John Reed - Die Industriearbeiter der Welt (1920)

I.

In der Industrie der Vereinigten Staaten geht ein wahrer Bürgerkrieg vor sich. Fast jeder Ausstand gleicht einer Schlacht, in welcher der gesamte Staatsapparat gegen die Arbeiter in Bewegung gesetzt wird. Auch freiwillige, mit Gewehren und Maschinengewehren ausgerüstete, aus Raufbolden zusammengesetzte „Truppen“ werden gegen die Streikenden ins Feld geführt. Diese von der Regierung genehmigten „Truppen“ können von jedem gedungen werden, der die nötigen Mittel dazu hat. Ja, in den Bezirken, in denen ein Ausstand stattfindet, werden die Mitglieder dieser Banden von dem höchsten Vertreter des Gesetzes im Bezirk gewöhnlich zu stellvertretenden Sheriffs ernannt, so daß sie eigentlich Regierungsbeamte werden.

Gerichtshöfe, Polizei, Sonderpolizei (wie z. B. die Konstabler der Staaten Pennsylvania und New York, die angeblich zur Ausübung von Polizeifunktionen in den ländlichen Bezirken eingesetzt wurden, tatsächlich aber ausschließlich zur Unterdrückung von Ausständen verwendet werden), ferner die Staats-, Bezirks- und Stadtgerichtsbeamten sind mobilisiert worden, um jede Arbeiterbewegung zu ersticken. Auch die den Kapitalisten zur Verfügung stehenden nicht behördlichen Kräfte — Presse, Handelskammern, Bürgerausschüsse und selbst bewaffnete bürgerliche Banden, wie die während des Krieges angeblich zum Schutz gegen deutsche Spione gegründeten Organisationen — die „Nationale Sicherheitsliga (National Security League), die Vereinigung der „Ritter der Freiheit“ (Knights of Liberty), die Amerikanische Verteidigungsgesellschaft (American Defense Society) und seit Abschluß des Krieges die „antibolschewistischen“ Organisationen, wie z. B. die Amerikanische Legion, die sich größtenteils aus demobilisierten Offizieren zusammensetzt — alle diese nehmen den Kampf gegen die Arbeiter auf.

Außerdem haben die Arbeiter auch noch andere, nicht aus Fleisch und Blut bestehende Feinde. Da sind z. B. die Proskriptionslisten, die dem aktiven Ausständigen die Möglichkeit rauben, andere Beschäftigung zu finden; das absichtliche Zusammenwerfen von Arbeitern verschiedener Nationalität und verschiedenen Glaubensbekenntnisses in einem Unternehmen und das Entfachen von nationalen und religiösen Vorurteilen unter ihnen, das z. B. zum Hinmorden der Neger geführt hat. An erster Stelle aber steht die Aufrechterhaltung des Fachverbandsystems in der Arbeiterorganisation und die offene Bestechung der Arbeiterführer.

Die Staaten und Ortsverwaltungen machten gar kein Hehl daraus, daß sie das Streikbrechertum unterstützten. Der Bundesregierung aber gelang es bis zum Ausbruch des Krieges, den Eindruck hervorzurufen, als verhalte sie sich im Kampf zwischen. Kapital und Arbeit neutral, obgleich es an solchen Maßnahmen, wie die des Präsidenten Cleveland, der Bundestruppen aussandte, um den Streik des Amerikanischen Eisenbahnverbandes in Illinois zu brechen, nicht fehlte.

Der Krieg jedoch lieferte einen Vorwand zur unmittelbaren Kontrolle des Staates über die Industrie durch den nationalen Abwehrrat, der, aus Großfabrikanten und Bankiers bestehend, die Macht offen in seine Hände nahm. Der Abschluß des Krieges befreite zwar die Kapitalisten, nicht aber die Arbeiter von jeder staatlichen Beaufsichtigung. So ist z. B. das Levergesetz, das während des Krieges erlassen wurde, um das Zurückhalten von Lebensmitteln zu verhüten, noch immer in Kraft, und zwar wird diesem Gesetz die Deutung gegeben, daß es Ausstände in der Lebensmittelindustrie verbiete. Der Eisenbahnerausstand im vorigen Herbst wurde von der Regierung mit der Androhung von Waffengewalt beantworte!. Den Streik der Grubenarbeiter erklärte das Bundesgericht offiziell als ungesetzlich, und Hunderte tätiger Arbeiter sitzen jetzt hinter Schloß und Riegel, weil sie gegen das Verbot, diesen Ausstand zu führen oder ihn zu fördern, gehandelt haben.

Der Oberstaatsanwalt der Vereinigten Staaten hat eine Deklaration veröffentlicht, in der er alle Ausstände in Industriezweigen, die „mit dem nationalen Wohlergehen zusammenhängen“, als Kriminal verbrechen erklärt. Kein einziger Arbeiter kann jetzt noch daran glauben, daß die Bundesregierung in Arbeiterfragen „neutral“ sei.

Wenn ein Arbeiter in den Vereinigten Staaten in den Ausstand tritt, so setzt er sein eigenes Leben und das Leben seiner Familie aufs Spiel. Ungestraft werden die Arbeiter von den bewaffneten Raufbolden niedergeschossen; dabei klagt man aber die Streikführer des Mordes an. So geschah es in dem Fall Joe Lawson, eines der Führer des Grubenarbeiterstreiks in Colorado anno 1913; er wurde des Mordes angeklagt, nachdem die Staatsmiliz das Zeltlager der Ausständigen in Brand gesteckt hatte, sodaß viele Frauen und Kinder den Tod fanden. Dasselbe war auch bei Giovannitti und Ettor in Lawrence (Staat Massachusetts) der Fall, wo ein Milizsoldat während des Textilarbeiterstreiks einen Ausständigen tötete. Die gleiche Anklage wurde gegen Carlo Tresca und andere während des Streiks der Grubenarbeiter von Mesaba Range erhoben, wo ein stellvertretender Sheriff einen Arbeiter niederschoß. In den Gefängnissen der Vereinigten Staaten schmachten heute hunderte von Männern, die sich aktiv an Ausständen beteiligt haben, für Verbrechen, die sie nie begingen. Es seien hier einige der zahllosen Opfer aus der amerikanischen Arbeiterbewegung genannt:

MacNamara, Schmidt und Kaplan, zur Kerkerstrafe verurteilt, weil sie die Redaktion des arbeiterfeindlichen Blattes „The Los Angeles Times“ in die Luft gesprengt hatten.

Tom Mooney, zu lebenslänglicher Kerkerstrafe auf die Anklage hin verurteilt, während einer militärischen Kundgebung in San Francisco eine Bombe geworfen zu haben, — eine Anklage, die, wie erwiesen, völlig unbegründet war.

Ford und Suhr, — lebenslängliche Haftstrafe wegen eines Mordes, den sie angeblich während eines Streiks der Hopfensammler begingen; tatsächlich aber wurde der Mord von stellvertretenden Sheriffs verübt.

Joe Hill, Organisator der I.W.W. und Dichter, verurteilt und hingerichtet wegen eines Mordes, den er nie beging.

Frank Little, Mitglied des Generalvollzugsausschusses der I.W.W., der während des Streiks der Kupferminenarbeiter von Butte nachts aus dem Bett geholt und von einer Bande von Beamten des Kupfertrusts erhängt wurde.

Hundert Führer der I.W.W., die 1918 in Chicago angeklagt wurden, die Kriegsoperationen gestört zu haben und zwischen 10 und 25 Jahren Zwangsarbeit erhielten.

Die Liste nimmt kein Ende. Strenge Kerkerstrafen, Lynchjustiz, Deportation erwarten diejenigen Arbeiter in Amerika, die ihre Klasse zu organisieren versuchen. Hunderte erliegen in den Gefängnissen verschiedenen Krankheiten; Hunderte werden irrsinnig; wieder Hunderte begehen Selbstmord. Die amerikanischen Kerker wissen von grausamen Foltern zu erzählen.

An der Spitze dieses Kampfes der Arbeit gegen den übermächtigen bösen Feind stehen die Industriearbeiter der Welt. Sie führen einen Kleinkrieg mit allen Mitteln, mit Gewehr und Sabotage, Propaganda, Streiks und offenen Kämpfen. Vogelfrei und Helden, zu Hunderten hingemordet und eingekerkert, unzerstörbar, singen sie ihre trotzigen Spottlieder.

II.

Wie in allen anderen Ländern, hat die Arbeiterbewegung auch in Amerika mit der gewaltigen Konzentration der Industrie, die das Ende des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, nicht Schritt gehalten. Dieser Umstand verschärfte sich in den Vereinigten Staaten noch mehr nach dem spanisch-amerikanischen Kriege, nach welchem Amerika offiziell die Weltarena des kapitalistischen Imperialismus betraf und der den Anfang zur großen Aera der monopolistischen Entwicklung legte. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung, die jeden Industriezweig in zahllose einander bekämpfende und miteinander wetteifernde Fachverbände spaltete, zeigte sich nicht nur außerstande, den Arbeitern in ihrem Kampfe um das tägliche Brot zu dienen; sie entsprach überhaupt nicht dem Aufbau der Industrie.

Die Organisation der Industriearbeiter der Welt wurde 1905 auf einer Konferenz in Chicago gegründet, die von einer Vorkonferenz einiger revolutionärer Arbeiter einberufen war. Es ist bemerkenswert, daß nur zwei Personen die an sie ergangene Einladung zu dieser Konferenz ablehnten, und zwar Victor Berger, der Führer der Sozialistischen Partei, ein Sozialverräter, und Max Hayes, der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, der sich späterhin als einer der größten Reaktionäre der Gewerkschaftsbewegung entpuppte.

Auf der Konferenz waren sämtliche revolutionären und nach Industriezweigen organisierten Arbeiterverbände jener Zeit vertreten: die amerikanische Eisenbahnerunion, Debs' Organisation, die sich nach ihrer großen Niederlage int Streik von 1894 keiner großen Autorität erfreute; die Amerikanische Arbeiterunion, ein loser, etwas unbestimmter Verband „allgemeiner“ Arbeiter aus dem Westen; der Verband der Brauereiarbeiter, eine industrielle Organisation ohne besonderen revolutionären Geist; die Sozialist Trade and Labour Alliance, Daniel de Leons vergeblicher Versuch, der Amerikanischen Föderation der Arbeit eine Konkurrenzorganisation entgegenzustellen; einige Verbände der Vereinigten Grubenarbeiter, die Kohlengrubenarbeiter und als wichtigste aller Organisationen, die Western Federation of Miners, die Metallbergwerkarbeiter, die mit Haywood, St. John, Ryan, George Speed, Hazlewood, Frank Little u. a. das Rückgrat und das geistige Feuer der neuen Organisation bildeten.

Die I.W.W. befürwortete die Bildung von Industrieverbänden; jeder Verband sollte sämtliche in einem Industriezweig beschäftigten Arbeiter aller Branchen umfassen; sämtliche Industrieverbände wiederum sollten sich zu einer einzigen Organisation zusammenschließen. Diese Organisationsmethode sollte nicht nur dem täglichen wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter dienen; sie sollte die Waffe sein, die den Arbeitern ermöglichen würde, die Kontrolle über die Industrie zu erlangen. Daniel de Leon, der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, formulierte die Theorie des Industrieunionismus, die den Sturz des kapitalistischen Staates und dessen Ersatz durch eine auf den Industrieverbänden beruhende Industrieverwaltung anstrebt.

„Der Arbeiterverband“, sagte de Leon, „ist der Keim der künftigen Gesellschaft“. Von den Zielen der neuen Organisation sprechend, meinte er weiter: „Da, wo der Generalvorstand der I.W.W. seinen Sitz hat, wird auch die Weltregierung sein.“ Diese Revolution sollte durch „Aktion auf politischem sowie auf industriellem Gebiet“ zustande gebracht werden.

Eine weitere Parole der I.W.W. war der „Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung in der Hülle der alten“. In anderen Worten, die Arbeiter sollten in Industrieverbände organisiert werden, die ihre Macht wahrscheinlich durch einen Generalstreik zeigen würden; die kapitalistische Gesellschaftsordnung würde dann in Brüche gehen und die Industrieverwaltung würde an ihre Stelle treten. Der Organisationsplan der Industrieverbände wurde von W. E. Trautmann, einem Mitglied des Brauereiarbeiterverbandes, ausgearbeitet. Das Vorwort zu den Statuten, eine der klarsten Definitionen des Klassenkampfes, die je gegeben wurden, schrieb T. J. Haggerty, ein ehemaliger katholischer Priester: „Die beiden Klassen müssen mit einander kämpfen, bis die Arbeiter der Welt sich als Klasse organisieren, sich des Grund und Bodens und der Produktionsmittel bemächtigen und das Lohnsystem abschaffen...“

Das geschah zur selben Zeit, als die Amerikanische Föderation der Arbeit durch ihren Vertreter John Mitchell erklären ließ, daß die Interessen des Kapitals und der Arbeit identisch seien oder zum mindesten einander „gegenseitig ergänzten“ . . .

III.

Es ist bemerkenswert, daß die Initiative zur Gründung der I.W.W. nicht von dem hochentwickelten alten kapitalistischen Osten ausging, sondern von dem neuen Lande des Westens. Diese Tatsache bezieht sich übrigens auf sämtliche revolutionären Arbeiterbewegungen in den Vereinigten Staaten. Der Klassenkampf ist im Westen mehr erbittert als im Osten; die Organisation der I.W.W. ist im Westen stärker als im Osten; während die I.W.W. im Westen den größten Einfluß hat, beherrscht die A. F. of L. (Amerikanische Föderation der Arbeit) den Osten.

Die Ursache dieser Erscheinung liegt in den besonderen Verhältnissen der Entwicklung der Industrie in den Vereinigten Staaten.

Es wäre falsch, den Westen Amerikas als „neues“ Land zu bezeichnen. Der Kapitalismus, der den Westen ausbeutet, ist ein alter Kapitalismus, der in dem altangesiedelten Osten reiche Erfahrung gesammelt hat, ein weiser und grausamer Kapitalismus. Der Charakter der kapitalistischen Unternehmungen im Westen — Bergwerke, Eisenbahnen, Wälder, Viehzüchtereien, ausgedehnte Landwirtschaften — das alles in einem spärlich bevölkerten Lande, fern von dem wohlanständigen Liberalismus und den humanitären Redensarten der dichtbevölkerten Großstädte, machte es möglich, den Klassenkampf offen und unverblümt zu führen. Und in diesen entlegenen Gebieten, fern von öffentlicher Kritik, waren der Entwicklung des Kapitalismus keinerlei Schranken gesetzt. Riesige Trusts entstanden, deren Leitung sich im Osten befand, die sich jedoch unbarmherzig auf den Westen stürzten, die nationalen Reichtümer raubten, die öffentlichen Ländereien stahlen. Sie bewaffneten sich mit ganzen Heeren von Schützen, verschanzten sich in unzugänglichen Städten. (Ganze Städte wurden von den Aktiengesellschaften auf ihren Ländereien errichtet und mit einer Mauer umgeben).

Es wäre unrichtig, den Westen als kapitalistisch unreif zu betrachten, denn in den Bergwerken, den ausgedehnten Getreidefarmen, in der Holzindustrie und auf den Eisenbahnen haben wir bis aufs höchste entwickelte kapitalistische Unternehmungen.

Was die Arbeiter betrifft, so sind sie kein „ungeschliffenes“ Material, sondern wahre Proletarier, die zum größten Teil im Laufe von zwei Generationen aus dem Osten eingewandert sind. Der Zudrang auswärtiger Arbeitskraft zum Osten trieb den amerikanischen ungelernten Arbeiter schon vor langer Zeit nach dem Westen. Noch bedeutungsvoller jedoch ist die Tatsache, daß die eingeborenen Revolutionäre und Kämpfer der Arbeiterbewegung, die in die Proskriptionslisten eingetragen und aus den Industriezentren des Ostens vertrieben wurden, den Weg nach dem Westen fanden, um unter angenommenen Namen auf den Kornfeldern, in den Bergwerken und Wäldern zu arbeiten. Im Osten bilden die amerikanischen Arbeiter eine qualifizierte oder halbqualifizierte Arbeiteraristokratie zum Unterschied von den ungelernten auswärtigen Einwanderern. Im Westen dagegen besteht das Gros der Arbeiter entweder aus Amerikanern oder aus Emigranten, die nicht in abgesonderten Einwandererkolonien, sondern direkt unter den Amerikanern leben und arbeiten.

Wir wollen damit aber durchaus nicht sagen, daß die I.W.W. eine nationalistische Organisation sei. Vielmehr ist gerade das Gegenteil der Fall Die I W. W. ist die einzige Arbeiterorganisation, die die ungelernten Einwanderer organisiert. Sie zählt mehr Einwanderer unter ihren Mitgliedern als jeder andere Arbeiterverband Sie erkennt keine Unterschiede der Rasse oder Hautfarbe an. Die Organisation verfügt über eine ausgedehnte Presse und gibt Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren tu nicht weniger als einem Dutzend Sprachen heraus. Die Gründer und Leiter der I.W.W. aber sind revolutionäre amerikanische Arbeiter; die Organisation ist die wahre Vertreterin der eingeborenen amerikanischen Arbeiterklasse.

Diese Arbeiter, die größtenteils je nach der Saison oder den Arbeitsbedingungen von Ort zu Ort wandern, Männer ohne Stimmrecht, ohne Heim, ohne Familien, die revolutionärsten Elemente der Arbeiterbewegung, erbittert durch lang erduldete Ungerechtigkeit, abgehärtet im Kampf, geübte Schützen, frei von jedem nationalistischen oder Rassenvorurteil, haben sich zusammengeschlossen, um die kapitalistische Ordnung zu stürzen.

Die schlimme Erfahrung, die sie mit verräterischen Führern und Politikern gemacht haben, veranlaßt diese Arbeiter, allen Führern überhaupt zu mißtrauen und sich von jeglicher Beteiligung am kapitalistischen Staatsapparat loszusagen. Die amerikanische Ueberlieferung und ihre eigenen Lebensbedingungen haben in ihnen einen starken Individualismus entwickelt und den Instinkt wachgerufen, die Macht in den Händen der Massen festzuhalten und sich der Zentralisation zu widersetzen. Allein das ändert nichts an der Tatsache, daß das Gros der I.W.W. das beste revolutionäre Material in Amerika darstellt.

IV.

Die ersten drei Wirkungsjahre der I.W.W. waren eine Periode schnellen Wachstums und zahlreicher Ausstände, von denen manche gewonnen, viele verloren wurden, die aber sämtlich durch die neue Taktik der Massenaktion und das Hineinziehen von neuen breiten Arbeiterschichten — der ungelernten Arbeiter und der Einwanderer — in den offenen Klassenkampf gekennzeichnet werden. 1907 entbrannte der große Goldfield Streik, der sich über die ganze Stadt erstreckte; es war der erste bedeutungsvolle Generalstreik in einer Stadt Amerikas. Im selben Jahr fand in McKee's Rocks ein Ausstand der Stahlarbeiter statt. Dieser Streik war der erste Versuch, den die I.W.W. im Osten unternahm; es war ihr erster Versuch, die eingewanderten Arbeiter zu organisieren und Leute verschiedener Rasse und Sprache zum Niederlegen der Arbeit in den Fabriken zu veranlassen. Inzwischen hatte die A. F. of L. ihren Einfluß auf die Stahlindustrie verloren. Aber obgleich die I.W.W. von der A. F. of. L. auf das heftigste bekämpft wurde, machte sie keine Anstalten, mit den Fachverbänden zu wetteifern. Die I.W.W. organisierte solche Arbeiter, wie die auswärtigen Einwanderern, mit denen die A. F. of. L. nichts zu schaffen haben wollte. Zudem macht die I.W.W. während eines Streiks nicht den geringsten Unterschied zwischen Mitgliedern, organisierten oder unorganisierten Arbeitern, sie betrachtet alle Arbeiter als Proletarier, als Waffenbrüder im Klassenkampf.

Der Streik in McKee's Bocks war der erste große Streik in Amerika, der auf industrieller Grundlage geführt wurde; es war der erste Ausstand, an dem die eingewanderten Arbeiter sich als organisierte Kraft beteiligten. Unterstützt von den Pennsylvanischen Staatskonstablern, die die Arbeiter mit ihren Gewehren niederknallten, griff der Stahltrust zu den grausamsten Mitteln, um den Streik zu brechen. Die Führer der I.W.W. aber antworteten darauf mit der Drohung, daß sie für jeden getöteten Ausständigen drei Schutzleute niedermachen würden, und sie führten ihre Drohung auch tatsächlich aus. Obgleich der Streik mißlang, trug er doch erheblich dazu bei, die Arbeiter im ganzen Lande aufzurütteln. Die I.W.W. erklärte auf das nachdrücklichste, daß die halbqualifizierten und die ungelernten Arbeiter von ebensolcher Bedeutung für die Arbeiterbewegung seien wie die qualifizierten Arbeiter.

Im inneren der Organisation aber ging ein Kampf vor sich, bei dem es sich darum handelte, ob man bei „industrieller“ Aktion bleiben, oder auch zur „politischen“, d. h. parlamentarischen Aktion schreiten sollte. Der Streit fand seine Lösung auf der Konferenz von 1908; der Satz in den Statuten, der den Zusammenschluß der Arbeiter nicht nur auf industriellem sondern auch auf politischem Gebiet befürwortete, wurde gestrichen. Daniel de Leon war genötigt, die Konferenz zu verlassen, da das Beglaubigungskomitee ihm einen Platz verweigerte. Auf dieser Konferenz wurde die Grunddoktrin der I.W.W., daß der Kapitalismus durch Besitzergreifung der Industrie durch die organisierten Arbeiter gestürzt werden müsse, endgültig formuliert.

Tatsächlich aber haben die I.W.W. die „politische Aktion“ nie ausdrücklich verworfen. Es hat stets viele Mitglieder der I.W.W. gegeben, die sich aktiv an politischen Parteien beteiligten, unter ihnen Haywood, der 1912 Mitglied des Nationalen Vollzugsausschusses der Sozialistischen Partei war.

Das Vorgehen der Sozialistischen Partei, die 1912 den Industrialismus und die außerparlamentarische Aktion als Mittel zum Sturz des Kapitalismus verwarf, trieb die I.W.W. dazu, sich endgültig in das industrielle Lager zurückzuziehen. Die Partei unterstützte die A. F. of L. und die Fachverbände in der Absicht, durch Einsetzung von Sozialisten als Verbandsfunktionäre sich der Verbünde zu bemächtigen. Allein sie erzielte genau das Gegenteil, denn die A. F. of L. bemächtigte sich der Partei.

Nach dem Sieg der Industriellen traten viele Elemente aus der I.W.W. aus. De Leon und seine Anhänger nannten ihre Organisation nach wie vor die I.W.W. (Detroiter Gruppe). Sie hielten die ursprünglichen Grundsätze der Organisation aulrecht, doch wurde ihre Gruppe immer schwächer und kleiner, bis sie zu dem Internationalen Industrieverband der Arbeiter (Workers' International Industrial Union) zusammenschmolz, der fast gar keine Rolle in der Arbeiterbewegung spielt. Im darauffolgenden Jahr entzog der von Mayer geführte rechte Flügel der Grubenarbeiterföderation des Westens (Western Federation of Miners) der I.W.W. seine Unterstützung und schloß sich endgültig der A. F. of L. an. Die besten Elemente der Grubenarbeiter aber blieben in der I.W.W., deren Einfluß sich jetzt tatsächlich auf die gesamte Metallbergwerkindustrie erstreckt.

Die Spaltung war ein schwerer Schlag für die I.W.W. Anderseits aber tauchten neue Persönlichkeiten in der Organisation auf, wie z. B. Vinzent St. John, der jahrelang Generalsekretär der I.W.W. war und Joe Ettor, ein Italiener, der sich als Streikführer und Organisator hervortat.

In den darauffolgenden zwei Jahren setzte in der von der I.W.W. geführten Streikbewegung eine Ebbe ein. Dagegen aber betätigte sich die Organisation in einer neuen Weise, in dem sogenannten „Kampf um die Wortfreiheit“, der in anderen Ländern ganz unbekannt ist. Der Kampf äußerte sich in folgender Weise: wurde ein Organisator der I.W.W. wegen einer Rede unter freiem Himmel verhaftet, so setzte er die nächstliegenden Ortsorganisationen davon in Kenntnis. Die Nachricht wurde weitergegeben, und auf den Dächern der Frachtwagen kamen „Mitarbeiter“ von allen Teilen des Landes gefahren, versammelten sich zu Tausenden und drangen einer barbarischen Invasion gleich in die Unglücksstadt ein. Darauf machten sie sich daran, in den Straßen Reden zu halten; sobald ein Redner verhaftet wurde, trat ein neuer Redner auf, der wiederum von anderen ersetzt wurde. Ohne irgend welche Gewalt zu üben, fuhren sie fort, Reden zu halten und sich verhaften zu lassen. Schon waren die Gefängnisse überfüllt, aber es kamen immer wieder neue Redner, bis die Behörden ratlos dastanden und die Waffen strecken mußten. Hatten die Mitarbeiter der I.W.W. ihr Spiel gewonnen und die „Redefreiheit“ in der betreffenden Stadt gesichert, so verschwanden sie ebenso rasch wie sie gekommen waren, meistens um sich zu einem anderen „Kampf um die Wortfreiheit“ etwa 2000 Kilometer weiter zu begeben.

Dieser eigentümliche Kleinkrieg dauerte von 1907, als in Spokane (Staat Washington) der erste „Kampf um die Wortfreiheit“ geführt wurde, bis zum Jahre 1917. Hunderte solcher Kämpfe wurden ausgefochten — in Missoula, Staat Montana; in Portland, Staat Oregon; in Denver, in Kansas City, Sioux City, St. Louis, Tacoma, ja fast in allen Ländern des Westens. Im ganzen Westen genügte die Schreckensbotschaft, daß die I.W.W. unterwegs waren, um die Stadt zur Toleranz zu bewegen. Es ging bei diesen Kämpfen aber keineswegs ohne Blutvergießen ab. Die Verhafteten wurden in den Gefängnissen geschlagen, bis sie starben; in San Diego schlugen die Polizei, die Feuerwehrleute und bürgerliche Freiwillige Dutzende von Mitgliedern der I.W.W. zu Krüppeln, töteten mehrere und mißhandelten andere mit glühendem Eisen. In dem letzten „Kampf um die Wortfreiheit“ in Everett (Staat Washington), wo die I.W.W. die Holzfäller organisierten, eröffneten die Sheriffs und eine Bande von Schützen des Holztrusts Feuer auf ein ganzes Dampfboot voll Mitarbeiter der f. W. W., das sich der Stadt näherte. Fünf Mann aus der Organisation wurden getötet, viele verwundet; die übrigen wurden des Mordes angeklagt.

Im Jahre 1911 führte die I.W.W. einen großen Streikkampf in den Holzfälleransiedlungen im Süden. Dieses Gebiet, die Wälder von Louisiana, wird unter einem despotischen Regime ausgebeutet. Die unglücklichen Arbeiter, Weiße und Neger, führen in diesen von hohen Mauern umgebenen und von bewaffneter Mannschaft bewachten Städten, die völlig Eigentum der Aktiengesellschaft sind, ein jämmerliches Hungerdasein. Der Streik wuchs sich zu einem offenen bewaffneten Kampf aus. Viele Arbeiter wurden gelötet, 37 Mann wurden wegen angeblich verübten Mordes zu gerichtlicher Verantwortung gezogen. Der Ausstand endete mit gänzlichem Mißerfolg; die Arbeiterorganisation in dem südlichen Waldgebiet wurde gänzlich zugrunde gerichtet. Von Bedeutung aber ist die Tatsache, daß in diesem Streik zum ersten Male Weiße und Neger zusammen gegen die Arbeitgeber vorgingen.

im Jahre 1912 traten die äußerst schlecht bezahlten, hungernden Textilarbeiter in Lawrence (Staat Massachusetts) in den Ausstand und wandten sich an die I.W.W. mit der Bitte, sie zu führen. Darauf bot die A. F. of L. der Polizei sofort ihre Dienste an, um die I.W.W. aus der Stadt vertreiben zu helfen. Einunddreißig Nationalitäten gingen im Streik von Lawrence wie ein Mann vor. Zahlreiche Organisatoren durchreisten ganz Neuengland und legten die gesamte Industrie lahm. Die I.W.W. ließen es sich angelegen sein, sorgfältig vorbereitete dramatische Episoden zu veranstalten; so z. B. sandten sie die hungernden Kinder der Ausständigen nach Boston und New York. Dank den Methoden, die die Ausständigen anwandten, wurde das ganze Land durch den Streik aufgerüttelt; die öffentliche Meinung war auf Seiten der Ausständigen; die gesamte Arbeiterschaft Amerikas horchte bei der einem Wirbelwind gleichen Massentaktik der I.W.W. auf. Die Arbeiter gewannen einen glänzenden Sieg und sicherten sich die größte Lohnzulage, die ein Streik in Amerika je erzielte.

Im darauffolgenden Jahr brach der nicht minder große Streik der Seidenweber in Paterson aus. Aber dieses Mal waren die Kapitalisten vorbereitet. Sieben Monate lang hielten die 25 000 Ausständigen aus, dann jedoch trieb der Hunger sie in die Fabriken zurück. Zum mindesten aber waren durch den Streik die Solidarität der zahlreichen Nationalitäten und die Kraft der Massemaktion der I.W.W. bewiesen worden.

Ein Ausstand, an dem die I.W.W. teilnimmt, läßt sich etwa folgendermaßen beschreiben. Die Arbeiter sind unzufrieden. Entweder sind sie nicht organisiert oder aber ihr Verband will ihre Forderungen nicht unterstützen. Ein unvorbereiteter Streik bricht aus, und die I.W.W. wird gebeten, die Führung zu übernehmen. Ob Verband oder nicht, die I.W.W. macht keinen Unterschied, denn ihr Ziel ist es, die gesamte Industrie zu unterbinden. Andere Arbeiter werden zu einem Sympathiestreik aufgefordert. Durch Reden, Demonstrationen und Aufstellung zahlreicher Streikposten — eine Taktik, die häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei führt — werden die Massen in ständiger Bewegung erhalten. Inzwischen erziehen die Führer die Ausständigen in revolutionärem Sinne, überzeugen sie von der Notwendigkeit, den Kapitalismus zu stürzen und befürworten den „ständigen Streik“. Das will etwa heißen: „Das ist kein Streik um Lohnerhöhung. Haben wir diesen Ausstand gewonnen, so werden wir aber- und abermals streiken, bis die Kapitalisten endgültig zu Grunde gerichtet sind und die Arbeiter die gesamte Industrie in ihre Hände nehmen.“

Die I.W.W. ist dagegen, daß Streikfonds gesammelt und jedes Hervortreten sorgfältig vorbereitet werde. Sie ist der Ansicht, daß überhaupt keine Kontrakte oder sonstige Abmachungen mit den Unternehmern abgeschlossen werden sollen. Die Arbeiterklasse muß eben frei sein zu streiken, sobald die Gelegenheit es erfordert.

Jedoch trotz der großen Ausstände, von denen viele mit einem Sieg für die Arbeiter endeten, war die I.W.W. außerstande, sich in den Industrieunternehmungen des Ostens zu behaupten. Kaum sechs Monate nach dem siegreichen Streik von Lawrence z. B. war die Organisation der I.W.W. aus der Stadt verschwunden. Dasselbe war in Paterson der Fall. Von allen Angriffen auf die Fabrikunternehmen, von allen großen Ausständen im Osten ist kaum ein Skelett der Organisation nachgeblieben, das von dem Geschehen erzählen könnte.

Woran liegt das? Ist es einem Fehler in der Organisation zuzuschreiben? Eignet die I.W.W. sich nicht dazu, das Fabrikproletariat zu organisieren? Oder liegt es daran, daß die I.W.W. als Kampforganisation, nicht aber als ständige Organisation gedacht ist? Nein. Die Kapitalisten hassen und fürchten gar bitterlich dieses Heer von unermüdlichen Unruhestiftern, die es auf die Vernichtung des Kapitals abgesehen haben und nicht dazu zu bringen sind, einen Waffenstillstand im Klassenkampf zu unterzeichnen. In einem wohlgeordneten industriellen Zentrum hält es verhältnismäßig leicht, eine derartige Organisation zu zerstören, ihre Mitglieder zu entlassen und in die Proskriptionslisten einzutragen. Ueberdies werden die Streiks der I.W.W. gewöhnlich vermittels großer Massen geistig unentwickelter Arbeiter durchgeführt, die, wenn sie nicht von der Begeisterung der Klassenbewegung mitgezogen werden, in ihre frühere Apathie zurückfallen.

V.

Auf der 1912 abgehaltenen Konferenz kam es in der I.W.W. zu einer >Krise, die sich schon seit langem angedeutet hatte, nämlich zu einem Kampf zwischen Zentralisation und Dezentralisation. Die Organisation hatte sich noch kaum von den Folgen der 1908 erfolgten Spaltung zwischen den „Industrialisten“ und den „politischen Aktionisten“ erholt, sodaß der Kampf zwischen den beiden neuen Gruppen die I.W.W. beinahe vernichtet hätte.

Der Individualismus der über weite Landstrecken verstreuten, jeder fernen Autorität mißtrauenden Mitglieder aus dem Westen war durch den Eintritt zahlreicher Anarchisten in die Organisation und durch das Umsichgreifen syndikalistischer Ideen in Amerika noch verstärkt worden. Die Dezentralisten forderten, daß die Generalleitung der Organisation aufgehoben und ein System von lose zusammengefügten Ortsverbänden geschaffen werde, da nur die Arbeiter der betreffenden Gegenden mit den örtlichen Bedingungen bekannt seien. Ferner forderten sie für die Ortsorganisationen das Recht, ihre eigene Presse zu besitzen, Gelder zu sammeln und zu verausgaben usw.

Diese Politik war von derart vernichtender Wirkung, daß Hunderte der besten, erfahrensten Mitglieder der Organisation empört waren und die großen Industrieverbände einen schweren Schlag erlitten. Auf der Konferenz jedoch wurden die „Dezentralisten“ nach hartem Kampfe geschlagen. Sie verließen die I.W.W. zu Tausenden, um erst in der Periode der großen Kämpfe, die dem Krieg vorangingen, in die Organisation zurückzukehren.

Die Konferenz von 1916, die zu einer Zeit abgehalten wurde, als die besten und tätigsten Mitglieder, Führer und Organisatoren sämtlich hinter Schloß und Riegel saßen, verhalf den „Dezentralisten“ wiederum zum Siege. Jedoch wurde den Beschlüssen dieser Konferenz fast gar keine Beachtung geschenkt, und die „Dezentralisten“ bilden jetzt eine Minderheit.

Die jetzige Form und Organisation der I.W.W. wurden auf der Konferenz vom Jahre 1916 endgültig festgelegt. Die I.W.W. bestehen aus Verbänden, die auf der Grundlage der Industriezweige aufgebaut sind, wobei jeder Arbeiter in dem betreffenden Industriezweig, unabhängig von seinem Fach oder seiner Arbeit, ein Mitglied des entsprechenden Industrieverbandes ist.

Außer dem allgemeinen Werbungsverband, der neue Mitglieder aufnimmt und in die Industrieverbände verteilt, sowie die Arbeiter organisiert, in deren Industriezweig noch kein Verband besteht, gehören gegenwärtig siebzehn Industrieverbände der I.W.W. an und zwar:

  • Metallbergwerkarbeiter
  • Bauarbeiter
  • Landwirtschaftsarbeiter
  • Textilarbeiter
  • Seetransportarbeiter[1]
  • Schiffsbauarbeiter
  • Eisenbahnarbeiter
  • Kohlengrubenarbeiter
  • Buchdrucker und Arbeiter in Verlagen
  • Hotel-, Restaurant- und Hauspersonal
  • Gummiarbeiter
  • Petroleumarbeiter
  • Möbelarbeiter [2]
  • Automobilarbeiter [2]
  • Metall- und Maschinenarbeiter [2]


Die Anzahl der zahlenden Mitglieder der I.W.W., die von Jahr zu Jahr erhebliche Schwankungen aufweisen, beläuft sich gegenwärtig auf etwa 125 000. Zählen wir die einzelnen Verbände, so erhalten wir insgesamt genau die doppelte Mitgliederzahl. Die Ursache dieser Erscheinung liegt darin, daß die Mehrheit der Mitglieder der I.W.W. aus Saisonarbeitern besteht. So besitzen z. B. der Verband der Landwirtschaftsarbeiter und der Verband der Holzfäller — die zwei machtvollsten Verbände der I.W.W. — eine Mitgliederzahl von je 45 000 Mann. Die meisten Mitglieder aber gehören gleichzeitig beiden Verbänden an; dieselben Leute,, die im Sommer in den Kornfeldern arbeiten, betätigen sich im Winter in den Wäldern. Ebenso ist es mit den Petroleumarbeitern, die gleich vielen anderen in den städtischen Industriezweigen beschäftigten Mitgliedern der I.W.W., im Sommer landwirtschaftliche Arbeiten übernehmen.

Zu Anfang hatten die I.W.W. eine überaus lose Organisationsform. Die lokalen Industrieverbände waren ganz autonom. Wollte man einen Generalstreik organisieren, so mußte man eine Urabstimmung unter den lokalen Verbänden vornehmen. Die Ortsverbände verwalteten sich selbst nach eigenem Gutdünken, setzten selbst die Mitgliedsbeiträge fest usw.

Die lokalen Verbände sind nunmehr abgeschafft worden. An ihrer Stelle haben wir Abteilungen der Industrieverbände, deren Vorstände in der Generalleitung in Chicago zentralisiert sind, d. h, mit Ausnahme des Verbandes der Metallbergwerkarbeiter, deren Vollzugsausschuß seinen Sitz in Butte (Staat Montana) hat. Die Zweigabteilungen der Verbände müssen sich in ihrer Geschäftsführung nach dem Zentrum richten. Sie haben das Recht, in ihrem eigenen Gebiet einen Ausstand zu organisieren; ein Generalstreik im betreffenden Industriezweig aber kann nur durch den Industrierat angeordnet werden. Der Industrierat setzt sich aus Mitgliedern jeder Branche im Industriezweig zusammen und dient dem letzteren als Verwaltungskörperschaft. Die Mitglieder des Industrierats sind zugleich Organisatoren, die sich stets in enger Verbindung mit den Arbeitern befinden.

In jedem Bezirk gibt es aus Vertretern aller Branchen sämtlicher Industriezweige einen Bezirksrat, der das Recht hat, alle Industriezweige im Bezirk zu einem Generalstreik aufzurufen.

Das Zentralorgan der I.W.W. ist der Generalvollzugsausschuß, der aus fünf von der Konferenz aufgestellten und durch Urabstimmung gewählten Mitgliedern besteht. Im Zeitraum zwischen einer Konferenz und der anderen ist der General Vollzugsausschuß das höchste Machtorgan der Organisation. Er kann den Streik eines Industriezweiges oder sämtlicher Industriezweige anordnen. Befindet ein Industriezweig sich im Ausstand, so kann der Vollzugsausschuß anordnen, daß ein zweiter Industriezweig den Ausständigen Hilfe leiste. Die Mitglieder des Generalvollzugsausschusses sind zugleich allgemeine Organisatoren, die das Land bereisen, um Streiks zu organisieren und zu leiten.

Für die Dauer des Streiks aber geben die Funktionäre ihre Macht auf. Die höchste Instanz bildet dann ein von dem Gros der Mitglieder gewähltes Streikkomitee. Weder ein Funktionär noch selbst das Streikkomitee sind berechtigt, das Einstellen eines Streiks anzuordnen. Diese Frage wird durch Stimmenmehrheit der Ausständigen selbst beschlossen.

Im Grunde genommen ist die I.W.W. eher ein Propagandakomitee als ein regelrechter Arbeiterverband, Alljährlich treten Tausende von Arbeitern in ihre Reihen ein, während andere wiederum die Organisation verlassen. Aber die I.W.W.-Mitglieder dringen überall, in alle Fachverbände, in sämtliche Fabriken und Werke ein: unablässig predigen und befürworten sie den Industrieunionismus und die Kontrolle der Industrie durch die Arbeiter. Wenn, wie es augenblicklich in Amerika geschieht, die alten Fachverbände durch die Empörung der Arbeiter gegen ihre verderbten Führer und gegen die unerträgliche Engherzigkeit ihrer Organisationen zertrümmert werden, treten die Aufrührerischen indessen nicht in die I.W.W. ein, da diese im Ruf steht, „allzu revolutionär“ zu sein. Jedoch tragen die neuen aufrührerischen Arbeiterorganisationen, die darauf entstehen, unverkennbar den Stempel der I.W.W. Ein anschauliches Beispiel hiervon liefert die Einzige Große Union (One Big Union) in Kanada.

Als Organisationen werden die I.W.W. nie imstande sein, die Mehrheit der Arbeiter für sich zu gewinnen oder das wirtschaftliche Leben des Volkes zum Stillstand zu bringen. Aber als Zentrum der Propaganda, als zerstörende und revolutionäre Kraft waren und ist die I.W.W. einer der Hauptfaktoren, die die Amerikanische Förderation der Arbeit untergraben, die breiten proletarischen Massen in die Hände nehmen und sie zum Klassenbewußtsein erziehen. Fünfzehn Jahre lang predigen die I.W.W., als leuchtendes Beispiel für die Arbeiter aller Länder, mit nimmer wankendem Heldenmut das Ideal des Sturzes des Kapitalismus.

VI.

Der europäische Krieg brach zu dem Zeitpunkt aus, als die I.W.W. sich von dem „Dezentralisationskampf“ erholt hatten und überall — in den Kohlengruben, auf den Eisenbahnen, in der Stahlindustrie, unter den Matrosen — bedeutenden Einfluß gewannen, 1913 wurden die Dockarbeiter organisiert: der Hafen von Philadelphia steht nunmehr unter der Kontrolle der I.W.W. 1914—15 wurde der Verband der Landwirtschaftsarbeiter gegründet, 1915 — der Verband der Holzfäller. Bereits 1912—13 machten die Ortsverbände den Versuch, die großen Massen der Wanderarbeiter, die zur Sommerzeit in die Kornfelder strömen, zu organisieren. Da die Ortsverbände zu jener Zeit jedoch so gut wie autonom waren, ihre eigenen Organisationen besaßen und die Höhe der Mitgliedsbeiträge selbst bestimmten, blieb die Organisationskampagne recht schwach. Frank Little, Mitglied des Generalexekutivausschusses, der später von den Kupferminenbeamten in Butte ermordet wurde, trat mit dem Plan hervor, die Organisationstätigkeit zu zentralisieren. Sein Plan wurde zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt. 1915 wurde in Kansas City eine Konferenz von Vertretern der Ortsverbände des Westens abgehalten; der Industrieverband der Landwirtschaftsarbeiter wurde gegründet, ein Zentralbüro inauguriert, einheitliche Mitgliedsbeiträge wurden festgesetzt und Organisatoren ausgesandt. Die Führer des Kampfes waren Männer, die nach dem „Kampf um die Wortfreiheit“ in Sioux City eben aus dem Gefängnis entlassen waren — die waghalsigsten, mutigsten Mitarbeiter der I.W.W.

Und fürwahr, es war eine Aufgabe für geborene Krieger. In keinem einzigen anderen Lande der Welt findet man derartige Bedingungen, wie in den Kornfeldern Amerikas. Die Ernte beginnt im Sommer in dem südlich gelegenen Staate Texas; mit dem Vorrücken der Saison treibt sie eine mächtige Welle von Tausenden von Arbeitern durch die großen produzierenden Mittelstaaten über die Grenze von Kanada und bis hinein in die riesigen Weizenfelder von Manitoba nach dem Norden. Diese Wanderarbeiter, die die Ernte einsammeln, besitzen nichts als die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. Sie nähren sich vom Lande, das sie durchziehen, reisen wie die Vagabunden in Frachtzügen oder unter den. Eisenbahnwagen, erbetteln sich Nahrungsmittel oder stehlen sie aus den Gemüse- und Obstgärten der Farmer, leben in sogenannten „Jungles“ auf dem Felde oder wählen sich ein Plätzchen im Walde, wo sie unter freiem Himmel schlafen und ihre irdischen Güter miteinander teilen.

Es ist eine ungeschliffene Art — meistens ungelernte Arbeiter, die Beute sämtlicher Ausbeuter, Leute, die die schwere Knute des amerikanischen Kapitalismus erbittert und roh gemacht hat. Sie sind frei von jedem nationalistischen oder Rassenvorurteil, Leute ohne Furcht, die in ständigem Kampf mit den Eisenbahnbeamten. liegen, die sie aus den Frachtwagen zu vertreiben suchen, mit der Polizei und den Ortsbehörden, von denen sie als vogelfrei verfolgt werden, und mit den Farmern, die sie ausbeuten. Sie besitzen weder Eigentum noch Familie, noch Stimmrecht.

Dergestalt war die Masse, die die I.W.W. zu organisieren und zu revolutionieren hatte. Der Kampf nahm den Charakter und die Ausdehnung eines riesigen blutigen Bürgerkrieges an. Die Farmer, die selbst zwischen den Banken und den Arbeitern eingezwängt waren, setzten die gesamte legale und illegale Staatsmaschine gegen die I.W.W. in Bewegung. Die Organisatoren und gewöhnlichen Mitglieder der I.W.W. wurden zu Tausenden eingekerkert, zu Krüppeln geschlagen, verwundet und getötet. Als vogelfrei, von allen anderen Klassen mit den Waffen in der Hand bekämpft, führte die Organisation der I.W.W. ihren Feldzug durch und gewann gleich im ersten Jahre 15 000 Mitglieder. Sie waren gut bewaffnet. Als Antwort auf die organisierten Gewalttaten der Farmer verheerten geheimnisvolle Feuerbrünste kilometerweit blühende Weizenfelder; mysteriöse Unglücksfälle zerstörten zahllose landwirtschaftliche Maschinen. Es war eben ein Krieg; alles war zulässig, von offenen bewaffneten Kämpfen an bis zur Sabotage.

Selbst in dem Zeitraum, als die I.W.W. am unerbittlichsten unterdrückt wurden — zur Zeit des Krieges — fuhr der Verband der Landwirtschaftsarbeiter zu wachsen und zu kämpfen fort. Und alljährlich wiederholte sich dasselbe blutige Schauspiel.

1915, als die Erntezeit vorüber war, begaben sich zahlreiche fanatische Mitglieder der I.W.W. in die Holzfällerlager des Nordwestens und begannen ihre Agitation unter den Waldarbeitern, die, von den Arbeitgebern gleich Tieren bis aufs äußerste ausgebeutet, unter unbeschreiblichen Bedingungen lebten.

Der „Kampf um die Wortfreiheit“ in Everett, in dem viele Mitglieder der I.W.W. niedergeschossen wurden, entstand infolge eines Versuchs des Holztrusts, der Organisationskampagne der I.W.W. unter den Holzarbeitern ein Ende zu machen.

1917, genau zu dem Zeitpunkt, als die Regierung der Vereinigten Staaten dringend jeden Zoll Holz für Kriegszwecke bedurfte, fühlte der Industrieverband der Holzarbeiter sich stark genug, um einen Streik anzuordnen. Es war einer der erbittertsten, gewalttätigsten Kämpfe, die die Geschichte der Arbeiterbewegung je gekannt hat. Der Holztrust importierte gedungene Schützen, die rechts und links mordeten. Der Trust sandte Spione in die Organisation, gab falsche Zeugenaussagen, um die tätigen Mitarbeiter wegen angeblicher Widerstandsleistung gegen den Krieg aburteilen zu lassen; er bediente sich der Deportationsgesetze und verschiffte Hunderte von auswärts geborenen Arbeitern aus dem Lande oder hielt sie jahrelang ohne Gericht in den Gefängnissen. Unterstützt von den Landwirtschaftsarbeitern, die zu streiken und dadurch die gesamte Weizenernte zu vernichten drohten, benutzten die Holzarbeiter den sogenannten „Zwischenstreik“ und schritten zum Gegenangriff, Schließlich mußte der Holztrust nachgeben, und die I.W.W. erlangten Kontrolle über die Wälder.

Noch nie hatte ein Streik in den Vereinigten Staaten zu einem derartigen Siege geführt. Die Löhne sprangen von 40 Dollar monatlich auf 5 Dollar täglich in die Höhe. Die Arbeiter, die unter schlechteren Bedingungen gelebt hatten als die Tiere, erhielten elektrische Beleuchtung, Bäder, sauberes Bettzeug und gutes Essen; ihr Arbeitstag wurde von 10—12 Stunden auf 8 Stunden Herabgesetzt.

1916 erfolgte der Streik der Eisenbergwerksarbeiter in Mesaba Range, in dem die I.W.W. wiederum einen Sieg — dieses Mal über den Stahltrust — davontrugen. Nach einem langen episodenreichen Kampf, der viele Monate währte und in den etwa 25 000 unorganisierte Arbeiter verschiedener Nationalität hineingezogen wurden, setzten die Ausständigen, trotz des riesigen, unbarmherzig vorgehenden, zusammengeschlossenen Kräfte des Stahltrusts und der Regierung einen großen Teil ihrer Forderungen durch.

1917 traten die Kupferminenarbeiter des Westens in zwei großen Mittelpunkten — Montana und Arizona — in den Ausstand. Der Kupfertrust bot seine Schützen, Gerichtshöfe und die Presse auf. Die Vereinigten Staaten waren bereits in den Krieg eingetreten; unter dem Vorwand von Patriotismus wurden unerhörte Greueltaten verübt. Bei dieser Gelegenheit wurde Frank Little in seinem Hotelzimmer von Mördern aus dem Bett gezogen und getötet. In Bisbee (Staat Arizona) trieben die örtliche Bourgeoisie und die Beamten des Kupfertrusts die Ausständigen und deren Anhänger aus ihrem Heim, rissen sie von ihren Familien los, pferchten sie mit schußbereitem Gewehr in Viehwagen und sandten sie in die Wüsten, damit sie dort Hungers sterben. Die Regierung legte sich ins Mittel und rettete die Ausständigen vor diesem grausamen Schicksal, sie schwang sich aber nicht dazu auf, ernste Maßnahmen gegen die wahren Uebeltäter zu ergreifen.

Die I.W.W. leiteten auch noch andere Ausstände, wie z. B. den Streik der Gummiarbeiter; stets legte die Organisation den gleichen unbezwingbaren Mut an den Tag; stets griffen die Kapitalisten zu den gleichen rohen Repressivmaßnahmen.

VII.

Diese Repressalien von Seiten der Kapitalisten wurden immer ungezügelter, je näher die Vereinigten Staaten daran waren, in den Strudel des Krieges hineingezogen zu werden. Mit dem Eintritt Amerikas in den Krieg und der Uebergabe der vollen Kontrolle über den Staat in die Hände der großen Aktiengesellschaften, brach der Sturm mit einer Gewalt über die I.W.W. herein, wie ihn keine einzige andere Organisation in den Vereinigten Staaten aufzuhalten hatte. Ihrer Tradition als einer nichtpolitischen Körperschaft getreu, nahmen die I.W.W. zum Kriege offiziell nicht Stellung. Ja, zu einem späteren Zeitpunkt, als sie wegen Widerstandes gegen den Krieg zur gerichtlichen Verantwortung gezogen wurden, versuchten einige Führer der I.W.W. tatsächlich zu beweisen, daß die I.W.W. patriotischer gestimmt sei, als die A. F. of L. Das Gros der Mitglieder aber verhielt sich anders. Instinktiv widersetzten sich diese jungen, furchtlosen Kämpfer, ohne Vorbereitung, ohne Führung, ohne Plan, dem kapitalistischen Krieg. Die Preßorgane der I.W.W. schrieben sämtlich gegen den Krieg, Tausende von Mitgliedern der Organisation unterließen es, sich zur Wehrpflicht zu melden. Soweit sich berechnen läßt, büßen gegenwärtig etwa 20—30 000 Mitglieder der I.W.W. Haftstrafen ab, weil sie sich dem Krieg widersetzten.

Die amerikanische Bourgeoisie sah in dem Krieg eine günstige Gelegenheit, um die I.W.W. ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Kaum war der Krieg erklärt worden, als auch schon ein Staat nach dem andern Gesetze gegen die „verbrecherischen Syndikalisten“ herauszugeben begann. Diese Gesetze sollten dazu dienen, die I.W.W. zu einer vogelfreien Organisation zu machen. Harte Strafen erwarteten jeden, der für den „Sturz der bestehenden Regierung“ oder für die „ungesetzliche Zerstörung von Eigentum“ agitierte. Unter der letzteren Klasse konnte übrigens alles Mögliche verstanden werden, beginnend mit der Einkommensteuer und endend mit der Sabotage (übrigens wurde die Sabotage auf der Konferenz der I.W.W. im Jahre 1918 offiziell als Kampfmittel verworfen). Auch das neue Immigrationsgesetz, das die Deportation von Ausländern ohne Gericht, nur auf das Gutdünken des (gewöhnlich im Dienst einer großen Aktiengesellschaft stehenden) Immigrationsinspektors hin gestattet, wurde dazu benutzt, um Hunderte von aktiven Revolutionären mit abschreckender Grausamkeit des Landes zu verweisen.

In erster Linie aber stützten die Kapitalisten sich auf das Spionagegesetz, das ursprünglich dazu bestimmt war, deutsche Spione einzufangen und zu bestrafen. Tatsächlich wurden nicht mehr als etwa ein Dutzend Deutscher auf Grund dieses Gesetzes gerichtlich belangt, dagegen aber hat es Tausende amerikanischer Proletarier in das Gefängnis geführt. Auf die Anklage hin, daß sie sich dem Kriege widersetzte, wurde die I.W.W. geköpft. 110 ihrer besten Männer, alles bekannte Führer, Redakteure, Redner, Organisatoren wurden auf Grund dieses Gesetzes verhaftet und, nachdem man sie fast ein Jahr lang im Gefängnis hielt, zu Strafen von 10—20 Jahren verurteilt. In Wichita (Staat Kansas), dem Mittelpunkt der Landwirtschaftsarbeiter, wurden weitere 35 Mitglieder der I.W.W. auf Grund desselben Gesetzes verhaftet; drei verschiedene Anklagen wurden gegen sie erhoben, die jedoch sämtlich von den Richtern verworfen wurden. Endlich fand man eine Anklage, die mehr oder minder auf den Fall paßte, und die Arbeiter, die man zwei Jahre lang ohne Gericht festgehalten Latte, wurden zu Kerkerstrafen bis zu 17 Jahren verurteilt. In Sacramento (Californien) wurden 43 Mitglieder der I.W.W. gefangen, ein Jahr lang im Gefängnis gehalten, bis man eine passende Anklage gegen sie erdachte und dann beschuldigt, sich „dem Krieg widersetzt zu haben“. Merkwürdigerweise stützte die Anklage sich größtenteils auf Ereignisse, die geschehen waren, während die Verhafteten im Gefängnis saßen! Solcher Beispiele könnten wir noch viele anführen.

Das schlimmste von allem aber waren die abschreckenden, pöbelhaften Gewalttaten der von der Kriegswut besessenen Bourgeoisie und ihrer gedungenen Schützen. Die letzteren überfielen die Räume der I.W.W., töteten einige Mitglieder der Organisation, mißhandelten andere Mitglieder, vernichteten jede Spur der Organisation, die sie ausfindig machen konnten. In Tulsa (Oklahoma), dem Mittelpunkt des Petroleumarbeitergebiets, wurden sämtliche Mitglieder der I.W.W. in der Stadt von den gedungenen Raufbolden des Oeltrusts mit Teer beschmiert und mit Federn geschmückt, weil die Organisation sich geweigert hatte, sich an der Beschaffung einer riesengroßen amerikanischen Flagge und an einer „Loyalitätskundgebung“ zu beteiligen. Darauf folgte das Niedermetzeln der Arbeiter in Everett und im vorigen Herbsti in Centralia, das ebenfalls von den gekauften Banden des Holztrusts bewerkstelligt wurde. Als zur Feier des Siegestages eine Parade von Kriegsveteranen abgehalten wurde, feuerte jemand einen Schuß ab, der angeblich aus einem Fenster der Räume der I.W.W. kam. Natürlich war es nichts weiter als der übliche Trick der amerikanischen Provokatoren. Der Schuß diente dem Pöbel als Signal, sich in die Räume der Organisation zu stürzen, alles, was sie vorfanden, zu zertrümmern, einige unbewaffnete junge Leute zu töten und die übrigen wegen angeblichen Mordes unter Gerieht zu stellen. Das Ende dieser Schreckensherrschaft läßt sich noch gar nicht absehen.

Der plötzliche Verfolgungsorkan, der über die I.W.W. hereinbrach, würde jede andere, weniger zähe, weniger revolutionäre Organisation bis auf den Grund vernichtet haben. Die I.W.W. waren ihrer sämtlichen Führer beraubt; ihre besten Arbeitskräfte schmachteten im Gefängnis, ihre Presse war fast gänzlich vernichtet, in den meisten Städten war es ihre verboten, ihre Büros zu halten, ja in vielen Staaten wurde sie als verbrecherische Organisation betrachtet — was Wunder, daß kaum jemand glaubte, daß sie den Sturm überleben würde. Und dennoch hat die Organisation den Ansturm nicht nur ausgehalten, sie ist noch gewachsen. Wie. es heißt, sind die I.W.W. jetzt größer als vor dem Kriege.

Trotzdem aber war es unausbleiblich, daß die Folgen dieser Geschehnisse sich fühlbar machten. Nun, da sie alle ihre erfahrenen Kämpfer eingebüßt hat, da die besten geistigen Kräfte von der Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten sind und die Organisation sich in den Händen jüngerer, noch „grüner“ Leute befindet, sind die I.W.W., die in Bezug auf die Einzelheiten ihres revolutionären Programms stets mehr oder minder vage war, noch vager, loser, unbestimmter geworden.

Die Redner, Redakteure und Schriftsteller, die der Organisation noch verblieben, sind meistens ältere Leute mit verknöcherten Ideen, Leute, die weder der Krieg noch die russische Revolution etwas gelehrt haben, die es selbst jetzt noch für möglich halten, „eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten aufzubauen“, die noch an der Ansicht festhalten, daß die industrielle Aktion allein genügt, um den Kapitalismus zu stürzen und die unverzügliche Weltherrschaft der Arbeiterverbände herbeizuführen: Leute, die die Diktatur des Proletariats verwerfen und nicht begreifen wollen, daß wir in einer Periode der Revolution leben.

Der nachstehende Auszug aus einer auf der Konferenz im Jahre 1919 angenommenen Resolution dient meinen Behauptungen als Beschäftigung. Dieser Satz zeigt, daß die Leute die ihn schrieben, an eine Uebergangsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus ganz und gar nicht gedacht haben:

„Wir ... bestätigen hiermit, daß wir uns der Sache des internationalen Proletariats angeschlossen haben und geben nochmals unserer tiefen Ueberzeugung Ausdruck, daß das Programm des Industrieunionismus nicht nur ein Mittel zur erfolgreichen Abwehr der Angriffe einer wutschnaubenden Klasse von Arbeitgebern bildet, sondern auch eine Grundlage zum Wiederaufbau der Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus bietet.“

VIII.

Das Gros der Mitglieder aber ist längst nicht so dogmatisch gestimmt. Die Durchschnittsmitglieder der I.W.W. — die Leute aus dem Westen, die die wahren Vertreter der Organisation sind — machen sich keine klare Vorstellung von der Revolution und denken überhaupt nicht daran, was nach der Ergreifung der Staatsmacht folgen muß. Die Staatsmacht muß gänzlich zerstört werden, behaupten sie. Gewöhnlich fügen sie hinzu, daß dies durch einen Generalstreik bewerkstelligt werden kann. Sie sind sich darüber einig, daß in der neuen Gesellschaftsordnung kein Staat, sondern nur eine Industrieverwaltung bestehen wird.

Aber das alles ist dem Durchschnittsmitglied doch nicht recht greifbar. Er kann sich kein rechtes Bild von der Revolution machen. Fragt man ihn, so wird er natürlich zugeben, daß die Bourgeoisie durch Gewalt unterdrückt werden muß. Ja, da er in Streiks und Massenbewegungen faktisch wohl bewandert ist, kennt er den Wert der Zentralisation und fürchtet sich nicht vor der Diktatur einer revolutionären Minderheit. Aber erwähnt bloß die Worte „Politik“ oder „politische Partei“ und er entschlüpft euren Händen. Er hat nie von einer revolutionären politischen Partei gehört: „Politik“ ist für ihn gleichbedeutend mit den niedrigsten Tricks der Politiker. Er kann sich von einem revolutionären Parlamentarismus keine Vorstellung machen, noch auch kennt er die wahre Bedeutung des Wortes „politisch“ im marxistischen Sinne. Er wird euch sagen, wie es einer von ihnen mir gegenüber tat. bevor ich Amerika verließ: „Ich bin ein Bolschewik, aber kein Kommunist. Ein Kommunist ist Mitglied einer politischen Partei…“

Er hält es restlos mit der russischen Sowjetrepublik, solange er glaubt, daß die Sowjets Bezirksräte der Arbeiterverbände zur Verwaltung der Industrie vorstellen. Hört er aber, daß in Rußland die Kommunistische Partei am Ruder der Macht steht, so setzt er eine enttäuschte Miene auf und murmelt „Politiker!“ Es hält schwer, ihm begreiflich zu machen, daß die revolutionäre politische Partei, die die Revolution führt, nicht aus Intellektuellen, sondern aus einer revolutionären Minderheit der Arbeiter selbst besteht, die sich auch in den Gewerkschaften betätigen.

Aber was Wunder, daß das Durchschnittsmitglied so schlecht unterrichtet ist, wenn die „Intellektuellen“ und die Theoretiker der I.W.W. ihnen in ihrer Presse abgenutzte, törichte Formeln auftischen. Nehmen wir z. B. Justus Ebert, der Marx persönlich gekannt hat. trotzdem aber noch immer fortfährt, von dem „Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung in der Hülle der alten“ zu sprechen — als ob die alte Gesellschaftsordnung ewig bestehen würde, oder John Sandgren, der mit größtem Ernst erklärt, die bolschewistische Revolution habe dem russischen Volk nichts weiter gebracht als nur das Stimmrecht.

Wie es sich herausstellt, waren die I.W.W. von ihrem eigenen Klassenkampf in Amerika so sehr m Anspruch genommen, daß sie über die Arbeiterbewegung der Welt nicht besser unterrichtet ist als viele andere, weniger revolutionäre und weniger tätige Organisationen in Amerika. Als Körperschaft, die sich aus Kämpfern mit wahrem revolutionären Feuer zusammensetzt, als Leute, die Verfolgungen zu erdulden hatten, wie vielleicht keine einzige andere Gruppe in der Welt außer den russischen Revolutionären, hegen die Mitglieder der I.W.W. eine Art ungezügelter Liebe zu ihrer Organisation, eine Art empfindsamen Patriotismus, der jede Kritik, die anzudeuten wagt, daß selbst die Lehren John Sandgrens nicht revolutionär seien, ernsthaft übel nimmt.

Könnte man jedoch an diese Männer herantreten, ihnen die Stellung der Kommunisten in einer ihnen verständlichen Sprache klarlegen, so würde ihr angeborener gesunder Menschenverstand ihnen zeigen, daß wir recht haben. Und das muß getan werden, denn die I.W.W. sind die Vorhut des amerikanischen Proletariats, sie müssen den Angriff gegen den Kapitalismus in Amerika fuhren.

Anmerkungen:
[1] Dieser Verband, der seinen Sitz in Philadelphia hat, trägt vorläufig einen lokalen Charakter.
[2] Diese Organisationen sind keine Industrieverbände im genauen Sinne des Wortes. Der Verband der Metall- und Maschinenarbeiter ist eigentlich eine Art Beschäftigunsverband, zu dem Leute gehören, die in den verschiedenen Industriezweigen die Maschinen bedienen, insbesondere Maschinisten, um deren Mitgliedschaft der Verband mit dem Maschinistenverband der A. F. of L. wetteifert. Gegenwärtig wird der Versuch gemacht, den Verband auf die Industriezweige der Metallproduktion zu beschranken: so organisiert der Verband jetzt z. B. die Stahlarbeiter. Die Automobilarbeiter werden zweifellos ebenfalls in den Verband der Metall- und Maschinenarbeiter eingeschlossen werden. Die Möbelarbeiter bilden natürlich nur eine Abteilung des zukünftigen Verbandes der Holzproduktenarbeiter.

Aus: Die Kommunistische Internationale, 2. Jg., Nr. 13, Petrograd 1920, S. 203-225. Transkription/HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.

Originaltext: http://marxists.org/deutsch/archiv/reed/1920/xx/iww.htm


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