Hartmut Rübner - Bremer AnarchosyndikalistInnen gegen Ende der Weimarer Republik

Die Anfänge des Bremer Anarchosyndikalismus

In der Folge der Auseinandersetzungen um die Akkordarbeit in der Bremer Baubranche hatte der festangestellte Bezirksvorsitzende des "Zentralverbands der Maurer Deutschlands" Franz Martin (1878 - 1956) eine lokalorganisierte Abspaltung vom gewerkschaftlichen Bauarbeiterverband eingeleitet, was um die Jahreswende 1906/07 zur Gründung des Ortsverbands der syndikalistischen „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVdG) führte. Eine Hinwendung zum Anarchosyndikalismus zeichnete sich in Bremen im Jahr 1911 durch den Zusammenschluß der örtlichen „Anarchistischen Föderation Deutschlands“ mit der syndikalistischen „Freien Vereinigung aller Berufe für Bremen und Umgebung“ ab. Dem ersten Weltkrieg folgte die Reorganisation der FVdG und deren Beteiligung an der Bremer Räterepublik, die am 10. Januar 1919 proklamiert worden war. In der Endphase des Räteexperiments zählten die Mitglieder der „Syndikalistischen Einheitsorganisation“ zu den etwa 1000 militanten Arbeitern und Matrosen, die am 4.Februar 1919 die Räteregierung gegen die anrückenden Freikorps verteidigten. Während der einen Tag andauernden Kämpfe kamen über 70 Menschen ums Leben. Unter den 29 getöteten Arbeitern befanden sich der Obmann der syndikalistischen Metallarbeiterföderation Karl Richard Mesike und der Schlosser Willi Glock. Nach der Niederschlagung der Rätebewegung wurde Franz Martin mit einigen weiteren Vertretern des „Arbeiter - und Soldatenrates“ von den Militärs innhaftiert. In den folgenden Monaten des militärischen Belagerungszustandes kooperierte die „Syndikalistische Einheitsorganisation“ eng mit der lokalen KPD. Bis zu ihrem Ausschluß im Juli 1919 gehörten die Syndikalisten zum äußersten linken Rand der Bremer Parteienorganisation. Im Dezember 1919 organisierte die „Syndikalistische Einheitsorganisation“ nach eigenen Angaben insgesamt 350 Buchdruckerhilfsarbeiter und -arbeiterinnen, sowie den Dachdeckern verwandte Berufe. Durch den Zusammenschluß mit dem syndikalistischen „Seemannsbund“ stieg die Zahl im Januar 1920 auf 1420. Nachdem im Verlauf des Jahres 1920 die Bremer Rätekommunisten der „Allgemeinen Arbeiter Union“ (AAU) bis auf eine Restgruppe zum zentralgewerkschaftlichen „Deutschen Metallarbeiter-Verband“ übergetreten waren, konnten die Syndikalisten, die seit ihrem 12. Kongress im Dezember 1919 landesweit als „Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)“ (ab 1921 als FAUD Anarcho-Syndikalisten) firmierten, anscheinend ein großen Anteil des linksradikalen Potentials der Stadt absorbieren. Im Spätsommer 1921 verzeichnete die Polizei bereits 2037 eingetragene FAUD-Mitglieder und vermutete noch weitere 1000 Sympathisanten der Bewegung. Die soziale Basis der Syndikalisten, die sich vor dem Krieg überwiegend aus Bau- und Metallhandwerkern zusammengesetzt hatte, verlagerte sich nun in die weniger qualifizierten Hafen-, Werft-, Transport- und Metallarbeiterberufe. Aus den Polizeiakten geht hervor, daß es der FAUD (AS), trotz einem vorübergehenden Verbot vom 20. November 1923 bis zum 28 Februar 1924, bis etwa 1925 gelang, die Organisation auf einem vergleichsweise niedrigeren Niveau zu stabilisieren. Demzufolge soll die FAUD (AS) 1926 noch 800 Personen umfaßt haben. An den Börsensitzungen nahmen zu diesem Zeitpunkt allerdings nur noch etwa 50-60 Mitglieder regelmäßig teil.

Die Bremer FAUD (AS ) von 1925 - 1929

Seit Mitte der zwanziger Jahre war auch die örtliche FAUD (AS) einem zunehmenden Erosionsprozeß ausgesetzt. Die Krise im Schiffbau machte sich ab 1924 besonders in der traditionell linksradikalen Hochburg der Bremer Arbeiterbewegung, der Werft „AG Weser“, einschneidend bemerkbar. In Zusammenarbeit mit der politischen Polizei stellte die Werftdirektion sicher, daß sich die politisch unbequemsten Betriebsangehörigen unter den zahlreichen Entlassenen befanden. Mit dem weitgehenden Verlust ihrer sozialen Basis in den Bremer Großbetrieben trennten sich auch wichtige Integrationsfiguren vom organisierten Anarchosyndikalismus. Gegen Ende 1925 verließ der über die Grenzen der Bremer Arbeiterbewegung respektierte Geschäftsführer der FAUD (AS), Franz Martin, die FAUD (AS). Nachdem Rudolf Rocker am 19. August 1925 noch einmal über das Thema „Nationalismus und Proletariat“ referiert hatte, traten die AnarchosyndikalistInnen nun anscheinend fast drei Jahre nicht mehr öffentlich in Erscheinung.

Inzwischen hatte sich ein Generationswechsel in der Zusammensetzung der FAUD (AS) -AktivistInnen vollzogen. Aus der Syndikalistischen-Anarchistischen Jugend (SAJD) waren soviele Jugendliche in die Erwachsenenorganisation hineingewachsen, daß die SAJD offenbar ihren Zusammenhalt verlor. Den als Jugendfunktionären schon etwas angejahrten Bernhard Koch, Gertrud Kaufmann und Hans Friedrichsen gelang erst im Verlauf des Jahres 1927 die Konsolidierung der anarchosyndikalistischen Jugendgruppe. Über eine SAJD - Bezirkskonferenz, die am 18. August 1928 in Verden an der Aller stattfand, berichtet der Zeitzeuge Albert Flachmann, der die Bremer AnarchosyndikalistInnen ab 1925 begleitete: „Ein junger Redner (Paul Albrecht aus Berlin, A.F.) 23 J., sprach hier. Er war Verfasser des Buches „Geschlechtsnot der Jugend“, das ich schon gelesen hatte. Nachmittags zum Baden an die Aller. Jungen und Mädchen ohne Badehose, alle fröhlich und sauber. Keiner fragte, warum Trudel (Gertrud Kaufmann, H.R.) sich nicht auszog und ins Wasser ging.“ Um die Jugendlichen an den Anarchosyndikalismus heranzuführen, übernahm Hans Friedrichsen seit 1924 einen regelmäßigen Jugendweiheunterricht für die SAJD. Der Generationswechsel in der Mitgliederbasis wird auch von Albert Flachmann bestätigt: „In Bremen waren die Syndikalisten und Anarchisten in den nachrevolutionären zwanziger und dreißiger Jahren durchweg von einer jungen Generation vertreten. Bekannte ältere Genossen hatten sich mehr oder weniger zurückgezogen.“ Diese Einschränkung wird in den Polizeiakten bestätigt, denn hin und wieder wurden die anarchistischen Veteranen der Vorkriegszeit noch aktiv. Die Polizei verhaftete am 21.März 1929 den Bauarbeiter Johann Künitz beim verbotenen Verteilen von Flugblättern auf den Fluren des Arbeitsamtes. Der Obmann der Metallarbeiterföderation Erik Andersen (Jg. 1885) zählte zu dieser Zeit, ebenso wie der Hafenarbeiter Adolf Bittner (Jg. 1882), zur mittleren Generation der Bremer FAUD (AS).

Nachdem die politische Polizei der FAUD (AS) einige Jahre weniger Interesse entgegengebracht hatte, galt den AnarchosyndikalistInnen seit 1927 wieder die besondere Aufmerksamkeit der staatlichen Überwachungsorgane. Am 14. Januar 1927 hatte Bernhard Koch dem US-Botschafter E. Reed Leslie eine Note übergeben, worin die Bremer „Arbeitsbörse“ gegen die drohende Todesstrafe der amerikanischen Anarchisten Sacco und Vanzetti protestierte. Nach Aussagen Leslies drohte Koch während der Übergabe mit „Terrorakten“ gegen die im Hafen befindlichen Schiffe der amerikanischen Handelsmarine. Da die politische Polizei ihre Kenntnisse über den Anarchismus immer noch aus dem sogenannten „Anarchistenalbum“ der Kaiserzeit bezog, gingen die Behörden von einem anarchistischen Bedrohungspotential durch die „Propaganda der Tat“ aus. Die Vernehmungen Kochs und des Obmanns der PAB-Nordwest („Provinzialbörse Nordwestdeutschland“) Hermann Große konnten diesen Verdacht zwar nicht bestätigen, die FAUD (AS) wurde jedoch in den kommenden zwei Jahren verstärkt observiert. Im Zuge dieser Ermittlungen gelang der politischen Polizei offenbar die Einschleusung eines Informanten. So wird beispielsweise detailliert über eine interne Veranstaltung vom 29. Februar 1929 in der „Arbeitsbörse“ berichtet, auf der die 43 anwesenden Personen mit Helmut Rüdiger über das Thema „Kultur und Revolution“ diskutierten. Der Polizeibericht erwähnt die Klagen gegenüber Rüdiger, daß durchschnittlich nur noch 15 - 20 Personen an den Gruppentreffen teilnähmen. Zu diesem Zeitpunkt gehörten der Hafen- und der Metallarbeiterföderation sowie der Vereinigung aller Berufe noch ca. 100 Mitglieder an. Neben der Behinderung durch die Polizeibehörden verliefen die öffentlichen Aktivitäten der FAUD (AS) auch hinsichtlich ihrer politischen Gegner nicht ohne Zwischenfälle. So wird z.B. wiederholt von Übergriffen durch die KPD berichtet. Auf der großen Bremer Antikriegsdemonstration am 5. August 1929 wurden dem Anarchosyndikalisten Josef Edlinger von KPD - Ordnern Flugblätter entrissen und anschließend unbrauchbar gemacht.

Die Verbindungen zum organisierten Anarchismus

Für die zweite Hälfte der 20er - Jahre fällt auf, daß die anarchosyndikalistische FAUD (AS) in Bremen weitaus weniger in Erscheinung trat, als die ansonsten quantitativ unbedeutendere „Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD). Die örtliche Ortsgruppe der FKAD wurde vermutlich weitgehend in Personalunion mit der FAUD (AS) geführt. Als deren maßgebliche Aktivisten organisierten Bernhard Koch und Johann Künitz die öffentlichen Veranstaltungen der FKAD. Von der Berliner Geschäftskommision der FKAD sprach Berthold Cahn am 17. Mai 1928 auf einer kombinierten Mitgliederversammlung in der Bremer FAUD (AS)- Ortsbörse. Schon drei Monate später, am 29. Juli 1928, kam Cahn erneut nach Bremen und hielt in Blumenthal vor 20 ZuhörerInnen eine antimilitaristische Rede. Als die anarchistischen Mitglieder in der FAUD (AS) den österreichischen Anarchisten und Kopf des „Bundes herrschaftsloser Sozialisten-Anarchisten“, Rudolf Großmann (Pseudonym Pierre Ramus, 1882 - 1942 ), nach Bremen einluden, handelten sie damit nicht im Einverständnis mit der Berliner Geschäftskommission der FAUD (AS), zumal der inzwischen gerichtsnotorische Großmann mit dem maßgeblichen Protagonisten der FAUD (AS), Rudolf Rocker, wegen der Londoner Exilbibliothek des „Deutschen kommunistischen Arbeiterbildungsvereine“ in Streit lag. Als Rudolf Großmann am 13. Mai 1930 auf dem Bremer „Museum Domshof“ über „Religion und Kultur“ sprach, verlief die Veranstaltung noch ohne Zwischenfälle. Zwei Tage später kam es jedoch an der gleichen Stelle zu Auseinandersetzungen, da sich etwa 40 - 50 Mitglieder der KPD unter die 300 - 400 ZuhörerInnen gemischt hatten. Besonders häufig hielt sich in den späten 20er Jahren Erich Mühsam in der Hansestadt auf. Den Vertrieb der anarchistischen Monatsschrift „Fanal“, die Mühsam von 1926 bis 1931 herausgab, übernahm für den Bezirk „Wasserkante“ der Hafenarbeiter Max Hilse.

Die kulturellen Aktivitäten der FAUD (AS )

Der Kaufmann Willi Brandt, der bis zu seiner Übersiedlung im Jahr 1925 der FAUD (AS) in Duisburg angehört hatte, übernahm zu Beginn des Jahres 1931 die Geschäfte des regionalen „Reichsverbandes für Geburtenregelung und Sexualhygiene (Gau Weser-Ems)“. Im Jahr 1932 gehörten diesem sexualreformerischen Verband in Bremen 267 Mitglieder an, zu denen noch 42 in Bremen-Vegesack und weitere 152 im angrenzenden Delmenhorst hinzukamen. Als der damals bekannte Sexualwissenschaftler Max Hodann am 19. Februar 1932 in Bremen referierte, strömten mehrere hundert Menschen an den Veranstaltungsort. Im Hafenarbeiterviertel Walle betrieb Brandt eine Beratungsstelle des „Reichsverbandes“, in der preisgünstige Verhütungsmittel erworben und alles über deren Anwendung erfahren werden konnte. Für den „Reichsverband“, der von dem Nürnberger Anarchosyndikalisten Franz Gampe geleitet wurde, veröffentlichte er 1931 die Aufklärungsschrift „Wie lange noch Mutterschaft oder Zuchthaus?“. Brandt publizierte, ebenso wie seine Genossen Koch, Schroers und Hilse im „Syndikalist“. Als Obmann der örtlichen „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“ organisierte er u.a. im Frbruar 1932 eine Kulturveranstaltung mit Emma Goldmann. Um die Verbreitung freiheitlich - sozialistischer Literatur zu fördern, war in der örtlichen Arbeitsbörse (die in einem Bremer Arbeiterlokal ansäßig war) außerdem eine kleine Bibliothek eingerichtet worden; über deren Bestand wird berichtet, er sei „sehr umfangreich und vielseitig“ gewesen: „Natürlich waren da vor allem die Theoretiker ihrer Bewegung vertreten, Kropotkin, Tolstoi, Max Nettlau, Mackay und zahlreiche andere. Daneben aber auch viele sonstige Schriftsteller, die nur irgendwie für die soziale und kulturelle Bewegung von Bedeutung waren.“ In der Gildenzeitschrift „Besinnung und Aufbruch“ fanden sich des öfteren Karikaturen des Delmenhorster FAUD - Mitglieds Wilhelm Schroers. Schroers (Jg. 1900) hielt den engen Kontakt der kleineren Delmenhorster Ortsgruppe mit den Bremer GenossInnen aufrecht. Besondere Aktivitäten entfaltete er in der Freidenkerbewegung, in deren Presse er gelegentlich zu finden war. Die Freidenkerorganisationen waren in Norddeutschland insgesamt nur relativ schwach vertreten. Über die lokale Zusammensetzung der Ortsgruppe der „Gemeinschaft proletarischer Freidenker“, die landesweit eng mit der FAUD (AS) kooperierte, ist nichts genaueres bekannt, da sie die politische Polizei anscheinend für verhältnismäßig unbedeutend hielt. Von den Bremer Anarchosyndikalisten engagierten sich u.a. Max Hilse und Bernhard Koch in der GpF. Eine größere Anzahl von AnarchosyndikalistInnen beteiligte sich außerdem am linksradikalen „Arbeiter - Gesang Verein Bremen“, dem seit der Niederschlagung der Bremer Räterepublik keine Mitglieder der SPD mehr angehören durften, da die damals regierenden Mehrheitssozialdemokraten die Freikorps herbeigeordert hatten. Mit dem Dirigenten des Chors, Hermann Böse (1870 - 1943), verband Erich Mühsam eine enge Freundschaft. Böse gilt bis heute als Widerstandskämpfer der KPD (eine wichtige Straße und ein Gymnasium sind nach ihm benannt ), obgleich er in den Gestapoakten bis 1933 der FAUD (AS) zugerechnet wird.

Die regionale anarchosyndikalistische Presse

Von der Bremer FAUD (AS) wurden nicht zuletzt die mangelnden Publikationsmöglichkeiten für die fehlende Resonanz der öffentlichen Informationsveranstaltungen verantwortlich gemacht. Abgesehen von einigen polemisierenden Artikeln über die libertäre Bewegung sahen sich die AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen seit 1922 von der ortsansässigen Parteipresse fast ausnahmslos boykottiert. Auf der Herbstkonferenz der Provinzialarbeiterbörse Nordwest konnte die Bremer Gruppe am 16. Oktober 1927 schließlich die Herausgabe eines Mitteilungsblattes für Norddeutschland durchsetzen. Das Zeitungsprojekt wurde unter dem Titel „Der Sprecher, Bulletin für die Provinzial - Arbeiter - Börse „Nordwest“ der Freien Arbeiter - Union Deutschlands (Anarcho - Syndikalisten)“ im Verlauf des Jahres 1928 realisiert. „Der Sprecher“ erschien fortan monatlich als Mitteilungsblatt der PAB Nordwest vom 1. Jg. (1928) bis zum 3. Jg. (1930). Die Herausgabe des Blattes war mehr oder weniger an die Person Max Hilses gebunden, was schon daraus ersichtlich wird, daß der Erscheinungsort mit seinem Wohnsitz wechselte. Von Mai 1929 bis Mai 1930 wurde die vierseitige Zeitung in Bremen herausgebracht. Auf der Frühjahrskonferenz der PAB - Nordwest kam es zu dem Beschluß, mit dem Wechsel der neugewählten PAB - Geschäftsleitung nach Neumünster auch die Redaktion des Mitteilungsblattes nach dort zu verlegen. Vorsitzender der Geschäftsleitung der PAB - und sehr wahrscheinlich neuer verantwortlicher Herausgeber - wurde nun der FAUD - Funktionär Wilhelm Sach (geb. 7.4. 1883). Es wurde vereinbart, die Zeitung nur noch solange weitererscheinen zu lassen, bis das interne Funktionärsblatt „Debatte“ regelmäßig aufgelegt werden konnte. Dem Redaktionswechsel des „Sprecher“ lag sehr wahrscheinlich nicht nur der Wunsch nach einer gleichmäßig Aufgabenverteilung zugrunde, sondern er kann vielmehr auf die inzwischen lückenlose Observierung der Bremer FAUD (AS) zurückgeführt werden. Die Polizei war inzwischen in den Besitz eines vollständigen Jahrgangs gekommen, da Max Hilse unter Strafandrohung ein Belegexemplar auf der Polizeiwache abzuliefern hatte. Aufgrund der abgedruckten Informationen wurden also die Ermittlungen der Polizei nicht unwesentlich erleichtert. Die Verlagerung des Erscheinungsortes überdauerte das Blatt nur über einen kurzen Zeitraum, denn von der Herbstkonferenz der PAB, die vom 18. u. 19. Oktober 1930 in Hamburg stattfand, wird berichtet: „Das Erscheinen des Mitteilungsblattes ‘Der Specher’ mußte aus Mangel an geeigneter Mitarbeit (es wurde nichts eingesandt über wichtige Vorkommnisse im Bezirk und nichts über Ortsgruppenveranstaltungen) und auch aus finanziellen Gründen eingestellt werden.“

Während seines Bestehens wurde „Der Sprecher“ in Hannover von dem gelernten Drucker Hans Fricke, ( geb. 12.11.1885 ) in einer Auflage von 500 Exemplaren gedruckt. Max Hilse gab über dessen Inhalt zu Protokoll, es würden nur „rein organisatorische Fragen behandelt“ und außerdem sei das Blatt nur „Mitgliedern zugänglich“. Diese Aussage entsprach allerdings nicht ganz den Tatsachen, denn die Zeitung zielte durchaus auch auf eine propagandistische Außenwirkung ab. Im Herbst 1929 kursierte „Der Sprecher“ z.B. in eine Antikriegsausgabe von 3000 Exemplaren, die auch am 27. September 1929, auf einer Veranstaltung mit Erich Mühsam zum Thema „Kunst und Proletariat“, Verwendung fanden. Nach dem Scheitern des PAB - Zeitungsprojekts versuchte Max Hilse mit einer Betriebszeitung die Agitation unter den Tagelöhnern des Bremer Hafenbetriebsvereins zu unterstützen. Dieses selbstproduzierte Blatt erschien monatlich als „De Macker“, b.z.w. ab Nr. 2. als „Use Macker“. Organ der in der Freien Arbeiter Union den Arbeiterbörse Bremen organisierten Hafenarbeiter“. Als Herausgeber fungierte die Arbeitsbörse der Bremer FAUD (AS) (verantwortlich für Druck und Inhalt zeichnete wieder Max Hilse). Die erste Ausgabe erschien im Oktober 1931 und war zunächst nur einseitig hektographiert. Das Blatt hatte einen Umfang von 6 Seiten, in denen zum Teil im Idiom über Hafeninternes, wie z.B. die Auseinandersetzung mit der KPD und den Zentralgewerkschaftlern, Streiks u.s.w. berichtet wurde. Unter anderem wird eine Diffamierungskampagne gegen Hilse durch die Kommunisten wegen angeblicher Bestechlichkeit erwähnt. Die zweite Ausgabe war bereits zweiseitig beschriftet und besaß nun 8 Seiten. Die Ausgabe Nr. 3 vom 21.12.1931 zum Hafenarbeiterstreik wurde der Polizei aktenkundig, ist aber bis Anfang 1932 von Hilse nicht mehr abgeliefert worden. Angesichts der hohen Motivation der Bremer Anarchosyndikalisten, die zum Teil bis in die 60er - Jahre aktiv blieben, ist zu vermuten, daß „Use Macker“ bis 1933 weitererschien. In einem Verhör, das im KZ Kuhlen (bei Neumünster) mit dem Plöner FAUD - Funktionär Heinrich Röhling stattfand, wird „Use Macker“ noch 1937 protokolliert.

Gewerkschaftliche Aktivitäten bis 1933

Zumindest die Betriebsarbeit der Bremer FAUD (AS) - Hafenarbeiterföderation kann in den 30er - Jahren noch als verhältnismäßig erfolgreich bezeichnet werden. Diese Aussage muß zwar angesichts einer Zahl von 42 FAUD - Hafenarbeitern innerhalb einer Gesamtbelegschaft von ca. 3500 Beschäftigten relativiert werden; im Vergleich zu der kommunistischen RGO - Betriebszelle des Hafenbetriebsvereins, die am 1.12.1931 lediglich aus 30 Mitgliedern bestand, konnte sich die Hafenarbeiterföderation dagegen durchaus behaupten. Während des Hafenarbeiterstreiks im Winter 1931/32 versuchte die FAUD (AS) in eigenen Streikversammlungen die Unorganisierten zu mobilisieren. Auf den großen Veranstaltungen des gewerkschaftlichen „Gesamtverbandes“ konnten sich die anarchosyndikalistischen Redner Bernhard Koch, Robert Saevecke und Max Hilse jedoch kaum durchsetzen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verhaftete die Gestapo Max Hilse. Nachdem er vom 19.4.1933 - 1.6.1933 in „politischer Schutzhaft“ eingesessen hatte, verzeichnete die Gestapo keine Aktivitäten der AnarchosyndikalistInnen mehr. Die Kerngruppe der ehemaligen FAUD (AS) traf sich dennoch bis in die Kriegszeit in privaten Wohnungen und an öffentlich zugänglichen Orten, ohne daß es allerdings zu nennenswerten Widerstandsaktivitäten gekommen wäre. Der von der Gestapo in einen Zusammenhang mit der FAUD (AS) gebrachte evangelische Pfarrer Heinrich Schultheiß (Jg. 1886) trat nach der Machtübernahme zu den nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ über. Von dem bei ihm wohnenden Sepp Edlinger verlangte er den Eintritt in eine der NS-Organisationen. Edlinger entschied sich zunächst für die unverfängliche „NS - Wohlfahrt“, entzog sich jedoch einer dauernden Mitgliedschaft durch seine Rückkehr nach Österreich. Das Archiv der PAB - Nordwest, b.z.w. die Unterlagen und die Bibliothek der Arbeitsbörse wurden nach dem 30. Januar 1933 von den Bremer Anarchosyndikalisten Hans Friedrichsen und Bernhard Koch mit einem Leiterwagen zu ihren Gartenlauben verfrachtet und dort vergraben. Der umfangreiche Bücher- und Broschürenbestand von Bernhard Koch wurde dabei der Witterung ausgesetzt und bis auf einen Teil, der sich als Nachlaß im Bremer Staatsarchiv befindet, vernichtet. Ein Restbestand der ehemaligen Bibliothek der Bremer FAUD - Arbeitsbörse wurde außerdem Albert Flachmann übergeben.

Zur Bedeutung der libertären Bewegung in Bremen

Gegen Ende der Weimarer Republik war aus der anarchosyndikalistischen Massenbewegung der Jahre 1920 - 1923 eine der mehreren politischen Splittergruppierungen der Stadt geworden. Die FAUD (AS) konnte sich jedoch im Vergleich zur rätekommunistischen „Allgemeinen Arbeiter Union“ und der „Kommunistischen Arbeiter Partei“, deren 10 - 12 köpfige Restgruppe sich 1925/26 auflösen mußte, organisatorisch bis 1933 konsolidieren. Im Gegensatz zur Gegenwart kann davon ausgegangen werden, daß in weiten Teilen der Bremer ArbeiterInnenschaft der Begriff „Anarchosyndikalismus“ und die dazugehörige Organisation durchaus bekannt war. In der Öffentlichkeit blieben die AnarchosyndikalistInnen bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten präsent. Von großer Bedeutung erwiesen sich hierbei die öffentlichen Kultur- und Informationsveranstaltungen, die von den „Prominenten“ der libertären Bewegung in Bremen abgehalten wurden. Über die Vorträge Mühsams und Rockers brachte die ortsansässige Presse in der Regel positive Artikel. Den Polizeiberichten zufolge stimmten die Ausführungen Rudolf Rockers gelegentlich sogar Polizeispitzel nachdenklich. Als gewerkschaftsoppositionelle Kleinorganisation behielt die FAUD (AS) eine betriebliche Basis unter den Bremer Hafenarbeitern. Das personelle Engagement der örtlichen FAUD (AS)- Gruppe kann für die 30er - Jahre auf einen etwa 15 - 20-köpfigen AktivistInnenkreis eingegrenzt werden, der sich zu einem überwiegenden Teil in der Nachkriegszeit wieder in der „Föderation freiheitlicher Sozialisten“ zusammenfand.

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu


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