Mujeres Libres - Die Frauen in den ersten Tagen des Kampfes

Die Lehrerinnen pellten Kartoffeln, die Krankenschwestern scheuerten Fußböden, die Haushaltshilfen gingen zu Hauf in den improvisierten Vorbereitungsunterricht, die Feministinnen hüteten alle Kinder und übernahmen Betreuungsarbeiten in Krankenhäusern, die Modistinnen griffen zum Gewehr. Viele stellten sich mit Nähmaschine und Zubehör zur Verfügung, um Arbeitsanzüge zu nähen. Andere legten Vorräte an Brot und Getränken an und errichteten Stellungen auf den Barrikaden, um die Miliztruppen zu versorgen, die mit Lastwagen auszogen, die Dörfer wieder zurückzuerobern. Insgesamt: ein Wirrwarr an Freigebigkeit, was sympathisch und wunderbar war. Dieser Aktivitätsdrang hatte seine tiefere Begründung. Ein Wort war erklungen: Revolution! Und die Haushaltshilfe lief herbei, um sich von ihrer Unwissenheit zu befreien, die Modistin widersetzte sich der Tyrannei der Nadel, um ihre Träume nach dem Abenteuer zu realisieren. Alle brachten Arbeit und Begeisterung mit. Dieses erste Ausufern wurde kanalisiert, was dazu führte, daß Aktivitäten und Berufungen fruchtbringend eingesetzt wurden, wodurch sich das Leben der spanischen Frauen vollständig verwandelt und verbessert hat.

Nicht nur der Mann hat als Arbeiter in seinem Inneren das Verlangen gespürt, sich mit Waffen für die langen Jahre der moralischen und materiellen Sklaverei zu rächen, in der ihn das Kapital und der Klerus - jene beiden großen Plagen der Menschheit - gehalten hatten. Auch die Frau spürte die große revolutionäre Hoffnung in ihrer "dem Staub der Vergessenheit anheimgegebenen" Seele und ließ dabei die längst überholte Vorstellung beiseite, sie müsse am Klassenkampf und den sozialen Bewegungen immer unbeteiligt sein. Sie hat nicht gezögert und hat sich entschlossen auf die Straße gestürzt, um an der Seite des Arbeiters zu kämpfen, sei er nun Genosse oder nicht. Sie hat ihr junges Leben voller jugendlicher Erwartungen in den ersten Tagen des heroischen Kampfes aufs Spiel gesetzt, in denen jeder Mann ein Held und jede Frau einem Mann gleichwertig war. Doch es gibt kein Wenn und Aber in diesem langen und anhaltenden Kampf zweier Klassen, die sich hassen.

Indem die Frau das so verstanden hat, überdachte und begriff sie genau, daß sich ein Geplänkel auf den Straßen bei weitem von diesem regulären und verzweifelten Stellungskrieg unterschied. Indem sie es so verstand und damit auch ihren eigenen Wert als Frau erkannte, zog sie es vor, das Gewehr gegen die Maschine in der Industrie und die kämpferische Energie durch die milde Energie als FRAU zu tauschen. Sie hat die Front nicht entehrt, die wahre Frau Im Gegenteil: Sie hat es verstanden, dem groben Kriegsmilieu die vorsichtige Sanftmut ihrer weiblichen Psyche hinzuzufügen. Sie kümmert sich mütterlich um die von den Kämpfen erschöpft in ihrer Quartiere heimkehrenden Kämpfer und bemüht sich darum, den Optimismus auch in den schwierigen Situationen weiterhin zu erhalten, in denen der übermäßig beanspruchte Mut anfängt nachzulassen. Die Frau von heute ist kein Ballast für die Gesellschaft. Nein! An der Front kämpfen einige Frauen, andere wachen über die, die kämpfen. In der Nachhut arbeiten sie ohne Unterlaß und erweitern die Kultur, an der es bis jetzt der feministischen Bewegung gemangelt hat.

Die Frau ist dabei, sich selbst zu befreien.

Aus: "Mujeres Libres", Nr. 10, Juli 1937

Originaltext: Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.


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