Zu Besuch bei den „Reformist_innen“

Ende August besuchten zwei Mitglieder der FAU Bern eine seit hundert Jahren kontinuierlich existierende syndikalistische Gewerkschaft in Göteborg.

Als wir in Göteborg ankamen, wurden wir gleich in das Folkets Hus (Volkshaus) geführt, wo die Lokalföderation der syndikalistischen SAC (Sveriges Arbetares Centralorganisation / Schwedische Arbeiterzentralorganisation) ihr Büro hat. Wir waren überrascht von der Grösse und Professionalität der Göteborger SAC. In Göteborg sind zwischen 580 und 600 Menschen in der SAC organisiert. Diese schwankenden Zahlen seien dadurch zu erklären, dass einige Mitglieder ihre Beiträge nicht bezahlten und deswegen nach zwei Monaten aus dem System flögen. Diese seien aber jederzeit wieder willkommen, sobald sie bezahlten. Was für ein Unterschied zur Unia! Wer dort nicht bezahlt, bekommt nach zwei Mahnungen eine Betreibungsandrohung, die dann auch vollzogen wird.

Wandel in der SAC

Unterwegs zu der Wohnung eines aktiven SAC-Mitglieds sprachen wir über den Werdegang der SAC in den letzten zwei Jahrzehnten. Die SAC sei in den siebzigern und achtzigern mehr und mehr zu einem Sammelbecken für alle möglichen Linken geworden, Anarchist_innen genauso wie Leute, die in der Schweiz wohl eher als „linksgrün“ bezeichnet werden würden. Doch in den Neunzigerjahren gewann der syndikalistische Flügel der SAC an Oberhand und es begann eine Wiederausrichtung auf das, was ein jetzt oft verwendeter Slogan verspricht: Eine freie, kämpfende Gewerkschaft (En fri kämpande fackförening).

Diese Neuausrichtung führte zu einem Mitgliederschwund, laut dem SAC-Aktivisten Micke Färdigh gewann die SAC dadurch jedoch auch an Qualität. Färdigh betonte, dass die landesweite SAC heute als „syndikalistisch“, leider aber nicht mehr als anarchosyndikalistisch bezeichnet werden kann. Ein anderer Aktivist, Jesper Johansson, stellte fest, dass sich die Göteborg LS (Lokal Samorganisation; etwa Lokalföderation) als einzige LS in ihren Statuten immer noch als anarchosyndikalistisch bezeichnet, dies sei vor allem einem alten Spanienkämpfer zu verdanken, der hin und wieder immer noch aktiv sei und sich dafür einsetze, dass die SAC kämpferischer werde.

Folgen der Rechtsregierung

Einen zweiten grossen Mitgliederschwund erlitt die SAC als Folge der Wahl einer Rechtsregierung im Jahr 2006. Diese kürzte nämlich die staatlichen Beiträge an private/gewerkschaftliche Arbeitslosenkassen. Die SAC führte eine solche Mitte des Jahrhunderts ein, um nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Viele SAC-Mitglieder waren nun auch bei der SAC-Arbeitslosenkasse versichert, durch die Kürzung der staatlichen Unterstützung musste die SAC die monatlichen Beiträge anheben (von 90 Kronen auf 450 Kronen, also von ca. 14 CHF auf 64 CHF).

Dies hatte zur Folge, dass sich viele die Versicherungs- und die Mitgliedsbeiträge (variieren zwischen 50 Kronen/7 CHF und 450 Kronen/64 CHF) nicht mehr leisten konnten und deshalb aus der SAC austraten. In der Göteborger LS herrscht deswegen die Meinung vor, den Mitgliedern und Interessierten zu raten, nicht in die SAC-Kasse einzutreten, da die staatliche Kasse günstiger ist.

Nach dem neuerlichen Mitgliederschwund verblieben in der Göteborg LS noch die genannten 580 - 600 von vormals über 2000 Mitgliedern.

SAC und die IAA

Über die Einführung der staatlich gestützten Arbeitslosenkasse und die Beteiligung an Betriebsratswahlen entspann sich in der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) nach dem Zweiten Weltkrieg eine heftige Debatte, welche der SAC einen schlechten Ruf bescherte und schliesslich zu deren Ausschluss führte. Versuche der SAC Kontakte zu den in der IAA föderierten Gewerkschaften und Gruppen herzustellen, wurden in der Folge immer wieder heftig kritisiert.

Die SAC nahm deswegen Kontakte mit anderen aus der IAA ausgeschlossenen Gewerkschaften auf, was schliesslich zu der losen rot-schwarzen Koordination führte, pflegt aber auch internationale Kontakte mit Basisgewerkschaften anderer Ausrichtung aus allen Teilen der Welt.

Erst in den letzten Jahren, nach der Neuausrichtung der SAC, kam es zu einzelnen zaghaften Kontakten zwischen IAA-Sektionen und der SAC.

Organisation der SAC

Am Aufbau der SAC ist eine (revolutionär-)syndikalistische Ausrichtung erkennbar: wenn an einem Ort eine neue LS gegründet wird und sich die Statuten gegeben hat, kann sie die Mitgliedschaft in der SAC als Föderation beantragen, behält aber eine weitgehende Autonomie. Ist eine LS in der SAC aufgenommen, ist sie auch für die Mitglieder in der (weiteren) Umgebung zuständig. Dies kann aber auch zu Problemen führen: In der Region Stockholm zum Beispiel gibt es sieben LS, die sich teilweise konkurrieren, da sich ihre geografischen Zuständigkeiten teilweise überschneiden.

Im Gegensatz zu ihrer Gründungszeit, als die SAC vor allem bei Bauarbeitern, Holzarbeitern und Jägern stark war, ist sie heute vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen und in der Gastronomie vertreten. Doch auch in anderen Bereichen ist die SAC teilweise stark, so gibt es bei der Stockholmer Metro eine grosse Betriebsgruppe und in Malmö sind viele Eisenbahner_innen organisiert.

Andere Bereiche sind Lehrer_innen, Medien-/IT-Arbeiter_innen und in Göteborg seit kurzem sogar eine Stripperin. Den Abschluss von Kollektivverträgen (wie den GAVs) schliesst die SAC zwar nicht kategorisch aus, ist diesen gegenüber aber eher skeptisch eingestellt und unterzeichnet sie nur, wenn es den Mitgliedern grosse Vorteile bringt.

Neue Kämpfende

Seit ein paar Jahren organisieren sich vor allem in der Region Stockholm auch Papierlose. Dort gibt es mittlerweile ein Syndikat im Gastgewerbe, das ausschliesslich aus Sans-Papiers besteht. Dieses finanziert sich und kämpft eigenständig. Da die Papierlosen fast kein Geld haben, hat dieses Syndikat nur geringe Mitgliederbeiträge (nur den Teil den sie an die SAC zahlen müssen).

Das Geld um die Kämpfe zu finanzieren, kommt deswegen aus einer anderen Quelle: Wenn ein Lohn oder eine Entschädigung erstritten wird, erhält das Syndikat ein Prozent davon. Dieses System funktioniert, da dieses Syndikat äusserst aktiv ist: „Die Papierlosen führen teilweise 2-3 Kämpfe gleichzeitig“, sagt Amalia Alvarez, eine frühere Papierlose und SAC-Aktivistin in Lund.

Dass die Papierlosen und damit die SAC auf einem radikalen Kurs unterwegs sind, zeigt das Beispiel von Ruben: Ruben, der aus Lateinamerika stammt und bereits dort Aktivist war, arbeitete in einem Restaurant. Angestellt war er dort zusammen mit einem anderen Papierlosen, natürlich schwarz. Als der Chef den Lohn nicht bezahlte, begannen sie sich zu wehren. Während der Auseinandersetzung bauten sie auf den Chef immer mehr Druck auf. Als diesem der Druck zu gross wurde, bekam Ruben dies zu spüren: Er bekommt von einem, mit seinem Chef verbandelten, Kriminellen eine Pistole an den Kopf gedrückt, mit der Drohung, dass man ihn erschiessen werde, wenn er den Kampf fortsetze. Ruben tauchte daraufhin unter, unterstützt von der SAC und mehr noch von antifaschistischen und anarchistischen Gruppierungen, und setzt seither den Kampf für die Rechte der Sans-Papiers aus dem Untergrund fort.

Neue Kämpfe

Als wir in Göteborg waren, wurden wir eingeladen an einer Beratung von einem temporären, migrantischen Bauarbeiter teilzunehmen. Dieser erzählte, dass die Temporärfirma ihm verschiedene Lohnzuschläge und verschiedentlich ganze Tageslöhne nicht bezahlt habe; alles in allem schuldete die Firma dem Arbeiter rund 79‘000 Kronen (über 11‘200 CHF). „Probleme mit Temporärfirmen und vor allem migrantischen Arbeitern nehmen massiv zu“ so Micke Färdigh.

Um die Kämpfe von extrem unsicher angestellten Arbeiter_innen gewinnen zu können, hat die SAC auch neue Kampfmittel entdeckt, die auch schon in den zwanziger Jahren hätten verwendet werden können: Als ein Restaurant sich partout weigerte einen ausstehenden Lohn zu bezahlen, drohte die SAC damit im Park vor den Aussentischen und dem Eingang des Restaurants eine Surströmming-Party zu feiern. Surströmming ist eine nordschwedische Spezialität aus in Salzlake vergorenem Heringen, welche bestialisch faul stinkt.

Nach einer Woche in Göteborg und einem kurzen Abstecher in Lund fuhren wir wieder in den Süden. In dieser Woche haben wir viele SAC-Mitglieder kennen gelernt, die uns freundlich empfingen und darum bemüht waren, dass wir möglichst viel über die SAC lernen konnten. Ebenso versuchten sie uns praktische Tipps für den Aufbau einer syndikalistischen Gewerkschaft in der Schweiz zu geben.

smf

Aus: Di schwarzi Chatz Nr. 20, September/Oktober 2012 (PDF)


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