Kampf in Aragon

Mit drei Lastautos fuhren wir im 80 Km.-Tempo Huesca entgegen, blauer Himmel über uns. Mit Gesang vertrieb man sich die Zeit, begeistert sangen die Milicianos ihre selbstgedichteten Kampflieder. Monte Aragon, eine Burgruine, in der Geschichte Spaniens und Aragons oft erwähnt, rückt dem Auge immer näher. 1.200 Faschisten waren vor 5 Monaten in dieser "Festung" gewesen, und von allen Seiten her bedrückt zogen sie, durch die Nacht beschützt, eines Tages ab nach Huesca unter Zurücklassung einer Unmenge von Waffen und Munition; darunter waren 7 schwere Feldgeschütze. Und wie verwandelt sich auf einmal das Wetter. Der ganze Talkessel, in dessen Mitte Huesca liegt, ist grau von Nebel. Keine 20 Meter weit gibt es Sicht. Das ist wie geschaffen für uns, denn die nächsten 2 Km. liegen im Feuerbereich der faschistischen Artillerie, und wenn sie freie Sicht hatte, so könnte sie immerhin mindestens die von verschiedenen Seiten anrollenden Truppentransporte beobachten und Abwehrmassnahmen treffen.

Der Gott und alle die Heiligen, die sie um Hilfe anflehen in unzähligen Messen, Gebeten und in allerlei Zeitungen, hatte sie scheinbar verlassen und sich von ihnen abgewandt. An Arbeiterkolonnen, die beim Strassenbau beschäftigt sind, führt unsere Fahrt vorbei. Wieder taucht die Sonne auf, sie hat sich sekundenlang durch Nebel gezeigt. Dann ist wieder alles grau. In A. wird haltgemacht. Ein Strohschuppen dient als Nachtlager. Fast reichen Mantel und Decke nicht aus um die Kälte abzuwehren, und enger schmiegen wir uns aneinander, um so den Morgen zu erwarten.

Der neue Tag, der 5. Januar, sollte noch eine Kampfhandlung bringen. Zwei kleine Gruppen werden auf Patrouille geschickt, um das Gelände zu untersuchen und einen Weg in das Dorf "Arascuez" ausfindig zu machen. In der kommenden Nacht sollten wir dort einrücken um dann im Morgengrauen vereint mit anderen Milizionären der Konföderierten Division die Faschisten von 2 Bergen zu vertreiben. Wir anderen wurden auf eine Anhöhe gesandt, um von dort aus das Gelände zu studieren. Am Friedhof von A. sind eine Menge Milizionäre beerdigt, die im Verlauf der Kämpfe und Zusammenstösse dort gefallen sind. Wir machten dort eine kurze Pause.

Nachts 2 Uhr! Die Kolonnen werden geweckt, mit Essen und einem kleinen Päckchen Verbandszeug versehen, und weiter gehts dem Feinde entgegen, der noch 7 bis 8 Km. von uns entfernt liegt. Lastautos von CNT und FAI passieren uns. Die Insassen singen leise ihre revolutionären Lieder. Auch sie eilen der Kampfstätte zu. Morgen werden wir sie im Kampfe wieder sehen. Im Gänsemarsch geht es über hügeliges Gelände, einen Bach und eine Strasse, einem alleinstehenden Hause zu, einer Eremita, die 200 Meter vom Beginn der Anhöhe entfernt ist. Unter Olivenbäumen erwarten wir den Tagesanbruch. Stille ringsumher, nur ab und zu schlägt ein Pferd mit den Hufen an. Ob die Faschisten uns bemerkt haben, ob sie ebenfalls Verstärkung erhalten haben? Sie sind durch ihre befestigten Stellungen sehr im Vorteil. Mit Maschinengewehrfeuer können sie uns sehr gut im Schach halten und ausserdem bei kürzerer Entfernung mit Handgranaten vom Besteigen der Anhöhe zurücktreiben. Zahlenmässig sind wir ihnen etwas überlegen, und ausserdem, und das ist das Wesentliche, an Mut und Opferbereitschaft.

Es ist fast hell, als wir unser Versteck verlassen und uns in einen Wassergraben, der in der Richtung des Berges liegt, begeben. Die Oberleitung hatte den Plan für unsere Gruppe geändert. Wir sollten bei der Erstürmung des einen Berges uns beteiligen, und zwar nachdem die Truppen der CNT und FAI, vom Hochgebirge kommend, auf dem ersten Parapeto die schwarz-rote Fahne gehisst haben würden. Danach sollten wir mit ihnen zusammen das zweite nehmen und anschliessend die übrigen drei. Die erste Gruppe, mit Handgranaten und Gewehren bewaffnet, rückte vor. Die Artillerie setzte ein. Über uns vernahmen wir ein Sausen in der Luft, und bald darauf die Explossionen. Schwarzer Rauch steigt auf den vor uns liegenden Bergrücken auf. Vom faschistischen Parapeto war der Einschlag zu weit entfernt, um Schaden anrichten zu können. Weitere drei Schüsse folgten und bewiesen, dass sie ihren tödlichen Inhalt über unsere Feinde schütteten. Vom Gebirge her setzte nun gleichfalls Artilleriefeuer ein, gefolgt vom Geknatter der Maschinengewehre der 1. CNT — Einheit gegen das erste Parapeto.

Schon 2 1/2 Stunden liegen wir am Abhang eines Ackers, der uns vor den feindlichen Kugeln schützt. Immer noch erdröhnt die Erde vom Artilleriefeuer. Wir verzehren im Feuer den Rest der Lebensmittel, die wir besitzen. Da auf einmal sehen wir am Bergrücken oben rechts Menschen. Handgranaten fliegen durch die Luft, Rauch steigt auf in der Nähe des faschistischen Parapetos. Von beiden Seiten hämmern die Maschinengewehre. Die Menschen oben verschwinden wieder, vielleicht gelang es den Faschisten, den Angriff abzuschlagen. Von oben sausen uns nun Kugeln um die Ohren. Die Faschisten haben uns erspäht. Sie sehen nun, dass sie von drei Seiten bedroht sind.

Vor uns liegt eine Gruppe mit Handgranaten. Mutige Kerls. Drei davon haben im Österreichischen Schutzbund gestanden und im Februar 1934 schon gegen ihre klerikalen Faschisten die Waffen erhoben. Später haben sie am Aufbau illegaler Organisationen in Österreich gearbeitet. Zwei sind Tschechen, einige Deutsche und zwei oder drei Spanier. Da kommt Hans und teilt uns mit, dass der eine Tscheche einen Kopfschuss erhalten hat. Von einer deutschen Kugel wurde er getroffen. Er starb gleich darauf.

Wieder steigt Rauch auf bei dem ersten faschistischen Parapeto. Sind es Handgranaten oder ist es Artilleriefeuer? Da wieder sind ausserhalb des Stacheldrahtes Menschen zu sehen. Freistehend werfen sie Handgranaten den Faschisten entgegen. Maschinengewehre antworten ihnen. Jetzt verlassen zwei, nein drei Faschisten das Parapeto und werden von unseren Kameraden verfolgt. Ein Mann stürmt vor ohne Gewehr, ohne Schutz. Mit einigen Sprüngen hat er das Parapeto erreicht, und schon flattert auf ihm die schwarz-rote Fahne der CNT-FAI im Winde.

Ein Taumel erfasst uns. Die Kühnheit der Genossen der CNT und FAI hat uns tief ergriffen. Sie stürmen weiter. Für uns war das Signal gegeben. Vor uns gehen sie ohne Kommando mit Handgranaten vor, vorwärts auf dem Wege nach oben. Hans gibt Befehl, es ebenso zu machen. Mit 3 Mann machen wir den Anfang. Hans, Emil, Willi. Ein sonderbarer Zufall. Dieser Emil ist Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet. Im Jahre 1926-27 hat er in einem Kohlenschacht bei Zwickau in Arbeit gestanden. Schon damals war er Funktionär der deutschen Arbeiterbewegung. Ich hatte ausgelernt in einem Metallbetrieb Nordbayerns. Alle Genossen lagen arbeitslos auf der Strasse, mussten sich in andere Teile des Reiches begeben. Der sozialdemokratische Bürgermeister und Mitglied des bayrischen Landtages stützte den faschistischen Betriebsdirektor in seinem Kampf gegen die revolutionären Elemente. Auch ich zog hinaus ins Reich. Ein Agent hatte 40 Mann für eine Kohlengrube in Zwickau angeworben. Einer der 40 war ich. Mit ihnen zusammen fuhr ich nach Sachsen, und in einem Ledigenheim in Zwickau-Schedewitz, im "Polenkloster", traf ich Emil. Das sind 10 Jahre her. Heute liegen wir zusammen mit der Knarre in der Hand in Aragon. Die Betriebszeitung und die Reden von damals sind vertauscht mit den Waffen der direkten Aktion.

Mein Fuss schmerzt mich. Vor 4 1/2 Monat hatte ich ihn gebrochen. Aber gleich, wir müssen vorwärts. Ist es ein Bild, das sich unseren Augen bietet, oder ist es Wirklichkeit? Die Fahne in der rechten Hand, hinter ihm links und rechts bewaffnete Arbeiter, FAI— Genossen, Anarchisten, stürmt er voran. "Viva la F.A.I." rufen sie, Zwanzig, nein dreissig folgen ihm nun in den Kugelregen der faschistischen Banditen, und nach kurzem Kampf ist auch das zweite Parapeto erobert. Fast gleichzeitig mit ihnen langen auch wir oben an. Und schon wieder prasseln unsere Schüsse auf die übrigen befestigten Stellungen des Hügels. Drei von ihnen gibt es noch.

Von der POUM sind einige wenige Milizionäre oben. 20 Internationale, etwa 10 Spanier mögen es jetzt sein. Die grösste Anzahl der Milicianos sind FAI—Leute. Gemeinsam stürmt man jetzt vor. Im Sturm geht es auf die anderen Parapetos.

Rechts drüben steht eine 7,5 cm Feldkanone. Und dort, ganz dicht daneben, eine starke befestigte Stellung. Sechs, sieben Mann von uns gehen gemeinsam vor. Aus einem Erdloch zielt einer auf uns, aber schon ist er von zwei der unseren erspäht. Ein "Cura" (katholischer Priester) war es. Liebet eure Feinde, hat er den spanischen Kleinbauern und Dorfarmen von der Kanzel viele hundertmal gepredigt. Jetzt hat er deutsche Munition in seinem Gewehr, deutsche Explosivgeschosse gegen jene, die nichts anderes wollten, als ihr elendes Leben nicht noch mehr verschlechtern zu lassen, und die für ein freies Spanien kämpfen. Und jetzt, da er erspäht, benahm er sich wie ein Feigling, Nun... er tötet keinen der unsrigen mehr.

Der Berg ist unser. Von allen Seiten wehen jetzt unsere schwarz-roten Banner als Signal für die anderen, die sich bereit halten, die anderen "Hügel" zu erstürmen.

Ein deutscher Miliciano

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 9, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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