Ein Jahrhundert spanische Arbeiterbewegung

Wie in allen Ländern begann auch in Spanien der Kampf für den Sozialismus mit der organisierten Solidarität der Arbeiterschaft. Grosse Arbeitermassen waren durch das Manufaktursystem zusammengedrängt, vor allem in Katalonien. Als Ausgebeutete verteidigten sie ihre Interessen und damit auch ihre Freiheit und Menschenwürde, welche beständig von der absoluten Zentralgewalt des Staates und einer grenzenlos blutdurstigen klerikal-kapitalistischen Herrschaft erdrückt wurde.

All dies liess im Volk föderalistische Tendenzen einwurzeln, Ablehnung des Staates und einen zähen Hass gegen den Klerus, der die Methoden der Inquisition weiterführte. (1826 wurde der rationalistische Lehrer Antonio Ripill wegen Häresie gehenkt, sein Körper wurde verbrannt.) 1835 ein grosser Aufstand: ganz Katalonien sah Kirchen und Klöster in Flammen. Genau wie 1936 hatten diese Gebäude die Rolle von bewaffneten Festungen der Reaktion gespielt. Äusserstes Extrem der Reaktion: Karlistenaufstand, ausgehalten von Frankreich, heilige Allianz, Papst und Klerus. Alles, was in Spanien moderne Methoden in Verwaltung und Ausbeutung anstrebte, eilte dem Volk zu Hilfe, um einen Rückfall ins völlige Mittelalter zu verhüten. Am Ende grosser Kämpfe erreichten die Arbeiter 1840 das Koalitionsrecht, um ihre materiellen und moralischen Rechte zu verteidigen.

Auf solcher Basis wuchs die Bewegung fest und unabhängig heran, vertiefte sich, erwartete nichts von der Regierung in Madrid, war unermüdlich bemüht, die Erziehung als Kampfmittel gegen den klerikalen Obskurantismus anzuwenden. Niemals setzte sie ihr Vertrauen auf Transaktionen mit Kapitalisten. Sie gründete sich auf freier Vereinigung, praktizierte bei guter Gelegenheit genossenschaftliche Zusammenarbeit, erhob sich schnell zu einem mächtigen Bau der Solidarität durch föderativen Zusammenschluss. Alle Formen der direkten Aktion bejahte sie, auch den Generalstreik, in dem Bewusstsein, dass nur die vollkommenste soziale, politische, ethische, intellektuelle Umstellung die redliche Verwirklichung ihrer Ziele garantierte. In diesem Sinne beteiligte sie sich in allen anti-zentralistischen Bestrebungen, ebenso an kulturellen Bestrebungen, die das Volk vom religiösen Joch befreien wollten. Pi y Margall und sein grundlegendes Buch "Die Reaktion und die Revolution" (1854), die Werke von Proudhon, mehrere von Thomas Paine und Robert Owen beeinflussten die kämpfende Arbeiterschaft, während besonders die andalusische Bauernschaft durch "Icarien", Cabets Kommunismus angeregt wurde.

Der politische Sozialismus hatte nirgends Anhänger, ausser in Madrid. Seit 1868 - nach der politischen Septemberrevolution - breiteten die Ideen Michael Bakunins sich unter den Kämpfern von Madrid und Barcelona aus und trugen dort unmittelbar ihre Früchte, denn sie entsprachen ganz dem revolutionären, anti-religiösen und antiautoritären Sozialismus, welcher seit langen Jahren im Lande Wurzel geschlagen hatte. Und dort traf sich die spanische Bewegung mit den im Schweizer Jura und in der belgischen Sektion der Internationale erarbeiteten Ideen.

In diesem Geiste gründeten die im Winter 1868-69 ins Leben gerufenen Gruppen im Juni 1870 die Federacion Espanola de la Association Internacional de los Trabajadores (AIT) die wichtigste und lebendigste Sektion der ganzen Welt, bis 1874. Von den ersten Zusammenschlüssen 1840 bis zur CNT von heute besteht eine absolute Kontinuität der Ideologie und Organisation. Alle, die zu dieser Stunde in Spanien kämpfen unter dem Banner der neuen AIT, (Internationale Arbeiter-Assoziation, gegr. 1922) sind die Nachfolger der ersten Syndikalisten von 1840 und der mitverantwortlichen Arbeiter und Kleinhandwerker, in den folgenden Jahrzehnten bis auf die Gegenwart.

1874 — nach der Vernichtung der spanischen Republik — bewegte sich das öffentliche Leben unter dem Löschapparat der Pavia und Martinez Campos. Die Internationale nahm die Form einer Geheimgesellschaft an. Im September 1881 tauchte diese Bewegung in Barcelona wieder auf als Federación de los Trabajadores de la Region Española. Als überzeugte Internationalisten erklärten die Mitglieder Spanien nicht als ein Vaterland, sondern als eine Region der Welt. Nach drei grossen Kongressen folgte wiederum eine halb illegale Existenz, erfüllt von Verfolgungen und gewaltsamen Ausbrüchen der Unzufriedenheit unter Andalusiens Bauernschaft. Dieser Zustand der Dinge führte zur Entscheidung von 1887-88: Konstituierung zweier verschiedener Organisationen "Federacion Españiola de Resistencia al Capital" (Geheimorganisation der kämpfenden Arbeiter Barcelonas Mai 1888) und "Organizacion Anarquista de la Region Españiola" (Gruppierung aller Anarchisten der verschiedensten Richtungen, Valencia, Sept. 1888).

Nach den Generalstreiks in den Jahren 1890 und 1891 revoltierte die Arbeiterschaft Andalusiens im Jahre 1892: Folge davon: eine Periode intensivster Verfolgung und als Gipfelpunkt die Hinrichtungen auf dem Montjuich 1896-97. Trotz Lockerung und Schwächung der Verbände wurden die lokalen Einheiten nicht zerstört. Daher konnte die Reorganisation sehr schnell vorgenommen werden, als das Unwetter von 1898 vorüber war und als die Überlebenden Opfer der Prozesse vom Montjuich in Freiheit gesetzt waren. Im Oktober 1900 erfolgte in Madrid die Wiederherstellung der "Federacion de los Trabajadores de la Region Española", welche bis zum Winter 1905-06 in den verschiedensten Regionen viele Verfolgungen und eine ungleiche Entwicklung durchmachte.

Nach dem Generalstreik und den Metallarbeiter-Streiks in Barcelona 1902 fand am 3. August 1907 eine neue Sammlung statt, als eine Vereinigung von Syndikalisten, Anarchisten und Sozialisten "Solidaridad Obrera" gündete, das erste grosse Organ der iberischen Arbeiterklasse. Nach und nach nahmen hier die bewussten Anarchisten eine führende Stellung ein zusammen mit den Eingeweihten des französischen revolutionären Syndikalismus. Hieraus erklärt sich das Ausscheiden der sozialistischen Verteidiger einer politischen Wahlaktion. Diese Gründung ist seit 1916 Tageszeitung, Organ der (...) Catalana der CNT.

Im September 1908 fand ein konstitutiver Kongress in Barcelona statt. Der heftige Volksprotest gegen die Einschiffung von Soldaten nach Afrika führte zu der berühmten Generalstreik-Woche und zur bewaffneten Verteidigung gegen die Unterdrückung, welche im Juli 1909 die ganze Welt erschütterte. Von Neuem stürzte sich der weisse Terror auf die revolutionäre Avantgarde: legale Ermordung Francisco Ferrer (13 Oktober 1909).

[...] Kongress 1910; sowie endgültig durch den Kongress vom 8. bis 10. September 1911 in Barcelona wurde die Organisation über ganz Spanien ausgedehnt unter dem Namen "Confederación National del Trabajo" Und wiederum wurden die revolutionären Kämpfer verhaftet und in alle Winde zerstreut unter dem Vorwand einer Reihe von Streiks, die in Bilbao ihren Anfang nahmen. Obwohl die Basis der Gruppen niemals vernichtet werden konnte, war doch ihre öffentliche Wirkung und ihr weiteres Wachstum abgewürgt.

Die Reorganisation der katalonischen Gewerkschaftsbewegung begann 1915. Ungefähr gleichzeitig begannen die anarchistischen Gruppen, die untereinander nur eine lose Verbindung hatten, sich regional zusammenzuschliessen derart, dass diese vereinigten Regional-Gruppen schliesslich mit den portugiesischen Gruppen zusammen im Jahre 1925 die FAI gründeten (Federación Anarquista Ibérica).

Ausgelöst durch den Krieg, fand in Ferrol ein internationaler Friedenskongress statt (29 und 30. April 1915), und dort — ganz unabhängig von diesem Kongress — beschlossen viele Delegierte der CNT und Anarchisten, die CNT wieder aufzubauen. Das wurde nach und nach von Barcelona aus realisiert, wo - wie in ganz Spanien — die ökonomischen Folgen des Krieges eine gewaltige Agitation unter den Arbeitern hervorgerufen hatten. Im März 1916 hatte die katalonische Regional-Föderation ihre Beauftragten in Valencia. Es waren Bemühungen im Gange, um zu einem Abkommen mit der UGT zu gelangen. Sogar mit der Militär-Junta und mit Politikern der Opposition, die 1927 mit der Arbeiterschaft flirteten, wurde eine Zusammenarbeit versucht. Nichts Gutes kam dabei für die Organisation heraus, und die Arbeiterschaft erkannte, dass sie allein stärker war, abseits von den anderen Personen und Organisationen, von denen jede ihre eigenen Ziele verfolgte. Ein grosser Regional-Kongrese zu Sans bei Barcelona (28.6. bis 1.7.1918) und ein noch grösserer Kongress zu Madrid (10. bis 17.12.1919) repräsentierten über eine Million Mitglieder der CNT. Dort wurde der Freiheitliche Kommunismus als Endziel der Organisation erklärt.

Es wären nun noch die Beziehungen des freiheitlichen Kommunismus zu dem Kommunismus marxistischer Prägung aufzuzeigen. Immer war der spanische Zweig der Internationale der kollektivistischen Konzeption der Anarchisten treu gelieben, immer hatte er in Opposition gestanden zum autoritären Kommunismus von Marx und seinem Generalrat in London. Lafargue, Marxens Schwiegersohn und Begründer der spanischen Sozialdemokratie, versuchte vergebens die Bewegung zu spalten, er konnte nach seinem Ausschluss nur neun Mitglieder in der neuen Vereinigung zu Madrid um sich versammeln. Diese Vereinigung vertrat er auf dem Kongress im Haag 1872. Unter den neun Mitgliedern befand sich auch der Schriftsetzer Pablo Iglesias, der spätere Begründer der spanischen Arbeiterpartei. Diese Partei — im Geheimen begonnen 1879 — wurde im August 1888 auf dem Kongress von Barcelona definitiv begründet. Auch die UGT wurde in diesem Jahre gegründet, und Iglesias war gleichzeitig Präsident der Gewerkschaftsorganisation und der Partei. Der Partei war jedoch kein Wahlerfolg beschieden. Iglesias trat erst 1910 in das Parlament ein auf Grund der ersten Koalition zwischen Republikanern und Sozialisten gegen die reaktionäre Regierung Maura und die Marokkoexpedition. Ausser einigen kurzdauernden, sporadischen Erscheinungen wie Unamuno — heute Vorkämpfer Francos — war der Doktor Vera lange Zeit hindurch das einzige treue Mitglied der neuen, kleinen sozialdemokratischen Bewegung.

Unmittelbar vor dem Kriege schloss sich eine grosse Anzahl von Intellektuellen der sozialistischen Bewegung an. Unter ihnen sind heute Besteiro, Ovejero, Luis Araquistain Führer der Volksfront. Der spanischen sozialistischen Arbeiterpartei verblieb von ihrem ersten Auftreten an im Ganzen genommen eine Lokalfarbe, man nannte sie "Pabliamus" nach Pablo Iglesias, der 1925 im Alter von 75 Jahren starb, nachdem er 50 Jahre hindurch politischer (...) der Partei und der UGT gewesen war. Dieser Partikularismus der spanischen Arbeiterpartei hatte den Charakter einer typisch philantropischen Organisation angenommen, welche jenen Arbeitertyp pflegte, den Primo de Rivera wegen guter und loyaler Dienstleistungen mit Vergnügen dekorierte.

Nach der Errichtung der Diktatur Primo de Riveras 1923 praktizierten die sozialistische Partei und die UGT bekanntlich eine Politik der Angleichung an das neue Regime. Als Gegenleistung für diese "wohlwollende Neutralität" liess Primo de Rivera den Sozialisten eine gewisse Freiheit der Propaganda und förderte ihren Eintritt in die beratenden Organe der Regierung und in die paritätischen Komitees, alles gering bezahlte Posten und ebenso gern angenommen, da die Schwäche der spanischen Sozialdemokratie bis zur Stunde die Bildung einer ausgesprochenen Bürokratie, wie sie in anderen Ländern vorhanden war, verhindert hatte. Die Zusammenarbeit ging soweit, dass Largo Caballero — der heutige Sekretär der UGT — zum Staatsrat ernannt wurde. Und sogar in Bezug auf das Anerbieten von Sitzen in der Korporativen Nationalversammlung, deren Schaffung die Regierung ins Auge fasste, ergab sich eine Einmütigkeit für die Annahme im Laufe der Verhandlungen. In Madrid, wo in der UGT eine noch nicht degenerierte radikalere Opposition bestand, wurden die Führer dieser Opposition auf die Polizei zitiert: wenn man sie nicht einlud, in die sozialistische Partei einzutreten, wurde ihnen die Herausforderung zuteil, diese Opposition fortzusetzen, aber auf die Gefahr der Verhaftung.

In bestimmten Örtlichkeiten des Minengebiets von Vizcaya waren die Gewerkschaftshäuser in Händen von Kommunisten. Die Gewerkschaftshäuser wurden von der Diktatur beschlagnahmt und den Sozialisten zugeteilt.

Eine "linke" Strömung unter der Fuhrung von Prieto richtete sich gegen die Politik der engen Zusammenarbeit mit der Diktatur, wie sie von Caballero, Saborit und der Parteileitung vertreten wurde. Aber die Krise kam erst in der folgenden Periode zum Durchbruch: in der von Berenguer fortgesetzten Diktatur. Auf der einen Seite stützten sich Besteiro und Saborit auf die Gewerkschaftsbürokratie und blieben der traditionellen Politik des Quietismus treu unter dem Vorwande, die Arbeiterbewegung nicht in Abenteuer stürzen zu wollen. In Wahrheit meinten sie die Stellen zu bewahren, welche die Diktatur ihnen gegeben hatte. So gelangten sie bis zur Sabotage des Generalstreiks, der im Dezember 1930 ausbrechen sollte.

Auf der anderen Seite unterstrichen die "Linken" — Prieto und de Los Rios, zu denen noch Caballero stiess, der aus diesem Grunde die (...) hatte — ihre Taktik der Versöhnung mit den Republikanern. Sie beteiligten sich an den Vorbereitungen zur Militärrevolte, die im Dezember 1930 stattfinden sollte. Die Erhebung der Garnison von Jaca worde jedoch bekanntlich verraten. Schon jetzt spielten Prieto Caballero und de Los Rios die Rolle von Ministern der provisorischen Regierung, wie sie im Falle eines Erfolges geplant worden war. Es waren dieselben, die im April 1931 die Regierung Alcalá Zamora eintraten. Trotzdem blieb die Bewegung immer sehr schwach: 1930 zählte die sozialistische Partei 12.815 Mitglieder, die UGT 277.011.

Die kommunistische Partei ist in Spanien, wie anderswo auch, unmittelbar nach dem Krieg aufgetaucht, durch die Umformung der sozialistischen Jugend in die kommunistische Partei. Der spanische Parteikommunismus lebte dann von 1931 bis 36 in drei verschiedenen Richtungen weiter, die besonders in Katalonien zum Ausdruck kamen. Um die Verhältnisse in Barcelona selbst zu kennzeichnen, genügt die Angabe einiger Wahlziffern: bei Gemeindewahlen erhielten in Barcelona Stadt die offiziellen Kommunisten ungefähr 1.500, die Block-Kommunisten ungefähr 1.900 Stimmen. Eine Sozialistische Partei, die selbständig hätte kandidieren können, bestand in Katalonien überhaupt nicht.

Zwei oppositionelle Richtungen der Kommunisten schlossen sich in Katalonien zum heutigen POUM zusammen, vier weitere kleinere Parteien, unter ihnen die offiziellen Sozialisten und Kommunisten, zum heutigen PSUC. In Spanien hatte die UGT, die Gewerkschaftsunion der marxistischen Richtungen, vor allem im Norden, im Zentrum und im Südwesten des Landes ältere Massenorganisationen von Arbeitern, und im ganzen Lande nahm die UGT an Mitgliederzahlen zu, als sie in der Blütezeit der sozialdemokratischen Koalitionsherrschaft zu einer Art Staatsgewerkschaft gemacht und amtlich gefördert wurde wie der ADGB in Deutschland. In Katalonien entstand eine UGT erst nach dem 19. Juli 1936, als eine Anzahl bis dahin neutraler, nur katalanistisch eingestellter Gewerkschaften sich zu ihr gesellten, breite Schichten bisher unorganisierter Arbeiter und, nach Angabe der Zeitung "Treball", "das Kleinbürgertum in seiner Totalität" sich ihr anschloss.

Die CNT wurde in der Republik blutig verfolgt. Unmittelbar nach Proklamation der Republik wurde der von ihr geführte Telefonarbeiterstreik brutal niedergeschlagen, kurz darauf mit "republikanischer Artillerie" ihr Syndikatslokal in Sevilla zusammengeschossen. So wurde die CNT in gleicher Weise verfolgt in der ersten republikanischen Ära von 1931 bis 33 und in der Reaktionsherrschaft der Jahre 1934-35. Am 19. Juli 1936 stellte die CNT in allen Regionen Spaniens die tapfersten Streiter im Barrikadenkampfe gegen den Faschismus, und in verschiedenen Regionen nahm sie mehr oder weniger intensiven Anteil an der Neuordnung der sozialen Verhältnisse nach Niederschlagung der Faschisten.

Das ist, in flüchtigen Umrissen, die Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung, die einen ganz anderen Charakter trägt als die deutsche.

Der eigentliche revolutionäre Kern dieser Arbeiterbewegung, der keinerlei reformistische Korruption durchgemacht hat und immer in offenem Kampfe für die soziale Befreiung der Arbeiter seine einzige Existenzberechtigung gesehen, sind die revolutionären syndikalistischen Arbeiter. Man kann ohne jede Übertreibung sagen, dass in Spanien der Faschismus gesiegt hätte wie in den mitteleuropäischen Ländern, wenn die Bewegung der CNT und der FAI nicht Hunderttausende von seit Jahrzehnten kampfgewohnten Arbeitern vom ersten Augenblick an mobilisiert und durch ihre Aktivität schon seit 1933 zur Radikalisierung der grossen Masse der UGT-Arbeiter wesentlich beigetragen hätte.

Das Programm der CNT ist zum Ausdruck gebracht in der Prinzipienerklärung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (AIT), deren wesentliche Abschnitte wir hierhersetzen wollen:

"Der revolutionäre Syndikalismus ist die auf dem Boden des Klassenkampfes fussende Bewegung der werktätigen Volksschichten, welche die Vereinigung aller Hand- und Kopfarbeiter in wirtschaftlichen Kampforganisationen erstrebt, um deren Befreiung vom Joche der Lohnsklaverei und des staatlichen Unterdrückungsapparates anzubahnen und praktisch durchzuführen. Sein Ziel ist die Reorganisation des gesamten gesellschaftlichen Lebens auf der Basis des freien Kommunismus durch die direkte revolutionäre Aktion der Unterdrückten. Nur die Wirtschaftsorganisationen des Proletariats in Stadt und Land sind für die Erfüllung dieser Aufgaben geeignet. Der revolutionäre Syndikalismus wendet sich daher an die Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Produzenten und Erzeuger gesellschaftlicher Werte und nicht als Mitglieder der modernen politischen Arbeiterparteien, die als treibende Kraft wirtschaftlichen Wiederaufbaues nicht in Betracht kommen."

"Der revolutionäre Syndikalismus ist ausgesprochener Gegner aller wirtschaftlichen und sozialen Monopole und erstrebt deren Beseitigung durch die Wirtschaftskommunen und Betriebsverwaltungen, die durch die Industrie- und Feldarbeiter auf dem Boden eines freien Rätesystems der Arbeiter und Bauern gewählt sind, das keiner politischen Macht oder Partei unterstellt ist. Gegen die Politik des Staates und der Parteien stellt er die Wirtschaftsorganisation der Arbeit; gegen die Regierung der Menschen die Verwaltung der Dinge. Aus diesem Grunde erstrebt er nicht die Eroberung der politischen Macht, sondern die Ausschaltung jeder staatlichen Funktion aus dem Leben der Gesellschaft. Er ist der Meinung, dass zusammen mit dem Monopol des Besitzes auch das Monopol der Herrschaft verschwinden muss, und dass der Staat in jeder Form, auch in der Form der sogenannten "Diktatur des Proletariats" niemals ein Werkzeug für die Befreiung der Arbeit, sondern immer nur der Schöpfer neuer Monopole und neuer Privilegien sein kann."

"Die Aufgabe des revolutionären Syndikalismus kann wie folgt definiert werden: er führt einerseits den revolutionären Tageskampf für die wirtschaftliche, geistige und sittliche Besserstellung der Arbeiter innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung, andererseits ist sein vornehmstes Ziel, die Arbeiterschaft heranzubilden für die selbständige Verwaltung der Produktion und die Verteilung und die Übernahme sämtlicher Zweige des gesellschaftlichen Lebens. Er ist der Überzeugung, dass die Organisation einer Wirtschaftsordnung, die sich in ihrer Gesamtheit auf die Produzenten stützt, nicht durch Regierungsbeschlüsse und Staatsdekrete geregelt werden kann, sondern nur durch den Zusammenschluss aller Hand- und Kopfarbeiter in jedem besonderen Produktionszweige, durch die Übernahme der Verwaltung jedes einzelnen Betriebes durch die Produzenten selbst, und zwar in der Form, dass die einzelnen Gruppen, Betriebe und Produktionszweige selbständige Glieder des allgemeinen Wirtschaftsorganismus sind, die auf Grund gegenseitiger Vereinbarungen die Gesamtproduktion und die allgemeine Verteilung planmässig gestalten im Interesse der Allgemeinheit."

Die Verhältnisse in Katalonien und Levante, aber auch die Bestrebungen der Arbeitersyndikate in anderen Regionen des antifaschistischen Spanien zeigen, wie die Anarchosyndikalisten sich im Sinne ihres Programmes revolutionär und konstruktiv betätigen.

Dabei stehen sie unverbrüchlich zur Einheit der gesamten antifaschistischen Bewegung, mit der sie zu demokratischer Zusammenarbeit nach wie vor bereit sind. Die CNT ist davon überzeugt, dass die beiden grossen Organisationen der spanischen Arbeiter, CNT und UGT, aufeinander angewiesen sind und keine der beiden die andere bekämpfen oder gar unterdrücken kann. Das Problem der spanischen Revolution tat es, in kurzen Worten, diese beiden grossen Organisationen zu loyaler Zusammenarbeit zu führen und einen Sozialismus auf gewerkschaftlicher Grundlage durch die revolutionäre Arbeiterallianz der beiden Organisationen aufzubauen.

Dabei aber kann Spanien zu einer höheren Form des Sozialismus gelangen als bisher verwirklicht wurde. Das revolutionäre Spanien, seiner Tradition nach immer schon föderalistisch und freiheitlich, fasst diese Tendenzen auch als die Grundlagen der sozialistischen Bewegung auf. Die grösste Gefahr der Sozialen Revolution, des kommunistischen Neuaufbaus ist die Erstarrung im Bürokratismus, in der allgemeinen Militarisierung, in der Diktatur. Die syndikalistische, freiheitliche Tendenz der CNT, die in breiten Massen der spanischen Arbeiter- und Bauernschaft unausrottbar lebendig ist, bildet die beste Garantie gegen eine Entwicklung der Revolution nach dieser Richtung.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 2, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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