Gaston Leval - Bericht über eine Dorfversammlung in Tamarite de Litera (Provinz Huesca)

Der „prefonero“ (Ausrufer) hat sich an die Kreuzungen, auf den Dorfplatz oder andere belebte Stellen des Dorfes gestellt, und dreimal in das Hörn geblasen, um sich anzukündigen - wie die Feldhütter es in Frankreich mit ihrer Trommel tun. Dann hat er mit dieser langsamen Tenorstimme, die aus einem mit unbekannten Grund alle aragonischen „prefoneros“ sich angeeignet haben, ein Blatt laut vorgelesen, wobei er Wörter und Sätze etwas aufs Geratewohl zerhackte. Damit gab er bekannt, daß die Kollektivitätsmitglieder durch die Verwaltungskommission aufgefordert wurden, an der Vollversammlung teilzunehmen, die am selben Abend um 21 Uhr stattfinden würde.

Um 21.30 ist der örtliche Kinosaal halb und um 22 Uhr dann ganz voll. Dort sind ungefähr 600 Personen versammelt, darunter ungefähr 100 Frauen und junge Mädchen und einige Kinder.Bis zur Eröffnung der Sitzung sprechen alle, ohne jedoch zu schreien, obwohl die Bewohner dieser Gegend sehr temperamentvoll sind. Endlich besteigt der Kollektivitätssekretär die Rednerbühne. Die Leute hören auf zu reden, und der Sekretär beginnt, die notwendigen Vorkehrungen vorzuschlagen:

„Wir müssen“, sagt er, „ein Sitzungsbüro ernennen!“ Sofort meldet sich einer der Anwesenden zu Wort, um eine „Ordnungsfrage“ zu klären: „Im Saal sind Individualisten anwesend. Es sind Feinde der Kollektivität, die hier nichts zu suchen haben, sie sollen ausgeschlossen werden. Außerdem sollen die Frauen während der Diskussion den Mund halten, sonst solle man sie auch ausschließen.“

Ein Teil des Publikums scheint beiden Vorschlägen zuzustimmen, während ein anderer deutlich zögert. Der Sekretär antwortet, daß die Individualisten seiner Meinung nach den Debatten beiwohnen und sich auch äußern dürfen. „Wir haben nichts zu verheimlichen, und sie werden schließlich überzeugt werden, wenn sie sehen, wie es bei uns vor sich geht." Was die geschwätzigen Frauen angeht - es sind ja Bäuerinnen, die noch nie solchen Debatten beigewohnt haben, und sich auch zu Wort melden können - so würden sie sicher still sein, so daß es nicht nötig sein werde, derart energische Maßnahmen zu ergreifen. Alle Anwesenden stimmen zu, und die Individualisten bleiben.

Das Büro wird dann ernannt, es besteht aus zwei Genossen, die nacheinander gewählt werden. Dann hat der Vorsitzende das Wort. Er ist natürlich einer der aktivsten Militanten und weiß am besten über die Probleme Bescheid, die auf der Tagesordnung stehen. Er legt zuerst ausführlich dar, warum die Kommission diese außerordentliche Versammlung einberufen hat. Es ist zwar ein kluger Mensch, aber kein guter Redner, aber er bemüht sich, sich sehr klar auszudrücken, was ihm auch gelingt.

Erste Frage: vier Genossen der Verwaltungskommission, die ihre Aufgabe zwar nicht aus bösem Willen, sondern wegen mangelhafter Bildung nicht gut erfüllen, müssen ersetzt werden. Außerdem sei eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Delegierten für Lebensmittelversorgung geäußert worden. Er sei zwar sehr fähig, habe aber einen schlechten Charakter und ein allzu barsches Wesen, was unangenehme Reibereien besonders in den zwischenregionalen Beziehungen verursacht. Es werde also besser sein, wenn er in Zukunft den Fernaustausch versorgt, bei dem die persönlichen Kontakte eine sehr geringe Rolle spielen. Der Delegierte für Industrie und Handel könnte für die Verteilung auf lokaler Ebene sorgen und die Beziehungen zu den Kollektivitätsmitgliedern unterhalten. Die Versammlung billigt ohne unnütze Diskussion den Wechsel der Kommissionsmitglieder. Die Befugnisse des Delegierten für die lokale Versorgung werden also einerseits eingeschränkt, gleichzeitig aber auch erweitert.

Nächster Punkt der Tagesordnung: eine größere Gruppe von Mitgliedern ist soeben aus der Kollektivität ausgetreten und zur individualistischen Praxis zurückgekehrt. Da aber die Kollektivität die lokale, nicht landwirtschaftliche Produktion übernommen hat und die Backstuben zur Brotherstellung besitzt, verlangt die individualistische Gruppe eine davon. Jetzt sind die Gesichter ernst, aufmerksam und gespannt geworden. Während die Frauen leise Bemerkungen machen, ohne jedoch die Stimme zu erhaben, ergreift ein Kollektivist das Wort: „Wir sollten ihnen also für 14 Tage oder einen Monat eine Backstube leihen, damit sie Zeit genug haben, eine eigene zu bauen!“ „Nein“, antwortet ein anderer, „warum sind sie auch nicht bei uns geblieben? Jetzt sind sie weg und sollen sehen, wie sie sich selbst helfen!“ Ein dritter erklärt, es gebe sowieso schon zuviele Backstuben im Dorf, es solle also keine neue gebaut werden. Dann sprechen noch mehrere andere Teilnehmer mit dieser für die aragonischen Bauern typischen Wortsparsamkeit; als sich keiner mehr zu Wort meldet, legt der Vorsitzende seine eigene Meinung dar.

Es gehe in erster Linie darum, die Wirtschaft so gut wie möglich zu organisieren. Eine zusätzliche Backstube bauen, würde heißen, Material zu verschwenden, das für andere Zwecke gebraucht wird. Das würde auch zusätzliche Kosten an Holz und Elektrizität zur Folge haben, was wir vermeiden müssen, da die Auswirkungen einer schlechten Verwaltung nicht nur die Individualisten, sondern die gesamte Landwirtschaft treffen. Wir müssen aber zeigen, daß wir fähig sind, es besser als die Kapitalisten zu machen. Deswegen müsse man die Zahl der Backstuben sogar verringern, anstatt sie zu vergrößern. Man mache also das Brot für uns und die Individualisten zugleich! Diese werden aber die für ihren Konsum benötigte Menge Mehl liefern, und es werde eine einzige Brotqualität für alle geben. Andererseits können wir den Individualisten das Brot nicht verweigern, denn sie müssen trotz ihres Irrtums wohl auch essen können, und in einer umgekehrten Situation würden wir es ja auch begrüßen, wenn unsere Gegner die Kollektivisten nicht verhungern ließen.

Der Vorsitzende hat die Versammlung überzeugt, die nach der Fürsprache einiger Kollektivisten seinen Vorschlag ohne Widerspruch annimmt.

Die folgende Frage bezieht sich auf die Rationierung bzw. \ Nicht-Rationierung des Brotes. Dank der hohen, von der Kollektivität bezahlten Familienlöhnen kann viel Brot gekauft werden, was gewisse Übertreibungen und sogar manchmal eine Ungleichheit ermöglicht, die die Revolution nicht dulden kann. Eine Konsumgrenze solle also festgesetzt werden, damit jede Familie die nötigen Mengen bekommen kann, ohne daß es jedoch zur Verschwendung kommt.

Die Versammlung billigt die Rationierung, es entsteht aber eine Rechtsfrage: Wer soll die gefaßten Beschlüsse durchführen? Der Gemeinderat oder die Kollektivität? Der Gemeinderat umfaßt die gesamte Bevölkerung - sowohl die Individualisten, die ein Achtel der Bevölkerung ausmachen, als auch die Kollektivisten. Sorgt er für die Rationierung, so soll sie für alle gelten; wird dagegen die Kollektivität damit beauftragt, halten sich die Individualisten nicht für verpflichtet, sie einzuhalten. Verschieden Meinungen werden dann geäußert, durch die die Befugnisse der beiden Organe genauer bestimmt werden können. Es wird schließlich beschlossen, den Gemeinderat damit zu beauftragen. Sollte er sich weigern, dann würde die Kollektivität sich der Sache annehmen, soweit es ihr möglich sei.

Das Ausscheiden der Individualisten hat aber ein anderes Problem aufgeworfen. Mehrere von ihnen haben die Betreuung ihrer alten Eltern an die Kollektivität delegiert, und sich selbst auf dem früheren Grundbesitz derer niedergelassen, die sie so im Stich gelassen haben. Die solidaristisch-kollektivistische Organisation nimmt sich der Vertriebenen an, da es sich um arbeitsbehinderte Greise handelt, sie hält aber dieses Verhalten für unannehmbar. Was soll man dagegen machen?

Gleich betont der Vorsitzende, der den Streitfall eben dargelegt; hat, man könne nicht daran denken, diese armen Greise hinauszuwerfen. Er meint, man müsse ihnen also auf jeden Fall helfen und, was die Söhne betrifft, entweder nehmen sie ihre Eltern wieder auf, oder aber der Boden werde ihnen entzogen. Das ist seiner Meinung nach die Alternative. Viele Versammlungsmitglieder ergreifen nacheinander das Wort. Der erste verlangt, diesen gewissenlosen Söhnen solle die Hälfte der Ernte weggenommen werden, während ein zweiter noch einmal betont, daß es ja eine Schande wäre, diese alten Leute aus der Kollektivität zu vertreiben: man müsse alles ins Auge fassen, nur das nicht. Man kommt also auf die vom Vorsitzenden angeregte Lösung zurück: Entweder nehmen die Individualisten ihre Eltern zu sich oder sie bekommen kein Grundstück, und jede Solidarität wird ihnen verweigert. Das moralische Problem ist da ausschlaggebend. Der Vorschlag wird gebilligt.

Jedesmal, wenn ein Punkt abgeschlossen ist, d.h. bevor man zum nächsten Problem übergeht, unterhalten sich die Teilnehmer mit- einander und lassen ihren Gedanken freien Lauf. Trotzdem ist die allgemeine Unterhaltung nicht laut, und sie dauert kaum mehr als eine Minute.

Jetzt wird die Frage der Töpfereien angeschnitten, die normalerweise eine Einnahmequelle darstellen, da sie zahlreiche Dörfer und sogar Städtchen in der ganzen Region mit Krügen und Kannen beliefern. Dort werden auch Dachziegel und Backsteine produziert. Da es aber (wegen der Mobilisierung) an Kräften für die Feldarbeiten fehlt, sind auch die Töpfer auf die Felder geschickt worden, so daß sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können; andere unter ihnen sind an die Front gegangen. Darum ist die Produktion bedeutend gesunken. Was tun?

Ein Mann sagt, man solle den Arbeitstag der Töpfer von 8 auf 10 Stunden erhöhen; ein anderer, man solle die Zahl der Arbeitskräfte erhöhen, und ein Dritter macht noch einmal auf diese Lösung aufmerksam und fügt hinzu, man sollte Fachleute aus anderen Regionen heranholen. Er schlägt auch vor, die wegen der jetzigen Umstände geschlossene Kachelfabrik wieder zu eröffnen. Auf diesen letzten Punkt wird geantwortet, daß wir in Kriegszeiten leben und daß man sehr gut ohne Kacheln auskommen kann. Beifallsgelächter unter den Zuhörern, und als einige fragen, warum die Facharbeiter dieses Jahr nicht so viel wie voriges Jahr produzieren können, antwortet der Kollektivitätssekretär, der zugleich der Bürgermeister ist und alle diese Probleme gut kennt, daß früher mehrere Bezirke in Huesca eingekauft haben; nachdem diese Stadt aber den Faschisten in die Hände gefalle sei, kaufen sie in Tamarite. Am besten lasse man also die Töpfer in ihren Beruf zurückkehren und außerdem einen Aufruf in der Presse veröffentlichen, damit sich die Facharbeiter anderer Regionen in der Ortschaft niederlassen. Vorschlag gebilligt.

Damit ist die Tagesordnung abgeschlossen, und es wird zu diversen Fragen übergegangen. Einer unter den anwesenden erklärt, es gebe in Tamarite einen „alpargatero" (Leinenschuhmacher), der sein Fach sehr gut beherrscht. Man könnte also eine Werkstatt eröffnen, wo die Frauen arbeiten würden, anstatt ihre Zeit auf der Straße zu verschwatzen. Die Frauen lachen, der Vorschlag wird aber angenommen. Ein 50- 60jähriger Mann sagt, die jungen Mädchen im Dorf würden die Dinge nicht ernst genug nehmen, da sie lieber spazieren gingen, anstatt in die Werkstatt, wo sie Nähen lernen sollen. Um dem abzuhelfen, schlägt er vor, man solle eine gute Näherin als Lehrerin auswählen und den Unterricht in einer fensterlosen Kirche abhalten. Die Tür solle verschlossen sein, so daß die Mädchen während der Arbeitsstunden nicht hinausgehen könnten. Alle lachen - die Betroffenen am meisten. Mehrere Kollektivisten sagen der Reihe nach ihre Meinung und es wird am Ende beschlossen, daß in jeder Werkstatt eine Delegierte die Lehrlinge überwachen wird. Diejenigen, die zweimal nacheinander ohne triftigen Grund wegbleiben, werden nach Hause geschickt. Der aber, der sie einschließen wollte, bleibt unversöhnlich, er schlägt allen Ernstes vor - zumindest scheint es so -, daß die Mädchen, die nicht fleißig sind, zur Strafe zwei oder drei Tage nichts zu essen bekommen. Diesmal bricht die ganze Versammlung in lautes Gelächter aus.

Neues Problem: eine neue Krankenhausleiterin soll ernannt werden (so erfahren wir, daß eine Frau diese Funktion inne hat, was ziemlich ungewöhnlich ist). Dieses Krankenhaus war als Altersheim benutzt worden, aber die alten Leute werden jetzt vom Kollektivitätsarzt zu Hause gepflegt und das Bezirkskrankenhaus steht für dringende und ernste Fälle zur Verfügung. Es entsteht aber noch einmal eine Rechtsfrage, da das Krankenhaus eine allgemeine öffentliche Anstalt ist. Man muß also wissen, ob es zum Amtsbereich des Gemeinderates gehört, der einem entsprechenden Dekret der Valencia-Regierung zufolge wieder seine Funktion ausübt. Wenn ja, dann sei es die Sache aller, der Kollektivisten und der Individualisten zugleich, und die letzteren müssen sich also auch an den Kosten beteiligen. Nun habe die Kollektivität bisher alles bezahlt, so daß ihre Großzügigkeit sogar ihren Feinden zugute gekommen sei. Die Angelegenheit müsse nun gründlicher geprüft werden.

Nachdem einige weniger wichtige Fragen erörtert wurden, schließt der Vorsitzende die Sitzung. Die Versammlung hat zweieinhalb Stunden gedauert. Fast alle Teilnehmenden waren Bauern aus dem Dorf oder der Umgebung, die gewöhnlich früh aufstanden und zu dieser Jahreszeit 12 bis 14 Stunden am Tag gearbeitet hatten. (...) Es wurde schließlich noch beschlossen, daß die bisher monatlichen Versammlungen von nun an jede Woche abgehalten werden sollten.

Auf dem Nachhauseweg wurden die Debatten und Beschlüsse noch einmal kommentiert. Einige hatten einen ziemlich weiten Weg, sie gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad nach Hause.

Gaston Leval

Aus: "Die Aktion" Nr. 161/164 - Dossier zu Spanien 1936

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