Florentina - Kinder

Die beste Welt ist die der Sinne, und dafür muß man das Kind erziehen. Ich weiß sehr wohl, daß es Tausende von verblendeten Leuten gibt, die über diese Behauptung entsetzt sein werden, wenn sie sie lesen sollten. Nicht nur die Reaktionäre sind so verblendet, noch sind alle Reaktionäre Leute "von der Rechten". Unter uns Revolutionären gibt es auch eine große Anzahl von Leuten, die wenig "auf dem Laufenden" sind, die zu ihrem Bedauern unwissend und unreif sind. Zufällig werden mit den hohen amtlichen Aufgaben im allgemeinen Leute betraut, die am weitesten rückschrittlich und am wenigsten jung sind. Und da das Leben des Volkes in diesem Bereich sich nach dem Amtlichen richtet, wird uns das Unvermögen noch weiterhin belasten. Wenn die Stellen, wo Normen für das öffentliche Wohl aufgestellt werden können, mit Leuten besetzt sind, welche die Fähigkeit besitzen, für den notwendigen Fortschritt, für den öffentlichen Fortschritt einzutreten, werden sich die Dinge ändern. Und am schnellsten wird das im Schulbereich gehen. Für die Schüler wird sehr bald die Herausbildung der Sinne einen außerordentlich wichtigen Platz einnehmen. Dies zu vernachlässigen, war ein krasser Fehler des Katholizismus. ... Er richtete damit das Reinste und Gesundeste des Individuums, zugrunde: die Verehrung der Natur - bei ihm selbst angefangen, bei der Verehrung des eigenen Körpers.

"Nichts ist der Seele, was nicht vorher bereits den Sinnen gewesen ist." Deshalb ist es eine Aufgabe der Erziehung, das auszusuchen, was in die Seele eindringen und sie dabei mit Schönheit und Freude bereichern soll. Ein Wesen mit gut herausgebildeten schönen Sinnen verfügt über eine wunderbare Seele mit großen intellektuellen und sensorischen Fähigkeiten. Mit diesen großen Fähigkeiten kann es ein besseres, großzügigeres, gesünderes und heilsames Leben führen. Die Erziehung darf kein Panzer sein, um uns gegen uns selbst zu schützen, was man noch bis vor kurzem geglaubt hat; noch darf es lediglich ein Flußbett sein, in das der aufgewühlte Fluß unserer Instinkte hineingeleitet wird. Erziehung muß in erster Linie dazu dienen, dem Menschen das zu vermitteln, worüber er ein Leben lang verfügen kann. Außerdem soll er mit größter Perfektion lernen, wie er diese Fähigkeiten anwenden kann, damit die besten Ergebnisse für ihn und für die anderen dabei herauskommen.

Die anderen sind leider all diejenigen, von denen Glück und Unglück ausgeht. Ich habe neulich gehört, daß man sich selbst genügen müsse, um glücklich zu sein. Ich habe das nie verstanden. Ich habe es nie in die Praxis umgesetzt, und selbst, wenn die Behauptung stimmt, kann ich euch versichern, daß es mir leid tut; denn schon von der Konstitution her neige ich mehr zur Freude und zur Glückseligkeit, die von anderen ausgeht, als alleine zu leiden. Wenn wir die anderen also als unumgänglich für unser Leben betrachten, müssen sie durch unser enthusiastisches Beispiel erzogen werden: der Mensch, der hören und die Laute genießen kann; der riechen und sich an den Düften erfreuen kann; der fühlen und es genießen kann, bewußt zu streicheln; der schmecken kann und der seine Nahrungsmittel so aussucht, daß er sich zugleich ernähren und sich an der Natur erfreuen kann, die ihm so genüßliche Befriedigung verschafft; der sehen kann und für den die gesamte Schöpfung in voller Anmut leuchtet. Wie kann jemand jemals ein Störenfried, für einen anderen ein Unglück sein, wenn er genauso fühlen kann, wie er selbst? Ich versichere aus voller Überzeugung, daß in der Schönheit selbst die Güte liegt. Die Güte bedeutet weder Opfer noch Schmerz. Die Güte bedeutet Freude, Gesundheit, Auffassungsgabe und gegenseitiges Verständnis. Ein Mensch ist anderen Menschen verpflichtet, die wie er ein Recht darauf haben, gut zu leben, und jeder wird dafür arbeiten. Das Leben als Kunstwerk betrachtet, unterliegt individueller Verantwortung, führt aber zu gemeinsamer Freude. Jedes Leben "muß" danach streben, perfekt zu sein. Es wird es aber nicht sein, wenn es nicht zur Perfektion der anderen Leben beiträgt: Harmonie des Menschen und seiner Fähigkeiten, genauso wie Harmonie der Gestirne und ihrer Bewegungen. Wer schreit, schmutzig, besoffen usw. ist, verletzt seine eigenen Gefühle und die der anderen. …

Es ist traurig festzustellen, daß es sehr viele schon erwachsene und sogar alte Menschen gibt, die die wunderbare Spannkraft der Sinne verkennen. Das Böse spielt bei den Unwissenden eine größere Rolle als bei den Weisen. Aber es gibt weise Mathematiker, Soziologen, Künstler, die die Bereiche ihrer Sinne ignorieren, weil sie sie niemals mit denen von anderen verglichen haben. Am tragischsten ist das Problem bei den Frauen. Wie schlimm für die Frauen, daß sie die großartigen Geheimnisse ihrer Sinne nicht kennen! Solange der Mensch sich nicht insgesamt, sondern nur jedes einzelne Detail seines Körpers kennt, kann er unmöglich wirklich glücklich werden. Selbst die unbarmherzigen Krankheiten und der Tod wären weniger erschreckend, wenn sie uns ergreifen würden, nachdem wir bewußt gelebt haben. Es ist unverzeihlich, daß die Menschen sterben, ohne alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.

Die Erziehung gegen die Sinne ist wie ein aus Zement erbautes Zimmer, in das kein Licht dringen kann und aus dem die Landschaft eines wunderbaren Tales nicht zu sehen ist, die einen schönen Anblick böte. Ich weiß: Wenn wir alle unsere Sinne kennen würden, wenn wir sie gebrauchen und verfeinern, können wir sehr gut über eine Erziehung verfügen, die alle Schätze ausnutzt, ohne dabei in irgendeiner Weise rücksichtslos mit unseren Brüdern umzugehen. …

Unterricht im Freien, Musik, Düfte: Zu all dem Schönen hat die Menschheit ein Recht und noch mehr die Kindheit! Auf was warten wir, um es uns zu geben? Eine Menschheit, bei der sich nicht die unsinnigen Restriktionen festsetzen, erwartet uns vertrauensvoll. Was sind die Begrenzungen unserer Sinne anderes als die schlimmste Fäulnis? Seien wir froh, unsere Sensibilität zu haben! Seien wir froh über die Liebe, die schöpferisch und niemals schuldig ist!

Es ist vollkommen natürlich, Gefühle, Instinkte zu haben. Man muß sie mehr ausbilden und benutzen. Worauf warten die widersinnigen Schulen, in denen die Menschlichkeit eingefroren wird, bis sie ihre lebenswichtige Aufgabe ergreifen? Wissen, Wissen, ja!, weil es unverzichtbar ist. Aber noch unverzichtbarer ist es, uns selbst zu kennen. Wer von euch hat das in der Schule gelernt? Und im Leben: Hat man es euch mit Freude gelehrt? Alles nur mit Leiden! Nein, der Kult des Leidens ist im Übermaß religiös, katholisch. Auf uns wartet der Kult der Freude, der Glückseligkeit, der Natur.

Aus: "Mujeres Libres", Nr. 12

Originaltext:
Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.


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