Schulreform in Blanes

Man berichtet uns:

Blanes ist ein Städtchen oder grosses Dorf in der Provinz Gerona, an der berühmten und wunderschönen Costa Brava gelegen. Es hat etwa 9-10.000 Einwohner. Es hat Industrie, es war vor der Juli-Bewegung ein beliebter Sommeraufenthalt reicher und reichster Leute, und zahlreiche schöne und luxuriöse Villen beweisen das. Diese wundervollen Villen stehen am Meer. Dahinter in der Stadt gab es sonnen- und lichtlose Elendswohnungen, die hier um so furchtbarer wirken, als Sonne, Luft und Licht in so reichem Mass vorhanden sind.

Als die Bewegung im Juli die Stadt in Selbstverwaltung nahm — hier ist alles, aber auch alles ausschliesslich in Händen der CNT — hatte die Stadtkasse ein Defizit von 500.000 Pesetas und es waren 400 Arbeiter arbeitslos. Heute arbeiten alle, machen freiwillige Überstunden um des Bürgerkrieges willen, und die Stadtkasse ist schuldenlos.

Lebensmittelmangel herrscht hier auch nicht. Die wirtschaftliche Verwaltung funktioniert glänzend. Dies zu erklären ist nötig, wenn die Schularbeitsleistung gewürdigt werden soll, die hier getan oder besser gesagt vorbereitet wird. Dem Kulturat hier, der zugleich das Schulpatronat übernommen hat, steht Ramón Dominguez vor, langjähriger Kämpfer der CNT, der viele Verfolgungen erlitten hat und die Not des Kämpfers in jeder Weise kennt. Er, ein stiller bescheidener, fast unscheinbarer Mann, übrigens glänzender Versammlungs- und Propagandaredner, rat sich des Schulwesens sofort angenommen und zwar in der Weise, dass die Klosterschulen, die hier bestanden — zwei an der Zahl — sofort von der weltlichen Schule übernommen wurden. Die Klosterschulen zeichneten sich hier wie überall durch Dunkel-Männer-Geist und Sadismus aus, und wie es immer ist, hatten diese Laster auch auf die weltliche Schule übergegriffen. Vielleicht darf man wirklich von einem Lehrer des königlichen und republikanischen Spanien nicht erwarten, dass er selbständig und human denke, dazu ist er zu schlecht bezahlt und zu gering geachtet worden.

Prügeln, knien, die Arme im Kreuz, Schläge auf die Fingerspitzen und Fingerknöchel, die oft davon aufplatzten, waren an der Tagesordnung. Das erste, was Dominguez tat, war, ein Prügelverbot zu erlassen und zugleich mit dem unpädagogischen System der Belohnungen aufzuhören. Die Schulen wurden gesäubert, der Heiligenkram entfernt und im Oktober begann hier wirklich die Schule, die sonst überall auf sich warten liess. Neue Lehrer wurden herangeholt, einige der schlimmsten Prügelhelden wurden verjagt, und es wurde versucht, immer mehr und geeignete Mitarbeiter heranzuziehen. Da die Stadt auch 150 Kinder aus Aragon aufnahm und zwei musterhafte Kolonien in wundervollen Villen einrichtete, von denen die eine vom Besitzer zur Verfügung gestellt, die andere enteignet wurde, musste auch für das Schulwesen dieser Kinder gesorgt werden. Die Direktorin des gesammten Volkschul-Unterrichts von Katalonien nahm sich dessen an und installierte ihre Schwester und andere Kräfte hier.

Für die Schulorganisation, das heisst, nur für die Unterrichts-Organisation wurde ich selbst herbeigerufen. Ich half, die grosse neue Schule zu organisieren, die mit dem neuen Jahr eröffnet wurde, die "Escola d'Art i Oficis" in Blanes, die in der grossten und herrlichsten Villa eingerichtet wurde. Dieses Haus diente früher dem gelegentlichen Sommeraufenthalt eines Ehepaares. Jetzt wird darin Arithmetik, Physik Chemie, lineares und künstlerisches Zeichnen, Malen, Sprachen, Hygiene, Kinderpflege, Weltgeschichte u.s.w. gelehrt und einige Hunderte jüngerer und älterer Menschen kommen in diese Dorf-Volks-Universität, um ihr Wissen zu vervollkommnen und ihr Können zu ergänzen. Den künstlerischen Unterricht leitet Angel Flanells, der hervorragende surrealistische Künstler, der als Bäcker in der Bäckerei der Familie sein Brot verdient. Diese Schule soll und wird immer mehr und mehr ausgebaut werden. Jetzt sind nur noch alle Kräfte auf den aufgezwungenen, zerstörenden Krieg gerichtet. Wenn der vorbei ist, wird erst richtig aufgebaut werden können.

In den Volksschulen, deren es in Blanes vier gibt — die Schule für die Aragonesen nicht gerechnet — wird jetzt das Gesundheitsexamen des Schul- und Gemeindearztes, Dr. Brunet jun., endlich zur Tat gemacht, das zwar in Spanien schon lange auf dem Papier Gesetz ist, aber niemals durchgeführt wurde. Ausserdem wird versucht, ein neues Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus in hygienischer wie auch in psychologischer Beziehung anzubahnen. Der Unterricht wird kontrolliert. Die Psychologie der Kinder wird mehr berücksichtigt. Eine Klasse für die Schwer-Erziehbaren soll eröffnet werden, sobald sich der geeignete Lehrer gefunden hat. Denn Blanes leidet Mangel an Lehrern. Wir fragen hier nicht nach Examen und Titel, wir wollen uns nicht an Äusserlichkeiten halten noch stossen. Aber wer hier arbeitet, muss mehr mitbringen als den Willen, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wir haben auch regelmässige Zusammenkünfte aller Lehrer veranstaltet, um Fragen der Kinderpsychologie und des Unterrichtswesens zu studieren. Leider haben gewisse eingerissene Disziplinlosigkeiten der Lehrer, die erst ausgemerzt werden mussten, diese Arbeit noch nicht recht gedeihen lassen. Aber es ist anzunehmen, dass sie jetzt, nachdem Klarheit herrscht, eher sich wird durchführen lassen.

In Blanes befindet sich auch die "SAFA", ein grosses Unternehmen von Weltruf für die Herstellung von Kunstseide. Hierhin — da die Fabrik früher eine Hölle war und nur gebessert werden konnte, weil das Höllentum im Betrieb selbst liegt, und weil die nötigen technischen Verbesserungen nur allmählich vorgenommen werden konnten und können —  brachten die Besitzer und Unternehmer der Safa eine Garnison von Guardia Civil, für die eine eigene Kaserne erbaut wurde. Die "SAFA"" befindet sich ausserhalb des Ortes in der Nähe der Bahnstation. Die Kaserne beherrschte mit ihrem kastellartigen Bau nicht nur die Fabrik selbst, sondern auch die Landstrassen, die von den Zinnen aus mit Gewehren und Maschinengewehren beschossen werden konnten. Sie steht jetzt leer und wird zu Wohnräumen für 14 Familien eingerichtet, die dort herrliche, gesunde Wohnungen haben werden. Auch eine Schule für die Kinder der Safa-Arbeiter wird dort eingerichtet, und eine Wohnung für ein Lehrer-Ehepaar ist auch vorhanden. Diese Schule muss jetzt auch neu organisiert werden. Sie soll den Kindern der Arbeiter den weiten Schulweg in die Stadt abnehmen.

All dies zu organisieren ist natürlich eine ungeheure Aufgabe und nur möglich bei der freundschaftlichen und gewissenhaften Zusammenarbeit aller Kräfte. Es gibt hier nämlich keine Schuldirektoren. Jeder trägt selbst die volle Verantwortung für seine Arbeit und Wirksamkeit. Die wirtschaftliche Organisation hat ein früherer Lehrer, einer der beschäftigsten Menschen in Blanes übernommen. Die Unterrichtsberatung und die psychologische Anleitung soll ich geben. Auch das wird schwer sein. Die Lehrer können sieh nur sehr schwer an die Gesetze der neuen Pädagogik, an das Gedeienlassen der kindlichen Individualität, an die Freiheitlichkeit und an die Freundschaftlichkeit der Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler gewöhnen. Sie verwechseln immer noch die äussere mit der inneren Disziplin. Sie werden noch viel lernen müssen, und falls es ihnen unmöglich sein sollte, zu Wasser oder zu Lande unser schönes Blanes verlassen müssen, das seine Schulreform haben will und haben wird.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 4, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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