Pierre Besnard - Die IAA und die RGI

Es sind jetzt 10 Jahre, seitdem die zweite „Internationale Arbeiter Assoziation“ in Berlin gegründet wurde.

Die Wiederauferstehung der IAA entsprang einem wirklichen und tiefen Bedürfnis: Tatsächlich, wenn die russische Revolution im Anfang alle Hoffnungen des Weltproletariats auf sich vereinigte, so wurde es sehr schnell für alle, die den Marxismus nicht anerkannten, sichtbar, dass die Rote Gewerkschafts–Internationale, die von der Kommunistischen Internationale für deren eigene Zwecke gegründet worden war, in ihrem Schoße die föderalistischen und freiheitlichen Gewerkschaften nicht aufnehmen und halten konnte.

Seit dem ersten Kongress der RGI war es offensichtlich, dass alle gewerkschaftlichen Landesorganisationen, die den Ideen der Bakunisten in der ersten Internationale treu geblieben waren, in der RGI keinen Platz finden konnten. Die Differenzen waren so groß, dass die Delegierten der revolutionären Syndikalisten  auf dem Gründungeskongress der RGI der Resolution Tom Mann–Rosmer nicht zustimmen konnten, durch welche die Beziehungen zwischen den Kommunistischen Parteien und den gewerkschaftlichen Landesorganisationen auf der einen Seite und der Komintern und der RGI auf der anderen Seite geregelt werden sollten. Es war den erwähnten syndikalistischen Organisationen unmöglich, zuzulassen, dass die Landeszentralen der Gewerkschaften mehr oder weniger den nationalen Parteizentralen untergeordnet werden sollten und dass die RGI nur ein Anhängsel der Komintern sein sollte. Daher verließen die Delegierten Moskau, ohne den Anschluss ihrer Organisationen vollzogen zu haben. Noch einmal musste man erkennen, dass es keinerlei Möglichkeiten der revolutionären Zusammenarbeit und des gemeinsamen Tageskampfes zwischen den autoritären und staatsbejahenden Elementes und den Anhängern des antiautoritären und antistaatlichen Föderalismus gab.

So entstand nach 55 Jahren wieder der Kampf zwischen den beiden klassischen Richtungen der Arbeiterbewegung, die schon im Schoße der ersten Internationale zusammengestoßen waren.

Von da ab wurde es augenscheinlich und zugleich notwendig für die föderalistische Richtung – die sich bereits fast vollständig von der reformistischen und in die lächerlichste Klassenharmonie verfallenen Amsterdamer Gewerkschafts–Internationale getrennt hatte – dass sie sich bei Strafe des Untergangs innerhalb einer internationalen Organisation vereinen musste, um erfolgreich allen Angriffen widerstehen zu können. Der revolutionäre Syndikalismus musste so auf dem weiten Felde der Propaganda und der Aktion weiterleben und sich entwickeln, indem er gleichzeitig gegen den Kapitalismus und gegen den autoritären Standpunkt der RGI kämpfte.

Zu diesem Zwecke versammelten sich die Vertreter der europäischen und südamerikanischen Organisationen im Juni 1922 in Berlin. Die RGI, die ebenfalls zu dieser Konferenz eingeladen war, ließ sich am zweiten Konferenztage durch Andrejew vertreten, den Sekretär der russischen Gewerkschaften. Seit dem Erscheinen des RGI-Vertreters, der erklärte, gleichzeitig die Sowjetregierung zu vertreten, wurde es allen Delegierten klar, dass keinerlei Verständigung zwischen der RGI und der Konferenz möglich war. Die Haltung des russischen Delegierten innerhalb der Kommission zur Untersuchung der Verfolgungen und Einkerkerungen der Syndikalisten und Anarchisten in Russland, die Diskussionen, die darauf im Plenum der Konferenz folgten, erlaubten, die ganze Tiefe des Abgrundes zu ermessen, der seit dieser Zeit die beiden Richtungen der revolutionäre Bewegung trennt.

Die Abreise des russischen Delegierten unter einem nichtigen Vorwande stellte einen Bruch dar, der schon als endgültig gelten konnte. Es versteht sich von selbst, dass das Scheitern dieser Einigungs-Konferenz weltweite Rückwirkungen hatte und dass die Opposition sich zwischen dem ersten und dem zweiten Kongress der RGI in den Landesorganisationen überall entwickelte. Für die föderalistische Richtung der revolutionären Gewerkschaftsbewegung, die nicht ihre Autonomie und ihre Unabhängigkeit aufgeben konnte, erwies es sich bald, dass die endgültige Bildung einer rein syndikalistischen Internationale unbedingt nötig war.

Das vorläufige Büro, das die Berliner Konferenz vom Juni 1922 eingesetzt hatte, betrieb die Schaffung einer solchen Internationale eifrig innerhalb des folgenden halben Jahres; und so vereinigten sich die Vertreter aller Gewerkschafts-organisationen Europas und Amerikas – die da wollten, dass die Gewerkschafts-bewegung ihre Unabhängigkeit behalte und weiter gegen den Kapitalismus und Staat kämpfte, wie auch deren Charakter sei – von neuem in Berlin, um endgültig die zweite „Internationale Arbeiter Assoziation“ zu schaffen.

Nachdem der Kongress die absolute Unmöglichkeit einer Einvernehmens zwischen den beiden Richtungen der revolutionären Gewerkschaftsbewegung festgestellt hatte, gab es keinerlei Schwierigkeiten bei der Schaffung der Prinzipienerklärung, die sich auf die Resolution von Saint Imier [> Anhang] stützte und das Wesentliche unserer Ideen ausdrückte, die 1922 ebenso richtig waren wie zur Zeit der Ausarbeitung der Resolution im Jahre 1872. Nachdem der Kongress Statuten angenommen hatte, die im Einklang mit dieser Prinzipienerklärung waren, stellte er in allen wesentlichen, grundlegenden Punkten die Theorie und Taktik des revolutionären, föderalistischen und antistaatlichen Syndikalismus fest.

Auf dem Gebiete der Taktik wollte der Kongress nicht alle Brücken zur Gegenseite abbrechen und ließ daher in einer Resolution die Tür offen für Verhandlungen mit der RGI wegen gemeinsamer revolutionärer Aktionen.

Die RGI jedoch schloss diese Tür ganz brutal und nahm unmittelbar den Kampf gegen die IAA in allen Ländern auf. Man muss aber sagen, dass diesen Anstrengungen der Erfolg fast überall versagt blieb, und wenn die IAA in vielen Ländern, besonders in Italien, nicht so unter Verfolgung gelitten hätte, so wäre ihr Sieg auf der ganzen Linie sicher gewesen.

Trotz aller Schwierigkeiten ist die IAA heute eine wirkliche Internationale. Wenn sie infolge der grausamen Unterdrückung, die in vielen Ländern wütet, wo ihr Einfluss vorherrschend wäre, nicht diejenige Entwicklung genommen hat, die zu wünschen wäre, so zählt sie doch in zehn europäischen, den süd- und mittelamerikanischen Ländern Organisationen und besitzt in Japan, in China und in Indien sehr aktive Elemente, die in diesen Ländern berufen sind, eine große Rolle zu spielen. Die IAA hat also dauernd Fortschritte gemacht, dauernd an Boden gewonnen, ihre Anziehungskraft dauernd gesteigert.

Man kann ehrlicherweise von der RGI nicht dasselbe sagen. Sie setzt sich außerhalb der russischen Gewerkschaften nur zusammen aus der CGTU in Frankreich, der deutschen RGO und dem, was von den einst mächtigen tschechoslowakischen Organisationen übrig ist. Wenn man hierzu noch einige Splittergruppen rechnet, so bekommt man einen Begriff, was wirklich die RGI darstellt, und wenn man die russischen Gewerkschaften mit ihrer Zwangsmitgliedschaft abzieht, so stellt man fest, dass die RGI kaum noch als eine wirkliche internationale Organisation bezeichnet werden kann.

Die IAA ist nicht damit zufrieden, sich beim Weltproletariat auszubreiten, sie hat ihre Aktionen weiter ausgedehnt und ihre Ideen den großen Problemen angepasst, die alle Arbeiter beschäftigen. Ihre Kongresse in Amsterdam 1925, in Lüttich 1928 und in Madrid 1931 haben ein sehr umfassendes Programm ausgearbeitet über die revolutionäre Vorbereitung sowie über den nachrevolutionären Aufbau. Ebenso hat die IAA ein Gegenwartsprogramm aufgestellt, das sich aus drei großen Forderungen zusammensetzt: aus dem Sechs–Stunden–Tag und der 33–Stunden–Woche, dem Einheitslohn und aus der gewerkschaftlichen Kontrolle der Produktion, deren verschiedene Stadien der Verwirklichung des Proletariats zu den Toren der sozialen Revolution führen können und müssen.

Sehr schwerwiegende Fragen, wie Syndikalismus und Krieg, Syndikalismus und Revolution, Syndikalismus und Demokratie, Syndikalismus und vernunftmäßige Kultur sind von den Kongressen gelöst worden. Die internationale Reorganisierung des Syndikalismus, die der Kongress von Madrid schon vornehmen sollte, bildet jetzt den Gegenstand der Beratungen im Sekretariat der IAA.

Ein weites Feld der Erfahrung hat sich für die IAA in Spanien eröffnet, wo die angeschlossene Landesorganisation, die CNT, das einzige revolutionäre Element darstellt. Es ist nicht zweifelhaft, dass die internationale Bewegung, welche die IAA in Spanien vertritt, hier nicht weit von der sozialen Revolution entfernt ist und dass alle Hoffnungen berechtigt sind, falls die CNT sich mit der portugiesischen CGT verbindet und so die Möglichkeit erhält, eine soziale Umwälzung in der ganzen iberischen Halbinsel und in Nordafrika durchzuführen. Schließlich ist es auch nicht zweifelhaft, dass der Faschismus, unter dem seit zehn Jahren Italien seufzt, ohne dass er sich übrigens weiter ausbreiten konnte, eines Tages am Ende seines Lateins sein wird, und dass die Unione sindacale  Italiana dann wieder erstehen und der IAA in diesem Lande ein großes Ansehen geben wird.

Wenn der revolutionäre Syndikalismus sich gleichzeitig in Frankreich wieder aufrichtet, wenn er in diesem Lande, dem Lande seiner Entstehung, den Platz einnimmt, der ihm gebührt, und wenn seine Ideen in Russland eindringen können, dann wird die IAA in kurzer Zeit eine mächtige Internationale sein und das Weltproletariat zum entscheidenden Kampf, zur sozialen Revolution führen.

Pierre Besnard

Aus: "I.A.A. 10 Jahre internationaler Klassenkampf / Gedenkschrift zum zehnjährigen Bestehen der Internationalen Arbeiter-Assoziation" / Berlin, 1932

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2011/05/27/geschichte-der-iaa-teil-6/


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