Ideen- und Organisationsgeschichte der syndikalistischen Bewegung in Deutschland (1919 - 1930)

Einführung

Wenn wir über den antifaschistischen Widerstand der außerparlamentarischen Strömungen in der Arbeiterbewegung berichten, so scheint es uns notwendig, zunächst die Organisations- und Ideengeschichte dieser Bewegung zu beschreiben.

Dem Leser wird es dadurch leichter, sich ein Urteil zu bilden über Umfang und Bedeutung der linksradikalen Kräfte innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung. Die Geschichte der Linken ist aber auch unter dem Gesichtspunkt des antifaschistischen Widerstandes von Bedeutung:

Es ist festzustellen, daß die deutsche Linke, die nach dem 1. Weltkrieg nahezu geeint gegen die Restauration kämpfte, im Laufe der Zeit einen zunehmenden organisatorischen Zersplitterungsprozeß durchmachte. Dieser führte soweit, daß die Zeitungen der verschiedenen Organisationen mehr damit beschäftigt waren, "Reaktionäre im linken Lager zu entlarven", als sich mit den tatsächlichen Reaktionären auseinanderzusetzen.

Nachdem sie fast ein Jahrzehnt "kübelweise Dreck übereinander ausgeschüttet hatten" (Erich Mühsam), war der Graben insbesondere zwischen den Antiautoritären und den Parteikommunisten zu tief, als daß es zu einer wirksamen Widerstandsfront gegen den Faschismus kommen konnte.

Anarcho-Syndikalisten und Rätekommunisten

Die außerparlamentarische Arbeiterbewegung der Weimarer Republik wurde von zwei Hauptströmungen getragen: Die ältere, anarchistische und syndikalistische Tradition findet ihre historischen Wurzeln in der Opposition der "Lokalisten" gegen die zentralisierten Gewerkschaften zu Ende des 19. Jahrhunderts. Beeinflußt von den Ideen des revolutionären Syndikalismus in Frankreich, sowie den anarchistischen Theorien der "Unabhängigen Sozialisten" entwickelte sich in Deutschland eine revolutionäre syndikalistische Strömung. Diese fand schon vor dem 1. Weltkrieg ihre organisatorische Verfestigung in der "Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften". Sie bereitete ideologisch und organisatorisch den Boden für die 1919 gegründete anarcho-syndikalistische Massenorganisation "Freie Arbeiter Union Deutschlands" (FAUD).

Eine weitere linksradikale Strömung entwickelte sich aus der Opposition gegen die kaisertreue Politik der Sozialdemokraten während des 1. Weltkrieges. Auf eine Massenbasis stieß diese Strömung, als nach dem totalen Zusammenbruch des Kaiserreiches die revolutionäre Situation zu einer politischen Radikalisierung großer Teile der Arbeiterschaft führte. Hieraus formierte sich die linkskommunistische Arbeiterrätebewegung in Deutschland. Obgleich diese von den Propagandisten der KPD häufig als "syndikalistisch" bezeichnet wurde, u.a. wegen ihrer antiparlamentarischen Haltung und ihrer Vorstellimg von einem föderalistischen Organisationsaufbau (Räte), ist diese Strömung ideologisch von der anarcho-syndikalistischen Tradition klar unterscheidbar. Auch organisatorisch fand sie eine eigene spezifische Ausformung: Auf politischer Ebene bildete sich die "Kommunistische Arbeiter Partei Deutschlands (KAPD)", auf ökonomischer Ebene die revolutionäre Betriebskampforganisationen der "Allgemeinen Arbeiter Union (AAU)".

Wenn auch die Anarcho-Syndikalisten und die Rätekommunisten in ihrer Haltung gegenüber der reformistischen Politik der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie ähnliche Alternativvorstellungen entwickelten, konnte es nicht zu einer Synthese des anarcho-syndikalistischen und rätekommunistischen Ideeguts kommen. Der noch aus der 1. Internationalen stammende Widerspruch zwischen Marxismus und Anarchismus machte zu dieser Zeit noch jegliche Annäherung unmöglich.

So kam es dazu, daß in den blutigen Aufständen nach dem 1. Weltkrieg zwar syndikalistisch und kommunistisch organisierte Arbeiter Seite an Seite kämpften, ihre Wortführer jedoch tunlichst darauf bedacht waren, ”wo immer es möglich war, jeweils die eigene Organisation von den ideologischen Einflüssen der anderen abzugrenzen: Die häufig vorkommenden Doppelmitgliedschaften (zahlreiche Arbeiter waren z.B. in der FAUD und in der KPD organisiert) wurden in den jeweiligen Organisationen immer weniger akzeptiert.

Schon kurz nach dem Abflauen der Kämpfe standen sich daher in der revolutionären Arbeiterbewegung drei Fraktionen mehr oder minder feindlich gegenüber: die (bolschewistische) KPD, sowie auf der linksradikalen Seite die Rätekommunisten und die Anarchosyndikalisten.

Die syndikalistische Bewegung in Deutschland wurde von zwei entscheidenden Geschehnissen geprägt, zwischen denen auch der Höhepunkt dieser Bewegung lag: die Novemberrevolution 1918 und der Kapp-Putsch 1920.

Vorläufer und Entwicklung des deutschen Syndikalismus

In den revolutionären Ereignissen zu Ende des 1. Weltkriegs gab es in Deutschland noch keine ausgeprägte syndikalistische Theorie. Die Ablösung linksrevolutionärer Kräfte von SPD und Zentralgewerkschaften hatte jedoch schon vor der Jahrhundertwende eingesetzt.

Ab Herbst 1901 existierte die "Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften" (entstanden aus antiautoritärer Opposition gegen die zentralistischen Gewerkschaftsströmungen). Sie entwickelte sich unter langsamer Aufnahme sozialrevolutionären Gedankengutes zu einer radikal-revolutionären Gewerkschaft.

Der Begriff "Syndikalismus" kam zuerst in Frankreich auf, wo gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch starken anarchistischen Einfluß in der Arbeiterbewegung staatsablehnende und linksradikale Gewerkschaftsgruppen entstanden. Einen ähnlichen Prozeß - jedoch langsamer und nicht mit der Breitenwirkung - durchlief die "Freie Vereinigung" in Deutschland. Erst in Folge der Novemberrevolution 1918 erhielt sie einen derartigen Mitgliederzuwachs, daß die "Freie Vereinigung" 1919 zu den bestimmenden Kräften in der deutschen Arbeiterbewegung zählte.

Die theoretische Entwicklung der "Freien Vereinigung" hin zum Anarcho-Syndikalismus war auf dem 12. Reichskongreß abgeschlossen. Auf diesem Kongreß (27.-30.12.1919) in Berlin benannte sich die "Freie Vereinigung" um in "Freie Arbeiter- Union Deutschlands (Syndikalisten)" (später Anarcho-Syndikalisten) / FAUD(S) bzw. FAUD(AS) und nahm eine von Rudolf Rocker erarbeitete und vorgetragene Prinzipienerklärung an, die der FAUD eine eindeutig anarchosyndikalistische Ausrichtung (1) gab.

Gedankengut und Organisationsaufbau

Einige der wichtigsten Aussagen der rockerschen Erklärung aus dem Jahre 1919 sollen im folgenden kurz angerissen werden. Sie bilden gleichzeitig den Rahmen des anarchosyndikalistischen Ideenguts: Die syndikalistischen Gewerkschaften sind, so Rocker, als wirtschaftliche Kampforganisationen gegen Kapitalismus und Staat anzusehen; wohingegen Parteien (auch die kommunistische ) von den Syndikalisten als sozial-revolutionäre Organisationen abgelehnt werden, da sie aufgrund ihres hierarchisch-zentralistischen Aufbaus nur diesem entsprechend autoritäre Formen der Aktion hervorbringen konnten. Der sozialen Emanzipation des Volkes bleibt hier kein Raum mehr.

Ebenso wird der Parlamentarismus u.a. wegen seines zur Passivität des Volkes hindrängenden Stellvertreterprinzips verworfen. Als ihre Leitmotive propagierten und praktizierten die Syndikalisten demgegenüber die direkte Aktion der Betroffenen. Genannt wurden im betrieblichen Bereich zur Durchsetzung tagespolitischer Forderungen: Sabotage, Boykott und Streik.

Um das in Deutschland stark verwurzelte nationalistische und militaristische Denken abzubauen, betonten die Syndikalisten immer wieder den internationalen Charakter der Arbeiterbewegung. Als politisches Endziel sahen die Anarcho—Syndikalisten die Schaffung einer staatslosen, herrschaftsfreien Gesellschaft, die auf der Basis von Selbstverwaltung und Solidarität funktionieren sollte. Gemäß der anarchistischen Überzeugung, daß der Kampf in seinem Charakter dem Ziel nicht widersprechen kann und darf, versuchten die Syndikalisten in ihrer Organisierung den Geist der zu erkämpfenden Gesellschaft vorwegzunehmen: Selbständigkeit der Basisgruppen, Auseinandersetzung mit autoritären Tendenzen aller Art sowie Selbstverantwortung und Selbstbildung. Aber bei diesem allgemeinen Anspruch blieb es nicht: Die Syndikalisten schufen sich in ihrem Organisationsaufbau Ebenen, von denen aus die endgültige Übernahme der Gesellschaft durch Produzenten (Arbeiter) und Konsumenten (Verbraucher) ermöglicht werden sollte.

Zur revolutionären Veränderung der Gesellschaft propagierten die Anarchosyndikalisten den allumfassenden Generalstreik, der einerseits die bewußte Unzufriedenheit und Verweigerung der Massen gegenüber dem kapitalistischen System ausdrücke, andererseits aber auch die Voraussetzung zur Übernahme der gesellschaftlichen Produktionsstätten und ihrer Nutzung durch die Arbeiter beinhalte.

Dabei verwarfen die Syndikalisten die marxistische Analyse eines zwangsläufigen Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems. Sie sahen hingegen als Vorbedingung die Verankerung eines revolutionären Bewußtseins bei den Massen des Volkes, d.h. nicht die "objektive revolutionäre Situation" genügt, sondern eine große Mehrheit muß die Revolution gewollt und erkämpft haben sowie bereit sein, sie zu nutzen.

Die FAUD - als anarchosyndikalistische Organisation - versuchte, den Organisationsaufbau gemäß dieser Ideen zu vollziehen. Daher gliederte sich die FAUD als Gewerkschaft von unten nach oben, dies sowohl a) gebietsmäßig als auch b) branchenmäßig:

a) Die FAUD-Mitglieder der gleichen Branche in einer Stadt bildeten (als Basiseinheit) einen "Ortsverein". Dieser schloß sich mit den Ortsvereinen anderer Industriezweige in dieser Stadt zu einer "Ortsarbeiterbörse" zusammen. Überregional bildeten die Ortsarbeiterbörsen wiederum Kreis-, Landes- und Provinzialarbeiterbörsen. 1932 existierten beispielsweise sieben funktionierende Provinzialarbeiterbörsen, die jeweils eine große Anzahl lokaler und regionaler Börsen umfaßten.

Die örtlichen Arbeiterbörsen wurden von den Anarchosyndikalisten als das "Herz der sozialen Bewegung" verstanden: Dort wurde die allgemeine Agitation und Propaganda in anarchistischem und syndikalistischem Sinne geplant und koordiniert, industrieorientierte Aktionen solidarisch unterstützt sowie Bildung und Schulung konkretisiert.

b) Branchenmäßig wurden "Industrieföderationen" aufgebaut, in denen sich die Arbeiter eines Industriezweiges durch die Zusammenfassung der Ortsvereine organisierten. Die FAUD plante den Aufbau von insgesamt 12 Industrieföderationen, von denen jedoch nur 5 verwirklicht wurden (und die die Schwerpunkte des FAUD-Einflusses belegen): die Bergarbeiter-Föderation, die Föderation der Bauarbeiter, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter und die Föderation der Textil- und Verkehrsarbeiter. Diese Industrieföderationen gaben teilweise eigene Zeitungen heraus.

Auf internationaler Ebene organisierte sich die FAUD in der 1922 gegründeten Vereinigung aller revolutionären syndikalistischen Gewerkschaften, der "Internationalen Arbeiter-Association" (IAA).

Das Schwergewicht der Organisation lag auf den lokalen Ortsvereinen und Arbeiterbörsen, während die überörtlichen Zusammenschlüsse (Industrieföderationen und Landes- bzw. Provinzialarbeiterbörsen) vor allem informelle und koordinierende Bedeutung hatten. Alle 2 - 3 Jahre fanden Reichskongresse der FAUD statt, auf denen verbindliche Beschlüsse nur für die FAUD als Gesamtorganisation gefaßt werden konnten.

Die Geschäftskommission in Berlin

Den nationalen Zusammenschluß der FAUD repräsentierte eine Geschäftskomission, die bis 1933 ihren Sitz in Berlin hatte. Diese Geschäftskomission wurde jeweils von den FAUD-Kongressen gewählt, hatte aber gegenüber den FAUD-Gruppen auf den verschiedenen Ebenen keine Weisungsbefugnis.

Und doch versuchte die Geschäftskomission, die das FAUD-Organ "Der Syndikalist" herausgab, auf ideologischer Ebene Einfluß zu nehmen und eine bestimmte Vorgehensweise und Meinungsbildung zu propagieren. Diese Politik hatte ihre Ursachen in realen Schwierigkeiten der FAUD: Es gelang ihr nie, sowohl die anarchosyndikalistischen Ideen (Rockers Prinzipienerklärung) als auch ihre theoretisch entwickelten Organisationsstrukturen (die aus der alten berufsständischen Organisierung der Lokalisten stammten) vollständig zu erfassen und in die Praxis umzusetzen.

Es hat in der FAUD zwischen 1918 mid 1933 verschiedene Diskussionen gegeben, in denen sich die revolutionären Arbeiter vor allem mit der Gewaltfrage und der Räteidee auseinandersetzten. Die Geschäftskomission bezog in diesen Diskussionen oft Stellung und stieß nicht selten auf andere Meinungen innerhalb der Organisation. Besonders versuchte der Kreis um die Geschäftskomission (Rudolf Rocker, Augustin Souchy, Fritz Kater, Helmut Rüdiger und Fritz Linow, um nur die bekanntesten zu nennen) die Mitglieder der FAUD mit den theoretischen Positionen des Anarchosyndikalismus vertraut zu machen. Dies war insofern notwendig, da eine Reihe von Mitgliedern die FAUD nur als reine (zwar radikale) Gewerkschaft ansah und nicht als eine revolutionäre Kampforganisation. Dies spielte auch eine Rolle bei den Übertritten ehemaliger Mitglieder der KPD zur FAUD.

Die Politik der Berliner Geschäftskomission war von Anfang an nicht unumstritten und führte immerwährend zu theoretischen Auseinandersetzungen, die auch praktische Auswirkungen hatten. Die erste Entwicklung, mit der sich die Geschäftskomission konfrontiert sah, war das Anschwellen der Organisation - vor allem durch marxistisch geprägte Arbeiter - die von der damaligen KPD-Gewerkschaftspolitik (Stärkung der Zentralgewerkschaften) enttäuscht waren. So entstand schon 1920 eine etwas kuriose Situation: während eine große Anzahl der neuen FAUD-Mitglieder gleichzeitig KPD-Mitglieder waren, begann die Geschäftskomission einen Feldzug gegen die "staatskommunistischen Parteifunktionäre" und grenzte sich scharf von der autoritären KPD ab.

Die Situation hatte sich geändert: Die KPD entpuppte sich nach Meinung der Geschäftskomission immer mehr als autoritäre staatsbejahende Organisation, die sogar in den eigenen Reihen mit starker Opposition zu tun hatte. Die Revolution in Rußland wurde von den Syndikalisten nach anfänglich begeisterter Zustimmung enttäuscht als Wegbereiterin eines staatskommunistischen Unterdrückungssystems erkannt.

Innerhalb der FAUD bildeten sich gegenüber der Geschäftskomission zwei eigenständige Richtungen heraus. Bevor diese Opposition sich aber formieren konnte, hatte die FAUD ihre Bedeutung als antiautoritäre Massenbewegung innerhalb weniger Wochen verloren - durch einen Schlag, von dem sie sich nie mehr erholen sollte. Was war geschehen?

Die Rote-Ruhrarmee. Höhepunkt und Niedergang der syndikalistischen Bewegung

Am 13. März 1920 putschten Reaktionäre, unterstützt von Freikorps und Teilen der Reichswehr unter der Führung von Kapp und Lüttwitz in Berlin und vertrieben die sozialdemokratische Regierung. 2 Tage später setzte der von den reformistischen Gewerkschaften propagierte Generalstreik gegen diesen sogenannten "Kapp-Putsch" ein und zwang die Kapp-Regierung am 17. März zum Rücktritt.

Im Ruhrgebiet aber, das eine der syndikalistischen Hochburgen im damaligen Deutschen Reich war (neben Berlin, Thüringen, Sachsen, Schlesien und süddeutschen Industriegebieten), bewaffneten sich die radikalen Arbeiter und bildeten die berühmt gewordene "Rote Ruhrarmee", in der zeitweilig 100.000 Leute kämpften. Bis zum 18. März 1920 gelang es diesen Arbeitertruppen überraschend, die Verbände der Reichswehr aus dem gesamten Ruhrgebiet herauszudrängen.

Der ursprüngliche Haß auf die teilweise mit dem Kapp-Putsch sympathisierende Reichswehr, die zwischen 1919 und 1920 oftmals Arbeiteraufstände im Ruhrgebiet blutig niedergeworfen hatte, verwandelte sich nach diesem militärischen Erfolg in einen Auslöser zur Sozialen Revolution. Fast die Hälfte der in der "Roten-Ruhrarmee" kämpfenden Arbeiter waren Mitglieder der FAUD.

Als am 22. März 1920 von den beiden sozialdemokratischen Parteien SPD und USPD und den Gewerkschaften der Generalstreik für beendet erklärt wurde, dachten große Teile der "Roten Ruhrarmee" nicht daran, ihre Waffen abzugeben. Auch das zum 30. März von der Regierung gestellte Ultimatum wurde mißachtet. Schließlich marschierten Reichswehreinheiten in das von der "Roten Ruhrarmee" gehaltene Gebiet ein. Erst am 6. April gelang es ihnen, den Massenaufstand endgültig zu zerschlagen.

In den Ereignissen dieser 2 Wochen konzentrierte sich zugleich die bedeutendste Aktion und die größte Niederlage der deutschen anarchosyndikalistischen Bewegung: Der Aufstand der "Roten Ruhrarmee" hatte bei den Syndikalisten die Hoffnung geweckt, nach dem Abwehren des reaktionären Kapp-Putsches den gelungenen Generalstreik und die erfolgreiche militärische Operation im Ruhrgebiet zu einer allgemeinen sozialistischen Revolution im gesamten Deutschen Reich auszudehnen. Es schien den Syndikalisten und Unionisten sowie Teilen der KPD und KAPD in einer gemeinsamen Aktion (eben der "Roten Ruhrarmee") die Erreichung der Räterevolution zum Greifen nahe.

Das Scheitern dieses - vor allem syndikalistischen - Ziels war durch verschiedene Umstände bedingt: Zum einen waren die Arbeiter auf solche militärischen Aktionen kaum vorbereitet, zum anderen blieb dieser Aufstand isoliert. In den übrigen Teilen des Reiches kam es zu keinen weiteren Insurrektionen.

Hinzu kam noch das zumeist völlig uneinheitliche vorgehen der verschiedenen lokalen Gruppen, was teilweise auch in den politischen Differenzen untereinander begründet war. Die Berliner Geschäftskomission der FAUD, die sich übrigens entschieden gegen diese Aktion aussprach, sah in der gleichzeitigen Mitgliedschaft vieler Syndikalisten in der KPD und USPD den Hauptgrund für diese Niederlage.

Das Scheitern dieser Massenaktion leitete den quantitativen Niedergang der FAUD ein: Viele der militanten syndikalistischen Ruhrkämpfer mußten fliehen oder fielen den Vergeltungsakten der Reichswehr zum Opfer. Die FAUD hatte 1920/21 mit weit über 100.000 Mitgliedern ihren politischen Höhepunkt erreicht. Ihre weitere Geschichte wurde immer mehr die Geschichte ihrer theoretischen Entwicklung. Die Zahl der Mitglieder sank von 1922 an; 1930 war die Mitgliederzahl auf ca. 20.000 gefallen.

Die Entwicklung nach 1922

Die FAUD-Geschäftskomission hatte in der Folgezeit als erklärtes Ziel die wirksame Vermittlung der anarchosyndikalistischen Ideen und bezog dabei öfters eine starre und dogmatische Halttmg, die innerhalb der Organisation bald Widerspruch hervorrief. Vor allem widersetzte sich die Geschäftskomission im Laufe der Zwanziger Jahre Annäherungstendenzen an die unionistischen Rätekommunisten, die eine ähnliche politische Entwickltmg seit Beginn der Zwanziger Jahre erfuhren und mit denen es ideologisch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gab.

So ist auch nach 1920 eine Richtung in der FAUD entstanden, die sich mehr am Unionismus orientierte; und es ist nicht zufällig, daß diese Richtung (bekannt unter "FAU Gelsenkirchener Richtung") im Ruhrgebiet ihre Heimat und Stärke hatte. Ihre Aktivisten hatten den Anarchosyndikalismus als Theorie nur oberflächlich angenommen und standen bald den linken Parteien USPD und KPD nicht mehr so ablehnend gegenüber. So war das Zusammengehen mit der KPD (die Gelsenkirchener Richtung beteiligte sich 1921 an der Gründung der parteikommunistischen Gewerkschaftsinternationalen / RGI, die von den FAUD-Syndikalisten abgelehnt wurde) für sie kein Widerspruch. Allerdings verlor die Ende 1920 von der FAUD gelöste Gelsenkirchener Union nie den Kontakt zu den Anarchosyndikalisten, da sie Schwierigkeiten mit der KPD-offiziellen Gewerkschaftspolitik hatte. Die KPD befürwortete zu dieser Zeit die aktive Mitarbeit in den reformistischen Gewerkschaften, um dort die revolutionären Kräfte zu stärken, was wiederum zu Auseinandersetzungen mit der Gelsenkirchener Union und letztlich doch zur Auflösung dieser syndikalistisch-unionistischen Richtung führte: 1924 gelang es der KPD, die Reste der ehemals syndikalistischen Absplitterung mit den Zentralgewerkschaften zu vereinigen.

Eine zweite Richtung innerhalb der FAUD, die sich ebenfalls gegen die Vorstellungen der FAUD-Geschäftskomission richtete, jedoch im Gegensatz zur Gelsenkirchener Union sich nie als eigene Gruppe ausserhalb der FAUD organisierte, war die sogenannte "Düsseldorfer Opposition" um die Zeitung "Die Schöpfung" (die von Juli 1921 bis Januar 1924 in Düsseldorf erschien). Diese Opposition war anarchistisch-aktionistisch orientiert und warf der Berliner Geschäftskomission besonders eine dogmatische Haltung und Starrköpfigkeit vor. Die Düsseldorfer führten vor allem gewerkschaftlich-sozialrevolutionäre Aktionen durch - im Gegensatz zu der eher auf Propaganda- und Organisationspolitik ausgerichteten Berliner Gruppe.

Die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Polen zogen sich bis ins Jahr 1924 hin, ohne daß es zu einer wirklichen Verständigung gekommen wäre. Die von den Düsseldorfern geförderten Verhandlungen zwischen AAU und FAUD brachten 1921 kein Zusammenschlußergebnis.

Die FAUD beschränkte sich in den späten Zwanziger Jahren auf Propaganda und Organisierung und hatte nenneswerte Erfolge bei jungen Arbeitern. Auch ist es scheinbar besser gelungen, die Verankerung der anarchosyndikalistischen Ideen bei den Mitgliedern vorwärtszubringen, was eine rege publizistische Tätigkeit belegt: 1929 Gründung der "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde"; ab 1924 erschien die "Internationale" als theoretisches Organ der Syndikalistischen Internationale / IAA.

Alles das waren zweifellos Voraussetzungen für einen breiten Kampf in der Illegalität gegen den Nationalsozialismus. Den Faschisten hatten die Anarchosyndikalisten keine erfolgreiche Aktion vor 1933 entgegenzusetzen. Zu einem gemeinsamen Zusammengehen mit den Kommunisten und Sozialdemokraten als letztes Mittel gegen die Hitlerbarbarei ist es nur regional in Ansätzen gekommen, allerdings ohne bedeutsame Kraft.

Fußnote:
1.) Im folgenden werden "anarchosyndikalistisch" und "syndikalistisch" als gleichbedeutend gebraucht, im Gegensatz zum kommunistischen Syndikalismus, dem "Unionismus")

Aus: Theissen / Walter / Wilhelms: Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr. Zwölf Jahre hinter Stacheldraht und Gitter. Originaldokumente. Ems-Kopp-Verlag 1980. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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