Partei und Revolution

Wir erinnern uns sehr gut mancher Diskussion, die wir noch in Deutschland mit Marxisten geführt haben. Fast immer traten sie mit einer starren und rücksichtslosen Doktrin auf, welche sehr wenig einer sinnvollen Auffassung fortschrittlicher Entwicklungstendenzen entsprach. Wir Anarchisten waren immer bemüht, das Leben aus sich heraus zu erfassen und durch unsere Auffassung der Revolution die Bemühungen zu unterstützen, die nicht in krampfhaft gesuchten Theorien ihre Rechtfertigung finden, sondern die auch in ihrer Deutung und theoretischen Beurteilung ein allgemeinverständliches Gesicht zeigen, weil sie den wirklichen Bedingungen entsprechen.

Die Marxisten gaben uns zu, dass sie mit uns ein Ziel hätten, dass dieses Ziel die klassenlose Gesellschaft sei, die auch sie sich "später einmal" ohne Staat, ohne agressive Gewalt und Autorität gegen den einzelnen Menschen denken können, und dass sie dieses Ziel genau so ernst erstreben wie wir. Aber sie wollen es auf seltsame Weise erreichen, nicht indem sie an der wirksamen und wachsenden Befreiung der Menschen helfen, die schrittweise vor sich geht und zu immer grösserer Wirksamkeit kommt, sondern gerade umgekehrt: Zuerst organisieren sie eine Partei. Das ist kein Zusammensehluss von Arbeitern, die in gemeinsamer Solidarität um jeden Fussbreit ihrer Lebensrechte kämpfen, sondern eine Kaserne, in der erst einmal die letzten freien Regungen ihrer Anhänger unterdrückt werden. Man bemüht sich die Posten einzunehmen, die früher von anderen eingenommen wurden. Man bringt, genau so wie die Gegner, eine Unterdrückungsmaschine in Gang, nicht nur gegen Klassengegner, sondern auch gegen alle, die nicht bis zur letzten Einzelheit jeder Haltung der Parteileitung folgen wollen.

In Spanien gehen wir einen anderen Weg. Selbst die spanischen Kommunisten bringen nicht soviel Partei-Fanatismus auf, wie dies bei Deutschen üblich ist; ganz abgesehen von den anarchosyndikalistisch denkenden Arbeitern, die diese Gedankengänge restlos ablehnen. Gegen diese den ganzen Sozialismus untergrabende Parteieinstellung ist die Haltung der CNT — Toleranz und gegenseitige Achtung der verbündeten Arbeiter-Organisationen — geeignet, Ernüchterung vom Diktaturfieber bei den Anhängern anderer Richtungen zu erzwingen. Auch wenn die CNT in manchen Dingen zu loyal ist.

Welch besonderen Instinkt die spanischen Revolutionäre, im Gegensalz zu den deutschen Parteihelden, haben, zeigt die letzte Erklärung des Rates von Aragon. Dort heisst es, es sei Zeit den Glauben auszurotten, dass eine Regierung oder ein bestimmter Organismus alles zu beschliessen habe. Nein, das Volk selbst müsse dies tun und dabei müsse ihm die Hilfe und die Begeisterung einer Leitung helfen, die sich des Vertrauens des Volkes erfreut. In diesem Sinne sei der Rat von Aragon der Ausdruck des antifaschistischen Wollens des Volkes. Der Rat drückte auch den Wunsch aus, auf dem Wege der Verständigung und der Überzeugung, unter Ausschaltung jeglichen Zwangs, seine Ziele zu verfolgen.

Nur so führt der Weg zum Ziel. Die Parteidiktatur dagegen bricht die Lebenskraft und unterdrückt allen freiheitlichen Willen, anstatt die Menschen zu erwecken.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 4, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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