Angel Pestaña - Betrachtungen und Urteile über die Dritte Internationale (1)

Nachdem wir dargelegt haben, daß die russische Kommunistische Partei, die Dritte Internationale und die Rote Gewerkschaftsinternationale (2) ein und dasselbe sind, daß sie die Vervielfältigung eines einzigen Organismus darstellen und ein und dieselbe Politik verfolgen, verbleibt uns nur noch zu beweisen, worin die Verknüpfung besteht, die die Kommunistische Partei, den Kern dieses Gebildes, mit der russischen Revolution verbindet. Wir wollen sehen, ob die Revolution und die Kommunistische Partei, die sich ihr Mentor nennt, tatsächlich identische Prinzipien vertreten und ob die Gemeinsamkeiten ihrer Bestrebungen sich derart ähnlich sind, daß man sie verwechseln und vertauschen darf, ohne einer der beiden Seiten ein großes Unrecht anzutun.

Der Gegenstand, den wir behandeln wollen, ist außerordentlich schwierig. Diese Schwierigkeit wird noch dadurch vergrößert, daß wir uns vorgenommen haben, das Problem kurz und auf begrenztem Raum zu erörtern, wobei es aber gleichzeitig von der Kenntnis, die man von ihm hat, abhängt, wieviel man über die russische Revolution sagen kann.

In diesem Labyrinth der Ariadne, in das wir eintreten, in diesem bodenlosen Faß der revolutionären Danaiden ist viel gesucht worden, ohne daß man festen Grund gefunden hat, oder aber man hat das Gefundene verborgen. Beharrlich ist immer wieder darüber nachgegrübelt worden, jedoch können wir behaupten, daß keiner von denen, die darüber gesprochen oder geschrieben haben, es gewollt oder verstanden hat, das Problem schärfer zu umreißen. Wenige haben sich dem wahren Sachverhalt genähert. Es mag Unkenntnis oder Berechnung gewesen sein, auf diese Art vorzugehen. Aber, wie dem auch sei, die Wahrheit ist, daß es so gewesen ist.

Die Interessen, die auf dem Spiele stehen, waren und sind zu gewichtig, als daß nicht die eigene Leidenschaft die Streiter für die eine oder die andere Partei dadurch blind machen würde, daß sie sie dazu verleitet, zu verwechseln und zu vermischen, was niemals durcheinandergebracht werden durfte, was immer getrennt bleiben mußte.

Die Erklärung für diese Verwirrung glauben wir in der geistigen Trägheit und dem ewigen «dolce far niente », das für Menschen und Völker charakteristisch ist, zu finden.

Wenn ein Mensch eine schlechte Tat begeht, was ist dann? Nun, dann ist er ein Schurke oder ein Gauner. Wenn er aber nun zuvor zehn gute Taten vollbracht hat? Warum sollte man die berücksichtigen? Man müßte Vergleiche anstellen und den Wert der zehn guten Taten bestimmen, um zu wissen, ob sie die schlechte Tat aufzuwiegen und zu übertreffen vermögen. Man müßte erwägen, ob man ihn mit gutem Grund verurteilen kann. Aber ach! Dies Abwägen erfordert geistige Anstrengung, und die liegt den Menschen nun einmal nicht. Was ist, wenn uns (denn fast immer entspringt das Kriterium zur Beurteilung einer Tat als einer guten oder schlechten mehr unserem persönlichen als dem allgemeinen oder kollektiven Interesse) die schlechte Tat schadet? Nun, dann ist der ein Schurke, der sie begangen hat! Und umgekehrt: Was ist, wenn sie uns nützt? Nun, wer würde zweifeln, daß es eine gute Tat ist?

So denkt der Mensch, und so urteilt der Mensch. So ist es am einfachsten, so macht man es sich möglichst leicht, und vor allem ist man so nicht dazu verpflichtet nachzudenken; und eben hier beginnt man, die Dinge durcheinanderzubringen. Törichte Menschheit, die du so oberflächlich urteilst und so naiv argumentierst!

So ist es leider auch mit der Beurteilung der russischen Revolution gewesen. Hat sich die russische Kommunistische Partei an die Spitze gestellt? Nun, dann geht mit der russischen Kommunistischen Partei ins Gericht! Die Partei von der Revolution zu trennen und ihre höchst eigentümlichen Züge, ihre Prinzipien und Zielvorstellungen gründlich zu prüfen - das hätte schon etwas Nachdenken erfordert. Aber Nachdenken ist eben nicht möglich. Es ist viel einfacher, Revolution und Partei in einen Topf zu werfen und sie zu verteidigen oder zu verleumden, so als ob es sich um ein und dieselbe Sache handelte. Verleumder oder Verteidiger haben sich darin in nichts unterschieden. Sie sind vom gleichen Punkt ausgegangen. Das Ergebnis mußte mit geringen Abweichungen das gleiche sein.

Wir wollen diesen Weg nicht einschlagen. Wir wollen vielmehr gründlich beweisen, daß die russische Revolution und die Kommunistische Partei in ihren Ausgangspunkten, ihrem Verhalten und ihrem Ziel grundverschiedene Erscheinungen sind. Wir werden dabei jeden Sophismus vermeiden und das darstellen, was wir klar, vollständig und konkret belegen können.

Die russische Revolution proklamierte und verwirklichte die Sozialisierung der Produktionsmittel, der Ländereien, Fabriken, Werkstätten und Häuser, sobald die Episode der Straßenkämpfe begonnen hatte und ehe noch deren Ende abzusehen war. Kurz und gut, alles was dem materiellen Unterhalt des Individuums und der Allgemeinheit zu dienen vermag, war sozialisiert.

Kaum aber überließ es das Volk der Kommunistischen Partei, das wirtschaftliche Leben zu ordnen und zu normalisieren, wobei diese sich auf die Tausende von Menschen stützen konnte, die sich freiwillig und schweigend in ihren Dienst stellten, weil sie sie für die glaubwürdigste aller der Parteien hielten, die in dem so großen Ereignis eine Rolle gespielt hatten, da ordnete diese Kommunistische Partei, sobald sie über eine mehr oder weniger disziplinierte, aber ihr ergebene militärische Organisation verfügte, die Nationalisierung der Produktionsmittel an. Ländereien, Fabriken, Werkstätten, Häuser, alles was dem wirtschaftlichen Leben der Völker dient, hörte auf, der Gemeinschaft, allen, dem Volk zu gehören, um zum alleinigen und unveräußerlichen Eigentum des Staates zu werden.

Die Revolution sozialisierte, die Partei nationalisierte. Und wenn die erstere sozialisierte und die letztere nationalisierte, sind dann beide den gleichen Weg gegangen? Erst wenn der Mathematikprofessor geboren ist, der beweisen kann, daß zwei und drei nicht fünf ergibt, werde ich bereit sein zu glauben, daß «Sozialisieren» und «Nationalisieren» dasselbe ist, daß es sich hier um dasselbe System von Organisation handelt. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Revolution, aber kaum haben sie die Schalen des Eies, in dem sie ausgebrütet wurden, zerbrochen, so ahmen sie die Rebhühner nach: Jedes verfolgt eine andere Richtung. Das Volk, das die Revolution gemacht hatte, proklamierte das Recht aller auf alles, sobald die jahrhundertealte Tyrannei der Zaren und des brutalen und grausamen russischen Adels abgeschüttelt worden war.

Das Land, Fabriken, Werkstätten, Häuser, Schuhe, kurz und gut, alles, was der Produktion dient und produziert wird, gehörte allen zu gleichen Teilen. Männer und Frauen, Kinder und Alte, Arbeitsfähige und Untaugliche, alle hatten das Recht, das gemeinsame Vermögen zu genießen, wobei sie als Gegenleistung, damit sich das Vermögen nicht erschöpfen sollte, das gaben, was ihnen ihre Kräfte und ihre Intelligenz gestatteten. Sie verwirklichten den Kommunismus.
Die Kommunistische Partei aber, der die von der Schlacht noch heißen Gewehrläufe den höchsten und sichtbarsten Ehrenplatz gewährt hatten, verfügte, sobald sie sich stark und ihrer Kräfte gewiß fühlte, einen neuen Kommunismus. Sie sagte zum Volk:

«Ihr versteht nicht, das Leben zu organisieren. Der Kommunismus, den ihr verwirklicht habt, ist sehr naiv. Der neue Kommunismus, den ich schaffen werde, ist viel praktischer und wird euch glücklicher machen. Vielleicht ist dieses Glück noch nicht sehr nahe, aber die Revolution erfordert Opfer. Am Ende, nach diesen Opfern, werdet ihr glücklich sein. Daraus folgt, daß das Land, Fabriken, Werkstätten, Häuser, Kleidung, Schuhwerk, alles, was der Produktion dient und produziert wird, in Staatseigentum übergehen muß. Ihr würdet mit diesen Reichtümern nicht umzugehen wissen.

Der Staat wird die Arbeit in allen ihren Zweigen und Erscheinungsformen organisieren. Der Staat wird die Verteilung der Güter organisieren von der Nähnadel, die eine Frau in ihrem Heim benötigt, bis hin zu den großen und mächtigsten Quellen der Produktion, die unser Land besitzt. Der Staat ist von nun an der einzige Eigentümer, der einzige Arbeitgeber, der einzige Bourgeois, den es in Rußland gibt, und ihr werdet ohne Ausnahme für ihn arbeiten. Er wird euch den Lohn zahlen, den wir in gegenseitigem Einverständnis festsetzen werden; wenn aber kein Einverständnis erzielt werden sollte, dann wird der Lohn gezahlt werden, den er festsetzt. Er wird euch die Produkte, die ihr braucht, zu einem Preis verkaufen, zu dem er glaubt, sie verkaufen zu müssen, wobei ihm, wie es nur natürlich ist, eine Gewinnspanne verbleibt, um seinen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Er wird euch Unterricht, Ärzte, Medikamente, Kommunikationsmöglichkeiten, Transportmittel, kurz alles das geben, was über das Essen und die physiologischen Bedürfnisse hinaus dazu dient, euch das Leben möglichst angenehm zu machen. Ihr braucht euch um nichts zu kümmern. Wir werden uns um alles kümmern. Und denjenigen, der sich nicht unterwerfen will, den werden wir um der Revolution willen mit Gewalt niederzwingen.»

Wenn mir irgendeiner der bedingungslosen Anhänger der Räteregierung beweist, daß das, was die russische Kommunistische Partei getan hat, nicht das Gegenteil des wirklichen Kommunismus ist, wie ihn die Revolution hervorgebracht hatte, dann werde ich glauben und bestätigen, daß es zwischen der russischen Kommunistischen Partei und der russischen Revolution keinerlei Unterschiede gibt, daß sie also identisch sind. In Rußland gibt es heute keinen Kommunismus, es sei denn, man verstehe darunter die Enteignung aller Reichtümer durch den Staat, und zwar sowohl der natürlichen Reichtümer als auch derjenigen, die die Produktion hervorbringt. In Rußland gibt es einen einzigen Herrn, Arbeitgeber, Bourgeois oder Eigentümer, nämlich den Staat, aber viele Millionen Lohnempfänger, von dem Mann, der der höchsten Intelligenz angehört, bis hinab zu dem Hirten, der eine Herde bewacht, oder dem Arbeiter, der die Straßen kehrt. Der Staat kauft dem Arbeiter ab, was dieser produziert hat, und der Staat bezahlt ihm für seine Arbeit nicht eine Quantität, die dazu dient, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern eine, die im Verhältnis zu dem für diese Arbeit festgesetzten Wert steht. Danach verkauft der Staat dem Arbeiter in dessen Eigenschaft als Konsument das, was er ihm zuvor in dessen Eigenschaft als Produzent abgekauft hat, und dies zu Preisen, die der Staat für angemessen hält, um seine eigenen Interessen verfolgen zu können. Dem Arbeiter bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen, denn es gibt für ihn keine andere Versorgungsmöglichkeit mehr als die Warenlager des Staates. Den Kommunismus allerdings, den kann man nirgendwo entdecken. Tatsache ist, daß die Reichtümer in Gemeinbesitz überführt worden sind, aber sie haben nur einen Besitzer: den Staat. Im kapitalistischen Herrschaftssystem, in dem wir leben, gehören die Reichtümer vielen Eigentümern, in dem Regime in Rußland, das sich kommunistisch nennt, gehören sie einem Eigentümer. Dies ist der einzige Unterschied. Ein Unterschied, der sich auf die Eigentumsverhältnisse der Reichtümer bezieht, aber nicht auf die Form, sie zu produzieren oder zu verteilen; gerade darin aber liegt begründet, was den wahren Kommunismus ausmacht.

Auch in diesem zweiten Punkt haben die Kommunistische Partei und die russische Revolution nicht parallele Wege eingeschlagen, so daß, wenn sie weiter verfolgt werden, es eines Tages zu einer Vereinigung der beiden kommen könnte. Die eingeschlagenen Richtungen sind derartig grundverschieden, daß, während sich die Partei nach Norden wendet, die Revolution nach Süden weitermarschiert. Folglich sind sie nicht ein und dieselbe Sache, was bedeutet, daß sie nicht in Übereinstimmung miteinander voranschreiten.

Nehmen wir ein drittes und letztes Beispiel. Die Revolution befreite Rußland aus der Finsternis, in der die verhaßte Dynastie der Romanovs das Land Jahrhunderte hindurch gehalten hatte. Sie proklamierte die absolute Freiheit des Denkens für alle die, die zum Triumph der Revolution beigetragen hatten. Sie verwehrte diese Freiheit ihren nun bereits gestürzten Tyrannen.

Die Kommunistische Partei dagegen, einmal im Besitz der Macht, verfügte, daß derjenige kein Recht zum Denken habe, der nicht kommunistisch denke, und zwar kommunistisch im Sinne ihres Kommunismus. Vergeblich forderten ihre revolutionären Freunde am Vorabend der Revolution das Recht auf die Freiheit des Denkens, das mit dem Blut ihrer begeisterten Freunde und Kameraden erobert worden war. Die Antwort war immer die gleiche: Wenn ihr nicht so denkt wie wir, dann seid ihr Konterrevolutionäre. Es stimmt schon, daß ihr gestern unsere Verbündeten gewesen seid. Wenn ihr aber heute nicht so denkt wie wir, hört ihr auf es zu sein. Im Namen der Revolution verbieten wir euch ausdrücklich, das zu schreiben oder zu äußern, was ihr denkt. Wenn die Gegenrevolution besiegt ist, dann werden wir euch das Recht zugestehen, eure Ansichten öffentlich zu vertreten.

Aber es ist doch so, daß wir ebenfalls die Gegenrevolution bekämpfen oder euch bei eurer Arbeit helfen wollen, entgegneten sie. Wir können euer Anerbieten unmöglich annehmen! Aber dennoch, wenn wir euch brauchen, werden wir euch in die vordersten Linien schicken, damit ihr mit dem Gewehr die Revolution verteidigt. Wenn ihr euch weigert zu gehen, werden wir euch als Deserteure festnehmen und euch erschießen.

Die russische Revolution hat mit gutem Grund erklärt, daß jeder russische Proletarier, der nicht als Verräter erscheinen will, die Revolution in Wort, Schrift und schließlich auch mit dem Gewehr - immer, wenn es die Notwendigkeit erfordern sollte - verteidigen muß.

Die Kommunstische Partei aber hat dem russischen Proletariat dieses heilige, von der Revolution übertragene Recht abgesprochen: Sie gestattete ihm weder zu schreiben noch zu reden, forderte dafür aber von ihm, in die vordersten Linien zu gehen, um für die Revolution zu sterben.

Wenn man mir beweist, daß das, was die Revolution bestimmt hat, und das, was die Kommunistische Partei verfügt hat, identisch ist und ein und dasselbe Ziel verfolgt, dann werde ich bekennen, daß die Partei und die Revolution zwei Seelen sind, die in dem selben Körper wohnen. Solange das aber nicht bewiesen ist, sei es mir erlaubt, weiterhin Zweifel daran zu hegen.

Nachdem ich nun meinen Standpunkt dargelegt habe, will ich noch eine letzte Bemerkung machen.

Es geht mir nicht darum, hier zu behaupten, daß man in Rußland auf die eine oder die andere Weise hätte vorgehen müssen. Im Sinne der Ziele, die ich mit dieser Arbeit verfolge, ist das auch gar nicht notwendig. In späteren und ausführlicheren Untersuchungen werde ich im einzelnen darüber urteilen, wie man meiner Meinung nach hätte handeln müssen. Aber da es für den Entschluß, den die Confederación zu fassen hat, nämlich ob sie im Schoß der «Roten Gewerkschaftsinternationale» oder, genauer gesagt, der Dritten Internationale verbleiben soll, notwendig war zu erklären, auf welche Weise die Kommunistische Partei, die Dritte Internationale und die russische Revolution miteinander verbunden sind, habe ich es für meine Pflicht gehalten zu beweisen, daß die Kommunistische Partei Prinzipien vertritt, die denjenigen, die die Revolution von Anfang an festlegte und proklamierte, entgegengesetzt sind.

Sobald dieser Gegensatz klar erkannt ist, ergibt sich das weitere relativ einfach. Da schon am Anfang gezeigt worden ist, daß es sich bei der Dritten Internationale um einen verlängerten Arm der Kommunistischen Partei handelt, ist es leicht zu verstehen, daß die Dritte Internationale gegenüber den Proletariern der Welt nicht den Geist der Revolution repräsentieren kann. Die logische Konsequenz daraus ist, daß, wenn die Confederación Nacional del Trabajo hinnimmt, was ihr die Dritte Internationale auferlegen will, sie damit gerade gegen das verstößt, was sie angeblich so unerschütterlich verteidigt, nämlich die Revolution. Einen anderen Ausweg gibt es hier nicht.

Um Argwohn und Mißverständnisse zu vermeiden, die uns mit Sicherheit zu äußerst heftigen, für unsere Sache jedoch völlig nutzlosen Streitereien verleiten würden, stelle ich fest, daß die Revolution bei ihrem Vorgehen getreu den Prinzipien gehandelt hat, die jede Revolution in ihrem Schöße birgt, nämlich getreu gegenüber den Ideen, die sie befruchteten und getreu gegenüber den Keimen der Freiheit, die in ihr lebendig waren, wobei sie die Völker, die ihr folgten, zur Aufopferung ihrer eigenen Existenz hinriß.

Weiter erkläre ich, daß die Kommunistische Partei ebenfalls getreu und entsprechend ihren marxistischen Prinzipien, die ihre ganze Doktrin durchziehen, gehandelt hat, als sie der Revolution ihre Organisationsmethoden und ihre Ideologie aufzwang. Man kann folglich nicht von Betrug und noch weniger von Verrat sprechen, wie einige meiner Leser vielleicht glauben könnten, wenn die Entwicklungstendenzen der russischen Revolution und der Kommunistischen Partei, die Rußland regiert, in völlig entgegengesetzte Richtungen weisen.

Es handelt sich um nichts anderes als um zwei in ihren Ausgangspunkten antagonistische Konzeptionen, die sich niemals vertragen haben und, was wichtiger ist, auch niemals vertragen werden. Auf der einen Seite steht die Auffassung vom Menschen als dem absoluten Herrn seiner selbst, und auf der anderen die Auffassung vom Staat als dem absoluten Herrn des Menschen, der den Menschen von der Geburt bis zum Tod beherrscht. Man beachte, daß ich von «ihren Ausgangspunkten» spreche und daß ich mich dabei ausschließlich auf den Staat beziehe, den die Revolution in Rußland hervorgebracht hat, obgleich alle, von Lenin bis zum letzten Theoretiker des Marxismus, behaupten, daß sie sich nur des Staates bemächtigen wollen, um ihn zu zerstören. Deshalb sage ich «in ihren Ausgangspunkten», womit ich nur das meine, was Rußland angeht. Wenn ich von anderen Staaten sprechen würde, hätte ich nicht gesagt «in ihren Ausgangspunkten», dann hätte ich gesagt «schon immer».

Die Kommunstische Partei ist in ihren Lehren konsequent gewesen, und wenn man ihr irgendeinen Vorwurf machen kann, dann ist es auf keinen Fall der des Betrugs oder Verrats, ganz im Gegenteil. Eher könnte man ihr vorwerfen, ein ganzes Volk und die Humanität mit brutaler Härte ihren Prinzipien geopfert zu haben.

Wir bekämpfen die politische und wirtschaftliche Organisation, die die Führer der Kommunistischen Partei in Rußland geschaffen haben, aber eben diese Führer besitzen dennoch persönlich unsere ganze Hochachtung, weil wir sie, wenn auch nicht alle, für aufrichtig halten. Sie haben geirrt, gut, aber sie sind ehrlich und aufrichtig. Bereitwillig haben wir immer den aufrichtigen Gegner geehrt, und gerade jetzt, da sie fern von uns sind und sich nicht verteidigen können, wollen wir uns selbst nicht verleugnen. Außerdem halten wir es für überflüssig, irgend jemand zu beleidigen und zu beschimpfen, wenn wir ihn auf dem Felde der Ideen bekämpfen.

Nachdem wir diesen weit verbreiteten Irrtum aufgeklärt haben, wiederholen wir noch einmal für Freunde und Gegner der russischen Revolution: Es wurde gezeigt, daß die Revolution einen sozialen Staat schaffen wollte, der den Menschen ein Leben in Gerechtigkeit und Wohlergehen garantieren sollte. Dieses Ziel ist zum Teil verfehlt worden, um die Interessen einer Partei zu retten, die aber, so heilig sie auch sein mögen, immer geringere Bedeutung haben als die Interessen eines Volkes, und in diesem Fall könnte man sogar sagen als die Interessen der Menschheit. Wir wollen nur den Konflikt betrachten, der uns, die spanische Arbeiterklasse, direkter angeht, und der auch Anlaß zu dieser Schrift war.

Es ist ein außerordentlich wichtiger Streitfall, von dem es abhängt, ob wir uns definitiv den internationalen Kämpfen und Auseinandersetzungen anschließen, zu denen wir mit dem revolutionären Geist unserer ruhmreichen Confederación Nacional beitragen können. Dieser Beitrag bedeutet viel und vielleicht sogar mehr als der sehr mächtiger ausländischer Organisationen (3), die seit Jahren normal funktionieren. Unser ideologisches Gepäck ist, wenn auch nicht besonders umfangreich, so doch schwerwiegend; und schwerwiegend sind auch die Auseinandersetzungen, die heute das Proletariat auf dem Weg zu seiner vollständigen Befreiung durchstehen muß.

Ja! Wir werden uns dieser weitreichenden Verschwörung definitiv eingliedern, die die Produzenten aller sozialen Reichtümer gegen die Parasiten, die auf ihre Kosten leben, begonnen haben. Wir spanischen Arbeiter wollen und können diesem großen geschichtlichen Strom nicht fernbleiben. Wir haben den Wunsch, uns mit seinen heilsamen Wassern zu durchtränken. Aber, und das sagen wir mit aller Entschiedenheit, wir wollen uns ihm unter absoluter Freiheit des Handelns und des Denkens anschließen. Jede Vormundschaft würde uns schaden. Wir halten nur den Rat, den Hinweis, die freundschaftliche Erörterung für nützlich und notwendig, die uns in Augenblicken der Niedergeschlagenheit oder entscheidender Kämpfe helfen wollen. Jede andere Einmischung wird uns immer als ein Attentat auf unsere eigene Freiheit erscheinen, und wir weisen sie von vornherein zurück.

Nunmehr halten wir den Augenblick für gekommen, um die vor uns liegende Frage konkret zu erörtern: «Soll die Confederación del Trabajo weiterhin der Dritten Internationale angehören und deren Politik befolgen, oder soll sie lieber in Übereinstimmung mit dem vollständigen Beschluß des Kongresses im Teatro de la Comedia ihre Aktionsfreiheit anstreben und so handeln, wie sie es für richtig hält?» (4) Für viele ist die Antwort klar. Nach allem, was ich auf den vorhergehenden Seiten geschrieben habe, scheint es, daß ich nur zu unserem Auszug raten kann. Das tue ich jedoch nicht. Nach meiner Meinung sollten wir der Dritten Internationale weiterhin angehören, aber, und hier liegt der entscheidende Punkt, diese meine Meinung hängt von verschiedenen Voraussetzungen ab, die wir in Ruhe prüfen müssen.

Die erste und wesentliche, die zu vergessen uns unglaubwürdig machen würde, ist unsere Ideologie. Wir sind auch Kommunisten, und zwar erheblich bessere Kommunisten als die Kommunisten in Moskau. Wir sind das nicht erst seit gestern. Unser Kommunismus behält nicht die laue Wärme des Eies bei, in dem er ausgebrütet worden ist, wie es dieser modische Kommunismus tut, mit dem alle Welt sich wie mit einem Überrock oder wie mit der Tracht eines exotischen Hofes kleidet. Unser Kommunismus ist ein ganzes Stück älter und hat eine wahrhaftig glänzendere Geschichte als der Kommunismus, der im November 1917 im Smol`nyj Palast (5) geboren wurde.

Eine Vergangenheit, erfüllt mit unbegrenzter Aufopferung, und die in die Tausende gehende Zahl der Opfer adeln den Kommunismus, den wir verteidigen und lieben und den wir tief in unserem Herzen tragen.

Wir haben den Kommunismus nicht von den Höhen irgendeiner Machtposition aus lieben gelernt. Unsere Liebe ist in der Hitze der revolutionären Stürme gewachsen und wurde mit Tränen aus vielen Augen benetzt. Gefängnis, Verbannung und Deportation haben uns dazu gebracht, diesen Kommunismus unermüdlich zu lieben.

Ihm gehören alle unsere Gefühle, seinetwegen trotzen wir allen Brutalitäten, mit denen ein Regime des Ausnahmezustandes gegen uns vorgeht. In ihm haben wir das Ende des menschlichen Leidens und Elends entdeckt. Um ihn besser kennenzulernen, haben wir studiert, gefragt und geforscht und dabei Stunden der Ruhe, des Schlafes und der Lebensfreude geopfert. Wie könnten wir nicht Kommunisten sein nach solchen Anstrengungen! Aber darauf bestehen wir: Unser Kommunismus, der sich rühmen darf, die Aufmerksamkeit von weltberühmten Denkern erregt und eine Heimstatt an allen Lehrstühlen gefunden zu haben, die das Denken der Menschen formen, ohne daß irgendjemand seine grundsätzlichen Thesen hätte erschüttern können - dieser unser Kommunismus kann und darf nicht mit dem Kommunismus verwechselt werden, der jüngst den moskowitischen Maschinen entsprungen ist. Wir sind freiheitliche Kommunisten. Wir lieben den Kommunismus, weil er das Ende oder doch wenigstens eine Verringerung des großen körperlichen Leidens bedeutet, das wir, die seit Ewigkeit enterbten Klassen, ertragen müssen. Wir sind Kommunisten, weil der Kommunismus die Befreiung der menschlichen Existenz von den Bestien des Hungers und des Elends und damit eine Vorstufe zur endgültigen und vollständigen Befreiung ist.

Uns stößt der Kasernenkommunismus ab. Wir weisen diese Gleichheit zurück, die man mißt, die man aufzwingt, die man dekretiert. Wir weisen sie zurück, weil sie den Menschen auf das Schlimmste entwürdigt, zur vollständigen Abstumpfung seiner Gefühle führt, dadurch seine Persönlichkeit zerstört und ihn nur zu einem weiteren Rädchen im kleinen sozialen Getriebe macht.

Deshalb wollen wir, die wir uns auch «Kommunisten» nennen, nicht, daß man uns mit den Kommunisten der letzten Stunde in einen Topf wirft. Deshalb müssen unsere freiheitlichen kommunistischen Grundsätze mit uns in die Dritte Internationale Eingang finden. Dann brauchen wir auch den Beschluß des Kongresses im Teatro de la Comedia von Madrid nicht zu ändern.

In der Reihenfolge der Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, folgt nun eine, die wir ebenfalls nicht vergessen dürfen und die unsere Verfassung betrifft.

Die Confederación ist ihrem Wesen nach föderalistisch. Sollte sie eines Tages auf hören, föderalistisch zu sein, dann ist das gleichbedeutend mit ihrem Ende. Deshalb darf unser Verbleiben in der Dritten Internationale am föderativen Status der CNT nichts ändern. Dieser Wesenszug der Confederación ist für uns unantastbar. Der Zentralismus, den Moskau propagiert und gewaltsam durchsetzt, darf in unsere Organisation keinen Eingang finden.

Wir weisen ebenso das Ansinnen zurück, daß das Exekutivkomitee der Dritten Internationale auf die Nominierung der Genossen, die unsere Presse redigieren, Einfluß nimmt, denn wir sind unserer Meinung nach in der Lage, diese selbst zu benennen. Diese neue Form der Zensur ist uns ebenso, vielleicht sogar noch mehr verhaßt als die Zensur, die unsere ewigen Widersacher gelegentlich anwenden.

Wir wollen völlige Freiheit, um unseren Gedanken Ausdruck verleihen zu können, und wenn es ihnen auch bisweilen an stilistischer Schönheit fehlen mag, so sind sie doch erfüllt von Wahrheiten, die unter Blutopfern erfahren worden sind.

Die Zensur, deren sich unsere Gegner uns gegenüber bedienen, kann, wenn sie auch nicht gerecht ist, zuweilen doch mit der Härte der Angriffe, die wir gegen sie richten, entschuldigt werden, aber welche Entschuldigung läßt sich finden, um eine Zensur durch unsere Genossen und Verbündeten zu rechtfertigen?

Wir sind damit einverstanden, daß unsere Presse alle offiziellen Kommuniqués, Dokumente, Rundschreiben, Ankündigungen und Schriften der Dritten Internationale abdruckt, die die Dritte Internationale uns zuschickt, aber mit der Verpflichtung zum Nachdruck muß die Freiheit verbunden sein, sie kritisieren zu dürfen, wenn sie nicht mit den Beschlüssen der internationalen Arbeiterkongresse in Einklang stehen, die Autonomie der syndikalistischen Organisationen eines Landes angreifen oder auch versuchen, Politik zugunsten irgendeiner Partei zu machen. Uns fehlen die Worte, um unsere Ablehnung gegenüber folgendem Vorhaben scharf genug zu formulieren: Es soll ein Komitee gebildet werden, dessen Mitglieder durch die Kommunistische Partei eines jeden Landes nach Übereinkunft mit dem jeweiligen Gewerkschaftskomitee zu benennen sind, wobei die Nominierung vom Rat der «Roten Gewerkschaftsinternationale» gebilligt werden muß (6). Damit erhält das neue Komitee Funktionen zur strengen Überwachung und Inspektion der Handlungen des Konföderalistischen Komitees [Comité Confédéral] (7).

Dieses mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattete Komitee, hinter dem die volle Autorität Moskaus steht, wird den Auftrag haben, die Rote Gewerkschaftsinternationale darüber zu informieren, ob ihre Befehle und Anweisungen ausgeführt werden oder nicht. Das Vertrauen der Roten Gewerkschaftsinternationale hätte demnach nicht das Konföderalistische Komitee, das von den Gewerkschaften eines jeden Landes benannt wird, sondern dieses außerordentliche Komitee, dem nur bedingungslos ergebene Gefolgsleute angehören.

In einem Konföderalistischen Komitee zu arbeiten und sich überwacht, ausspioniert und verfolgt zu wissen, und das nicht etwa von der Polizei des kapitalistischen Regimes und auch nicht von Abordnungen der Gewerkschaften, die euch ihr Vertrauen geschenkt haben, sondern von einer «Kommunistenwache» - dieser Gedanke ist mir derartig zuwider, daß mich der Brechreiz überkommt, wenn ich nur daran denke.

Das Konföderalistische Komitee hat das Vertrauen der Gewerkschaften. Ihm muß auch das Komitee der Roten Gewerkschaftsinternationale vertrauen. Natürlich muß das letztere Komitee darauf hinweisen, wenn es glaubt, daß das Konföderalistische Komitee seine Aufgaben nicht erfüllt. Es muß sich dabei aber an das Komitee selbst wenden, und wenn es nicht gehört wird, dann muß es sich direkt an die Gewerkschaften wenden. Diese werden es dann übernehmen, die Fehler zu korrigieren, auf die man sie hingewiesen hat.

Wenn das Konföderalistische Komitee zwei oder drei Personen aus dem Kreis seiner Mitglieder oder auch von außerhalb, jedenfalls aber Angehörige der Organisation, benennt, die sich mit Moskau verständigen sollen, dann geschieht dies im Rahmen seiner Kompetenz, und alles, was diese Personen tun, bleibt in seiner Verantwortlichkeit. Ja, ich glaube sogar, daß es das Konföderalistische Komitee sein sollte, das aus dem Kreis seiner Mitglieder eine Kommission oder auch eine Person benennen muß, um die internationalen Beziehungen wahrzunehmen. Ich bedaure, wenn mein Standpunkt angesichts dieser extremen Forderung ein wenig starr erscheint, und niemand möge sich durch meine Worte verletzt fühlen. Sie haben keinen anderen Sinn als den der Aufrichtigkeit, aber mir erscheint die Art von Politik, die Moskau den Organisationen aufzwingen will, widerwärtig, und die Person, die sich für eine so minderwertige Rolle hergibt, erscheint mir verachtenswert.

Können wir unsere Autonomie im Rahmen der Roten Gewerkschaftsinternationale vergessen? Niemals. Wenn wir die Autonomie unserer Confederación vergessen, vergessen wir unsere eigene Freiheit. Im Gefängnis gibt es keinen freien Gefangenen. Er mag die Erlaubnis genießen, weniger Stunden in der Zelle oder im Menschengedränge zu verbringen, aber frei sein? Welche Illusion! Und weiter, wie könnten wir unser Bestreben, für die Freiheit zu arbeiten, mit der Zugehörigkeit zu einem sklavischen Organismus vereinbaren? Unsere Ideen, unser Handeln, unsere ganze Vergangenheit, eine unerschöpfliche Quelle erhabener Taten - sollen wir das alles denen zu Füßen legen, die nicht einmal die politischen Bedingungen dieses Landes kennen oder mit den Umständen vertraut sind, unter denen wir kämpfen? Mir erscheint es derart kindisch, mich damit zu beschäftigen, daß ich nicht einmal beim Schreiben ein Lächeln unterdrücken kann. Und dennoch, die Realität zeigt mir, daß es tatsächlich jemanden gibt, der es wagt, all dieses auszulöschen, um zu Füßen des neuen Götzenbildes auf die Knie zu fallen. Sollen sie es nur tun. Diejenigen, die sich erniedrigen und auf die Knie fallen, haben sicherlich nichts oder nur sehr wenig getan, um diese Vergangenheit homerischer und erhabener Kämpfe durch irgendein neues Ruhmesblatt zu bereichern.

Wir müssen die Autonomie unserer Organisation verteidigen wie die Wölfin ihre Jungen, mit Zähnen und Klauen, mit allen unseren Kräften. Wenn wir sie verlieren, wenn sie uns genommen, wenn sie uns entrissen wird, dann ist das so, als hätten wir die Werkzeuge verloren, um unsere individuelle Freiheit zu schmieden.

Kompromisse annehmen, nachdem wir sie mit der Roten Gewerkschaftsinternationale ausdiskutiert haben - das ja, warum auch nicht? Das gesellschaftliche Leben ist schließlich nichts anderes als eine Reihe von Kompromissen, die diejenigen schließen, die in ständiger Verbindung miteinander leben müssen. Wenn das heute zum Teil offenbar noch nicht so ist, dann muß es eben in Zukunft so sein. Aber daß man uns Gesetze aufzwingt, daß man von uns Gehorsam in Dingen verlangt, die man vorher nicht mit uns beraten hat - nun, ich weiß nicht, ob meine Genossen, die der Confederación Nacional angehören, das akzeptieren werden. Ich für meine Person sage schon jetzt klipp und klar nein.

Daß wir uns an einen Kompromiß, den wir akzeptieren, in jeder Hinsicht gebunden fühlen, halte ich für ebenso selbstverständlich wie die Forderung, daß wir ihn überhaupt nur akzeptieren dürfen, wenn er ausführbar ist und den Erfordernissen unseres sozialen Kampfes entspricht.

Wir wollen uns einer Gemeinschaft von Gleichen gerne anschließen, aber wir werden in keine Gemeinschaft eintreten, in der man uns als Sklaven betrachtet.

Daher muß die conditio sine qua non unseres Verbleibens in der Roten Gewerkschaftsinternationale darin bestehen, daß wir die Autonomie behalten, alle den sozialen Kampf in Spanien betreffenden Fragen zu diskutieren, und daß wir die Freiheit besitzen, die in Moskau nach vorhergegangener Diskussion gefaßten Beschlüße nach unserem Gutdünken anzu wenden.

Es bleibt eine letzte Frage, die für mich die wichtigste von allen ist. Ihretwegen, so glaube ich, müssen wir in der Roten Gewerkschaftsinternationale bleiben, solange unsere Prinzipien nicht eine Schmälerung erfahren und man uns mit unseren Prinzipien in ihr duldet, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist. Aber wir wollen nicht von uns aus die Mitgliedschaft kündigen, es sei denn, man stellt uns ehrverletzende Bedingungen.

Das russische Proletariat hat eine Revolution gemacht und sich Institutionen gegeben, ob diese nun gut oder schlecht sind. Außerdem aber steht es im Kampf mit dem Kapitalismus der ganzen Welt und in diesem Kampf müssen wir uns ihm möglichst eng anschließen, es all unseren Eifer, unsere ganze Energie spüren lassen, wir müssen mit ihm verschmelzen, dann werden das russische Proletariat und wir ein Proletariat sein, das sich nicht verlassen, sondern gestärkt und gestützt weiß. Das russische Proletariat soll gewiß sein, daß seine Brüder im Unglück, die niemals ein Vaterland gehabt haben, es sei denn, um es mit ihrem Blut zu tränken, damit andere ernten, die gelitten haben, Hunger leiden und nach Gerechtigkeit dürsten, daß diese seine Brüder es unterstützen, ihm helfen und es stärken. Und wie könnten wir ihm besser unsere Gefühle mitteilen, ihm unsere Sympathien ausdrücken, ihm sagen, daß wir an seiner Seite stehen, wenn nicht über die Dritte Internationale? Ich glaube, daß sie im gegenwärtigen Augenblick das einzige und wirksamste Mittel ist, das uns schnell unseren russischen revolutionären Brüdern näher bringt.

Aber ihr werdet sagen: Wenn die Dritte Internationale der Revolution entgegengesetzte Prinzipien und Ideen vertritt, bekämpfen wir dann nicht die Revolution, wenn wir die Dritte Internationale unterstützen? Das trifft teilweise zu.

Wenn wir nach Moskau pilgern, um an die heilige Diktatur zu glauben, um unsere Hinterbacken zu entblößen und sie geißeln zu lassen, damit die neue marxistische Dulcinea erfreut sein wird; wenn wir auf alles, was man uns sagt und vorschlägt, mit Gesten der Billigung antworten, «Allah ist Gott und Mohammed ist sein Prophet» rufen, und uns als Zeichen der Unterwerfung bis auf den Boden verneigen, dann habt ihr recht und nochmal recht.

Wenn wir zu glauben beginnen und nicht mehr diskutieren, wenn wir bedingungslos zu verehren anfangen, wenn wir statt wie denkende Individuen wie Katechumenen nach Moskau pilgern, die nur danach streben, die Taufe zu empfangen und die Segnungen des Glaubens zu genießen, wer könnte dann noch daran zweifeln, daß ihr im Recht seid? Wenn wir nicht mehr den Mut haben, dem, was man uns sagt oder vorschlägt, mit Vernunftsgründen zu begegnen und ein kritisches Wort zu wagen, wenn wir vor den Hohen Priestern zittern wie die Sklaven im alten Rom vor ihren Tyrannen zitterten, wenn wir nach Moskau fahren und im Angesicht der Führer dieses Landes uns wie jene alten Arbeiter benehmen, die von all der Arbeit verbraucht und für die Menschheit moralisch tot sind, denen die Knie zittern, wenn sie vor dem Bourgeois erscheinen, um etwas zu erbitten, deren Zunge versagt und die kein Wort herausbringen können, deren Hände von plötzlicher Lähmung befallen zu sein scheinen und die sie nur bändigen können, indem sie die Mütze in den Händen drehen, die die Augen niederschlagen und dem nicht ins Gesicht zu sehen wagen, der von ihrem Schweiß lebt und genießt, indem er sie ausbeutet, und die schließlich nur nach großen Anstrengungen in der Lage sind, ihre Wünsche auszudrücken, indem sie mit letzter Kraft einzelne Silben ausstoßen, denn ein ganzes Wort können sie zusammenhängend nicht Vorbringen - wenn wir so nach Rußland fahren, dann, darüber besteht kein Zweifel, habt ihr vollkommen recht.

Aber so dürfen wir nicht nach Moskau gehen. Wir dürfen uns nicht als Sklaven, Katechumenen oder als ausgelaugte und tote alte Arbeiter präsentieren. Ich akzeptiere, daß man die Intelligenz jener Männer [in Moskau] anerkennt und ihnen als Freunden und Meistern Hochachtung entgegenbringt (dies gegenüber einigen, keineswegs jedoch allen), daß man von gleich zu gleich diskutiert, daß man aus dem lernt, was sie uns sagen, daß aber auch wir sie Dinge lehren, die sie nicht kennen, alles das halte ich für notwendig. Wenn wir aber so nicht vorgehen, dann lohnt es nicht, daß wir die Anstrengungen einer Reise über die vielen Kilometer auf uns nehmen, die sie von uns entfernt sind, daß wir Beziehungen zu ihnen und ihrer Gesellschaft suchen.

Aber das eine schließt das andere nicht aus. Und mir scheint sogar, daß das der beste Weg ist. Einen Menschen respektiert man um seines Wertes willen, und er weiß sich einen Wert zu geben, indem er sich Respekt verschafft. Den Unterlegenen oder den, der sich als solchen ansieht oder als solcher präsentiert, hört man mehr oder weniger gnädig an, man sagt ihm ein paar Worte, um ihm zu schmeicheln, und wenn man ihn verabschiedet, gibt man ihm einen Klaps auf die Schulter. Bei sich denkt man aber: «Armer Tropf, sehr nett und sympathisch, aber wie wenig stellt er doch dar!» Und ein Lächeln zeichnet sich auf den Lippen dessen ab, der sich überlegen glaubt.

Es ist auch nicht nötig, als Männer nach Moskau zu fahren, die sich überklug Vorkommen, denn am Ende verfallen diejenigen, die so vorzugehen pflegen, denselben Dummheiten, die sie an den anderen zu erkennen behaupten. Wir müssen nach Moskau so gehen, wie wir sind, und unter dieser Bedingung muß man uns empfangen.

Wer könnte daran zweifeln, daß wir mit unseren Prinzipien einen heilsamen Einfluß auf die Rote Gewerkschaftsinternationale ausüben können, wenn wir diese Prinzipien mit Entschiedenheit vertreten? Und jeder Einfluß, der innerhalb dieses Organismus geltend gemacht werden kann, wird wiederum Auswirkungen auf die Revolution haben.

Durch ein gebieterisches Gesetz, an dem nichts und niemand rütteln kann, neigt die russische Kommunistische Partei dazu, sich in eine Partei der Ordnung zu wandeln, in eine Partei, die regiert. Und wenn auch ein Sozialist regiert und wir unterstellen, daß er die Macht nur erobert hat, um sie später zu zerstören, dauert es doch seine Zeit, bis der Arbeiter sich an das neue Leben gewöhnt und davon genauere Vorstellungen hat, die es ihm dann ermöglichen, vom Staat als etwas Überflüssigem abzusehen. Unser Kontakt und unsere Beziehungen zur Dritten Internationale können hier als Anregung dafür dienen, diese Entwicklung zu beschleunigen. Und außerdem kann dadurch vermieden werden, daß der sozialistische Staat im Verlauf dieser Entwicklung die Laster und Fehler der bourgeoisen Staaten übernimmt, und es sich schließlich herausstellt, daß wir zwar meinen, daß er verschwinden soll, er sich aber weigert und als Tyrann weiter regiert.

Dieser Gefahr, die immer vorhanden ist und sich auch verstärken kann, wenn sie sich nicht schon verstärkt hat, muß durch den Einfluß anderer Organisationen entgegengewirkt werden. Und wer wäre dazu geeigneter als die Arbeiterorganisationen der anderen Länder?

Der russische Arbeiter steht heute im Kampf mit den kapitalistischen Ländern, und während er gegen diese kämpft, läßt er es zu, daß seine Führer ihn organisieren und über ihn verfügen, wie sie es für angebracht halten. Die Aufmerksamkeit, die er auf die Grenzen konzentrieren muß, hindert ihn daran, die Vorgänge im Inneren des Landes zu verfolgen. Wer sagt uns aber, daß nicht morgen schon, wenn die äußeren Angreifer besiegt sind, die ihn nicht niederwerfen können und es deshalb aufgeben und ihn in Ruhe lassen, daß er sich dann nicht von neuem schlagen muß, und zwar mit denjenigen, denen er die öffentlichen Angelegenheiten anvertraut hat? Unter diesen Umständen können unsere Hilfe und Mitarbeit von großem Nutzen sein.

Zwischen die russische Revolution und das Proletariat aller Länder stellt sich die Kommunistische Partei, und wir haben im Augenblick kein anderes Mittel, um das revolutionäre Volk zu erreichen, als in Übereinstimmung mit eben dieser Partei zu marschieren.

Da uns ihre Fehler, ihre Meinungen und ihre Ziele bekannt sind, verfügen wir über günstige Voraussetzungen, um gegen sie zu kämpfen. Jedes Zugeständnis, das wir ihr entreißen, ist ein Hindernis weniger auf dem Wege, den die Revolution zurückzulegen hat. Wenn sich natürlich ein anderes Mittel findet, um unter Umgehung der Dritten Internationale mit dem revolutionären Volk in Kontakt zu bleiben, dann sind meine Begründungen zum großen Teil hinfällig und müssen einer Prüfung unterzogen werden. Dann wird man für den anderen Weg stimmen können, der uns durch die Umstände ermöglicht worden ist. Ich bin der Meinung, daß wir, bevor wir die Dritte Internationale verlassen, auf jeden Fall den Kontakt zum russischen Volk sicherstellen müssen.

Wenn wir das russische Volk in seinem Kampf gegen den europäischen Kapitalismus, der jedes Zeugnis der Revolution aus Furcht vor Ansteckung zerstören will, allein lassen, und wenn wir es im Kampf gegen seine eigenen Beherrscher nicht unterstützen, dann - und daran gibt es keinen Zweifel - wird es besiegt werden, und die Revolution in Europa wird sich noch um einige Jahre mehr verzögern.

Überlegt, denkt nach, ihr alle, Genossen und Gefährten der Confederación, müßt entscheiden, wie wir uns in Zukunft verhalten sollen. Aber vergeßt nicht, daß das revolutionäre Rußland eure Hilfe braucht, um seinen Traum von Gerechtigkeit und Freiheit zu verwirklichen.

Barcelona, im Gefängnis, im März 1922.

Fußnoten:
1.) Auszug aus Angel Pestaña, Consideraciones y juicios acerda de la Tercera Internacional [Betrachtungen und Urteile über die Dritte Internationale], Barcelona 1922, S. 30-48. Die deutsche Übersetzung (1971) ist von Johann Hellwege. - Zu den Hintergründen der Entstehung dieses Memorandums vgl. Einführung IV, S. 311 -312.
2.) Die Rote Gewerkschaftsintemationale (RGI) wurde im Juli 1921 in Moskau gegründet und bestand bis 1935-1937. An ihrer Spitze standen der Exekutivrat und das Exekutivbüro mit sieben gewählten Mitgliedern. Generalsekretär war bis zu ihrer Auflösung der Russe S.A. Losovskij.
3.) Pestaña denkt hier an die französische, inzwischen aber bereits gespaltene Confédération Générale du Travail und die italienische Unione Sindícale Italiana, die in der im Dezember 1922 gegründeten «Berliner» Syndikalistischen Internationale nächst der CNT die stärkste Organisation war.
4.) Der II. Kongreß der CNT (Confederación Nacional del Trabajo - Nationale Arbeiterföderation) fand im Dezember 1919 im Teatro de la Comedia in Madrid statt. Die Delegierten erklärten sich einstimmig zu unbeugsamen Verteidigern der von Bakunin in der I. Internationale vertretenen Prinzipien. Gleichzeitig sprachen sie sich für den provisorischen Beitritt zur III. Internationale aus, forderten jedoch einen universalen Arbeiterkongreß, der die Grundlage für die «wahre Internationale der Arbeiter» festlegen sollte.
5.) Smol`nyj Institut, seit August 1917 Sitz des Petrograder Sowjets.
6.) Hier sind offenbar die später auch verwirklichten Propagandakomitees gemeint, die die Arbeit in den einzelnen Ländern leisten sollten.
7.) Wenn Pestaña hier und in den folgenden Absätzen vom «Konföderalistischen Komitee» spricht, dann meint er zunächst einmal das höchste Organ der CNT; zugleich geht er aber von der Vorstellung aus, daß die verschiedenen Gewerkschaften eines jeden Landes wie in Spanien eine Konföderation bilden und an deren Spitze ein entsprechendes Komitee setzen sollten, das diese Gewerkschaften gegenüber der Internationale vertritt.

Aus: Oberländer, Erwin (Hg.): Dokumente der Weltrevolution. Der Anarchismus. Walter-Verlag 1972. Digitalisiert von www.anarchismus.at


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS