AKTION Nr. 24 (5/1986) - Schwerpunkt Spanische Revolution

Inhaltsverzeichnis der Artikel zur Sozialen Revolution in Spanien, Aktion Nr. 24 (5-86 Seite 15-30)

  • Sozio-historische Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert
  • Die soziale Revolution 1936-1939
  • Spanien unter dem Faschismus des Franco-Regimes
  • Ökonomie und Revolution - eine Buchbesprechung mit aktuellem Hintergrund
  • Vergangenheitsbewältigung in Spanien - 50. Jahrestag des Bürgerkriegs und der Revolution
  • Nachtrag von Schwarze Katze: Was war die Aktion überhaupt für eine Zeitung?

 

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Sozio-Historische Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert - Die Geschichte Spaniens vom 19. Jahrhundert bis 1936

Ein einschneidendes Ereignis für Spanien war zu jener Zeit der Zerfall seines kolonialistischen Imperiums in Mittel- und Südamerika und der innenpolitische Kampf zwischen Liberalen und offen reaktionären Positionen.

Das Jahr 1808 spielt in dieser Auseinandersetzung eine gewichtige Rolle. Nach der Absetzung Karl's IV und dem Sturz des Diktators Godoy versuchte die Bourgeoisie die Macht zu übernehmen. Durch die Intervention Napoleons scheiterte dieser Versuch, provozierte jedoch einen bewaffneten Aufstand in Madrid, der dann das ganze Land und alle Volksschichten erfaßte. In einem sechs Jahre dauernden Guerillakrieg wurde mit Hilfe der englischen Armee die Franzosen vertrieben. Während des Krieges, im Jahr 1812, wird in Cadiz eine liberale Verfassung verabschiedet. Ihre nach außen propagierte Idee war die Verkündung der Volkssouveränität, die Einschränkung der Macht des Klerus und der Granden sowie unmittelbares Wahlrecht zu der Cortes (Parlament). In Wirklichkeit wirkt sich die Verfassung jedoch eher negativ aus. Die kommunalen und regionalen Juntas ("Räte"), die zu einem Großteil den Guerillakrieg und das gesellschaftliche Leben während dessen organisierte, fielen der Zentralisierung zum Opfer, des weiteren stärkte die liberale Bodenreform die Großgrundbesitzer, indem der kommunale Grundbesitz und das traditionell genossenschaftliche Eigentum in Privatbesitz überführt wurde. Dies verstärkte die Abhängigkeit und Verelendung. der Bauern immer mehr. Im Zuge der Restauration nach 1814 intervenierte Frankreich in Abstimmung mit den europäischen Großmächten militärisch in Spanien, setzte die Verfassung außer Kraft und König Fernando VII auf den Thron.

Um dessen Thronfolge entsteht der erste Carlistenkrieg (1834-39) zwischen Don Carlos (als Günstling der Kirche) und lsabella II (für die Liberalen und den Großteil der Armee). Die Liberalen erzielten einen Teilerfolg, die Macht der Kirche wurde eingeschränkt und ihre Güter aufgelöst. Dieser Machtverlust der Reaktion und des Klerus hatte eine Reihe von pronunciamentos (Putsche) zur Folge, mit denen sich Liberale und Konservative gegenseitig aus der Machtposition zu drängen versuchten. 1847-49 fand der zweite Carlistenkrieg statt, der von regionalen Aufständen begleitet wurde.

1868 wird lsabella II durch den liberalen General Prim abgesetzt und 1873 konstituiert sich die Erste Spanische Republik. Pi y Margall, der Präsident, verfolgte einen föderalistischen Kurs mit gewissen Autonomierechten für die Provinzen. Dies rief wiederum die Carlisten und die Kirche auf den Plan, die sich in Nordspanien gegen die Republik erhoben (dritter Carlistenkrieg 1872- 76). Als Reaktion darauf erklären sich eine Anzahl Städte im Südosten und Süden des Landes für unabhängig.

Seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts übte auch die revolutionäre Arbeiter- und Bauernbewegung ihren Einfluß auf die Entwicklungen in Spanien aus. Diese revolutionäre Bewegung hing stark mit der 1864 in London gegründeten IAA (Internationale Arbeiter Assoziation) zusammen. 1868 traf der Ingenieur Fanelli im Auftrag Bakunins in Spanien ein, um dort eine Sektion der IAA aufzubauen, was im nach kurzer Zeit in Barcelona und Madrid gelang. Diese Sektionen waren der Ausgangspunkt der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung in Spanien. Nach dem Bruch innerhalb der Internationalen zwischen freiheitlichen und autoritären Sozialisten blieben die Spanier zum größten Teil Libertäre. Daran änderte auch Lafargue, der Schwiegersohn von Marx, den dieser nach Spanien schickte, um den Anarchismus zurückzudrängen, nichts. 1872 waren auf dem Kongreß von St. Imier (Schweiz) schon 20 000 Spanier von Delegierten vertreten. In den Jahren danach bildeten sich im ganzen Land anarchistische Gewerkschaften.

1874 fällt die Republik durch einen Putsch Canovas de Castillo und des Generals Martinez Campos. Die Monarchie wird restauriert und König Alfons XII auf den Thron gesetzt. Die Reaktion währte sieben Jahre, während dessen die IAA-Sektion in Spanien verboten war. Erst nach der. Etablierung eines liberaleren Regimes, 1881, konnte sie sich wieder etwas freier betätigen. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Regionalen Arbeiterföderation, die eine neue. Periode der sozialen Kämpfe in Spanien einleiteten und die mit großer Heftigkeit geführt wurden. 1888 löste sich die "Federacion regional" wieder auf. Noch im selben Jahr wurde eine neue Gewerkschaftsföderation in Barcelona von Anarchisten gegründet: Die "Federacion de resistencia al Capital - Pacto de Union y Solidaridad". Sie erreichte jedoch nie die Bedeutung der "Federacion regional", was vielleicht z. T. auch der Gründung der sozialdemokratischen "Union General de Trabajadores" (UGT) zur gleichen Zeit zuzuschreiben war.

Der Ausgang des 19. Jahrhunderts war geprägt von scharfer Verfolgung aller freiheitlichen Regungen und die Antwort der revolutionären Bewegung fiel dementsprechend grob aus. Attentate, Plünderungen, Sabotage und lokale bewaffnete Aufstände waren fast alltäglich. Im Jahr 1897 erlöste der Italiener Michael Angiolillo Spanien vom Kopf der Reaktion, dem Ministerpräsidenten Canovas de Castillo, indem er ihn erschoß. Angiolillo wurde mit der Garotte exekutiert. Nach Canovas Tod folgte wieder eine liberale Phase, die Verfolgungen ließen etwas nach und die anarchistischen Organisationen restrukturierten sich. Desweiteren kamen die Exilanten und Verbannten wieder nach Spanien zurück, aber nicht ohne die Ideen des Anarchismus vor allem in Mittel- und Südamerika verbreitet zu haben.

In dieser Zeit sank das Prestige und das Engagement der Militärs in Spanien immer mehr, da es stark damit beschäftigt war, die Kolonien zu befrieden und den Krieg mit den USA um Kuba zu führen. Nach der Niederlage gegen die Vereinigten Staaten verlor oder verkaufte Spanien alle Kolonien bis auf die afrikanischen. Sehr deutlich wurde die antimilitaristische Stimmung an Hand starker Proteststreiks gegen den kolonialistischen Krieg in Marokko (1909). Ursache war die Aushebung von Truppen in Barcelona. Die Arbeiter und Bauern wollten sich nicht für die imperialistische Politik und die materiellen Interessen einer kleinen Gruppe opfern lassen. Der Aufruhr dauerte eine Woche, wurde von Truppen blutig niedergeschlagen und die anschließenden Prozesse endeten mit einer Reihe von Todesurteilen. Unter den später Hingerichteten befand sich auch Francisco Ferrer, der Begründer der Freien Schule in Spanien.

Im Oktober 1911 trat in Sevilla ein Kongreß aller freiheitlichen Gruppen und Gewerkschaften zusammen und gründeten die Confederacion Nacional del Trabajo (C. N. T.). Die programmatische Basis war der Anarchosyndikalismus.

Da sich die Anarchisten in ihrer Mehrheit an der neuen Organisation beteiligten blieben die nur gewerkschaftlich orientierten Reformisten in der Minderheit. Die C. N. T. war die Fortsetzung der spanischen Organisation der 1. Internationale und beinhaltete einige neue Konzepte des revolutionären Syndikalismus, wie den Generalstreik und die direkte Aktion. Seit dieser Zeit wurde der Anarchismus/Anarchosyndikalismus zur treibenden Kraft der spanischen Arbeiterbewegung.

Der 1. Weltkrieg brachte einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung für Spanien. Es belieferte alle kriegführende .Länder mit Rohstoffen, Fertiggütern und landwirtschaftlichen Produkten. Die innenpolitische Lage jedoch blieb weiterhin instabil, da Arbeiter und Bauern einen Anteil an diesem Prozeß hatten. Nach dem Krieg setzte eine starke Aufwärtsbewegung der C. N. T. ein. Als Antwort darauf organisierten die Unternehmer, Polizei und Militär Killerkommandos, die in wenigen Jahren allein in Katalonien mehr als 400 Militante der C. N. T. ermordeten. Die Anarchisten und Syndikalisten reagierten ihrerseits mit bewaffneten Abwehrorganisationen. 1921 wurde Ministerpräsident Dato von, einem Anarchisten liquidiert, die Repression aber ging verschärft weiter. In dasselbe Jahr fiel die vernichtende Niederlage der spanischen Armee in Marokko. Die Riffkabylen unter ihrem Führer Abd-el-Krim lockten sie in einen Hinterhalt und neben das gesamte Heer auf. 1923 ergriff Primo de Rivera in Spanien die Macht. Er verbündete sich mit Frankreich gegen die Riffkabylen, nachdem diese auch die Franzosen angegriffen hatten, bereitete ihnen dadurch eine entscheidende Niederlage und sicherte Spanien die wertvollen Erzgruben Marokkos.

Im Laufe der Diktatur wurde Spanien wieder straff zentralisiert und die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft. Die einzige Partei, die mit Primo de Rivera zusammenarbeitete, war die Sozialdemokratie. Beide Seiten wollten ihren Nutzen aus dieser Verbindung ziehen. Der Diktator versuchte nach dem Verbot der syndikalistischen Organisationen die Arbeiter zu beruhigen, indem er die U. G. T. legal beließ, und der Führer der U. G. T. Largo Caballero hoffte seine Organisation auf Kosten der C. N. T. zu vergrößern. Später trat Caballero als Staatsrat für Arbeitsfragen in das Regime ein.

1927 wurde die F. A. I. (Federacion Anarquista Iberica) gegründet. Sie wurde vom militantesten Teil der C. N. T. gebildet, um reformistischen Tendenzen innerhalb der Gewerkschaft besser entgegentreten zu können. Aus ihren Mitgliedern setzte sich auch hauptsächlich der illegale bewaffnete Teil der Bewegung zusammen.

Im Jahr 1930 wurde schließlich Primo de Rivera, beschleunigt durch massive Streiks, gestürzt. General Berenguer führte das Militärregime weiter und versuchte den Zerfall der Monarchie zu stoppen. Da die Unzufriedenheit der Bevölkerung jedoch anhielt, ordnete er Wahlen an, um die innenpolitische Lage zu. beruhigen. Nach dem Wahlsieg der Republikaner ging Alfons XIII ins Exil und die zweite Republik wurde proklamiert. Es zeigte sich aber bald, daß die republikanische Staatsmacht die Interessen der privatkapitalistischen Unternehmer und der Großgrundbesitzer verteidigte. Weiterhin gab es Unstimmigkeiten innerhalb der Republikaner über die zukünftige Rolle der Kirche. Als Erzbischof Segura gegen den zaghaften Versuch der Trennung von Staat und Kirche agitierte, erhielt er die umgehende Antwort der Bevölkerung. An einem einzigen Tag gingen hunderte von Kirchen und Klöstern in ganz Spanien in Flammen auf und/oder wurden geplündert.

Um den Status Quo der Besitzverhältnisse zu zerstören, griffen C. N. T. und F. A. I. wieder zu Mitteln der direkten Aktion. Streiks, Generalstreiks und lokale Aufstände nahmen stetig zu. Die sozialdemokratisch-republikanische Regierung reagierte mit blutigen Militäreinsätzen, beginnend beim Aufstand von Figols in Katalonien bis zu den Revolten im Jahr 1933. In dieser "demokratischen" Phase wurden hunderte Arbeiter und Bauern getötet. Im November 1933 endeten Neuwahlen mit einem Sieg der Rechten; die wenigen Reformen wurden von ihr sofort annulliert. Im Dezember brach daraufhin ein allgemeiner Aufstand aus, der von der C. N. T. organisiert worden war. Für ganz Spanien wurde der Generalstreik erklärt, der bewaffnete Aufstand beschränkte sich aber nur auf Aragon und war deshalb zum Scheitern verurteilt. Ein weiterer Grund für die Erfolglosigkeit dieses Versuchs war, daß sich die Sozialisten daran nicht beteiligten. Trotz des Verrats der U. G. T. am Aufstand versuchte die C. N. T. die Schaffung einer Einheitsfront mit den Sozialisten...zu erreichen, erklärte aber parallel dazu, daß sie eine gemeinsame Arbeit mit politischen Parteien für indiskutabel hielte, da diese eine Diktatur Ober die arbeitende Bevölkerung anstrebten. Die U. G. T. antwortete aber erst gar nicht auf die Anregung von Seiten der Anarchosyndikalisten. Anders in Asturien. Dort kämpften Anarchisten und Sozialisten, die eine Kampfgemeinschaft unter dem Namen U. H. P. (Union de Hermanos Proletarios=proletarische Kampfbrüderschaft) bildeten, gemeinsam gegen Polizei und Militär und bildeten Revolutionskomitees an Stelle der bürgerlichen Behörden. Nachdem die Regierung die Revolten in Katalonien und Madrid, die um die gleiche Zeit ausgebrochen waren, innerhalb des ersten Tages unterdrückt hatte, setzte sie ihren Machtapparat gegen Asturien in Bewegung. Hier wurde der Name Franco zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zusammen mit General Ochoa eroberte er die Region für die Zentralregierung zurück und ließ, während und nach den Kämpfen, zehntausende Menschen töten oder in Gefängnisse und Konzentrationslager stecken.

Im September 1935 kam es durch einen Korruptionsskandal zu einer Regierungskrise. Es wurden Neuwahlen ausgerufen, zu denen sich ein Rechtsblock und ein Block der Linken bildeten. Die C. N. T. führte zwar eine Kampagne gegen den Parlamentarismus rief aber, auf die Möglichkeit einer Amnestierung ihrer ca. 20.000 inhaftierten Genossen/innen rücksichtnehmend, weht zu einem Wahlboykott auf. Nach ihrem Wahlsieg bildeten die Linksparteien eine Koalitionsregierung unter Casares Quiroga, einem Linksrepublikaner.

Im Jahr danach nahmen Arbeitslosigkeit und Massenelend, zu. Die anarchosyndikalistische Bewegung hatte durch die Amnestierung tausender ihrer Mitglieder einen starken Aufschwung erfahren und führte andauernd Streiks durch um die Situation immer mehr zu revolutionieren. Am 1. Mai 36 fand in Saragossa ein Kongreß der C. N. T. statt, bei dem weit über eine Million Arbeiter und Bauern vertreten waren. Auf diesem Kongreß erklärten sie sich noch einmal entschieden gegen die Diktatur des Proletariats, für eine sozial-revolutionäre Zielsetzung und einen freiheitlichen Sozialismus. Zu dieser Zeit verdichteten sich die Anzeichen für einen Putsch der Rechtskräfte. Zwischen Militär, Falangisten, Monarchisten und der klerikal-faschistischen CEDA-Partei kam es zu einer konspirativen Zusammenarbeit. Die politischen Organisatoren waren der Monarchist Calvo Sotelo, der CEDA-Führer Gil Robles sowie der Sohn Primo de Riveras, der Gründer der Falange Espanola. Als Sotelo am 13. Juli 1936 von Mitgliedern der sozialistischen Jugendorganisation, als Vergeltung für einen Mord an einem ihrer Anhänger erschossen· wurde, war dies das Signal für die Faschisten loszuschlagen. Am 15. Juli verließ Franco die kanarischen Inseln und löste den Militärputsch von Marokko her aus. Zwei Tage später wurde in ganz Spanien gekämpft.

 

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Die soziale Revolution 1936-1939

Vor den Wahlen 1936 waren klare Verhältnisse geschaffen: Würden die Nationalen siegen, gäbe es einen Volksaufstand, siegen die "Linken", würde das Militär über kurz oder lang putschen.

Ein wesentlicher Faktor bei dieser Wahl waren 30.000 politische Gefangene, zumeist Anarchisten, die während der Aufstände der letzten Jahre eingekerkert worden waren. Nicht zuletzt wegen ihnen verzichtete der Gewerkschaftsbund der Anarchisten, die CNT, auf die übliche Wahlboykottkampagne und überließ es jedem/r einzelnen, für die Gefangenen, wählen zu gehen, oder nicht. Die Stimmen dieser größten spanischen Gewerkschaft entschieden die Wahl und das Proletariat begrüßte seine befreiten Genoss/inn/en.

Derweil gründeten die bürgerlichen und linken Parteien eine "Volksfrontregierung", die sich besonders damit hervortat, daß sie alle Anzeichen für den herannahenden Militärputsch übersah. Kein Wunder eigentlich, hatten ihre Mitglieder doch selbst unter der Diktatur Primo de Riveras nichts zu befürchten gehabt. So war der jetzige Ministerpräsident der Republik, Largo Caballero, Berater des Diktators Primo Rivera gewesen, während dessen Herrschaft die Anarchisten so grausam verfolgt wurden. Caballero ist Chef der sozialistischen Partei. So gut wie ihm war es den Arbeitern nicht gegangen und ihnen war klar, was die Wiederholung der "10 schwarzen Jahre" bedeuten würde. Die Mitglieder der CNT machten sich daran Waffen zu besorgen, zwangsrekrutierte Soldaten halfen Depots der Armee zu knacken und in Hinterhofwerkstätten wurden die beliebten FAI-Bomben gebastelt. Die Regierung diskutierte währenddessen über neue Gesetze...

Am 18. Juli 1936 kamen aus der Kolonie Marokko die Nachrichten über den Putsch der Kolonialarmee, der sich nach dem Willen der Generäle innerhalb von 48 Stunden in ganz Spanien ausbreiten sollte. Die Regierung wartete ab und verweigerte dem Volk Waffen, um gegen das Militär kämpfen zu können. Das Volk bediente sich inzwischen selbst, und in fast allen Orten Spaniens warteten die Militanten der CNT in ihren Gewerkschaftslokalen auf die Nachricht, daß die Truppen die Kasernen zum Putsch verlassen würden.

Im Morgengrauen des 19. Juli gaben die Wachen in Barcelona Alarm. Die Fabriksirenen heulten und die Bevölkerung errichtete über 1.000 Barrikaden. Die Arbeiter, an den Kampf in den Straßen gewöhnt, belagerten die Kasernen. Viele Soldaten und sogar Teile der berüchtigten Guardia Civil desertierten und liefen zu den mit Schrotflinten, Dynamitpatronen und Beutewaffen ausgerüsteten Arbeitern über. Nach 36 Stunden ununterbrochenem Kampf, 600 Toten und 3.000 Verwundeten waren die faschistischen Offiziere in Barcelona geschlagen. Am Abend des 20. Juli wehte die schwarz-rote Fahne der CNT auf allen öffentlichen Gebäuden. Die Anarchisten kontrollierten die ganze Stadt.

Eine bewaffnete Delegation suchte den Präsidenten der katalanischen Regionalregierung (Generalidad), Luis Compagnies, auf. Dieser Sozialist, gestern noch Verfolger der Anarchisten, bot ihnen jetzt seine Mitarbeit an und bewegte sie dazu, mit der sozialistischen Gewerkschaft UGT und den republikanischen Parteien ein Komitee der antifaschistischen Milizen zu bilden, das den Kampf gegen die Faschisten koordinieren sollte. Das Komitee ersetzte die Regierung zwar vollständig, sie blieb formal jedoch bestehen. Dieser erste Kompromiß, den die Anarchist/inn/en machten, die mit einem Mal die so gehaßte Macht in den eigenen Händen hatten und sie nicht ergreifen wollten, sollte noch schlimme Folgen haben.

Die Revolution 1936-39

Mit dem Sieg über die Faschisten gab sich das Volk aber nicht zufrieden. Die Ausgebeuteten, ihrer Kraft und ihrer Interessen bewußt, wollten die soziale Revolution: die bewaffneten Arbeiter bemächtigten sich aller Betriebe und Fabriken. Die Initiativen wuchsen wie Pilze aus dem Boden, die Menschen begannen von sich aus, die wichtigsten Probleme der Versorgung und Kommunikation zu lösen. Die Leitlinie für die Planung war das Bedürfnis der Bevölkerung.

Aber nicht ganz Spanien wurde befreit, in anderen Städten gingen die Kämpfe weiter. In Barcelona wurden Milizen aufgestellt und die Freiwilligen konnten sich auf dem Plazza de Cataluna melden. Schon nach wenigen Tagen verließ die erste Milizeinheit, die Kolonne Durruti, mit 3000 Männern und Frauen die Stadt um Saragossa zu Hilfe zu kommen. Dort hatten sich die Faschisten der Stadt bemächtigt und tausende von Arbeitern massakriert.

Es war das erste Mal, daß Arbeiter/innen, an Barrikadenkämpfe in Städten gewöhnt, reguläre Feldschlachten schlagen mußten. Für eine entsprechende Ausbildung hatte es keine Zelt gegeben, und so waren die Verluste am Anfang sehr hoch. Doch die Unerfahrenheit wurde durch die Begeisterung, für die Revolution zu kämpfen, ausgeglichen und die Faschisten konnten auf ein Territorium von nur 1/3 Spaniens zurückgedrängt werden.

Während die Kämpfe andauerten, entstand auf dem Land und in den Städten eine neue Gesellschaftsstruktur. Die Landarbeiter übernahmen die Ländereien der Großgrundbesitzer und der Kirche und im Laufe weniger Monate wurden große Teile der Levante, Aragoniens und Kataloniens von selbstverwalteten Kollektiven bearbeitet. 3 Millionen Campesinos organisierten sich in über 1700 Kollektiven nach anarchistischen Ideen, ohne Chefs und Bürokraten. Als Verbindung, zur Planung und Koordination hatten sie die Syndikate ihrer Gewerkschaft, der CNT.

Geografische Hindernisse und der Mangel an Waffen und Munition verhinderten den weiteren Vormarsch der Milizen. Eine Front entstand, auf deren einen Seite das bewaffnete Volk stand, das für seine Revolution kämpfte, auf der anderen Seite fast die gesamte Armee, die Adeligen, die Großgrundbesitzer, die Kirche und die Faschisten. Die Front verlief östlich der Stadt Saragossa, die sich in den Händen der Faschisten befand. Dadurch war das republikanische Spanien in zwei Teile geteilt; Asturien, das vor allem wegen des Bergbaus wichtig war, blieb so von den rohstoffarmen Industriezentren in Katalonien und der Levante abgeschnitten.

Zur Befreiung Saragossas wurden 20 Kolonnen der Anarchisten zusammengezogen, doch wieder zwang der Mangel an Waffen und Munition die Milizen zum Abwarten in ihren Stellungen. Die Bildung dieser Front war fatal, sie stoppte die Revolution und an ihr wurden die Milizen in einem konventionellen Krieg verheizt. In einem Krieg, der durch die sofortige Beschaffung von Waffen für die Aragon-Front hätte gewonnen werden können.

Aber die Staatsmaschinerie, vom Volk außer Kraft gesetzt, versuchte langsam wieder Einfluß zu gewinnen und ihr wichtigstes Instrument war der spanische Goldschatz, der in Madrid lag. Da ausgerechnet in dieser Stadt die sozialistische Gewerkschaft die stärkere war und bedingungslos ihre Geisterregierung unterstützte, ergaben sich für die konföderierten Milizen schlimme Konsequenzen. Die Regierung hatte kein Interesse an einem schnellen Sieg über die Faschisten, weil dies die Weiterentwicklung der sozialen Revolution nach anarchistischen Ideen bedeutet hätte. Das Interesse der "Volksfrontregierung" war, erst einmal zu Einfluß zu kommen und dann über die Faschisten zu siegen.

Im europäischen Ausland sahen die Interessen ähnlich aus. Im Jahr 1936 waren die Bemühungen der Sowjetunion um eine Verständigung mit Hitler-Deutschland vorläufig gescheitert. Stalin strebte daraufhin ein Bündnis mit England und Frankreich an, für dessen Zustandekommen er in Spanien eingreifen mußte. Gleich zu Beginn der Revolution waren Ländereien, Bergwerke, Fabriken und Eisenbahnanlagen von der CNT, der stärksten Organisation auf der republikanischen Seite, kollektiviert worden. Da viele der Industrieanlagen französischen und britischen Konzernen gehörten, hatte Stalin aus bündnispolitischen Gründen kein Interesse daran, daß in Spanien eine Revolution stattfindet. Dazu kam, daß die Anarchisten die treibende Kraft waren und die moskau-treue Kommunistische Partei mit ihren 3.000 Mitgliedern so schwach war, daß sie nicht eine einzige Miliz aufstellen konnte. So war es auch nicht verwunderlich, daß die KP nicht für die Revolution, sondern für die bürgerliche Demokratie eintrat.

Moskaus Interessen waren klar: die großen anarchistischen und die kleinen trotzkistischen Milizen sollten ausgeschaltet werden. Die Prawda erklärte: "... die Ausmerzung von Anarchisten und Trotzkisten hat begonnen und wird mit der selben Energie durchgeführt werden, wie In der UdSSR."

In der Sowjetunion führte die Machtgier Stalins zu blutigen Säuberungen. Diese Paranoia wurde nach Spanien exportiert, wo die kommunistische Partei und die GPU heimlich, willkürliche Verhaftungen vornahmen, Folterungen in geheimen Räumen und getarnte Liquidierungen durchführten. Die Repression richtete sich zunächst gegen die Mitglieder der POUM, der kleinen trotzkistischen "Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit". Nach und nach wagten sie sich auch an Mitglieder der mächtigen anarchistischen Konföderation. Am Ende des Bürgerkrieges endeten die Meuchelmörder, als lästige Zeugen, nun selbst in den stalinistischen Gefängnissen.

Bisher wurde der Kampf von den Milizen der Gewerkschaften und Parteien getragen. Dort gab es keine Offiziere, keine Militärgesetzgebung und all die üblichen Schikanen einer regulären Armee. In den Milizen kämpften Arbeiter/innen als gleichberechtigte Menschen neben ihren, jederzeit abwählbaren Delegierten. Ihr Kampfgeist war sehr gut und sie wußten wofür sie kämpften.

Aber die Milizen waren den bürgerlichen Republikanern, der KP und der Regierung ein Dorn im Auge, denn sie waren die bewaffneten Verteidiger der Revolution, unabhängig von ihnen und standen den Versuchen, Einfluß auf das Geschehen zu bekommen, massiv im Weg. Da eine Regierung ohne. Exekutivorgane eine Art Kaspertheater darstellt, begannen diese Kräfte bereits im August 36 mit dem Versuch aus den Resten der Armee, der Polizei und sogar der Guardia Civil eine neue Armee aufzustellen. Da ab dem 15. Oktober die Sowjetunion wieder bereit war, Waffen an Spanien zu verkaufen, ging die Aufstellung dieser "Zentralarmee" mit der Beteiligung von Polit-Kommissaren der KP an allen Einheiten einher. Diese Truppen wurden im Hinterland ausgebildet und verfügten über moderne Waffen, sie bekamen in der Etappe, was den Arbeitern an der Front verweigert wurde. Wenig später kam dann die Forderung er Regierung, daß sich alle Milizeinheiten der Zentralarmee einzugliedern hätten, sonst würden sie weiterhin eine Waffen bekommen und im Kampf alleingelassen werden.

Währenddessen rücken die Faschisten mit deutscher und italienischer Unterstützung durch Estremadura auf Madrid vor. Der Widerstand der kleinen und veralteten republikanischen Luftwaffe war schnell niedergeschlagen, aber die Milizen konnten die Faschisten vor der Stadt aufhalten. Während die Geisterregierung Madrid in der Gefahr im Stich ließ und nach Valencia fliehen wollte, zogen mehrere CNT-Kolonnen von der Aragon-Front ab, um Madrid zu Hilfe zu kommen. Der "Eisernen Kolonne" der CNT begegnete der Regierungstroß auf der Flucht. Mit vorgehaltenen Gewehren verschafften sich die Anarchisten eine Reihe von LKWs, um schneller an die Front zu kommen. Aber die Entscheidung, nach Madrid zu gehen, war schwerwiegend, denn Saragossa war strategisch viel wichtiger. Doch der Fall der Hauptstadt hätte psychologisch fatale Folgen haben können.

Seit dem November 36, als plötzlich vier Mitglieder der CNT-FAI an der Regierung in Madrid beteiligt waren, was die CNT bereits im September abgelehnt hatte, verschärften sich die Auseinandersetzungen unter den Anarchisten über die weitere Perspektive des Kampfes. Der eine Flügel ging davon aus, daß die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Republikaner nötig sei, da zum einen die "Diktatur der Anarchisten" indiskutabel sei, zum anderen die CNT keine Hilfe aus dem Ausland erhalten würde. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den anderen Gruppen wäre die CNT gezwungen sich an bestimmte Formen zu halten, wenn sie nicht einflußlos werden wolle. Damit wurde dann der Eintritt von vier Anarchisten in die Regierung begründet.

Der andere Flügel der CNT ging von einer ganz anderen Grundlage aus. Überall in den befreiten Gebieten verwirkliche die Bevölkerung ihre Vorstellungen von einer besseren, einer freien Gesellschaft. Für diese Sache, für die soziale Revolution, kämpften die Menschen, dafür hätten sie sich zu zigtausenden für die Milizen gemeldet. Und diese revolutionäre Begeisterung sei die einzige Sache, die die militärische Überlegenheit ausgleichen könnte. Bereits die ersten Militarisierungsversuche durch den Aufbau der Zentralarmee durch die Regierung und die KP hätten gezeigt, daß die Arbeiter/innen nicht bereit wären, für eine "demokratische Republik" zu kämpfen, in der sie, wie unter der Diktatur, verfolgt, verboten, eingekerkert und deportiert worden waren. Die Einschätzung, man müsse erst den Krieg gewinnen und dann könnte die Revolution weitergehen, wurde als absurd bezeichnet. Nur das Andauern der revolutionären Entwicklung würde den Sieg über die Faschisten und die republikanische Konterrevolution ermöglichen.

Diese zweite Einschatzung wurde von der IAA, der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftsinternationale, geteilt. In Ihrem Auftrag war der Plan Dessmer ausgearbeitet worden, der aus drei Punkten bestand:

  1. sofortiger Austritt der CNT-Minister aus der Geisterregierung,
  2. Beschlagnahmung des spanischen Staatsschatzes und seine Verwendung zum Waffenkauf,
  3. Verstärkung des Unabhängigkeitskampfes in Marokko durch die Befreiung des in Frankreich gefangen gehaltenen GueriIleros Abd el Krim.


Der zweite und dritte Punkt waren brisante Vorschläge, aber sie entsprachen einer realistischen Sicht der Verhältnisse. Marokko war damals spanische Kolonie und auch die verschiedenen linken Regierungen hatten kein Interesse Ihren Machtbereich, auch wenn sich dleser zeitweilig nur auf Ihren eigenen Schreibtisch bezog, dadurch zu schmälern, der Kolonie formal die Unabhängigkeit zu geben. Marokko aber war die Ausgangsbasis des Putsches und nichts brauchten die Faschisten nötiger, als ein ruhiges Hinterland. Dazu kam, daß insgesamt 120.000 Marokkanische Söldner, die "Moros", auf der Seite der Nationalen kämpften, deren Neutralisierung durch den Unabhängigkeitskampf zu einem großen Teil möglich gewesen wäre.

Doch die CNT-Minister erfuhren von dem Plan und informierten den katalanischen Präsidenten, den Sozialisten Lago Caballero. Von diesem wurde die französische (Volksfront-) Regierung in Kenntnis gesetzt, die daraufhin drohte, die Grenze nicht nur weiterhin für Waffen, sondern auch für den Personen- und Handelsverkehr zu schließen.

Die Faschisten hatten inzwischen über 80.000 bestausgerostete Soldaten des Expeditionscorps und eine deutsche Panzerbrigade zusammengezogen. Die Luftwaffe probte, was wenige Jahre später den Menschen in ganz Europa passierte: den Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung. Der Kampf um Madrid wurde mit unvorstellbarer Härte geführt, teilweise verlief die Front senkrecht durch die Gebäude. Auch die berühmteste Einheit der Milizen, die Kolonne Durruti, war Madrid zu Hilfe gekommen. Nach einer Woche ununterbrochenem Kampf überlebten von ihren mehreren tausend Angehörigen keine 300. Die Anarchisten waren im Kampf allein gelassen worden, ohne von frischen Einheiten abgelöst zu werden.

Bei den Kämpfen im Universitätsviertel starb auch Buenaventura Durruti. Die Umstände seines Todes bleiben für immer im Dunklen, fest steht jedoch, daß die nach Madrid gekommenen CNT-Milizen, wie die Eiserne Kolonne und die Kolonne Durruti, zu den Verfechtern des Planes Dessmer der IAA gehört haben und daß in Madrid der spanische Goldschatz lag. Die Leiche Durrutis wurde nach Barcelona überführt, wo das Proletariat ihm einen letzten Gruß erwies: Über eine halbe Million Menschen nahmen an dem Trauerzug für einen Genossen teil, der schon im Leben eine Legende war.

Durruti war ein Symbol für die Revolution, die nach seinem Tod Stück für Stück zurückgedrängt wurde. Die Anarchisten hatten sich auf Kompromisse eingelassen und waren dabei langsam aus den entscheidenden Organen verdrängt worden. Die größte Organisation der spanischen Arbeiterklasse, die CNT, war nicht mehr in der Lage, ihre Positionen in den innerrepublikanischen Auseinandersetzungen durchzusetzen.

Es hatte eine Reihe von Machtproben gegeben, auf die die CNT nicht oder falsch reagiert hat: seit dem August 36 hatten heimliche Überfälle auf Militante der CNT stattgefunden, für die die PSUC, die Partei der sozialistischen Einheit Kataloniens, ein Zusammenschluß der katalanischen Sozialisten mit der KP, verantwortlich war. Statt die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, wurde nur gedroht...

Den wichtigsten Konflikt, der durch eine kommunistische Polizeiprovokation im Mai 37 in Barcelona ausbrach, wiegelte der reformistische Flügel der CNT ebenfalls ab. Hier ging es um die Telefonzentrale von Barcelona, die seit dem Beginn der Revolution durch die Arbeiter/innen, die in der CNT organisiert waren, selbstverwaltet betrieben wurde. Da der katalanischen Regionalregierung die Kommentare der Telefonistinnen während ihrer Regierungsgespräche nicht paßten, versuchten kommunistische Polizeieinheiten die Telefonica zu stürmen. Während die Belegschaft sie mit einem Kugelhagel empfing, wurden in den Fabriken die Sirenen angelassen und die Arbeiterklasse errichtete erneut hunderte von Barrikaden. Der Kampf der Arbeiter gegen die Bürgerlichen und die Kommunisten entwickelte sich zu einer Auseinandersetzung zwischen Revolution und Konterrevolution. Es gab hunderte von Toten und die anarchistischen Kolonnen an der Aragon-Front drohten abzurücken, um in Barcelona die Revolution zu verteidigen. Leider taten sie es nicht, denn die Ministerriege der CNT, die Angst vor einem Bürgerkrieg im Bürgerkrieg hatte, wiegelte ab und brachte den letzten Versuch des Proletariats, die Konterrevolution der Kommunisten zu zerschlagen, zum Scheitern.

Während die Milizen weiter an der Aragon-Front gegen die Faschisten kämpften, kamen Einheiten der Zentralarmee in Barcelona an. In ihrem Schutz begann die Rache der Stalinisten. Der Krieg ging weiter. Die Milizen, die die Fortdauer der Revolution gesichert hatten, wurden auf Betreiben der KP und des Druckmittels der russischen Waffenlieferungen für illegal erklärt. Etliche Milizen müssen in Notsituationen nachgeben. Auf dem Land und in den Städten war das Zurückdrängen der Revolution immer deutlicher wahrzunehmen. Es blieb nur noch der Krieg, ein Krieg, der von vorneherein verloren war, weil er der einzigen Sache, in der er der faschistischen Armee überlegen war, beraubt wurde: der revolutionären Begeisterung des Volkes in Waffen.

Der Vormarsch der Faschisten ist langsam, aber unaufhaltsam. Spanien wird mit Blut und Feuer überzogen, das Volk terrorisiert und massakriert. Zu diesem Zeitpunkt bahnte sich der Hitler-Stalin Pakt an, der ein Jahr später zur Teilung Polens führte. Die sowjetischen Waffenlieferungen wurden daher extrem verringert und am 22. September wurden die Internationalen Brigaden aus Spanien abgezogen.

Das Proletariat leistete bis zur Grenze des möglichen Widerstand und kämpfte am Ende nur noch ums nackte Überleben. Aber das Heldentum der Verzweiflung diente letztendlich nur noch dazu, die Tragödie zu verlängern. Die Kolonne Durruti war die einzige Einheit, die sich der Liquidierung entziehen konnte und die 1939 das spanische Territorium mit den Waffen in den Händen verläßt. Von der französischen Gendarmerie entwaffnet, kam sie in die Konzentrationslager der französischen Regierung, um später an die Nazi-Besatzer ausgeliefert und in Auschwitz ermordet zu werden. Der Bürgerkrieg ging mit einer Bilanz von einer Million Toten und einer halben Million Flüchtlinge zu Ende.

Der Sieg des Faschismus wurde nicht nur von der spanischen Arbeiterschaft teuer bezahlt, sondern von den Arbeitern der ganzen Welt. Die Bilder von Guernica, Almeria oder lrun in Schutt und Asche wurden wenig später den Menschen in ganz Europa um Alltag. Der spanische Krieg war die Generalprobe zum zweiten Weltkrieg. Trotz der Niederlage, trotz der Fehler, trotz des Verrats, hat das spanische Proletariat, und mit ihm die Anarchisten, einige der lehrreichsten Zeiten in der Geschichte der menschlichen Befreiung geschrieben: Des Kampfes um die Freiheit und Gleichheit.

Die ausgebeuteten Arbeiter und die Revolutionäre der ganzen Welt müssen diese Seiten kennen, die die Geschichtsschreiber der Staatsmacht zu verschweigen versuchen. Sie müssen es wissen, sie müssen es analysieren, weil die Geschichte der spanischen Revolution ein grundlegender Bestandteil ihrer eigenen Geschichte ist. Die Lehren von gestern müssen für die Kämpfe von heute und morgen dienen!"

von Kersten

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Spanien unter Franco 1939-1975

1. Der Aufbau des Regimes

Der Sieg der Faschisten 1936 hat zur Folge, daß sich die im Juli 1936 eingesetzte Regierung "Nationalspanien" endgültig etabliert. Nutznießer davon sind Großgrundbesitzer, Unternehmer, Kirche, Militärs, Staatsbüttel usw. Die legalen Organisationen der Arbeiter und Bauern werden brutal zerschlagen.

Zur Beherrschung der Unterdrückten wendet das Regime verschiedene Methoden der Repression an. Allein zwischen 1939 und 1943 werden schätzungsweise 250 000 Menschen ermodert, und 350 000 Menschen fliehen ins Ausland. Repressionsgesetze werden verabschiedet, die sich gegen die organisierte Arbeiterschaft richten. Viele Arbeiter werden zur Armee eingezogen und dort schikaniert, andere verlieren ihre Wohnungen. In Kleinstädten gibt es schwarze Listen. Wer darauf geführt wird, verliert meist seine Jobs.

Die herrschende Klasse institutionalisiert sich auf allen Ebenen. Am sichtbarsten wird dies in der faschistischen Staatsform und der Regelung des gesamten Arbeitsbereiches nach faschistischen Grundsätzen. In der CNS, dem vertikalen Syndikat, werden Kapitalisten und Arbeiter für das "Gesamtinteresse der Nation" zusammengefaßt, d. h. die Lohnabhängigen ordnen sich faktisch den Kapitalinteressen unter. Charakteristisch an der Politik Francos ist die völlige Aufteilung und Überschneidung von Kompetenzen in Partei und Staatsführung. Die oberste Entscheidungsgewalt hat jedoch Franco selbst.

Zur innenpolitischen Stabilisierung des Regimes tragen wesentlich die faschistischen Staaten Italien und Deutschland bei. Ebenso wird das Regime von Frankreich und Großbritannien kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges und von der USA am Ende des Krieges anerkannt.

2. Der Klassenkampf geht weiter

Obwohl Hunderttausende in den Knästen sitzen und die Repression wütet, muß Franco im April 1940 das Vorhandensein einer Opposition zugeben. Durch die Umstellung der Industrie auf Kriegsproduktion wird der gesamte Arbeitsprozeß militarisiert. Dagegen richtet sich vermutlich der erste Streik nach Kriegsende. Dieser findet in den Planungsbüros für Atelierwerkstätten in Cadis statt und wird von der illegalen CNT geleitet. In den folgenden Jahren organisieren sich Gewerkschaften und Parteien in der Illegalität. 1947 zählt z. B. die CNT 60 000 zahlende Mitglieder allein in Barcelona. Doch dies hat auch seinen Preis: Zwischen 1940 und 1948 fallen die Mitglieder von acht Nationalkomittees der CNT in die Hände der Polizei.

Aus Anlaß des Sieges der Alliierten über die Achsenmächte kommt es 1945 zu Streiks in verschiedenen Städten in der Hoffnung auf Befreiung vom Franco-Regime. Diese Hoffnung jedoch wird enttäuscht.

3. Die Guerilla

In den Gebirgsgegenden organisieren Anarchosyndikalisten, Kommunisten und z. T. Sozialisten die Guerilla. Diese richtet sich gegen den francistischen Terror, Massenarbeitslosigkeit, Hunger und die Gegenreform in der Landwirtschaft.

Anfangs sind die Aktionen unkoordiniert. Seit 1943 erhielt die Guerilla Rückhalt in der Landbevölkerung, da viele die Illusion hegen, die Alliierten würden in Spanien, das mit den Achsenmächten verbündet ist, eingreifen. Diese Illusion wird im September 1944 zerschlagen, als die Guerilla ihre entscheidende Niederlage einstecken muß. 12 000 Guerilleros stehen 300 000 Soldaten gegenüber. Auf Befehl des ZK der PCE, die hier die meisten Kämpfer stellte, zieht sich die Guerilla unter geringen Verlusten zurück.

Dennoch wird der Guerillakampf fortgesetzt, nun hauptsächlich durch Anarchosyndikalisten. Durch die Spaltung der CNT in eine Inlands- und Exilorganisation verliert die Guerilla seit 1945 immer mehr ihren organisatorischen Rückhalt. Die Repression tut ihr Übriges. Da sie alle Lebensbereiche durchdringt, wird die elementare Überlebensbedingung der Guerilla, der Rückhalt in der Bevölkerung, ausgetrocknet. So kann die Guerilla ihren Anspruch, Motor in der Mobilisierung der Volksmassen zu sein, nicht verwirklichen.

4. Die Stabilisierung des Regimes

Zwischen 1949 bis Mitte der 50er Jahre sind die sogenannten Hungerjahre, die Zeit der Autarkie und der außenpolitischen Isolierung Spaniens. Trotz des aktiven und passiven Widerstandes in der Bevölkerung kann sich das Franco-Regime innenpolitisch stabilisieren (bedingt durch die harte Repression).

5. Die ökonomische und soziale Entwicklung

Die Entwicklung der spanischen Wirtschaft nach Kriegsende ist von einem extremen Protektionismus geprägt. Das Regime versucht den ausländischen Einfluß einzudämmen, um eine nationale lndustriepolitik zu schaffen und sich somit aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten, der das Regime hätte gefährden können. Die Gewerkschaften werden zerschlagen und ab 1942 werden die Löhne von der Regierung festgesetzt.

In der Landwirtschaft wird die Agrarreform rückgängig gemacht und die Großgrundbesitzer erhalten ihre alten Privilegien zurück. Als Folge bricht die Produktion zusammen und ein ausgeweiteter Schwarzmarkt treibt die Preise in die Höhe. Die Industriegesetze von 1939 ermöglichen dem Staat eine Wirtschaftssteuerung durch direkte Eingriffe, hauptsächlich über die Banken und das INT (Nationales Industrieinstitut). Da die Produktionsanlagen erneuerungsbedürftig sind, schießt der Staat riesige Kredite zu, zum Teil mittels erhöhter Geldproduktion. Da die Produktion nicht im gleichen Umfang mithält, kommt es zur Inflation. Die Situation der Lohnabhängigen verschlechtert sich, da die Löhne staatlich festgesetzt und die Inflation geleugnet wird.

Der Außenhandel liegt darnieder aufgrund der Wirtschaftsblockade und der Kriegsschulden an Deutschland und Italien. Um dem drohenden Bankrott zu entgehen, lockert die herrschende Klasse die protektionistische Wirtschaftspolitik. Zudem zwingen Streiks, vor allem in Nordspanien, die auch auf andere Regionen übergreifen, das Regime 1956/57 zur Umorientierung. Zum ersten Mal sind nun Mitglieder des Opus Dei (eine kapitalistische Verbindung mit internationalen Kontakten [??? Das Opus Dei ist eine katholisch-extremistische Verbindung, die auch in Österreich erheblichen Einfluß auf die katholische Kirche hat. Anm.]) in der Regierung. Dies macht Spanien auf internationaler Ebene kreditwürdiger. 1959 erhalten die Opus Dei-Vertreter weitgehende Vollmachten für ein Stabilisierungsprogramm, das die Steuer- und Zinssätze erhöht und 70% des Außenhandels der staatlichen Kontrolle entzieht.

Als Folge werden riesige Geldmengen nach Spanien gepumpt. Da die Löhne niedrig sind und es ein gesetzlich unterbundenes Streikrecht gibt, ist das Land nun ein Eldorado für die internationalen Konzerne. Weitere Gründe für das spanische "Wirtschaftswunder" sind: die Abwanderung der ArbeitsIosen in EWG-Länder und deren Devisen, der einsetzende Tourismus. Doch durch die niedrigen Löhne fehlt die Kaufkraft und die Industrie drosselt die Produktion und vollzieht Massenentlassungen. So kommt es 1966 zu einer Wirtschaftskrise.

Bis 1975 steigt der Lebensstandard der Lohnabhängigen nur gering. Die Unternehmergewinne liegen immer deutlich über den Lohnerhöhungen. Diese Wirtschaftspolitik fördert einen enormen Konzentrationsprozeß. Die "sieben Banken" verfügen über 70% aller Fremdeinlagen der Privatbanken und kontrollieren über die Kredite die spanischen Konzerne, die nur geringe eigene Mittel haben. Eine Machtelite von etwa hundert spanischen Familien kontrolliert die gesamte spanische Wirtschaft.

6. Schritte zum organisierten Widerstand

Erste Streiks sind zumeist kurzfristig, auf die betriebliche Ebene beschränkt. Am 1. Mai 1947 kommt es zum Generalstreik im Baskenland. Die Arbeiter fordern Lohnerhöhungen und Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Forderungen werden nicht erfüllt, und der Streik bricht zusammen. Vom 1. bis zum 6. Mai werden in Barcelona nach einer Erhöhung der Straßenbahnpreise die Straßenbahnen boykottiert. Die Regierung nimmt die angekündigte Erhöhung zurück. Dadurch ermuntert wird von Arbeitern und Studenten der Generalstreik zum 12. Mai ausgerufen, der zu 90% befolgt wird. Die gegen den Streik hetzende Presse wird boykottiert und muß vorübergehend ihr Erscheinen einstellen. Polizei und Militär beenden mit Gewalt den Generalstreik. Im April kam es im Baskenland zum 48stündigen Generalstreik, an dem sich 200 000 Arbeiter beteiligen. Ebenso kommt es in Toledo und Pamplona zu Generalstreiks.

1956 kommt es in Madrid zu Studentenunruhen. Sie richten sich gegen die Mitgliedschaft der Studenten in der SEU (Zwangsgewerkschaft: wer nicht Mitglied ist, darf nicht studieren) und gegen universitäre und ökonomische Mißstände. Die Forderungen werden zwar nicht erfüllt, doch tritt eine zunehmende Entfremdung der intellektuellen vom Franco-Regime ein.

Bis 1962 kommt es immer wieder zu kleineren Streiks, Boykottaktionen usw. 1962 streiken die asturischen Bergarbeiter. Zahlreiche Solidaritätsaktionen von Studenten werden durchgeführt, sogar von Teilen des Klerus und Kleinunternehmern und Solidaritätsstreiks. Ein Großteil der Forderungen wird schließlich erfüllt und bestätigt damit das reale Streikrecht.

In dieser Zeit entstehen die Commissiones Obreras (cc.oo.), die anfangs sehr kurzlebig sind. Die cc.oo. sind Arbeiterräte, die sich in Aktionen bildeten. Im Gegensatz zur CNS, der Zwangsvertretung von Kapitalisten und Arbeitern, vertreten die cc.oo.-Delegierten, übrigens mit imperativen Mandat, die Interessen der Belegschaft. Die Gewerkschaften CNT und UGT waren zur Organisierung von Massenbewegungen aufgrund ihrer Illegalität nicht in der Lage. Vereinnahmungsversuche durch die PCE werden abgeblockt.

Mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung in den sechziger Jahren gehen Immer mehr gesellschaftliche Gruppen zu Opposition mit dem Regime. Nach der Streikbewegung 1967 werden die cc.oo. verboten. Im Januar 1969 kommt es zum Ausnahmezustand. Spontan brechen neue Streiks aus und auch Repression kann die Protestwelle nicht eindämmen. In der Provinz Sevilla fühlt sich die cc.oo. so stark, daß sie für den 24.6.70 den Generalstreik ausruft. Aus Angst vor einer Eskalation verzichtet die Regierung auf Gewaltaktionen und versucht am Streiktag nur den Verkehr aufrecht zu erhalten.

In den siebziger Jahren verstärkt sich der Widerstand. Die Automobilindustrie rückt ins Zentrum der Kämpfe. 1971 bei SEAT, heute VW-Tochter, in Barcelona oder 1973 bei MOTORIBERICA in Pamplona. 1972 streiken in Galizien die Werftarbeiter, zwei von ihnen werden erschossen und es kommt sogleich in EI Ferrol und Vigo zu Volksaufständen. Am 20. Dezember 1973 sprengt ein ETA-Kommando das Auto des Ministerpräsidenten Carrero Blanco in die Luft. Der designierte Nachfolger Francos stirbt und eine weitere Welle der Repression setzt ein.

1974 übernimmt König Juan Carlos während einer Krankheit Francos für kurze Zeit die Regierung. Schon hier kommt zu einer leichten Liberalisierung, die er nach dem Tode Francos am 20. November 1975 fortsetzt.

von Jota


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Ökonomie und Revolution

1. ...und die Fabriken gehören uns!

Wer wagt das heute zu denken? Die Kapitalisten sind entmachtet, der Staat zerschlagen und ... ? So sehr unser Kampf heute von der Konfrontation mit der Staatsgewalt geprägt ist, so ist dennoch die Periode des gewaltsamen Umsturzes in einer Revolution kurz, wird die Dauer der Umwälzung von der Qualität der neu gebildeten sozialen und ökonomischen Organisation bestimmt.

Im Monte Verita Verlag ist dies Jahr das Buch "Ökonomie und Revolution" erneut erschienen. Es enthält verschiedene Texte der Auseinandersetzung über Ökonomie, Organisation und Taktik in der spanischen CNT zwischen 1920 und 1936. Keine Panik, es soll im folgenden keine historisierende Vergötterung der Anarchosyndikalisten ausgebreitet werden. Wir leben heute, und die historischen Texte taugen so yiel, wie sie uns in unserem Kampf nützlich sind. Und da strahlen die CNT-Texte eine verblüffende Aktualität aus.

Als Spurensucher in der Geschichte, der sich immer auch den Kopf über das Heute zerbricht, ist zunächst das Problem zu überwinden, daß viele Begriffe heute völlig anders aufgefaßt werden als damals. Für unsere anarchistischen Ahnen war eine "Gewerkschaft" ein mögliches revolutionäres Instrument. Uns fällt bei Gewerkschaft die Versicherungsgesellschaft DGB ein, dessen Bürokratie, Filz und Klassenkumpanei.

2. Die sozialrevolutionäre Gewerkschaft

In der CNT gab es vor der Revolution grob zwei Strömungen, einmal die sogenannten reinen Anarchisten, die betont individualistisch von Ideen Proudhons und Kropotkins geprägt waren, und zum anderen die Kollektivisten, die mehr zu Bakunin und dessen freiheitlichen Kommunismus tendierten. Gestritten wurde sich um Formen der Organisierung, der Praxis des Kampfes, der Vorstellung für die Zeit nach der Revolution.

Die CNT als Gewerkschaft war föderativ aufgebaut, vom einzelnen Betrieb ausgehend, zur Kommune, über die Region bis hin zur nationalen Ebene. In den Betrieben wurden Sektionen nach Berufen gebildet, die wiederum in Branchen zusammengefaßt kooperieren. Die jeweils "unteren" Ebenen sandten Delegierte in die nächst höheren. Den Individualisten gingen jedoch überregionale und nationale Organisierung zu weit, da sie die Gefahr der Bürokratie und erneuter Hierarchisierung darin sahen.

Doch war die CNT nicht auf "Betriebsarbeit" beschränkt. Der sozialrevolutionäre Ansatz drückte sich darin aus, Arbeit, Konsum, Kultur; Soziales als zusammengehöriges zu organisieren. Dazu gab es Stadtteilgruppen, Fabrikkomitees, Verbindungen zwischen Gewerkschaft im Betrieb und Wohnviertel.

Die Kollektivisten forderten neben der Autonomie der einzelnen Gruppen eine straffe nationale Organisation. Nur darin sahen sie die Chance, gegen die sich national organisierenden Kapitalisten Erfolg zu haben, der Zentralisierung der Wirtschaft, der Verflechtung der Fabriken untereinander zu umfassenden Industriekomplexen gerecht zu werden.

Die CNT sollte als Instrument des Umsturzes aufgebaut werden. Die Gewerkschaft war revolutionär, da sie im Kampf über den Kapitalismus hinaus führen sollte und ein Organ der zukünftigen Gesellschaft werden sollte. Der Kampf der Arbeiter um mehr Lohn, um Arbeitserleichterung und soziale Gerechtigkeit war verbunden mit dem Ziel der Überwindung von Ausbeutung und Herrschaft, die CNT als "Pakt universeller Solidarität gegenüber den Gruppierungen des Kapitals", als Zusammenschluß der Opposition gegen Kapital und Staat. Das war die Perspektive, daher gab es die Organisation im Wohnviertel, wurde die kapitalistisch erzeugte Trennung zwischen Ökonomie und Politik abgelehnt, der Parlamentarismus ebenso wie der Reformismus und der Staat als ganzes bekämpft.

Die Fabrikkomitees, die regionalen Sektionen und lokalen Gruppen sollten die Grundlage der zukünftigen Wirtschaftsform sein. Die Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten sollte überwunden werden, etwa durch die Kommune als koordinierendes Organ. "Mit der Organisation soll nicht nur eine Kraft des Widerstandes geschaffen werden, sondern auch Formen, die eine libertäre Gesellschaft antizipieren." (1) Die Auseinandersetzung in der CNT kreiste oft um das Problem der übergreifenden Organisierung. Juan Peiro beklagte die Zersplitterung der Bewegung, die Betonung des Individuellen als Hindernis für effektiven Widerstand.

Doch welche Bedeutung haben diese Themen heute, im Jahre 1986, im Wohlstandsbunker BRD, nach Tschernobyl? Der Glaube an Fortschritt und Technik hat sieh als Mythos erwiesen. Von einer revolutionären Arbeiterbewegung ist in unserem Land nichts mehr übrig. Das Proletariat verbürgerlichte. Eine radikale Systemopposition gibt es ohne Zweifel. Die Kämpfe auf der Straße, Aktionen und ansatzweise Zusammenarbeit beweisen es. Doch die Bewegung heute ist zersplittert, tritt periodisch auf, oft nur als Militanz auf der Straße, mit geringer sozialer Verankerung.

Was sind schon die Lehren der Geschichte? Jede Gruppe sucht sich aus dem Zeitenstrom die passenden historischen Rosinen heraus und leider auch zentnerschwere Mühlsteine. Die verknöcherte Perspektive eines ewig tobenden Klassenkampfes, diese Ideenschablone mit dem glorreichen Endpunkt der sozialistischen Revolution gehört in die Klamottenkiste des vorigen Jahrhunderts.

Die CNT entstand in den Kämpfen der Fabrikarbeiter ums Überleben. Die Fabriken, die gesamte Ökonomie haben sich verändert und sind heute in einer neuerlichen Phase tiefgreifender Umwälzung. Organisierung heute muß das zum Ausgangspunkt nehmen. Lernen können wir von der CNT, daß eine radikale Opposition den ökonomischen Bereich und das gesellschaftliche Leben als Ganzes begreifen muß. Die Verbindung zwischen Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen, Zentren und Läden, autonomen und anarchistischen Gruppen, Jobber-Initiativen, radikalen Gewerkschaftern muß verstärkt werden. Die Radikalität der Bewegung muß sich auf den ökonomischen Bereich ausweiten. "Die Welt erobert man nicht mit Worten, sondern mit Taten." (2)

3. Unsere Sehnsucht heißt Revolution

"Jede revolutionäre Tat bleibt steril, wenn nicht bereits vorher die Grundlage für das neue ökonomisch-soziale Gebäude gelegt worden ist." (3)

Die Kollektivisten der CNT waren überzeugt, daß der gewaltsame Umsturz noch die leichteste Aufgabe einer sozialen Revolution sei. Die "reinen" Anarchisten vertrauten auf die Spontaneität und die schöpferische Kraft der Massen, die in der Revolution entfesselt würde. Wieviel Planung und Ordnung ist nötig? "Die nationale Industrieföderation dient dazu, die Initiativen und Aktionen des in der Industrie zersplitterten Proletariats auf nationaler Ebene zu konzentrieren und die Opposition gegen das Kapital zu organisieren. Sie dient gleichzeitig dazu, praktisch die Struktur des ökonomischen Apparats von morgen vorzubereiten."(4)

Dies war ein Ansatz, der dem nebulösen Mythos von der Revolution entgegengesetzt wurde, als Organisationsform, die über den Kapitalismus hinausweisen sollte. Die Fabrik- und Werkstattkomitees sollten auf lokaler Ebene die Produktion übernehmen und mit Industrieföderation die Verteilung sollte überregional der Güter und die Koordination regeln.

Was aber ist Revolution und was nur Rebellion? Nur auf die Straße zu stürzen und den Staat zu attackieren, war offenbar nicht ausreichend. "Man vertraut dem Zufall, man wartet auf das Unvorhergesehene man glaubt an die Wunder der Revolution." (5) Das könnte auch heute noch unverändert in jedem Strategiepapier formuliert werden. Assoziationen zu den periodischen Scheibentänzen in den Großstädten, Zaunscharmützeln und Strommastsägewerken drängen sich auf.

"Die Revolution darf nicht nur auf mehr oder minder mutige Minderheiten bauen, sondern sie muß eine Bewegung bilden, die aus den Massen kommt, aus der Arbeiterklasse, den Gewerkschaften und den Konföderationen heraus entwickelt werden." (6) Es soll nicht Aufstand gespielt, Spektakel mit Revolution verwechselt werden. Auch heute gibt es Elemente eines Aufstandes, wachsende Militanz und Sabotage. Aber wo sind die Versuche, Vorstellungen von "unserer" Zukunft zu entwickeln, wo die Entwürfe von Formen eines befreiten Arbeitens und Lebens? Was sind für uns bewußte Methoden eines gemeinsamen Kampfes, in dem wir Bewußtsein und Befreiung verbinden? Wie ist die Herausbildung einer neuen Elite, zukünftiger Herrschaft durch Bürokratie oder einer Partei nach einem Umsturz zu verhindern?

Santillian hoffte z. B. auf ein System, in welchem Produktion und Verteilung des Reichtums durch Produzenten und Konsumenten selbst geleistet würde und der einzelne Betrieb die Basis der lokalen und überregionalen Organisation bildete und der Privatkapitalismus ohne die Zwischenperiode eines Staatskapitalismus überwunden würde. Ein Rätesystem sollte durch lokale Vernetzung und föderative Elemente erweitert werden. Die Freiheit des Einzelnen sollte mit der Verpflichtung gegenüber der ganzen Gesellschaft verbunden werden. Doch auch in einem solchen System kann es Bürokratie und Macht geben.

"Um Anarchist sein zu können, muß man ein bestimmtes kulturelles Niveau erreichen, ein Bewußtsein über die Macht haben und die Fähigkeit zur Selbstverwaltung. Idioten können nicht Anarchisten sein." (7) Abgesehen von der Arroganz dieser Aussage, ist richtig, daß eine freie und selbstverwaltete Gesellschaft im Bewußtsein und dem Handeln der Menschen abhängt, daß Anarchismus auch Kampf um Denken und Fühlen der Menschen ist. "Wer Freiheit anders besitzt als das zu erstrebende, der besitzt sie tot und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade diese Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampf stehen bleibt und sagt: jetzt hab ich sie - so zeigt er eben dadurch, daß er sie verloren hat." (8)

4. Nachtrag

Spanien 1936 liegt weit zurück. Traditionalistische Besserwisserei oder Pathos sind unangebracht. Aber was heißt für uns heute noch "Revolution"? Bloßes Wunschdenken? Oder glauben wir an sie wie der Christ an das jüngste Gericht, an jenen Tag, wo plötzlich alles anders, besser in Ordnung ist? Oder haben wir die Hoffnung auf Befreiung längst aufgegeben?

In Teilen der Linken wird heute Gewalt und revolutionäre Aktion verwechselt oder platt gleichgesetzt. Power auf der Straße, der Körpereinsatz, die Zerstörung von Material und des "Feindes" gelten von vornherein als radikal. Doch schwingt dabei sehr viel Ohnmacht und Verzweiflung mit. Aus Phantasielosigkeit klammern wir uns an rigide Dogmen.

Sabotage und direkte Aktion - das sind nicht jene Metzeleien in Paris, ist nicht die Bombe in eine Synagoge voller Menschen, ist nicht der gezielte Todesschuß auf den "Feind". Diese mörderische Doppelmoral, die Befreiung schreit und in dessen Namen unterschiedslos Menschen niedermetzelt, hat nichts mit Revolution zu tun. "Wer wirklich revolutionäre Erfahrung hat, weiß, daß er, um eine Situation zu verändern, mehr oder weniger eindeutig an ein moralisches Niveau appellieren muß, das dem gegenwärtig herrschenden überlegen ist, und nicht nur an materielle Interessen." (9) Das heißt nicht, die Gesellschaft sei mit braven Reden oder Flugblättern zu verändern. Ohne Aufstand, ohne Gewalt werden die Herrschenden nicht weichen.

"Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht." (10) Revolution wird nicht durch die Zahl der Gewehrläufe oder die. Sicherheit der Volksgefängnisse bestimmt, sondern die soziale Umwälzung wird so weitreichend sein, wie sie Angelegenheit der Mehrheit der Gesellschaft ist. Freiheit läßt sich nicht per Dekret erlassen.

Unsere Aktionen müssen jene soziale Umwälzung voranbringen. Das ist der Unterschied zwischen einem Angriff auf Herrschaft und Ausbeutung und dem Morden von Neo-Nazis oder den Fanatikern in Paris, wo die Wirkung der Tat an der Zahl der Opfer abgelesen wird. Das eine ist faschistische Taktik zur Verbreitung von Angst und Unsicherheit. Das andere ist revolutionär.

"Schon zu lange hat man die Redensart geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischem Regime. aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution ein Phänomen, daß einem Zustand der Dinge bahnbricht, der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert war." (11)

Die CNT führte über eine lange Zeit die Auseinandersetzung über Revolution, Ökonomie, Gewalt, zukünftige Gesellschaft, Organisierung des Kampfes und Formen der Herrschaft. Einiges ist zur Geschichte geworden. Anderes ist so aktuell wie damals und wird uns selbst noch lange in Atem halten.

Anmerkungen:
(1) s. 48, Ökonomie und Revolution, Wien 1986
(2) s. 40, Ökonomie und Revolution, Wien 1986
(3) s. 42, Ökonomie und Revolution, Wien 1986
(4) s. 52, Ökonomie und Revolution, Wien 1986
(5) s. 78 ebda
(6) s. 79 ebda
(7) s. 134 ebda
(8) Proudhon
(9) Danilo Dolci, Die Zukunft gewinnen
(10) Agnoli/Brückner, Transformation der Demokratie, Ffm 1968, s. 29/30
(11) s. 170 Ökonomie und Revolution


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Vergangenheitsbewältigung in Spanien - 50. Jahrestag des Bürgerkriegs und der Revolution

Die Spanier denken offenbar genauso ungern über ihre jüngere Vergangenheit nach wie die Deutschen. Obwohl sie wesentlich mehr Anlaß dazu hätten, denn sie können einer sozialen Revolution gedenken, wie sie in diesen Jahrhundert ohne Beispiel ist! Dennoch beschränkten sich die "offiziellen" Aktivitäten zum 50. Jahrestag des Bürgerkrieges und der Revolution auf die Publikation zahlreicher mehr oder minder brauchbarer Bücher und auf Artikelserien in den Sonntagsbeilagen der Tageszeitungen "EI Pais" und "La Vanguardia".

Dem "Kinoereignis des Jahres", der Film "Dragon Rapide" über die Tage unmittelbar vor dem Putsch und den Flug Francos von Las Canarias nach Marokko, kann man mit etwas bösen Willen auch als Franco Verherrlichung verstehen, auch wann er nicht so gemeint ist. Jedenfalls Eingrenzung der Geschichte auf eine Person!

So blieb also das Angedenken der Revolution größtenteils den Movimiento Libertario vorbehalten. Dies geschah mittels einiger Ausstellungen - einer der CNT-AIT, einer der CNT und einer des Centro de Documentacion Historico-Social (GDHS), letztere mit offizieller Unterstützung der Stadt Barcelona (!) - sowie einer Vortragsreihe der CNT-AIT zu Themen wie Kollektivierungen, Volksgerichte, Erziehung, Die drei Tage des Juli, Mai 37, an der zwischen 30 und 80 Personen teilnahmen. Die Vorführung einiger Filme, die ursprünglich als Open-Air-Veranstaltung auf den Ramblas geplant war, mußte ins Ateneo Libertario Poble Sec verlegt werden, weil die Stadtverwaltung die Vorführung untersagt hatte.

Den Abschluß und Höhepunkt der Festivitäten bildete an 19. Juli eine Veranstaltung im Centro Livico de Sants, an der etwa 500 Anarchisten aus verschiedenen Ländern teilnahmen. Des Hauptthema der Reden von Josä Luis Garcia Rua, Generalsekretär der CNT-AIT und Federica Montseny, Veteranin der Bewegung, war neben den üblichen Phrasen über Kapitalismus und Revolution das Gerichtsurteil vom 23. Juni 1986, in dem der reformistische CNT-Flügel, der sich 1980 von der CNT-AIT abgespalten hatte, zur legalen Gewerkschaft mit der Abkürzung CNT erklärt wird - als wann es anders zu erwarten gewesen wäre!

Nach den Reden löste sich die Veranstaltung sehr bald ins Nichts auf - ohne Demonstration, was die ausländischen Genossen, die noch ein wenig "Street-Äktschen" erwartet hatten, schwer enttäuschte.

Barcelona, im August 1986


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AKTION - anarchistisches Magazin

Die AKTION erschien von 1981 bis 1988. Sie wurde als regionales Zeitung entworfen, entwickelte sich aber schnell zu einem bundesweit vertriebenen Blatt mit mehreren, wechselnden Regionalredaktionen.

Neben der gewaltfrei-anarchistischen Zeitung graswurzelrevolution, der anarchosyndikalistischen Zeitung direkte aktion und der anarchistischen Vierteljahreszeitschrift für Lust und Freiheit Schwarzer Faden war die AKTION mit einer Auflage zwischen 2000 und 4000 Exemplaren eine der großen, bundesweit vertriebenen anarchistischen Zeitungen. Inhaltlich stand die AKTION den sozialen Bewegungen sowie der autonomen Bewegungen nahe. Leider erscheint die Aktion nicht mehr. Deswegen haben wir auch diesen Text hier dokumentiert.

Die AKTION übte immer wieder scharfe Kritik am Marxismus-Leninismus und insbesondere den bolschewistischen Staaten. Sie war damit, wie alle anarchistischen Zeitungen, allein auf weiter Flur innerhalb der traditionellen und revolutionären Linken. In anarchistischen Zeitungen wird, da die Unternehmer in ihnen sowieso keine Anzeigen schalten, nicht mit der Schere im Kopf geschrieben und so wird in ihnen daher vieles klarer als in anderen Zeitungen ausgedrückt. Wer autonome oder anarchistische Zeitungen kaufen möchte, sollte sich an den nächsten Infoladen wenden. Für das Sauerland ist das folgender:

Schwarze Katze
Postfach 41 20
58664 Hemer
www.free.de/schwarze-katze/

Wir suchen vom Schwarze Katze Archiv noch alte Ausgaben der Aktion, denn wir würden gerne weitere Artikel dieser lesenswerten und leider für die meisten nicht mehr zugänglichen Zeitung online setzen. Das gleiche gilt natürlich auch noch für andere anarchistische Zeitschriften. Wer uns da weiterhelfen kann oder uns beim abtippen/einscannen helfen möchte, mailt an unsere Kontaktadresse.

Originaltext: http://www.anarchismus.de/ und http://www.free.de/schwarze-katze/texte/as07.html


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