Ernst Friedrich - Das Anti-Kriegsmuseum (1926)

Deutschland hat Tausende der verschiedensten Museen, in denen seltene Steine, alte Möbel und verrostete Münzen zu sehen sind. In städtischen und staatlichen Häusern werden riesige Skelette der vierbeinigen Kriechtiere von anno domini bestaunt. Unter Glas bewahrt ist die Schnupftabakdose vom alten Fritz. In kostbaren Rahmen hängt Otto der Faule nebst Vor- und Nachfahren an der Wand.

Jede Stadt und jedes Städtchen hat derartige öffentliche Häuser. Ganz besonders aber sind wir versorgt mit Kaiser- und Kriegsdenkmälern, mit Schlachten, Gemälden, unter Glas gestellten Soldatenuniformen, erbeuteten Fahnen, Orden und sonstigen Utensilien und Requisiten.

Berlin hat sogar eine ganze "Puppen"-Allee, wo alle Herrscher aller Zeiten in kostbarem Marmor verewigt stehen. Berlin hat auch ein ganz besonderes "Zeug"-Haus, wo all das viele Zeug gezeigt wird, das zum Massenmorden - von Philipp dem Wahnsinnigen bis Wilhelm dem Fahnenflüchtigen - gebraucht wurde.

Alle diese Museen und Häuser, Denkmäler und Einrichtungen dienen mehr oder weniger der Erhaltung und Pflege des alten kapitalistisch-militärischen Staatsgedanken oder dienen gar - offen oder versteckt - dem Monarchismus.

Nun aber ist man vielfach der unmaßgeblichen Meinung, daß wir seit dem 9. November 1918 eine Republik haben.

In einer vom Staatsanwalt noch nicht verbotenen und beschlagnahmten kleinen Broschüre, betitelt: "Die Verfassung des Deutschen Reiches" steht sogar folgender originelle und von der Zensur genehmigte Artikel:

Artikel 148: In allen Schulen ist sittliche Bildung staatsbürgerliche Gesinnung, persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerverständigung zu erstreben.

Die deutschen Behörden werden mich daher - so hoffe ich - nicht wieder ins Gefängnis stecken, wenn ich mir erlaubt habe, für 70 Millionen deutscher Einwohner unserer pazifistischen Republik I (in Worten: ein) Antikriegsmuseum zu gründen.

Ich gestehe, daß ich dazu weniger durch diese - wie gesagt noch - nicht verbotene und in einigen Buchläden sogar öffentlich (!) verkaufte Broschüre verhetzt bin, sondern vielmehr dazu verleitet wurde durch meine bekannt revolutionär-antimilitaristische Gesinnung.

Ich denke immer wie mein französischer Gesinnungsfreund und Bruder Barbusse: "Die Menschen sind Vergeßmaschinen!"

Es gab im November 1918 nicht einen vernünftigen Menschen, der nicht gesagt hätte: "Nie wieder Krieg!" Aber heute denkt man schon nicht mehr - wie einst - mit Ekel und Abscheu an das große Massenmorden, sondern rüstet in allen Ländern - trotz Völkerbund - zu neuem Krieg.

In der "deutschen Verfassung" steht sogar auf der ersten Seite und an erster Stelle wörtlich folgendes: Das deutsche Volk ist von dem Willen beseelt, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen.

Das deutsche Reich hätte daher schon längst als erstes unter den Völkern die höchst ehrenvolle Aufgabe gehabt, wenigstens ein einziges Friedensmuseum zu errichten, anstelle den vielen Tausenden von Kriegs- und Heldendenkmälern, die nach dem Zusammenbruch 1918 in allen Orten wie Pilze aus der Erde schössen.

Ich will den "Vergeß-Maschinen" den ganzen Wahnsinn und das größte aller Verbrechen: den organisierten Massenmord ("Krieg" genannt) in aller Nüchternheit und Ruhe vor Augen führen, daß sie sich erinnern und sehen werden. (...)

In Mörderschulen (fälschlicherweise als "Kasernen" bezeichnet) werden viele tausend gesunde Männer unterrichtet und belehrt, wie man seine Mitmenschen am schnellsten und sichersten töten kann. Diese dort ausgebildeten Berufsmörder erhalten eine staatliche Konzession für den Menschenmord, erhalten Geld, Lebensmittel und freie Wohnung und später eine staatlich garantierte Zivilversorgung.

O, ich weiß ja, ich bin zu radikal mit meinen Ansichten über Militarismus und Krieg. Aber Ihr!?
Euch ist kein Menschenabschlachtungsmittel radikal genug.

Eure radikalen Mittel dienen dem Menschentöten, meine radikale Propaganda dient dem Menschenleben.

Ihr stecht in die Gedärme der Mitmenschen mit Stahl und Eisen.

Ihr hackt Arme und Beine ab oder zerfetzt Menschenleiber in Atome.

Ihr zerschmettert den Schädel oder schneidet anderen den Hals durch.

"Das ist eben Krieg" sagt ihr. Ja, zum Teufel, das ist euer Krieg!

Aber das ist mein Krieg: Mit scharfen und schärfsten Waffen des Geistes kämpfe ich gegen den Krieg. Da ist mir kein Wort radikal genug!

Mein Temperament hat in der ganzen Welt nicht Raum genug, sich auszutoben gegen die Kriegspest.

Da will ich meine Finger blutig schreiben und meine Stimme heiser schreien: Menschen Menschen! Ihr seid wahnsinnig, ihr seid kannibalisch, wahrhaftig, oder die ganze Welt ist ein Narrenhaus.

Kriegsteilnehmer vergeßt das letzte Massenmorden nicht, kommt in das Anti-Kriegsmuseum und seht euch an und erinnert euch, wie ihr in der Lehmjauche des Schützengrabens eure Leiber ausgeschwemmt habt.

Seht euch an, wie ihr die Leiber eurer Mitmenschen zerfetzt und zerrissen habt.

Seht euch an die Photographien der Schwerkriegsverletzten, die heute noch (bedenkt: heute noch!) in den Lazaretten zernäht und zerschnitten und künstlich ernährt werden, und von denen viele mehr als 40 (vierzig) Operationen bereits hinter sich haben.

Seht euch an die Pferdefleisch- und sonstige Lebensmittelkarten, mit denen ihr euch durchgehalten habt.

Aber seht euch auch dieses an: wie eure Schlachtenlenker und Schlachtendenker in sicherer Etappe geschwelgt und gehurt haben, derweilen die Leiber eurer Brüder draußen im Stacheldraht verbluteten (…)

Ihr Kriegsteilnehmer: seht euch das alles an und erinnert euch.

Aber auch ihr Anderen und die ihr nicht draußen ward, um auf dem Schlachtfeld zu verrecken, insbesondere ihr jungen Menschen kommt und seht euch an, was im zwanzigsten Jahrhundert möglich war und nie mehr sein darf.

Ihr alle, die ihr kommt und ihr, die ihr nicht kommt, ihr habt den traurigen Mut gehabt, Menschen zu morden oder den Menschenmord zu dulden, kommt und habt den Mut, eure eigenen Schandtaten anzusehen!

Aus: Ernst Friedrich. Das Anti-Kriegsmuseum, Berlin 1926. Hier: Europäische Ideen, Berlin, Heft 29/1977, S. 32-35

Originaltext: Degen, Hans-Jürgen: „Tu was du willst“. Anarchismus – Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Verlag Schwarzer Nachtschatten 1987. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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