Mercedes Camposada - Ursprünge und Aktivitäten der Gruppe 'Mujeres Libres'

Nach den revolutionären Bewegungen vom Januar und Dezember (1936, d.Übers.), die zwar nur auf begrenzte Ereignisse zurückgingen, die aber eine große Resonanz hatten - obwohl sie steril und zum Teil sogar unsinnig waren -, sperrten sich in der Zentralregion die Genossen gegen alle Ansätze, die nicht den von der Organisation vorgegebenen, verantworteten und garantierten Konzeptionen entsprachen. Damals begannen einige Grundkurse der lokalen Gewerkschaftsföderation - dort trafen sich die meisten Genossen täglich. Die Kurse scheiterten, wurden wieder aufgenommen und scheiterten wiederum. Lediglich der Deutschkurs fand regelmäßig statt, und zwar, weil die Schüler ihn als Zeitvertreib auffaßten, obwohl sich bei diesem Unterricht die wunderbare Hilfe Orobón voll engagierte. Jede gutwillige Bemühung war vergeblich. Die Schüler wurden verfolgt und eingesperrt. Da die Schülerinnen von einigen Genossen, den sogenannten "Grausamen", schlecht beeinflußt waren, verließen sie den Unterricht, weil sie die Konjugation des Verbes "haben" und den harmlosen Dreisatz mit dem verabscheuungswürdigen Intellektualismus verwechselten. Möchtest Du weise werden? Dann laß die Intellektuellen! Womit Du mich hinwegfegen kannst, habe ich genug - sagten einige. Und sicher ist, daß diese scherzhaft geäußerten Sätze wörtlich genommen wurden. Es schmerzte so viele Genossinnen zu sehen, die keine andere Lebensgrundlage hatten, als die Fußböden zu scheuern, während die Arbeiten als Sekretärin und andere angenehmere, ruhigere und besser bezahlte Stellen von den kleinbürgerlichen Frauen besetzt blieben.

Da ergriffen dann einige Genossinnen die Initiative, die bewußtesten Mädchen ("chicas") von den Genossen zu trennen, zumindest während der Zeiten des Unterrichts und dessen Vorbereitung, damit diese schneller und effizienter werde. Und wenn sie sich einmal die Fähigkeiten angeeignet hätten, ihre Persönlichkeit stabil und in sich stimmig wäre, dann sollten sie alle in die Gewerkschaften und Ateneos zurückkehren. Sie sollten aber mit Fähigkeiten und einer weiblichen Identität, mit einer eigenen Stimme zurückkehren, d.h., daß sie jede Aufgabe innerhalb der Organisation übernehmen könnten. So sollte diese Organisation auch nicht jenen Stempel bekommen, der besagte: "Nur für Männer". Das hieß auch, eine Verbindung zwischen jenen Frauen herzustellen, die den Unterricht besuchten und jenen der Ateneos und der Jugend; oder - einfach - sie auf eine menschlichere und besser bezahlte Arbeit vorzubereiten, die sie von ihrer dreifachen Sklaverei befreite: der Sklaverei der Unwissenheit, der Sklaverei als Frau und der Sklaverei als Produzentin.

Es fehlten Genossinnen oder Sympathisanten, die bei dieser Arbeit geholfen hätten. Um ein günstigeres Klima zu schaffen, brachte Lucia Sánchez Saornil die Idee auf, eine feministische Zeitschrift zu gründen, um weitere Frauen zu gewinnen. Hier liegt der Ursprung und der Grund für die Zeitschrift "Mujeres Libres", die nach und nach Frauen aus anderen Bereichen interessierte und anzog. Sie kannten vorher unsere Ideen nicht genau, hielten sie für terroristisch und zerstörerisch und haben uns deshalb abgelehnt. Weil dieses Ziel insgesamt erreicht wurde, war das Niveau von "Mujeres Libres" höher als das von vielen Genossinnen. Deshalb empörten sie sich aus gutem Grund - obwohl es ein einseitiger Grund war - und bekämpften die Zeitschrift. Aber die vollbrachte Arbeit hatte in zweierlei Hinsicht Auswirkungen: einmal nach innen, in den Grundkursen, und dann nach außen, in der Zeitschrift "Mujeres Libres".

In Barcelona leistete eine andere Kerngruppe von Genossinnen die sich den Namen "Kulturelle feministische Gruppe" gegeben hatten, sehr erfolgreiche Arbeit. Weil sie auch die Arbeit von "Mujeres Libres" in Madrid unterstützten, änderten sie ihren alten Namen in "Gruppe Mujeres Libres" um. So entstand in Barcelona und Madrid die "Gruppe Mujeres Libres". Am 19. Juli (1936, Tag des Franco-Putsches, d.übers.) bereiteten sie gerade die vierte Nummer der Zeitschrift vor, die nicht mehr erschien; denn die Feder wurde gegen Waffen ausgetauscht und die Literatur durch die Arbeit in den Blutspendezentren, durch die Besuche der Dörfer ersetzt, die sich von den Faschisten befreiten, um dort bei der Organisation der Kollektivierung zu helfen, etc.

Als sich die Aufregung legte, weil man glaubte, die Gefahr sei gebannt, schlug Lucia Sánchez Saornil die Bildung einer weiblichen Arbeitsbrigade vor, die im Bedarfsfall die kämpfenden Genossen ersetzen könnte und einen Verbindungsdienst, der die Briefe und Pakete der Kämpfer zu ihren Familien bringen sollte und umgekehrt. Es wurde außerdem eine Institution zur Befreiung der Prostitution angeregt, die die enormen Probleme lösen sollte, die durch die radikale Abschaffung der Prostitution in den Dörfern entstanden waren. Und das alles - mitten im Kampf um das belagerte Madrid -, ohne dabei die qualitativ wertvolle Bibliothek zu vergessen, die die Gruppe "Mujeres Libres" zusammengetragen hatte. Sie wollte niemals das Ziel der Emanzipation mit Hilfe der Kultur vergessen.

Mit einer Delegation in jedem Stadtteil hat man in Madrid die Gruppe in verschiedene Arbeitsbereiche aufgeteilt, die von Lucia angeregt wurden. Sie wollte auf keinen Fall Madrid verlassen, selbst in Momenten der größten Gefahr nicht, als die Fenster der Gruppe durch das Knallen von Haubitzen der Faschisten zerstört wurden, die mit Ausdauer auf der "Gran Via" kämpften. Diese Arbeitsbereiche sind: Verkehr, Gesundheit, Bekleidung, Metall, öffentliche Dienste und eine mobile Brigade, die zu jedem Arbeitsplatz eilt, wo es notwendig wird.

Zu Beginn des Kampfes hat die "Gruppe Mujeres Libres" in Barcelona kollektivierte Eßsäle in allen Stadtteilen eingerichtet und die "Kolonne Mujeres Libres" organisiert, die mit Wasch- und Bügelmaschinen an den Fronten tätig werden sollte. Als niemand an den Hunger in Madrid dachte, schickte diese Gruppe aus Barcelona mehrere Lastwagen mit Lebensmitteln. Sie haben außerdem Kurse für Krankenschwestern und für Kinderpflege organisiert und organisieren sie noch. Die Gruppe beteiligt sich an der "Revolutionären Front der Jugend" und dem Komitee für Flüchtlingsfragen.

Im Augenblick hat sie eine tatkräftige Propaganda-Kampagne in den Dörfern der Region ins Leben gerufen. Die Gruppe hat gerade das "Institut Mujeres Libres" gegründet, das sehr bald anfangen wird zu arbeiten. Sie organisieren Kurse und gewerkschaftliche Hilfe für die 15.000 Genossinnen aus dem Ernährungsbereich, für den öffentlichen Dienst, wie Straßenbahn-Fahrerinnen und Schaffnerinnen, etc.

Neben dieser Arbeit ist jene besonnene "Zeitschrift zur sozialen Orientierung und Dokumentation" nicht verschwunden. Sie hat sich in eine schwungvollere Zeitung verwandelt, die in Übereinstimmung mit den gegenwärtigen Bedingungen konstruktiv kritisiert und Richtlinien für jetzt und später aufstellt.

Und von jenem Tag an, an dem die Genossen endgültig davon überzeugt sind, daß die "Gruppe Mujeres Libres" - die es bereits über Madrid und Barcelona hinaus auch in Valencia, Alicante und in anderen Orten gibt - weder eine Nebenorganisation noch eine feministische Faustkampfgruppe ist, sondern im Gegenteil die Frau für eine gemeinsame Arbeit vorbereiten soll, etwas in der Revolution und im Krieg sehr viel Wirkungsvolleres; von da an kann die "Gruppe Mujeres Libres" nur die ganze moralische und materielle Unterstützung bekommen, die sie verdient und braucht.

Aus: "Tierra y Libertad", 27. März 1937

Originaltext: Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.


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