Gaston Leval - Die Syndikalisierungen in Alcoy

Was die Syndikalisierungen betrifft, scheint uns Alcoy der überzeugendste und lehrreichste Fall zu sein. Als zweitgrößte Stadt in der Provinz von Alicante hatte Alcoy 1936 45.000 Einwohner und war ein wichtigeres Handels- und Industriezentrum. Insgesamt 20.000 Personen waren in der Industrie als Lohnempfänger tätig, was einen sehr hohen Prozentsatz in einem Land darstellt, in dem die erwerbstätige Bevölkerung 33 bis 35% auf nationaler Ebene erreichte. Die Textilproduktion, die nicht nur Stoffe, sondern auch Strickwaren und Wäsche erzeugte, war am meisten entwickelt und beschäftigte eine größere Anzahl von Frauen. Dann kam die Papierfabrikation.

Unsere Bewegung ging dort auf die Anfangszeit des Sozialismus, d.h. auf die Epoche der I. Internationale zurück. Sie erlebte wie überall Perioden der Ruhe und der oft sehr harten Unterdrückung. Ab 1919 verlieh ihr aber die Organisation der Industriegewerkschaften eine neue Kraft.

Es gab hier zahlreiche anarchistische Gruppen, die es im allgemeinen verstanden, zugleich auf gewerkschaftlichem Gebiet zu kämpfen und unter den Arbeitern - da sie selbst nur aus Arbeitern bestanden - ein Werk der sozialen Erziehung fortzusetzen, dessen Ergebnisse jetzt sichtbar sind. In Alcoy wurde unter Primo de Riveras Diktatur (1923 - 1930) die regelmäßig erscheinende, ausgezeichnete libertäre Zeitung Redencion sieben Jahre lang herausgegeben. Zu dieser Zeit und in der Folge war Alcoy wahrscheinlich die Stadt, welche die meisten Libertären im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung zählte und unter ihnen besonders viele junge Menschen.

Deswegen auch zählte bei meinem ersten Besuch im Februar 1937 unsere Gewerkschaft insgesamt 17.000 Mitglieder, Männer und Frauen, die der UGT (sozialistische Gewerkschaft, Anm.) dagegen nur 3.000, die nicht-revolutionären Angestellten und die kleinen antirevolutionären Kaufleute eingeschlossen, die in dieser Organisation einen Schutz für ihren sozialen Status suchten.

Diese Leute rechneten auch auf die Unterstützung der politischen Parteien, die unseren Bestrebungen natürlich feindlich gegenüberstanden. Aber unsere Genossen hatten alle für das soziale Leben wesentlichen Aktivitäten unter Kontrolle, und zwar dank unserer Gewerkschaften, deren Aufzählung hier folgt: Ernährungswirtschaft - Druckerei (Papier und Pappe) - Bau (die Architekten miteinbegriffen) – Gesundheitspflege (Medizin, Sanitätswesen, Apotheken, Friseure, Waschfrauen und Straßenkehrer) – Transport – Theater – Chemische Industrie ( Laboratorien, Parfüms, Seife usw.) – verschiedene (nicht näher angegeben) Kleinindustriezweige – Leder (Felle und Schuhe) – Textilindustrie - Holzindustrie - Industrietechniker - fahrende Kaufleute – freie Berufe (Volksschullehrer, Künstler, Schriftsteller usw.) - Bekleidung - Metallindustrie - Landwirtschaft (vor allem Gärtnereien der Umgebung).

Das sehr klare Bewußtsein von ihrer Aufgabe ließ unsere Genossen sehr schnell und genau handeln. So kam es in Alcoy nicht dazu, daß die Kontrollkomitees allzu lange nach Mitteln und Wegen suchten, oder daß die Verwaltungskomitees isoliert arbeiteten, wie wir es in anderen Orten gesehen haben. Vom ersten Augenblick an und mit großer Schnelligkeit übernahmen die Gewerkschaften die Leitung der revolutionären Initiative, die sie selbst hervorgerufen hatten - und zwar in allen Industriezweigen ohne Ausnahme. Versuchen wir jetzt die Entwicklung ihrer Realisierungen nachzuzeichnen.

Am 18. Juli war das Gerücht über einen unmittelbar bevorstehenden faschistischen Angriff, das durch ganz Spanien ging, auch in Alcoy im Umlauf. Um gegen den erwarteten Angriff der durch die Zivilgarde unterstützten Militärs und Konservativen Front zu machen, mobilisierten sich unsere Kräfte und trafen auf den Straßen Vorkehrungen für den bevorstehenden Kampf. Der Angriff fand aber nicht statt. Dann wandten sich unsere Kräfte an die von unserer Initiative überwältigten Lokalbehörden und machten einige Forderungen geltend, vor allem in bezug auf die Arbeitslosigkeit in der Textilindustrie (unsere Gewerkschaft zählte zu dieser Zeit 4.500 Mitglieder, bald darauf waren es 6.500). Sie verlangten, ohne die antifaschistische Einheit zu brechen, eine Hilfe für die Arbeitslosen, eine Krankenversicherung und schließlich die Kontrolle der Arbeiter über die Industrieunternehmen. Die Krankenversicherung wurde unverzüglich bewilligt, und im Prinzip wurde auch die Bezahlung eines Lohnes für Arbeitslose durch die Arbeitgeber sowie die Arbeiterkontrolle in Werkstätten und Fabriken gewährt.

Neue Schwierigkeiten traten aber bald zutage. Die Unternehmer ließen es zwar geschehen, daß die Kontrollkommissionen der Arbeiter ihre Bücher prüften, in die die Ein- und Verkäufe und die Gewinne und Verluste wahrscheinlich richtig eingetragen wurden, aber die Arbeiter und besonders ihre Gewerkschaften wollten weiter gehen. Sie wollten eigentlich den ganzen kapitalistischen Mechanismus kontrollieren, der die Produktion widersinnigerweise zum Stocken brachte und eine Arbeitslosigkeit zur Folge hatte, die angesichts der mangelnden Bedarfsdeckung nicht zu rechtfertigen war. Sehr schnell wurde also der Schluß gezogen, man müsse sich der Leitung der Fabriken bemächtigen und die ganze Gesellschaft umwandeln. (...)

Alles stand also unter gewerkschaftlicher Kontrolle und Leitung Darunter ist aber nicht zu verstehen, daß es sich um einige bürokratische Oberkomitees handelte, die im Namen der Gewerkschaftlermasse Entscheidungen trafen, ohne sie zu befragen. Auch hier wurde die libertäre Demokratie praktiziert. Wie in allen CNT-Gewerkschaften gab es eine zweifache Bewegung, einerseits von der Basis, d.h. der Masse der Mitglieder und Militanten, nach oben und andererseits der richtungsweisende Impuls von oben nach unten. Von der Peripherie zum Zentrum und vom Zentrum zur Peripherie, wie Proudhon es forderte, oder vor allem von unten nach oben, wie Bakunin es forderte.

Es gibt fünf allgemeine große Arbeits- bzw. Arbeiterbranchen. Die Weberei mit 2.336 Arbeitern, die Spinnerei mit 1.024 Spinnern und Spinnerinnen, die Fertigstellung mit 1.158 Fachleuten, ebenfalls Männer und Frauen, die Strick- und Strumpfwarenfabrik mit 1.360 und die Wollkämmerei mit 550 Beschäftigten.

An der Basis wählen die Arbeiter dieser fünf Fachgebiete in den Betriebsversammlungen den Delegierten, der sie bei der Integrierung der Betriebskomitees vertreten soll. Durch die Delegierten sind diese fünf Arbeitszweige im Direktionskomitee der Gewerkschaft vertreten. Die Gesamtorganisation beruht also auf der Arbeitsteilung einerseits und auf der gesamten Industriestruktur andererseits.

Vor der Enteignung bestanden die Betriebskomitees nur aus Vertretern der Handarbeiter; sie wurden später durch einen Delegierten des Büropersonals und einen anderen für die Rohstofflagerraume ergänzt. Diese Komitees werden jetzt damit beauftragt, die Produktion nach den Anweisungen zu leiten, die auf den Versammlungen beschlossen wurden, die Berichte über den Arbeitsverlauf an die verantwortlichen Gewerkschaftskomitees bzw. -Sektionen weiterzuleiten und den Bedarf an neuem technischem Material und Rohstoffen bekanntzumachen. Außerdem sollen sie die großen Rechnungen weiterleiten und die kleinen begleichen. Die Vertreter dieser fünf Arbeitszweige bilden aber bloß die Hälfte des Direktionskomitees, die andere Hälfte bildet die vom Gewerkschaftskomitee und von den Vertretern der Fabriksektionen ernannte Kontrollkommission.

Die technische Kommission ist gleichfalls in fünf Sektionen geteilt: Verwaltung, Verkauf, Einkauf, Fabrikation und Versicherungen. Ihr wurde um der notwendigen Koordinierung willen ein Generalsekretär zugeteilt. Sehen wir uns jetzt schnell die Arbeitsweise dieser Kommission an. (...)

Das ganze Personal der gesamten Industrie ist in drei Sparten eingeteilt: Handarbeiter, Zeichner und Techniker. Die Aufträge und Arbeiten werden erst verteilt, nachdem die Techniker in den Fabriken selbst zu Rat gezogen worden sind. Nie wird von oben entschieden, ohne Informationen von unten zu holen. Will man z.B. einen Stoff besonderer Art herstellen, der mehr Baumwolle als Wolle enthalten soll, oder umgekehrt, ruft man die fünf fachkundigen Arbeiter zusammen, um mit ihnen nachzuprüfen, ob und wo die technischen Produktionsmittel vorhanden sind und inwieweit man sie benutzen kann. Die Handarbeiter ihrerseits erfüllen ihre Aufgabe möglichst gewissenhaft und sind für die von ihnen geleistete Arbeit verantwortlich; wenn nötig, benachrichtigen sie die technischen Sektionen durch die Vermittlung des Betriebskomitees über die bei der Ausführung ihrer Arbeit auftretenden Schwierigkeiten.

In jeder Fabrik kommen die Zeichner, die Techniker und die Arbeiterdelegierten jeden Montag zusammen und prüfen die Bücher und die Rechnungen des Betriebes, die Leistungsfähigkeit, die Qualität der Produktion, den Stand der Aufträge und schließlich alles, was mit der gemeinsamen Arbeit zusammenhängt. Bei diesen Zusammenkünften werden keine Beschlüsse gefaßt, aber die Ergebnisse werden an die entsprechenden Gewerkschaftssektionen weitergeleitet.

Die Maschinenabteilung sorgt für die Wartung der mechanischen Arbeitsinstrumente sowie der Gebäude, in denen diese untergebracht sind. Sie veranlaßt die von den Betriebskomitees verlangten Reparaturen, wobei sie die technische Kommission befragen muß, sobald die Kosten über eine gewisse Höchstsumme hinausgehen.

Die Abteilung der Herstellungskontrolle und der Statistiken faßt Berichte über die Bilanz jeder einzelnen Fabrik oder Werkstatt ab, über den Ertrag der Rohstoffe, über technische Neuerungen, sowie die daraus resultierenden Probleme der Arbeits- und Arbeitskräfteverteilung, über den Energieverbrauch und alle Nebenfaktoren, die die Gesamtproduktion entscheiden beeinflussen können. Sie registriert auch die Maschinentransporte von einer Fabrik bzw. Werkstatt in eine andere. Die Verwaltungssektion besteht aus drei Sparten: Kasse, Buchführung, Stadt- und Industrieverwaltung. (...)

Neben diesen fünf Sektionen bzw. Untersektionen sind zwei Gruppen - eine provisorische und eine endgültige - fürs Archiv organisiert worden. Dort werden die Aktien der ehemaligen Besitzer und die von ihnen zum Zeitpunkt der Enteignungen unterzeichneten Verzichtserklärungen aufbewahrt sowie alle Dokumente über die Aktivitäten der Textilwirtschaft im neuen und im alten Regime, auch in bezug auf die Entwicklung des Arbeitsprozesses und der Geschäfte im kapitalistischen Regime.

Gaston Leval

Aus: "Die Aktion" Nr. 161/164 - Dossier zu Spanien 1936

Gescannt von anarchismus.at


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