Achim von Borries - Die unbekannte Revolution

1936-1996 - Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus - 60 Jahre Spanische Revolution

Die Unbekanntheit der Spanischen Revolution außerhalb von Spanien kommt nicht von ungefähr. Denn die spanische Sozialrevolution von 1936 war alles andere als eine kommunistische Revolution; und sie wird daher gerade von den Kommunisten bis heute entweder totgeschwiegen oder als »Verirrung«, ja als Verrat an der gemeinsamen Sache des Antifaschismus denunziert. Das entspricht der Haltung der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg selbst.

Die Republik hatte versagt

Als Mitte Juli 1936 der Aufstand der Offiziere gegen die Republik ausbrach, da scheiterte der erste Ansturm der Reaktion nicht an der Gegenwehr der republikanischen Armee, sondern an der spontanen Kampfbereitschaft der Arbeiter und Bauern. Diesen aber lag nichts ferner, als für eine "Republik" zu kämpfen, von der sie fünf Jahre lang tief enttäuscht worden waren. Das parlamentarisch-demokratische System hatte es nicht vermocht, von 1931 bis 1936 die fundamentalen sozialen Probleme des Landes zu lösen oder die Vorherrschaft der progressiven Parteien zu sichern. Arbeiter und Bauern verteidigten im Juli 1936 nicht den gesellschaftlich-politischen Status quo, sondern schufen ein sozialrevolutionäres fait accompli; sie reagierten nicht defensiv, sondern sozialrevolutionär-offensiv auf den Angriff der Rechten.

Historische Basis und treibende Kraft der spanischen Sozialrevolution von 1936 waren der spanische Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus, und sie war die einzige der großen Revolutionen dieses Jahrhunderts, in der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten die entscheidende Rolle spielten.

In fast allen anderen europäischen Ländern nur eine Randerscheinung im Gesamtspektrum der Linken, hatten Anarchisten und Anarcho-Syndikalismus in Spanien seit langem den Charakter einer Massenbewegung. Nachdem kurz vor 1870 die Ideen Bakunins in Spanien Wurzel gefaßt hatten, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer enormen Ausbreitung des Anarchismus. Die 1911 gegründete anarcho-syndikalistische Gewerkschaft CNT - Confederacion Nacional del Trabajo - zählte 1918 bereits etwa 700.000 Mitglieder. Nach Hugh Thomas hatte der Anarchismus in Spanien in den Dreißiger - Jahren eineinhalb Millionen Anhänger. Zentren des Anarchismus und Syndikalismus waren das relativ stark industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien. Ihr Anhang rekrutierte sich meist aus Industriearbeitern des Nordostens, den Landarbeitern, Kleinbauern und Handwerkern des Südens.

Während die spanischen Sozialisten, deren Hochburgen vor allem Kastilien und Asturien waren, eine Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung auf politisch-parlamentarischem Wege anstrebten, standen die Anarchisten dem politischen System mit militanter Feindschaft gegenüber und sahen in seiner Zerschlagung zugunsten kommunaler und betrieblicher Selbstverwaltung den einzigen Weg zu einem freiheitlichen Sozialismus. Die soziale Umwälzung unmittelbar nach Beginn des Bürgerkrieges war denn auch eine ausgesprochen dezentralistische Revolution, von der Spontaneität der Massen getragen. Franz Borkenau, dessen kritischer Augenzeugenbericht »The Spanish Cockpit« zu den aufschlußreichsten Darstellungen dieses Geschehens gehört, notierte Anfang August 1936 nach seiner Ankunft in Barcelona in seinem Tagebuch: »Es war überwältigend! Es war, als wenn wir auf einem Kontinent gelandet wären, verschieden von allem, was ich vorher gesehen hatte.«

Die Sozialisierung der Betriebe

Borkenau fand das Ausmaß der Enteignungen "fast unglaublich" und war überrascht, wie schnell sich das Leben in der katalanischen Metropole wieder normalisiert hatte. Ähnliches berichtete der Sozialdemokrat und Publizist Rolf Reventlow, der im Oktober 1936 nach Barcelona kam: »Am eindrucksvollsten war natürlich einmal das äußere Bild: rote und schwarz-rote Fahnen, die schwarz-roten Fahnen der Anarcho-Syndikalisten, die roten der Sozialisten, Gewerkschaftler, und dann die der katalanischen Farben der autonomistischen Parteien, die sich ja ebenfalls gegen den Putsch der Generale stellten. Von den Schuhputzern angefangen, bis zur Straßenbahn, bis zur Straßenreinigung, sämtliche Geschäfte, vor allem die großen Kaufhäuser - überall konnte man lesen, welche Organisation diese Betriebe übernommen hatte und fortführte. [...] Wichtig ist dabei, daß mit dem plötzlichen Aufhören der politischen Verwaltung des Staatsgefüges nach dem Putsche und der Gegenaktion der Arbeiterschaft in Barcelona alles eigentlich nicht automatisch, aber spontan sich wieder in Bewegung setzte. Es gab gar keine Zäsur. Die Arbeiterorganisationen übernahmen sowohl den Handel, wie die Produktion der Fabriken, deren Besitzer ja meist geflohen oder als Faschisten bekannt waren, und dann wurden diese Betriebe einfach übernommen.«

Der englische Schriftsteller George Orwell hat in »Homage to Catalonia« geschildert, wie sich ihm noch Ende 1936 das revolutionäre Barcelona darstellte: »Zum erstenmal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß... Kellner und Ladenaufseher schauten jedem aufrecht ins Gesicht und behandelten ihn als ebenbürtig. Unterwürfige, ja auch förmliche Redewendungen waren vorübergehend verschwunden... Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie... Rädchen in der kapitalistischen Maschinerie.«

Borkenau schätzt, daß 70% der Fabriken in Barcelona und etwa 50% derjenigen in Valencia von den Komitees der beiden Gewerkschaftsorganisationen, der anarcho-syndikalistischen CNT und der in Barcelona sehr viel schwächeren UGT übernommen wurden. Löhne, Arbeitsbedingungen und Produktion unterstanden fortan der Kontrolle ihrer gewählten Vertreter. Unternehmergewinne, Tantiemen und Dividenden wurden im allgemeinen abgeschafft. Der deutsche Anarcho-Syndikalist Augustin Souchy, der den Spanischen Bürgerkrieg als Leiter der »Abteilung für Internationale Information« der CNT in Barcelona miterlebt hat, erzählt: »Als die Kämpfe beendet waren, haben sich gleich in Barcelona beispielsweise bei den Straßenbahnen oder Autobussen oder Untergrundbahnen - das waren drei getrennte privatkapitalistische Gesellschaften und die Besitzer waren vorher schon ins Ausland geflohen - ... Die Arbeiter und die Straßenbahner hatten eine Versammlung im Büro der Gesellschaften und beschlossen: Jetzt wollen wir das übernehmen. Techniker waren natürlich auch dabei. Und so haben sie also diese drei Verkehrsgesellschaften - Straßenbahnen, Autobusse und Untergrundbahn - zu einer einzigen umgewandelt und das dann für sich so organisiert, daß es sogar besser funktionierte als vorher, denn man rationalisierte es."

Anarchistische Rationalisierung

Nicht selten kam es zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer Rationalisierung der Produktion. Unrentable Kleinbetriebe wurden aufgelöst bzw. zu gröberen Betriebseinheiten zusammengefaßt. Besonders erwähnt werden muß der Aufbau einer - angesichts der Kriegsumstände dringend erforderlichen - katalanischen Rüstungsindustrie durch die Arbeiter selbst.

Auch skeptisch-kritische Augenzeugen der Vorgänge in Katalonien haben die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit des Kollektivsystems im allgemeinen positiv beurteilt, ohne freilich langfristige Prognosen zu wagen. Schwierigkeiten ergaben sich auf dem Rohstoff - und Kreditsektor, und sie waren primär politisch bedingt. Die Kollektivbetriebe waren auf Kreditgewährung seitens der Banken angewiesen, die in Barcelona von der sozialistischen Minderheitengewerkschaft, der UGT, kontrolliert wurde. Überdies verweigerte die republikanische Zentralregierung im allgemeinen Kredite an Kollektivbetriebe. Auf diese Weise konnten die Gegner des Kollektivsystems dessen volle wirtschaftliche Entfaltung blockieren.

Das Kollektivierungsdekret

Die Kollektivierung vollzog sich ohne zentrale Leitung und folgte keinem einheitlichen Schema. Was sie kennzeichnete, war die Eigeninitiative der Arbeiter. Nicht um Verstaatlichung oder Kommunalisierung handelte es sich, sondern um betriebliche Selbstverwaltung. Augustin Souchy, der bereits 1937 einen detaillierten Report über die Kollektivierung veröffentlichte, betont: »Sinowjew (sagte) mir 1920 in Petrograd: ,Nein Genosse Souchy, das geht ja nicht, daß die Arbeiter die Puntilow-Werke übernehmen, das muß der Staat machen, sonst würden wir einen Kleinkapitalismus haben, statt einen Großkapitalismus von einigen.' Also ich wußte, daß der Sozialismus hier (im revolut. Span.; d. Red.) von den Arbeitern aufgebaut wurde, und ich sah darin das Wichtigste.«

Die Kollektivierung hatte auf revolutionärem Wege vollendete Tatsachen geschaffen. Am 24. Oktober 1936 fanden sie ihre gesetzlichen Bestätigungen. Das Kollektivierungsdekret der »Generalität«, der katalanischen Regionalregierung - der im Vormonat auch die CNT beigetreten war -, bestimmte, daß alle Unternehmen mit mehr als Hundert Beschäftigten zu kollektivieren wären. Betriebe mit fünfzig bis hundert Beschäftigten sollten auf Antrag von drei Viertel der Belegschaft kollektiviert werden. Die Leitung der Betriebe ging über auf fünf- oder sechsköpfige Komitees, die durch die Generalversammlung der Arbeiter bestimmt wurden. Sie hatten ein Mandat für zwei Jahre und bestimmten den Direktor. Dem Führungskomitee gehörte außerdem ein Vertreter der Regierung an.

Anarchistischer Einfluß geht verloren

Das Kollektivierungsdekret war, nach Daniel Guerin, »ein Kompromiß zwischen dem Verlangen nach Selbstverwaltung und der Tendenz zur staatlichen Oberaufsicht, gleichzeitig eine Übereinkunft zwischen Kapitalismus und Sozialismus.«

Damit spiegelte es die politische Konstellation in Katalonien im Oktober 1936 wider, die sich von der der Juli-Tage bereits unterschied. Unmittelbar nach dem 19. Juli hatten Initiative und Macht fast ausschließlich bei den Arbeiterkomitees gelegen, den eigentlichen Organen der sozialen Revolution. Die anarcho-syndikalistische CNT verzichtete jedoch darauf, ihre Alleinherrschaft zu proklamieren und durchzusetzen. Als sich die CNT Anfang September 1936 entschloß, in die »Generalität« einzutreten, wurde das »Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen" aufgelöst. Damit verschwand wenige Wochen nach der Sozialrevolution der, nach Borkenau, »most advanced outpost of a Soviet system in Spain«, also, der eigentliche Vorposten des Rätesystems in Spanien.

Umwälzungen auf dem Land

Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien war nur die eine Seite der sozialen Umwälzung im Sommer 1936. Nicht minder revolutionär waren die Vorgänge auf dem Lande, vor allem in Ost-Andalusien, Aragonien und der Levante. Die Republik von 1931 hatte vor allem auf dem Agrarsektor versagt. Zahlreiche lokale Revolten, die Besetzung von Latifundien durch Landarbeiter und die Bildung einzelner Kollektive schon vor Ausbruch des Bürgerkrieges signalisierten die fundamentale Bedeutung der Agrarfrage in einem Lande, dessen zwei Millionen Industriearbeitern etwa 4,5 Millionen Landarbeiter gegenüberstanden.

Im Juli 1936 ergriffen Landarbeiter und Kleinbauern die Initiative und übernahmen die Ländereien der meist schon geflohenen Großgrundbesitzer oder schlossen ihre Kleinbetriebe zu örtlichen Kollektiven zusammen. Auch hier handelte es sich nicht um einen von oben gelenkten und zentral geleiteten oder auch nur koordinierten Vorgang. Treibende Kraft und organisatorische Basis waren durchwegs die lokalen Syndikate der Landarbeiter und Bauern. Auf örtlicher Ebene kam es weithin zu einer Kooperation von Anarchisten und Sozialisten, während die Kommunisten eine eindeutig antikollektivistische Politik verfolgten. Dazu Rolf Reventlow: »Tatsache ist, daß nur auf dem Landwirtschaftlichen Betrieb sowohl die sozialdemokratisch orientierte UGT wie die anarcho-syndikalistische CNT auf die Gestaltung des Großbetriebes und auf kollektive Betriebsführung ausgerichtet waren. Das war nicht Kollektivierung wie die in Sowjetrußland, die verordnet, angeordnet und durch militärische Gewalt herbeigeführt wurde, sondern eine ganz spontane Bewegung aus diesen beiden Organisationen heraus, die zwar Raum blieb für Familienbetriebe; das waren aber, wie der spanische Landarbeiterverband in der Sitzung seines Nationalkomitees vom 23. Dezember 1936 schon feststellte, eine ganz kleine Minderheit. Es gab natürlich anderswo Bauern oder Pächter, die das Land in Besitz genommen hatten und nicht bereit waren, den Kollektiven bzw. den Genossenschaften beizutreten. Sie wurden von den Kommunisten in ihrer lebhaften Propaganda sozusagen ,eingekauft', d.h., sie wurden aufgenommen in die Organisation; sie waren bis dahin unorganisiert. Und die kommunistische Politik unter dem kommunistischen Landwirtschaftsminister Uribe ging eigentlich auf die Aufteilung des Landes an einzelne Landwirte hinaus. Sie legten den Genossenschaften die gröbsten Schwierigkeiten in den Weg.«

In Aragon entstanden 450 lokale Kollektive recht unterschiedlicher Größenordnung mit insgesamt 433.000 Mitgliedern. Für die Levante wird diese Zahl von etwa 350 Kollektiven genannt. Im Zentrum und im republikanischen Teil von Andalusien gab es weitere 250 Kollektive und in Katalonien etwa 250. Gaston Leval schätzt, daß 1937 rund 3 Millionen Menschen in landwirtschaftlichen Kollektiven lebten.

Angesichts der unzulänglichen Nutzung des privaten Großgrundbesitzes und der Unrentabilität des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes in den meisten Teilen Spaniens war die Kollektivierung ökonomisch sinnvoll und offensichtlich auch erfolgreich. Die Produktionsmethoden wurden durch eine stärkere Mechanisierung auf kollektiver Basis modernisiert. Sie befreite die Landbevölkerung von der jahrhundertelangen drückenden Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Kirche und der lokalen Repräsentanten der Staatsmacht. Die Kollektive schufen eigene Alters- und Krankenversicherungen, sie stellten ihren Mitgliedern eine kostenlose medizinisch-ärztliche Versorgung zur Verfügung; sie sorgten für den Bau von Bildungseinrichtungen. Ein ungelöstes Problem freilich blieb Wohlstandsgefälle zwischen den verschiedenen örtlichen Kollektiven.

Zu einer juristischen Fixierung der neuen Eigentumsverhältnisse auf dem Lande kam es nicht mit Ausnahme von Katalonien. Weder wurden die entstandenen Kollektive gesetzlich gesichert, noch erhielten die nicht kollektivwilligen Bauern eine Garantie ihres Eigentums - ein Umstand, der auf beiden Seiten zu erheblicher psychologischer Unsicherheit führte. Nutznießer dieser Situation waren insbesondere die Kommunisten, die sich den bäuerlichen Eigentümern als Schutzmacht empfahlen.

Kommunisten gewinnen an Einfluß

Nicht selten war es bei der Kollektivierung zumindest zu einem starken psychologischen Druck, mitunter auch zur Anwendung von physischer Gewalt gegen Widerstrebende gekommen. Zudem kostete die Rücksichtslosigkeit, mit der etwa die berühmte Kolonne Durruti vorging, die Anarchisten insgesamt viele Sympathien.

Auch davon profitierten vor allem die Kommunisten seit Spätherbst 1936. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges waren die spanischen Kommunisten politisch von geringer Bedeutung gewesen; bei den Parlamentswahlen von Februar 1936 brachten sie es auf ganze 16 Mandate. Die Zahl der Parteimitglieder betrug etwa 30-40.000. Im Frühjahr 1937 gab die Partei ihre Zahl mit etwa 250.000 an, davon nur 35,2% Industriearbeiter, 25% landwirtschaftliche Arbeiter, 30,7% bäuerliche Eigentümer oder Pächter, 6,2% Angehörige des städtischen Bürgertums und 2,9% Intellektuelle und Beamte.

Für diese erstaunliche Entwicklung gab es mehrere Gründe. Zum einen wirkte sich die Waffenhilfe, die die Sowjetunion der Republik seit September 1936 zukommen lieb, psychologisch zugunsten der Kommunisten aus. Sodann zeigten diese im militärisch-administrativen Bereich beachtliche organisatorische Fähigkeiten, die gerade in den Krisenmonaten des Herbstes 1936 der Republik zugute kamen. Denn es hatte sich gezeigt, daß das republikanische Lager einer militärischen Reorganisation bedurfte, um erfolgreich wider stehen zu können.

Kriegsführung

Ebenso notwendig war eine einheitliche Kriegsführung. Die verschiedenen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Linken hatten eigene Milizen aufgestellt. Das Milizsystem bedeutete eine sozialrevolutionäre Errungenschaft. George Orwell, der der Miliz der links-sozialistischen-revolutionären POUM angehörte, war vor allem vom Geist der Einheit tief beeindruckt: »Der wesentliche Punkt dieses Systems war die soziale Gleichheit zwischen Offizieren und Soldaten. Jeder, vom General bis zum einfachen Soldaten, erhielt den gleichen Sold, die gleiche Verpflegung, trug die gleiche Kleidung und verkehrte mit den anderen auf der Grundlage völliger Gleichheit... Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hackenzusammenschlagen und kein Grüben. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell der klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hätte.«

Die Milizen verlieren ihre Autonomie

Ein gewisser Mangel an Disziplin und das Operieren der Milizen auf eigene Faust erwiesen sich als Schwächen des Systems. So wurden die Milizen im September/Oktober 1936 nicht aufgelöst, aber in die neugeschaffene »Volksarmee« eingegliedert. Das war vom rein militärischen Standpunkt aus, kurzfristig zweifellos zweckmäßig, politisch aber nicht unbedenklich.

Die militärische Reorganisation war nur ein Teil jener Integration des republikanischen Lagers, die ihren sinnfälligsten Ausdruck am 4. November 1936 mit dem Eintritt der Anarchisten und Syndikalisten in die Volksfrontregierung Caballero fand. Der Entschluß der anarcho-syndikalistischen Führungsspitze, der Regierung Caballero beizutreten, kam auf dem Hintergrund der radikalen, antipolitischen Tradition des spanischen Anarchismus einer historischen Entscheidung gleich. Die Anarchisten übernahmen vier Ministerien, darunter das Justizministerium.

Diese anarchistischen Minister kamen sehr bald in eine fatale Situation. Faktisch hatten sie mit ihren Eintritt in das Kabinett die Parole »Erst der Krieg - dann erst die Revolution« akzeptiert; sie übernahmen nun die Mitverantwortung für eine Politik der »Normalisierung« im republikanischen Lager, deren restaurativer Charakter unverkennbar war. Diego Abad de Santillan, der führende Wirtschaftstheoretiker des spanischen Anarchismus, der im Herbst katalanischer Wirtschaftsminister geworden war, bekannte 1940 selbstkritisch: »Wir wußten, daß es nicht möglich war, den Sieg zu erringen, wenn man nicht vorher im Krieg gesiegt hatte. Wir haben die Revolution geopfert, ohne zu begreifen, das diese Opfer auch den Verzicht auf die eigentlichen Ziele des Krieges mit sich brachte.«

Anarchisten in der Regierung - Kommunisten fordern »starken Staat«

Die Kommunisten taten alles, die Entwicklung zum "starken Staat" zu fördern. Borkenau sagt: »Im Namen der ,antifaschistischen Einheit' kämpften die Kommunisten für einen bürokratisch-militärischen Zentralismus um jeden Pries. Ihre eindeutig anti-revolutionäre Politik resultierte primär aus ihrer engen Bindung zur Sowjetunion. Diese engagierte sich in Spanien zwar, in gewissen Grenzen, für die Republik, aber gegen die Revolution! [...] Nach wie vor blieb es der Sowjetunion vorbehalten, den antifaschistischen Kampf aktiv zu unterstützen. Die Republik mußte diese Hilfe teuer bezahlen. Denn mit den russischen Waffen kamen auch russischen Berater nach Spanien und es kamen, nicht zuletzt, die Abgesandten der GPV (Geheimdienst). Ihre Aktivität galt vor allem der Verfolgung und Beisetzung der antistalinistischen Linken.«

Das republikanische Spanien, insbesondere Katalonien, wurde zum Nebenkriegsschauplatz des stalinistischen Vernichtungsfeldzug gegen die nicht-bolschewistische, revolutionäre Linke. Die "Prawda" erklärt am 17. 12. 1936 : »Was Katalonien angeht, so hat die Säuberung von Trotzkisten und Anarchisten begonnen. Und sie wird mit derselben Energie durchgeführt, wie in der UDSSR.«

Der Kampf um die Telefonzentrale in Barcelona

Anfang Mai 1937 erreichte die Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und den Linken in Barcelona ihren blutigen Höhepunkt. Am 3. Mai drang der Ordnungsbeauftragte der Generalität, Rodrigues Salaz, ein Mitglied der von den Kommunisten kontrollierten »Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens«, mit einer Gruppe Bewaffneter Zivilisten in das seit 1936 von der CNT besetzte Gebäude der Telefonzentrale von Barcelona ein. Die Nachricht verbreitete sich durch die Stadt und mobilisierte die Arbeiter. In ganz Barcelona wurde zum Streik aufgerufen, und binnen Kurzem wurden Barrikaden errichtet. Die Arbeiterschaft war sich der Gefahr bewußt, die den Errungenschaften des Juli 1936 drohte. Der fortschreitenden Drosselung der Revolution mußte Paroli geboten werden. Drei Tage lang stand die katalanische Hauptstadt im Zeichen blutiger Kämpfe zwischen Arbeitern und »Ordnungskräften«.

Schließlich eilten aus Valencia zwei anarchistische Minister nach Barcelona und beschworen die Arbeiter, die Waffen niederzulegen, während die POUM - Führung sie aufforderte, auf den Barrikaden zu bleiben. Am 7. Mai verzichteten die Arbeiter auf die Fortsetzung des Kampfes. Am selben Tag marschierten 6000 Sturmgardisten, die Elitetruppe der Republik, in Barcelona ein. Die Auseinandersetzungen hatten etwa 500 Tote und 1000 Verwundete gekostet.

Die Kommunisten nahmen die Mai-Ergebnisse zum Vorwand, die sofortige Illegalisierung und Auflösung der revolutionär-marxistische POUM zu fordern. Mitte Mai trat die Regierung zurück. Der neue Ministerpräsident Juan Negrin, in dessen Kabinett die Anarchisten nicht mehr vertreten waren, zeigte sich den Kommunisten gegenüber gefügiger. Die offene Verfolgung der POUM begann. Ihr Vorsitzender Andres Nin wurde entführt und ermordet. Eine Verhaftungswelle traf Mitglieder und Sympathisanten der POUM, die Mitte Juni für illegal erklärt wurde.

Die Republik löst die Kollektive auf

Was sich schon im Herbst 1936 angebahnt hatte, wurde Mitte 1937 zur unwiderruflichen Grundtendenz innerhalb des republikanischen Lagers: Die sozialrevolutionäre Linke befand sich endgültig in der Defensive. Das Kollektivsystem war einem permanenten Schrumpfungsprozeß unterworfen.

Die 11. Armeedivision unter dem Kommunisten Enrique Lister - später Vorsitzender des Moskautreuen Flügels der spanischen KP- ging gegen die lokalen Komitees vor und löste zahlreiche landwirtschaftliche Kollektive mit Gewalt auf. In Katalonien wurde die Anwendung des Kollektivierungsdekrets als »mit dem Geist der Verfassung nicht vereinbar« außer Kraft gesetzt. Die Regierung unternahm große Anstrengungen, die Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen, was den Londoner »Economist" am 26. Februar 1938 zu der Feststellung veranlaßte: »Der Eingriff des Staates in die Industrie wirkt der Kollektivierung und der Arbeiterkontrolle entgegen und läßt das Prinzip des Privateigentums wieder zur Geltung kommen.«

Schon vor Ende des Bürgerkrieges ist die Revolution verloren

So war die soziale Revolution verloren, lange ehe der Bürgerkrieg verloren ging. Die Weichenstellung zu Ungunsten der Revolution zwischen Spätherbst 1936 und Frühsommer 1938 läßt sich nicht bündiger formulieren als mit den Worten des italienischen Anarchisten Bertoni, verfaßt an der Huesca-Front: »Der spanische Krieg, dem aller neue Glaube, alle Ideen der gesellschaftlichen Umwandlung, alle revolutionäre Größe genommen worden ist, bleibt ein Ringen auf Leben und Tod, ist aber kein Krieg mehr, der eine neue Ordnung und eine neue Menschheit verheißt. «

Der Artikel basiert auf einem Rundfunkmanuskript A. v. Borries' (»Die unbekannte Revolution - Das Experiment des spanischen Anarcho-Syndikalismus«); gesendet als Produktion des NDR/WDR am 25. März 1972.

Originaltext: http://www.hanfnet.org/canna/anarchismus/txt/spanische-revolution.txt


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