Milly Witkop- Rocker - Vom „Kindersegen“ in der Arbeiterfamilie

Eng verbunden mit der Frage wegen einer Entlastung der proletarischen Frau im Haushalt ist eine andere Frage von noch größerer Wichtigkeit. Wir sprechen jetzt von dem „Kindersegen ohne Ende“, der besonders in den Proletarierfamilien Deutschlands zu Hause ist, und der die Frau in eine lebenslängliche Sklavin verwandelt. Reformen im Haushalt, wie wir sie vorher angedeutet haben, lassen sich nicht mit einem Male durchführen. Man kann sie anstreben und das Bedürfnis für ihre Notwendigkeit in der Frau erwecken. Aber auf dem Gebiete der unbeschränkten Volksvermehrung ist ein sofortiges Eingreifen möglich und durchführbar. Es ist wahrlich schon die höchste Zeit, daß die Frau aufhört, die Rolle einer gewöhnlichen Gebärmaschine zu spielen, welche die Vermehrung ihrer Familie dem Zufall anheimstellt. Ein Kind sollte nur dann das Licht der Welt erblicken, wenn das Bedürfnis der Eltern dafür vorhanden ist und die materiellen Bedingungen für eine gesunde und menschenwürdige Entwicklung gegeben sind. Wie die Dinge aber heute stehen, bedeutete die Geburt jedes neuen Kindes in der Proletarierfamilie eine größere Einschränkung der notwendigsten Lebensbedürfnisse und sehr oft bitteres Elend und langsames Dahinsiechen sämtlicher Familienmitglieder. Eine Vermehrung der Familie ist nun einmal nicht verbunden mit einer automatischen Vergrößerung des proletarischen Einkommens, so daß jeder Bissen, der dem neuen und in den meisten Fällen unwillkommenen Gast gegeben werden muß, den übrigen Familiensprossen von ihrem Leben abgezogen wird. Daß den besitzenden Klassen ein solcher Zustand der Dinge ganz erwünscht ist, ist leicht begreiflich. Je mehr die Kraft des Proletariats im täglichen Kampfe ums Dasein zermürbt und aufgebraucht wird, desto weniger kommt er in Versuchung, sich gegen das Joch, das ihm auferlegt wurde, zu empören, desto mehr ist er zur stumpfsinnigen Ertragung seines Elends gezwungen. Große Proletarierfamilien bedeuten für den Unternehmer billiges Ausbeutungsmaterial und weniger Risiko in den unvermeidlichen Wirtschaftskämpfen zwischen Kapital und Arbeit – für den Staat willkommenes Kanonenfutter im Falle eines Krieges.

Der proletarischen Frau aber wird ihre Fruchtbarkeit zum doppelten Verhängnis. Nicht nur, daß sich ihre Sorge um das tägliche Brot fortgesetzt vermehrt und die Existenz der Familie schwieriger gestaltet, sie selbst wird auch ein Opfer körperlicher Erschöpfung und aller möglichen Krankheiten, die an ihrem Leben zehren und sie vor der Zeit verwelken lassen. Daß ein Weib, dessen ganzes Leben sich nur von einer Schwangerschaft zur anderen bewegt, für jede geistige Entwicklung verloren ist, ist nur allzu begreiflich. Und leider befinden sich Millionen von Proletarierfrauen in dieser furchtbaren Lage. – Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben des Syndikalistischen Frauenbundes, in dieser Hinsicht die nötige Aufklärung unter die Frauen zu tragen und damit eines der schwersten Hindernisse, die sich ihrer Befreiung entgegenstemmen, zu beseitigen. Diejenige, die aus sogenannten „ästhetischen“ Gründen eine solche Aufklärung verpönen, sind reaktionär veranlagte Menschen, welche die ganze Scheußlichkeit des proletarischen Elends überhaupt nicht erfaßt haben.

Es ist hier nicht der Platz, auf den Ursprung und das Wesen der Familie näher einzugehen, obwohl nicht verkannt werden soll, daß sich nur allzu oft hinter ihren engen Wänden die furchtbarsten Tragödien abspielen, die für alle Teile – Mann, Frau und Kinder – gleich entsetzlich sind. Aber ein großer Teil all des Häßlichen und Kleinlichen, das heute in so vielen Familien eine so hervorragende und wenig rühmliche Rolle spielt, könnte verschwinden, wenn die Frau auf einer höheren Stufe geistiger Entwicklung stände. Die Familie ist kein künstliches Gebilde, das willkürlich ins Leben gerufen wurde und stets dieselben Formen trug. Sie hat in verschiedenen Zeiten und Zonen verschiedene Gestalt angenommen, und auch ihre heutige Form wird nicht dieselbe bleiben, sie wird sich weiter entwickeln und zusammen mit den wirtschaftlichen und geistigen Bedürfnissen der Menschen entsprechende Gestaltungen annehmen. Sie ist ist heute die wichtigste und für das Einzelleben des Menschen die einflußreichste Institution gewesen und wird es zweifellos auf lange Zeit hinaus bleiben. Wohl die tiefsten Eindrücke empfängt der Mensch im Kreise der Familie, besonders in der Jugend, Eindrücke, die seinem späteren Leben sehr oft eine entscheidende Richtung geben. Es sollte deshalb alles getan werden, diesem engen Kreise ein möglichst angenehmes und ansprechendes Gepräge zu geben, in dem sich besonders das Kind wohlfühlen kann. Aus dem Elternhause müßte die Jugend die schönsten und reichsten Erinnerungen mitnehmen auf den Weg des Lebens, der sie später in allen Kämpfen und Fährnissen wie ein warmer Lichtblick begleiten sollte. So sollte, so müßte und so wird es sein, wenn Mann und Weib sich als freie und gleiche Menschen zusammenfinden und sich in wahrer Liebe und gegenseitiger Achtung zugetan sind.

Aber ein solcher Zustand des Zusammenlebens ist nur dann möglich, wenn beide Geschlechter gleichgestellt sind in allen ihren Beziehungen und die Frau nicht länger als unmündiges und minderwertiges Wesen betrachtet wird. Nicht Frauenrechte fordern wir, sondern Menschenrechte, und diese wollen wir erkämpfen auf allen Gebieten des Lebens.

Aus: „Der Syndikalist“, 4. Jg. (1922), Nr. 18.

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu


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