Auweder / Schumann - Die Strategie der CNT

»Wie schrecklich ist es, daß diese verdammte Wirklichkeit sich nicht nach der Theorie richten will« (Helmut Rüdiger)

Die CNT war in Spanien die wichtigste Verfechterin von Kollektivierung und Sozialisierung, die eigentlich revolutionäre Kraft mit dem Endziel des libertären Kommunismus. Die Kollektivierung der Betriebe und Ländereien sollte die Vorstufe zur vollständigen Sozialisierung der Gesellschaft sein, die mit Hilfe überbetrieblicher Koordinationsorgane verwirklicht werden sollte. Das soziale und kulturelle Leben würde durch die neu geschaffenen Kommunen organisiert werden. Die Möglichkeit einer siegreichen Revolution war für die Anarchisten an innere und äußere Faktoren gebunden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Zusammentreffen mußten.

»Die Revolution beginnt deshalb in dem Augenblick, indem nach Feststellung des tatsächlich vorhandenen Unterschieds zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem individuellen Bewußtsein das letztere sich, sei es nun aus Instinkt oder nach einer Analyse, gezwungen sieht, gegen die erstere vorzugehen.« (CNT, auf dem Saragossa-Kongreß 1936, in: Santillan/Peiro, s.o.,S. 170)

Am Vorabend einer als sicher erwarteten Revolution in Spanien besaß die CNT aber keine Theorie, wie sie sich im konkreten revolutionären Prozeß verhalten sollte. Dagegen entwickelte sie auf dem Saragossa-Kongreß sehr ausführlich ihre Vorstellungen von revolutionärer Aufbauarbeit und sozioökonomischer Entwicklung. In der libertären Gesellschaft sollten Kommunen und Föderationen die grundlegende Struktur bilden, wobei die Kommunen als politische und administrative Einheit verstanden wurden, auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene miteinander in Form von freien Vereinigungen verbunden.

»Die freiheitliche Kommune wird all die Dinge übernehmen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten hat, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe, Werkzeuge etc. Die Geräte sowie die Rohstoffe müssen in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen, damit diese sie direkt zum Nutzen der Gemeinschaft verwalten können.« (Saragossa-Kongreß, in: Santillan/Peiro, .S. 173)

Innerhalb der Kommune und zur besseren Verbindung der Kommunen untereinander entwickelte die CNT eine Reihe von Gremien - wie Rat der Kommune und Wirtschaftsrat - wobei sie davon ausging, daß diese Institutionen keinen bürokratischen Charakter annehmen würden, da ihre Mitglieder selbstverständlich in den täglichen Produktionsprozeß einbezogen wären und sich erst gegen Ende des Arbeitstages versammelten.

Im Rahmenprogramm des Saragossa-Kongresses kümmerte sich die CNT aber auch um die Lösung anscheinend so unaufschiebbarer und wichtiger Probbleme wie das der Liebeskrankheit: »Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel. Gegen die Liebeskrankheit, die sich in Starrsinn und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten stellt, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit dazu kommen wird.« (Saragossa-Kongreß, in: Santillan/Peiro, s.o.S. 183)

So sehr sich die CNT auch bemühte, ein Konzept der zukünftigen Gesellschaft bis in die kleinsten Details zu entwerfen, so schnell erkannte sie kurz nach Beginn des Bürgerkrieges grundlegende Fehler in ihrem Programm, vor allem im Bereich der Ökonomie. So beklagte die CNT beim Verlauf der Kollektivierungsbewegung »betriebskapitalistisches Weiterwirtschaften« der einzelnen Kollektive, die sich gegen die Einmischung der Gewerkschaft in ihre als autonom verstandenen innerbetrieblichen Kompetenzen sträubten. Es hatte sich gerächt, daß die 1931 beschlossenen Industriegewerkschaften, die sicherlich eine reibungslosere Koordination der Sozialisierung ganzer Industriezweige ermöglicht hätten, nicht vorhanden waren. Sie waren am Widerstand der FAI gescheitert.

»Die isolierten Komitees sind allein nicht die berufenen Organe zur Führung der Wirtschaft. Die Organismen höherer Ordnung die diese Aufgabe in Angriff zu nehmen haben, sind die Syndikate, das heißt nicht etwa die Berufsverbände, sondern die Industrieorganisationen, aufgebaut nach den Gesichtspunkten der produktiven Funktion der einzelnen Berufe, die in ihnen zusammengefaßt sind.« (»Die Soziale Revolution«, hrsg. v. DAS, CNT, FAI, 4. Februar 1937)

Die ursprünglich geplante freie Vereinbarung konnte also zumindest in der revolutionären Aufbauphase nicht aufrechterhalten werden. »Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem wir die Industriesyndikate brauchen. Sie sind die Organe, die allein sozialisieren können. Wenn sie nicht geschaffen werden und in Funktion treten, dann bleibt, um die Probleme der Kriegswirtschaft zu lösen, gar nichts anderes übrig als die Nationalisierung von oben, und sei es als Provisorium.« (s.o.)

Auch die Kollektivierung auf dem Lande verlief anders, als die CNT es sich in Saragossa vorgestellt hatte. Vom Ausmaß der Kollektivierungsbewegung der ersten Wochen ebenso überrascht wie vom partiellen Widerstand dagegen, bemühte sie sich um die Entwicklung einer Reihe von Kriterien, die der neuen Situation auf dem Agrarsektor gerecht werden sollten. Ziel blieb die freiwillige Kollektivierung des Bodens und der ebenso freiwillige Eintritt der Bauern in die Kollektiven.

Nicht gerechnet hatte die CNT mit dem wachsenden Widerstand der bäuerlichen Mittelschichten gegen die Kollektivierung. Traditionell gestützt auf Landarbeiter, landlose Tagelöhner und Kleinbauern, berücksichtigte die CNT im Agrarprogramm den Drang eines Teils der Bauern nach Erwerb und Bewirtschaftung des eigenen Bodens. So beschloß der regionale Bauernkongreß der CNT von Katalonien im September 1936, daß die kleineren Grundbesitzer zwischen Individual- und Kollektiveigentum wählen konnten. Die CNT fürchtete, »... auf eine Reihe von Schwierigkeiten zu stoßen, die die normale Entwicklung unseres Zieles verhindern könnten, wenn wir den gesamten Boden sofort zwangsweise kollektivieren wollten, auch den, den die genannten Märtyrer der Arbeit und der Entsagung erworben haben.« (CNT-Bauernkongreß, September 1936, zit. in: Walther Bernecker, Kollektivismus und Freiheit, S.246)

Den bäuerlichen Kleinbesitzern wurde die Bewirtschaftung des Bodens zugestanden, den sie aus eigener Kraft bearbeiten konnten, allerdings übte weiterhin die Gewerkschaft die Kontrolle über die Materialbeschaffung aus. Auch die Verwaltung der beschlagnahmten Ländereien lag in den Händen der CNT. Die Notwendigkeit einer Übergangsetappe auf dem Weg vom alten Regime in den libertären Kommunismus in Form einer Herrschaft der Syndikate - ein Punkt, den die Unterzeichner des Manifests der Dreißig 1931 schon vorhergesagt hatten - schien sich zu bewahrheiten. Die oben genannten Bemühungen der CNT um die bäuerlichen Kleinbesitzer lassen darauf schließen, daß die von der PCE angeprangerten Übergriffe der Anarchisten, die Bauern zwangszukollektivieren, wohl nur in vereinzelten Fällen erfolgt waren.

Besonders die katalanischen Milizen, die im Herbst 1936 größere Teile von Aragon zurückeroberten, versuchten in den Dörfern, die sie durchzogen, die Bauern - teilweise mit Gewalt - zur Bildung von Kollektiven zu bewegen. Vereinzelt lösten sich die Kollektiven nach dem Abzug der Milizentruppen wieder auf. Wenn also die Möglichkeit der Auflösung bestand, es aber bis etwa Mitte 1937 noch eine sehr große Anzahl von Kollektiven gab, so kann man wohl davon ausgehen, daß sie freiwillig gebildet worden waren. Dafür spricht auch die Tatsache, daß in Aragon nur selten ein Dorf zu 100% kollektiviert war.

Die Koordinierung der ländlichen Kollektivwirtschaft im nationalen Rahmen konnte erst im Juni 1937 erreicht werden. Der »Nationale Landwirtschaftsbund«, dem alle in der Landwirtschaft tätigen CNT-Mitglieder beitreten sollten, sah die Verbindlichkeit aller seiner Beschlüsse vor, was offensichtlich mit anarchistischen Grundsätzen nicht vereinbar war. Auch in diesem Bereich führten die zunehmenden Übergriffe der Volksfrontorgansiationen, allen voran der Kommunisten, und der Zwang zur nationalen Wirtschaftlichkeit im Bürgerkrieg, zu hierarchischen Organisationsstrukturen.

Auch auf politischer Ebene stellte sich für die CNT die Frage, wie sie ihr Verhältnis zum bisher immer abgelehnten Staat neu definieren sollte, da sie darauf verzichtete, auf der Macht ihrer Basis ein libertäres System aufzubauen und den Staat abzuschaffen.

Eines war den Anarchisten klar: eine Parteidiktatur wie in Rußland wollten sie nicht errichten, sie lehnten jegliche Art von Diktatur ab, auch die der eigenen Organisation. Das Problem war für die CNT einmal, daß Katalonien, wo sie theoretisch die Macht hätte übernehmen können, eine, wenn auch autonome, Provinz der spanischen Republik blieb. Zum anderen erwarteten die Anarchisten, die sich für die Einheit aller antifaschistischen Organisationen im Kampf gegen Franco einsetzten, für die Mitbeteiligung dieser Gruppierungen in Katalonien im Gegenzug deren Entgegenkommen in anderen Landesteilen. Die Nichtabsetzung der Generalitat und der Eintritt der Anarchisten in das Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen bedeutete das Eingehen von Kompromissen, die ihren Prinzipien widersprachen und in der Logik der »Legalisierung der Errungenschaften der Basis« zum Regierungsbeitritt führen mußten.

Das Fehlen jeglicher Strategien oder Handlungsanleitungen bei der Durchführung einer Revolution führte zur paradoxen Alternative: »Entweder freiheitlicher Kommunismus, was einer anarchistischen Diktatur gleichkommt, oder Demokratie, was Zusammenarbeit bedeutete.« (Garcia Oliver, Juni 1936, in: Bernecker, Kollektivismus und Freiheit, Seite 421)

Der Beschluß des katalanischen Regionalkomitees der CNT zur Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppierungen war Ausdruck der revisionistischen Strömung in der CNT, die zunehmend in organisatorischen Fragen die Oberhand gewann.

»CNT und FAI entschieden sich für die Zusammenarbeit und die Demokratie, sie verzichteten auf den revolutionären Totalitarismus, der die Revolution in einer konföderalen und anarchistischen Diktatur erstickt hätte. Sie vertrauten dem Wort und der Person eines katalanischen Demokraten und behielten und unterstützten Companys als Präsident der Generalitat.« (Garcia Oliver, Juli 1936, in: Bernecker, s.o.S.421/422)

Die Durchsetzung der Sozialen Revolution war eine Machtfrage, die die Anarchisten nun nicht mehr, wie in ihren früheren Programmen immer wieder betont, durch die Zerschlagung des alten Systems, sondern durch die Eroberung des Staates zu erreichen strebten. Je länger die CNT klare Entscheidungen in Fragen der weiteren Politik (Militarisierung der Milizen, Koordinierung der Kollektiven usw.) hinauszögerte oder in »antilibertärer« Weise löste, desto mehr entglitt ihr die Macht, desto mehr verlor sie den Einfluß auf den Gang der weiteren Ereignisse.

Zugunsten einer einheitlichen Kriegsführung gab die CNT ihren Einfluß, der sich auf die Macht der Basis und der Komitees gestützt hatte, durch Konzessionen selber immer weiter auf. Letztlich mußten die Anarchisten den Staat anerkennen, um nicht völlig an den Rand gedrängt zu werden. In Katalonien führte dies zum Eintritt in die Generalität, nur kosmetisch »Rat der Generalitat« umbenannt, und zur Auflösung des Zentralkomitees der antifaschistischen Milizen.

»Nachdem man uns wiederholt versichert hatte, daß uns keine Hilfe zuteil würde, solange die Macht des Milizkomitees, des Organs der Volksrevolution, so offensichtlich sei,... sahen wir uns vor dem Dilemma: nachgeben oder die Kampfbedingungen verschlechtern... Wir zeigten uns bereit, das Milizkomitee aufzulösen, d.h. eine revolutionäre Position aufzugeben, wie sie das spanische Volk bis dahin noch nicht gehabt hatte... Wir wußten, daß es nicht möglich war, die Revolution zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn vorher nicht der Krieg gewonnen war, und für den Krieg opferten wir alles. Wir opferten selbst die Revolution, ohne zu bemerken, daß dieses Opfer auch die Aufgabe der Kriegsziele implizierte.« (aus Abad de Santillan, Guerra, 1975, zitiert in: Bernecker, Anarchismus und Bürgerkrieg S.221)

Dem entsprach im nationalen Maßstab der Vorschlag, einen »Nationalen Verteidigungsrat« zu bilden, der die Verteidigung gegen Franco besser koordinieren sollte. Dieser Plan einer CNT/UGT-Gewerkschaftsregierung mit Beteiligung sonstiger republikanischer Kräfte unter Leitung des Präsidenten Azana scheiterte am Widerstand der anderen politischen Gruppierungen. (1)

Angesichts dieser Erfolglosigkeit änderte die CNT Ende Oktober 1936 ihre Haltung und trat in die Zentralregierung ein, ein Schritt, der nach der Regierungsbeteiligung in Katalonien vorauszusehen war.

»Wir ziehen die Bedenken der Regierungsmitglieder hinsichtlich der internationalen Situation in Betracht, und aus diesem Grund ist die CNT bereit, das größte Zugeständnis zu machen, das mit ihrem antiautoritären Geist vereinbar ist: die Regierungsbeteiligung. Dies bedeutet nicht, daß sie ihre Ideale für die Zukunft widerruft, sondern lediglich folgendes: Um den Krieg zu gewinnen und unser Volk und die Welt zu retten, ist sie bereit, mit jedermann in einem leitenden Organ zusammenzuarbeiten, ganz gleich, ob dieses Organ »Rat« oder »Regierung« genannt wird.« (CNT, vom 23.10.1936)

Mit dem Regierungsbeitritt änderte sich auch die Haltung der führenden Anarchisten in grundlegenden politischen und ökonomischen Fragen. Als Minister betrieb man Realpolitik. »Disziplin« als Grundlage des Sieges über Franco, Disziplin auch innerorganisatorisch, wurde das neue Schlagwort der anarchistischen Führer. Mit dieser theoretischen und praktischen Neuorientierung stieß die Führung der CNT allerdings bei weiten Teilen ihrer Basis auf gehörigen Widerstand.

Die Vorliebe der Anarchosyndikalisten für die Entwürfe einer zukünftigen Gesellschaft und die intensive Diskussion um die Vorbereitung einer Revolution ließ die eigentliche Revolutionsphase in den Hintergrund treten und führte zur Vernachlässigung ihrer Probleme. Unter anderem das Fehlen einer Strategie auf diesem Gebiet machte es möglich, daß aus Staatsablehnung Regierungsbeteiligung, aus libertärem Kommunismus hierarchische Gewerkschaftsbürokratie wurde. Zwar wurde nach außen weiterhin die Untrennbarkeit von Revolution und Krieg beschworen, doch in der praktischen Politik näherten sich die führenden CNTler der These der Kommunisten an: Erst Krieg, dann Revolution.

Das zentrale Problem des Anarchismus bestand also nicht nur in der Frage der Organisationsformen seiner Anhänger, sondern ebenso sehr darin, wie eine Minderheit unter Vermeidung eines Herrschaftsanspruchs alle übrigen Gruppierungen der Gesellschaft für ihre Ideale gewinnen kann. Da die vollendete Anarchie, der libertäre Kommunismus, nur dann gesichert ist, wenn sich alle freiwillig anschließen, sah sich die anarchistische Bewegung in Spanien immer gezwungen, von einer »Alles oder Nichts«-Haltung auszugehen, wenn man von den Übergangsmodellen einiger Syndikalisten einmal absieht. Diese Haltung führte dann entweder doch zur Anwendung von Gewalt oder in die Niederlage. Die Anarchisten besaßen keine Antwort - und wollten sie auch nicht besitzen - auf die Frage, wie sie sich in einer Revolution verhalten sollten, in der die mittelfristige, vielleicht aber auch die endgültige Lösung, keine reine anarchistische sein kann.

Eine anarchistische Revolution, mehr noch als eine sozialistische oder kommunistische, muß entweder auf der ganzen Linie siegen oder sie verliert. Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann nur in der Aufgabe von anarchistischen Prinzipien liegen, die jedoch gerade den Anhängern an der Basis weit mehr bedeuten - als Ausdruck einer bestimmten Lebensform und -einstellung, als alle historischen Erfahrungen, weswegen gerade sie sich vom Anarchismus als Organisation abwenden.

Fußnoten:
1.) Vor allem von anderen europäischen Anarchisten wurde der Verteidigungsrat als Möglichkeit angesehen, aus dem Dilemma einer möglichen nationalen Regierungsbeteiligung der Anarchisten herauszukommen.

Aus: H. Auweder / M. Schumann: A las barricadas. Triumph und Scheitern des Anarchismus im spanischen Bürgerkrieg. Trotzdem-Verlag, 1999. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Trotzdem-Verlags.


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