Herman Gorter - Offener Brief an den Genossen Lenin

Eine Antwort auf Lenins Broschüre: "Der Radikalismus, eine Kinderkrankheit des Kommunismus"

Vorwort

Ich möchte, Genosse Lenin, Ihre und der Leser Aufmerksamkeit darauf lenken, dass dieser Brief geschrieben wurde während des siegreichen Aufmarsches der Russen nach Warschau.

Auch möchte ich mich bei Ihnen und den Lesern entschuldigen wegen der vielen Wiederholungen. Da die Taktik der "Linken" den Arbeitern in den meisten Länden noch unbekannt ist, waren diese nicht zu vermeiden.

Herman Gorter

1. Einleitung

Lieber Genosse Lenin!

Ich habe Ihre Broschüre über den Radikalismus in der Kommunistischen Bewegung gelesen. Ich habe daraus, wie aus allen Ihren Schriften, viel gelernt. Ich bin Ihnen, wie gewiss viele andere Genossen, dankbar dafür. Manche Spur und manchen Keim dieser Kinderkrankheit, die auch in mir ohne Zweifel haust, hat sie vertrieben und wird sie gewiss noch vertreiben. Auch was Sie über die Verwirrung sagen, die durch die Revolution in vielen Köpfen verursacht worden ist, ist ganz richtig. Ich weiss das. Die Revolution kam so plötzlich und so ganz anders als wir erwarteten. Und Ihre Schrift wird mir ein neuer Antrieb sein, um wieder, noch mehr als früher, mein Urteil in allen Fragen der Taktik, auch in der Revolution, abhängig zu machen nur von der Realität, von den wirklichen Klassenverhältnissen, wie sie sich politisch und ökonomisch offenbaren.

Als ich Ihre Broschüre gelesen hatte, dachte ich: Das ist alles richtig. Als ich mich dann aber hinsetzte und lange Zeit darüber nachgedacht hatte, ob ich nun diese "Linke" nicht mehr unterstützen und keine Artikel für die KAPD und die oppositionelle Partei in England mehr schreiben sollte, da musste ich dies ablehnen.

Dies scheint sich zu widersprechen. Aber es wird dadurch verursacht, Genosse, dass Ihr Ausgangspunkt in der Broschüre nicht richtig ist. Sie urteilen, wie ich glaube, nicht richtig über die Übereinstimmung der westeuropäischen Revolution mit der russischen, über die Bedingungen der westeuropäischen Revolution, d.h. über die Klassenverhältnisse - dadurch beurteilen Sie den Grund, aus dem die Linke, die Opposition hervorkommt, verkehrt. - Daher scheint die Broschüre richtig, wenn man Ihren Ausgangspunkt annimmt; verwirft man diesen (wie man es tun muss), dann ist die ganze Broschüre falsch. Da alle Ihre unrichtigen, teilweise unrichtigen und teilweise gewiss ganz falschen Urteile zusammenkommen zu Ihrer Verurteilung der linken Bewegung, besonders in Deutschland und England, und da ich, trotzdem ich nicht in allen Punkten einverstanden bin mit dieser Bewegung, wie die Führer wissen, doch fest entschlossen bin, sie zu verteidigen, glaube ich am besten zu tun, Ihre Schrift mit einer Verteidigung der Linken zu beantworten. Dies wird mir Gelegenheit geben, nicht nur den Grund zu zeigen, woraus sie entsteht, ihr Recht und ihre Vorzüge jetzt und hier in Westeuropa, in diesem Stadium, zu beweisen, sondern auch, und dies ist vielleicht gleich wichtig, die verkehrten Vorstellungen, die besonders in Russland über die westeuropäische Revolution herrschen, zu bekämpfen. Beides ist wichtig, da sowohl die westeuropäische wie auch die russische Taktik abhängt von der Vorstellung der westeuropäischen Revolution.

Gerne hätte ich dies auf dem Moskauer Kongress getan, ich war aber nicht imstande zu kommen.

An erster Stelle muss ich zwei Ihrer Bemerkungen widerlegen, die das Urteil der Genossen und Leser fälschen können. Sie schreiben mit Hohn und Spott über den lächerlichen und kindischen Unsinn des Kampfes in Deutschland, über "Diktatur der Führer oder der Massen", "oben oder unten" usw. Dass dies keine Fragen sein sollen, damit sind wir ganz einverstanden. Mit dem Hohn aber nicht. Denn leider sind es in Westeuropa noch Fragen. Wir haben nämlich in Westeuropa in vielen Ländern noch Führer, wie sie in der zweiten Internationale waren, wir suchen noch die richtigen Führer, die nicht über die Massen herrschen wollen und die sie nicht verraten, und solange wir diese nicht haben, wollen wir alles von unten auf und durch die Diktatur der Massen selber. Wenn ich einen Bergführer habe, und er führt mich in den Abgrund, so habe ich lieber keinen. Sobald wir die richtigen haben, werden wir dieses Suchen fahren lassen. Denn dann werden Masse und Führer wirklich eins sein. Das, und nichts anderes, meinen die deutsche und englische Linke und wir mit diesen Worten. (1)

Und dasselbe gilt für Ihre zweite Bemerkung, dass Führer mit Klasse und Masse ein einheitliches Ganzes sein sollen. Wir sind ganz mit Ihnen einverstanden. Nur gilt es, solche Führer zu finden, zu erziehen, die wirklich mit der Masse einig sind. Und sie finden und erziehen, das können die Massen, die politischen Parteien und die Gewerkschaften nur durch schwersten Kampf, auch nach innen. Dasselbe gilt von der eisernen Disziplin und der strengsten Zentralisation. Wir wollen sie schon, aber erst nachdem wir die richtigen Führer haben, nicht vorher. Auf diesen schwersten Kampf, der jetzt in Deutschland und England, als den der Verwirklichung des Kommunismus nächsten Ländern, schon mit der grössten Anstrengung geführt wird, kann Ihr Hohn nur nachteilig wirken. Sie arbeiten mit diesem Spott den opportunistischen Elementen der Dritten Internationale In die Hände. Denn es ist eins der Mittel, mit denen Elemente im Spartakusbund und in der BSP in England, und auch in den kommunistischen Parteien mancher anderen Länder, die Arbeiter betören, wenn sie sagen, dass die ganze Frage über Masse und Führer eine unsinnige Frage, "Unsinn und kindisch ist". Mit dieser Phrase vermeiden sie und wollen sie vermeiden, dass man sie selbst, die Führer, kritisiert. Mit dieser Phrase von eiserner Disziplin und Zentralisation zerschmettern sie die Opposition. Diesen opportunistischen Elementen arbeiten Sie in die Hände.

Das sollten Sie nicht tun, Genosse. Wir sind in Westeuropa noch im Vorstadium. Da sollte man lieber den Kämpfern als den Herrschern das Wort reden.

Dies aber hier nur beiläufig. Ich komme darauf im Laufe meines Schreibens noch zurück. Es liegt ein tieferer Grund vor, warum ich mit Ihrer Broschüre nicht einverstanden sein kann. Das ist der folgende:

Wenn wir westeuropäische Marxisten Ihre Broschüren, Aufsätze und Bücher lasen, dann gäb es mitten in der Bewunderung und der Zustimmung, die fast alles, was Sie schrieben, bei uns fand, doch immer einen Punkt, bei dem wir im Lesen plötzlich ganz vorsichtig wurden, über den wir nähere Aufklärung erwarteten, und den wir, wenn wir diese nicht fanden, auch nachher, nachdenkend, nur mit sehr grossem Vorbehalt annahmen. Es war dies dort, wo Sie sprachen über die Arbeiter und die armen Bauern. Sie tun das sehr, sehr oft. Und überall sprechen Sie von diesen beiden Kategorien als revolutionären Faktoren auf der ganzen Welt. Und nirgends, wenigstens soweit ich gelesen habe, betonen Sie klar und deutlich den sehr grossen Unterschied, der in dieser Frage zwischen Russland (und einigen osteuropäischen Ländern) und Westeuropa (d.h. Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Holland, der Schweiz und den skandinavischen Ländern, vielleicht sogar Italien) besteht. Und doch liegt, meines Erachtens, der Grund der Differenz Ihrer Auffassung über die Taktik in den gewerkschaftlichen und parlamentarischen Fragen und der der sogenannten Linken in Westeuropa im Unterschied zwischen Russland und Westeuropa in diesem Punkte.

Sie kennen natürlich so gut wie ich diesen Unterschied, aber Sie haben daraus nicht die Folgerungen für die Taktik in Westeuropa gezogen, wenigstens nicht, soweit ich Ihre Arbeiten gelesen habe. Sie haben diese Folgerungen ausser Betracht gelassen, und dadurch wird Ihr Urteil über diese westeuropäische Taktik ein falsches (2). Dies war und ist desto gefährlicher, weil überall in Westeuropa dieser Ihr Satz in allen kommunistischen Parteien gedankenlos nachgeplappert wird, sogar von Marxisten. Es erweckt sogar in allen kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren und in öffentlichen Veranstaltungen den Schein, als sei plötzlich eine Revolte der armen Bauern in Westeuropa nahe! Es wird nicht auf den grossen Unterschied zu Russland hingewiesen. Dadurch wird das Urteil, auch des Proletariats, gefälscht. Dadurch, dass Sie in Russland eine gewaltige Klasse von armen Bauern hatten und mit ihrer Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass wir in Westeuropa auch diese Hilfe haben werden, Dadurch, dass Sie in Russland nur durch diese Hilfe siegten, stellen Sie es so vor, dass man hier auch durch diese Hilfe siegen wird. Durch Ihr Schweigen Über diese Frage, wie sie sich verhält in Westeuropa, stellen Sie es so vor, und Ihre ganze Taktik kommt hervor aus dieser Vorstellung.

Diese Vorstellung ist aber nicht die Wahrheit. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Russland und Westeuropa. Im allgemeinen wird die Bedeutung der armen Bauern als revolutionärer Faktor immer kleiner. In Teilen Asiens, Chinas, Indiens, wäre diese Klasse, wenn dort Revolution ausbräche, absolut ausschlaggebend, in Russland bildet sie für die Revolution den unentbehrlichen, einen Hauptfaktor, in Polen und einigen Staaten des südöstlichen und Mitteleuropas ist sie für die Revolution noch bedeutend, aber je mehr man dann nach Westen geht, desto feindlicher steht sie der Revolution gegenüber.

Russland hatte ein industrielles Proletariat von 7 bis 8 Millionen. Aber die armen Bauern zählten zirka 25 Millionen. (Sie werden mir etwaige Fehler in den Zahlen verzeihen, denn ich muss aus dem Kopfe zitieren, weil dieses Schreiben Eile hat.) Als Kerenski diesen armen Bauern den Boden nicht gab, da wussten Sie, dass sie sehr bald zu Ihnen kommen müssten, sofort nachdem sie dies bemerkt haben würden. Das ist in Westeuropa nicht der Fall und wird auch nicht der Fall sein, eine solche Lage besteht in den westeuropäischen Ländern, die ich genannt habe, nicht.

Die Lage der armen Bauern in Westeuropa ist eine andere als die in Russland. Wenn auch oft schrecklich, ist sie nicht so schrecklich hier wie dort. Die armen Bauern haben als Pächter oder Eigentümer ein Stückchen Land. Durch die ausgezeichneten Verkehrsmittel können sie oft etwas verkaufen. Sie können sich im schlimmsten Fall oft selbst ernähren. Die letzten Jahrzehnte brachten ihnen etwas Besserung. Sie können jetzt, während und nach dem Krieg, hohe Preise fordern. Sie sind unentbehrlich, denn Lebensmittel werden nur sehr spärlich importiert. Sie werden also fortwährend hohe Preise machen können. Sie werden vom Kapitalismus unterstützt. Das Kapital wird sie oben halten, solange es selbst oben bleiben kann. Die Lage der armen Bauern bei Ihnen war viel entsetzlicher. Dadurch hatten bei Ihnen die armen Bauern auch ein politisches, revolutionäres Programm und waren in in einer politischen, revolutionären Partei organisiert: bei den Sozial-Revolutionären. Das sind sie hier nirgends. Ausserdem gab es in Russland eine enorme Menge Güter, die verteilt werden konnten, Grossgrundbesitz, Krongüter, Staatsländereien, Klostergüter. Was können aber die Kommunisten Westeuropas den armen Bauern bieten, um sie zur Revolution, um sie auf ihre Seite zu bringen?

Es gab in Deutschland (vor dem Krieg) vier bis fünf Millionen arme Bauern (bis 2 Hektar). In wirklichem Grossbetrieb (über 100 Hektar) waren nur acht bis neun Millionen Hektar. Wenn die Kommunisten diese alle verteilten, wären die armen Bauern noch immer arme Bauern, denn auch die sieben bis acht Millionen Landarbeiter wollen etwas haben. Aber sie können sie nicht einmal alle verteilen, denn sie werden sie selbst als Grossbetriebe brauchen (3).

Also die Kommunisten in Deutschland haben, einzelne relativ kleine Gegenden ausgenommen, nicht einmal ein Mittel, um die armen Bauern zu locken. Denn die Mittel- und kleinen Betriebe wird man doch gewiss nicht enteignen. Sehr ähnlich steht es mit den vier bis fünf Millionen französischen armen Bauern und ähnlich auch in der Schweiz, Belgien, Holland und zwei skandinavischen Ländern (4). Überall herrschen Klein- und Mittelbetriebe vor. Und sogar in Italien ist die Sache nicht ganz sicher. Ganz zu schweigen von England, wo es nur ein- bis zweihunderttausend arme Bauern gab.

Die Zahlen zeigen auch, dass arme Bauern in Westeuropa verhältnismässig sehr wenige sind. Dass also die Hilfstruppen, wenn sie da wären, nur gering sein würden.

Auch das Versprechen, dass sie unter dem Kommunismus keine Pacht und Hypothekenrente zu zahlen haben werden, kann sie nicht locken. Denn' mit dem Kommunismus sehen sie den Bürgerkrieg, Verschwinden der Märkte und Verwüstung kommen.

Die armen Bauern in Westeuropa werden also, wenn nicht eine Krise kommt, viel fürchterlicher noch als jetzt in Deutschland, eine Krise, die an Fürchterlichkeit alles je dagewesene übertrifft, zum Kapitalismus stehen, so lange dieser noch einigermaassen Leben hat (5).

Die Arbeiter in Westeuropa stehen ganz allein. Denn auch nur eine ganz dünne Schicht des niedrigen Mittelstandes wird ihnen helfen., Und diese ist ökonomisch unbedeutend. Die Arbeiter werden ganz allein die Revolution machen müssen. Das ist der grosse Unterschied zu Russland.

Vielleicht, Genosse Lenin, werden Sie sagen, dass dies auch in Russland der Fall war. Auch in Russland hat das Proletariat die Revolution allein gemacht. Erst nach der Revolution kamen die armen Bauern. Das ist wahr, aber der Unterschied bleibt ein gewaltiger.

Sie wussten, Genosse Lenin, dass die Bauern mit Sicherheit und schnell zu Ihnen kommen würden. Sie wussten, dass Kerenski ihnen den Boden weder geben wollte noch konnte. Sie wussten, dass sie Kerenski nicht lange helfen würden. Sie hatten ein Zaubermittel "Der Boden den Bauern", womit Sie sie sofort in einigen Monaten zum Proletariat bringen konnten. Wir dagegen sind sicher, dass sie vorläufig überall auf dem westeuropäischen Kontinent dem Kapitalismus helfen werden.

Vielleicht werden Sie sagen, dass zwar in Deutschland keine grosse Masse armer Bauern bereit steht zur Hilfe, dass aber die Millionen Proletarier, die jetzt noch zur Bourgeoisie halten, gewiss herüber kommen werden. Dass also die Stelle der russischen armen Bauern hier von Proletariern eingenommen werden wird. Dass also doch Hilfe kommt.

Auch diese Vorstellung ist in ihrem Wesen falsch. Der Unterschied zu Russland bleibt enorm.

Die russischen Bauern kamen nämlich nach dem Sieg über den Kapitalismus zum Proletariat. Aber wenn die deutschen Arbeiter, die jetzt noch zum Kapitalismus stehen, zum Kommunismus kommen, dann fängt der Kampf gegen den Kapitalismus erst recht an.

Dadurch, dass die armen Bauern da waren, dadurch, nur dadurch siegten die russischen Genossen. Und der Sieg wurde fest und stark, als sie hinüberkamen. Dadurch, dass die deutschen Arbeiter in den Reihen des Kapitalismus stehen, dadurch kommt der Sieg nicht, wird er auch nicht leicht, und wenn sie hinüberkommen, fängt der Kampf erst recht an. -

Die Revolution in Russland war während ihrer langjährigen Entwicklung schrecklich für das Proletariat. Und furchtbar ist sie jetzt, nachdem sie gesiegt hat. Aber sie war, als sie stattfand, leicht, eben durch die Bauern.

Bei uns ist das ganz anders, gerade umgekehrt. Vorher war sie leicht und nachher wird sie leicht sein. Aber sie selbst wird furchtbar sein. Wahrscheinlich furchtbarer als je eine Revolution. Denn der Kapitalismus, der bei Ihnen schwach war, und nur so ein bisschen oben auf den Feudalismus, das Mittelalter und sogar auf die Barbarei geklebt, ist bei uns stark, gewaltig organisiert und fest gewurzelt. Und die niedrigeren Mittelklassen und die kleinen und armen Bauern, die immer bei den Stärksten stehen, werden, mit Ausnahme einer dünnen, ökonomisch nicht bedeutenden Schicht, bis zum wirklichen Ende des Kapitalismus zu ihm halten.

Die Revolution in Russland siegte durch die Hilfe der armen Bauern. Das muss man hier, in Westeuropa und überall in der Welt, in Gedanken festhalten. Aber die Arbeiter in Westeuropa stehen allein, das muss man in Russland immer in Gedanken festhalten.

Das Proletariat in Westeuropa steht allein. Das ist die Wahrheit. Und darauf, auf dieser Wahrheit, muss unsere Taktik begründet sein. Jede Taktik, die darauf nicht begründet ist, ist falsch und führt das Proletariat zu gewaltigen Niederlagen.

Dass diese Behauptung die Wahrheit ist, wird auch durch die Praxis bewiesen. Denn nicht nur haben die westeuropäischen kleinen Bauern kein Programm, forderten sie nicht das Land, sondern auch jetzt, da der Kommunismus naht, regen sie sich nicht. Diese Behauptung soll aber natürlich nicht vollkommen absolut aufgefasst werden. Es gibt, wie ich schon sagte, Gegenden in Westeuropa, wo Grossgrundbesitz vorherrscht, und wo also die armen Bauern für den Kommunismus zu haben sind. Es gibt auch andere Gegenden, wo, durch die lokalen Verhältnisse usw., sie zu gewinnen sein werden. Aber diese Gegenden sind relativ gering. Und sie soll auch nicht bedeuten, dass ganz am Ende der Revolution, wenn alles zusammenfällt, keine armen Bauern zu uns kommen werden. Das ist unzweifelhaft. Darum müssen wir auch fortwährend Propaganda unter ihnen machen. Aber wir haben unsere Taktik zu bestimmen für den Anfang und für den Gang der Revolution. Was ich also sagte, ist die allgemeine Art, die allgemeine Tendenz der Verhältnisse. Und auf dieser allein kann und soll eine Taktik begründet sein (6).

Es folgt hieraus nun an erster Stelle - und es soll mit Nachdruck und klar und deutlich gesagt sein -, dass in Westeuropa die wirkliche Revolution, d. h. die Umwerfung des Kapitalismus und die Errichtung und dauerhafte Instandhaltung des Kommunismus, jetzt allein noch möglich ist in den Ländern, wo das Proletariat allein stark genug ist allen Klassen gegenüber, also in Deutschland und England, und, weil doch die Hilfe der armen Bauern möglich, in Italien. In den anderen Ländern ist nur die Vorbereitung der Revolution möglich. Durch Propaganda, Organisation und Kampf. Sie selbst kann nur stattfinden, nachdem die Wirtschaft so durch die Revolution in den grössten Staaten (Russland, Deutschland und England) erschüttert ist, dass die bürgerlichen Klassen genügend schwach geworden sind. Denn Sie werden mir doch gewiss zugeben, dass wir unsere Taktik nicht einstellen können auf Ereignisse, die vielleicht kommen, doch auch vielleicht ausbleiben werden (Hilfe der russischen Armeen, indischer Aufstand, furchtbare Krise, wie sie noch nie da war, usw.).

Dass Sie diese Wahrheit über die Bedeutung der armen Bauern also nicht eingesehen haben, das ist Ihr erster grosser Fehler, Genosse. Und gleichfalls der der Exekutive in Moskau und des internationalen Kongresses.

Was bedeutet nun weiterhin das Alleinstehen (so ganz anders als das russische Proletariat), das Keine-Aussicht-Haben auf Hilfe irgendwoher, von keiner anderen Klasse, in bezug auf die Taktik?

Es bedeutet erstens, dass die Forderungen, die hier an die Massen gestellt werden, noch viel grösser sind als in Russland. Dass also die Bedeutung der proletarischen Masse in der Revolution eine viel grössere ist. Und zweitens, dass die Bedeutung der Führer entsprechend kleiner ist.

Denn die russischen Massen, die Proletarier, hatten die Gewissheit, und sahen, schon im Kriege - teilweise vor ihren Augen -, dass die Bauern bald an ihrer Seite stehen würden. Die deutschen Proletarier, um nur erst von ihnen zu reden, wissen, dass sie den ganzen deutschen Kapitalismus mit allen Klassen gegen sich haben.

Wohl zählten die deutschen Proletarier vor dem Kriege schon 19 bis 20 Millionen wirklich Arbeitender bei einer Bevölkerung von 70 Millionen, aber sie stehen allen anderen Klassen gegenüber.

Sie stehen einem ungleich stärkeren Kapitalismus gegenüber als die Russen, unbewaffnet. Die Russen waren bewaffnet.

Die Revolution fordert also von jedem deutschen Proletarier, von jedem einzelnen, noch viel grösseren Mut und Opfersinn als von den russischen.

Das folgt aus den ökonomischen und Klassenverhältnissen Deutschlands und nicht aus irgend einer Theorie oder Einbildung von Revolutionsromantikern oder Intellektuellen!!

Wenn nicht die ganze Klasse oder wenigstens die übergrosse Mehrheit sich persönlich mit fast übermenschlicher Kraft für die Revolution gegen alle anderen Klassen einsetzt, dann siegt sie nicht. Denn Sie werden mir doch einmal zugeben, dass wir bei der Einstellung unserer Taktik auf unsere eigenen Kräfte rechnen müssen und nicht auf fremde, z. B. russische Hilfe.

Das Proletariat, fast unbewaffnet, allein, ohne Hilfe einem so einheitlichen Kapitalismus gegenüber, das bedeutet in Deutschland: jeder Proletarier, die grosse Mehrheit, ein bewusster Kämpfer, jeder Proletarier ein Held. - Und so ist es in ganz Westeuropa.

Die Mehrheit des Proletariats, die zu bewussten, fest entschlossenen Kämpfern wird, zu wirklichen Kommunisten, muss hier, absolut und relativ, grösser, viel grösser werden als in Russland.

Und wiederum: dies nicht infolge der Vorstellungen, der Träume eines Intellektuellen oder Poeten, sondern auf Grund reinster Realitäten.

Und wie die Bedeutung der Klasse steigt, so sinkt, relativ, die Bedeutung der Führer. Das will nicht sagen, dass wir nicht die allerbesten Führer haben sollen. Die allerbesten sind noch nicht gut genug, wir suchen sie gerade. Das will nur besagen, dass im Vergleiche mit der Bedeutung der Massen diejenige der Führer kleiner wird.

Wenn man, wie Sie, mit 7 oder 8 Millionen Proletariern ein Land von 160 Millionen gewinnen soll, ja, dann ist die Bedeutung der Führer enorm! Denn, um mit so wenigen so viele zu besiegen, da kommt es an erster Stelle auf die Taktik an. Wenn man, wie Sie, Genosse, mit einer so kleinen Schar, aber mit fremder Hilfe, ein so grosses Land gewinnt, dann kommt es an erster Stelle auf die Taktik des Führers an. Als Sie, Genosse Lenin, mit der kleinen Schar von Proletariern den Kampf begannen, da war es an erster Stelle Ihre Taktik, die im geeigneten Moment die Schlachten schlug und die armen Bauern gewann.

Aber in Deutschland? Da schafft die klügste Taktik, die grösste Klarheit, das Genie sogar des Führers nicht sehr viel, nicht das meiste. Unerbittlich stehen dort die Klassen einander gegenüber, eine gegen alle anderen. Die proletarische Klasse muss dort selbst entscheiden. Durch ihre Macht, durch ihre Zahl. Ihre Macht aber ist, da der Feind so gewaltig und so unendlich besser als das Proletariat organisiert und bewaffnet ist, besonders In Ihrer Qualität begründet.

Sie standen den russischen besitzenden Klassen gegenüber wie David dem Goliath. David war klein, aber er hatte eine Waffe, die todsicher war. Das deutsche, das englische, das westeuropäische Proletariat steht dem Kapitalismus gegenüber als Riese gegen Riese. Bei ihnen kommt es nur auf die Kraft an. Die Kraft des Körpers und besonders die des Geistes.

Haben Sie nicht bemerkt, Genosse Lenin, dass es in Deutschland keine "grossen" Führer gibt? Es sind alles ganz gewöhnliche Männer. Das deutet schon darauf hin, dass diese Revolution an erster Stelle das Werk der Massen, nicht der Führer sein soll.

Nach meiner Auffassung etwas Grossartiges, Grösseres, als je da war. Und ein Hinweis auf das, was der Kommunismus sein wird.

Und so, wie es in Deutschland ist, so ist es in ganz Westeuropa. Denn überall steht das Proletariat allein.

Die Revolution der Massen, der Arbeiter - einzig der Massen der Arbeiter zum ersten Male in der Weit.

Und dies nicht, weil es so gut oder so schön ist oder von jemandem erdacht, sondern weil es durch die ökonomischen' und Klassenverhältnisse so bedingt ist. (7)

Aus dieser Differenz zwischen Russland und Westeuropa folgt nun weiter:

1. Dass wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die euch folgenden opportunistischen Kommunisten Westeuropas, des Spartakusbundes oder der englischen Kommunistischen Partei, sagen: Ein Kampf über die Frage Führer oder Masse ist Unsinn, dies nicht nur uns gegenüber deshalb falsch ist, weil wir noch die Führer suchen, sondern auch, weil diese Frage bei Ihnen eine ganz andere Bedeutung hat.

2. Dass, wenn Sie zu uns sagen: Führer und Masse sollen ein untrennbares Ganzes sein, dies nicht nur verkehrt ist, weil wir ja eine solche Einheit suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.

3. Dass, wenn Ihr sagt: Es soll eine eisenstarke Disziplin und absolute militärische Zentralisation in der Kommunistischen Partei sein, dies nicht bloss verkehrt ist, weil wir eine eiserne Disziplin und starke Zentralisation suchen, sondern auch, weil diese Frage bei uns eine andere Bedeutung hat als bei Ihnen.

Es folgt daraus 4., dass, wenn Ihr sagt: Wir handelten so und so in Russland (zum Beispiel nach der Korniloff-Offensive oder sonst einer Episode), oder wir gingen damals in dieser oder jener Periode ins Parlament, oder wir blieben in den Gewerkschaften und deshalb soll das deutsche Proletariat auch so handeln, dass dies dann noch absolut nichts besagt, darum noch nicht zutreffend sein kann oder zu sein braucht. Denn die westeuropäischen Klassenverhältnisse im Kampf, in der Revolution, sind ganz andere als in Russland.

Und schliesslich folgt 5., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Kommunisten in Westeuropa uns eine Taktik aufzwingen wollen, die in Russland ganz richtig war - z. B. die darauf, bewusst oder unbewusst, berechnet ist und darauf, bewusst oder unbewusst, sich stützt, dass die armen Bauern oder andere werktätige Schichten hier bald mittun werden -, mit anderen Worten, dass das Proletariat nicht allein steht -, dass dann Eure Taktik, die Ihr vorschreibt oder die hier befolgt wird, das westeuropäische Proletariat ins Verderben und zu fürchterlichen Niederlagen führen wird.

Und schliesslich folgt hieraus 6., dass, wenn Sie oder die Exekutive in Moskau oder die opportunistischen Elemente in Westeuropa, wie die Zentrale des Spartakusbundes in Deutschland und die BSP in England, uns hier in Westeuropa zwingen wollen zu einer opportunistischen Taktik (der Opportunismus stützt sich immer auf fremde Elemente, die das Proletariat im Stich lassen!), Sie Unrecht haben.

Dies: das Alleinstehen, das keine Hilfe zu erwarten haben, die grössere Bedeutung der Masse also und die relativ kleinere der Führer - dies sind die allgemeinen Gründe, auf denen die westeuropäische Taktik sich gründen muss.

Diese wurden von Radek, als er in Deutschland war, von der Exekutive der Internationale in Moskau und von Ihnen, wie aus Ihren Worten erhellt, nicht gesehen.

Und auf diesen Gründen - dem Alleinstehen des Proletariats und der grösseren Bedeutung der Massen und der Individuen - beruht die Taktik der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der Kommunistischen Partei Sylvia Pankhursts (8) und der Mehrheit der Amsterdamer Kommission, so wie sie von Moskau ernannt war.

Aus diesen Gründen versuchen sie vor allem die Massen, als Ganzes und als Individuen, auf eine viel höhere Stufe zu bringen, sie, Person pro Person, zu revolutionären Kämpfern zu erziehen dadurch, dass sie ihnen deutlich machen (nicht allein durch die Theorie, sondern besonders durch die Praxis), dass auf sie alles ankommt, dass sie von fremder Hilfe anderer Klassen nichts, von Führern wenig, von sich selbst aber alles erwarten sollen.

Theoretisch also ist, abgesehen von privaten Auslassungen, kleineren Fragen und Auswüchsen, die, wie diejenige von Wolffheim und Laufenberg, im Anfang einer Bewegung unvermeidlich sind, die Auffassung dieser Parteien und Genossen ganz richtig und Ihre Bekämpfung durchaus falsch. (9)

Wenn man vom Osten Europas her nach Westen wandert, überschreitet man an einer gewissen Stelle eine ökonomische Grenze. Sie läuft von der Ostsee nach dem Mittelmeer, ungefähr von Danzig nach Venedig. Diese Linie scheidet zwei Welten voneinander. Denn westlich dieser Linie herrscht das Industrie-, Handels- und Finanzkapital, vereinigt im höchst entwickelten Bankkapital, fast absolut. Das landwirtschaftliche Kapital sogar ist diesem Kapital untergeordnet oder hat sich mit ihm schon verbinden müssen. Dieses Kapital ist in höchstem Maasse organisiert und faßt sich in die festesten Staatsregierungen der Weit zusammen.

Östlich dieser Linie besteht weder diese riesige Entwicklung des konzentrierten Industrie-, Handels-, Transport-, Bankkapitals, noch seine fast absolute Vorherrschaft, noch infolgedessen der festgefügte moderne Staat.

Es wäre schon in sich selbst ein Wunder, wenn die Taktik des revolutionären Proletariats westlich dieser Grenze dieselbe sein würde als die im Osten.

2. Die Gewerkschaftsfrage

Nachdem ich die allgemeinen theoretischen Gründe angeführt habe, will ich jetzt auch praktisch zu beweisen suchen, dass die Linke in Deutschland und England im allgemeinen Recht hat. In den Fragen der Gewerkschaften und des Parlamentarismus.

Erst die Frage der Gewerkschaften.

"Sowie der Parlamentarismus die geistige, so verkörpert die Gewerkschaftsbewegung die materielle Macht der Führer über die Arbeitermassen. Die Gewerkschaften bilden unter dem Kapitalismus die natürlichen Organisationen für den Zusammenschluss des Proletariats, und als solche hat Marx schon in frühester Zeit ihre Bedeutung hervorgehoben. Im entwickelten Kapitalismus und noch mehr in dem imperialistischen Zeitalter sind die Gewerkschaften stets mehr zu riesigen Verbänden geworden, die die gleiche Tendenz der Entwicklung zeigen, wie in älterer Zeit die bürgerlichen Staatskörper selbst. In ihnen ist eine Klasse von Beamten, eine Bürokratie entstanden, die über alle Machtmittel der Organisation verfügt, die Geldmittel, die Presse, die Ernennung der Unterbeamten; oft hat sie noch weitergehende Machtbefugnisse, so dass sie aus Dienern der Gesamtheit zu ihren Herren geworden ist, und sich selbst mit der Organisation identifiziert. Und darin auch stimmen die Gewerkschaften mit dem Staat und seiner Bürokratie überein, dass trotz der Demokratie, die darin herrschen soll, die Mitglieder nicht imstande sind, ihren Willen gegen die Bürokratie durchzusetzen; an dem kunstvoll aufgebauten Apparat von Geschäftsordnungen und Statuten bricht sich jede Revolte, bevor sie die höchsten Regionen erschüttern kann.

Nur mit zäher Ausdauer gelingt es einer Organisation bisweilen, nach Jahren einen mässigen Erfolg zu erzielen, der meist auf einen Personenwechsel herauskommt. In den letzten Jahren, vor dem Krieg und nachher, kam es daher – in England, Deutschland, Amerika öfter zu Rebellionen der Mitglieder, die auf eigene Faust streikten gegen den Willen der Führer oder die Beschlüsse des Verbandes selbst. Dass dies als etwas natürliches vorkommt und als solches hingenommen wird, bringt schon zum Ausdruck, dass die Organisation nicht die Gesamtheit der Mitglieder ist, sondern gleichsam etwas ihnen fremdes; dass die Arbeiter nicht über ihren Verband gebieten, sondern dass er als eine äussere Macht, gegen die sie rebellieren können, über ihnen steht, obgleich doch diese Macht aus ihnen selbst entspriesst – also wieder ähnlich wie der Staat. Legt sich dann die Revolte, so stellt sich die alte Herrschaft wieder ein, trotz des Hasses und der machtlosen Erbitterung in den Massen weiss sie sich zu behaupten, weil sie sich stützt auf die Gleichgültigkeit und den Mangel an klarer Einsicht und einheitlichem, ausdauerndem Willen dieser Massen und von der inneren Notwendigkeit der Gewerkschaft als einzigem Mittel der Arbeiter, in dem Zusammenschluss Kraft gegen das Kapital zu finden, getragen wird.

Kämpfend gegen das Kapital, gegen die verelendenden, absolutistischen Tendenzen des Kapitals, sie beschränkend und dadurch der Arbeiterklasse die Existenz ermöglichend, erfüllte die Gewerkschaftsbewegung ihre Rolle im Kapitalismus und war dadurch selbst ein Glied der kapitalistischen Gesellschaft. Aber erst mit dem Eintritt der Revolution, als das Proletariat aus einem Glied der kapitalistischen Gesellschaft zum Vernichter dieser Gesellschaft wird, tritt die Gewerkschaft in Gegensatz zum Proletariat. [...]

Was Marx und Lenin für den Staat hervorgehoben: dass es seine Organisation, trotz der formellen Demokratie unmöglich macht, ihn zu einem Instrument der proletarischen Revolution zu machen, muss daher auch für die Gewerkschaftsorganisation gelten. Ihre konterrevolutionäre Macht kann nicht durch einen Personenwechsel, durch die Ersetzung reaktionärer durch radikale oder revolutionäre Führer vernichtet oder geschwächt werden.

Die Organisationsform ist es, die die Massen so gut wie machtlos macht und sie darin hindert, die Gewerkschaft zum Organ ihres Willens zu machen. Die Revolution kann nur siegen, indem sie diese Organisation vernichtet, d. h. die Organisationsform so völlig umwälzt, dass sie zu etwas ganz anderem wird. Das Sowjetsystem, der Aufbau von innen, ist nicht nur imstande, die staatliche, sondern auch die gewerkschaftliche Bürokratie zu entwurzeln und zu beseitigen; es wird nicht bloss die neuen politischen Organe des Proletariats gegenüber dem Kapitalismus bilden, sondern auch die Grundlage der neuen Gewerkschaften. In den Parteistreitigkeiten in Deutschland ist darüber gespöttelt worden, als könne eine Organisationsform revolutionär sein, da es doch nur auf die revolutionäre Gesinnung der Mitglieder ankomme. Wenn aber der wichtigste Inhalt der Revolution darin besteht, dass die Massen selbst ihre Angelegenheiten – die Leitung der Gesellschaft und der Produktion – in die Hand nehmen, dann ist jede Organisationsform konterrevolutionär und schädlich, die den Massen nicht gestattet, selbst zu herrschen und zu leiten; daher soll sie ersetzt werden durch eine andere Form, die deshalb revolutionär ist, weil sie die Arbeiter selbst aktiv über alles bestimmen lässt." (Pannekoek.) (10).

Die Gewerkschaften sind durch ihr Wesen keine guten Waffen für die westeuropäische Revolution! Abgesehen davon, dass sie Werkzeuge des Kapitalismus geworden und in den Händen von Verrätern sind, abgesehen davon, dass diese Organisationen durch ihr Wesen, in den Händen weicher Führer immer auch, die Mitglieder zu Sklaven, zu Instrumenten machen müssen, sind sie auch sonst unbrauchbar. Die Gewerkschaften sind zu schwach im Kampfe, in der Revolution gegen das höchst organisierte westeuropäische Kapital und seinen Staat. Diese sind viel zu mächtig ihnen gegenüber. Denn es sind zum Teil noch Berufsvereine, die dadurch allein schon keine Revolution machen können. Und soweit sie Industrieverbände sind, stützen sie sich nicht auf die Betriebe, die Werkstätten selbst und sind auch dadurch schwach. Sie sind auch mehr Hilfsvereine als Kampfvereine, entstanden in der Zeit des Kleinbürgertums. Ihre Organisation war zum Kampfe ungenügend schon vor der Revolution, für die Revolution selbst ist sie – in Westeuropa – ganz untauglich. Denn die Betriebe, die Arbeiter in den Betrieben machen die Revolution nicht in den Berufen und Industrien, sondern in den Werkstätten. Diese Vereine sind ausserdem langsam arbeitende, viel zu komplizierte Instrumente, gut nur für die Zeit der Evolution. Wenn die Revolution noch nicht sofort gelänge, und wir hätten während einiger Zeit wieder zum friedlichen Kampf überzugehen, auch dann müssten die Gewerkschaften vernichtet und ersetzt werden von industriellen Verbänden, auf die Betriebs-, die Werkstattorganisation gestützt. Und mit diesen elenden Gewerkschaften, die also jedenfalls vernichtet werden müssen, will man Revolution machen!!! Die Arbeiter brauchen Waffen für die Revolution in Westeuropa. Die einzigen Waffen für die Revolution in Westeuropa sind die Betriebsorganisationen. Und diese zu einem grossen Ganzen verbunden!

Die westeuropäischen Arbeiter brauchen die allerbesten Waffen. Weil sie allein stehen, weil sie keine Hilfe haben. Und darum müssen sie diese Betriebsorganisationen haben. In Deutschland und England sofort, weil dort die Revolution am nächsten ist. Sobald wie möglich, so bald wie wir sie errichten können, auch in den anderen Ländern. Es hilft Ihnen nichts, Genosse Lenin, wenn Sie sagen: Wir machten es in Russland so und so. Denn erstens hatten Sie in Russland nicht so schlechte Kampforganisationen, wie viele Gewerkschaften hier sind. Sie hatten industrielle Verbände. Zweitens war der Geist der Arbeiter revolutionärer. Drittens war die Organisation der Kapitalisten schwach. Und auch der Staat. Aber viertens, und darauf kommt es eigentlich allein an: Ihr hattet Hilfe. Ihr brauchtet also nicht die allerbesten Waffen zu haben. Wir stehen allein, wir müssen also die allerbesten Waffen haben. Sonst gewinnen wir nicht. Sonst folgt eine Niederlage der anderen.

Aber auch andere, psychische und materielle, Gründe beweisen dies. Stellen Sie sich vor, Genosse, wie die Sache in Deutschland war, vor dem Kriege und während des Krieges. Die Gewerkschaften, die viel zu schwachen aber einzigen Mittel, ganz in den Händen der Führer, wie tote Maschinen, die sie ausnützten als Mittel für den Kapitalismus. Dann kam die Revolution. Die Gewerkschaften wurden von den Führern und von der Masse der Mitglieder als Waffe gegen die Revolution gebraucht. Durch ihre Hilfe, durch ihre Unterstützung, durch ihre Führer, ja teilweise auch durch ihre Mitglieder wurde die Revolution gemordet. Die Kommunisten sahen, dass ihre eigenen Brüder unter Mithilfe der Gewerkschaften erschossen wurden. Streiks für die Revolution wurden verhindert. Glauben Sie, Genosse, dass es möglich ist, dass revolutionäre Arbeiter dann in solchen Vereinen bleiben? Wenn diese ausserdem noch viel zu schwache Werkzeuge für die Revolution sind! Ich halte es für psychisch unmöglich. Was würden Sie selbst als Mitglied einer politischen Partei getan haben, z. B. der Partei der Menschewiki, wenn diese so gehandelt hätten in der Revolution? Sie würden sie gespalten haben (wenn Sie es nicht schon vorher getan hätten!). – Aber Sie werden sagen: dies war eine politische Partei, mit einer Gewerkschaft ist das was anderes. Ich glaube, Sie irren. In der Revolution, während der Revolution, ist jede Gewerkschaft, ja jeder Arbeiterverein politische Partei. Entweder pro- oder kontrarevolutionär.

Aber Sie werden sagen und sagen in Ihrem Artikel: Diese Gefühlsregungen müssen überwunden werden, der Einheit und der kommunistischen Propaganda wegen. Ich werde Ihnen zeigen, dass dies in Deutschland während der Revolution unmöglich war. Mit Beispielen, mit konkreten Beispielen. Denn auch diese Fragen müssen wir ganz konkret und eindeutig betrachten … Setzen wir, es gab in Deutschland 100.000 wirklich revolutionäre Werft-, 100.000 revolutionäre Metall- und 100.000 solche Grubenarbeiter. Diese wollten für die Revolution streiken, kämpfen, sterben. Die anderen Millionen nicht. Was sollen diese 300.000 nun tun? Erstens sich untereinander einigen, einen Bund bilden zum Kampf. Das geben Sie zu. Ohne Organisation können Arbeiter nichts. Nun ist ein neuer Bund gegen alte Vereine, auch wenn die Mitglieder in den alten bleiben, wenn auch nicht formell, doch reell schon eine Spaltung. Aber die Mitglieder des neuen Bundes brauchen jetzt eine Presse, Versammlungen, Lokale, bezahlte Personen. Das kostet sehr viel Geld. Und die deutschen Arbeiter haben so gut wie nichts. Um den neuen Bund am Leben zu erhalten, müssen sie schon, auch wenn sie nicht wollten, den alten verlassen. So ist konkret betrachtet, lieber Genosse, das, was Sie sich vorstellen, unmöglich.

Aber es gibt noch bessere materielle Gründe. Die deutschen Arbeiter, die die Gewerkschaften verliesen, die die Gewerkschaften vernichten wollen, die Betriebsorganisationen und die Arbeiter-Union schufen, standen in der Revolution. Es mußte sofort gekämpft werden. Die Revolution war da. Die Gewerkschaften wollten nicht kämpfen. Was hilft es da zu sagen: Bleibt in den Gewerkschaften, propagiert eure Ideen, ihr werdet schon stärker und zur Mehrheit werden. Dies wäre, abgesehen von der Erdrosselung der Minderheit, wie sie dort üblich ist, ganz schön, und auch die Linke würde es versuchen, wenn man nur Zeit hätte. Aber man konnte nicht warten. Die Revolution war da. Und sie ist noch da!

In der Revolution (geben Sie hierauf acht, Genosse, es war In der Revolution, dass die deutschen Arbeiter sich spalteten und ihre Arbeiterunion schufen) werden immer die revolutionären Arbeiter sich von den Sozialpatrioten scheiden. Um zu kämpfen, ist dann nichts anderes möglich. Was Sie und die Exekutive von Moskau und der Internationale Kongress auch sagen, und wie ungern Sie eine Spaltung sehen, aus psychischen und materiellen Gründen wird sie immer stattfinden. Weil die Arbeiter eben auf die Dauer nicht vertragen können, durch die Gewerkschaften erschossen zu werden und weil gekämpft werden soll.

Darum haben die Linken die Allgemeine Arbeiterunion geschaffen. Und weil sie glauben, dass die Revolution in Deutschland noch nicht zu Ende ist, sondern noch weiter gehen wird bis zum Siege, darum halten sie sie in Stand.

Genosse Lenin! Gibt es in der Arbeiterbewegung wohl ein anderes Mittel, wenn zwei Richtungen entstehen, als Kampf? Und wenn diese Richtungen sehr verschieden sind, einander entgegengesetzt, als Spaltung? Haben Sie je von einem anderen Mittel gehört? Und gibt es etwas Entgegengesetzteres als Revolution und Kontra-Revolution? Auch darum haben die KAPD und die Allgemeine Arbeiterunion völlig Recht.

Und, Genosse, sind diese Spaltungen, diese Klärungen dann nicht immer ein Segen für das Proletariat? Stellt sich das später nicht immer heraus? Auf diesem Gebiet habe ich einige Erfahrung. Als wir noch in der sozialpatriotischen Partei waren, hatten wir keinen – als wir hinausgeworfen waren, anfänglich, wenig – Einfluss, bald aber grossen und dann schnell einen sehr grossen. Und wie ging es Ihnen, Genosse, den Bolschewiki, nach der Spaltung? Ich glaube ganz gut. Im Anfang klein, später gross. Jetzt alles. Es hängt ganz und gar von der ökonomischen und politischen Entwicklung ab, ob eine Gruppe, sei sie auch noch so klein, die mächtigere wird. Wenn die Revolution in Deutschland bleibt, dann besteht gute Hoffnung, dass diese Bedeutung und der Einfluss der Arbeiterunion die stärkere werden wird. Durch Ihre Zahlen, 70.000 gegen 7 Millionen, sollen sie sich nicht einschüchtern lassen. Kleinere Gruppen als diese sind doch die stärksten geworden. U. a. die Bolschewiki!

Warum sind die Betriebs-, die Werkstattorganisationen und die auf sie gestützte und aus ihnen bestehende Arbeiter-Union solche ausgezeichneten, ja, mit den kommunistischen Parteien die besten, die einzig guten Waffen für die Revolution in Westeuropa?

Weil die Arbeiter selbst handelnd auftreten, unendlich mehr als in den alten Gewerkschaften, weil sie die Führer und dadurch die Führung in ihrer Hand haben, und weil sie die Betriebsorganisation und dadurch die ganze Union kontrollieren.

Jeder Betrieb, jede Werkstatt ist ein Ganzes. In ihm wählen die Arbeiter ihre Vertrauensleute. Die Betriebsorganisationen sind nach Wirtschaftsdistrikten verteilt. Für die Distrikte werden wieder Vertrauensleute gewählt. Und die Distrikte wählen wieder den allgemeinen Vorstand für das ganze Reich.

Alle Betriebsorganisationen, unbeachtet zu welcher Industrie sie gehören, machen zusammen die eine Arbeiter-Union.

Man sieht: eine Organisation ganz auf die Revolution gerichtet.

Wenn eine Zwischenperiode von relativ friedlichen Kämpfen käme, wäre diese Organisation ausserdem hierzu leicht einzurichten. Man hätte nur, innerhalb der Arbeiter-Union, die Betriebsorganisation nach Industrien zu verbinden.

Man sieht auch: Hier bekommt der Arbeiter, jeder Arbeiter, Macht. Denn er wählt in seiner Werkstatt seine eigenen Obmänner und hat durch sie direkten Einfluss auf Distrikt und Reich. Es ist starker Zentralismus da, aber nicht zu stark. Das Individuum und seine direkte, die Betriebs-Organisation, hat grosse Macht. Er kann seine Obmänner sofort absetzen und ersetzen und sie zwingen, die höheren Instanzen sofort zu ersetzen. Es ist Individualismus da, aber nicht zu grosser. Denn die zentralen Körperschaften, die Distrikts- und Reichsräte haben grosse Macht. Individuum und Zentralleitung haben genau so viel Macht wie in dieser Periode, worin wir jetzt leben und worin die Revolution ausbricht, in Westeuropa notwendig und möglich ist.

Marx schreibt, dass unter dem Kapitalismus der Bürger dem Staat gegenüber eine Abstraktion, eine Ziffer ist. So ist es auch in den alten Gewerkschaften. Die Bürokratie, das ganze Wesen der Organisation schweben hoch über, sind himmelweit entfernt von dem Arbeiter. Er kann sie nicht erreichen. Ihnen gegenüber ist er eine Ziffer, eine Abstraktion. Er ist für sie nicht einmal der Mann in der Werkstatt. Er ist kein lebendes, wollendes, kämpfendes Wesen. Ersetzen Sie in den alten Gewerkschaften die Bürokratie durch andere Personen, und in kurzer Zeit werden Sie sehen, dass auch diese denselben Charakter haben, hoch, unerreichbar über den Massen, nicht mehr in Fühlung mit ihnen. 99 pro Hundert werden Tyrannen sein, an der Seite der Bourgeoisie stehend. Denn das Wesen der Organisation macht sie so.

Wie anders in der Betriebsorganisation! Hier ist der Arbeiter es selbst, der über Taktik, Richtung, Kampf entscheidet und sofort, wenn die "Führer" nicht tun, was er will, eingreift. Er ist fortwährend, da der Betrieb, die Werkstatt zu gleicher Zeit Organisation ist, selbst im Kampf.

Er ist, soweit dies unter dem Kapitalismus möglich ist, der Macher und der Führer seines eigenen Geschicks, und weil dies mit jedem der Fall, ist die Masse die Macherin und die Führerin ihres eigenen Kampfes.

Viel mehr, unendlich mehr, als in den alten Gewerkschaften, den reformistischen so gut wie den syndikalistischen, möglich war. (11)

Hierdurch, weil sie die Individuen selbst und also die Massen selbst zu den direkten Trägern des Kampfes machen, zu denen, die ihn wirklich führen, und sie also erhalten, dadurch sind die Betriebsorganisationen und die Arbeiter-Union die besten Waffen für die Revolution, die Waffen, die wir in Westeuropa brauchen, um ohne Hilfe den mächtigsten Kapitalismus der Welt umzuwerfen.

Aber Genosse, das sind alles noch eigentlich nur schwächere Gründe dem letzten, eigentlichen Hauptgrund gegenüber, der im engsten Zusammenhang mit den Prinzipien steht, die ich am Anfang angedeutet habe. Und dieser letzte ist es, der für die KAPD und die oppositionelle Partei in England ausschlaggebend ist: Diese Parteien wollen das Geistesniveau der Massen und Individuen in Deutschland und England in grossem Maasse erhöhen.

Dafür gibt es nach ihrer Meinung nur ein Mittel. Und ich möchte wieder von Ihnen hören, ob Sie ein anderes Mittel in der Arbeiterbewegung kennen! Es ist die Bildung einer Gruppe, die kämpfend zeigt, was die Masse sein soll. Zeigen Sie mir, Genosse, ein anderes Mittel, wenn Sie es wissen. Ich kenne kein anderes.

In der Arbeiterbewegung und besonders, wie ich glaube, in der Revolution, gibt es nur eine Probe aufs Exempel – das Beispiel selbst, die Tat.

Die Genossen der "Linken" glauben, dass diese kleine Gruppe, kämpfend gegen den Kapitalismus und gegen die Gewerkschaften, die Gewerkschaften zu sich hinüber ziehen, oder, denn auch das ist möglich, sie allmählich auf bessere Wege drängen wird.

Das kann nur durch das Beispiel erreicht werden. Um das Niveau der deutschen Arbeiter zu heben, sind diese neuen Formationen, die Betriebsorganisationen, also absolut unentbehrlich.

Gleichwie gegenüber den sozialpatriotischen Parteien die kommunistischen Parteien auftreten, so muss die neue Formation, die Arbeiter-Union, den Gewerkschaften gegenüberstehen. (12)

Um die sklavischen, reformistischen, sozialpatriotischen Massen zu ändern, dazu kann nur das Beispiel dienen.

Ich komme jetzt zu England, zu der englischen Linken.

England steht, nach Deutschland, einer Revolution am nächsten. Nicht, weil die Situation dort schon revolutionär, sondern weil das Proletariat dort so zahlreich ist und die kapitalistischen, ökonomischen Verhältnisse die günstigsten. Dort braucht es nur einen starken Stoss, und der Kampf beginnt, der dort nur mit einem Siege enden kann. Und der Stoss wird kommen. Das fühlen, das wissen fast instinktiv die am meisten vorgeschrittenen Arbeiter Englands (wie wir alle es fühlen), und weil sie dies fühlen, haben sie dort, wie in Deutschland, eine neue Bewegung gegründet, die – in verschiedenen Richtungen sich offenbarend, und noch suchend, gerade wie in Deutschland – im allgemeinen die "Rank- and File-Movement", die Bewegung der Massen selbst ist, ohne, oder so gut wie ohne Führer. (13)

Diese Bewegung ist der Deutschen Arbeiterunion mit ihrer Betriebsorganisation sehr ähnlich.

Haben Sie bemerkt, Genosse, dass diese Bewegung nur in den zwei am weitesten vorgeschrittenen Ländern entstanden ist? Und aus den Arbeitern selbst? Und an vielen Orten? (14) Das ist an sich schon ein Beweis dafür, dass sie naturwüchsig und nicht aufzuhalten ist!

Und in England ist diese Bewegung, dieser Kampf gegen die Gewerkschaften fast noch notwendiger als in Deutschland. Denn die englischen Trade Unions sind nicht nur Mittel in den Händen der Führer, den Kapitalismus in Stand zu halten, sondern sie sind noch viel untauglichere Mittel für die Revolution als die deutschen. Ihre Einrichtung stammt ganz aus der Zeit des Kleinkriegs, oft noch aus dem Anfang des 19., ja aus dem 18. Jahrhundert. In England gibt es nicht nur Industrien, in denen 25 Trade Unions bestehen, sondern die meisten Unions bekämpfen einander auf Leben und Tod, um die Mitglieder!! Und die Mitglieder haben überhaupt keine Macht. Wollen Sie, Genosse Lenin, auch diese Gewerkschaften beibehalten?

Sollen auch diese nicht bekämpft, gespalten und vernichtet werden? Wenn man gegen die Arbeiterunionen ist, muss man auch gegen die Shop- Committees, die Shop-Stewards und die Industrial Unions sein. Wenn man für die letzteren ist, auch für die ersten. Denn die Kommunisten in beiden bezwecken dasselbe.

Diese neue Richtung in der Trade Unions-Movement will die englische kommunistische Linke benutzen, um die englischen Gewerkschaften, wie sie jetzt sind, zu vernichten, zu ändern, zu ersetzen durch neue Instrumente im Klassenkampf, die brauchbar sind für die Revolution. Dieselben Gründe, die wir für die deutsche, Bewegung angeführt haben, gelten auch hier.

Ich habe in der Zuschrift des Exekutivkomitees der 3. Internationale an die KAPD gelesen, dass das EK für die IWW in Amerika ist, wenn diese nur politische Aktion und Anschluss an die kommunistischen Parteien will. Und diese IWW brauchen nicht in die amerikanischen Gewerkschaften zu gehen ! Aber das Exekutivkomitee ist gegen die Arbeiter-Union in Deutschland, diese soll in die Gewerkschaften gehen, obwohl sie kommunistisch ist und mit der politischen Partei zusammenarbeitet.

Und Sie, Genosse Lenin, sind für die Rank- and File-Movement in England (trotzdem diese oft schon eine Spaltung macht und viele Kommunisten in ihr die Vernichtung der Gewerkschaften wollen!) und gegen die Arbeiter-Union in Deutschland.

Ich kann in Ihrer Haltung und der des Exekutiv-Komitees nur Opportunismus sehen. Und noch dazu einen falschen.

Natürlich kann die kommunistische Linke Englands, da die Revolution in England noch nicht ausgebrochen ist, nicht so weit gehen wie in Deutschland. Sie kann noch nicht die Rank- and File-Movement über das ganze Land zu einem grossen Ganzen und zur Revolution organisieren. Aber die englische Linke bereitet das vor. Und sobald die Revolution da ist, werden die Arbeiter in Massen die alten, für die Revolution untauglichen Trade Unions verlassen und zu den Betriebs- und industriellen Organisationen übergehen.

Und dadurch, dass die kommunistische Linke überall in diese Bewegung eindringt, überall versucht, die kommunistischen Ideen dort zu verbreiten, hebt sie, durch ihr Beispiel, die Arbeiter auch dort und schon jetzt auf eine höhere Stufe empor. (15) Und das ist, wie in Deutschland, ihr eigentliches Ziel.

Die allgemeine Arbeiterunion und die Rank- and File-Movement, die sich beide auf die Betriebe, die Werkstätten und auf diese allein stützen, sind die Vorläufer der Arbeiterräte, der Sowjets. Da die Revolution in Westeuropa eine sehr schwierige sein wird und dadurch wahrscheinlich nur langsam gehen wird, wird es eine längere Übergangszeit geben, in weicher die Gewerkschaften nichts mehr taugen und die Sowjets noch nicht da sind. Diese Übergangszeit wird durch den Kampf gegen die Gewerkschaften, durch ihre Änderung, mit ihrer Ersetzung durch bessere Organisationen ausgefüllt werden. Sie brauchen nicht ängstlich zu sein, wir werden die Zeit dazu schon haben!

Noch einmal, dies wird geschehen, nicht, weil wir Linken das wollen, sondern weil die Revolution diese neue Organisation fordert. Ohne sie kann die Revolution nicht siegen.

Darum Glückauf, Rank- and File-Movement in England und ArbeiterUnion in Deutschland. Erste Vorläufer der Sowjets in Westeuropa. Glückauf, erste Organisationen, die mit den kommunistischen Parteien die Revolution gegen den Kapitalismus in Westeuropa bringen. Sie, Genosse Lenin, wollen uns in Westeuropa, die wir ohne Bundesgenossen einem auch jetzt noch überaus mächtigen, ausserordentlich organisierten (in allen Verzweigungen und Richtungen organisierten) und bewaffneten Kapitalismus gegenüberstehen, und die wir dazu die allerbesten, die allerstärksten Waffen brauchen, zwingen, schlechte zu gebrauchen. Uns, die wir die Revolution in und nach Betrieben organisieren wollen, wollen Sie die elenden Gewerkschaften aufzwingen. Die Revolution in Westeuropa kann nur, und soll darum, nach Betrieben und in den Betrieben organisiert sein, weil hier der Kapitalismus (nach allen Richtungen) ökonomisch und politisch so hoch organisiert ist, und weil die Arbeiter (ausser der kommunistischen Partei) keine anderen starken Waffen haben. Die Russen waren bewaffnet und hatten die armen Bauern. Was die Waffen und die Bauern für die Russen waren, müssen, vorläufig, für uns die Taktik und die Organisation sein. Und da empfehlen Sie die Gewerkschaften. Uns, die wir aus psychischen und materiellen Gründen, mitten in der Revolution, gegen die Gewerkschaften kämpfen müssen, wollen Sie an diesem Kampf hindern. Uns, die wir nur durch Spaltung kämpfen können, hindern Sie an dieser Spaltung. Uns, die wir Gruppen formieren wollen, die das Beispiel geben, das einzige Mittel dem Proletariat zu zeigen, was wir wollen, verbieten Sie dieses Beispiel. Uns, die wir das Niveau des Proletariats in Westeuropa erhöhen wollen, werfen Sie Steine in den Weg.

Sie wollen die Spaltung, die neuen Formationen und also die höhere Stufe nicht!

Und warum? Weil Sie die grossen Parteien und die grossen Gewerkschaften in die 3. Internationale haben wollen. Uns scheint dies Opportunismus, Opportunismus der schlechtesten Art. (16)

Sie handeln, Genosse Lenin, jetzt in der Internationale ganz anders als damals in der Partei der Maximalisten. Diese wurde (und wird vielleicht noch immer) sehr "rein" gehalten. In die Internationale sollen jetzt sofort Halb-, Viertel- und Achtel-Kommunisten aufgenommen werden.

Es ist der Fluch der Arbeiterbewegung, dass sie, sobald sie eine gewisse "Macht" bekommen hat, diese Macht mit prinzipienlosen Mitteln zu vergrössern sucht. Auch die Sozialdemokratie war, fast in allen Ländern, im Anfang "rein". Die meisten jetzigen Sozialpatrioten waren wirklich Marxisten. Mit marxistischer Propaganda gewann man die Massen. Sobald man eine "Macht" hatte, liess man sie im Stich. So wie die Sozialdemokraten damals, so handeln Sie, so handelt die dritte Internationale jetzt. Natürlich jetzt nicht nach nationalem Maassstabe, sondern nach internationalem. Die russische Revolution hat durch "Reinheit", durch Prinzipienfestigkeit gewonnen. Jetzt hat sie, jetzt hat das internationale Proletariat durch sie Macht. Diese Macht soll jetzt ausgebreitet werden über Europa. Und sofort lässt man die alte Taktik fahren!!

Statt jetzt auch in allen anderen Ländern dieselbe bewährte Taktik anzuwenden und so die dritte Internationale innerlich sehr stark zu machen, geht man auch jetzt wieder, ganz wie damals die Sozialdemokratie, zum Opportunismus über. Alles soll jetzt hinein: die Gewerkschaften, die Unabhängigen, das französische Zentrum, Teile der Labour-Party. Um den marxistischen Schein zu wahren, werden Bedingungen aufgestellt, die man unterzeichnen (!!) muss, und werden Kautsky, Hilferding, Thomas usw. ausgestossen. Die grosse Masse, der Mittelstoff, kommt aber hinein, wird mit allen Mitteln hineingetrieben. Und damit das Zentrum nur recht mächtig werde, werden die "Linken" nicht zugelassen, wenn sie nicht zum Zentrum übergehen! Die allerbesten Revolutionäre, wie die KAPD, werden also ausgestossen!

Und wenn man dann die grosse Masse so auf eine mittlere Linie vereinigt hat, dann geht man mit eiserner Disziplin und unter Führern, die auf so ausserordentliche Weise erprobt sind, auf einmal zusammen vorwärts. Und Wohin? In den Abgrund.

Was helfen uns die prächtigsten Prinzipien, was helfen uns die glänzenden Thesen der dritten Internationale, wenn wir in der Praxis diesen Opportunismus ausüben? Auch die zweite Internationale hatte die schönsten Prinzipien, doch sie ging unter durch diese Praxis.

Wir aber, die Linke, wollen das nicht. Wir wollen in Westeuropa, gerade wie damals die Bolschewiki in Russland, erst sehr feste, sehr klare und sehr starke (wenn vielleicht auch im Anfang kleine) Parteien, Kerne, bilden. Und wenn wir die erst haben, dann wollen wir sie grösser machen. Aber immer nur sehr fest, sehr stark, sehr" rein". Nur so können wir siegen in Westeuropa. Darum verwerfen wir gänzlich Ihre Taktik, Genosse.

Sie sagen, Genosse, dass wir, die Mitglieder der Amsterdamer Kommission, die Lehren der früheren Revolutionen vergessen haben oder nicht kannten. Nun, Genosse, an ein Ding erinnere ich mich sehr wohl von den vergangenen Revolutionen. Und dies eine ist: dass die extremen "linken" Parteien darin immer eine hervorragende, erhabene Rolle gespielt haben. Das war der Fall in der holländischen Revolution gegen Spanien, in der englischen Revolution, in der französischen Revolution, in der Kommune und in den beiden russischen Revolutionen.

Nun gibt es, der Entwicklung der Arbeiterbewegung hier entsprechend, zwei Richtungen in der westeuropäischen Revolution: die radikale und die opportunistische. Diese können nur zu einer guten Taktik, zur Einheit kommen durch Kampf gegen einander. Aber die radikale ist, trotzdem sie vielleicht in einigen Einzelheiten zu weit geht, bei weitem die beste. Und da unterstützen Sie, Genosse Lenin, die opportunistische!

Und nicht nur das Die Exekutive in Moskau, die russischen Führer einer Revolution, die nur siegte durch die Hilfe eines Millionenheeres von armen Bauern, will dem Proletariat Westeuropas, das ganz und gar auf sich selbst steht und stehen muss, die Taktik aufdrängen ! Und zerschmettert dazu gleich wie Sie die beste Richtung in Westeuropa!

Welch eine unglaubliche Dummheit, und besonders weich eine Dialektik!

Wenn die Revolution in Westeuropa ausbricht, werden Sie mit dieser Taktik Ihr blaues Wunder erleben! Aber das Proletariat wird das Opfer sein.

Sie, Genosse, und die Exekutive in Moskau wissen, dass die Gewerkschaften in Westeuropa konterrevolutionäre Mächte sind. Dies wird klar aus Ihren Thesen. Trotzdem wollt Ihr sie erhalten. Sie wissen auch, dass die Arbeiter-Union, d. h. die Betriebsorganisationen, die Rank and File Movement, revolutionäre Organisationen sind. Ihr sagt selbst in Euren Thesen, dass die Betriebsorganisation unser Ziel sein muss und ist. Trotzdem wollt Ihr sie ersticken. Ihr wollt die Organisationen, in welchen die Arbeiter, jeder Arbeiter, und also die Masse zur Kraft und Macht kommen kann, ersticken, und diejenigen, in welchen die Másse ein totes Werkzeug der Führer ist, erhalten. Auf diese Weise wollt Ihr die Gewerkschaften in eure Macht, in die Macht der dritten Internationale bringen.

Warum wollt Ihr das? Warum befolgt Ihr diese schlechte Taktik? Weil Ihr die Massen um Euch haben wollt, wie sie auch sind, wenn es nur Massen sind. Weil Ihr glaubt, dass wenn Ihr nur Massen habt, die Euch durch straffe Disziplin und Zentralisation gehorchen (kommunistisch, halb kommunistisch oder gar nicht kommunistisch), dass Ihr, die Führer, dann schon siegen werdet.

Mit einem Wort: Weil Ihr Führerpolitik treibt.

Führerpolitik ist nicht diejenige Politik, die Führer will und Zentralisation, denn ohne diese erreicht man nichts (ebensowenig wie ohne Partei), sondern sie ist diejenige Politik, die Massen versammelt, ohne zu fragen, welche ihre Überzeugung, welches ihr Herz ist, und die meint, dass die Führer, wenn sie nur grosse Massen um sich haben, siegen können.

Aber diese Politik, wie Sie und die Exekutive diese in der Gewerkschaftsfrage jetzt zeigen, wird in Westeuropa keinen Erfolg haben. Dazu ist der Kapitalismus hier, auch jetzt noch, viel zu mächtig und steht das Proletariat hier zu sehr auf sich selbst. Sie wird, gleich wie diejenige der Zweiten Internationale, scheitern.

Hier müssen die Arbeiter selbst mächtig werden, und dann, durch sie, ihre Führer. Hier muss das Übel, die Führerpolltik, an der Wurzel gefasst werden.

Mit dieser Ihrer Taktik in der Gewerkschaftsfrage haben Sie und die Exekutive in Moskau m. E. bewiesen, dass Sie, wenn Sie wenigstens diese Taktik nicht ändern, die westeuropäische Revolution nicht führen können.

Sie sagen, dass die "Linke", wenn sie ihrer Taktik folgt, nur schwätzen kann. Nun, Genosse, die "Linke" hat in den anderen Ländern noch keine oder wenig Gelegenheit zu Taten gehabt. Aber sehen Sie nur nach Deutschland und nach der Taktik und den Taten der KAPD beim Kapp-Putsch und der russischen Revolution gegenüber, und Sie werden diese Worte zurückziehen müssen.

3. Der Parlamentarismus

Es bleibt jetzt noch übrig, die Linke gegen Sie zu verteidigen in der Frage des Parlamentarismus. (17) Dieselben allgemein-theoretischen Gründe bestimmen auch hier das Verhalten der Linken, wie in der Gewerkschaftsfrage. Das Alleinstehen des Proletariats, die Riesenmacht der Feinde, die Notwendigkeit, dass die Masse sich darum viel höher erhebt, dass sie sich dabei hauptsächlich auf sich selbst stützt usw. Ich brauche diese Gründe hier nicht zu wiederholen.

Aber es kommen hier noch einige andere als bei der Gewerkschaftsfrage hinzu.

Erstens: Die Arbeiter Westeuropas und im allgemeinen die arbeitenden Massen sind ideell ganz der bürgerlichen Kultur, den bürgerlichen Ideen und daher auch dem bürgerlichen Vertretungssystem, dem Parlamentarismus, der bürgerlichen Demokratie unterworfen. Viel mehr als die osteuropäischen. Hier hat sich die bürgerliche Ideologie des ganzen sozialen und daher auch politischen Lebens bemächtigt, sie ist viel tiefer in die Köpfe und Herzen der Arbeiter eingedrungen. Sie sind hier seit Jahrhunderten darin aufgewachsen und erzogen. Diese Ideen haben die Arbeiter ganz durchtränkt.

Sehr schön schildert Genosse Pannekoek diese Verhältnisse in der Wiener Zeitschrift Kommunismus:

"Die deutsche Erfahrung stellt uns gerade vor das grosse Problem der Revolution in Westeuropa. In diesen Ländern hat die alte bürgerliche Produktionsweise und die damit zusammenhängende hochentwickelte Kultur vieler Jahrhunderte dem Denken und Fühlen der Volksmassen völlig ihren Stempel aufgeprägt. Dadurch ist der geistige und innere Charakter der Volksmassen hier ganz anders als in den östlichen Ländern, die diese Herrschaft bürgerlicher Kultur nicht kannten. Und darin liegt vor allem der Unterschied im Verlauf der Revolution im Osten und im Westen. In England, Frankreich, Holland, Skandinavien, Italien, Deutschland lebte vom Mittelalter her ein kräftiges Bürgertum mit kleinbürgerlicher und primitiv kapitalistischer Produktion; indem der Feudalismus zerschlagen wurde, wuchs auf dem Lande ein ebenso kräftiges, unabhängiges Bauerntum empor, das auch Meister in der eigenen kleinen Wirtschaft war. Auf diesem Boden entfaltete sich das bürgerliche Geistesleben zu einer festen nationalen Kultur, vor allem in den Küstenstaaten England und Frankreich, die voran in der kapitalistischen Entwicklung schritten. Der Kapitalismus im 19. Jahrhundert hat mit der Unterwerfung der ganzen Wirtschaft diese nationale Kultur gesteigert, verfeinert und mit seinen geistigen Propagandamitteln, Presse, Schule und Kirche, fest in die Köpfe der Massen eingehämmert, sowohl jener Massen, die er proletarisierte und in die Städte zog, als auch jener, die er auf dem Lande liess. Das gilt nicht nur für die Stammländer des Kapitalismus, sondern ähnlich, sei es auch in etwas verschiedenen Formen für Amerika und Australien, wo die Europäer neue Staaten gründeten, und für die bis dahin stagnierenden Länder Zentraleuropas: Deutschland, Österreich, Italien, wo die neue kapitalistische Entwicklung an eine alte, steckengebliebene, kleinbürgerliche Wirtschaft und kleinbürgerliche Kultur anknüpfen konnte. Ganz anderes Material und andere Tradition fand der Kapitalismus vor, als er in die östlichen Länder Europas eindrang. Hier in Russland, Polen, Ungarn, auch in Ost-Elbien, war keine kräftige bürgerliche Klasse, die von altersher das Geistesleben beherrschte; die primitiven Agrarverhältnisse mit Grossgrundbesitz, patriarchalischem Feudalismus und Dorfkommunismus bestimmten das Geistesleben. (18)

Damit hat Genosse Pannekoek im ideologischen Bereich den Nagel auf den Kopf getroffen. Viel mehr, als je von Ihrer Seite geschehen ist, hat er den Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa von der ideologischen Seite deutlich gemacht und hat von dieser Seite den Schlüssel gegeben zum Finden der revolutionären Taktik für Westeuropa. Man braucht diesen nur zu verbinden mit den materiellen Ursachen der Macht unserer Gegner, d. h. mit dem Bankkapital, und die ganze Taktik wird klar.

Aber mehr noch kann über das ideologische Problem gesagt werden: Die bürgerliche Freiheit, die Macht des Parlaments, ist in Westeuropa von den früheren Geschlechtern, den Vorfahren, in Freiheitskämpfen erkämpft worden, wenn damals auch nur für die Bürger, die Besitzenden, so doch vom Volke. Tief liegt noch der Gedanke an diese Kämpfe als Tradition im Blute dieses Volkes. Ist doch eine Revolution die tiefste Erinnerung eines Volkes. Unbewusst ist der Gedanke, dass vertreten zu werden durch ein Parlament ein Sieg war, eine gewaltige, stille Kraft. Besonders ist dies der Fall in den ältesten bürgerlichen Ländern, wo lange oder wiederholte Freiheitskämpfe stattfanden: in England, Holland und Frankreich. Aber auch, wenn auch in geringerem Maasse, in Deutschland, Belgien und den skandinavischen Ländern. Ein Bewohner des Ostens kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie stark dieser Einfluss sein kann.

Ausserdem haben die Arbeiter selbst hier oft viele Jahre für das allgemeine Wahlrecht gekämpft und es dadurch, sei es direkt oder indirekt, erworben. Auch dies war ein Sieg, der damals Früchte trug. Der Gedanke und das Gefühl, dass es ein Fortschritt ist und ein Sieg, sich vertreten und eigene Vertreter für seine Sachen im bürgerlichen Parlament sorgen zu lassen, ist allgemein. Der Einfluss auch dieser Ideologie ist sehr gross.

Und schliesslich ist durch den Reformismus die Arbeiterklasse Westeuropas ganz in die Macht der Parlamentsmitglieder gekommen, die zum Krieg, zum Bunde mit dem Kapitalismus geführt haben. Auch dieser Einfluss, des Reformismus, ist kolossal.

Durch alle diese Ursachen ist der Arbeiter zum Sklaven des Parlaments geworden, das er allein handeln lässt. Er handelt selbst nicht mehr. (19)

Da kommt die Revolution. Jetzt soll er selbst alles tun. Der Arbeiter muss jetzt allein mit seiner Klasse den gewaltigen Feind bekämpfen, den fürchterlichsten Kampf bestehen, den die Welt je sah. Keine Taktik der Führer kann ihm helfen. Schroff stehen die Klassen, alle Klassen, den Arbeitern gegenüber, und keine einzige Klasse ist für ihn. Im Gegenteil, wenn er seinen Führern oder anderen Klassen im Parlament vertraut, besteht die grosse Gefahr, dass er in seine alte Schwäche, die Führer handeln zu lassen, zurückfällt, dass er dem Parlament vertraut, dass er in dem alten Wahn bleibt, dass andere die Revolution für ihn machen können, dass er Illusionen nachläuft, dass er in der alten bürgerlichen Ideologie bleibt.

Sehr schön zeichnet Genosse Pannekoek auch wieder dies Verhalten der Masse zu den Führern: "Der Parlamentarismus ist die typische Form des Kampfes mittels Führer, wobei die Massen selbst eine untergeordnete Rolle spielen. Seine Praxis besteht darin, dass Abgeordnete, einzelne Personen, den wesentlichen Kampf führen; er muss daher bei den Massen die Illusion wecken, dass andere den Kampf für sie führen können. Früher war es der Glaube, die, Führer könnten für die Arbeiter wichtige Reformen im Parlament erzielen; oder gar trat die Illusion auf, die Parlamentarier könnten durch Gesetzbeschlüsse die Umwälzung zum Sozialismus durchführen. Heute, da der Parlamentarismus bescheidener auftritt, hört man als Argument, im Parlament könnten die Abgeordneten Grosses für die Propaganda des Kommunismus leisten. Immer fällt dabei das Hauptgewicht auf die Führer, und es ist selbstverständlich dabei, dass Fachleute die Politik bestimmen – sei es auch in der demokratischen Verkleidung der Kongressdiskussionen und Resolutionen –; die Geschichte der Sozialdemokratie ist eine Kette vergeblicher Bemühungen, die Mitglieder selbst ihre Politik bestimmen zu lassen. Wo das Proletariat parlamentarisch kämpft, ist das alles unvermeidlich, solange die Massen noch keine Organe der Selbstaktion geschaffen haben, also, wo die Revolution noch kommen muss. Sobald die Massen selbst auftreten, handeln und dadurch bestimmen können, werden die Nachteile des Parlamentarismus überwiegend.

Das Problem der Taktik ist, wie in der proletarischen Masse die traditionelle bürgerliche Denkweise auszurotten ist, die ihre Kraft lähmt; alles, was die überlieferte Anschauung neu stärkt, ist vom Übel. Der zäheste, festeste Teil dieser Denkweise ist ihre Unselbständigkeit Führern gegenüber, denen sie die Entscheidung allgemeiner Fragen, die Leitung ihrer Klassenangelegenheiten überlässt. Der Parlamentarismus hat die unvermeidliche Tendenz, die eigene, zur Revolution notwendige Aktivität der Massen zu lähmen. Mögen da schöne Reden zur Weckung der revolutionären Tat gehalten werden, so entspringt das revolutionäre Handeln nicht solchen Worten, sondern nur der harten, schweren Notwendigkeit, wenn keine andere Wahl mehr bleibt.

Die Revolution erfordert auch noch etwas mehr als die massale Kampftat, die ein Regierungssystem stürzt und von der wir wissen, dass sie nicht von Führern bestellt, sondern nur aus dem tiefen Drang der Massen emporspringen kann. Die Revolution erfordert, dass die grossen Fragen der gesellschaftlichen Rekonstruktion zur Hand genommen, dass schwierige Entscheidungen getroffen werden, dass das ganze Proletariat in schaffende Bewegung gebracht wird – und das ist nur möglich, wenn zuerst die Verhut dann eine immer grössere Masse sie selbst zur Hand nimmt, sich selbst dafür verantwortlich weiss, sucht, propagiert, ringt, versucht, nachdenkt, wägt, wagt und durchführt. Aber das ist alles schwer und mühsam; solange daher die Arbeiterklasse– glaubt, einen leichteren Weg zu gehen, indem andere für sie handeln – von einer hohen Tribüne Agitation führen, Entscheidungen treffen, Signale für die Aktionen geben, Gesetze machen –, wird sie zögern und durch die alten Denkgewohnheiten und die alten Schwächen passiv bleiben." (20)

Die Arbeiter Westeuropas müssen, und tausendmal soll es gesagt werden, und wenn nötig hunderttausend- und millionenmal – und wer es durch die Geschichte seit November 1918 noch nicht gelernt und gesehen hat, der ist (auch wenn Sie es wären, Genosse) blind –, die westeuropäischen Arbeiter müssen nicht nur gewerkschaftlich sondern auch politisch an erster Stelle selbst handeln, und nicht ihre Führer handeln lassen, weil die Arbeiter allein stehen und weil keine kluge Taktik von Führern ihnen helfen kann. Von ihnen muss die grösste Triebkraft ausgehen. Hier zum ersten Male, in viel höherem Grade als in Russland, muss die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sein. Und darum haben die linken Genossen recht, die zu den deutschen Genossen sagen: Lasst euch nicht auf Wahlen ein, boykottiert das Parlament – Ihr müsst politisch alles selbst tun Ihr könnt nur siegen, wenn Ihr das wisst und danach handelt – Ihr könnt nur siegen, wenn Ihr zwei, fünf, zehn Jahre danach handelt und Euch, Mann für Mann, Gruppe für Gruppe, von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz, im ganzen Reich endlich, als Partei, als Union, als Betriebsräte, als Masse, als Klasse daran gewöhnt und schliesslich durch die endlose Übung und den endlosen Kampf und die Niederlagen soweit kommt, dass Ihr, in Eurer grossen Mehrheit, das könnt, und endlich, durch diese Schule gegangen, als eine geschlossene Masse dasteht.

Aber diese Genossen, die linken, die KAPD, würden einen grossen Fehler begangen haben, wenn sie dies nur gepredigt und propagiert hätten. Hier, und hier fast noch mehr als bei den Gewerkschaften, weil es hier die ganze, die politische Frage betrifft, bedarf es an erster Stelle des Kampfes und des Beispiels, des Vorangehens.

Und darum hatten die Genossen der KAPD das Recht, das grösste, weil von der Geschichte geforderte Recht, sich, als der Spartakusbund – oder besser die Spartakus-Zentrale – diese ihre Propaganda nicht ertragen wollte, sich sofort von ihm abzuschneiden, ihn zu spalten. Denn für das deutsche Sklavenvolk, und für alle westeuropäischen Arbeiter, war an erster und höchster Stelle ein Beispiel nötig. Es musste in diesem Volk von politischen Sklaven und in dieser unterworfenen westeuropäischen Welt eine Gruppe sein, die ein Beispiel war von freien Kämpfern ohne Führer, d. h. ohne Führer, wie sie früher waren. Ohne Parlamentsmitglieder.

Und dies wieder nicht, weil das so schön oder so gut oder heroisch oder sonst etwas ist, sondern weil das deutsche und westeuropäische arbeitende Volk in diesem fürchterlichen Kampfe allein steht, keine Hilfe von anderen Klassen zu erwarten hat, Führerklugheit hier nicht mehr hilft, sondern nur ein Ding hilft, der Wille und die Entschlossenheit der Masse, Mann für Mann, Frau für Frau, und als Ganzes.

Wegen dieser höheren Ursache, und weil das Umgekehrte dieser Taktik, das Mittun im Parlament, für diese höhere Sache nur Schaden bringen kann, unendlich gross im Vergleich mit dem kleinen Vorteil, den es bringt (die Propaganda von der Parlamentstribüne), wegen dieser höheren Ursache verwirft die Linke den Parlamentarismus.

Sie sagen, dass Genosse Liebknecht, wenn er noch lebte, im Reichstag wundervoll arbeiten könnte. Das verneinen wir. Politisch manövrieren würde er dort nicht können, weil alle gross- und kleinbürgerlichen Parteien uns geschlossen gegenüberstehen. Und die Arbeiter gewinnen könnte er dort nicht besser als ausserhalb des Parlaments. Umgekehrt würde ein sehr grosser Teil der Massen es auf seine Reden ankommen lassen, und seine Anwesenheit im Parlament also schädlich sein. (21)

Freilich wird eine solche Arbeit der "Linken" Jahre dauern, und Leute, die aus irgendwelchen Ursachen gerne sofort Erfolge, grosse Ziffern, grosse Mitglieder- und Stimmenzahlen, grosse Parteien und eine mächtige (scheinbar mächtige!) Internationale sehen möchten, werden etwas lange warten müssen. Aber diejenigen, die verstehen, dass der Sieg der deutschen und westeuropäischen Revolution nur kommen kann, wenn eine sehr grosse Zahl, wenn die Masse der Arbeiter auf sich selbst vertraut, werden mit dieser Taktik zufrieden sein.

Sie ist in Deutschland und in Westeuropa die einzig gute. Das gilt auch besonders für England.

Genosse, kennen Sie den bürgerlichen Individualismus Englands, seine bürgerliche Freiheit, seine parlamentarische Demokratie, wie sie seit sechs oder sieben Jahrhunderten geworden sind? Kennen Sie sie wirklich? So unendlich verschieden von den Zuständen bei Euch? Wissen Sie, wie tief diese Ideen in allen, auch den proletarischen Individuen Englands und seiner Kolonien gewurzelt sind? Kennen Sie ihren zu einem gewaltigen Ganzen gewachsenen Bau? Ihre allgemeine Geltung? Im gesellschaftlichen und persönlichen Leben? Ich glaube, kein Russe, kein Osteuropäer kennt sie. Wenn Sie sie kennen, dann würden Sie jauchzen über diejenigen englischen Arbeiter, die mit diesem grössten politischen Gebilde des ganzen Kapitalismus, der ganzen Weit, völlig brechen.

Dazu gehört, wenn das mit vollem Bewusstsein geschieht, ein revolutionärer Sinn, nicht geringer als der derjenigen, die einmal als erste mit dem Zarismus brachen. Dies Brechen mit der ganzen englischen Demokratie bedeutet im Keime schon die englische Revolution.

Und das geschieht, wie das in England mit seiner gewaltigen Geschichte und Tradition und Kraft geschehen muss, mit der äussersten Entschlossenheit. Weil das englische Proletariat die gewaltigste Kraft hat (es ist potentiell das mächtigste der Erde), tritt es plötzlich gegen die mächtigste Bourgeoisie der Erde auf in all seiner Kraft, und verwirft, obschon die Revolution noch nicht da ist in seinem Lande, mit einem Schlag die ganze englische Demokratie.

Das tat ihre Vorhut, die Linke, ganz wie die deutsche Vorhut, die KAPD. Und warum tat sie das? Weil sie weiss, dass auch sie allein steht, dass keine Klasse in ganz England ihr hilft und dass das Proletariat selbst an erster Stelle, und nicht Führer, dort kämpfen und siegen sollen. (22)

Das englische Proletariat zeigt in dieser Vorhut, wie es kämpfen will: allein und gegen alle Klassen Englands und seine Kolonien.

Und wieder ganz wie das deutsche: dadurch, dass es ein Beispiel gibt. Dadurch, dass es eine kommunistische Partei gründet, die den Parlamentarismus verwirft und der ganzen Klasse in England zuruft: Brecht mit dem Parlament, dem Sinnbild der kapitalistischen Macht. Bildet eure eigene Partei und eure eigenen Betriebsorganisationen. Stützt euch allein auf euch selbst.

Das musste so gehen in England, Genosse, das musste so doch endlich kommen. Dieser Stolz und Mut, aus dem grössten Kapitalismus geboren. Nun es endlich kommt, kommt es auf einmal ganz.

Es war ein historischer Tag, Genosse, als da an diesem Junitag in London die erste kommunistische Partei gegründet wurde und sie die ganze siebenhundertjährige Verfassung und Staatseinrichtung verwarf. Ich möchte wohl, dass Marx und Engels dabei gewesen wären. Ich glaube, dass sie eine grosse, übergrosse Freude gehabt haben würden, wenn sie diese englischen Arbeiter sahen, die den englischen Staat, das Muster und Beispiel für alle bürgerlichen Staaten der Welt, seit Jahrhunderten der Mittelpunkt und das Bollwerk des Weltkapitalismus, den Beherrscher eines Drittels der Menschheit, diesen Staat und sein Parlament, wenn auch nur erst theoretisch, verwarfen.

Für diese Taktik besteht in England desto mehr Ursache, weil der englische Kapitalismus den Kapitalismus aller anderen Länder unterstützen und sich gewiss nicht scheuen wird, aus allen Teilen der Welt Hilfstruppen gegen jedes fremde wie gegen sein eigenes Proletariat zu entbieten. Der Kampf des englischen Proletariats ist darum ein Kampf gegen das Weltkapital. Desto mehr Ursache, dass der englische Kommunismus das höchste und hellste Beispiel gibt. Dass er musterhaft für das Proletariat der Welt kämpft, dass er es durch sein Beispiel stärkt. (23)

So soll es überall und immer eine Gruppe geben, die alle Konsequenzen zieht. Solche Gruppen sind das Salz der Menschheit.

Aber hier muss ich jetzt, nachdem ich theoretisch den Antiparlamentarismus verteidigt habe, im einzelnen auf Ihre Verteidigung des Parlamentarismus eingehen.

Sie verteidigen ihn (von Seite 36 bis 68) für England und Deutschland. Die Argumentation passt aber nur für Russland (und im besten Fall für einige andere osteuropäische Länder), nicht für Westeuropa. Dort liegt, wie ich schon sagte, Ihr Fehler. Dadurch werden Sie aus einem marxistischen Führer zu einem opportunistischen. Dadurch *fallen Sie, der marxistische radikale Führer für Russland und, wahrscheinlich, für einige osteuropäische Länder, in den Opportunismus für Westeuropa. Und Ihre Taktik würde, wenn sie hier angenommen würde, den ganzen Westen ins Verderben stürzen. Dies werde ich jetzt gegen Ihre Argumentation im einzelnen beweisen.

Genosse, als ich Ihre Beweisführung las, von Seite 36 bis 68, da kam mir fortwährend eine Erinnerung.

Ich dachte, ich sässe wieder auf einem Kongress der alten holländischen sozial-patriotischen Partei und hörte einer Rede Troelstras zu. Wenn er die grossen Vorzüge der reformistischen Politik den Arbeitern ausmalte. Wenn er sprach von den Arbeitern, die noch nicht sozialdemokratisch waren und die von uns durch Kompromisse gewonnen werden sollten. Wenn er sprach von den Bündnissen, die geschlossen werden konnten (vorübergehend natürlich) mit den Parteien dieser Arbeiter, von den "Rissen" in und zwischen den bürgerlichen Parteien, die wir ausnützen sollten. Ganz so, fast, nein ganz wörtlich, sprechen Sie, Genosse Lenin, für uns Westeuropäer!!

Und ich erinnere mich, wie wir da hinten sassen, wir marxistischen Genossen, ganz hinten im: Saale, nur ein paar Mann stark, vier oder fünf. Henriette Roland Holst, Pannekoek, noch ein paar. Troelstra machte das ganz wie Sie – hinreissend, überzeugend. Und ich erinnere mich, wie mitten im Donner des Beifalls, mitten in den glänzenden reformistischen Ausführungen und den Beschimpfungen der Marxisten, die Arbeiter im Saale sich umschauten nach den "Idioten" und "Eseln" und "kindischen Narren", wie Toelstra uns – fast ganz wie Sie – nannte. So wird es wahrscheinlich auf dem Kongress der Internationale in Moskau gewesen sein, als Sie gegen die "linken" Marxisten sprachen. Und er sprach – ganz wie Sie, Genosse – so überzeugend, so, innerhalb seiner Methode, logisch – dass ich selbst bisweilen dachte, ja, er hat recht.

Ich musste meistens das Wort führen für die Opposition (in den Jahren bis 1909, als wir hinausgeworfen wurden). Aber wissen Sie, was ich dann immer dachte, als ich ihn hörte und an mir selbst zu zweifeln begann? Ich hatte ein Mittel, das nie fehlte. Es war ein Satz aus dem Parteiprogramm: Du sollst immer so handeln und reden, dass das Klassenbewusstsein der Arbeiter dadurch geweckt und verstärkt wird. Ich fragte mich: Wird durch das, was der Mann dort sagt, das Klassenbewusstsein der Arbeiter gestärkt oder nicht? Und dann wusste ich immer sofort, dass das nicht der Fall war und dass ich also recht hatte.

Ganz so ging es mir beim Lesen Ihrer Broschüre. Ich höre Ihre opportunistischen Argumente für das Mittun mit den nicht kommunistischen Parteien, mit den bürgerlichen, für Kompromisse. Ich werde hingerissen. Es scheint alles so glänzend, licht und schön. Auch so logisch in Ihrer Methode. Aber dann denke ich wieder, wie damals, nur einen Satz, den ich mir seit einiger Zeit für die Kämpfe gegen die kommunistischen Opportunisten ausgedacht habe. Es ist dieser: Ist, was der Genosse dort sagt, so, dass es den Willen der Massen zur Tat, zur Revolution, zur wirklichen Revolution in Westeuropa antreibt, ja oder nein? Und dann sagen, über Ihre Broschüre, mein Kopf und mein Herz zu gleicher Zeit: Nein. – Und dann weiss ich sofort, Genosse Lenin, so sicher wie ein Mann nur etwas wissen kann, dass Sie unrecht haben.

ich kann dies Mittel den Genossen der Linken empfehlen. Wenn Ihr, Genossen, in den schweren Kämpfen, die uns gegen die opportunistischen Kommunisten in allen Ländern bevorstehen (hier in Holland wüten sie schon seit drei Jahren), wissen wollt, ob und warum ihr recht habt, so fragt euch das!

Sie gebrauchen in Ihrem Kampf gegen uns, Genosse Lenin, nur drei Argumente, die immer, entweder gesondert oder durcheinander, in Ihrer ganzen Broschüre wiederkehren.

Es sind dies:

  1. Der Vorteil der Propaganda im Parlament für die Gewinnung der Arbeiter und der kleinbürgerlichen Elemente.
  2. Der Vorteil der parlamentarischen Aktion für die Ausnützung der "Risse" zwischen den Parteien und für die Kompromisse mit einigen von ihnen.
  3. Das Beispiel Russlands, wo diese Propaganda und Kompromisse so ausgezeichnet gewirkt haben.

Weitere Argumente haben Sie nicht. Ich werde sie jetzt der Reihe nach beantworten.

Zunächst das erste Argument, die Propaganda im Parlament. Dies Argument ist von ganz geringer Bedeutung. Denn die nicht kommunistischen Arbeiter, d.h. die sozialdemokratischen, christlichen und anderen bürgerlich denkenden, hören aus ihren Zeitungen von unseren Parlamentsreden gewöhnlich nichts. Oft werden diese Reden noch ganz entstellt. Wir erreichen sie also mit diesen Reden nicht. Wir erreichen sie nur durch unsere Versammlungen, Broschüren, Zeitungen.

Wir – ich spreche öfter im Namen der KAPD – erreichen sie aber (in der Zeit der Revolution, über diese sprechen wir) besonders durch die Tat. In allen grösseren Städten und Dörfern sehen sie uns handeln. Unsere Streiks, Strassenkämpfe, unsere Räte. Sie hören unsere Losungen. Sie sehen uns vorangehen. Das ist die beste Propaganda, diese überzeugt am meisten. Diese Tat geschieht aber nicht im Parlament.

Die noch nicht kommunistischen Arbeiter, kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Elemente werden also ganz gut erreicht, auch ohne parlamentarische Aktion.

Hier muss besonders eine Stelle aus der Broschüre "Kinderkrankheit" widerlegt werden, die ganz deutlich zeigt, wohin der Opportunismus Sie, Genosse, schon führt.

Auf Seite 52 sagen Sie, dass die Tatsache, dass die deutschen Arbeiter in Massen zur Unabhängigen Partei gehen und nicht zur Kommunistischen, auf das nicht-parlamentarische Auftreten der Kommunisten zurückzuführen ist. Also die Masse der Berliner Arbeiter z. B. wäre durch den Tod unserer Genossen Liebknecht und Rosa Luxemburg, durch die zielbewussten Streiks und Strassenkämpfe der Kommunisten fast überzeugt. Es fehlte nur noch die Rede des Genossen Levi im Parlament! Wenn dieser die Rede doch gehalten hätte, wären sie zu uns und nicht zu den zweideutigen Unabhängigen gegangen!! Nein, Genosse, dies ist nicht wahr, sie sind erst zu den Zweideutigen gegangen, weil sie die Revolution, die eindeutige, noch fürchteten. Weil der Übergang der Sklaverei zur Freiheit über das Zaudern geht.

Seien Sie vorsichtig, Genosse, Sie sehen, wohin der Opportunismus Sie schon führt.

Ihr erstes Argument hat keine Bedeutung.

Und wenn wir bedenken, dass das Mittun im Parlament (in der Revolution in Deutschland und England und in ganz Westeuropa) jene Idee bei den Arbeitern stärkt, dass ihre Führer die Arbeit wohl tun werden, und jene Idee schwächt, dass sie alles selbst ausführen müssen, sehen wir, dass dies Argument nicht nur nichts gutes bedeutet, sondern sehr schädlich ist.

Das zweite Argument Der Vorteil der parlamentarischen Aktion (in den revolutionären Zeiten) für die Ausnützung der Risse zwischen den Parteien und für die Kompromisse mit einigen von ihnen.

Um dieses Argument (besonders für England und Deutschland, aber auch für ganz Westeuropa) zu widerlegen, muss ich etwas ausführlicher sein als beim ersten. Es fällt mir schwer, dies gegen Sie tun zu müssen, Genosse Lenin. Diese ganze Frage des revolutionären Opportunismus (denn es ist jetzt nicht mehr der reformistische, sondern der revolutionäre Opportunismus) im Kommunismus ist aber für uns in Westeuropa eine Lebensfrage. Buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Die Sache selbst, die Widerlegung, ist leicht. Hundertmal haben wir dies Argument, wenn Troelstra, Henderson, Bernstein, Legien, Renaudel, Van der Velde usw., kurz, alle Sozialpatrioten, es gebrauchten, widerlegt. Ja, Kautsky, als er noch Kautsky war, hat es widerlegt. Es war das grösste Argument der Reformisten. Nie hatten wir erwartet, es gegen Sie tun zu müssen. Jetzt müssen wir es tun. Wohlan!

Der Vorteil der parlamentarischen Ausnützung der "Risse" ist darum so unbedeutend, weil die "Risse" seit einigen Jahren, Jahrzehnten, so unbedeutend sind. Zwischen den grossbürgerlichen Parteien, zwischen den grossbürgerlichen und den kleinbürgerlichen Parteien. In Westeuropa, in Deutschland und England. Das datiert nicht von der Revolution. Das war schon viel früher, in der Zeit der langsamen Entwicklung so. Alle Parteien, auch die kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen, standen schon seit langem gegen die Arbeiter, und zwischen ihnen selbst war der Unterschied in Fragen, die die Arbeiter betreffen (und dadurch auch in fast allen anderen), sehr gering geworden, oft ganz verschwunden.

Dies steht fest, theoretisch und praktisch. In Westeuropa, in Deutschland und England.

Theoretisch, weil das Kapital sich konzentriert hat in Banken, Trusts und Monopolen. In gewaltiger Weise.

Weil in Westeuropa, und besonders in England und Deutschland, diese Banken, Trusts und Kartelle fast das ganze Kapital in sich aufgenommen haben, in Industrie, Handel, Verkehr und sogar auch schon grösstenteils in der Landwirtschaft. Dadurch ist die ganze In dustrie, auch die kleine, der ganze Verkehr, auch der kleine, und der grösste Teil der Landwirtschaft, auch der kleinen, vom Grosskapital ganz und gar abhängig geworden. Sie sind mit dem Grosskapital eins geworden.

Genosse Lenin sagt, dass der kleine Handel, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft schwanken zwischen Kapital und Arbeitern. Das ist falsch. Das war so in Russland und, früher, auch hier. In Westeuropa, in Deutschland und England, hängen sie jetzt so sehr, so völlig vom Grosskapital ab, dass sie nicht mehr schwanken. Der kleine Ladenbesitzer, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann sind ganz in der Macht der Trusts, der Monopole, der Banken. Diese liefern ihnen Waren und Kredit. Und sogar der kleine Bauer hängt, durch seine Kooperative und Hypotheken, vom Trust, vom Monopol und von den Banken ab.

Genosse, dieser Teil meiner Beweisführung, der Beweisführung der "Linken", ist der allerwichtigste. Von ihm hängt die ganze Taktik für Europa und Amerika ab.

Genosse, aus welchen Teilen bestehen diese niedrigen, dem Proletariat am nächsten stehenden Schichten? Aus Ladenbesitzern, Handwerkern, niedrigen Beamten und Angestellten und aus armen Bauern. Untersuchen wir also diese in Westeuropa ! – Kommen Sie mit mir, Genosse, nicht nur in einen grossen – dort ist das Abhängigsein vom Grosskapital selbstverständlich –, sondern in einen kleinen Laden in Westeuropa, in einem armen Proletarierviertel. Schauen Sie um sich! Was sehen Sie? Alle, fast alle diese Waren, Kleidung, Lebensmittel, Geräte, Brennstoff usw., sind Produkte nicht nur der Grossindustrie, sondern sehr oft von Trusts. Und das ist so nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande. Die kleinen Ladenbesitzer sind zum übergrossen Teil schon Lagerhalter des Grosskapitals. Das heisst also des Bankkapitals, denn dieses beherrscht die grossen Fabriken, die Trusts.

Sehen Sie in eine Werkstatt eines kleinen Handwerkers, in einer Stadt oder auf dem Lande, das ist gleich! Seine Rohstoffe, die Metalle, das Leder, das Holz usw., kommen vom Grosskapital, oft schon von den Monopolen, d.h. also von den Banken. Und wo die Lieferanten dieser Waren noch kleinere Kapitalisten sind, da hängen diese doch ab vom Bankkapital.

Und die niedrigen Angestellten und Beamten? Sie stehen zum grössten Teil in Westeuropa im Dienst des Grosskapitals und des vom Grosskapital ganz abhängigen Staates und der Gemeinden, also letzten Endes auch schon der Banken. Der Prozentsatz der dem Proletariat am nächsten stehenden Angestellten und Beamten, die vom Grosskapital direkt oder indirekt abhängig sind, ist in Westeuropa sehr gross, in Deutschland und England, wie auch in den Vereinigten Staaten und englischen Kolonien, enorm.

Und die Interessen dieser Schichten sind also mit den Interessen des Grosskapitals, d.h. also der Banken, verknüpft.

Ober die armen Bauern sprach ich schon, und wir sahen, dass sie für den Kommunismus vorläufig nicht zu gewinnen sind, ausser wegen der dort genannten Ursachen teilweise auch, weil sie für ihre Geräte, Waren und Hypotheken vom Grosskapital abhängen.

Was ergibt sich hieraus, Genosse?

Dass die moderne westeuropäische (und amerikanische) Gesellschaft und der Staat ein grosses, organisiertes, bis in seine äussersten Glieder und Zweige organisiertes Ganzes geworden sind, das ganz vom Bankkapital beherrscht, in Bewegung gebracht und geregelt wird. Dass die Gesellschaft hier ein geordneter Körper ist, kapitalistisch geordnet, aber doch geordnet. Dass das Bankkapital das Blut dieses Körpers ist, das durch den ganzen Körper fliesst und alle Zweige nährt. Dass dieser Körper eine ist und dass das Kapital den ganzen Körper gewaltig stark macht, und dass daher alle Glieder bis zu seinem wirklichen Ende zu ihm halten werden. – Nur nicht das Proletariat, das das Blut, den Mehrwert, schafft.

Durch diese Abhängigkeit aller Klassen vom Bankkapital und durch die gewaltige Kraft des Bankkapitals stehen alle Klassen der Revolution feindlich gegenüber, und dadurch steht auch das Proletariat allein.

Und da das Bankkapital die geschmeidigste und am meisten elastische Kraft der Welt ist und durch seinen Kredit seine Macht noch vertausendfacht, darum hält es den Kapitalismus, die kapitalistische Gesellschaft und den kapitalistischen Staat zusammen und instand, auch noch nach diesem fürchterlichen Kriege, nach dem Verlust von tausenden Milliarden, und inmitten eines Zustandes, der uns schon als sein Bankrott erscheint.

Und dadurch hält es alle Klassen, das Proletariat ausgenommen, mit noch grösserer Gewalt um sich zusammen und macht alle Klassen dem Proletariat gegenüber zu einem Ganzen. Und diese Kraft und Geschmeidigkeit und dieses Zusammenhalten aller Klauen sind so gross, dass sie noch sehr lange, nachdem die Revolution ausbrach, bleiben werden.

Gewiss, das Kapital ist fürchterlich geschwächt. Die Krise kommt und mit ihr die Revolution. Und ich glaube, dass diese Sieger wird. Aber es gibt zwei Ursachen, die den Kapitalismus immer noch sehr kräftig halten. Sie sind die geistige Sklaverei der Massen und das Bankkapital.

Auf die Kraft dieser beiden muss unsere Taktik also eingestellt sein. Und es gibt noch eine Ursache, wodurch das organisierte Bankkapital alle Klassen der Revolution gegenüber zusammenhält. Dies ist die grosse Zahl der Proletarier. Alle Klassen fühlen, dass, wenn sie die Arbeiter (in Deutschland fast 20 Millionen) nur dazu bringen können, 10, 12, 14 Stunden pro Tag zu arbeiten, die Rettung aus der Krise noch möglich sein würde. Auch darum stehen sie zusammen.

Dies ist der ökonomische Zustand Westeuropas.

In Russland hatte das Bankkapital diese Kraft noch nicht, und dadurch hielten die bürgerlichen und niedrigeren Klassen nicht zusammen. Und dadurch waren wirkliche Risse zwischen ihnen. Und dadurch stand das Proletariat dort nicht allein.

Diese ökonomischen Ursachen bestimmen die Politik. Durch diese Ursachen stimmen diese Klassen in Westeuropa bei den Wahlen, abhängige Sklaven wie sie sind, für ihre Herren, für diese grossbürgerlichen Parteien und gehören zu den grossbürgerlichen Parteien. Eigene Parteien haben diese kleinen Leute in Deutschland und England und Westeuropa fast nicht.

Dies alles war schon so sehr stark vor der Revolution und vor dem Kriege. Der Krieg hat diese Tendenz in riesenhaftem Maasse gestärkt. Durch den Nationalismus und Chauvinismus. Aber besonders durch die riesenhafte Trustifizierung aller ökonomischen Kräfte. Die Revolution aber hat diese Tendenz: Zusammenschluss aller bürgerlichen Parteien und Anschluss aller kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Elemente an die grossbürgerlichen, noch wieder ungeheuer verstärkt.

Nicht umsonst ist die russische Revolution da! Man weiss jetzt überall, was man zu erwarten hat.

Die Grossbürger und Grossbauern, der Mittelstand und die Mittelbauern, die niedrigen bürgerlichen und bäuerlichen Schichten sind also in Westeuropa, und besonders in Deutschland und England, durch das Monopol, die Banken, die Trusts, den Imperialismus, durch den Krieg, durch die Revolution gegen die Arbeiter und stehen alle darin zusammen. (24) Und weil die Arbeiterfrage alles beherrscht, stehen sie in allen Fragen zusammen.

Genosse, hier muss ich wieder dieselbe Bemerkung machen, die ich schon bei der Bauernfrage (im ersten Kapitel) machte. Ich weiss ganz gut, dass nicht Sie, sondern die kleinen Geister in unserer Partei, die die Kraft nicht haben, um die Taktik auf die grossen allgemeinen Linien zu stützen, und die sie darum stützen auf die kleinen besonderen, dass diese kleinen Geister die Aufmerksamkeit auf diejenigen Teile dieser Schichten richten werden, die noch nicht im Banne des Grosskapitals stehen.

Ich verneine nicht, dass es solche Teile gibt, aber ich sage, dass die allgemeine Wahrheit, die allgemeine Tendenz in Westeuropa ist, dass sie im Banne des Grosskapitals stehen. Und auf dieser allgemeinen Wahrheit soll unsere Taktik begründet sein!

Auch verneine ich nicht, dass es noch Risse geben kann. Ich sage nur, dass die allgemeine Tendenz ist und noch lange während der Revolution bleiben wird: Zusammenschluss dieser Klassen. Und ich sage, dass es für die Arbeiter, in Westeuropa, besser ist, ihre Aufmerksamkeit zu richten auf den Zusammenschluss als auf die Risse. Denn sie selbst müssen an erster Stelle hier die Revolution machen – und nicht ihre Führer, ihre Parlamentsmitglieder.

Auch sage ich nicht, was die kleinen Geister aus meinen Worten machen werden, dass die wirklichen Interessen dieser Klassen dieselben sind wie diejenigen des Grosskapitals. Ich weiss schon, dass sie vom Grosskapital unterdrückt werden.

Was ich sage, ist nur dies: Noch fester als früher halten diese Klassen mit dem Grosskapital zusammen, weil sie jetzt auch die Gefahr der proletarischen Revolution vor sich sehen.

Die Herrschaft des Kapitals bedeutet für sie in Westeuropa eine gewisse Lebenssicherheit, die Möglichkeit oder wenigstens den Glauben daran, weiterzukommen, ihre Lage zu verbessern. Jetzt bedroht sie das Chaos und die Revolution, die zuerst ein noch schlimmeres Chaos bedeutet. Daher stehen sie an der Seite des Kapitals in dem Versuch, das Chaos mit allen Mitteln zu beheben, die Produktion wieder zu retten, die Arbeiter zu langer Arbeitszeit und geduldiger Entbehrung zu treiben. Die proletarische Revolution in Westeuropa ist für sie der Sturz und der Zusammenbruch aller Ordnung, aller, wenn auch dürftigen, Lebensordnung. Daher stehen sie alle zum Grosskapital und werden noch lange, auch während der Revolution, zu ihm stehen.

Denn schliesslich muss ich noch bemerken, dass ich hier wieder spreche für die Taktik am Anfang und im Laufe der Revolution. Ich weiss, dass ganz am Ende der Revolution, wenn der Sieg nah, der Kapitalismus erschüttert ist, diese Klassen zu uns kommen werden. Aber wir haben unsere Taktik nicht für das Ende, sondern für den Anfang und den Gang der Revolution zu bestimmen.

Theoretisch also musste das alles so sein. Theoretisch mussten diese Klassen zusammenhalten. Theoretisch steht das fest. Aber nicht weniger praktisch auch.

Dies werde ich jetzt zeigen: Schon seit Jahren tut die ganze Bourgeoisie, tun alle bürgerlichen Parteien in Westeuropa, auch diejenigen, zu denen die Kleinbürger und Kleinbauern gehören, nichts mehr für die Arbeiter. Und sie waren alle Feinde der Arbeiterbewegung, für den Imperialismus, für den Krieg.

Es gab, seit Jahren schon, keine einzige Partei in England, in Deutschland, in Westeuropa, die die Arbeiter unterstützte. Alle waren ihnen feindlich. (25) In allen Dingen.

Arbeitergesetzgebung gab es nicht mehr. Sie wurde verschlechtert. Gesetze gegen das Streiken waren erlassen. Immer höhere Steuern wurden auferlegt.

Imperialismus, Kolonialsystem, Marinismus und Militarismus wurden von allen bürgerlichen, auch den kleinbürgerlichen, Parteien unterstützt. Der Unterschied zwischen Liberal und Klerikal, Konservativ und Fortschrittler, Grossbürger und Kleinbürger verschwand.

Alles, was die Sozialpatrioten, die Reformisten, sagten, vom Unter schied zwischen den Parteien, von den "Rissen" zwischen ihnen – von Ihnen, Genosse Lenin, jetzt aufgewärmt – war Schwindel. In allen Ländern Westeuropas. Am besten zeigte sich das im Juli und August 1914.

Damals waren sie alle einig. Und in der Praxis sind sie, durch die Revolution, noch viel mehr eins geworden. Gegen die Revolution, und dadurch im Grund gegen alle Arbeiter, denn nur diese kann allen Arbeitern wirkliche Verbesserung bringen –, gegen die Revolution stehen alle Parteien ohne einen "Riss".

Und da, durch den Krieg, die Krise und die Revolution, alle praktischen sozialen und politischen Fragen mit der Frage der Revolution zusammenhängen, so stehen diese Klassen schliesslich in allen Fragen zusammen und in allen Fragen dem Proletariat gegenüber in Westeuropa.

Kurz, der Trust, das Monopol, die grosse Bank, der Imperialismus der Krieg, die Revolution haben auch praktisch alle gross- und kleinbürgerlichen und alle bäuerlichen Klassen in Westeuropa zusammengeschweisst zu einer Masse gegen die Arbeiter. (26)

Theoretisch und praktisch also steht das fest. Es gibt in der Revolution in Westeuropa und besonders in England und Deutschland, keine einigermaassen bedeutenden "Risse" zwischen diesen Klassen.

Hier muss ich wieder etwas Persönliches hinzufügen. Auf Seite 40 und 41 kritisieren Sie das Amsterdamer Büro. Sie zitieren eine These des Büros. Beiläufig: Was Sie darüber sagen, ist alles unrichtig. Aber Sie sagen auch, dass die Amsterdamer Kommission die Pflicht hatte, bevor sie den Parlamentarismus verurteilte, eine Analyse der Klassenverhältnisse und der politischen Parteien zu geben, die diese Verurteilung rechtfertigte. Verzeihen Sie, Genosse, das war nicht Pflicht der Kommission. Denn dasjenige, worauf ihre These sich stützt, nämlich, dass alle bürgerlichen Parteien im Parlament und draussen einige Gegner der Arbeiter schon lange waren und jetzt sind und keine "Risse" zeigten, das war eine schon lange bewiesene und von den Marxisten allgemein angenommene Sache. Wenigstens in Westeuropa. Das hatten wir also nicht zu analysieren.

Umgekehrt: Auf Ihnen ruhte die Pflicht, da Sie Kompromisse und Bündnisse wollen im Parlament mit politischen Parteien und uns damit zum Opportunismus bringen wollen, auf Ihnen ruhte die Pflicht, die Beweislast, zu zeigen, dass es bedeutende "Risse" zwischen den bürgerlichen Parteien gibt.

Sie wollen uns in Westeuropa zu Kompromissen führen. Das, was Troelstra, Henderson, Scheidemann, Turati usw. in der Zeit der Evolution nicht konnten, das wollen Sie in der Zeit der Revolution. Sie haben zu beweisen, dass dies möglich ist.

Und dies nicht mit russischen Beweisen – denn wahrhaftig, diese sind leicht genug! –, sondern mit westeuropäischen. Diese Pflicht haben Sie auf die allerjämmerlichste Weise erfüllt. Kein Wunder, da Sie fast nur Ihre russische Erfahrung nahmen, die eines sehr rückständigen Landes, nicht die moderne westeuropäische.

Ich finde im ganzen Büchleih, das gerade dies zum Inhalt hat, diese Fragen der Taktik – die russischen Beispiele ausgenommen, zu welchen ich bald übergehe –, nur zwei Beispiele aus Westeuropa: den Kapp-Putsch in Deutschland und die Regierung von Lloyd George Churchill mit der Opposition von Asquith in England.

Sehr wenige und allerjämmerlichste Beispiele, in der Tat, dass es wirkliche "Risse" gibt zwischen den bürgerlichen und in diesem Falle auch sozialdemokratischen Parteien!

Wenn es je eines Beweises bedurfte, dass es zwischen den bürgerlichen (und in diesem Fall auch sozialdemokratischen) Parteien, den Arbeitern gegenüber, in der Revolution, in Westeuropa, keine bedeutenden Risse gibt, dann war der Kapp-Putsch der Beweis, Die Kappisten straften nicht, töteten nicht und nahmen nicht gefangen die Demokraten, die Zentrumleute und die Sozialdemokraten! Und, als diese wieder an die Macht kamen, straften sie nicht, töteten sie nicht und nahmen sie nicht gefangen die Kappisten. Aber beide Parteien töteten die Kommunisten!

Der Kommunismus war noch zu schwach. Darum machten sie zusammen noch keine Diktatur. Das nächste Mal, wenn der Kommunismus stärker ist, machen sie zusammen eine Diktatur.

Es war und ist Ihre Pflicht, Genosse, zu zeigen, wie die Kommunisten den Riss (!) damals hätten ausnützen können im Parlament. Natürlich so, dass es den Arbeitern zum Vorteil war. Es war und ist Ihre Pflicht, zu zeigen, was die kommunistischen Abgeordneten hätten sagen sollen, um diesen Riss den Arbeitern zu zeigen und ihn zu gebrauchen. Natürlich so, dass die bürgerlichen Parteien dadurch nicht verstärkt würden. Sie können das nicht, weil es zwischen diesen Parteien keinen bedeutenden Riss gibt in der Revolution. Und darüber sprechen wir. Und es war und ist Ihre Pflicht, zu zeigen, dass wenn es dann in besonderen Fällen solche Risse gibt, es vorteilhafter wäre, die Aufmerksamkeit der Arbeiter darauf zu lenken als auf die allgemeine Tendenz zum Zusammenschluss.

Und es war und ist Ihre Pflicht, Genosse, bevor Sie uns in Westeuropa führen, zu zeigen, wo in England, Deutschland und Westeuropa diese Risse sind.

Auch das können Sie nicht. Sie sprechen von einem Riss zwischen Churchill, Lloyd George und Asquith, den die Arbeiter gebrauchen sollen. Das ist geradezu jämmerlich. Darüber will ich mit Ihnen nicht einmal reden. Denn jeder weiss, dass, seitdem in England das industrielle Proletariat einige Macht hat, diese Risse von den bürgerlichen Parteien und Führern selbst künstlich gemacht worden sind und gemacht werden, um die Arbeiter zu betrügen, sie von der einen Seite zur anderen, von der anderen zur einen zu locken, ad infinitum, und so sie für ewig schwach und unselbständig zu halten. Dazu nehmen sie sogar oft in eine Regierung drei Gegner (!) auf: Lloyd George und Churchill. Und auf diese fast hundertjährige Falle geht der Genosse Lenin ein! Er will die englischen Arbeiter überreden, ihre Politik auf diesen Betrug zu stützen! In der Zeit der Revolution! Die Churchill, Asquith und Lloyd George werden sich gegen die Revolution einigen, und dann werden Sie, Genosse, das englische Proletariat mit einer Illusion betrogen und geschwächt haben. Sie hatten die Pflicht, Genosse, nicht mit allgemeinen schönen und glänzenden Redensarten (wie Sie das in Ihrem ganzen letzten Kapitel tun, z. B. Seite 72), sondern genau, konkret, mit sehr genauen und deutlichen Beispielen, Tatsachen, zu zeigen, welche dann die Konflikte und Differenzen nicht russische und auch nicht unbedeutende oder künstlich gemachte, sondern wirkliche, bedeutende, westeuropäische – sind. Das tun Sie in Ihrer Broschüre nirgends. Solange Sie sie nicht geben, glauben wir Ihnen nicht. Wenn Sie sie geben, werden wir Ihnen antworten. Solange sagen wir: Es sind Illusionen, die die Arbeiter nur betrügen und zu einer falschen Taktik führen. – Die Wahrheit ist, Genosse, dass Sie, fälschlich, die westeuropäische Revolution der russischen gleichstellen. Und wodurch? Dadurch, dass Sie vergessen, dass es in den modernen, d. h. westeuropäischen (und nordamerikanischen) Staaten eine Macht gibt, die über den verschiedenen Arten von Kapitalisten – den Landeigentümern, den Industriellen und den Kaufleuten steht: das Bankkapital. Diese Macht, die identisch ist mit dem Imperialismus, vereinigt alle Kapitalisten und mit ihnen auch die Kleinbürger und Bauern.

Es bleibt Ihnen aber noch eines übrig. Sie sagen: Es gibt Risse zwischen Arbeiterparteien und den bürgerlichen. Und diese können wir ausnützen. Das ist richtig.

Freilich muss man sagen, dass diese Unterschiede zwischen Sozialdemokraten und Bürgerlichen im Kriege und in der Revolution ganz gering gewesen und gewöhnlich verschwunden sind!! Aber sie können und könnten doch da sein. Und sie können vielleicht noch entstehen. Also darüber müssen wir sprechen. Besonders da Sie die englische "reine" Arbeiterregierung, Thomas, Henderson, Clynes usw., in England gegen Sylvia Pankhurst und die mögliche "reine" sozialistische Regierung von Ebert, Scheidemann, Noske, Hilferding, Crispien, Cohn gegen die KAPD anführen. (27)

Sie sagen, dass Ihre Taktik, die die Arbeiter auf diese Arbeiterregierungen hinweist und sie antreibt, sie bilden zu helfen, die klare, die vorteilhafte, die unsere aber, die sie nicht bilden will, die schädliche ist.

Nein, Genosse, unser Standpunkt gegenüber diesen Fällen einer "reinen" Arbeiterregierung, wo der Riss zwischen diesen Arbeiterparteien und den bürgerlichen eine Spalte wird, ist wieder ganz klar und der Revolution vorteilhaft.

Die Möglichkeit ist da, dass wir so eine Regierung bestehen lassen. Sie kann notwendig, sie kann ein Fortschritt der Bewegung sein. Wenn dem so ist, wenn wir noch nicht weitergehen können, dann werden wir sie bestehen lassen, sie so scharf wie möglich kritisieren und sie durch eine kommunistische ersetzen, so bald wir können. Aber im Parlament und durch Wahlen dazu mitwirken, dass sie kommt, das werden wir, in der Revolution, in Westeuropa, nicht.

Und mitwirken werden wir nicht, weil in Westeuropa und in der Revolution die Arbeiter ganz allein stehen. Darum hängt hier alles, verstehen Sie, alles von ihrem Willen zur Tat, von ihrer Klarheit des Kopfes ab. Und weil Ihre Taktik, das Kompromisseln mit den Scheidemännern und Hendersons, mit den Crispiens und einigen Ihrer eigenen Anhänger – nennen Sie nur einen englischen Independenten oder opportunistischen Kommunisten des Spartakusbundes oder der BSP –, weil diese Ihre Taktik innerhalb und ausserhalb des Parlaments die Köpfe – hier in Westeuropa und in der Revolution verwirrt, weil sie die Arbeiter jemanden wählen lässt, von dem sie im voraus wissen, dass er ein Betrüger ist, während unsere Taktik sie klar macht, weil sie den Feind zeigt als Feind, darum wählen wir, sogar wenn wir in illegalen Zeiten darum eine Vertretung im Parlament verlieren müssen, und sogar wenn wir dadurch einmal einen "Riss" (im Parlament!!) nicht gebrauchen könnten, in Westeuropa, in unseren Umständen, unsere Taktik und verwerfen die Ihrige.

Ihr Rat ist auch hier wieder einer, der Unklarheit bringt und Illusionen weckt.

Aber dann die Mitglieder der sozialdemokratischen Parteien, der Unabhängigen, der Labour Party, der Independent Party? Diese müssen doch gewonnen werden?

Diese, die Arbeiter und die kleinbürgerlichen Elemente dieser Parteien, gewinnen wir, die Linke – in Westeuropa –, durch unsere Propaganda, unsere Versammlungen und Presse und besonders durch unser Beispiel, unsere Losung, unsere Tat in den Betrieben. In der Revolution. Diejenigen, die auf diese Weise, durch unsere Presse, durch die Tat, durch die Revolution nicht gewonnen werden, sind doch verloren und können zum Teufel gehen. Diese Sozialdemokraten, Unabhängigen, Arbeiter– und dergleichen Parteien in England und Deutschland bestehen aus Arbeitern und Kleinbürgern. Die ersten, die Arbeiter, können wir alle auf die Dauer gewinnen. Von den Kleinbürgern nur wenige, und sie sind, anders als die Kleinbauern, ökonomisch nicht sehr wichtig; diese wenigen kommen durch unsere Propaganda usw. zu uns. Die meisten – auf diese stützen sich besonders Noske und Konsorten – gehören zum Kapitalismus und scharen sich, je weiter die Revolution fortschreitet, um so mehr bis ans Ende um Ihn.

Aber, weil wir sie bei den Wahlen nicht unterstützen, sind wir darum von Arbeiterparteien, den Unabhängigen, den Sozialdemokraten, der Labour Party usw. abgeschnitten, ihnen feindlich? Im Gegenteil, wir suchen die Verbindungen mit ihnen, so viel wie möglich. Bei jeder Gelegenheit rufen wir sie zur gemeinsamen Aktion auf: zum Streik, zum Boykott, zum Aufstand, zum Strassenkampf und besonders zu den Arbeiterräten, zu den Betriebsräten. Wir suchen sie überall. Nur nicht mehr wie früher im Parlament. Sondern in der Werkstatt, in den Vereinen und auf der Strasse. Dort sind sie jetzt zu finden. Dort werden wir sie gewinnen. Das ist die neue Praxis, die der sozialdemokratischen folgt. Die kommunistische.

Sie, Genosse, wollen die Sozialdemokraten, Unabhängigen usw. ins Parlament und an die Regierung bringen, um zu zeigen, dass sie Betrüger sind. Sie wollen das Parlament gebrauchen, um zu zeigen, dass es nichts hilft.

Sie suchen die Arbeiter auf schlaue Art zu überlisten. Sie bringen sie in den Strick und lassen sie hängen. Wir helfen ihnen den Strick zu vermeiden. Wir tun dies, weil wir es hier können. Sie verfolgen die Taktik der Bauernvölker, wir die der industriellen. Dies ist kein Hohn und kein Spott. Ich glaube, dass der Weg bei Ihnen richtig war. Nur sollen Sie – weder in dieser kleinen Frage noch in den grossen der Gewerkschaften und des Parlamentarismus – uns nicht aufzwingen, was in Russland gut, aber hier verderblich ist.

Schliesslich muss ich noch eine Bemerkung machen: Sie sagen, und Sie haben dies öfters verteidigt, dass die Revolution in Westeuropa nur anfangen kann, nachdem diese niedrigen, dem Proletariat nahestehenden Klassen genügend erschüttert, neutralisiert oder gewonnen sind. Da ich nun gezeigt habe, dass sie nicht am Anfang der Revolution erschüttert, neutralisiert oder gewonnen werden können, so wäre, wenn Ihre Behauptung wahr wäre, die Revolution unmöglich. Diese Bemerkung wurde mir schon oft von Ihrer Seite, u. a. vom Genossen Sinowjew, gemacht. Aber glücklicherweise ist auch hier diese Ihre Behauptung, in dieser so äusserst wichtigen Frage, die über die Revolution entscheidet, falsch. Und auch diese beweist wieder, dass Sie alles nur vom osteuropäischen Standpunkt aus sehen. Dies werde ich im letzten Kapitel zeigen.

Hiermit habe ich, glaube, ich, bewiesen, dass Ihr zweites Argument für den Parlamentarismus zum übergrossen Teil opportunistischer Betrug ist und dass auch in dieser Hinsicht der Parlamentarismus jetzt durch eine andere Kampfesweise ersetzt werden soll, die nicht dessen Nachteile, sondern grössere Vorteile hat.

Ich gebe zu: In diesem Punkte kann Ihre Taktik einige Vorteile haben. Die Arbeiterregierung kann etwas Gutes, auch grössere Klarheit bringen. Auch in illegaler Zeit kann Ihre Taktik vorteilhaft sein. Wir erkennen das an. Aber gleich, wie wir früher zu den Revisionisten und Reformisten sagten: Wir stellen die Entwicklung des Selbstbewusstseins der Arbeiter über alles, sogar über kleinere Vorteile, so sagen wir jetzt zu Ihnen, Lenin, und Ihren "Rechten" Genossen: Wir stellen über alles das Wachsen der Massen Im Willen zur Tat. Wie seinerzeit zu jenem, so soll jetzt in Westeuropa zu diesem alles dienen. – Wir werden sehen, wer recht hat, die Linke oder Lenin. Ich zweifle keinen Augenblick. Wir werden Sie, wie Troelstra, Henderson, Renaudel und Legien, besiegen.

Ich komme jetzt zu Ihrem dritten Argument: den russischen Beispielen. Sie nennen sie wiederholt (auf Seite 1-97 kommen sie fortwährend vor). Ich habe sie mit der grössten Aufmerksamkeit gelesen, und wie ich sie früher schon bewunderte, bewundere ich sie jetzt. Immer stand ich mit Ihnen, von 1903 ab. Auch als ich Ihre Motive noch gar nicht kannte – die Verbindungen waren doch abgeschnitten –, wie beim Frieden von Brest-Litowsk, verteidigte ich Sie mit Ihren Motiven. Ihre Taktik war gewiss glänzend für Russland, und die Russen haben durch diese Taktik den Sieg errungen. Aber was beweist das für Westeuropa? Nach meinem Urteil nichts oder sehr wenig. Die Sowjets, die Diktatur des Proletariats, die Mittel zur Revolution und zum Aufbau nehmen wir an. Auch Ihre ausländische Taktik war – wenigstens bis jetzt – ein Beispiel für uns. Aber anders steht es mit Ihrer Taktik für die westeuropäischen Länder. Und das ist ganz natürlich.

Wie könnte die Taktik in Ost- und Westeuropa dieselbe sein? Russland, ein Land mit bei weitem überwiegender Landwirtschaft, aber mit einem industriellen Kapitalismus, der nur teilweise hochentwickelt war, und, im Vergleich zum Lande, nur sehr klein. Und zu einem sehr grossen Teil noch vom ausländischen Kapital genährt! In Westeuropa, und besonders in Deutschland und England, ist es gerade umgekehrt. – Bei Ihnen: Noch alle altmodischen Formen des Kapitals, vom Wucherkapital hinauf. Bei uns: Fast nur hochentwickeltes Bankkapital. Bei Ihnen: Gewaltige Reste der Feudalund Vorfeudalzeit und sogar aus der Zeit des Stammes und der Barbarei. Bei uns, besonders in England und Deutschland: Alles, Landwirtschaft, Handel, Verkehr, Industrie, im Banne des allerhöchst entwickelten Kapitalismus. Bei Ihnen enorme Reste der Leibeigenschaft, die armen Bauern und auf dem Lande ein versunkener Mittelstand. Bei uns sogar die armen Bauern noch in Verbindung mit der modernen Produktion, Verkehr, Technik und Tausch. In der Stadt und auf dem Lande der Mittelstand, auch der niedrigste, in direkter Verbindung mit den Grosskapitalisten. Sie haben noch Klassen, mit welchen das emporkommende Proletariat sich verbinden kann. Das Dasein dieser Klassen allein hilft schon. Dasselbe gilt natürlich von den politischen Parteien. Bei uns nichts von alledem.

Natürlich war darum das Kompromisseln, das Paktieren, nach allen Richtungen, wie Sie das so packend beschreiben, das Gebrauch machen von den Rissen, sogar zwischen den Liberalen und den Grundbesitzern, bei Ihnen gut. Bei uns ist es unmöglich. – Daher der Unterschied in der Taktik, im Osten und im Westen. Unsere Taktik passt sich unseren Verhältnissen an. Sie ist hier gleich gut wie die Ihrige in Ihren Verhältnissen.

Ich finde Ihre russischen Beispiele besonders auf Seite 12, 13, 26, 27, 37, 40, 51 und 52. Aber was auch diese Beispiele für die russische Gewerkschaftsfrage bedeuten (Seite 27), für die westeuropäische bedeuten sie nichts, da das Proletariat hier viel stärkere Waffen braucht. Was den Parlamentarismus betrifft, Ihre Beispiele sind entweder einer Zeit entnommen, wo die Revolution nicht da war (z. B. Seite 16, 26, 41, 51), und diese gelten also für die Frage, die wir hier behandeln, nicht, oder sie sind, da Sie die Parteien der armen Bauern und Kleinbürger gebrauchen, konnten, so verschieden von unseren Verhältnissen (Seite 12, 37, 40, 41, 51), dass sie für diese nichts bedeuten. (28)

Es kommt mir vor, Genosse, dass Ihr total falsches Urteil, die totale Falschheit Ihres Buches – und nicht weniger die mit Ihnen einverstandene Taktik der Exekutive in Moskau – nur daher rühren, dass Sie unsere Verhältnisse nicht genug kennen, oder besser gesagt, dass Sie aus Ihrer Kenntnis nicht die richtigen Folgerungen ziehen und sie zu sehr vom russischen Standpunkt beurteilen.

Das bedeutet aber – und es soll hier mit aller Schärfe wiederholt sein, denn das Wohl und Wehe des westeuropäischen Proletariats, des Weltproletariats, der Weltrevolution hängt hiervon ab –, dass weder Sie noch die Exekutive von Moskau, wenn Ihr bei dieser Taktik bleibt, imstande seid, die westeuropäische und dadurch die Weltrevolution zu führen.

Sie fragen: Könnt Ihr, die Ihr die Weit umformen wollt, nicht einmal eine Parlamentsfraktion formen?

Wir antworten: Dieses Buch von Ihnen selbst ist schon ein Beweis, dass, wer dies letztere versucht, sofort die Arbeiterbewegung auf falsche Wege, ins Verderben führt.

Das Buch spiegelt den Arbeitern von Westeuropa Illusionen, etwas Unmögliches vor: Kompromisse mit den Bürgerlichen in der Revolution.

Es gaukelt ihnen etwas nicht Bestehendes vor: dass die Bürgerlichen in Westeuropa in der Revolution gespalten sind. Es spiegelt ihnen vor, dass ein Kompromiss mit den Sozial-Patrioten und schwankenden (!) Elementen im Parlament hier Gutes bringen kann, während es fast nichts als Unheil bringt.

Ihr Buch ist das Zurückführen des westeuropäischen Proletariats in den Morast, aus dem es mit allergrösster Mühe nicht entkommen ist, sondern zu entkommen anfängt.

Es führt uns zurück in den Morast, in den Scheidemann, Clynes, Renaudel, Kautsky, MacDonald, Longuet, Vandervelde, Branting und Troelstra uns gebracht haben. (Es kann nichts anderes als grosse Freude bei diesen hervorbringen, wie auch bei den Bürgerlichen, wenn sie es verstehen.) Das Buch ist für das kommunistische revolutionäre Proletariat, was Bernsteins Buch für das vorrevolutionäre war. Es ist Ihr erstes nicht gutes Buch. Für Westeuropa ist es das schlechtest mögliche.

Wir, Genossen der "Linken", müssen uns fest zusammenschliessen, von unten alles zusammen anfangen und die schärfste Kritik üben an allen, die in der dritten Internationale den richtigen Weg nicht gehen. (29)

Wenn ich jetzt aus allen diesen Ausführungen über den Parlamentarismus den Schluss ziehe, so muss er also lauten: Ihre drei Argumente für den Parlamentarismus bedeuten entweder sehr wenig oder sie sind falsch. Und ganz wie in der Gewerkschaftsfrage ist Ihre Taktik auch in diesem Punkte unheilvoll für das Proletariat.

4. Der Opportunismus in der Dritten Internationale

Die Frage des Opportunismus in unseren eigenen Reihen ist von so grosser Bedeutung, dass ich über sie noch ausführlicher sprechen will.

Genosse! Mit der Errichtung der dritten Internationale ist auch bei uns der Opportunismus nicht gestorben. Wir sehen ihn schon in allen kommunistischen Parteien, in allen Ländern. Es würde ein Mirakel sein und allen Gesetzen der Entwicklung widersprechen, wenn dasjenige, wodurch die zweite Internationale starb, nicht in der dritten fortlebte!

Im Gegenteil, wie in der zweiten Internationale der Kampf zwischen Anarchismus und Sozialdemokratie ausgefochten wurde, so wird der zwischen Opportunismus und revolutionärem Marxismus ausgefochten werden in der dritten.

Kommunisten werden auch jetzt wieder ins Parlament gehen, um Führer zu werden. Gewerkschaften und Arbeiterparteien werden unterstützt werden, um Stimmen bei Wahlen zu bekommen. Statt dass Parteien gegründet werden für den Kommunismus, wird der Kommunismus gebraucht werden, um Parteien zu gründen. Schlechte parlamentarische Kompromisse mit Sozialpatrioten und Bürgerlichen werden wieder in Brauch kommen, da doch die Revolution in Westeuropa eine langsame sein wird. Die Freiheit des Wortes wird unterdrückt werden und gute Kommunisten werden ausgestossen werden. Kurz, die Praktiken der zweiten Internationale werden wieder aufleben.

Dagegen muss die Linke aufstehen, zum Kampf dagegen muss sie da sein, wie sie das in der zweiten Internationale war. Die Linke muss darin von allen Marxisten und Revolutionären unterstützt werden, auch wenn sie meinen, dass sie im einzelnen irrt. – Denn der Opportunismus ist unser grösster Feind. Nicht wie Sie (Seite 13) sagen, nur ausserhalb, sondern in unseren Reihen.

Tausendmal schlimmer, dass der Opportunismus mit seinen verheerenden Folgen für die Seele und die Kraft des Proletariats sich Wieder einschleicht, als dass die Linke zu radikal auftritt. Die Linke, auch wenn sie einmal zu weit geht, bleibt immer revolutionär. Die Linke wird ihre Taktik ändern, sobald sie sieht, dass diese nicht richtig ist. Die opportunistische Rechte wird immer opportunistischer werden, immer mehr im Morast versinken, immer mehr die Arbeiter verderben. Nicht umsonst haben wir das im 25jährigen Kampf erlebt. Der Opportunismus ist die Pest der Arbeiterbewegung, der Tod der Revolution. Durch den Opportunismus kam alles Üble, der Reformismus, der Krieg, die Niederlage, der Tod der Revolution in Ungarn und Deutschland. Der Opportunismus ist die Ursache unseres Untergangs. Und er ist da, in der dritten Internationale.

Was brauche ich viele Worte? Sehen Sie um sich, Genosse. Ach, sehen Sie in sich selbst und ins Exekutivkomitee! Sehen Sie in alle Länder Europas.

Lesen Sie die Zeitung der British Socialist Party, jetzt die der Kommunistischen Partei. Lesen Sie zehn, zwanzig Exemplare dieser Zeitung, lesen Sie die schwache Kritik an den Gewerkschaften, der Labour Party, den Parlamentsmitgliedern, und legen Sie diese neben die Zeitung der "Linken". Vergleichen Sie die Zeitung der Partei, die zur Labour Party gehört, mit dieser, die sie bekämpft, und Sie werden wissen, dass der Opportunismus in grossen Massen sich der dritten Internationale naht. Um wieder (durch Unterstützung der konterrevolutionären Arbeiter) Macht zu bekommen im Parlament. Macht! ... nach dem Muster der zweiten Internationale. – Bedenken Sie auch, daß die USP bald in die dritte Internationale kommen wird – und bald zahlreiche andere Parteien vom Zentrum! Glauben Sie, dass, wenn Sie diese Parteien zwingen, Kautsky, Thomas usw. usw. auszustossen, nicht eine Unmenge, zehntausende andere Opportunisten kommen? Die ganze Massregel dieses Ausstossens ist kindisch. Eine ungezählte Masse von Opportunisten naht. (30) Besonders nach dieser Ihrer Broschüre.

Sehen Sie die die holländische Kommunistische Partei, einmal die Bolschewiki von Westeuropa genannt. Und auch, nach den Verhältnissen gerechnet, mit Recht. Lesen Sie die Broschüre über die holländische Partei, wie sie gänzlich schon vom Opportunismus der zweiten Internationale korrumpiert ist. Sie hat sich während des Krieges und nachher, und sogar jetzt noch, der Entente ergeben. Sie, die einmal so glänzend war, ist ein Muster von Zweideutigkeit und Betrug geworden.

Aber sehen Sie doch nach Deutschland, Gemesse, nach dem Lande, wo die Revolution entbrannt ist. Dort haust und wächst der Opportunismus. Mit Staunen hörten wir, dass Sie die Haltung der KPD während der Märztage unterstützten. Aber glücklicherweise sahen wir aus Ihrer Broschüre, dass Sie den Gang der Ereignisse nicht kannten. Sie billigten wohl die Haltung der KPD-Zentrale, die Ebert, Scheidemann, Hilferding, Crispien loyale Opposition anbot, aber Sie wussten augenscheinlich, als Sie die Broschüre schrieben, noch nicht, dass dies im selben Moment geschah, in dem Ebert die Truppen gegen das deutsche Proletariat sammelte, wo der Generalstreik noch in grossen Teilen Deutschlands allgemein war und die grosse Mehrheit der kommunistischen Masse die Revolution, wenn nicht zum Siege (dies war vielleicht noch unmöglich), aber doch zu höherer Kraft zu bringen versuchte. Indem die Masse mit Streiks und bewaffnetem Aufstand die Revolution weiterführte (es hat noch nichts so Gewaltiges und Hoffnungsvolles gegeben als den Aufstand im Ruhrgebiet und den allgemeinen Streik), boten die Führer parlamentarische Kompromisse an. (31) Damit unterstützten sie Ebert gegen die Revolution im Ruhrgebiet. Wenn es je ein Beispiel gegeben hat, wie verflucht der Gebrauch des Parlamentarismus in der Revolution, in Westeuropa sein kann, dann ist es dieses. Sehen Sie, Genosse, das ist der parlamentarische Opportunismus, das ist der Kompromiss mit den Sozialpatrioten und den Unabhängigen, den wir nicht wollen und den Sie in die Wege leiten!

Und, Genosse, was ist, schon jetzt, aus den Betriebsräten geworden in Deutschland? Sie und die Exekutive und die dritte Internationale hatten den Kommunisten geraten, hineinzugehen mit allen anderen Richtungen, damit sie die Führung der Gewerkschaften bekamen. Und was ist geschehen? Das Umgekehrte. Die Betriebsrätezentrale ist schon fast zu einem Werkzeug der Gewerkschaften geworden! Die Gewerkschaften sind ein Oktopus, der alles Lebendige, das in seinen Bereich kommt, erwürgt.

Genosse, lesen, untersuchen Sie selbst alles, was in Deutschland, in Westeuropa geschieht, und ich habe alle Hoffnung, dass Sie zu uns herüberkommen werden. So wie ich auch denke, dass die Erfahrung die dritte Internationale zu unserer Taktik bringen wird.

Aber, wenn der Opportunismus so in Deutschland geht, wie wird er dann in Frankreich und England gehen!

Sehen Sie, Genosse, das sind die Führer, die wir nicht wollen. Das ist die Einheit von Masse und Führer, die wir nicht wollen. Und das ist die eiserne Disziplin, der militärische Kadavergehorsam, die wir nicht wollen.

Ein Wort sei hier zum Exekutivkomitee und in ihm speziell zu Radek gesagt: Das Exekutivkomitee hat die Stirn gehabt, von der KAPD zu fordern, dass sie Wolffheim und Laufenberg ausstiess, statt diese, Frage ihr zu überlassen. Es hat die KAPD mit Drohungen empfangen und die Zentrumsparteien, wie die USP, umschmeichelt. Aber es hat von der italienischen Partei nicht gefordert, dass sie die Sozialpatrioten hinauswirft! Es hat von der KPD nicht gefordert, dass sie die Zentrale hinauswirft, die durch ihr Angebot mitverantwortlich ist für, das Niederkartätschen der Kommunisten im Ruhrgebiet. Es hat von., der holländischen Partei nicht gefordert, dass sie Wynkoop und van, Ravesteyn hinauswirft, die im Kriege der Entente holländische Schiffe, angeboten haben. Das bedeutet nicht, dass ich wollte, dass diese Genossen hinausgeworfen würden. Nein, ich halte alle diese Genossen für gute Genossen, die nur geirrt haben, weil die Entwicklung, der Anfang der westeuropäischen Revolution so schrecklich schwierig ist. Wir, wie alle hier, werden noch viele grosse Fehler machen. Ausserdem würde das Hinauswerfen jetzt in dieser Internationale nichts helfen.

Ich weise nur darauf hin, um noch wieder mit einem neuen Beispiel zu zeigen, wie sehr der Opportunismus schon in unseren eigenen.., Reihen wütet. Denn die Moskauer Zentrale hat nur darum diese Ungerechtigkeit gegen die KAPD begangen, weil sie für ihre opportunistische Welttaktik die wirklich Revolutionären nicht wollte, sondern die opportunistischen Unabhängigen usw. Sie hat die Taktik von Wolffheim und Laufenberg, obschon sie wussten, dass die KAPD damit nicht einverstanden war, absichtlich gegen die KAPD gebraucht. Nur aus den elendsten opportunistischen Gründen. Weil sie, wie die Gewerkschaften, so die politischen Parteien, weil sie Massen um sich haben will, seien sie kommunistisch oder nicht.

Zwei andere Taten der dritten Internationale beweisen auch deutlich, wohin sie geht. Die erste ist die Absetzung des Amsterdamer Büros, der einzigen Gruppe revolutionärer Marxisten und Theoretiker in Westeuropa; die nie gewankt hat. Die zweite, fast noch schlimmere, ist die Behandlung der KAPD, der einzigen Partei in Westeuropa, die, als Organisation, als Ganzes, von ihrem Entstehen an bis jetzt, die Revolution geführt hat, wie sie geführt werden soll. Indem die Zentrumsparteien, die Unabhängigen, das französische und englische Zentrum, die die Revolution immer verraten haben, mit allen Mitteln gelockt wurden, wurde die KAPD, die wirkliche revolutionäre Partei, wie ein Feind behandelt. – Das sind schlechte Zeichen, Genosse.

Mit einem Wort: Die zweite Internationale lebt noch, oder wieder, unter uns. Und ins Verderben führt der Opportunismus. Und weil er dahin führt und weil er unter uns ist, stark, sehr stark, stärker, als ich je geträumt hätte, darum muss die Linke da sein. Auch wenn die anderen guten Gründe für ihr Dasein nicht bestünden, müsste sie da sein als Opposition, als Gegengewicht gegen den Opportunismus.

Ach, Genosse, wenn Sie die Taktik der "Linken" in der dritten Internationale befolgt hätten, die nichts anderes ist als die "reine" Taktik der Bolschewiki in Russland, aber dann den westeuropäischen (und nordamerikanischen) Verhältnissen angepasst!

Wenn Sie als Forderungen und Statuten für die dritte Internationale vorgestellt und durchgeführt hätten die ökonomische Organisation in Betriebsorganisationen und Arbeiter-Unionen (in welchen industrielle Verbände, auf den Betrieben fussend, wenn nötig, eingefügt hätten werden können) und die politische Organisation in Parteien mit Verwerfung des Parlamentarismus!

Dann hätten Sie erstens in allen Ländern feste, absolut feste Kerne, Parteien, bekommen, die die Revolution wirklich ausführen könnten. Die durch ihr eigenes Beispiel in ihrem eigenen Lande und nicht durch Drang von aussen die Massen allmählich um sich gesammelt haben würden. Dann würdet Ihr ökonomische Organisationen bekommen haben, die die konterrevolutionären Gewerkschaften (syndikalistische und freie) zerschmettert haben würden.

Und dann würdet Ihr mit einem Schlag allen Opportunisten den Weg abgeschnitten haben. Denn diese haben nur dort etwas zu suchen, wo Mogelei mit der Konterrevolution zu finden ist.

Dann hättet Ihr aber auch – und das ist bei weitem die Hauptsache die Arbeiter in sehr hohem Maasse, soweit das jetzt in diesem Stadium möglich ist, zu selbständigen Kämpfern gemacht.

Wenn Sie, Lenin, und Sie, Sinowjew, Bucharin und Radek, dies getan, diese Taktik gewählt hätten, mit Ihrer Autorität und Erfahrung, mit Ihrer Kraft und Ihrem Genius, und Ihr hättet uns geholfen, um die Fehler, die uns noch anhaften und die auch in unserer Taktik noch sind, auszumerzen, dann würden wir eine dritte Internationale bekommen haben, innerlich vollkommen fest, äusserlich unerschütterlich, die durch ihr Beispiel allmählich das ganze Proletariat der Weit um sich gesammelt und den Kommunismus errichtet hätte.

Sicher, es gibt keine Taktik ohne Niederlagen. Aber sie würde die wenigsten erlitten und sich am leichtesten wieder aufgerichtet haben, sie würde den kürzeren Weg gegangen sein und den schnellsten, sichersten Sieg errungen haben. Die Ihrige führt zu langdauernden Niederlagen des Proletariats.

Aber Ihr habt dies nicht gewollt, weil Ihr sofort, statt bewusste entschlossene Kämpfer, teilweise oder ganz unbewusste Massen wolltet.

5. Schluss

Es bleibt mir übrig, etwas zu sagen über Ihr letztes Kapitel: "Schlussfolgerungen", vielleicht das wichtigste Ihres ganzen Buches. Mit Entzücken habe ich es wieder gelesen, als ich dabei an die russische Revolution dachte. Aber immer und immer musste ich wieder denken: Die Taktik, für Russland glänzend, ist hier schlecht. Sie führt hier zur Niederlage.

Sie führen hier aus, Genosse (Seiten 68-74), dass in einem gegebenen Stadium der Entwicklung die Massen herangezogen werden müssen, die Millionen und Abermillionen. Nicht genügt dann mehr die Propaganda für den "reinen" Kommunismus, die die Vorhut sammelte und erzog. Jetzt gilt es ... und dann folgen wieder Ihre opportunistischen Methoden, die ich schon bekämpft habe: das Gebrauchmachen von den "Rissen", von den kleinbürgerlichen Elementen usw.

Genosse, auch dieses ganze Kapitel ist falsch. Sie urteilen als Russe, nicht als internationaler Kommunist, der den wirklichen, den westeuropäischen Kapitalismus kennt.

Fast jedes Wort dieses für die Erkenntnis Ihrer Revolution so wunderschönen Kapitels ist für den grossindustriellen Kapitalismus, den Kapitalismus der Trusts und Monopole, unrichtig.

Ich werde dies jetzt zeigen. Erst in kleinen Dingen.

Sie schreiben über den Kommunismus in Westeuropa: "Die Vorhut des westeuropäischen Proletariats ist gewonnen" (Seite 70). Das ist falsch, Genosse. "Die Zeit der Propaganda ist vorüber" (Seite 69). Das ist unwahr. "Die proletarische Avantgarde ist ideell erobert." Das ist falsch, Genosse. Das steht auf einer Linie (und kommt aus demselben Geisteszustand hervor), als was ich von Bucharin kürzlich las: "Der englische Kapitalismus ist bankerott." Auch von Radek las ich dergleichen Phantasien, die mehr der Astrologie als der Astronomie ähnlich waren.– Nichts von alledem ist wahr. Es gibt, ausser in Deutschland, nirgends noch eine wirkliche Vorhut. Weder in England, Frankreich und Belgien, noch in Holland, noch, wenn ich gut unterrichtet bin, in den meisten skandinavischen Ländern. Es gibt nur einige Eclaireurs, die untereinander über den zu befolgenden Weg noch uneinig sind. (32) Eine fürchterliche Unwahrheit ist: "Die Zeit der Propaganda ist vorüber."

Nein, Genosse, diese Zeit fängt für Westeuropa eben an. Es gibt noch nirgends einen festen, Kern.

Was wir hier brauchen, ist eben ein Kern, fest wie Stahl, heil wie Kristall. Und damit muss man anfangen, um damit eine grosse Organisation aufzubauen. Wir sind hier in dieser Hinsicht im Stadium, in dem Sie 1903 waren, oder sogar noch etwas früher, in der Zeit der Iskra. Genosse, die Umstände, die Verhältnisse sind hier viel reifer als wir, aber darum sollen wir uns doch nicht hinreissen lassen, ohne Kern anzufangen!

Wir hier in Westeuropa, die kommunistischen Parteien in England, Frankreich, Belgien, Holland, Skandinavien, Italien, ja sogar die KAPD in Deutschland, müssen jetzt erst noch klein bleiben, nicht weil wir das so sehr lieben, sondern weil wir sonst nicht kräftig werden können.

Ein Beispiel: Belgien. Es gibt (ausser in Ungarn vor der Revolution) kein so vom Reformismus korrumpiertes Proletariat wie dort. Wenn der Kommunismus dort jetzt zur Massenbewegung würde (mit Parlamentarismus usw.), dann würden sich sofort die Aasgeier, die Streber usw., der ganze Opportunismus, auf ihn stürzen und ihn ins Verderben schleppen. Und so steht es überall.

Darum, weil die Arbeiterbewegung hier sehr schwach und noch fast ganz im Opportunismus befangen ist, weil der Kommunismus noch fast nichts ist, darum müssen wir einen kleinen Kern formen und kämpfen (in den Fragen des Parlamentarismus und der Gewerkschaften und in allen anderen) bis zur äussersten Hellheit und Klarheit, bis zum äussersten theoretisch klar.

Also eine Sekte? sagt das Exekutivkomitee. Gewiss, eine Sekte, wenn Ihr mit diesem Namen den Kern einer die Welt erobernden Bewegung andeuten wollt!

Genosse, Ihre Bewegung der Bolschewiki war auch einmal klein und nichtig. Dadurch, dass sie klein war, blieb und bleiben wollte, längere Zeit, hielt sie sich rein. Und dadurch, nur dadurch wurde sie mächtig. So wollen wir es auch machen.

Das ist eine ausserordentlich wichtige Frage. Davon hängt nicht nur die westeuropäische, sondern auch die russische Revolution ab. Seien Sie vorsichtig, Genosse! Sie wissen, dass Napoleon, als er den modernen Kapitalismus über Europa verbreiten wollte, schliesslich zugrunde ging und der Reaktion Platz machte, als er dahin kam, wo nicht nur zuviel Mittelalter, sondern besonders noch zu wenig Kapitalismus war.

Diese Ihre kleineren Behauptungen sind unwahr. Ich komme jetzt zu den grösseren, zu dem wichtigsten von allem, was Sie sagen: dass jetzt die Zeit gekommen ist, um ohne Propaganda für den "reinen" Kommunismus die Millionen heranzuziehen durch die von Ihnen beschriebene opportunistische Politik. Genosse, auch wenn Sie recht hätten mit den kleinen Dingen, wenn die kommunistischen Parteien hier wirklich schon kräftig genug wären, dann wäre dies doch von A bis Z falsch.

Die reine Propaganda für den neuen Kommunismus, wie ich schon oft sagte, bleibt hier in Westeuropa von Anfang bis zum Ende der Revolution notwendig. Denn (diese Sache ist so wichtig, dass sie immer wiederholt werden muss) es sind die Arbeiter, die Arbeiter allein, die den Kommunismus bringen müssen. Von anderen Klassen haben sie (in bedeutendem Maasse) bis zum Ende der Revolution nichts zu erwarten.

Sie sagen (Seite 72): Die Zeit der Revolution ist gekommen, wenn wir die Vorhut haben und wenn 1. alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in Verwirrung geraten sind, sich genügend untereinander verzankt haben, genügend durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, geschwächt sind; 2. alle schwankenden, unsicheren Zwischenelemente, d. h. das Kleinbürgertum, die kleinbürgerliche Demokratie, vor dem Volke genügend entlarvt sind, sich durch ihren Bankerott genügend blossgestellt haben.

Wohlan, Genosse, das ist russisch. Im verlotterten russischen Staatskörper waren das die Bedingungen der Revolution.

Aber in den modernen, wirklich grosskapitalistischen Staaten werden die Bedingungen ganz andere sein. Dem Kommunismus gegenüber werden die grossbürgerlichen Parteien zusammenhalten, nicht in Verwirrung geraten, und die kleinbürgerliche Demokratie wird sich zu ihnen halten.

Dies ist nicht absolut, aber doch so, dass es unsere Taktik bestimmen soll.

Wir haben in Westeuropa eine Revolution zu erwarten, die von beiden Seiten ein fest entschlossener Kampf ist, fest organisiert von der Seite des Bürgertums und des Kleinbürgertums. Die gewaltigen Organisationen des Kapitalismus und der Arbeiter beweisen dies.

Die wir also auch mit den besten Waffen, den besten Organisationsformen, den besten, stärksten Kampfmitteln (nicht mit schwachen) organisieren müssen.

Hier, nicht in Russland, wird der wirkliche Kampf zwischen Kapital und Arbeit stattfinden. Weil hier das wirkliche Kapital ist.

Genosse, wenn Sie denken, dass ich (aus Sucht zur theoretischen Reinheit) übertreibe, sehen Sie nach Deutschland. Da ist ein total bankerotter, fast hoffnungsloser Staat. Aber alle Klassen, gross- und kleinbürgerliche, gross- und kleinbäuerliche, halten fest zusammen gegen den Kommunismus. So wird es überall bei uns sein.

Freilich, ganz am Ende der Entwicklung, der Revolution, wenn die fürchterlichste Krise da ist, wenn wir dem Siege ganz nahe sind, dann wird die Einheit der bürgerlichen Klassen, vielleicht, verschwinden und einige kleinbürgerliche und kleinbäuerliche zu uns kommen. Aber was hilft uns das? Wir haben unsere Taktik zu bestimmen für den Anfang und für den Gang der Revolution.

Weil dem so ist und dem so sein muss (durch die Klassenverhältnisse und besonders die Produktionsverhältnisse), darum steht das Proletariat allein.

Weil es allein steht, kann es nur siegen, wenn es geistig gewaltig an Kraft zugenommen hat.

Und weil es so allein siegen kann, ist die Propaganda des "reinen" Kommunismus (ganz anders als in Russland) hier bis zum Ende notwendig.

Ohne diese Propaganda geht das westeuropäische und dadurch auch das russische Proletariat, das Weltproletariat, zugrunde.

Wer also hier, in Westeuropa, wie Sie das tun, die Kompromisse, die Bündnisse mit den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Elementen, kurz, den Opportunismus will, hier, in Westeuropa – der geht Illusionen statt Realitäten nach, der verführt das Proletariat, der (Ich gebrauche hier dasselbe Wort, das Sie der Amsterdamer Kommission gegenüber gebraucht haben) verrät damit das Proletariat.

Und dasselbe gilt von der Exekutive in Moskau.

Indem ich die letzten Seiten schrieb, kam die Nachricht, dass die Internationale Ihre Taktik und die der Exekutive angenommen hat. Die westeuropäischen Abgeordneten haben sich vom Glanze der russischen Revolution blenden lassen. Wohlan, wir werden also den Kampf in der dritten Internationale aufnehmen.

Genosse, wir, d.h. Ihre alten Freunde Pannekoek, Roland Holst, Rutgers und ich, wie Sie treuere nicht haben könnten, haben uns, als wir Ihre westeuropäische Taktik kennenlernten, gefragt, was doch die Ursache sei. Es gab sehr verschiedene Meinungen. Der eine sagte: Der ökonomische Zustand Russlands ist so schlecht, dass es vor allem Frieden braucht. Daher will Genosse Lenin eine so groß als mögliche Macht: Unabhängige, Labour Party usw., in Europa sammeln, die ihm hilft, Frieden zu bekommen. Der andere sagte: Er will die allgemeine europäische Revolution in Europa beschleunigen. Daran müssen die Millionen mittun. Daher der Opportunismus.

Ich selbst glaube, wie ich gesagt habe, dass Sie die europäischen Verhältnisse missverstehen.

Aber wie dem auch sei, Genosse, aus welchen Gründen Sie auch handeln, Sie werden die furchtbarste Niederlage erleiden und das Proletariat zu den fürchterlichsten Niederlagen führen, wenn Sie mit dieser Taktik weitergehen.

Denn, wenn Sie Russland, die russische Revolution retten wollen, dann sammeln Sie mit dieser Taktik auch die nichtkommunistischen Elemente. Diese vereinigen Sie mit uns, den wirklichen Kommunisten, während wir noch nicht einmal einen festen Kern haben! Mit diesem Sammelsurium von toten Gewerkschaften, mit einer Masse von halb-, viertel-, achtel- und gar nicht Kommunisten, in welchen ein guter Kern fehlt, wollen Sie kämpfen gegen das höchstorganisierte Kapital der Welt, mit weichem alle nichtproletarischen Klassen verbunden sind. Es ist selbstverständlich, dass dann in der Schlacht das Sammelsurium auseinanderfällt und die grosse Masse flüchtet.

Genosse, eine zerschmetternde Niederlage, z.B. des deutschen Proletariats, ist das Signal für eine allgemeine Attacke auf Russland.

Wenn Sie die Revolution hier machen wollen, mit diesem Brei von Labour Party und Unabhängigen, französischem Zentrum und italienischer Partei usw. und diesen Gewerkschaften, dann wird es nicht anders gehen.

Die Regierungen werden einen solchen opportunistischen Haufen nicht einmal fürchten.

Wenn Sie aber innerlich feste, radikale Gruppen, feste (wenn auch kleine) Parteien bilden, dann werden, da allein diese die Massen in der Revolution zu grossen Taten hinreissen – wie der Spartakusbund in seinem Anfang zeigte –, die Regierungen diese Parteien fürchten, sie werden Russland freilassen müssen, und endlich wird, wenn die Parteien auf diese "reine" Weise mächtig gewachsen sind, der Sieg kommen. Diese unsere "linke" Taktik ist also, wie für uns, so für Russland, die beste, nein, die einzig rettende.

Jene Ihrer Taktik dagegen ist russisch. Sie war ausgezeichnet in einem Lande, wo ein Millionenheer von armen Bauern bereitstand und ein versunkener Mittelstand fortwährend schwankte. Hier taugt sie nichts.

Hier muss ich nun endlich Ihre Behauptung und diejenige vieler Ihrer Mitkämpfer widerlegen, über welche ich schon im dritten Kapitel sprach: dass nämlich die Revolution in Westeuropa erst beginnen kann, nachdem die niedrigen, die demokratischen Schichten des Kapitalismus genügend erschüttert, neutralisiert oder gewonnen sind. Auch diese Behauptung in dieser für die Revolution so allerwichtigsten Frage beweist, dass Sie alles nur vom osteuropäischen Standpunkt aus sehen. Und sie ist falsch.

Denn das Proletariat ist in Deutschland und England so zahlreich, so mächtig durch seine Organisation, dass es die Revolution, ihren Anfang und ihren Lauf, auch ohne und gegen diese Klassen machen kann. Ja, machen muss, wenn es so sehr, wie in Deutschland, leidet. Und es kann es, wenn es nur die richtige Taktik befolgt. Wenn es nur seine Organisationen auf den Betrieben basiert, und wenn es nur den Parlamentarismus verwirft. Wenn es nur die Arbeiter auf diese Weise kräftig macht!

Wir Linken wählen unsere Taktik also nicht nur aus allen den Gründen, die ich angeführt habe, sondern besonders auch, weil das westeuropäische, besonders das deutsche und englische Proletariat, allein, auf sich gestellt, wenn es zum Bewusstsein, zur Einheit kommt, so stark ist, eine so gewaltige Kraft hat, dass es auf diesem einfachen Wege siegen kann. Das russische Proletariat musste auf Umwegen gehen, weil es allein zu schwach war, und es ist sie auf eine glänzende, alles, was das Weltproletariat je geleistet hatte, weit überragende Art gegangen. Aber das westeuropäische Proletariat kann auf geradem, klarem Wege siegen.

Damit ist auch diese Ihre Behauptung und diejenige Ihrer Mitkämpfer widerlegt.

Es gibt nun noch ein Argument zu widerlegen, das ich so oft bei den "rechten" Kommunisten gelesen habe, das ich vom russischen Gewerkschaftsführer Losowski hörte und das auch bei Ihnen vorkommt: "Die Krise wird die Massen zum Kommunismus treiben, auch wenn man die schlechten Gewerkschaften und den Parlamentarismus beibehält." Dies ist ein sehr schwaches Argument. Denn wir wissen gar nicht, wie gross diese kommende Krise sein wird. Wird sie in England und Frankreich so tief werden wie jetzt in Deutschland? Zweitens hat dies Argument (das "mechanische" Argument der zweiten Internationale) seine Schwäche in den letzten sechs Jahren bewiesen. Die Not in Deutschland war furchtbar in den letzten Kriegsjahren. Die Revolution kam nicht. Sie war furchtbar in 1918 und 1919. Die Revolution siegte nicht. Furchtbar war und ist die Krise in Ungarn, Österreich, den Balkanländern, Polen. Die Revolution kam nicht oder siegte nicht, auch nicht, als die russischen Armeen ganz nahe waren. Aber drittens kehrt das Argument sich gegen Sie selbst, denn, wenn die Krise doch zur Revolution triebe, dann könnte man die bessere "linke" Taktik schon annehmen.

Aber die Beispiele von Deutschland, Ungarn, Bayern, Österreich, Polen, den Balkanländern beweisen, dass Krise und Not nicht genügen. Die fürchterlichste ökonomische Krise ist da – und doch kommt die Revolution nicht. Es muss noch eine andere Ursache sein, die die Revolution zustande bringt, und die, wenn sie nicht wirkt, sie ausbleiben oder fehlschlagen lässt. Diese Ursache ist der Geist der Masse. Und es ist Ihre Taktik, Genosse, die den Geist der Masse in Westeuropa nicht genügend zum Leben bringt, nicht genügend kräftig macht, der ihn lässt, so wie er war. Im Laufe dieses Schreibens habe ich gezeigt, dass das Bankkapital, der Trust, das Monopol und der von ihnen gebildete und abhängige westeuropäische (und nordamerikanische) Staat, alle bürgerlichen Klassen, die grossbürgerlichen und kleinbürgerlichen, zu einer Einheit gegen die Revolution vereinigt. Aber diese die Gesellschaft und den Staat gegen die Revolution einigende Kraft geht noch weiter. Das Bankkapital hat die Arbeiterklasse selbst in der vergangenen Periode, in der Periode der Evolution, gegen die Revolution erzogen, vereinigt und organisiert. Und wie? In den Gewerkschaften (syndikalistischen und freien) und in den sozialdemokratischen Parteien. Indem das Kapital diese zwang, nur für Verbesserungen zu kämpfen, machte es Gewerkschaften und Arbeiterparteien zu Staat und Gesellschaft erhaltenden, zu konterrevolutionären Mächten. Gewerkschaften und Arbeiterparteien wurden durch das Grosskapital zu Stützen des Kapitals. Da diese aber aus Arbeitern, fast schon aus ihrer Mehrheit, bestehen und die Revolution nicht ohne diese Arbeiter gemacht werden kann, müssen diese Organisationen erst zerschlagen werden, auf dass die Revolution gelinge. Und wie werden sie zerschlagen? Durch die Veränderung ihres Geistes. Und ihren Geist ändert man nur dadurch, dass man den Geist der Mitglieder im höchstmöglichen Maasse unabhängig macht. Und dies geschieht nur dadurch, dass man die Gewerkschaften ersetzt durch Betriebsorganisationen und Arbeiter-Unionen und in den Arbeiterparteien den Parlamentarismus nicht mehr gebraucht. Und das verhindert Ihre Taktik.

Gewiss: der deutsche, der französische, der italienische Kapitalismus ist bankrott. Oder genauer gesagt: diese kapitalistischen Staaten sind bankrott. Die Kapitalisten selbst, ihre ökonomischen und politischen Organisationen, halten sich, und ihre Gewinne, Dividende und neuen Kapitalanlagen sind sogar enorm. Aber nur: durch Vermehrung des Papierumlaufs durch den Staat. Fällt der deutsche, französische, italienische Staat, dann fallen auch die Kapitalisten.

Mit eiserner Notwendig naht die Krise. Steigen die Preise, dann steigen die Wellen der Streiks; fallen sie, dann nimmt das Heer der Arbeitslosen zu. Die Not steigt in Europa, und der Hunger kommt. Ausserdem ist die Welt voll neuen Zündstoffs. Der Konflikt, die neue. Revolution kommt heran. Aber wie wird sie enden? Der Kapitalismus ist noch mächtig. Deutschland, Italien, Frankreich, Osteuropa sind noch nicht die Weit. Und der Kapitalismus wird in Westeuropa, in Nordamerika, in den englischen Dominions alle Klassen noch lange Zeit zusammenhalten gegen das Proletariat. – Das Ende hängt also zu einem sehr grossen Teil von unserer Taktik und von unserer Organisation ab. Und Ihre Taktik ist unrichtig.

Es gibt hier in Westeuropa nur eine Taktik: die der "Linken", die dem Proletariat die Wahrheit sagt und ihm keine Illusionen vorgaukelt. Die, wenn es auch lange Zeit dauern wird, die kräftigsten, nein, die allein kräftigen Waffen schmiedet: die Betriebsorganisationen (und diese zu einem Ganzen vereinigt) und die im Anfang kleinen, aber reinen und festen Kerne, die Kommunistischen Parteien. Und die diese beiden Organisationen dann über das ganze Proletariat ausbreitet.

Dies muss hier so sein, nicht weil wir "Linken" das so wollen, sondern weil die Produktionsverhältnisse, die Klassenverhältnisse das so gebieten.

Zum Schlusse meiner Ausführungen gekommen, will ich sie jetzt noch in einige übersichtliche Formeln zusammenstellen, damit die Arbeiter selbst alles ganz klar sehen.

Es ergibt sich erstens aus ihnen, glaube ich, ein klares' Bild der Ursachen unserer Taktik und der Taktik selbst: Das Bankkapital beherrscht die westeuropäische Welt. Es hält ideologisch und materiell das riesenhafte Proletariat in tiefster Sklaverei und einigt alle bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen. Daraus folgt die Notwendigkeit, dass die riesenhaften Massen sich erheben zur Selbsttätigkeit. Diese ist nur möglich durch Betriebsorganisation und Aufhebung des Parlamentarismus – in der Revolution.

Ich werde hier zweitens, damit der Unterschied zwischen Ihrer Taktik und derjenigen der dritten Internationale einerseits und derjenigen der "Linken" ganz und gar deutlich hervortrete, und damit die Arbeiter, wenn Ihre Taktik, wie höchstwahrscheinlich ist, zu den grössten Niederlagen führt, nicht den Mut verlieren, sondern sehen, dass es noch eine andere gibt – die Taktik der "Linken" und diejenige der dritten Internationale in einigen Sätzen nebeneinander stellen:

Die dritte Internationale glaubt, dass die westeuropäische Revolution ganz nach den Gesetzen und der Taktik der russischen gehen wird. Die Linke glaubt, dass die westeuropäische ihre eigenen Gesetze haben und befolgen wird.

Die dritte Internationale glaubt, dass die westeuropäische Revolution Kompromisse und Bündnisse mit kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen, ja sogar mit grossbürgerlichen Parteien wird schliessen können.

Die Linke glaubt, dass dies unmöglich ist.

Die dritte Internationale glaubt, dass es in Westeuropa "Risse" und Spaltungen während der Revolution zwischen den Bürgerlichen, Kleinbürgerlichen und Kleinbäuerlichen geben wird.

Die Linke glaubt, dass die Bürgerlichen und Kleinbürgerlichen bis nah ans Ende der Revolution eine geschlossene Front bilden werden. Die dritte Internationale unterschätzt die Macht des westeuropäischen und des nordamerikanischen Kapitals.

Die Linke bildet ihre Taktik nach dieser grossen Macht.

Die dritte Internationale erkennt nicht die alle bürgerlichen Klassen einigende Macht des Bank-, des Grosskapitals.

Die Linke dagegen baut auf dieser einigenden Macht ihre Taktik.

Da die dritte Internationale nicht glaubt an das Alleinstehen des Proletariats in Westeuropa, vernachläsigt sie die geistige Entwicklung dieses Proletariats – das doch auf jedem Gebiete noch tief im Banne der bürgerlichen Ideologie lebt – und wählt eine Taktik, die die Sklaverei und Unterwerfung unter die Ideen der Bourgeoisie bestehen lässt.

Die Linke wählt ihre Taktik so, dass an erster Stelle der Geist des Proletariats befreit wird.

Da die dritte Internationale ihre Taktik nicht einstellt auf die Befreiung der Geister, auch nicht auf die Einigkeit aller bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien, sondern auf Kompromisse und "Risse", lässt sie die alten Gewerkschaften bestehen und versucht, sie in die dritte Internationale aufzunehmen.

Da die Linke an erster Stelle die Befreiung der Geister will und an die Einheit der Bürgerlichen glaubt, sieht sie ein, dass die Gewerkschaften vernichtet werden müssen und dass das Proletariat bessere Waffen braucht.

Aus denselben Ursachen lässt die dritte Internationale den Parlamentarismus bestehen.

Die Linke hebt aus denselben Gründen den Parlamentarismus auf.

Die dritte Internationale lässt den Zustand der Sklaverei so, wie er in der zweiten war.

Die Linke will ihn von Grund aus ändern. Sie fasst das Übel bei der Wurzel an.

Da die dritte Internationale nicht glaubt, dass an erster Stelle die Befreiung der Geister notwendig ist in Westeuropa und auch nicht an die Einheit aller Bürgerlichen in der Revolution glaubt, so sammelt sie Massen um sich, ohne zu fragen, ob es wirklich Kommunisten sind, ohne ihre Taktik darauf einzustellen, dass sie es sind – wenn es nur Massen sind.

Die Linke will in allen Ländern Parteien bilden, die nur aus Kommunisten bestehen, und stellt darauf ihre Taktik ein. Durch das Beispiel dieser, im Anfang kleinen, Parteien will sie die Mehrheit des Proletariats, d. h. also die Massen, zu Kommunisten machen.

Für die dritte Internationale sind also die Massen in Westeuropa Mittel.

Für die Linke Zweck.

Durch diese ganze Taktik (die in Russland ganz richtig war) führt die dritte Internationale Führerpolitik.

Die Linke dagegen führt Massenpolitik.

Durch diese ganze Taktik führt die dritte Internationale nicht nur die westeuropäische, sondern besonders auch die russische Revolution ihrem Untergang entgegen.

Die Linke dagegen führt durch ihre Taktik das Weltproletariat zum Sieg.

Und zum Schluss will ich, damit meine Ausführungen auch in sehr kurzer, übersichtlicher Form den Arbeitern, die sich zur klaren Einsicht in die Taktik durchringen müssen, vorlegen, sie in einige Thesen zusammenfassen. Sie müssen natürlich im Lichte der Ausführungen gelesen werden.

  1. Die Taktik der westeuropäischen Revolution muss eine ganz andere sein als die der russischen.
  2. Denn das Proletariat steht hier allein.
  3. Das Proletariat muss hier also die Revolution allein machen gegen alle andere Klassen.
  4. Die Bedeutung der proletarischen Massen ist daher relativ grösser, die Bedeutung der Führer geringer als in Russland.
  5. Das Proletariat muss daher hier auch die allerbesten Waffen haben für die Revolution.
  6. Da die Gewerkschaften ungenügende Waffen sind, müssen sie ersetzt werden durch oder geändert werden in Betriebsorganisationen, die zu einem Bund vereint werden.
  7. Da das Proletariat die Revolution allein machen muss und keine Hilfe hat, muss es sich geistig und seelisch sehr hoch erheben. Es ist darum besser, in der Revolution den Parlamentarismus nicht zu gebrauchen.

Mit brüderlichem Gruss,

Herman Gorter

Fußnoten:
(1) Anmerkung der Herausgeber: Die KAPD will allerdings noch mehr, sie verlangt In Immer steigendem Maasse das: Von unten auf.
(2) Sie schreiben z. B. in "Staat und Revolution" (S. 67): Die vorwiegende Majorität der Bauernschaft ist In jedem kapitalistischen Lande, das eine Bauernschaft überhaupt aufweist, von der Regierung unterdrückt und lechzt nach deren Sturz, nach einer wohlfeilen' Regierung. Das zu verwirklichen, ist allein das Proletariat berufen." . . . Die Schwierigkeit ist aber, dass die Bauernschaft nicht lechzt nach dem Kommunismus.
(3) Die agrarischen Thesen von Moskau geben dies zu.
(4) Für Schweden und Spanien habe Ich die statistischen Daten nicht
(5) In der Broschüre "Die Weltrevolution" habe Ich schon mit sehr grossem Nachdruck auf diesen Unterschied zwischen Russland und Westeuropa hingewiesen. Die Entwicklung der deutschen Revolution hat mich gelehrt, dass mein Urteil noch zu optimistisch war. In Italien werden die armen Bauern vielleicht mit dem Proletariat gehen.
(6) Sie, Genosse, werden gewiss nicht, wie die kleinen Geister, dadurch einen Kampf zu gewinnen suchen, dass Sie Behauptungen Ihres Gegners zu absolut auffassen. Meine obige Bemerkung ist daher nur für jene bestimmt.
(7) Ich schweige hier ganz davon, dass durch dies andere Zahlenverhältnis (20 Millionen auf 70 Millionen in Deutschland!) die Bedeutung der Masse und der Führer und das Verhältnis von Masse, Partei und Führer auch im Gange und am Ende der Revolution hier andere sein werden als in Russland. Eine Besprechung dieser Frage, die an sich äusserst wichtig ist, würde mich jetzt zu weit führen.
(8) Bis jetzt wenigstens.
(9) Es Ist mir aufgefallen, dass Sie bei Ihrer Bekämpfung fast immer von privaten, nicht von offiziellen gegnerischen Auffassungen Gebrauch machen.
(10) Anton Pannekoek, Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik des Kommunismus, in: Kommunismus, Wochenschrift für Theorie und Praxis des revolutionären Marxismus, 1. Jg. (1920), Heft 28/29, S. 994-996 (Hrg.).
(11) Natürlich soll man gut verstehen, dass diese neue Verbindung von Individualismus und Zentratismus nicht jetzt sofort fertig gegeben ist, sondern jetzt erst entsteht, ein Prozess ist, und im Kampfe selbst erst entwickelt und zur Vollkommenheit gebracht wird.
(12) Mit der sarkastischen Bemerkung, dass auch die Arbeiterunion nicht makellos sein kann, machen Sie wenig Eindruck. Denn sie Ist nur richtig insofern, als die Union für Verbesserungen kämpfen muss unter dem Kapitalismus. Sie Ist nicht richtig soweit die Union für die Revolution kämpft.
(13) Shop Committees, Shop Stewards und, wie besonders In Wales, Industrial Unions.
(14) Dass diese Bewegung In Deutschland von oben« gemacht worden ist, ist Verleumdung.
(15) Sie, Genosse, gebrauchen, wie andere so oft, hier das Argument, dass die Kommunisten, wenn sie die Gewerkschaften verlassen, die Fühlung mit den Massen verlieren. Aber die beste Fühlung Ist doch die tägliche in den Betrieben? Und alle BetrIebe sInd jetzt doch schon mehr, als je zu Debattierlokalen geworden? Wie können die "Linken" denn die Fühlung verlieren?
(16) In welchen chaotischen Zustand uns dieser Opportunismus führt, kann das folgende Beispiel zeigen: Es gibt Länder wo neben den freien Gewerkschaften syndikalistische bestehen, die, obschon schlecht, besser kämpfen als die freien. Die Moskauer Thesen fordern den Eintritt in die grossen freien. Also sie zwingen die Kommunisten oft Streikbrecher zu werden, wie z. B. in Holland. Weiter: Die deutsche Arbeiterunion wird verurteilt, weil sie Spaltung macht. Aber was tut die dritte Internationale selbst? Sie richtet selbst eine neue Gewerkschaft-Internationale auf.
(17) Im Anfang hielt Ich diese Frage für eine untergeordnete. Die Haltung des Spartakusbundes beim Kapp-Putsch und Ihre opportunistische, auch in dieser Frage opportunistische, Broschüre haben mich aber überzeugt, dass sie eine höchst wichtige ist.
(18) Anton Pannekoek, Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik des Kommunismus (a. a. 0.), S. 91 (Hrg.).
(19) Dieser grosse Einfluss, diese ganze Ideologie des Westens von Europa, der Vereinigten Staaten und der englischen Kolonien wird in Osteuropa, in der Türkei, auf dem Balkan usw. (um von Asien usw. zu schweigen) nicht verstanden.
(20) Anton Pannekoek, Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik des Kommunismus (a. a. 0.), S. 91-92 (Hrg.).
(21) Das Beispiel des Genossen Liebknecht beweist eben die Richtigkeit unserer Taktik. Vor der Revolution, als der Imperialismus auf dem Gipfel der Macht stand und durch das Kriegsgesetz alle Regungen unterdrückte, konnte er durch seine Proteste im Parlament eine gewaltige Kraft ausüben; in der Revolution aber nicht mehr. Sobald also die Arbeiter ihr Geschick in die eigene Hand genommen haben, müssen wir den Parlamentarismus fahren lassen.
(22) Zwar hat England keine armen Bauern, die du Kapital unterstützen könnten. Es hat dafür aber eine um so grössere, mit dem Kapitalismus verbundene Mittelklasse.
(23) Es besteht In England, mehr noch als anderswo, immer die grösste Gefahr des Opportunismus. So scheint auch unsere Genossin Sylvia Pankhurst, die durch Temperament, Instinkt und Erfahrung, aber vielleicht nicht so sehr durch tiefes Studium, also durch Zufall, eine so gute Vorkämpferin des linken Kommunismus war, Ihre Meinungen geändert zu haben. Den Antiparlamentarismus und damit den Angelpunkt Ihres Kampfes gegen den Opportunismus gibt sie auf, um des unmittelbaren Vorteils der Einheit zu willen. Damit geht sie den Weg, den Tausende von englischen Arbeiterführern vor Ihr gegangen sind: zur Unterwerfung unter den Opportunismus mit allen seinen Folgen und schliesslich unter die Bourgeoisie. Dies ist nicht verwunderlich. – Aber dass Sie, Genosse Lenin, sie dazu geführt, dazu überredet haben, sie, die einzige furchtloser konsequente Führerin In England, das ist ein Schlag für die russische, für die Weltrevolution.
(24) Wahr ist, dass durch den Krieg die Proletarisierung enorme Fortschritte gemacht hat. Aber alles (so gut wie alles) was nicht proletarisch Ist, hält sich krampfhaft am Kapitalismus, verteidigt ihn, wenn so sein muss, mit Waffen, und ist dem Kommunismus feindlich.
(25) Ich habe keinen Raum, dies hier in Einzelheiten zu beweisen. in einer Broschüre "Die Grundlagen des Kommunismus" habe ich dies ausführlich getan.
(26) Wir Holländer wissen das genau. Wir haben vor unseren Augen in unserem kleinen aber, durch seine Kolonien, hoch imperialistischen Lande, die "Risse" verschwinden sehen. Demokratische Parteien, christliche oder andere, gibt es bei uns nicht mehr. Sogar die Holländer können hierüber besser urteilen als ein Russe, der, leider, Westeuropa nach Russland zu beurteilen scheint.
(27) Es Ist noch die Frage, ob diese "reinen" Arbeiterregierungen hier kommen werden. Sie essen sich vielleicht auch hier wieder durch das russische Beispiel (Kerenski) irreführen. im Folgenden werde ich zeigen, warum in diesem Falle in den Märztagen in Deutschland diese "reine" sozialistische Regierung doch nicht unterstützt werden musste
(28) Die Behandlung aller dieser russischen Beispiele würde zu eintönig werden. Ich ersuche die Leser, sie alle nachzulesen. Sie werden sehen, dass das oben Gesagte richtig ist.
(29) Persönlich glaube ich, dass In Ländern, wo die Revolution noch nicht nahe Ist und die Arbeiter noch nicht kräftig genug sind, sie zu machen, der Parlamentarismus noch gebraucht werden kann. Die schärfste Kontrolle und Kritik der Parlamentsdelegierten Ist dann notwendig. – Andere Genossen sind, glaube Ich, anderer Meinung.
(30) An einem Tage kamen (in Halle) 500.000 neue Mitglieder unter Führern, die Sie selbst noch vor kurzem schlimmer als die Scheidermänner genannt haben.
(31) Der Genosse Pannekoek, der Deutschland genau kennt, hatte dies vorausgesagt. Wenn die Führer des Spartakusbundes zu wählen haben würden zwischen Parlament und Revolution, würden sie das Parlament wählen.
(32) Z.B. die englischen Kommunisten über die allerwichtigste Frage des Anschlusses an die Labour- Party.

Gorter (Herman), Offener Brief an den Genossen Lenin. Eine Antwort auf Lenins Broschüre: Der Radikalismus, eine Kinderkrankheit des Kommunismus. Ausgabe B. Berlin, Verlag der kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (1920). Kl.-8¡. 88 S. Neue Auflage: Die Linke gegen die Partei-Herrschaft, Walter Verlag Olten und Freiburd im Breisgau, 1970, S. 416-495.

Anmerkung: Die Fußnoten des Textes wurden neu nummeriert (im Originaltext kapitelweise)

Originaltext: http://www.left-dis.nl/d/kind0.htm


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