. Das alles läßt sich die deutsche Arbeiterschaft gefallen, und deshalb geht die kommunistische Zerstörungsprozedur des Parlamentarismus spurlos an der Öffentlichkeit vorbei.

Die Kommunisten aber sagen auch, daß auch sie letzten Endes den Staat beseitigen wollen, daß ihr Zukunftsziel der herrschaftslose Sozialismus sei. Das ist eitles Geschwätz. Die K.P.D. ist eine sozialdemokratische Partei, nur ihre politische Phraseologie ist radikaler. Gerade weil sie ihr sozialdemokratisches Wesen nicht verleugnen kann, darum geht sie in die Parlamente. Der Staat läßt sich nicht abschaffen durch die Barrikade, hinter den Kommunarden lauert der neue Staat. Und ebensowenig läßt sich der Staat abschaffen durch eine kommunistische Staatsgewalt. In der Russischen Kommunistischen Partei denkt jedenfalls niemand daran, den Sowjetstaat aufzugeben. Als der deutsche Staat 1918/19 in seiner Krise lag, da war er nicht zu beseitigen, obwohl die Arbeiter die politische Macht besaßen und das wilhelminische Heer in Scherben lag. Nun hat die Arbeiterschaft vermöge der wunderbaren sozialen Demokratie diesen Staat wieder soweit konsolidiert, daß er sich gegen die Arbeiterschaft behaupten kann. Seine Aufgeblasenheit Fritze Eins erscheint auch schon in Majestätsbeleidigungsprozessen. Ein oder zwei Jahrzehnte weiter, und wir haben wieder die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland. Vielleicht ist es dann ein sozialdemokratisches Volksheer oder gar eine rote Armee. Auf alle Fälle aber ist es die sicherste Stütze des Staates. Der geistige Ausdruck des Staates ist die Bürokratie. Sie spinnt millionenfingerig das Garn, in welchem der gute Spießer zappelt. Und so lange der Arbeiter sich als Staatsbürger fühlt, zerreißt er dieses Garn nicht.

Den Staat überwindet keine Partei, wie die Kirche von keiner anderen Kirche überwunden werden kann. Der Staat ist die Gewalt, eine stärkere Gewalt, die sie beseitigen könnte, ist nicht denkbar. Die "sittliche" Idee des Staates, die in Kanonenschlünden lauert, muß zerstört werden von der sittlichen Idee seiner Lohnsklaven, sich nicht länger ausbeuten und unterdrücken zu lassen. Ideen, die der persönlichen Freiheit entwachsen, sind der Untergang des Staates. Die persönliche Freiheit ist einer Rose gleich. Sie nährt sich vom Gold der Sonne und vom Tau der Dämmerung. Sie genießt den Äther ihrer Seele und labt sich am weltumspannenden Ich. Sie strahlt Duft und Farbe aus, alles in ihren Bann zwängend. Aber die Ideen der persönlichen Freiheit stoßen auch das Hergebrachte, das Überkommene, das konservativ Sklavische über den Haufen. Sie lachen über die Gesetze, gegen die sie nicht verstoßen, weil sich Ideen nicht gesetzlich binden lassen. Sie lachen über die Gewalt, denn sie selbst sind die unwiderstehliche Gewalt. Die Ideen der persönlichen Freiheit vergraben das Alte und schöpfen das Neue aus dem unergründlichen Born des Menschenwillens.

Und was nicht war, das will nun werden. - Der proletarische Ideenmensch als Lohnarbeiter  

Der moderne Arbeiter ist am Staat gefesselt durch seine Besitzlosigkeit. Die Besitzlosigkeit zwingt ihn zur Lohnarbeit. Als Lohnarbeiter ist er unentbehrlich. Der Staat prägt ihm die Idee ein, Besitzlosigkeit und Arbeitspflicht seien seine höchsten Güter. Es ist außerordentlich einfach: Der revolutionäre Arbeiter nützt diese höchsten Güter seiner Unterdrückung für seine Befreiung. Er stellt seine Bürgerpflicht auf den Kopf, indem er ihren Füßen das Schwergewicht der Besitzlosigkeit und Arbeitspflicht raubt.

Besitzlos ist, wer sich besitzlos fühlt. Nichts haben bedeutet nicht, nichts können. In der Armut ruht die Stärke des Löwen, der sich täglich sättigt, ohne dauernden Besitz zu haben. In der Armut wohnt die Freiheit des Adlers, der über Zeit und Raum schwebt, weil er nichts zu verlieren hat. Der Mensch ohne Pfennig Geld im Beutel, aber den entschlossenen Willen im Herzen, ist furchtbar. Niemals überwinden wir das Privateigentum, wenn unser Leben bestimmt wird von der Gier nach Privateigentum. Befreit von der Gier sehen wir den Besitz als verderblich und die Besitzenden als minderwertig an. Wir haben uns moralisch vom Kapitalismus gelöst. Die Fesseln des Staates lösen sich.

Wir müssen uns nähren, wir müssen uns kleiden, wir müssen wohnen. - Sicher müssen wir das, denn der Magen fordert Brot und Fleisch und nicht Ideen. Darum müssen wir als Besitzlose gegen Lohn arbeiten. Aber wie wir arbeiten und was wir leisten, darauf kommt es an. Nun stehen wir moralisch über dem Ausbeuter: wir sind die Freien, er ist der Sklave seiner Gier. Wir treten ihm mit freier Stirne entgegen. Das Maß unserer Ausbeutung bestimmen wir und nicht er. Im Betrieb sind wir die lebendige Energie, der Betriebsmechanismus funktioniert, wie wir ihn beeinflussen, der Ertrag unserer Arbeitsleistung ist abhängig von unserm guten Willen. Da ist kein Lohnsystem, das sich unserm Willen nicht beugen müßte, sofern wir nicht die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen fürchten. Der Löwe und der Adler werden ja immer satt, warum sollten wir es denn nicht können. Wir sind ja die zufriedenen Unzufriedenen, für die kein Eigentum existiert, weil wir keins beanspruchen. Wir sind "the hearts of Steel", die sozialistischen Patrioten der Menschheit.

Unsere materiellen Waffen sind der Boykott, die passive Resistenz, der Sabot und die Verweigerung der Arbeitsleistung. Unser alltägliches Verhalten gegen Kapital und Staat ist die passive Resistenz in Permanenz. Dieser unfaßbaren Waffen kann der Unternehmer sich nur erwehren, wenn er den Betrieb schließt. Den Betrieb kann er nicht für immer und nicht alle Tage schließen. Er kann auch nicht die Belegschaft jeden Tag wechseln. Der Arbeiter aber kann sich jeden Tag einen ändern Arbeitsplatz suchen, und er erreicht darin Geschicklichkeit, sobald er sich als Herr der Situation fühlt. Er braucht den Hinauswurf nicht fürchten: er führt sich im Betrieb so auf, wie der Unternehmer ihn behandelt. Er erzieht den Unternehmer. Der Syndikalist ist Kämpfer und Zerstörer, Erzieher und Aufbauer zugleich.

Die Staatsgewalt ist im Betriebe für die Arbeiter nicht von Bedeutung, die sich von der Staatsgewalt losgedacht haben. Der äußere Feind der Belegschaft sind die zentralen Gewerkschaften. Die Gewerkschaftsführer schließen Arbeitsverträge ab, nicht um den Arbeitern damit zu dienen, sondern die Notwendigkeit der Berufsführerschaft zu erweisen. Die Verträge sind Gesetze eines Staates im Staate: der Zentralverbände. Es sind Gesetze, die das Unternehmertum den Verbandsführern vorschreibt. Es kann die Verträge diktieren in der Gewißheit, daß die Führer jeden ernsten Kampf verhindern. Wie der politische Parlamentarismus die Arbeiter verleitet, sich ein Rechtsbewußtsein in Verbindung mit dem Staat vorzutäuschen, so betrügt der wirtschaftliche Parlamentarismus - unter den auch die Betriebsräte fallen - die Arbeiter um das Recht des freien Handelns.

Die Unterstützungseinrichtungen der Gewerkschaften nehmen dem Arbeiter das bißchen persönliche Selbständigkeit auch noch, das ihm der Staat läßt. Mit den politischen Parteien müssen die Zentralverbände beseitigt werden, bevor die Masse zum selbständigen Denken und Handeln kommen kann.

Die Lage des Syndikalisten als Lohnarbeiter scheint schwierig, denn er gilt als immer Ausgestoßener, als ewig Geächteter. Es scheint so denen, die aus den Niederungen des erbgewohnten Daseins nicht herausfinden.

Warum läßt sich der Lohnarbeiter tagtäglich und jahraus, jahrein in der Tretmühle schinden? Doch nicht um seinen Leib zu erhalten und seinen Geist zu entwickeln. - Nein, aus Furcht, aus blasser Furcht. Er fürchtet, er könnte arbeitslos werden und so seine Staatsbürgerpflicht vernachlässigen. Er fürchtet sich davor, eines Morgens sich selbst überlassen zu sein und den Gleichtakt der Maschine zu entbehren. Vielleicht fürchtet er sogar den Hungertod, da er im Betrieb das Essen in der Freiheit verlernte. Auch muß er sich wie ein Modegeck kleiden, er ist außerdem an rohe Genüsse gewöhnt. Das kostet doch Geld, und das Geld muß er doch verdienen. Er kann keine Freiheit gebrauchen. Er versteht seine Freiheit nicht zu werten, weil ihn die Gier beherrscht, etwas zu besitzen, und sei es auch noch so wenig. Er denkt mit den Besitzenden, obwohl er Paria ist. Er möchte ihnen nachäffen, und darum schuftet er sich zu Tode.

Wir hören sagen, daß der Mensch demoralisiert, wenn er nicht nützliche Arbeit leistet. Im allgemeinen ist das richtig. Und die heutige "Ordnung" demonstriert diese Richtigkeit: ein Teil arbeitet überhaupt nicht und schwelgt bis zum Überdruß, ein anderer, sehr großer Teil verrichtet unproduktive, unnütze Arbeit. Darum ist die kapitalistische Gesellschaft demoralisiert. Aber sie macht aus ihrer Demoralisation eine Moral. Gegen diese doppelte Moral zu verstoßen ist Pflicht jedes wirklich Moralischen. Wer aus persönlicher Trägheit nicht arbeitet, entartet. Der Ideenmensch ist niemals beschäftigungslos. Er nützt jedes bißchen Zeit und Kraft, das er erübrigt, für die Arbeit an sich selbst, für seine Bildung, für seine Fortentwicklung. Und das ist Arbeit, höchst produktive Arbeit für die Zukunft. Soll die "Gesellschaft" vollkommen werden oder zu möglichster Vollkommenheit gelangen können, so muß vorher das Menschenmaterial dafür bereit sein. Persönlich tüchtige, persönlich freie, persönlich reife Menschen sind notwendig für die sozialistische Mutualität. Die Syndikalisten vereinen sich ideell, sie erheben sich über Staat, Parteien und Kirchen, sie beginnen die Zukunft bei sich selbst, denn mit der Selbsterziehung zur Selbstbeherrschung beginnt die anarchistische Ordnung der bisherigen Ordnungslosigkeit. Damit aber auch beginnt der Untergang des Staates, es ist der Bürokratie das Totenläuten.

Je weniger der Prolet Lohnarbeit verrichtet, je mehr er sich frei macht vom Zwange, in demselben Maße kann er schöpferisch wirken durch Erziehung.   

Der proletarische Ideenmensch als Erzieher

Erziehung ist der Hebel jedes Fortschritts. Nur Selbsterziehung führt zur persönlichen Freiheit und zur freien Menschheit. Diese Einsicht macht den Proletarier zum Ideenmenschen. Es gibt kein Gebiet des Wissens und Könnens, wo nicht auch der an Intellekt Arme sich bilden könnte! Es gibt keinen Menschen, der nicht das Bedürfnis hätte, etwas zu wissen und zu können. Er muß sich nur von der vorschriftsmäßigen Staatsschablone befreien und seinen eigenen Kräften vertrauen.

Der Ideenmensch ist ohne weiteres Erzieher.

Was ist Idee? Idee ist Erscheinung, Verbildlichung, Gestaltung. Die Verwirklichung von Ideen ist ein persönlicher Vorgang. Der Urgedanke wird Vorstellung, die Vorstellung wird Begriff, der Begriff wird Wille. Wille ist das Vermögen, aus der Idee Substanz zu formen. Die Zukunftsidee, der Zukunftswille formen nach ihrem Bilde, sie formen Zukunft. Sie formen zuerst Zukunftsmenschen. Diese formen weiter. Die Zukunft wächst und wird. So entwickelt "sich" der Sozialismus aus der sozialistischen Idee, aus dem Menschenhirn. Und nicht automatisch aus den Veränderungen der Wirtschaft, wie der Geschichtsmaterialismus lehrt, und nicht mit Hilfe des Staates.

Erziehung für die Zukunft schaltet den Staat und seine Erziehungsmethoden aus, die zum Lehrziel den Staatsbürger, den Untertan, den Lohnarbeiter haben.

Der proletarische Ideenmensch wirkt vor allem erzieherisch auf seine nächste Umgebung: auf die Kameraden des Betriebes. Nicht durch bombastische Reden, Deklamationen und weitläufige Theorien, sondern durch Handeln nach seinen Ideen, durch Vorleben. Durch Solidarität und Rückgrat. Das ist praktischer Syndikalismus.

Soweit der Einfluß des proletarischen Ideenmenschen reicht, wird er das Ziel der Staatsschule, den Staatsbürger herzustellen, vereiteln. Die Staatsschule gibt dem Proleten ja ohnehin kaum mehr als Elementarunterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen. Alles andere, das die Staatsschule ihm lehrt, ist schädlich und muß wieder ausgeworfen werden durch eine naturgemäße Erziehung. Dem Ideenmenschen fällt die natürliche Erziehung nicht schwer. Das Kind, dessen Geist und Seele rein sind, bildet sich an den Eindrücken, die es mit seinen Sinnen aufnimmt. Es ist eine lachhafte Überhebung der Zunftpädagogen: der Lehrer kann dem Kinde etwas lernen. Gewiß: er kann ihm allerlei eintrichtern, einpauken, daß das, was widerwillig aufgenommen, bald wieder ausgestoßen, vergessen wird. Oder der so Belehrte wird zum Gelehrten im Sinnwerte staatlicher Professoren.

Der Lehrer darf dem Lernenden nur zeigen an Hand des Lehrstoffes als Beispiel, wie er lernen, wie er seine Kräfte gebrauchen muß.

Soll der Junge schwimmen lernen, so muß der Junge selbst ins Wasser. Der Schwimmlehrer kann das nicht für ihn. Der Schwimmlehrer sagt ihm nur die Art der Übungen. Üben muß der Junge selbst.

Dasselbe ist es mit dem Kopflernen. Der Lehrer kann nicht für den Lernenden denken. Das muß der Lernende schon selbst tun. Das, was er selbst in seinem Hirn durcharbeitet, mit seinen Verstandeskräften mißt und formt, das lernt er.

Der lernt das Schwimmen am besten, der aus freiem Ermessen alle seine Kräfte gegen die Wogen stemmt.

Die Wildheit ist des Kindes höchste Tugend; die ihn zügelnde Bevormundung ist sein Untergang. Ordentlichkeit, Sittsamkeit, Selbstbeherrschung müssen vorgelebt werden. Das Kind nimmt nur den ernst, aus dessen Taten es die Wahrheit seiner Worte ersieht. Das proletarische Dasein, erläutert durch das Vorleben des proletarischen Ideenmenschen, wirkt revolutionierend. Im begeisterungsfähigen Kinde wirkt dieses Vorleben Wunder. Das ist der ideale Syndikalismus. Syndikalismus ist Erziehung zur sozialen Revolution und damit Aufbau der Zukunft. Der praktische Syndikalismus baut im Betrieb, in der Wirtschaft, der ideale in der Familie, an den Heranwachsenden. Alle Zukunftsgestaltung hängt ab von der Erziehung. Alle zukünftige Freiheit wird aus der Selbsterziehung leuchten. Die Erziehung darf nur Anregung zur Selbsterziehung sein.

Man wird uns sagen: wenn der Syndikalist immer im Kampfe steht mit den Kapitals- und Staatsmächten, dann könne sein Familienleben kein ordentliches sein. Was man so "ordentlich" nennt. - Die Kinder, die in "ordentlichen" Verhältnissen aufwachsen, werden ordentliche Lohnsklaven und ordentliche Staatsbürger. Sie verspießern womöglich schon im Mutterleibe. Soll aus dem Kinde ein Sozialrevolutionär werden, dann muß es gegen den Strom schwimmen lernen. Auf die Tugenden der bürgerlichen Wohlerzogenheit muß es mit Verachtung blicken lernen. Es muß zu seinem Teil mitkämpfen gegen Kapital und Staat. Es muß die Eigentumslosigkeit als höchstes sittliches Prinzip in sich aufnehmen, und es muß ihm gleichgültig werden, wie seine materiellen Verhältnisse sind.

Der "ordentliche" Arbeiter von heute entsteht, indem ihn die Staatsschule drillt und die Handwerkslehre knetet. Er hat dann einen Beruf, einen Stand erreicht. Er bringt es vielleicht sogar bis zu einem öffentlichen Amt. Bei seinen Kindern wiederholt sich dasselbe. Er besiegelt mit seiner Ordentlichkeit die Richtigkeit der Zwangsordnung des Staates. Er braucht nur noch Mitglied einer zentralen Arbeiterorganisation werden, und aus Mund, Nase und Ohren quillt ihm die eingenommene Autorität. Hat er seine Tage vollendet, dann legt er sich mit dem beruhigenden Bewußtsein in die Erde, daß es seinen Kindern gut ergehen werde, weil er sie für die Sklaverei erziehen ließ.

"Sein oder werden", das ist die Frage, die der proletarische Ideenmensch zu lösen hat, außerhalb der Zwangsorganisation des Staates. Sein ist die Gegenwart, das Anerzogene, das brutal Konservative. Werden ist die Zukunft. Das Werden, das Wachsen und Gedeihen vollzieht sich so, wie Idee und Wille es gestalten. Die Gestalter sind die Ideenmenschen. Die die soziale Revolution gestalten, das müssen proletarische Ideenmenschen sein. Die die soziale Revolution aus dem lebenden Menschenhirn gestalten, das sind Syndikalisten. Kommunisten und Sozialdemokraten versuchen es erfolglos an der toten Substanz.

Das sexuelle Problem

Um sich loszulösen vom Staat, wird der Syndikalist Mißachter des Staates: er boykottiert die Einrichtungen des Staates. Er lebt nach natürlichen Gesetzen und beginnt für sich mit dem, was er für die Allgemeinheit herbeiführen will. Der Staat vergewaltigt die Naturgesetze, um seine Zwangsordnung durchsetzen zu können, der Syndikalist wendet sie an, die freie Ordnung zu schaffen. Es ist zum Kreischen, aber es ist wahr: der Staat will mit Zwangsvorschriften den Geschlechtsverkehr regeln. Der Staatsbürger wird so quasi gezwungen, eine Familie zu gründen und seinen Trieb auf Lebenszeit an demselben Partner zu befriedigen.

Zu dem Zwecke und um die Verantwortung für die Kinder abzuschütteln, erläßt der Staat die Ehevorschriften. Jeder Erwachsene hat seine Eigenart in seinem Geschlechtsleben. Für dreißig Millionen Erwachsene müßten dreißig Millionen verschiedene Ehevorschriften erlassen werden, sollte jedem Gerechtigkeit widerfahren. Das ist nicht möglich. Der Staat will aber "Ordnung" schaffen und den Erzeugern die Kinder als teuerstes Gut aufmoralisieren. Also konstruiert der Staat den strafbaren Ehebruch. Das Blut aber ist stärker als alle Moralgesetze, wenn diese Gesetze gegen die Natur verstoßen. Und so mußte die Ehe zur gesetzlich sanktionierten Prostitution werden. Die gesetzliche Ehe ist eingestellt auf zwei Extreme: entweder die Prostitution oder die Askese.

Die Propagandisten der geschlechtlichen Enthaltsamkeit sind meistens Leute, bei denen Spiel und Tanz vorbei ist, oder die einen normal funktionierenden Geschlechtstrieb nicht haben; wie es ja auch bei den Antialkoholikern solche geben soll, die eine gehörige Quantität ausgetrunken haben, und solche, denen eine Erholung nottut.

Der Ideenmensch befriedigt den Geschlechtstrieb bei dem Weibe, die ihn versteht. Die der Kamerad im Geistesleben und im Kampfe sein kann.

Ob beide eine dauernde Vereinigung eingehen, hängt von der Stärke der gegenseitigen Neigung ab. Das erträgliche oder auch das glückliche Zusammenleben ergibt sich aus den persönlichen Qualitäten beider. In der sogenannten freien Liebe erweist es sich, ob die beiden Ideenmenschen auchh wirklich sich erhoben haben aus den Ebenen der staatlichen Bevormundung. Der Geschlechtstrieb hat nicht unverwüstliche Spannkraft, und er ist niemals bei zwei Eheleuten gleichmäßig stark. Hat der stärkere Teil sich nicht in der Gewalt, zwingt er sich dem Schwächeren auf, so vergewaltigt er ihn. Er wird ihm lästig und schließlich zuwider. 

Ideenmenschen brechen den Geschlechtsverkehr miteinander ab, wenn sie sich gegenseitig nicht mehr genügen. Sind Kinder da, so werden die "Eltern" nicht auseinandergehen, denn sie haben die Kinder für die Zukunft zu erziehen. Sie suchen sich anderen Geschlechtsumgang, wenn das Bedürfnis vorhanden ist. Da kann es vorkommen, daß der Vater der "Vater fremder Kinder" wird. Und dann wieder steht er vor der Probe: ist er Ideenmensch oder ist er es nicht? Begehrt er das Recht, nur seine Kinder zu erziehen, dann ist er es nicht. Dann ist er Eigentumsfanatiker. Nimmt er selbstlos unter seine Obhut, was sein Weib gebärt, dann ist er wirklich Ideenmensch.

Es ist eine von den Staatstheoretikern erfundene Lüge, daß die Blutsverwandtschaft Eltern und Kinder seelisch verbindet. Das Leben mit offenen Augen betrachtet ergibt, daß alles flügge Gewordene seinen eigenen Interessen nacheilt und gar zu leicht über die Erzeuger hinweg schreitet. Die "Eltern" halten zum Kinde aus Gefühlsnotwendigkeiten, weil es hilflos ist, und die Mutter besonders, weil sie es unter Schmerzen gebar. Und bringt das Ideenweib "fremde" Kinder in die "Ehe", so ist das auch natürlich, sie steht moralisch viel höher als das Weib, das sich dauernd von einem ihr widerwärtigen "Gatten" vergewaltigen läßt.

Es wird die Zeit kommen, die das Weib ehrt, die ihren Schoß befruchten läßt nach ihrem Wohlgefallen. Die Gewähr ist damit sicherer, daß die Rassen sich mehr und mehr vermischen und verwischen und daß schließlich eine Rasse sich behauptet: die Rasse der Ideenmenschen: die Rasse der Freien, der Tüchtigen.

Blasphemie ist es, wenn Hyperdurchgeistete behaupten, die Seelenharmonie von Weib zu Mann schalte den Geschlechtstrieb aus. Auch bei ihnen wird die Weigerungsformel der Päpste: non possumus die Ursache ihrer Weisheit sein.

Der Geschlechtstrieb ist ein sozialer Faktor von höchster, wenn nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Diese Bedeutung entging den Staats- und Parteitheoretikern bis heute, weil ihr Paragraphenkretinismus ratlos davor steht.

Das Leben des reifen und gesunden Menschen erhält seinen höchsten Wert aus der innigen Vereinigung mit dem andern Geschlecht. Der Wert aller materiellen Dinge verschwindet vor der hohen Freude, einen Menschen gefunden zu haben, der sein Höchstes opfert aus persönlicher Zuneigung.

Der Drang nach diesem Glück ist unwiderstehlich.

Der mit persönlicher Energie geregelte Geschlechtsverkehr ist auch der Regulator des Wohlbefindens von Körper und Geist.

Wer könnte leugnen, daß solch Wohlbefinden ein Wohlklang in der Harmonie des Zusammenlebens aller mit allem ist. Persönlich fähige, geistig hohe und dabei doch gemütsruhige Menschen sind notwendig, um das Zukunftsideal zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Der innere Ausgleich gewährt die Ruhe des Gemütes. Da darf kein Gesetz und keine Moralfloskel dazwischen treten. Das Geschlechtsleben ist ein Teil des Seelenlebens. Hier erweist es sich eklatant, daß der Mensch sein eigener Seelsorger sein muß.

Die Freiheit des Gebens in der Geschlechtsliebe darf nicht gekürzt werden. Der Staat gibt dem Ehemann die Freiheit des Nehmens ohne Unterlaß. Er entwürdigt den Mann unter das Tier, denn die Tiere kennen weder Prostitution noch Askese.

Es wird die Zeit kommen, daß der Mann auf sein Weib darum stolz sein wird, weil sie nicht sein Weib allein ist. Welch ein niedriger Instinkt ist es doch, sich ein Weib zum alleinigen Gebrauch zu erküren! Die Gier nach materiellem Eigentum ist noch menschlich, denn die Sachgüter sind letzten Endes hervorgegangen aus menschlichem Tun. Aber die Gier nach dem alleinigen Besitz eines Weibes ist einfach barbarisch; sie ist ein Überbleibsel der Menschenfresserei. Und der Staat und die Kirche kultivieren diese barbarische Sitte. Sie stellen sie in das nächtliche Dunkel einer Aftermoral und preisen sie aus für höchste Sittlichkeit und Erhabenheit.

Der Ideenmensch wirft aus sich jede Gier nach jedem Eigentum. Er wird eigentumslos auch im Herzen, bis in seinen Geschlechtsreiz, bis zu dem Weibe, das er anbetet. Hier erst offenbart sich die Größe des Ideenmenschen. Was der Staat verdirbt und schändet - den heiligen Umgang zwischen Weib und Mann, der Ideenmensch korrigiert es und bringt es ins sittliche Gleichgewicht.

Die sexuelle Frage zu lösen wird das große Problem der Zukunft, der Eigentumslosigkeit, der Herrschaftslosigkeit, der Selbstlosigkeit sein. Der Ideenmensch beginnt damit. Das sexuelle Problem ist bei weitem wichtiger als das Eigentumsproblem. Die Gier nach Eigentum erfaßt den Menschen nur äußerlich, sie verkrämert seinen Verstand, verknöchert seine Seele und macht ihn schließlich zum staatlich geeichten Idioten. Der Trieb zum Weibe, die geschlechtliche Wollust peitscht den ganzen Menschen auf, sie läutert Geist und Seele oder zerstört den ganzen Menschen, je nachdem sie unter der Selbstkontrolle des Individuums bleibt oder vom Staat brutal mißbraucht wird für Ordnungszwecke.

Finale

Wer diese Schrift liest und nicht schon Anarcho-Konununist ist, der wird fragen nach dem Aufbau der eigentumslosen, der staaten- und herrschaftslosen gesellschaftlichen Ordnung. Der Ordnungsmensch betrachtet alles durch die Ordnungsbrille, er sucht immer nach der Ordnung, der er sich unterzuordnen hat.

Es wäre Vermessenheit, die Ordnung der Zukunft kaleidoskopisch vorspiegeln oder gar sie empirisch entwickeln zu wollen.

Die gegenwärtige zentralistische Zwangsordnung des Staates ist das Resultat einer ideenlosen Zeit, deren Sinn nur dem Materiellen zugewendet ist. Diese Ordnung ist, wie die Menschen von heute sind. Die Zwangsordnung des Staates gilt ja nur für die Arbeiter. Die Arbeiter sind Sklaven, und daher ist die Ordnung sklavisch. Die gegenwärtige Ordnung wird beseitigt in dem Tempo, als die Arbeiter Ideenmenschen werden. Das heißt: als sie sich innerlich loslösen von allen Eigentumsbegriffen und die Zwangsordnung des Staates dadurch zerstören, daß sie ihre Angelegenheiten selbst ordnen.

Die zukünftige Ordnung wird eine Ordnung sein, die aus den Ideen herauswächst. Diese Ordnung heute erklären wollen, wäre ein Rätselraten über künftige Ideen.

Uns genügt zu wissen: es wird die Idee sein, die die Zukunft bildet. Es wird nicht das Eigentum sein. Ideen sind das Frühlingsknospen einer wirklichen Menschheit.

Die Arbeiter, die durch diese Schrift zum Nachdenken gebracht werden, werden vielleicht fragen: Wo ist der Anfang? Wer will damit beginnen, eigentumslos zu denken und entsprechend zu leben? Wo ist das Ende, wie lange wird es währen, bis alle Arbeiter so denken? Wir antworten: Frag nicht, Feigling, beginne selbst!

Wenn Du morgen in den Betrieb kommst, dann tritt der Betriebsleitung oder dem Meister oder Deinen sonstigen "Vorgesetzten" mit steifem Rücken entgegen, und Deinen Arbeitskollegen als Kamerad.

Und wirst Du deswegen gemaßregelt, so pfeife auf den Betrieb, der Dich hinauswirft. Warte nicht auf die Gnade der Wiedereinstellung, sondern suche Dir einen anderen Ausbeuter, und mache es dann wie das letzte Mal.

Dann wirst Du dabei vielleicht Dein bißchen Hab und Gut loswerden: einige Möbelbrocken; vielleicht trägst Du sogar Deinen besten Überrock ins Leihhaus. Laß laufen. Aber rühre Dich. Es gibt tausend und eine Möglichkeit. Dich auch ohne Lohnarbeit durchzuschlagen. Die eine Möglichkeit über tausend ist, daß Du nicht zu faul zum Essen bist. Du wirst oben bleiben, wenn Du Charakter und Wille hast. Es werden in Deinem Schädel Ideen entstehen, vor denen Du zunächst selbst staunend stehst. Aber dieses sind die Ideen, die Dir geboren wurden im Ringen mit Dir selbst. Du bist Ideenmensch geworden und hast Dich damit Deiner Zeit enthoben. Deine Eigentumslosigkeit, Deine Kampfstellung gegen Kapital und Staat treiben Dich zu immer reineren Ideen - sofern Du Rückgrat behältst. Du selbst hast mit dem Aufbau der Zukunft begonnen.

Karl Roche: Der proletarische Ideenmensch. Verlag "Der Syndikalist", Fritz Kater. Reprint 1990 "von unten auf!". Gescannt von www.anarchismus.at (bearbeitet - Ae zu Ä, Bureaukratie zu Bürokratie usw.)


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