Rudolf Rocker - Von der Agitation (1920)

Elberfeld, den 2. Dezember 1920.

Nun hatte ich 13 Versammlungen hinter mir und noch 8 vor mir, bevor es wieder heimwärts geht. Ich weiss nicht, ob man euch schon über den bisherigen Verlauf meiner Reise geschrieben hat, jedenfalls kann es nichts schaden, wenn ich hier kurz meine Eindrücke schildere. Meine erste Versammlung in Hövel war mäßig besucht, obwohl die Genossen dortselbst mir versicherten, dass die Parteiversammlungen während der letzten Monate viel schlechter besucht werden.

In Lünen hatte ich einen brechend vollen Saal, desgleichen in Dortmund. Die Versammlung in Gelsenkirchen war ein Durchfall, da sie systematisch boykottiert wurde. Die verschiedenen Parteien hatten nämlich zur selben Zeit nicht weniger als neun Mitgliederversammlungen einberufen, so dass unsere Versammlung in der Stadthalle nur von ungefähr 300 Personen besucht war.

Die Versammlung in Wattenscheid war gut. Auch Bochum war nicht schlecht. Glänzend waren die Versammlungen in Mülheim. In Essen sprach ich vor ungefähr 300 Personen. Die Versammlung in Hamborn war sehr gut besucht.

In Düsseldorf sprach ich vorgestern vor einer riesigen Versammlung im Kaisersaal der Tonhalle für die Freidenker. Das ist um so bemerkenswerter, als für diese Versammlung nur Karten ausgegeben wurden und keine Plakate, Handzettel oder Zeitungsinserate erschienen waren. Auch meine Versammlung in Elberfeld war sehr gut besucht. Morgen spreche ich in Remscheidt, dann in Solingen, danach in Wiesdorf, Köln, Düsseldorf, Krefeld, Hochemmerich und Duisburg.

Mit den Kommunisten hatte ich fast überall heftige Zusammenstöße. In Lünen hatte ich sage und schreibe 16 Diskussionsredner abzufertigen, was ich auch nach allen Regeln der Kunst besorgt habe. In Dortmund trat mir der blinde Schönlank [kommunistischer Schriftsteller] entgegen. Er war sehr sachlich und anständig, wie überhaupt die ganze Versammlung in dem brechend vollem Saale ein Genuss war. In Gelsenkirchen trat mir Barthels, einer der Hauptmatadoren der Gelsenkirchener Richtung [gemeint ist die kommunistisch-unionistische FAU-G, ging später in der KPD auf] entgegen. Auch er war sehr vorsichtig, überschüttete mich in der Einleitung seiner Rede mit einer Masse Komplimente, hatte aber sonst wenig zu sagen. In Wattenscheid erwarteten wir eine große Redeschlacht. Von Essen und anderwärts waren Redner der KPD erschienen, um mit mir abzurechnen. Ich sprach über das delikate Thema: „Die dritte Internationale“. Aber als ich mit meinem Vortrag zu Ende war, meldete sich niemand zur Diskussion.

In Bochum waren eine Menge Kopfarbeiter erschienen. Drei derselben, Anhänger Silvio Gesells, ergriffen das Wort, und da die Kommunisten stumm blieben, so bekam die Debatte einen höchst sachlichen und interessanten Charakter.

Die Versammlung in Mülheim war glänzend. Auch dort waren die Kommunisten der ganzen Umgegend erschienen, um ihr Mütchen an mir zu kühlen, aber sie werden an mich denken, so lange sie leben.

In Essen trat mir Hammer entgegen. Auch er war sehr vorsichtig mit seinen Ausführungen, aber auch seine Vorsicht konnte ihm nicht viel helfen.

Und nun Hamborn. Grosser Gott, Hamborn! Ich glaubte bis jetzt, in der Völkerkunde und mit den Sitten und Gebräuchen wilder Stämme leidlich beschlagen zu sein. Das war ein Irrtum. Ich wußte, dass es auf der Welt Botokuden, Buschneger, Apachen, Zulukaffern, Hottentotten usw. gab, jetzt weiss ich auch, dass es Hamborner gibt. Die Stadthalle war voll. Die Kommunisten hatten überall die Nachricht verbreitet, dass Dr. Levi mir entgegentreten würde, der gerade hier weilte. Aber es kam anders. Die Anhänger der KPD hatten sich vorgenommen, die Versammlung unter allen Umständen zu sprengen. Schon während meines Vortrages hatte ich zahlreiche Unterbrechungen, doch gelang es mir, die Schreier immer wieder stumm zu machen. In der Diskussion meldeten sich zwei junge „Russen“ [saloppe Bezeichnung für Kommunisten, Abel Paz nannte sie „Chinesen“], dumme, freche, unverschämte Bengel und ließen nun die haarsträubendsten Tiraden vom Stapel. Als ich endlich das Schlusswort ergriff, entstand ein wahres Pandämonium (Reich der bösen Geister). Man heulte, johlte, grölte, übte sich in allen Lauten der verschiedenen Tiersprachen. Ich betrachtete mir die Bescherung eine Zeitlang, und als die wilde Horde endlich gezwungen war, notgedrungen Atem zu schöpfen, legte ich los. Die Kerle waren zuerst sprachlos, als ich mit ihnen ins Gericht ging. Dann fingen sie wieder an zu heulen. Ich aber behauptete meinen Platz und zeigte den Brüdern, dass ich ihnen unter keinen Umständen nachgeben würde. Und sie wurden kleiner und kleiner, trotzdem ich sie mit Keulen lauste. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht soviel geschimpft wie in Hamborn. Zuletzt wurde es ganz still, so dass ich den Kerlen in größter Ruhe ein besonderes Patent auf ihre übermenschliche Dummheit ausstellen konnte, und damit war die Sache zu Ende. Auch ich war zu Ende mit meiner Kraft, denn unter solchen Bedingungen standzuhalten, ist wahrlich keine Kleinigkeit. Trotzdem sprach ich abends noch in einer Sitzung der Vertrauensleute.

In Düsseldorf sprach ich über „Freie Erziehung im Sinne Ferrers“. Eine ideale Versammlung. Der Gesangverein mit seinem vortrefflichen Dirigenten leitete die Sache ein mit einem weihevollen Gesang, eigene Komposition des Dirigenten. Darauf sprach ich 1 3/4 Stunden lang vor einer riesigen Menge, die so stil war, dass man eine Feder hätte zu Boden fallen hören. Zur Aussprache meldete sich niemand. Auch meine Versammlung in Elberfeld war sehr gut. In der Diskussion sprachen ein Anhänger der KAPD, zwei Lehrer, ein Physiokrat [Gesell-Anhänger], ein Vertreter der Kaufmannschaft und ein Mitglied der Drei-Gliederung [Anthroposoph]. Die Aussprache war würdig und interessant R[udolf].R[ocker].

Aus: Der Syndikalist, Nr. 48/1920

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2010/03/12/rudolf-rocker-von-der-agitation-1920/


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