Anton Pannekoek - Arbeit und Muße

Als Ergänzung zu meinem Aufsatz in Funken Nr. 11 (November 1954) hat Genosse Rabasseire in Funken vom Februar 1955 auf Paul Lafargues kleine Schrift Le droit de la paresse (das Recht auf Faulheit) hingewiesen. Als diese Schrift in der Jugendzeit des Sozialismus erschien, hat sie uns begeistert, weil sie den Charakter der Arbeit in anderer Weise beleuchtete als die übliche sozialistische Literatur. Wenn der Genosse Rabasseire daran anknüpfend jetzt die Faulheit als ein Recht des Menschen hervorhebt, soll man bedenken, daß die Notwendigkeit der Arbeit nicht durch irgend ein „Arbeitsethos“ unsererseits auferlegt wird, sondern durch die Natur selbst. Mag die Arbeit durch die Ausbeutung zu einer unerläßlichen Qual geworden sein, ursprünglich war sie ein Gebot der Natur. Weil wir essen und uns gegen Kälte kleiden müssen, müssen wir arbeiten. Man soll mal versuchen, der Natur gegenüber das Recht auf Faulheit geltend zu machen! Faulenzen mag ein Genuß sein; aber als Lebenssystem bedeutet es, einen anderen für sich arbeiten zu lassen.

Wie der Mensch zu seiner Arbeit steht, hängt in erster Linie vom Klima ab. Als Westindier wußte Lafargue aus eigener Erfahrung, wie schwer und ermattend im heißen Klima jede Anstrengung ist. Weil aber dort die Bedürfnisse gering sind und die Natur zumeist ihre Gaben reichlich spendet, konnte der Mensch leicht seinem Trieb zu seligem Nichtstun folgen - allerdings nur, bis die weißen Herrscher kamen und ihm Zwangsarbeit auferlegten. Wenn nach Rabasseire Sozialisten, die „sämtlich dem romanischen Kulturkreis entstammen“, weniger über Arbeit und mehr über Faulheit und Ruhe schrieben, liegt dies wohl auch daran, daß das angenehme Klima Südeuropas zum lebensfrohen Genießen lockt. Auch der biblische Fluch: „Im Schweiße Deines Angesichts“ stammt aus wärmeren Gegenden.

Demgegenüber konnte in dem kühl-gemäßigten Klima Mitteleuropas der Natur nur durch angestrengte Arbeit ein Lebensunterhalt abgerungen werden. Hier kam nun, als Frucht geistiger Anstrengung, die Technik als befreiende Kraft empor. „Die Maschine ist die große Befreierin des Menschen aus der Sklaverei.“ „Die Maschine hat die doppelte Mission: Die Produktion und damit die irdischen Güter zu mehren — und zugleich die Arbeit zu mindern und zu mildern. Durch Mehrung der Produktion wird die Maschine die Not brechen — durch Minderung der Arbeit die Sklaverei.“ Mit diesen Worten bringt R. N. Coudenhove Kalergi, der bekannte Kämpfer für die Einheit Europas, in seinem lesenswerten Büchlein Revolution durch Technik die Bedeutung des technischen Fortschritts zum Ausdruck. Er ist kein Sozialist und er kennt den Klassenkampf nicht; daher müssen wir seinen Ausspruch ergänzen: die Maschine in den Händen des Kapitals hat die Sklaverei der Arbeit erschwert, die Maschine in den Händen der Arbeiter wird zugleich mit der Not die Sklaverei der Arbeit aufheben.

Genosse Rabasseire geht dann von dem allgemeinen Prinzip auf die praktische Reform von dem „Recht auf Faulheit“ auf die Verkürzung der Arbeitszeit über. Was die Steigerung der Produktivität der Arbeit uns bringt, ist nicht bloß eine Verkürzung der Arbeitszeit, sondern auch, und noch wesentlicher, die Möglichkeit, das Leben nach neuen Prinzipien zu gestalten. Vergessen wir nicht, daß Tätigkeit nicht bloß ein Zwang des Hungers ist, sondern daß die Betätigung der Lebensfunktionen als Gebrauch der Leibesorgane, als Anstrengung von Muskeln, Nerven und Gehirn, ein unmittelbarer Lebenstrieb ist, für den Menschen wie für das Tier. Der Segen der Technik ist nicht eine Verlängerung der in seligem Nichtstun verbrachten Zeit, sondern eine Bereicherung des Lebens in neuen Formen der Aktivität. Für den Einzelnen liegt in einer Zunahme der Muße die Möglichkeit, sich nach eigener Laune dem stillen Genießen, dem ernsten Studium, oder dem Sport, der Kunst usw. zu widmen. Für die Arbeiterklasse als Ganzes betrachtet liegt die Sache anders. Der Kapitalismus hat schon längst eingesehen, daß die Verkürzung der Arbeitszeit ihm neue Möglichkeiten bietet und neue Aufgaben stellt. Er hat dazu einen großen Bildungsapparat und eine ganze Vergnügungsindustrie geschaffen. Letztere soll das Erholungsbedürfnis der Massen auffangen und es durch das Darbieten gedankenloser Belustigung in ungefährliche Bahnen leiten. Und der Wissensdrang geweckter Arbeiter findet Befriedigung in einer Erziehung zur „Kultur“, d. h. zur bürgerlichen Kultur, die sie geistig an den Kapitalismus bindet und Klassenkampfgedanken unwirksam macht. Das Kapital regiert die Arbeiter nicht nur während der Arbeit, sondern auch während der Muße. Ihr ganzes Leben, der ganze Tag steht unter der Botmäßigkeit des Kapitals.

Das wird sich erst ändern, wenn die Arbeiter die Herrschaft erobern und unmittelbar über die Produktionsmittel verfügen. Es ist hier wohl überflüssig zu bemerken, daß diese Eroberung nicht ein einzelner Akt sein wird, sondern eine ganze Epoche gesellschaftlicher Umwälzung umfaßt. Und auch, daß sie das Gegenteil einer Verstaatlichung der Produktion bedeutet. Es will mir scheinen, daß Genosse Rabasseire sich nicht genügend den tiefen Unterschied zwischen einem durch Reformen (z. B. Verkürzung der Arbeitszeit) gemilderten Kapitalismus und einer sozialistischen Ordnung vergegenwärtigt hat. Wenn die Arbeiter als Meister über die Maschinen verfügen und ihre Arbeit selbst regeln, wird es ihnen ein Leichtes sein, Überfluß für alle zu produzieren. Aber ihr wesentliches Ziel wird es sein, die Technik derart zu organisieren, daß sie wirklich die Menschheit von allem Druck befreit. An anderer Stelle habe ich versucht, ausführlicher die dann einsetzende Entwicklung zu skizzieren.

(Mai 1955)

Aus: Funken 6, Nr. 5 (1955): 74-6. HTML-Markierung und Transkription: J.L. Wilm für das Marxists’ Internet Archive.

Originaltext: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/pannekoek/1955/05/arbeit.htm


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