Ralph Chaplin - Der Generalstreik (1933)

Wieso Generalstreik?

Jede aufmerksame Person erkennt heute, dass mit dem gesellschaftlichen System, in welchem wir leben, etwas extrem falsch läuft. Außer den Nutznießern dieses Systems stimmen alle der Auffassung zu, dass etwas dagegen getan werden sollte. Das Problem ist, dass die Menschen gegenwärtig unfähig zu sein scheinen, sich auf irgendein gemeinsames Aktionsprogramm verständigen zu können. Einige akzeptieren ihr unglückliches Schicksal mit einer Geduld und Tapferkeit, die ein besseres Anliegen verdienen würden, andere theoretisieren ohne Wirkung und tun wenig, während sich andere wiederum bitter beklagen und blind um sich schlagen. Nahezu jeder rennt hin und her, um einen Ausweg zu finden, allerdings ohne ein scharf umrissenes Ziel vor Augen zu haben. Wenn man bedenkt, dass die Presse und alle anderen Medien von der gegenwärtig herrschenden Klasse kontrolliert und mit Fehlinformation und Propaganda gefüllt werden, kann man über diese Situation nicht erstaunt sein.

Untersuchen wir kurz, was die Menschen allgemein sagen und machen angesichts der verzweifelten Situation, mit der jetzt die Gesellschaft konfrontiert ist. Eine Gruppe sagt: „Lasst uns geduldig sein, bis der Druck der öffentlichen Meinung einen Wechsel oder zumindest eine Verbesserung der Lebensbedingungen bewirkt.“ Eine andere Gruppe meint: „Lasst uns, solange es Wahlurnen gibt, die parlamentarische Aktion benutzen, um alle notwendigen Veränderungen zu erreichen.“ Eine weitere Gruppe stellt fest: „Wir können nicht länger warten. Nur eine gewaltsame Erhebung ... bewaffneter Aufstand!“

Diese Gruppen setzen sich bei aller Meinungsverschiedenheit aus Frauen und Männern zusammen, die dieses Thema durchdacht und studiert haben. Sie verdienen Anerkennung dafür, dass sie versuchen, für das verzwickte Problem eine Lösung zu finden. Egal wie sie sich vielleicht irren, ihre Anstrengungen zielen zumindest darauf ab, aus der Welt einen geeigneten Ort zum Leben zu machen. Unglücklicherweise ist ein Großteil der Bevölkerung noch nicht so weit gekommen. Die Mehrheit lebt und leidet immer noch in einem Zustand gedankenloser Fassungslosigkeit. Sie wissen einfach nicht worum es eigentlich geht. Genauso wie sie es seit Jahren gemacht haben sind sie zufrieden, wie Roboter zu arbeiten oder wie die Tiere zu hungern, ohne es zu wagen sich zu organisieren, um dem System, das sie niederdrückt, Einhalt zu gebieten. Und – was noch schlimmer ist – sie werden sogar dazu verleitet, dieses System zu unterstützen.

Ökonomische Krankheit, ökonomische Heilung

Aber es gibt noch eine andere und weit signifikantere Gruppe. Diese Gruppe repräsentiert den Standpunkt der erwachten und klassenbewussten Arbeiterklasse. Ihre Opposition gegen die gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse ist unumstößlich, ihre Methoden und Ziele sind eindeutig jene des weltumfassenden revolutionären Proletariats. Diese Gruppe vertritt den Standpunkt, dass angesichts des gegenwärtigen Verfalls des Profit- oder Lohnarbeitsystems sowohl öffentliche Meinung, politische Aktion oder bewaffneter Aufstand zu unhandlich, zu unsicher und zuwenig wissenschaftlich sind, um in einer derart großen Notsituation von Nutzen zu sein. Diese Gruppe befürwortet einen Generalstreik der Produktionsarmee der Welt und der die Produktion organisierenden Beschäftigten als das Mittel, um dem Kapitalismus ein Ende zu setzen und an seiner Stelle eine Ära wissenschaftlicher Wirtschaftsleitung und industrieller Demokratie zu begründen.

Das Argument für den Generalstreik basiert auf der beständigen und logischen Überzeugung der Arbeiterklasse, dass die herrschende Klasse es nicht zulassen wird, von irgendeiner Kraft enteignet zu werden, die schwächer als die ihre ist. Und sie wird ebenso verhindern, dass öffentliche Meinung, politische Aktion oder Aufstände in relevantem Ausmaß sich entwickeln oder Platz greifen können. Es basiert zudem auf der entschiedenen Ansicht, dass nur die Arbeiterbewegung allein die Welt vor einem Chaos während und nach der Phase des Übergangs bewahren kann. Solange die Güterproduktion in jeglichem System von der disziplinierten Solidarität der produzierenden Klasse abhängt, ist es einleuchtend, dass allein diese Solidarität fähig ist, die Abläufe der alten Ordnung zu stoppen und die einer neuen zu beginnen und fortzuführen.

Öffentliche Meinung

In diesem Sinne ist der Generalstreik nicht nur die Hoffnung der Arbeiterbewegung – er ist die Hoffnung der gesamten Menschheit. Wenn alle anderen Mittel fehlschlagen, ist er das einzige Mittel, das für glaubwürdig befunden werden wird. Wenn wahr ist, was viele glauben, dass die wirtschaftlichen Ungleichgewichte der modernen Gesellschaft nur durch wirtschaftliche Maßnahmen behoben werden können, wird der Generalstreik mit jedem abgelaufenen Tag zunehmend wichtiger werden. Der Notwendigkeit von gemeinschaftlichem Besitz und demokratischer Leitung der gesellschaftlich notwendigen Maschinerie wird heute von Technikern, Ökonomen, Gelehrten und den klassenbewussten ArbeiterInnen gleichermaßen zugestimmt. Die Meinungen gehen auseinander bezüglich der Frage, wie der Umbruch vonstatten gehen soll, aber es fehlt nicht an Einstimmigkeit über dessen Notwendigkeit. In dieser Hinsicht ist der Plan des Generalstreiks viel zu wichtig, um nicht ernsthaft überprüft zu werden.

Offensichtlich ist jede geringere Kraft zwangsläufig von zweifelhafter Wirksamkeit. Die öffentliche Meinung in Amerika ist bestenfalls lediglich ein Maßstab, um die Missbilligung oder Empörung einer denkfähigen Minderheit zu registrieren. Im schlechtesten Fall ist es all das, was die existierenden Mächte von ihr erwarten können – Massenhysterie und Unruhen, absichtlich von jenen dirigiert, die genug Geld haben um sie wie jeden anderen Artikel auf dem Markt einzukaufen. Eine öffentliche Meinung, welche die grundlegende Tatsache des Klassenkampfes ignoriert, muss zur heuchlerischen Geste werden. In dieser Hinsicht sind die Liberalen unter den schlimmsten Übeltätern. Der schwache Ruf des hergebrachten Liberalen nach Frieden in einer friedlosen Welt ist einer der überzeugendsten Beweise der angeborenen Unfruchtbarkeit der liberalen Geisteshaltung. Aufgrund ihrer hoffnungslos eingeschränkten Perspektive sind diese Kleingeister der Mittelklasse unfähig, die Unvermeidbarkeit von Kampf und Konflikt zu sehen, solange die Gesellschaft in zwei Klassen mit unvereinbaren Interessen geteilt ist.

Reformer

Wird der Klassenkampf nicht als Schlüssel verwendet, bleibt die Geschichte der Menschheit eine spekulative Angelegenheit. Wenn die Evolution der Gesellschaft nicht im Licht der Sozialwissenschaften untersucht wird, werden die gesellschaftlichen Veränderungen unerklärbar bleiben. Wie viel klarer und weniger verwirrend ist dagegen die Position der IWW in ihrer Präambel dargelegt: „Die arbeitende Klasse und die ausbeutende Klasse haben keine gemeinsamen Interessen. Es kann keinen Frieden geben, solange Hunger und Not unter Millionen von Arbeitenden zu finden sind und die wenigen, die die ausbeutende Klasse bilden, alle guten Dinge des Lebens besitzen.“ Das ist die klar gefasste Feststellung einer unbestreitbaren Tatsache.

Die Reformer aller Strömungen sind primär mit dem Flicken des niedergehenden und historisch nicht zu rechtfertigenden kapitalistischen Systems beschäftigt und können nicht anders. Sie sind unfähig, die Gesellschaft als Prozess von Veränderungen unter wirtschaftlichem Druck zu begreifen – als beständige Evolution von einer Stufe der Entwicklung zur anderen – beruhend auf dem eisernen Gesetz der ökonomischen Determiniertheit. Unter der Sklaverei oder dem Feudalismus lebend, hätten diese kurzsichtigen Herren ebenso geglaubt, wie sie es heute im Kapitalismus glauben, dass das bestehende System dauerhaft, vorherbestimmt und historisch unvermeidbar ist. Für sie sind Reichtum und Armut nicht Ergebnis erklärbarer und behebbarer gesellschaftlicher Missstände, sondern eine normale Erscheinung des menschlichen Lebens. Sie erkennen nicht, dass die Erfindung der arbeitssparenden, gewinnsteigernden Maschinerie Teil eines evolutionären Prozesses war; sie glauben lieber, dass sie lediglich ein angenehmes und sehr profitables Zufallsprodukt ist. Sie sind kindlich verblüfft, dass ihr Recht, die Erde und ihre Ressourcen in Beschlag zu nehmen, jemals in Frage gestellt werden sollte. Es gibt sogar Autoren, Redakteure und Professoren, die sie in dieser fantasiereichen Illusion unterstützen.

An dieser Stelle ist die Position der IWW so alarmierend wie wissenschaftlich zutreffend: „Zwischen diesen beiden Klassen muss der Kampf weitergehen, bis die ArbeiterInnen der Welt sich als eine Klasse zusammenschließen, die Produktionsmittel in Besitz nehmen und das Lohnsystem abschaffen.“ (1)

Falls irgendein Liberaler fähig sein sollte, so weit zu sehen, ist er bereits von seinem Liberalismus geheilt.

Da die öffentliche Meinung sehr stark von der Gnade räuberischer Interessen abhängt, die Presse, Radio, Fernsehen etc. kontrollieren, ist sie als Mittel, das einen fundamentalen sozialen Wandel bewirken könnte, weitgehend ausgeschlossen. Sogar das ungewöhnliche Programm und die Persönlichkeit eines Mahatma Gandhi wären hilflos angesichts der privaten Kontrolle über die öffentliche Meinung, wie sie in den Vereinigten Staaten existiert. Innerhalb von zwei Wochen würde der freundlich gestimmte Gandhi in einem Gefängnis landen, unter der Anklage des Plans, eine Bombe zu legen oder einen Lohnkassenraub durchzuziehen. Solche Dinge sind bereits passiert und die Öffentlichkeit war weit davon entfernt, nicht daran zu glauben.

Und so macht die kapitalistische Kontrolle über die Medienmaschinerie, zusammen mit der wirtschaftlichen Unwissenheit der vielfach zerstrittenen und seit langem getäuschten Massen, die öffentliche Meinung als einzige Methode, um den Albtraum Kapitalismus zu beenden, irgendwie abwegig. Wenn sie nicht als entschiedene und klare Aktion, welcher Art auch immer, eine konkrete Form annimmt, dann ist nahezu alles, was wir von der öffentlichen Meinung erwarten können, der Ausdruck einer verspäteten und pathetischen Missbilligung.

„Politicos“

Auch die politische Aktion ist als Mittel, die Kontrolle über den Produktionsapparat zu erlangen, keineswegs überzeugend. Nur die naivsten der politisch-orientierten Revolutionäre glauben, dass Wahlen oder Verfassungsänderungen die Interessengruppen überreden könnten, Kontrolle und Besitzanspruch über den in privater Hand befindlichen Produktionsapparat aufzugeben. Es ist offenkundig absurd zu erwarten, dass jene Klasse, die die Seiten der Geschichtsschreibung in zahllosen Arbeitskämpfen rot gefärbt hat, die Kontrolle vollständig abgeben wird, nur weil das Wahlvolk (das sie verachten) es für angebracht hält, dies zu fordern. Bei der parasitären Klasse der Vereinigten Staaten kann darauf vertraut werden, dass sie ihre geheiligten Rechtsansprüche auf Besitz solange nicht abtreten wird, bis sie einer Kraft gegenübersteht, die größer ist als die, über die sie selbst verfügt. Alles schwächere wird verspottet werden.

Im Licht zurückliegender Erfahrungen ist es statt ihrer Kapitulation wahrscheinlicher, dass das Wahlrecht in dem Moment, in dem es einem anderen Zweck als dem üblichen Austausch von Gesichtern zu dienen droht, aberkannt oder beschnitten wird. Selbst wenn man die allgegenwärtige Gefahr einer möglichen faschistischen Diktatur ausblendet, gibt es nur wenig Grund zu glauben, dass die Reichen jemals ihren Besitz an die Armen übergeben, nur weil die Armen beschlossen haben, dafür zu stimmen.

„Insurrectos“

Der Plan eines bewaffneten Aufstandes ist genauso offen für kritische Einwände wie die politische Aktion. Erstens sind die ArbeiterInnen als Ganzes nicht nur unbewaffnet, sie sind auch nicht im Gebrauch von Waffen trainiert. Ein Dutzend Flugzeuge kann eine Stadt zerstören und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass eine Stadt voller bewaffneter ArbeiterInnen eine noch so kleine Einheit vom Kapital bestellter Söldner in Schach halten könnte. Die Technik moderner Kriegsführung hat mit Panzern, Giftgas, Flugzeugen und schwerer Artillerie das Gewehr, die Pistole, sogar Granaten und Maschinengewehre veralten lassen. Das Propagieren bewaffneter Aufstände ist auf fatale Weise irreführend, weil es verführt zu glauben, dass das, was in einem rückständigen Land ging, in einem gänzlich modernen wiederholt werden könnte. In Amerika sind die Chancen bewaffneter Gruppen, hoch trainierte Truppen zu besiegen, alles andere als ausgeglichen. Zudem ist da noch die Gefahr einer verfrühten Revolution, ausgelöst von Fanatikern oder Spitzeln.

Die Verfechtung bewaffneter Aufstände ist auch deshalb irreführend, weil die meisten ihrer Protagonisten, politisch orientiert und versiert, eher entschlossen sind, die Staatsmacht zu erobern als die Kontrolle über die Fabriken zu erlangen. Der Politiker ist absolut unfähig, auf die Industrie bezogen zu denken. Er ist unfähig, industrielle Prozesse zu kontrollieren oder zu steuern. In einem Land wie den USA mit 48 Landeshauptstädten und hunderten von Kommunal- und Bezirkshauptstädten zusätzlich zur Hauptstadt in Washington – alle entsprechend bewacht – ist das Problem nahezu hoffnungslos verkompliziert. Im schlimmsten Fall würde ein versuchter bewaffneter Aufstand in einer Reihe von beispiellosen Massakern, im besten Fall in einer übermächtigen und sehr dummen Bürokratie oder in einer gleichfalls dummen und weit grausameren Diktatur von Politikern enden.

Weitaus wahrscheinlicher ist, dass weder die Wahlurnen der Politicos noch die Gewehrkugeln der Insurrectos jemals eine Möglichkeit haben werden, etwas zu erreichen. Durch den herannahenden Entscheidungskampf ist es sehr wahrscheinlich, dass ihnen alle Waffen außer denen des wirtschaftlichen Kampfes aus den Händen genommen werden. Aus diesem Grund ist es für die Arbeiterschaft notwendiger, für den Generalstreik zu lernen und sich auf ihn vorzubereiten, als ihr Schicksal an Wahlen oder Gewehrkugeln als das einzige Mittel zur Befreiung von den Qualen der Lohnsklaverei zu hängen.

Industrielle Solidarität

Der Generalstreik hat unter seinen Befürwortern Denker und Menschen der Tat vieler verschiedener Denkrichtungen vereint. Über ein Vierteljahrhundert haben sich die Industrial Workers of the World durchwegs für den Generalstreik als mächtigste Waffe der Arbeiterschaft im Klassenkampf eingesetzt.

Zur gegenwärtigen Zeit gibt es kaum eine sozialistische oder kommunistische Partei oder libertäre Gruppe irgendwo in der Welt, die nicht zumindest Minderheiten in ihren Reihen hat, die offen zustimmen, dass der Klassenkampf vor allem ein industrieller Kampf ist und der finale Kampf anstelle mit politischen mit industriellen Maßnahmen gewonnen werden müsse. Konfrontiert mit Krieg und Gewaltherrschaft haben die zahlreichen Niederlagen der politisch starken sozialistischen Bewegungen in Europa sie von der Unangemessenheit von politischen Aktionen, der Zwecklosigkeit von Gewalt und der bestechenden Logik und Macht des Generalstreiks überzeugt.

Es sieht so aus, als wären Bill Haywood und Thorsten Veblen(2) weit auseinander, doch der unangepasste Arbeiterführer und der gewandte und höchst gebildete Professor treffen sich in der Befürwortung des Generalstreiks auf einer gemeinsamen Ebene.

Nicht nur ist wahr, dass sich Professor Veblen hinsichtlich des Generalstreiks in vollem Einklang mit industrieller Philosophie, Programm und Methoden der IWW befindet, sondern auch, dass die Wertschätzung Amerikas für den technischen Sachverstand diese Sichtweise begünstigt. Fortgeschrittene Fachkräfte haben durch Erfahrung gelernt, den Generalstreik mit Wohlwollen zu betrachten. Während des bevorstehenden Zusammenbruchs des Systems der Profitwirtschaft sehen sie darin die schnellste und zuverlässigste Methode, die lebensnotwendigen Abläufe von Produktion und Transport aufrecht zu erhalten.

Fest und unerschütterlich

Im Vergleich zu den sich abwechselnden Reformslogans und Plattformen der politischen Parteien ist der Generalstreik so standhaft und unerschütterlich wie die Rocky Mountains. Er ist so grundlegend wie der Lebensinstinkt und so fundamental wie die Industrie. All die Wunder- und Geheimmittel der Politiker und der Gewerkschaftsreformisten klingen oberflächlich und bedeutungslos im Vergleich mit einem industriellen Kampf dieser Größe und Möglichkeiten.

Der Politiker, der versucht, den Generalstreik in ein bloßes Anhängsel einer politischen Partei zu pervertieren, ist wie der Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Das logische und legitime Ziel des Generalstreiks ist die Abschaffung des Kapitalismus – nicht seine Reform oder ein politischer Handel irgendeiner Art. Der Generalstreik ist nicht das Spielzeug ambitionierter Politiker. Er ist der rote Regenbogen über dem Himmel wirtschaftlicher Verzweiflung. Er ist eine beständige Warnung an Politiker, ihre Versprechen zu halten, an die Autorität (des Staates), vorsichtig zu sein und an Diktatoren, zu verschwinden. Der Generalstreik ist die Lebensversicherung der Arbeiterschaft gegen Verrat.

Folgerichtig stellt der Generalstreik einen ausgezeichneten gemeinsamen und neu-tralen Boden dar für die zahlreichen zerstrittenen Sekten der Arbeiterbewegung. Wenn jemals die Zeit kommt, da die organisierte Arbeiterklasse fähig ist, aus den uralten Vorurteilen der politischen Strömungen herauszuwachsen oder diese beiseite zu legen, wird der Generalstreik als das begrüßt werden, was er ist – als die beste Waffe der Arbeiterschaft im wichtigsten Kampf der Arbeiterschaft.

Es hat nicht einen bedeutenden Arbeitskampf irgendwo auf der Welt gegeben, in dessem Verlauf nicht über einen Generalstreik diskutiert worden wäre, und es hat in dem unendlichen Kampf gegen die Gier der Konzerne und gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit nirgendwo eine Gewerkschaft gegeben, die ihn nicht irgendwann begeistert angestrebt hätte.

Direkte Aktion ist instinktiv

Die Interessen der ArbeiterInnen und die der Ausbeuter stehen sich diametral gegenüber und jede Klasse benutzt im Klassenkampf die Waffen, die für ihre Zwecke geeignet sind. Die Eigentümer der Industrie, die die Geschäfte von Managern führen lassen, sind im Gegensatz zur Mittelklasse zu klug, um Politiker ernst zu nehmen. Und in dieser Beziehung sind sie bei weitem klüger als viele ArbeiterInnen.

In der Realität verachten die Kapitalisten den Politiker und benutzen ihn lediglich als Werkzeug. Verwachsen mit der Industrie als ihrem Eigentum und durch ihre Einkünfte als dem Mehrwert, der aus der Haut ihrer Lohnsklaven geschunden wird, akzeptieren sie im Kampf zwischen ihnen und den ArbeiterInnen keine Vermittler. Wenn sie zum Beispiel die Löhne kürzen, die Stunden des Arbeitstages verlängern oder Frauen und Kinder anstelle von Männern einstellen wollen, gehen sie daran und machen es einfach. Sie rufen keinen Politiker zu Hilfe. Sie brauchen es nicht tun. Jedes Mal, wenn sie ein paar Arbeiter bestrafen oder entlassen, greifen die „Arbeitgeber“ zu direkten Maßnahmen. Jedes Mal, wenn das System der Schwarzen Liste oder das Spionagesystem am Arbeitsplatz eingesetzt wird; jedes Mal, wenn Spitzel, Streikbrecher oder bewaffnete Gangster eingesetzt werden; jedes Mal, wenn das Arbeitstempo erhöht wird, schlechtere Arbeitsbedingungen, Überstunden und Niedriglöhne durchgesetzt werden, benutzen die Ausbeuter direkte betriebliche Kampfmittel gegen ihre Sklaven.

Eine Depression ist nichts anderes als eine Aussperrung der Arbeiterschaft. Die Besitzer der Industrien schließen einfach die Betriebe und halten den Arbeitsprozess an, weil sie nicht mehr ihre üblichen Gewinne bekommen. Und all die Gesetze und Politiker auf der ganzen Welt oder alle Armeen der Welt können sie nicht zwingen, sie wieder anlaufen zu lassen, es sei denn es macht sich für sie bezahlt. Geschäft ist Geschäft. Die herrschende Klasse weiß ganz genau, was industrielle Macht bedeutet. Sie benutzt sie ständig in Form von gnadenlosen Aussperrungen, Angriffen und Sabotage gegen die Arbeiterschaft. Aber der Arbeiterschaft vergleichbare Methoden zuzugestehen, dazu ist sie keinesfalls bereit.

Ihre Verteidigungslinie ist nur an einer Stelle weit geöffnet: Sie holt ihre Profite aus der Haut der ArbeiterInnen heraus und nicht anders. Wenn die ArbeiterInnen durch „bewusste Zurückhaltung der Arbeitseffizienz“ sich dagegen wehren, über einen gewissen Punkt hinaus oder überhaupt ausgebeutet zu werden, dann können die Ausbeuter wenig dagegen tun. Ihre Maschinerie wird weder Profite noch irgendetwas anderes produzieren, bis sie wieder mit dem Schweiß der menschlichen Arbeit geölt wird. Sie fürchten den Generalstreik mehr als alles andere auf der Welt, weil sie wissen, dass ein realer Generalstreik in der Tat eine allgemeine Aussperrung wäre – das Ende der gegenwärtig herrschenden Klasse. Gegen diese mächtige industrielle Streitkraft reichen weder ihre Gerissenheit noch ihre Macht zur Verteidigung aus.

Der unternehmergläubige Arbeiter oder „Holzkopf“

Was sie besitzen ist Gerissenheit und die Macht, die ArbeiterInnen zu täuschen, in die Irre zu führen und die Gruppen der ArbeiterInnen auseinanderzudividieren, weshalb vereinte Aktionen nur schwer verwirklichbar sind. Durch die Kontrolle des Kapitals über die Presse und den Rundfunk und aufgrund der Beeinflussungsmöglichkeiten durch Werbung und Bildungseinrichtungen wird den ArbeiterInnen wirksam das Recht verweigert, über ihren eigenen Verstand zu verfügen. In der Tat haben die „Holzköpfe“ nicht viel im Kopf, was sie ihr eigen nennen könnten. Ihr Verstand gehört dem Leitartikelschreiber, Redner oder Politiker, der die schmerzende Leere mit heimtückischem Gift oder anti-proletarischer Desinformation gefüllt hat. Solche ArbeiterInnen spielen im Hütchenspiel des Kapitalismus nicht nur die Angeschmierten, sie sind auch zu dumm oder zu blind um herauszufinden was passiert ist, wenn Dinge falsch laufen. Deshalb nennt man sie „Holzköpfe“(3).

Aber egal, wie sehr sie an Unsicherheit und Entbehrungen im Kapitalismus leiden: Diese Art von ArbeiterInnen kann nichts für ihre eigenen Interessen tun, bis sie gelernt haben selbstständig zu denken. Bist du ein Lohnsklave mit kapitalistischem Weltbild oder ein Angehöriger der Mittelklasse mit nachlassendem Verstand, dann wirst du dich zweifellos am Kopf kratzen und nicht verstehen können, welche Bedeutung der Generalstreik für dich haben könnte. Zunächst wirst du die Idee nicht mögen. Du wirst vermutlich annehmen, dass es bedeuten würde, alle Dinge, die du respektierst und an die du gewöhnt bist, auf den Kopf zu stellen.

Der rebellische Arbeiter

Aber der klassenbewusste Arbeiter ist anders. Er hat die kapitalistischen Vorurteile und die Ergebenheit gegenüber Ausbeutung und Lügen abgelegt. Er hat den Mittelklasse-Glauben sowohl gegenüber Politikern als auch gegenüber der Wirksamkeit von parlamentarischen Aktionen verloren. Er weiß, was auf der Welt falsch läuft, und er weiß eben auch, was getan werden müsste, um diesem falschen Weg ein Ende zu setzen. Er verhält sich nicht mehr apathisch oder gleichgültig gegenüber den Interessen seiner Klasse. Er kann nicht mehr an der Nase herumgeführt werden. Er erkennt, dass er als Mitglied der Arbeiterklasse in der Industrie verwurzelt ist, sich mit allen anderen Arbeitern in den Industrien zusammenschließen und ein eifriger, aktiver Kämpfer im Kampf für die Befreiung der Erde vom jahrhundertealten Fluch des Parasitentums an der Gesellschaft werden muss. Er weiß, was das Wort Streik bedeutet und muss nicht darüber aufgeklärt werden, dass er seine stärkste und sicherste Waffe ist.

Rebellische Arbeiter, die im Klassenkampf ausgebildet, diszipliniert und abgehärtet wurden, erkennen instinktiv, dass der Streik die natürliche Waffe der Arbeiterschaft ist. Sie wissen, was industrielle Macht bedeutet und wie sie sie einsetzen können. Sie waren dazu gezwungen, sie ihr Leben lang bei kleineren Dingen einzusetzen, und sie sind gewillt, sie bei größeren Dingen ebenso zu verwenden – für alles. Sie haben aus der Erfahrung gelernt, dass das Delegieren ihrer Macht in die Hände von Politikern eher in Enttäuschung und Verrat mündet, als dass es ihnen selbst von Vorteil wäre. Sie haben gelernt, dass es auch in ihren Gewerkschaften echte Demokratie geben muss um ihre Funktionäre auf dem geraden Wege zu halten. Im Klassenkrieg sind sie überzeugt, dass der Streik d a s Mittel ist.

Die natürliche Waffe der Arbeiterschaft

Die Logik ist einfach. Wenn die Löhne zu niedrig sind, um den Lebensbedürfnissen gerecht zu werden, wenn die Arbeitszeit zu lange oder Arbeitsbedingungen nicht akzeptabel sind, muss man nicht nach einem Politiker rufen, der sich als Medizinmann betätigt, sondern in genügender Anzahl die Arbeit niederlegen und mit genügender Geschlossenheit den Betrieb anhalten, bis die Übel beseitigt sind.

Jede Frau und jeder Mann, die arbeiten, wissen dass es so ist. Sie müssen nicht in Büchern über den Streik nachlesen oder ihn von einem Professor erklärt bekommen. Wenn die Zeit gekommen ist zu streiken, dann streiken sie. Und niemand kann sie davon überzeugen, dass es noch irgendetwas anderes zu tun gäbe als zu streiken. ArbeiterInnen nehmen in der Regel Politik nicht sonderlich ernst, außer sie werden für das Wählen bezahlt, was oftmals der Fall ist – oder aber, sie werden im Interesse eines korrupten Politikapparats eingeschüchtert und von gewissenlosen Marktschreiern wie eine Herde an die Wahlurnen geführt.

Generell verhalten sie sich beim Wählen so, als würden sie bei einem Preiskampf wetten, also auf den wahrscheinlichen Gewinner tippen. Aber das Streiken nehmen sie ernst. Und wenn es den ArbeiterInnen klar wird, dass sie dem endlosen Leid und der Ungewissheit im Kapitalismus durch einen mächtigen Streik ein Ende bereiten können, ebenso einfach wie sie eine Lohnkürzung durch einen kleinen Streik abgeschmettert haben, werden sie mit demselben Elan und derselben Entschlossenheit streiken.

Und genau das ist die Art von Verstand, die die fortgeschrittene Entwicklung des Kapitalismus ihnen aufzwingt. Streiks haben es an sich, mit jedem weiteren Jahr stärker zu werden. Die enge Bindung der ArbeiterInnen an die produzierende Industrie gibt ihnen die Mittel vor, die sie im industriellen Kampf benutzen müssen. Wie ihre „Arbeitgeber“ sind sie durch ihre Umgebung dazu gedrängt, in Begriffen der direkten Aktion zu denken. Der Streik wächst an Stärke und Breite. Der Streik ist die natürlich gegebene Waffe der Arbeiterschaft und die Zentralisierung der Leitung der Industrie macht die Aussicht auf einen Generalstreik zu weit mehr als nur einer Möglichkeit.

Industrielle Strategie

Webster(4) definiert den Begriff „Waffe“ als „jegliches Instrument zu Angriff und Abwehr“. Sicherlich ist die Produktionsmaschinerie dazu geeignet, sowohl von der Arbeiterklasse als auch von der herrschenden Klasse zu Angriff und Verteidigung genutzt zu werden. Jeder Streik, jede Aussperrung beweist, dass die Herrschenden und die Arbeitenden mit der modernen Maschinerie eine neue Technik der Kriegsführung wie auch die mächtigste Waffe entwickelt haben, die die Welt je gesehen hat. Wir versuchen zu zeigen, dass die Kontrolle über diese Maschinerie die Waffe ist, die der herrschenden Klasse die Vorherrschaft über die ganze Welt verleiht, und dass ihr Gebrauch der Arbeiterklasse die Vormacht über die sogenannten Eigentümer geben kann.

Die Erfindung des Schießpulvers veränderte den Lauf der Geschichte der Menschheit ebenso wie Dampfmaschine, Flugzeug und Radio. Die Militärwissenschaft räumt es ein, dass zum Gewinnen eines Krieges die hinter den Frontlinien liegenden Fabriken genauso wichtig sind wie das in den Schützengräben liegende menschliche Kanonenfutter. Gott ist nicht mehr auf Seiten der stärksten Bataillone, wie Napoleon es formulierte. Er ist nun auf Seiten der am besten organisierten Industrien. ArbeiterInnen sollten im Kopf behalten, dass die wirklichen Waffen des Maschinenzeitalters die Maschinen selbst sind.

Es wurde häufig gesagt, dass es im nächsten Krieg keine Unbeteiligten geben wird. Das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass die Maschine eine ebenso starke Waffe ist wie die Kanone. Militäreinheiten sind noch weniger als nutzlos, solange sie nicht mit Lebensmitteln, Gütern und Transportmöglichkeiten versorgt werden. In der Kriegsführung wie in der Industrie zählt Individualität weniger als die Masse. Die Macht Einzelner ist nichts, kollektive Macht alles. Eine unorganisierte Armee ist in der Schlacht lediglich eine Art Mob; IndustriearbeiterInnen ohne Organisation fallen in dieselbe Kategorie. Sie müssen von ihren technischen Direktoren und Meistern dazu organisiert werden, effizient zu produzieren. Sie müssen sich selbst in Industriegewerkschaften organisieren, so wie sie in verschiedenen Industrien gruppiert sind, um jemals darauf hoffen zu können, die Waffe der wirtschaftlichen Macht zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen.

Die Tage von Kleinkriegen oder kleineren Streiks sind für immer vorbei. Ohne Organisation und disziplinierte Solidarität, ohne Einheit und ohne Zielstrebigkeit kann die Arbeiterschaft nicht aus ihrer eingefahrenen Spur herauskommen. Die Arbeiterschaft kann sich nicht emanzipieren, bis sie es lernt, die mächtigen Waffen zu benutzen, die ihr durch ihre Stellung in der Produktion in die Hände gelegt sind.

Alte und neue Revolutionen

Der Vormarsch der maschinellen Produktion hat nicht nur die Methoden und Taktiken der Kriegsführung verändert, sondern er hat auch unser Konzept von Methoden und Taktik für eine Revolution verändert. Die alten Waffen wurden hinfällig und neue verfügbar. Pflegte die Kriegsführung ursprünglich eine Kunst zu sein – jetzt ist sie eine Industrie. Die alte Waffenkunst wird heute hauptsächlich zu sportlichen Zwecken ausgeübt. Heutzutage beginnt kein Land mit dem finsterem Kriegsgeschäft, bevor die Zahnräder der Industrie sich drehen.

Der Vormarsch der maschinellen Produktion hat unser Konzept der Methoden und Taktiken der Revolution völlig verändert. Moderne Flugzeuge, Giftgas und Brandbomben, Artillerie und Maschinengewehre in den Händen von bestens ausgebildeten Spezialisten haben den unbewaffneten und nicht dafür ausgebildeten Arbeiter in einen entschieden schlechten Stand in punkto bewaffneter Auseinandersetzung versetzt. Aber auch bei Gleichstand der Siegeschancen wäre es für die ArbeiterInnen in hochindustrialisierten Ländern ein Akt von großer Torheit, die klassischen Revolutionen von 1848, die Französische Revolution, die Pariser Kommune oder sogar Russland als Vorbild zu nehmen. Die Macht der Arbeiterbewegung ist von der Straße in die Industriebetriebe übergegangen. Der betriebliche Kampf hat die Massenerhebung des Volkes ersetzt und Streikposten die Barrikaden. Die höchste Tat der gegenwärtigen Revolution wird nicht das Aufziehen der roten Fahne auf dem altehrwürdigen Rathaus sein, sondern Fortführung und planmäßiger Betrieb der Produktionszweige, von Transport und Güterverteilung durch die IndustriearbeiterInnen. Die Arbeit geht weiter, nur jetzt unter vollständiger Aussperrung der Parasitenklasse und ihres Anhangs. Der Generalstreik ist im Begriff, die letzte Bastion der Parasiten in der Industrie zu brechen!

Das ist die zeitgemäße Ausrichtung im weltweiten Kampf der Arbeiterklasse, um sich selbst vom Fluch der Lohnsklaverei und Ausbeutung zu befreien. Die Revolution unserer Tage wird ein Kampf um die Industrien sein und ihre Waffen müssen, um effektiv zu sein, die Waffen der Industrie sein.

Der Ort der Produktion

Kanonen, Flugzeuge, U-Boote, Minen und Maschinengewehre wurden für den Gebrauch durch Söldner der vermögenden Klasse entwickelt. Solche Waffen sind im modernen industriellen Kampf kaum geeignet, zu entscheiden, ob die ArbeiterInnen oder Parasiten die Industrie kontrollieren sollen. Hier am Ort der Produktion findet der Kampf statt, und die Arbeiter haben diesen einen großen Vorteil: Sie sind die produzierende Armee der Industrie. Die Maschinen sind vollkommen wertlos ohne Muskelkraft und Verstand der Menschen, die sie bedienen.

Die ArbeiterInnen stehen in der Industrie an strategisch wichtiger Stelle. Anders als die den Profit einstreichenden „Eigentümer“ sind sie ein unverzichtbarer Teil des industriellen Gesamtprozesses. Arbeiterinnen und Arbeiter stehen an den Maschinen, weil sie gebraucht werden, um sie in Betrieb zu halten. Durch bloße Anzahl haben sie bereits den Besitz an den Industrien. Sie sind geübt im Gebrauch der Produktionsmaschinen, in Transport und Austausch, wovon alle Einrichtungen der Kriegsführung abhängen. Zusätzlich hat die Sache der ArbeiterInnen mit ihrem Ziel der Vergrößerung des menschlichen Glücks die Zustimmung aller wohlmeinenden Menschen. Im Gegensatz dazu steht die Sache der herrschenden Klasse, die notwendigerweise kein anderes Ziel als die Absicherung der Fortexistenz des Parasitentums in der Gesellschaft haben kann. Die Macht der ArbeiterInnen ist deshalb größer als die Macht der vermögenden Klasse und ihrer kriegsführenden Söldner.

Der Kapitalismus kann nur solange weiterbestehen, wie die Arbeiterklasse aus Unwissenheit ihr Einverständnis und ihre Zustimmung gibt. Die Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen kann nur solange weitergehen, wie die Vielen nichts besseres wissen als sich der Ausbeutung zu unterwerfen. Diese Zustimmung oder Missbilligung kann nirgendwo so deutlich ausgedrückt werden wie in der Industrie, wo die Ausbeutung stattfindet. Der Generalstreik wird daher die ökonomische Ablehnung ihrer ökonomischen Versklavung durch die Arbeiterschaft sein.

Unter der Herrschaft des Kapitalismus ist der Lohnarbeiter als Einzelperson wehrlos. Wenn er einen Job hat und diesen nicht mag, kann er kündigen. Wenn er keinen Job hat, kann er in eine Ecke kriechen und an Hunger sterben. Auch steht es ihm frei, sich zu Tode zu trinken, Gift zu nehmen oder sich die Kugel zu geben, dadurch tut er der herrschenden Klasse einen Gefallen. Jeder andere Privatkrieg oder jede Revolte seiner selbst gegen das System wird im Allgemeinen irgendwo zwischen Fehlverhalten und Verbrechen eingeordnet.

Die Hoffnung des modernen Lohnsklaven liegt in der Anzahl. Im Klassenkampf zählen nur kollektive Waffen. Er kann selbst nur Stärke erlangen, indem er seine eigene Stärke mit der massenhaften Stärke seiner Kolleginnen und Kollegen in der Industrie vereinigt. Der Klassenkampf verlangt nach klassenspezifischen Waffen. Glücklicherweise hat ihre Stellung in der Klassengesellschaft die LohnarbeiterInnen dazu gebracht, in der Wir-Form statt in der Ich-Form zu denken.

Das Verhalten im Kampf

Der moderne Lohnsklave ist darin ausgebildet worden, sich Stärke in Gestalt von Zahlen vorzustellen. Im Gegensatz zu den Handwerkern vergangener Zeiten, deren Perspektive notwendigerweise auf das Individuum oder das Handwerk beschränkt war, ist der Industriearbeiter von heute dazu gezwungen, seine Probleme vom Standpunkt der Industrie zu betrachten, in der er beschäftigt ist. Falls er überhaupt Intelligenz besitzt, kann er sofort sehen, dass sein persönliches Problem in der Industrie genau das gleiche ist wie von tausend anderen im selben Fabrikbetrieb. Wenn er mit der Gier und der Grausamkeit der ausbeutenden Klasse konfrontiert wird, denkt er instinktiv nicht in Begriffen wie Wählen, Schießen, Bombardieren und Erstechen (wie seine Herren es tun), sondern ans Streiken.

Das war so zu Beginn der industriellen Entwicklung und ist auch heute noch so. Der einzige Unterschied ist, dass es schwieriger ist und längere Zeit braucht, den Bewegungsimpuls an ein großes Objekt statt an ein kleines Objekt zu übertragen. Ein kleiner Streik war in den Anfangstagen des Kapitalismus eine vergleichsweise simple Angelegenheit. Jeder heutige Streik unter dem Super-Kapitalismus ist gezwungenermaßen größer und komplexer. Der Streikimpuls wird statt an Dutzende oder Hunderte Menschen an Tausende oder Hunderttausende übermittelt. Dieser Impuls wird aufgrund der Vorkehrungs- und Überwachungsmaßnahmen, zu denen die „Arbeitgeber“ greifen, nicht immer von Erfolg gekrönt sein und die große Masse in Aktion versetzen. Aber der Impuls ist immer vorhanden und letzten Endes sind große Streiks so unvermeidlich wie es kleine Arbeitsniederlegungen immer waren.

Berufsbewusstsein und Klassenbewusstsein

Vom Berufs- zum Klassenbewusstsein, von der Aktion eines Berufszweigs zur Aktion einer ganzen Industrie, vom Berufsstreik zum Generalstreik, das ist nur eine graduelle Frage. Jeder Streik unter den modernen industriellen Bedingungen ist ein Generalstreik in embryonaler Phase. Auch die vorgeschlagene Dezentralisierung der Industrie wird Strategie und Taktik des Generalstreiks lediglich abändern. Sie wird in keiner Hinsicht den Willen der Arbeiterinnen und Arbeiter aufheben, den Streik als Waffe mit zunehmender Bedeutung im Klassenkampf zu benutzen. Auf der anderen Seite wird sie die Stellung der herrschenden Klasse schwächen, indem diese dann vielleicht statt einer ein Dutzend hart umkämpfter Fabrikanlagen haben wird, die sie von ihrer zahlenmäßig begrenzten Söldnerarmee bewachen lassen muss, wenn der große Kampf schließlich im Gange ist.

Unabhängig davon, wie viel politische Unzufriedenheit zu irgendeinem Zeitpunkt existieren mag, die Hauptanklage des Arbeiters gegen den Kapitalismus wird wirtschaftlicher Natur bleiben. In der Produktion wird er beraubt, und dort muss er gegen die fortgesetzte Ausbeutung ankämpfen. Falls gezeigt würde, dass mittels politischer Aktion eigentlich alles getan werden kann, um den Kampf der ArbeiterInnen einfacher zu machen – umso besser. Aber ArbeiterInnen dürfen sich nicht selbst über die Wirksamkeit der politischen Aktion täuschen. Unabhängig davon, wie rot sie am Wahltag wählen oder wen sie ins Amt wählen – sie werden entdecken, dass deren Machtkampf nicht mehr ist als ein Schatten ihres eigenen Kampfes in der Industrie.

Die Gefahr, die Wichtigkeit der politischen Aktion überzubetonen, liegt in der Tatsache, dass ArbeiterInnen dazu verleitet werden, jemand anderem (für gewöhnlich jemand, der nicht der Arbeiterklasse angehört) Vertrauen zu schenken, damit er etwas für sie tut, was sie mit ein bisschen Verständnis und Entschlossenheit sehr viel einfacher selbst erledigen könnten – und das ohne die Gefahr des Verrats. Das Vertrauen in die politische Aktion raubt den ArbeiterInnen nicht nur die Initiative für die eigenständige Aktion, sondern es bringt sie auch in einen Geisteszustand, in dem sie einverstanden sind, die eine Art von Diktatur gegen eine andere einzutauschen. Das schließliche Ziel des Generalstreiks ist nicht, das Joch des Kapitalismus durch das Joch des roten Repu-blikaners (des Staatskommunisten z.B.), des Faschisten oder Militaristen oder durch irgendein anderes Joch zu ersetzen. Der Generalstreik kann von den ArbeiterInnen besser dazu genutzt werden, wirkliche industrielle Freiheit und Demokratie einzuführen und alle Joche abzuschaffen, außer dem der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die eine gemeinsame Verpflichtung aller ist, die in diese Welt geboren werden.

Die Entstehung industrieller Macht

Zu Beginn der Ära des Kapitalismus wurden Handwerker entweder einzeln oder in kleinen Gruppen von einzelnen „Arbeitgebern“ oder Handelsgesellschaften angestellt. Zu dieser Zeit gab es keine der riesigen und hochspezialisierten Industriebetriebe, wie sie heutzutage existieren. Auch gab es nicht das zentralisierte Eigentum und die Herrschaft über ganze Industrien durch eine Handvoll Plutokraten, die durch Geflechte von Vorständen operieren, wie wir es heute kennen. Die Fabrik war eine kleine Anlage, der Chef war ein kleiner Chef und der Streik dementsprechend ein kleiner.

Aber die kleinen Fabrikanlagen blieben nicht klein. Mit dem Wachsen der Bevölkerung und dem Reifen des kapitalistischen Systems wurden sie größer und größer. Sie wurden unter dem Druck der wirtschaftlichen Notwendigkeit verschmolzen und gefestigt. Sie wurden zu riesigen Industriebetrieben. Der kleine Laden wurde eine Fabrik, die Webstube eine Textilfabrik, die Dorfschmiede eine Fertigungsanlage. Pittsburgh, Chicago und Detroit stiegen auf in all ihrer trostlosen Macht und die Tentakel der Wall Street erreichten die entferntesten Ecken des Landes. Währenddessen gab es immer weniger „Arbeitgeber“ und immer größere Anhäufungen von Lohnsklaven. Die tatsächliche Direktion und Verwaltung der Industriebetriebe ging vom nicht mehr selbst den Betrieb leitenden Eigentümer zum angeheuerten Techniker über, und Techniker und Arbeiter schufteten gemeinsam um die unersättliche Profitgier der Unternehmer und Dividendenbezieher zu befriedigen.

Natürlich war es nicht so einfach wie es scheint, aber im allgemeinen wurden Streiks und industrielle Macht der Arbeiterklasse entsprechend größer. Den Gegensatz im Klassenkampf gab es nun nicht mehr zwischen dem kleinen „Arbeitgeber“ und der kleinen Gruppe von ArbeiterInnen, sondern zwischen ArbeiterInnen in ganzen Industriebezirken und zahlenmäßig wenigeren, aber dafür unendlich viel mächtigeren Konzernen. Die Minen, Werke und Fabriken verstreuten sich über das ganze Land wie eine Plage riesiger Gefängnisse. Und die Tage kleiner Streiks oder kleiner Gewerkschaften waren vorüber.

All dies wäre in Ordnung gewesen, wenn die bewusste Kraft der Arbeiterklasse entsprechend dem Wachstum der Industrie mitgewachsen wäre. Die Maschinen nahmen nicht merklich die Last der Schufterei von den Schultern der ArbeiterInnen; sie erhöhten einfach nur den Profit der parasitären Eigentümer. Die Leiden der Lohnsklaven wurden schwerer und ihre Streiks wurden größer und immer erbitterter ausgefochten.

In der kapitalistischen Gesellschaft verändert die Beschleunigung des maschinellen Prozesses nicht nur die Art und Weise, wie Menschen zur Arbeit gruppiert wurden, sondern auch die Art und Weise, wie sie sich selbst gruppieren, um kämpfen zu können. In jedem Land reagieren die ArbeiterInnen auf den Klassenkampf entsprechend dem Entwicklungsstand der maschinellen Produktion. Das belegt die Tatsache, dass proletarische Kampftaktiken, die zum Beispiel für vergleichsweise rückständige Länder wie Russland geeignet wären, von geringerem Wert sind für Arbeiter in einem hochentwickelten industriellen System wie in jenem, das sich in den Vereinigten Staaten durchgesetzt hat. Das erklärt auch, warum die IWW als herausragende Repräsentantin revolutionärer Industriegewerkschaften ihren Ursprung in den USA hat, wo der Kapitalismus seine reifste und vollendetste Form erreicht hat.

Handwerksgewerkschaften und Generalstreik

Der Zweck von Industriegewerkschaften ist, der Arbeiterklasse die größtmögliche organisierte Macht in der Wirtschaft zu geben. Ohne Frage ist der Generalstreik, am Arbeitsplatz und außerhalb, der höchste Ausdruck dieser Macht. Wenn die heutigen Handwerksgewerkschaften auf ihre Brauchbarkeit für diesen Zweck untersucht werden, wird das die revolutionäre Industriegewerkschaftsbewegung in ein komplett neues Licht rücken. Das wird auch klar die Mängel konventioneller Gewerkschaften im Allgemeinen und der berufsständischen Gewerkschaften im Besonderen offenbaren. Schließlich ist der Grad an Kampfkraft die Nagelprobe jeder gewerkschaftlichen Organisation.

Schon ein flüchtiger Blick auf die berufsständische Gewerkschaftsbewegung offenbart, dass sie mehr dafür geformt wurde, die Streitkräfte der Arbeit zu teilen als zu vereinen. Die Berufsgewerkschaft ist nicht dafür gemacht, die Arbeiterbewegung ihre volle Macht entfalten zu lassen. Diese Form der Vereinigung wurde während der Periode der Kleinproduktion innerhalb der ökonomischen Entwicklung geboren, als die Werkzeuge des Handwerks und die Fähigkeiten der Handwerker die entscheidenden DInge waren. In jenen Tagen bestand die organisierte Macht des Handwerkers darin, ein Monopol über die Fähigkeiten und Erfahrung zu besitzen, um die Werkzeuge seines Gewerbes wirtschaftlich produktiv einzusetzen. Der Entzug dieser Fähigkeiten zu Streikzeiten war alles was man benötigte, um den „Arbeitgeber“ der alten Zeit zur Vernunft zu bringen. Folglich organisierte sich die Gewerkschaft der Handwerker um die damals wichtigen Werkzeuge des Gewerbes herum.

Werkzeuge und Fähigkeiten haben ausgedient

Aber all das hat sich verändert. Der Vormarsch des maschinellen Prozesses hat Werkzeuge und Fähigkeiten gleichermaßen weitgehend überflüssig gemacht. Dieser große Fortschritt in der technischen Entwicklung macht es den hergebrachten Gewerkschaften unmöglich, mit den modernen Bedingungen zurechtzukommen. Berufsgewerkschaften gibt es aus Gewohnheit noch weiter, das ist richtig, aber sie sind jetzt ein Anachronismus geworden. Manche von ihnen verhelfen lediglich ihren müden Geschäftsführern zu gut bezahlten Pöstchen und alle diese Vereinigungen dienen mehr oder weniger als Requisiten der bestehenden Ordnung. Im modernen Sinne sind sie überhaupt keine Gewerkschaften. Sie sind nur die Hüllen von einst nützlichen Gewerkschaften, die für wenige bevorzugte Gruppen von Arbeitern Vorteile herausholten, ohne sich um die Interessen der Arbeiterklasse als ganzes zu kümmern. Sie sind Teil des kapitalistischen Systems, das sie als gegeben hinzunehmen gelernt haben – sie haben keinen Schimmer oder Plan für irgendetwas außerhalb dieses Systems.

Verglichen mit der offensichtlichen Schwäche von Struktur und Konzept der Spartengewerkschaften ist die Präambel der IWW von sprechender Klarheit: „Wir stellen fest, dass die Konzentration der Verwaltung der Industrien in immer weniger Händen die Spartengewerkschaften in ihrer Fähigkeit zum Kampf gegen die ständig wachsende Macht des Kapitals behindert. Die Spartengewerkschaften fördern eine Lage, die zulässt, dass eine Gruppe von Arbeitern gegen eine andere Gruppe von Arbeitern in derselben Industrie zum Kampf angestachelt wird. Dadurch tragen sie dazu bei, dass sich alle in Lohnkämpfen gegenseitig zu Fall bringen. Außerdem helfen die Spartengewerkschaften der Kapitalistenklasse, die Arbeiter irrezuführen, dass sie glauben, Arbeiterklasse und Kapitalisten hätten gemeinsame Interessen.“

Der gegenwärtige Fokus der Arbeiterbewegung liegt nicht auf dem Handwerk, sondern auf der Industrie

Eine Gewerkschaft muss sich heutzutage den Strukturen der modernen Industrie anpassen, um ein effektives Instrument für Angriff und Verteidigung zu sein. Ihre Form muss eher industriell als gewerbeorientiert sein. Aber die Berufsgewerkschaften haben mit den Erfordernissen der sich verändernden Welt nicht Schritt gehalten. Sie sind größtenteils an ihrem Ausgangspunkt stehengeblieben. Weit davon entfernt, das hilfreiche Kampfinstrument zu sein, das sie früher waren, sind sie nun lediglich ein weiteres Mittel der Ausgestaltung der Versklavung der Klasse geworden, deren Interessen sie eigentlich dienen sollten.


Ein Generalstreik der Berufsgewerkschaften ist eine undenkbare Unmöglichkeit. Einzig und allein zu dem Zweck organisiert, damit einige wenige Gruppen von Arbeitern unter dem Kapitalismus „zurechtkommen“, fehlt es ihnen sowohl an der notwendigen Gestalt als auch am notwendigen Geist, um vereinte Aktionen für ein gemeinsames Ziel gegen einen gemeinsamen Feind zu ermöglichen. Aus diesem Grund wären sie, so wie sie heute organisiert sind, von zweifelhafter Hilfe für jede gemeinsame Anstrengung der Arbeiterklasse, sich selbst von der Lohnsklaverei mit industriellen Mitteln zu befreien. Der Kampf um die Industrie verlangt nach modernen industriellen Waffen. Und in dieser Hinsicht ist die Berufsgewerkschaft so unzeitgemäß wie der Dodo(5). ArbeiterInnen, die die entscheidende Ebene des Kampfes für die Emanzipation in der Gewinnung der Macht in den Industrien erkennen, müssen anderswo nach einer geeigneteren Organisationsform Ausschau halten.

Die sogenannten unabhängigen Industriegewerkschaften gehören zur selben Kategorie. Es stimmt, dass ihre ziemlich lockere Struktur es erlaubt, sich als Gewerkschaften für eine bestimmte Industrie zu betrachten. Aber wie im Fall der United Mine Workers of America und ähnlicher Gewerkschaften sind sie, wenn nicht in einzelne Berufsgruppen, in Bezirke aufgeteilt und durch Verträge so gebunden, dass gemeinsames Handeln unmöglich wird. In keinem Fall gibt es Belege für irgendeinen Versuch oder Wunsch ihrerseits, sich in Solidarität mit Transport- oder anderen ArbeiterInnen auf eine dem One Big Union-Konzept entsprechende Weise zu verbünden. Organisierte Eisenbahn-, Textil- und viele andere ArbeiterInnen in den Vereinigten Staaten sind ähnlich gebunden, ähnlich aufgespalten und ähnlich außerstande, zu vereinten Aktionen zusammenzufinden.

Wenn es um die Interessen der gesamten Arbeiterschaft geht, müssen diese Schritte die richtige Richtung verfolgen. Sie müssen nicht nur ausgesprochen industriell, sondern fraglos auch revolutionär sein.

„Anstelle des konservativen Mottos ‚Fairer Lohn für faire Arbeit‘ müssen wir die revolutionäre Losung ‚Abschaffung des Lohnsystems‘ auf die Fahne schreiben.“

So steht es in der Präambel der IWW. Und in diesem historischen Leitspruch ist der Bezugspunkt der Kraft und Inspiration der organisierten ArbeiterInnen der ganzen Welt ausgedrückt.

Politische Parteien und der Generalstreik

Auch wenn sie den Generalstreik nicht durchwegs befürworten, sind politische Parteien der Arbeiterklasse bereit, zuzugestehen, dass für jedes Programm revolutionären Neuaufbaus wirtschaftliche Macht erforderlich ist. Sozialisten und Kommunisten scheinen gleichermaßen die Bedeutung des Industrial Unionism zu erkennen, aber sie handeln in dieser Hinsicht kaum. Sie können nicht. Politische Parteien sind nicht dafür gebaut.

Allerdings haben sowohl Sozialisten als auch Kommunisten, besonders in Europa, mehr als einmal die ArbeiterInnen zu einem Generalstreik aufgerufen. Höchstwahrscheinlich wird das wieder passieren. Das Problem ist, dass diesen Organisationen, die nunmal politische Parteien und keine Gewerkschaften sind, das Instrumentarium fehlt, um einen Generalstreik in Gang zu setzen. Wenn alle anderen Maßnahmen versagen, rufen sie verzweifelt zu etwas auf, an das sie vorher hätten denken sollen – industrielle Solidarität. Meist waren sie dazu gezwungen, sich an mehr oder weniger teilnahmslose konservative Gewerkschaften zu wenden, mit denen ihr Kontakt größtenteils symbolischer Natur war. Solche Gewerkschaften wurden weder von der Struktur noch von ihrem Geist her daraufhin gebaut, tatsächlich solchen Aufforderungen zu folgen.

Eine geplante und bewusst moderne Struktur ist für die Gewerkschaft so notwendig wie eine geplante Wirtschaft für die Gesellschaft insgesamt. Von einer Spartengewerkschaft eine Klassenaktion zu erwarten, ist zumindest so albern wie revolutionäre Elemente in einem konservativen Parteiprogramm zu erwarten. Diese willkürliche und auf gut Glück angewandte Methode, in Torschlusspanik Aufrufe zum Generalstreik herauszugeben, deutet nicht auf allergrößte Überzeugung von der Wirksamkeit politischer Aktion. Ein typisches Bespiel ist der Versuch der politisch orientierten Sozialisten und Kommunisten Deutschlands, im Jahre 1932 einen Generalstreik herbeizuführen, um den Faschismus zu verhindern. Nach 1914 hätten sie es besser wissen und sich längst für einen solchen Notfall vorbereiten müssen, indem sie rechtzeitig das politische Spielfeld verlassen hätten, um eine starke industrielle Bewegung entlang der Grundlinien der One Big Union aufzubauen. Dann wäre die Geschichte erheblich anders verlaufen.

Die IWW hat von Anfang an den Arbeiterinnen und Arbeitern das Ziel der indu-striellen Demokratie vor Augen gehalten, das durch das Mittel des Generalstreiks erreicht werden soll. Die Präambel, von der mehrere Hundert Millionen Kopien verbreitet wurden, sagt in unmissverständlichen Worten: „Diese Verhältnisse lassen sich nur ändern und die Interessen der Arbeiterklasse lassen sich nur von einer Organisation hochhalten, die so aufgebaut ist, dass alle ihre Mitglieder in jeder beliebigen Industrie – wenn nötig in allen Industrien – die Arbeit niederlegen, immer wenn in einer ihrer Abteilungen ein Streik oder eine Aussperrung läuft. Dadurch wird ein Angriff auf einen zu einem Angriff auf alle.“

Gab es jemals eine Formulierung, die deutlicher die inhärente wechselseitige Abhängigkeit, Einheit und potenzielle Kraft der ProduzentInnen der Welt zum Ausdruck bringt?

Trotz gewisser täuschender Ähnlichkeiten, die von oberflächlichen Beobachtern übermäßig betont werden, unterscheiden sich die europäische anarcho-syndikalistische Bewegung und die IWW in mehr als einer Einzelheit beträchtlich. Das ist die zwangsläufige Folge der Tatsache, dass die IWW das Resultat einer späteren und reiferen Periode der industriellen Entwicklung ist.

Das erklärt die Tatsache, dass der europäische Syndikalismus, anders als die IWW, nicht in einer One Big Union auf der Basis koordinierter, zentralisierter Industrieabteilungen organisiert ist. Es erklärt auch, wie die Struktur der IWW gedacht ist: nicht nur als kraftvolle Streitmacht im alltäglichen Klassenkampf, sondern auch als die Struktur der neuen Gesellschaft, sowohl für Produktion und Verwaltung. Im Übrigen unterscheidet sich die Vorstellung des Generalstreiks der IWW von jener der Anarcho-Syndikalisten nahezu so sehr wie von jenen der politischen oder der Berufsgewerkschaften. In Form, Struktur und Zielsetzung ist die IWW universeller, reifer und moderner als alle ihrer anarcho-syndikalistischen Vorgänger.

Die FacharbeiterInnen und die IWW

Es könnte eingewendet werden, dass die IWW die FacharbeiterInnen und TechnikerInnen nicht in dem Maße, wie es die europäischen Syndikalisten getan haben, angesprochen und die Zusammenarbeit mit ihnen gesucht hat. Falls das überhaupt der Wahrheit entsprechen sollte, liegt es nicht an fehlender Wertschätzung für die Wichtigkeit des Facharbeiters im industriellen Organismus, sondern es ist eher der Tatsache geschuldet, dass die IWW im Klassenkampf so massiv angegriffen wurde, dass es schwierig war, diese Verbindung zu festigen.

Die IWW hat den Facharbeiter immer als lebensnotwendiges Mitglied der produzierenden Klasse gesehen. Er ist für jeden Plan eines fundamentalen wirtschaftlichen Neuaufbaus unverzichtbar. Sein Platz im Schema der One Big Union korrespondiert mit seinem Platz und seiner Bedeutung in der Industrie. Die IWW versteht unter industrieller Demokratie, dass die technisch leitenden Fachkräfte mit den Produk-tionsarbeitern unter der allgemeinen Administration der One Big Union kooperieren, im Interesse der gesamten Menschheit.

Praktisch von Anfang an hat die IWW die Teilnahme von Ingenieuren in ihren Versammlungen begrüßt. Einige unserer bedeutendsten Erzieher waren technisch ausgebildet. Der politisch unabhängige, unternehmerkritische und industrieorientierte Ingenieur wurde von der IWW immer als Blutsbruder gesehen. 1921 machte die IWW den Versuch, ein Institut für Industrieforschung unter der Leitung einer klar denkenden Gruppe von fähigen Ingenieuren aufzubauen, die sowohl eine soziale Vision als auch Sinn für gesellschaftliche Verantwortung besitzen. Dieses ambitionierte Projekt der IWW musste aufgegeben werden, weil zu dieser Zeit so viele ihrer aktiven FunktionsträgerInnen ins Gefängnis gesteckt wurden. Vor und seit dieser Zeit hat die IWW diese für den Facharbeiter wichtige Form disziplinierter Zusammenarbeit propagiert und praktiziert – lebensnotwendig für jedes Vorhaben, die Produktion ohne die profitgierigen Finanzkapitäne weiterzuführen.

Die IWW stimmt mit der Ansicht völlig überein, dass Arbeiter und Ingenieure die einzigen unverzichtbaren Elemente im modernen Produktionsprozess sind, und sie ist diesem Leitgedanken schon nahezu ein halbes Jahrhundert verpflichtet. Der Facharbeiter ist in jeglichem Sinne des Wortes ein Arbeitskollege. Er ist das „Zweite Ich“ des Arbeiters an der Maschine – die technisch leitende Kraft in der Industrie, der Gegenpart zur produktiven Arbeitskraft der Produktionsarmee. Beide sind gleichermaßen notwendig um die Produktion fortzuführen, wenn der Kapitalismus gestürzt sein wird. Beide sind gleichermaßen notwendig, wenn dem Profitystem ein Ende gesetzt wird durch andere Mittel als durch Blutvergießen und Zerstörung. Dieser Punkt ragt in der Ansicht der IWW über den Generalstreik deutlich heraus. Facharbeiter, Ingenieure und IWW-Mitglieder sollten ihn unbedingt im Bewusstsein halten.

Wahre Rebellen finden eine gemeinsame Basis

Nichts könnte natürlicher sein als dieses Band der Kollegialität zwischen der IWW und anderen industriell orientierten Gruppen in der Produktionsarmee oder unter den Strömungen der Arbeiterklasse. Es wurde gezeigt, dass Berufs- und unabhängige Industriegewerkschaften die Erreichung und Nutzung der vollen ökonomischen Stärke der Arbeiterbewegung unmöglich oder schwierig machen. Es wurde auch gezeigt, dass revolutionäre politische Parteien, abgesehen von erzieherischen und defensiven Aktivitäten, die Situation eher verkomplizieren als vereinfachen, wenn es um den Generalstreik geht. Deshalb ruft die IWW die ArbeiterInnen in den Industrien der Welt dazu auf, Vorurteile und Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Rasse, Hautfarbe, Religion und Politik aufzugeben und ihre ökonomische Macht in der One Big Union ohne Rücksicht auf nationale Grenzlinien zu vereinigen, um dem abscheulichen Monster des weltweiten Imperialismus, der die ArbeiterInnen jeder Nation versklavt und erniedrigt hat, ein endgültiges Ende zu setzen. Der Generalstreik ist ein Programm, auf das sich alle LohnarbeiterInnen verständigen sollten.

Es hat viel Verwirrung darüber gegeben, was mit dem Begriff Generalstreik überhaupt gemeint ist. In der Vergangenheit wurde jeder Streik von beträchtlicher Größe für gewöhnlich als Generalstreik bezeichnet. Aber häufig war diese Bezeichnung nicht wirklich zutreffend. Der größte Teil des Missverständnisses ist Resultat einer fehlerhaften oder begrenzten Auffassung davon, was ein Generalstreik ist und was er erreichen soll. Der Generalstreik muss, wie der Name bereits andeutet, anstatt eines Streiks zur Verbesserung von Bedingungen ein revolutionärer oder ein Klassenstreik sein. Er muss zum Ziel haben, das Privateigentum an den lebensnotwendigen Dingen abzuschaffen und durch gesellschaftliches Eigentum zu ersetzen. Er muss ein Streik sein, nicht nur von ein paar lokalen, industriellen oder nationalen Gruppierungen von ArbeiterInnen, sondern ein Streik der IndustriearbeiterInnen der Welt als einer Gesamtheit. Wenn wir im Gedächtnis behalten, dass es vier Phasen des Generalstreiks gibt, wird es helfen, klar zu verstehen, wie wir diesen Begriff verwenden:

  • Ein Generalstreik in einer Stadt oder einem Distrikt.
  • Ein Generalstreik in einer Industrie.
  • Ein landesweiter Generalstreik.
  • Ein revolutionärer oder Klassenstreik – der Generalstreik.

Durch das vorher Gesagte wird deutlich, dass nur die letzte Form – auch revolutionärer Klassenstreik genannt – ein Generalstreik in der vollen Bedeutung des Begriffes ist, während die ersten drei Formen des Generalstreiks in der weithin akzeptierten und begrenzten Auslegung des Begriffes sind. Die ersten drei wurden von Zeit zu Zeit versucht – mit unterschiedlichem Erfolg – aber die letzte Variante muss erst noch organisiert und zur Wirkung gebracht werden.

Dafür stehen als Beispiel die Demonstration ihrer industriellen Macht durch die ArbeiterInnen Finnlands und Russlands im Jahr 1905 oder auch 1917 in Verbindung mit dem Aufstand in Moskau, der im Sturz der Kerensky-Regierung mündete, oder der Streik der französischen Eisenbahn-Arbeiter im Jahr 1909, der große Streik in Schweden im selben Jahr oder der Streik in Deutschland, als die Putsch-Regierung von Kapp lahmgelegt wurde. Bedeutende Generalstreiks gab es auch 1913 in Belgien, 1920 in Buenos Aires und 1926 nochmals in Großbritannien. Alle wurden sie als Generalstreik bezeichnet. Und sie sind Generalstreiks in jenem begrenzten Sinne, wie er oben beschrieben wurde.

Herausragende „Generalstreiks“

Der sogenannte Generalstreik in Dänemark, der von den Sozialisten ausgerufen wurde, um die Einsetzung eines unpopulären Kabinetts durch den König zu blockieren, ist ein typisches Beispiel. Ebenso der inzwischen berühmte Versuch der italienischen Arbeiter aus dem Jahre 1920, die Kontrolle der Industrie zu übernehmen.

Die IWW-Streiks von 100.000 Holzfällern oder der von 40.000 Bergarbeitern im Jahre 1917 sind gute Beispiele für den industriellen Generalstreik, während jene von Seattle und Winnipeg Beispiele für den Generalstreik einer Stadt oder eines Bezirks sind. Es mag viel über die zitierten Fälle geschrieben werden. Aber im Endeffekt wäre klar, dass diese Streiks in jedem Fall kein ausreichendes Gebiet abgedeckt haben und nicht von ausreichend vielen ArbeiterInnen der verschiedenen Industrien unterstützt wurden. Auch war nicht die Abschaffung der Lohnsklaverei das Ziel. Um es in anderen Worten auszudrücken: Sie gaben lediglich eine Vorahnung davon, was die Arbeiterschaft angesichts einer größeren Provokation, von einem höheren Solidaritätssinn inspiriert und mit einer perfekteren Organisation ausgestattet für sich selbst tun könnte.

Die notwendigen Bedingungen für die erfolgreiche Durchführung jeder der vier oben aufgezählten Formen des Generalstreiks haben nie existiert. Aber nur weil es bis jetzt nicht möglich war, die wirtschaftliche Kraft der Arbeiterschaft in vollem Umfang zu nutzen, ist das kein Zeichen dafür, dass solche Bedingungen niemals existieren werden. Es wurde oftmals sehr ehrlich gesagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“. Es ist gleichermaßen wahr, dass Schwalben uns niemals in der Abgestorbenheit des Winters besuchen. Die Tatsache, dass die Arbeiterschaft in begrenztem Ausmaß erfolgreich war, zeigt, dass sie ihre wirtschaftliche Macht in einem viel größeren Maße benutzen kann.

Der Generalstreik, einmal klar definiert und verstanden, bietet der Arbeiterschaft eine Waffe, in deren Verwendung sie große Begabung und Bereitschaft gezeigt hat – eine Waffe, mit der alle anderen Waffen im Klassenkampf vergleichsweise kümmerlich sind. So wie Schießpulver Pfeil und Bogen ersetzte, so wird die ökonomische Aktion die gröberen und schwächeren Waffen der Arbeiterschaft im finalen Kampf der Emanzipation von der Lohnsklaverei verdrängen. Nur einfältige Kritiker der Taktiken der Arbeiterklasse werden danach streben, den Einsatz des größten Machtmittels der Arbeiterschaft zum Erreichen ihres höchsten Zieles zu verhindern. Und nur die oberflächlichsten Beobachter können verkennen, dass der Organisationsplan der IWW nach bestem Wissen entworfen ist, um der Arbeiterschaft den Gebrauch dieses Machtmittels zu ermöglichen.

Der konstruktive Generalstreik

Die IWW ist der Überzeugung, dass der Aufbau der neuen Gesellschaft, besonders während der Dauer der Krisenperiode, zumindest genauso wichtig ist wie die Aufhebung der alten Gesellschaft. Dies ist mehr als ein Dogma, es ist eine vernünftige Taktik. Wenn das Ziel der sozialen Revolution lautet: Sozialisierung und demokratische Kontrolle über die Industrie, dann muss diese Errungenschaft während der revolutionären Krise mit so wenig Verzögerung durch Irreführungen durch Bürokratie und Mittelklasse wie nur möglich verwirklicht werden. Es wäre auf alle Fälle fatal, während der Phase des Tumults den Blick auf das Ziel zu verlieren. Es sollte auch dem gleichgültigsten Beobachter klar sein, dass die Taktiken, die in Europa zur Anwendung kamen, nicht vollständig für die Bedürfnisse der amerikanischen Arbeiterschaft geeignet sind. In den USA gibt es nicht eine, sondern drei verschiedene Kulturprägungen: den industriellen Osten und Mittelwesten, den feudalen Süden sowie die immer noch bahnbrechende Westküste. In allen drei ist es offensichtlich, dass der Klassenkampf unter Anspannung leicht in einen religiösen, politischen oder Rassenkrieg ausarten könnte. Und es ist noch offensichtlicher, dass die Auswirkungen von Straßenkämpfen auf den hochentwickelten Industrieorganismus in einem Desaster enden würden, das in allgemeiner Zerstörung und ultimativem Chaos enden könnte. Manchmal muss man sich über den verwegenen Anspruch der Führung der amerikanischen kommunistischen Bewegung wundern, die daran glaubt, die dunklen Mächte der Büchse der Pandora des Bürgerkriegs, die sie begierig über einem Land öffnen wollen, dessen Sprache sie kaum sprechen, zu einem vernünftigen Ende dirigieren zu können.

Die IWW war immer der Ansicht, dass ein bewaffneter Aufstand in einem technologisch fortgeschrittenen Land wie den USA etwas ganz anderes wäre als ein bewaffneter Aufstand in einem technologisch rückständigen und größtenteils agrarischen Land wie Russland – besonders unter den Bedingungen, die in Moskau und Petrograd nach dem Waffenstillstand 1918 auftraten. Die amerikanischen Bedingungen verlangen ein groß angelegtes Vorgehen im Sinne einer gut koordinierten Aussperrung der Finanzkapitäne durch die Massen der Industrie- und FacharbeiterInnen, wodurch dem Profitsystem ein Ende gesetzt würde, jedoch Herstellung und Transport der Güter unbeeinträchtigt blieben. Zusammen mit Demonstrationen der Erwerbslosen vor den Industrieanlagen ist es das, was die IWW meint, wenn sie sich für den Generalstreik einsetzt. Alles, was weniger oder mehr ist als das, ist bloß zusätzliche Verwirrung. Die Logik ist wie folgt: Eine perfekte moderne Uhr kann so einfach wie ein Blechspielzeug zertreten werden; sie wieder zusammenzusetzen ist viel schwieriger.

Die kämpfende Avantgarde

In den USA ist die IWW seit ihrer Gründung Hauptvertreter des revolutionären Industrial Unionism. Von Beginn an war die IWW auf die Industrie ausgerichtet. Hauptsächlich als Ergebnis ihres ständigen Beharrens auf der Anwendung der ökonomischen Macht mussten sowohl Sozialisten als auch Kommunisten anerkennen, dass in der revolutionären Bewegung die Gewerkschaften die kämpfende Vorhut bilden. Beide Parteien suchen jetzt industrielle Kontakte und beide befürworten zumindest theoretisch den Industrial Unionism. Auf diesen Punkt festgenagelt, werden beide zugeben, dass die zukünftige Gesellschaft mehr auf der Basis einer wirtschaftlichen Verwaltung organisiert sein wird als durch eine politische Regierung. Das Problem beider Parteien ist zweifellos die Überladung mit Politik durch die großzügige Beimischung von nicht-proletarischen Elementen. Sie denken in Begriffen von politischen Kampagnen (und noch dümmeren Dingen) anstelle von Streiks, Picket-Lines und Gewerkschaften, die die Erringung substanzieller ökonomischer Macht ermöglichen.

Politische Parteien, die sich innerhalb nationaler Grenzen organisieren, müssen notwendigerweise nationalistisch sein. Nach der Natur der Dinge ist es ihnen nur möglich, sich internationale Solidarität in Form von Föderationen nationaler Einheiten vorzustellen. Die IWW auf der anderen Seite ignoriert nationale Grenzen und sieht das Problem vom Standpunkt der eng geknüpften und organisch verbundenen, weltumspannenden Eigenständigkeit der produzierenden Klasse. Die IWW steht dafür ein, dass die „Hände über den Ozeanen“ die Hände von ArbeiterInnen und nicht von Politikern sein sollen.

Nichts beweist stärker die Richtigkeit dieser Position als die zwei Weltkriege. Viereinhalb Millionen sozialistische Wahlstimmen in Deutschland und weitere Millionen in Frankreich, England und Belgien konnten die durch Gier angefachte Verheerung, die 1914 begann und sich bis zum heutigen Welt-Holocaust fortsetzt, nicht stoppen. Die Arbeiterschaft hat durch diese Kriege nichts gewonnen. Sie hat schwer verloren. Sie bezahlte die Kosten durch Blut, Fleisch und Elend und sie wird für viele zukünftige Jahre weiter bezahlen. Und das Ziel der Arbeiterschaft ist weiter entfernt als zu Beginn des ersten Weltkriegs. Die IWW vertritt seit 1914 bis heute, dass das imperialistische Schlachtfest unmöglich gewesen wäre und der endgültige Sieg der Arbeiterschaft lange erreicht wäre, hätten sich die ArbeiterInnen Europas industriell organisiert, diszipliniert und im Gebrauch ihrer industriellen Macht geschult.

Die Aufgaben der Gewerkschaften

Wenn die politischen Retter der Arbeiterklasse in den USA aus diesem fatalen Fehler nur eine Lehre zögen und wenigstens jetzt anstrebten, anstelle von überdimensionierten schwerfälligen politischen Maschinen eine kraftvolle revolutionäre Gewerkschaftsbewegung aufzubauen, wären die Aussichten auf einen klaren Sieg für die Arbeiterschaft unermesslich besser.

Wie es aussieht ist mit ihren größtenteils nicht-proletarischen Führungen die genaue Funktion politischer Parteien in der Gewerkschaftsbewegung schwierig auszumachen. Ein Vorteil für die Gewerkschaftsbasis bei einer Leitung durch Politiker ist noch schwieriger zu entdecken. Vorauszusetzen, dass die Industriegewerkschaft die Führung und Herrschaft der Partei benötige, heißt zu unterstellen, dass Gewerkschafter unfähig seien, ihre eigenen Angelegenheiten zu erledigen. Wenn die Industriegewerkschaft lediglich ein Hilfsmittel der politischen Partei sein soll oder sein kann, heißt das, dass wirtschaftliche Macht von geringerer Wichtigkeit als politische Macht ist und dass die Gewerkschaft nur erdacht wurde, um das Spielzeug eines ambitionierten Politikers oder das Werkzeug des wegweisenden bürgerlichen Anführers zu sein? Falls das die richtige Einstellung sein sollte, warum sollte es dann überhaupt Gewerkschaften geben? Warum dann nicht zum „gelben Sozialisten“ der Vorkriegszeit zurückkehren, der glaubte, dass die Gewerkschaften mehr eine Behinderung als eine Hilfe für die ArbeiterInnen darstellen, indem sie den Verstand von der Wahlurne weglenken? Falls der Begriff „Industrielle Demokratie“ irgendetwas bedeutet, dann, dass die Mitgliedschaft der Gewerkschaft – die tatsächlichen ArbeiterInnen in den Industrien – den Anspruch hat und fähig ist, die Angelegenheiten ihrer eigenen Organisation ohne Einmischungen von Außenstehenden zu bestimmen.

Die ArbeiterInnen müssen ihre industrielle Stärke aufbauen

Wenn politische Parteien der Arbeiterklasse die Notwendigkeit und den Nutzen revolutionärer industrieller Gewerkschaftsarbeit aufzeigen, dann leisten sie wertvolle Arbeit. Aber bewusst oder unbewusst machen sie einen schrecklichen Fehler, wenn sie nach Dominanz und Kontrolle über die industrielle Bewegung als inner- oder außerhalb stehende politische Parteien streben. Die IWW erinnert sich immer noch an die Lektion aus dem Jahr 1914.

Es ist einleuchtend, dass es nicht in der Kompetenz einer politischen Partei steht noch stehen kann, einen Generalstreik oder jede andere Art von Streik zu organisieren oder durchzuführen. Sie können den vollständigen oder teilweisen Gebrauch industrieller Macht befürworten, dazu ermutigen oder fordern, aber nur eine Organisation, die innerhalb der Industrie tätig ist, kann diese Aktion ermöglichen. Der politischen Partei fehlt das Instrumentarium, um einen Streik auszurufen oder durchzuführen. Wenn sie dieses Instrumentarium hätte, dann wäre sie eine Gewerkschaft und keine politische Partei. Nur die in ihren eigenen Gewerkschaften zusammengeschlossenen ArbeiterInnen haben die Fähigkeit, diese Aufgaben zu erfüllen, sowohl im Kampf als auch in der Administration.

Aus diesem Grund sollten die ArbeiterInnen aller Länder, die ihre vereinte industrielle Stärke gebrauchen wollen, um der Ausbeutung und Lohnsklaverei ein Ende zu setzen, an den Aufbau einer unbesiegbaren One-Big-Union-Bewegung gehen entsprechend den Leitlinien, die die IWW vorschlägt. Und wenn sie nicht das demokratische Prinzip zugunsten einer Diktatur aufgeben wollen, sollten sie sich weigern, die Leitung ihrer Organisation an Politiker oder nicht aus der Arbeiterklasse stammende AnführerInnen abzugeben, egal unter welcher Farbe oder Symbolzeichen.

Der One Big Strike in den Betrieben

Es ließe sich allerdings einwenden, dass der Generalstreik sich als schwer lenkbar erweisen und dass er aufgrund einer möglichen Lähmung des Transportwesens zu Notsituationen ähnlich wie in einem Bürgerkrieg führen könnte. Falls die Staatsgewalt nicht von den ArbeiterInnen ergriffen würde, würden dann nicht die bewaffneten Einheiten der herrschenden Klasse den Streik mit militärischer Gewalt zerschlagen? Wäre das Ergebnis auf Dauer nicht das gleiche – große Hungersnöte und wirtschaftliche Auflösung?

Die Antwort lautet – so wie sich die IWW den Generalstreik vorstellt –, dass er von den ArbeiterInnen und dem technischen Personal so umfassend organisiert und effizient eingesetzt würde, dass Ernährung, Versorgung und Transport der bewaffneten Söldner praktisch unmöglich wird. Die Streiks in Seattle und Winnipeg gaben einige Anzeichen für die Fähigkeit der Streikenden, ihren Streik zu organisieren, durch Demonstrationen zu verstärken, die Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig für ausreichende Verteilung von Nahrungsmitteln an die Bevölkerung zu sorgen.

Man sollte sich gut daran erinnern, dass solche Dinge wie Maschinengewehre, Panzer, Flugzeuge, Stickgas- und Brandbomben nur dann verfügbar sind, wenn sie von der Arbeiterschaft hergestellt und transportiert werden, und dass sie schwieriger gegen die ArbeiterInnen eingesetzt werden können, die mit den Industrien breit über das Land verteilt sind, als gegen Menschenmassen, die in den Arbeiter-Ghettos der großen Städte zusammengepfercht sind.

Nach der modernen Idee des Generalstreiks wäre es überhaupt nicht notwendig, dass die in Beschäftigung stehenden ArbeiterInnen während einer gut organisierten Klassenbewegung dieser Art die ihnen zugewiesenen Plätze in der Industrie überhaupt verlassen. Im Gegenteil würden Anstrengungen unternommen, Arbeiter nicht aus den Fabriken heraus, sondern in sie hineinzubringen, um die Räder der Produktion am Laufen zu halten. Der Generalstreik wäre, um es in anderen Worten auszudrücken, ein Mittel zur Sättigung statt zur Aushungerung der Bevölkerung.

Das steht im Einklang mit dem Plan der IWW des Striking on the job. Der einzige Unterschied wäre, dass die Fabriktore unter der Leitung des technischen Personals weit geöffnet würden, um die Millionen Arbeitslosen aufzunehmen. Die Industrie würde in gewohnter Weise dann für den Zweck der menschlichen Bedürfnisse arbeiten anstelle für die Bereicherung einer profitgierigen besitzenden Klasse.

Der Generalstreik würde einfach bedeuten, dass das Heer der Produktion unter kompetenter technischer und allgemeiner Leitung in den Industrien bleiben und weiter die Güter für den Verbrauch produzieren und transportieren, aber sich weigern würde, weiterhin der Parasitenklasse einen Mehrwert zukommen zu lassen. Der Generalstreik wäre eine General-Aussperrung gegen diese untätigen Drohnen, die sich jetzt die Maschinerie, von der die Menschheit abhängt, als „Privatbesitz“ aneignen.

Die Massenopposition gegen Ausbeutung

Der Generalstreik wird bedingt durch den Willen der ArbeiterInnen, ihn siegreich durchzuführen, und durch ihren hartnäckigen Entschluss, der Ausbeutung ein Ende zu setzen, indem Güter für den Gebrauch und nicht für den Profit hergestellt werden. Anders als ein kleiner Streik hängt der Generalstreik nicht notwendigerweise von der kompletten Einstellung der Produktion ab, mehr aber von der Fähigkeit, nur genau soviel Arbeitseinsatz zu verweigern oder zu entziehen, um die Profite der parasitären „Besitzer“ komplett zu stoppen.

In Bezug auf Löhne ist das höchste Ziel des Generalstreiks, jedem Produzenten das volle Produkt seiner Arbeit zukommen zu lassen. Die Forderung nach besseren Löhnen wird nur dann revolutionär, wenn sie mit der Forderung verknüpft wird, dass die Ausbeutung der Arbeiterschaft aufhören muss. Die Arbeitskraft wird am Ort der Produktion ausgebeutet, und nur an dieser Stelle kann die Arbeiterschaft verhindern, dass die untätigen, außerhalb der Produktion stehenden Nutznießer noch länger mehr erhalten als das, was ihrer eigenen Leistung entspricht. Nur das völlige Verweigern irgendeines Anteils für Nicht-Produzenten wird der Arbeiterklasse wirtschaftliche Gerechtigkeit garantieren.

Die Arbeitsbedingungen unter dem Kapitalismus haben viele bittere Auseinandersetzungen hervorgerufen, aber selbst die allernötigsten Forderungen nach Verbesserung können kaum als revolutionär bezeichnet werden. Auch in einer Industriellen Demokratie werden solche Dinge der Zweckmäßigkeit und andauernden Verbesserung unterliegen, entsprechend den anerkannten Bedürfnissen.

Kürzere Arbeitszeit, die revolutionäre Forderung

Das Verlangen nach kürzerer Arbeitszeit ist allerdings eine ausgesprochen revolutionäre Forderung. Auf der Basis eines Acht-Stunden-Tages sind weniger als drei Stunden nötig, um den Lohn zu verdienen. Der Rest des Tages dient dazu, Mehrwert für den Boss zu erzeugen. Jede Stunde eines kürzeren Arbeitstages bedeutet für den „Arbeitgeber“ den Profit aus einer Arbeitsstunde weniger von jedem Beschäftigten – eine Stunde weniger Möglichkeit zur Ausbeutung. Das erklärt die Tatsache, dass den Forderungen nach kürzerer Arbeitszeit stets energischer widersprochen wurde als Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen oder sogar nach höheren Löhnen.

Der Grund ist offensichtlich: Der Unterschied zwischen dem Sechs-Stunden-Tag und dem Acht-Stunden-Tag ist der Unterschied zwischen den drei oder den fünf Stunden, die man dem „Arbeitgeber“ schenkt damit er seine ArbeiterInnen für seinen Profit schuften lässt; jede Stunde Reduzierung geht auf Kosten des Ausbeuters. Der Unterschied zwischen dem Sechs-Stunden-Tag und z.B. dem Drei-Stunden-Tag ist der Unterschied zwischen drei Stunden schweißtreibender Arbeit für den Profit oder keiner einzigen. Wenn der „Arbeitgeber“ weiterhin von der Arbeit seiner Lohnsklaven leben möchte, muss er deshalb eifersüchtig die Länge des Arbeitstages des Malochers überwachen (und tut es auch). Davon hängt nicht nur die Höhe seines unverdienten Einkommens, sondern auch das Fortbestehen seines Privilegs ab: zu leben, ohne selbst etwas zu produzieren.

Die Hauptforderung des Generalstreiks wäre deshalb logischerweise die Forderung nach einem durchschnittlichen Arbeitstag von höchstens drei Stunden oder eben der Länge, die technologisch notwendig ist, um die Produktion auf einer Grundlage fortzuführen, die ohne Profit auskommt. Dies ist die revolutionärste Forderung von allen, da sie die Möglichkeit der Ausbeutung durch eine Klasse an der Quelle austrocknet. In einem geplanten Wirtschaftssystem mit der pefektionierten modernen Produktionsmaschinerie, über die die Menschheit sogar heute schon unter kompetentem Leitungspersonal verfügt, gibt es überhaupt keinen Grund (außer dem Profitsystem), warum irgendjemand gezwungen sein sollte, länger als zweieinhalb oder drei Stunden am Tag zu arbeiten.

Jeder Arbeitstag, der länger als erforderlich ist, um die derzeit nötige Arbeit der Welt zu erledigen, dient nur dazu, die bereits jetzt profitverwöhnten Parasiten der Industrie weiter zu mästen. Der Generalstreik für den Drei-Stunden-Tag würde nicht nur den Millionen von Erwerbslosen die Arbeitsstelle zurückgeben, sondern auch die Diebe des Big Business dazu bringen, zukünftig Seite an Seite mit ihnen zu arbeiten. In diesem Zusammenhang sollte man sich daran erinnern, dass die in der IWW organisierten Holzarbeiter im Nordwesten Amerikas den Acht-Stunden-Tag dadurch gewonnen haben, indem sie schlicht und ergreifend nach Ablauf von acht Stunden das Pfeifsignal gaben und in Scharen den Arbeitsplatz verließen.

Der Generalstreik und Demonstrationen der Arbeitslosen

Der IWW wird zugeschrieben, dass sie zwei herausragende Taktiken industrieller Kampfführung in die amerikanische Arbeiterbewegung eingeführt hat – den Strike on the job und die Massendemonstrationen der Arbeitslosen. Beide Taktiken sind für den erfolgreichen Verlauf des Generalstreiks von allergrößter Bedeutung. Der Erfolg der Bewegung wird letztendlich (neben sachkundiger technischer Leitung) von der Solidarität zwischen den eingestellten und den arbeitslosen ArbeiterInnen abhängen. In einem Klassenstreik ist diese Solidarität unverzichtbar, weil die Arbeitsdauer nur durch gemeinsame Aktion und Vereinbarungen auf eine Weise verkürzt werden kann, die es allen ermöglicht, in Arbeit zu kommen. Welche Wirkung Millionen von Erwerbslosen, die als Streikposten an den Fabriktoren im Kampf für einen kürzeren Arbeitstag stehen, auf das kapitalistische System haben, kann man sich sehr leicht vorstellen. Dadurch würden die Erwerbslosen nicht nur die Hauptursache der Arbeitslosigkeit (lange Arbeitszeiten), sondern auch die Grundursache der Ausbeutung (das Privateigentum an der für die Gesellschaft notwendigen Maschinerie) treffen.

Einverstanden damit, dass der Generalstreik eine gute Sache sei, mag noch eingewendet werden, dass es nur wenig Aussicht gibt, dass er jemals zum Einsatz kommt. Unsere Antwort darauf ist bejahend. Es gibt allen Grund für die Überzeugung, dass ein Sieg durch den Generalstreik viel wahrscheinlicher ist als ein Sieg durch Wahlen oder bewaffnete Kämpfe. Zugegeben, die Aussicht auf einen Generalstreik wird durch das beharrliche Verkünden nicht-industrieller Methoden durch Politiker, Aufstandsbefürworter und Reformisten behindert. Umgekehrt würde eine offensive Aufklärungskampagne das Anliegen des Generalstreiks voranbringen. Wenn nicht eine große Anstrengung unternommen wird, die wachsende Unzufriedenheit der Arbeiterklasse mit dem Mittel des Generalstreiks entlang der Leitlinie des Industrial Unionism zur Erringung der Industriellen Demokratie zu leiten, können viele andere Dinge passieren. Massenunruhen und Diktaturen könnten die Alternativen der einen oder anderen Art sein. Die ArbeiterInnen sollten jede Anstrengung unternehmen, um das zu bekommen was sie wollen, aber sie sollten sich sehr sicher sein, was sie wollen.

Die neue Gesellschaft kommt nicht zwangsläufig

Das kapitalistische System hat, verrottet wie es ist, dennoch nicht übersehbare Ressourcen. Die bewaffneten Kräfte des Staates sind nicht annähernd so beeindruckend wie die käufliche Presse und andere Wege zur Beeinflussung der Öffentlichkeit und zur Irreführung einer ganzen Klasse. Die kapitalistische Presse und der klassengesteuerte Rundfunk sind möglicherweise die allerstärksten Bollwerke der bestehenden Ordnung. Mit diesen Mitteln kann der Hass auf die Arbeiterschaft und Massenwahn jederzeit und gegen jedes Individuum oder Gruppe, die es wagt, das kapitalistische System herauszufordern, angeheizt werden. Allerdings sei daran erinnert, dass sich ArbeiterInnen in der Zeitungsbranche immer wieder, besonders in Seattle, geweigert haben, beleidigende und aufhetzende Leitartikel gegen die Arbeiterschaft zu setzen und zu drucken. Also kann auch hier, genauso wie bei der Herstellung und dem Transport von Kriegsmaterial, die wirtschaftliche Macht der ArbeiterInnen vorteilhaft genutzt werden.

Das System der Ausbeutung ist immer noch tief in der ökonomischen Unwissenheit und in den Gewohnheiten und dem dummen Individualismus der gleichgeschalteten WählerInnen eingegraben und verwurzelt. Aber ungeachtet dieser offensichtlichen Pluspunkte kämpfen die Erhalter der gegenwärtigen Ordnung auf verlorenem Posten. Der Kapitalismus hat seine Brauchbarkeit als gesellschaftliches System überlebt. Er ist zu einem Fluch für die gesamte Menschheit geworden. Für seine Existenz gibt es keine historische Rechtfertigung mehr. Er ist zum Hindernis für den weiteren gesellschaftlichen Fortschritt geworden. Durch das eiserne Gesetz des unaufhaltsamen Wandels ist er dem Tode geweiht. Ähnlich wie die Sklaverei den Feudalismus und der Feudalismus wiederum die Lohnsklaverei hervorbrachte, wird diese durch Evolution und Revolution gezwungen, Platz für eine wissenschaftlich geführte Wirtschaft zu machen – die Industrielle Demokratie. Aber sogar dies ist nicht zwangsläufig, weil die gegenwärtige Herrscherklasse unmissverständlich ihre Bereitschaft zeigt, die ganze Welt in Unordnung und Chaos zu stürzen. Das könnte ihr glücken, wenn nicht bald Schritte unternommen werden, um sie zu stoppen.

Komme, was wolle

Bereits jetzt ist die Welt aufgrund von Hunger und Missregierung ein Schlachtfeld der Unordnung und Rebellion. Kein einzelner Mensch, keine Organisation kann mit der Genauigkeit einer Blaupause voraussagen, welchen Weg die Ereignisse in den zivilisierten Ländern während der letzten Tage der scheidenden Gesellschaftsordnung nehmen werden. Alles, was wir im Licht der Sozialwissenschaften sehen können, ist, dass die Industrien von denen, die sie brauchen und die sie am Laufen halten, erobert und für die Herstellung nützlicher Güter anstelle der Schaffung von Profit genutzt werden müssen. Die Sozialisierung der Mittel der Produktion, des Transports und der Verteilung ist für das Überleben der Menschheit nun absolut notwendig. Nur die ArbeiterInnen sind in einer Position, dies tun zu können und es ist ihre Pflicht, um jeden Preis darauf zu achten, dass es getan wird. Richtig organisiert und diszipliniert kann keine Macht der Erde die wachgerüttelte Arbeiterklasse davon abhalten, sich ihrer selbst bewusst zu werden.

Der wissenschaftlich vernünftige und durch und durch konstruktive Charakter des Programms der IWW wurde nirgends nachdrücklicher herausgestellt als durch die abschließenden Sätze ihrer Präambel: „Die historische Aufgabe der Arbeiterklasse ist es, den Kapitalismus abzuschaffen. Die Armee der Produzenten ist nicht bloß für den täglichen Kampf mit den Kapitalisten zu organisieren, sondern auch dafür, die Produktion weiterzuführen, wenn der Kapitalismus gestürzt sein wird. Indem wir uns industriell organisieren, bilden wir die Struktur der neuen Gesellschaft in der Schale der alten Gesellschaft.“

„Die Arbeit soll alles sein“

„Ergreift die Industrien“, lautet ein gegenwärtig in Misskredit stehender Slogan, weil wir es durch einen Rückschluss so auffassen, als würde es bedeuten, die Industrien von außen her zu erobern. Aber ehrlich gesagt, ist es für die ArbeiterInnen notwendig, etwas zu „ergreifen“, was sie bereits haben?

Jeden Tag sind die ArbeiterInnen am Arbeitsplatz im Besitz der Industrien. Das Problem ist nicht, sie zu „ergreifen“, sondern sie nicht wegzugeben. Der wissenschaftlich geprägte moderne Generalstreik würde einen sehr viel einfacheren Slogan und ein viel vernünftigeres Programm haben: Für die in Arbeit wäre das: „Haltet die Betriebe am Laufen, aber weigert euch, für den Profit zu produzieren.“ Für die Erwerbslosen wäre es: „Umringt als Streikposten die Betriebe, weigert euch, den KollegInnen in den Rücken zu fallen, und lasst nicht zu, dass von anderen Streikbrecherarbeit verrichtet wird.“

Für die gegenwärtigen „Eigentümer“ ist es lebensnotwendig, dass die Arbeit mit den Produktionsmitteln und Ressourcen durch die Arbeiterschaft geleistet wird. Entsprechend ist es während des revolutionären Übergangs notwendig, dass die Arbeiterschaft sich weigert, ihre Verfügung über die Produktionsmittel wieder zugunsten der „Eigentümer“ oder deren Streikbrecher und Söldner aufzugeben.

Dass die Arbeiterschaft ihre eigenen Interessen verteidigen wird, ist selbstverständlich. Die IWW hat die Arbeiterinnen und Arbeiter gelehrt zu kämpfen statt zu betteln – sie sollen nicht bitten, sondern das fordern was sie wirklich wollen. Und im finalen Kampf um die Befreiung der Welt vom Sozialparasitentum werden Tapferkeit, klares Denken und furchtloses Kämpfen mehr benötigt als jemals zuvor. Da die Kontrolle über die Industrie nur dann in die Hände der produzierenden Klasse gelangen kann, wenn die Produzenten genügend Macht haben, die Kontrolle auch zu behalten, propagiert die IWW den Generalstreik am Arbeitsplatz, verstärkt durch machtvolle revolutionäre Demonstrationen der Erwerbslosen. Der Übergang von Privateigentum zu Kollektivbesitz ist unabdingbar. Nur so kann die Gefahr von schweren Zerstörungen und Blutvergießen minimiert werden.

Die Arbeiterklasse sollte alle Anstrengungen auf dieses Ziel richten. Der volle Strom der revolutionären Bewegung sollte von den Straßen in die Industrien geleitet werden. Der revolutionäre Kampf sollte im Sinne industrieller Aktion gedacht und ausgefochten werden – Leitung, Verteidigung und Führung der Betriebe. Der Klassenkampf ist in letzter Instanz ein Kampf um die Kontrolle der Mittel der Produktion, des Transports und der Güterverteilung. Es wird möglicherweise ein erbitterter Kampf werden, aber einer, der nur ein Ende haben kann: den vollständigen Sieg für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Industrien der ganzen Welt.

Komme, was wolle, keine Arbeiterin, kein Arbeiter sollte die Kosten berechnen. Selbst im schlechtesten Fall könnte ein Generalstreik kaum mehr Entbehrung und Leiden mit sich bringen als eine der vielen und allzu häufigen Depressionen des Kapitalismus. Der Generalstreik ist vernünftiger als ein Aufstand und sicherer als die politische Aktion. Und jenseits von ihm steht – nach dem Gewitter – eine wissenschaftlich geplante und geordnete Welt, gegründet auf Frieden, Wohlstand und Sicherheit für die gepeinigte Menschheit. Welche andere Sache ist mehr wert, dass mutige Frauen und Männer für sie kämpfen als dieses Ideal einer klassenlosen industriellen Demokratie, für das die IWW so tapfer und viele Jahre lang gekämpft hat?

Fußnoten:
1.) 1991 wurde dieser Satz der Präambel erweitert: „ ... und in Harmonie mit der Erde leben.“
2.) Thorsten Veblen (1857 - 1929), US-amerikanischer Ökonom und Soziologe
3.) Der amerikanische Ausdruck dafür ist „Scissorbill“.
4.) Daniel Webster (1782 - 1852), US-Politiker. Nach ihm ist die „Webster-Formel“ benannt.
5.) ausgestorbene Vogelart auf Mauritius

Übersetzung durch IWW München

Der Text wurde www.anarchismus.at dankenswerter Weise von der IWW zur Verfügung gestellt.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS