Karl Roche - Faulheit als politisches Kampfmittel

Wir leben nicht, um zu arbeiten, wir arbeiten, um leben zu können. Das Leben ist Selbstzweck. Arbeit ist Mittel dazu. Je leichter und müheloser wir das Mittel der Arbeit handhaben, desto sorgloser gestaltet sich unser Dasein. Gewiss ist Arbeit ein natürliches, inneres Bedürfnis. Aber gerade als solches verträgt Arbeit keinen äußeren Zwang. Freiwillige Arbeit ist natürlich, aufgezwungene ist widernatürlich.

Der Selbstzweck des Lebens wird erfüllt durch Lebensfreude. Wo die fehlt, ist das Leben verfehlt und betrogen. Jeglicher Zwang lässt die Freude am Leben nicht aufkommen; der äussere Zwang zur Arbeit verbittert uns, lässt und die Arbeit hassen.

Die sozialistische Organisation der Arbeit wird ihr den Fluch des Zwanges nehmen. Sie wird den Menschen zu seiner natürlichen Pflicht zurückführen, an der Gütererzeugung freiwillig Anteil zu nehmen. Sie wird vermittelst Technik und Wissenschaft die Arbeit zum Genuss werden lassen. Arbeit und Leben werden ineinander aufgehen. Der Lebenszweck findet seine Erfüllung in Arbeitsfreude, abgelöst vom sinnenumrauschten Müssiggang.

So wird es einmal sein.

Heute ist es ja noch beträchtlich anders. Heute, wie seit tausend und mehr Jahren, sind die Arbeitenden noch Sklaven . Heute wird uns die Arbeit aufgezwungen von denen, die ihr ganzes Leben hindurch Arbeitsverweigerung verweigern. Hunger, Verelendung sind die Skorpione, mit denen uns die Ewigfaulen an die Arbeit zwingen.

Welches persönliche Interesse sollten wir an der Ergiebigkeit der Arbeit haben, da wir doch ausgeschlossen sind vom Genusse jener Güter, die das Leben froh und lebenswert machen!

Wir sollten uns um das Gedeihen einer gesellschaftlichen Unordnung bemühen, welche lediglich das Arbeitsprodukt als Wert einschätzt, nicht aber den Arbeiter!

Was haben wir von einer Kultur, die für uns keine sein kann, da wir nicht zugelassen werden, weil wir sie nicht bezahlen können!

Wir, unsere Eltern, unsere Voreltern waren dumm genug, fleissig zu sein. Wir hatten ein Recht auf Faulheit und schreien nach dem Recht auf Arbeit. Je mehr wir im Elend waren, desto härter strengten wir uns bei der Arbeit an, um herauszukommen. Aber wir kamen dabei immer tiefer hinein, nämlich in die Ausbeutung. Als Arbeiter und Klasse der Ausgebeuteten ist unser natürliches Recht in der Gegenwart die Faulheit. Der Fleiss, die Anstrengung bei der Lohnarbeit ist der Ausdruck unserer Sklavendemut. Unser Fleiss födert die Besitzenden, lässt ihre Herrschaft über uns wachsen; unsere Freiheit schädigt die grundsätzlich Faulen, die nur fleissige Menschen sind im Nehmen.

So lange sich die Reichen von der Arbeit drücken, haben wir ein unveräusserliches Recht auf Faulheit. So lange die grundsätzlich Faulen geniessen dürfen, weil sie nicht arbeiten, und herrschen wollen, um so weiter faul sein zu können, so lange sind wir Esel, wenn wir fleissig sind.

Mag nur diese wunderbare kapitalistische „Ordnung“ vollends in die Brüche gehen, mag der Rest an Wirtschaft, den der Weltkrieg übrig gelassen, von unserer Faulheit verschlungen werden. Wir dürfen mit satanischer Freude dabeistehen. Die Faulen haben uns lange genug bestohlen, sie hielten uns mit der Lohnarbeit gefesselt. Das Diebesgut ist ihnen im Blute des Weltkrieges weggeschwommen, die Fesseln schütteln wir ab. Wir bleiben faul, so lange nicht der Fleiss aller zur Nutzanwendung kommt.

Die neue Vertrauenskörperschaft der grundsätzlich Faulen, die Regierung, hat es wahrlich nicht leicht, auch faul sein zu können; sie soll etwas denken und auch etwas mehr handeln und kann nicht. Als Konkursverwalter des bankerotten Kapitalismus fehlt ihr die Rutine, aber der verbissene Hass gegen den Sozialismus peitscht sie auf. Wie der wütende Stier wirft sie sich auf jeden roten Lappen.

Wer sich rühret wird geschlossen
Und womöglich schon erschossen,
Eh’ man ihm das Urteil fällt.
Die Justiz – geheim und schnelle,
Fördert noch vor Tageshelle
Jeden Meuterer aus der Welt.

Ja, Dichter und Seher! Das schrieb Herwegh 1846. Damit geisselte er den unfähigsten der Preussenkönige und traf den ersten – sozialdemokratischen König.

Die Regierung tanzt auf einem leeren Fasse. Die Arbeiter sollen die ausgeladene Tonne wieder füllen, mit Arbeit. Sie schreien die Arbeiterklasse an, sie möge doch arbeiten. Beim seeligen Marx und beim heiligen Lassalle, der Sozialismus gehe in die Brüche, wenn die Proleten die Ausbeutung restlos zerstören! Die Arbeiter schütteln die Köpfe und wollen nicht. Nein, sie wollen nicht. Die passive Resistenz wird von ihnen mit Begeisterung aufgenommen und zähe durchgeführt. Das begreifen ist ja auch so kinderleicht: entziehen wir der Ruine Kapital vollends das letzte Blut durch passive Resistenz, dann muss sie gänzlich zusammnenstürzen. Das ist keine Theorie: es ist die nüchternste Wahrheit, die jeder Prolet ohne weiteres erkennt. Faulheit als politisches Kampfmittel! Wer hätte je geglaubt, dass das  in der deutschen Arbeiterklasse möglich wäre. Es ist möglich und wird mit Erfolg angewendet. Auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Weimar sagte Reichsminister Wissel, das Schlimmste seien nicht die Lohnforderungen, sondern die passive Resistenz der Arbeiter.

Aber da haben sich die auf der leeren Tonne balanzierenden Akrobaten einen Zauberkünstler zur Hilfe geholt: Herrn Bernhard Dernberg, den ehemaligen Kolonialminister. Er hat sich auf das leere Fass gestellt und jongliert mit papierenen Milliarden. Für den ehemaligen Direktor der Deutschen und dann der Darmstädter Bank sind das Kleinigkeiten. Für das laufende Finanzjahr sind im Reichsbudget 25 Milliarden aufgestellt. 25 000 Millionen! Bei 62 Millionen Einwohner ergibt das auf den Kopf der Bevölkerung die Summe von 400 Mk. Vater, Mutter und zwei Kinder müssen zusammen 1600 Mk. Steuern aufbringen. Wohlgemerkt, allein an Reichssteuern. Das ist natürlich nicht möglich. Verbrecher ist, wer diese Wirtschaft weitertreiben will. Aber – ein ehemaliger Direktor der Deutschen Bank kennt bei „Finanzierungen“ keine Hindernisse. Die Arbeiter sind doch da! Und wozu wären sie denn weiter da, als zum Füllen der leergelaufenen Tonnen. Also „regt“ Herr Dernburg „an“: die Reichsarbeitsstunde. Zum Achtstundentag soll eine Stunde zugefügt werden. Die Reichskasse verlangt vom Unternehmer für jede „Stunde“ 1 Mk. Herr Dernberg rechnet, dass in Deutschland 21 Millionen Menschen tätig sind,. Das würde im Jahre 7 Milliarden ergeben. Glückt es, so wird im nächsten Jahr die zehnte und später die elfte angehängt und – siehe da! Deutschland ist aus dem Dalles! „Gewissermassen“ wird man als „Nebenerscheinungen“ Streiks verbieten und die Erwerbslosenunterstützung „abbauen“ und – Deutschland ist wieder  in der Welt voran, es kann wieder zum neuen Massenmorden rüsten.

Jedoch – die Arbeiterschaft von heute ist nicht mehr die von 1914. Sie wird den gordischen Knoten der Revolution nicht mit der Schwerte Arbeit durchhauen. In der Lauge ihrer Faulheit wird sie den Kapitalismus völlig zur Auflösung bringen. Es wird so lange passive Resistenz geübt werden, bis die Arbeiterklasse selbst in der Lage sein wird, die Arbeit sozialistisch organisieren zu können.

Warum soll denn das Arbeitsvolk nicht passive Resitenz anwenden dürfen? Die „sozialistische“ Regierung versteht ja diese syndikalistische Tugend ausserordentlich. Sie redet von Sozialisierung und tut nichts dazu; sie redet vom Sozialismus und lässt Sozialisten erschiessen; sie redet von Gefangenenbefreiung und lässt im eigenen Lande Tausende ehrlicher Arbeitern einsperren. Das ist nur passive Resistenz, das ist zerstörender, verbrecherischer Sabot verübt gegen die sozialistische Arbeiterschaft.

Die Geschichte dieser Revolution wird einmal berichten von der Faulheit, die Wunder wirkte.

Karl Roche

Anmerkung: Der Leitartikel lautet: Die kommunistische Partei und die Syndikalisten

Aus: Der Syndikalist, Nr. 30 vom 5. Juli 1919 [I. Jahrgang]

Originaltext: http://archivkarlroche.wordpress.com/archiv-karl-roche/artikel-von-karl-roche/zeitungsartikel/faulheit-als-politisches-kampfmittel/


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