Subcomandante Marcos - Die Welt: Sieben Gedanken (2003)

Einleitung

Während die Kalender der Macht zusammenbrechen und die großen Medienkonzerne zwischen den Lächerlichkeiten und Tragödien schwanken, die von der politischen Klasse der Welt in Szene gesetzt und gefördert werden, gehen die Bewegungen im großen Keller des taumelnden modernen Turms von Babel weiter, und beginnen, wenn auch noch zögerlich, das Wort und ihre Fähigkeit, Spiegel und Linse zu sein zurückzuerobern. Während oben die Politik der Uneinigkeit ausgerufen wird, finden im Keller der Welt die Anderen einander und den Anderen, der durch seine Andersartigkeit ein weiteres Unten ist.

Als Teil dieses Wiederaufbaus der Welt als Spiegel und Linse hat die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung den Dialog mit sozialen und politischen Bewegungen und Organisationen auf der ganzen Welt wiederaufgenommen. Anfänglich - mit Brüdern und Schwestern aus Mexiko, Italien, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Spanien, Argentinien und den USA - um eine gemeinsame Agenda für Diskussionen aufzubauen.

Es geht nicht darum zu versuchen politische und strategische Abkommen zu treffen, oder eine neue Version der Internationalen aufzubauen. Es geht auch nicht um einigende theoretische Konzepte oder standardisierende Begriffe, sondern darum gemeinsame Diskussionspunkte zu finden. Etwas wie die Errichtung theoretischer und praktischer Bilder, die von verschiedenen Orten aus gesehen oder wahrgenommen werden.

Als Teil dieser Bemühung um ein Zusammentreffen, stellt die EZLN nun diese 7 Gedanken vor. Für uns bedeutet ihre "Verankerung" in einem Horizont von Raum und Zeit, die Beschränkungen unserer theoretischen, praktischen und vor allem universellen Sicht anzuerkennen. Dies ist unser erster Beitrag für den Aufbau einer weltweiten Diskussionsagenda.

Wir danken der mexikanischen Zeitschrift Rebeldía dafür, daß sie ihre Seiten für diese Gedanken geöffnet hat. Desgleichen danken wir den Publikationen, die in Italien, Frankreich, Spanien, den USA und Lateinamerika das gleiche getan haben.

I. Theorie

Der Platz der Theorie (und der theoretischen Analyse) in politischen und sozialen Bewegungen ist normalerweise offensichtlich. Aber alles offensichtliche verbirgt normalerweise ein Problem, in diesem Fall: die Effekte einer Theorie auf die Praxis, und den theoretischen Rückschlag der letzteren. Und mehr noch, das Problem der Theorie ist auch das Problem wer diese Theorie hervorbringt.

Ich stelle den Begriff des "Theoretikers" oder des "Theoretischen Analytikers" nicht mit dem des "Intellektuellen" gleich. Der letztere ist ein viel breiterer Begriff. Der Theoretiker ist ein Intellektueller, aber der Intellektuelle ist nicht immer ein Theoretiker.

Der Intellektuelle (und somit der Theoretiker) fühlt, daß er das Recht hat, seine Meinung über Bewegungen zum Ausdruck zu bringen. Es ist nicht sein Recht, es ist seine Pflicht. Einige Intellektuelle gehen weiter und werden zu neuen "politischen Kommissaren" von Gedanken und Handlungen, und verleihen Titel von "gut" und "schlecht". Ihre "Beurteilung" hängt mit der Position zusammen, in der sie sich befinden, und der Position, die sie anstreben.

Wir denken, daß eine Bewegung, die Beurteilungen die sie erhält, nicht "umdrehen", und Intellektuelle als "gut" oder "böse" einstufen sollte, je nachdem wie diese Intellektuellen die Bewegung darstellen. Antiintellektualismus ist nichts anderes als eine mißverstandene Selbstrechtfertigung, und bezeichnet als solches eine Bewegung als "unreif".

Wir glauben, daß die Welt Spuren hinterläßt, Spuren Richtungen vorgeben und Richtungen Definitionen und Verpflichtungen bedeuten. Jene, die ihr Wort für oder gegen eine Bewegung einsetzen, haben die Verpflichtung, nicht nur darüber zu sprechen, sondern sie auch "schärfer" über ihre Ziele nachdenken zu lassen. "Wofür?" und "Wogegen?" sind Fragen, die das Wort begleiten müssen. Nicht, um es verstummen oder leiser werden zu lassen, sondern um es zu vervollständigen und wirksam zu machen, das heißt, damit es von jenen gehört wird, die es hören sollen.

Eine Theorie im Rahmen einer sozialen oder politischen Bewegung hervorzubringen ist nicht das gleiche wie in einem akademischen Umfeld. Und ich sage "akademisches Umfeld" nicht im Sinne von Sterilität oder (nicht-existente) wissenschaftliche "Objektivität", sondern nur um darauf hinzuweisen, daß die Reflexion und das intellektuelle Schaffen "außerhalb" einer Bewegung stattfinden. Und "außerhalb" bedeutet nicht, daß es keine "Sympathien" oder "Antipathien" gibt, sondern daß das intellektuelle Schaffen nicht innerhalb der Bewegung stattfindet, sondern darüber. Und so erwägt der akademische Analytiker und beurteilt Gutes und Schlechtes, weise Entscheidungen und Fehler der Bewegungen von gestern und heute und stellt zudem Vermutungen über Richtungen und Schicksale in der Zukunft an.

Manchmal streben akademische Analytiker danach, eine Bewegung anzuführen, das heißt, daß die Bewegung ihren Anweisungen folgen sollte. Daher ist der grundsätzliche Vorwurf des Akademikers, daß die Bewegung ihm nicht "folgt", und daß alle "Irrtümer" der Bewegung im Grunde darauf zurückzuführen sind, daß sie nicht klar ersehen, was für den Akademiker offensichtlich scheint. Schlechtes Gedächtnis und Unehrlichkeit sind unter diesen Salonanalytikern allgemein verbreitet (aber zugegeben, nicht immer) . An einem Tag sagen sie eine Sache und machen eine Vorhersage, am Tag darauf passiert das genaue Gegenteil, aber der Analytiker hat sein Gedächtnis verloren und fängt wieder an zu theoretisieren während er alles ignoriert was er vorher gesagt hat. Hinzu ist er auch noch unehrlich, weil er sich nicht die Mühe macht, seine Leser oder Zuhörer zu respektieren. Er wird nie sagen: "Gestern habe ich das gesagt, und es nicht passiert oder das Gegenteil davon ist eingetroffen, ich habe mich geirrt". Im "Heute" der Medien festgehackt ergreift der Sesseltheoretiker die Gelegenheit zu "vergessen". Dieser Akademiker produziert das theoretische Äquivalent zum Junk Food für den Intellekt. In anderen Worten, es ernährt nicht, es lenkt nur ab.

Manchmal tauscht eine Bewegung ihre Spontaneität auch gegen die theoretische Schirmherrschaft der Intelligenzia ein. Diese Lösung ist meistens schlimmer als das Problem. Wenn die Intelligenzia irrt, "vergißt" sie. Wenn eine Bewegung irrt, scheitert sie. Gelegentlich sucht die Führungsspitze einer Bewegung nach einem "theoretischen Alibi", das heißt nach etwas, das sie stärkt und ihrer Praxis Kohärenz verleiht, und dafür wendet sie sich dann an die Intelligenzia. In diesen Fällen ist die Theorie nicht mehr als eine unkritische und etwas rhetorische Rechtfertigung.

Wir glauben, daß eine Bewegung ihre eigene theoretische Reflexion hervorbringen sollte (nicht ihre Rechtfertigung). Darin kann sie alles einbeziehen, was in einer Salontheorie unmöglich ist, das heißt die umformenden Praktiken dieser Bewegung. Wir haben es vorgezogen, jenen zuzuhören und mit ihnen zu diskutieren, die innerhalb und gemeinsam mit Bewegungen und Organisationen theoretisch analysieren und reflektieren, und nicht außerhalb, oder schlimmer noch, auf deren Kosten. Wir haben uns dennoch bemüht, allen Stimmen zuzuhören, und nicht darauf zu achten, wer spricht, sondern von wo aus gesprochen wird.

In unseren theoretischen Reflexionen sprechen wir über das, was wir als Tendenzen wahrnehmen, nicht vollendete oder unvermeidliche Tatsachen. Tendenzen, die (noch) nicht homogen und hegemonisch geworden sind, und die wieder rückgängig gemacht werden können.

Unsere theoretische Reflexion als Zapatisten dreht sich normalerweise nicht um uns, sondern um die Realität, in der wir uns bewegen. Und ihr Charakter ist begrenzt auf die Zeit, den Raum, die Konzepte und die Struktur dieser Konzepte. Deshalb lehnen wir Ansprüche der Verallgemeinerung und ewigen Gültigkeit dessen, was wir sagen, ab.

Antworten auf Fragen über den Zapatismus sind nicht in unsere, theoretischen Reflexionen und Analysen zu finden, sondern in unsere Handlungsweise. Und in unserem Fall trägt die Handlungsweise eine schwere moralische und ethische Bürde. Das heißt, wir versuchen (nicht immer erfolgreich) nicht nur im Einklang mit einer theoretischen Analyse zu handeln, sondern auch und vor allem, im Einklang mit dem, was wir als unsere Pflicht erachten. Wir versuchen, immer konsistent zu sein. Vielleicht sind wir deswegen nicht pragmatisch (ein anderer Ausdruck für "Handlung ohne Theorie und Prinzipien").

Avantgarden fühlen sich immer verpflichtet, etwas oder jemanden anzuführen (und in diesem Sinne weisen sie viele Gemeinsamkeiten mit akademischen Theoretikern auf). Avantgarden stellen sich darauf ein zu führen und arbeiten darauf hin. Einige von ihnen sind sogar bereit den Preis für Fehler und Abweichungen ihrer politischen Arbeit zu zahlen. Akademiker sind es nicht.

Wir glauben, unsere Pflicht liegt darin, Räume für alle und für alles, einschließlich für uns selbst, zu initiieren, zu folgen, zu begleiten, zu finden und zu öffnen.

Eine Reise, auch wenn sie nur dazu dient, die verschiedenen Widerstände in einer Nation oder auf dem Planeten aufzuzeigen, ist mehr als nur eine Inventur. Dabei läßt sich mehr über die Zukunft voraussagen als über die Gegenwart.

Jene, die Teil dieser Reise sind und die Inventur machen, können Dinge herausfinden, die jene, die in den Salons der sozialen Wissenschaften addieren und subtrahieren, nicht einmal sehen können. Nämlich daß der Reisende und sein Weg wichtig sind, ja, aber daß das Wichtigste der Weg, die Richtung, die Tendenz ist. Wenn wir anmerken und analysieren, diskutieren und argumentieren, tun wir das nicht nur um zu wissen und zu verstehen was geschieht, sondern auch und vor allem um zu versuchen, es zu verändern.

Die theoretische Reflexion über die Theorie heißt "Metatheorie". Die Metatheorie der Zapatisten ist unsere Praxis.

II. Der Nationalstaat und die Polis

Im sterbenden Kalender der Nationalstaaten lag die Entscheidungsgewalt bei der politischen Klasse. Eine Gewalt, die wirtschaftliche, ideologische und soziale Macht berücksichtigte, sich aber eine relative Autonomie bewahrte. Diese relative Autonomie ermöglichte es ihr "vorauszusehen" und die nationalen Gesellschaften auf diese Zukunft hinzuführen. In dieser Zukunft war die wirtschaftliche Macht nicht nur weiterhin eine Macht, sondern die stärkste von allen.

In der Kunst der Politik war der Künstler der Polis, der Herrschende, ein spezialisierter Führer, gewandt in den Wissenschaften und den Künsten, einschließlich der militärischen. Die Weisheit des Regierens liegt in der angemessenen Handhabung der Ressourcen der Staatsführung. Die größere oder kleinere Beanspruchung der einen oder anderen Ressource definiert den Regierungsstil. Eine ausbalancierte Verwaltung, Politik und Repression, ergibt eine fortschrittliche Demokratie. Viel Politik, wenig Verwaltung und versteckte Repression ein populistisches Regime. Viel Repression und keine Politik oder Verwaltung eine Militärdiktatur.

In unserer Zeit, in der internationalen Arbeitsteilung, gehören Staatsmänner (und Staatsfrauen) dem fortgeschrittenen Kapitalismus an. Die Länder mit einem deformierten Kapitalismus wurden von Verbrechern regiert. Militärdiktaturen repräsentierten das wahre Gesicht der Modernität: ein blutrünstiges, animalisches Gesicht. Die Demokratien waren nicht nur eine Maske um diese brutale Essenz zu verbergen. Sie sollten die Nationen auch auf eine neue Stufe vorbereiten, wo das Geld bessere Wachstumsbedingungen finden würde.

Die Globalisierung, das heißt, die Globalmachung der Welt, wird nicht nur von der digitalen technologischen Revolution gekennzeichnet. Die omnipräsenten internationalistischen Ziele des Geldes fanden Mittel und Bedingungen, um die Hindernisse zu vernichten, die sie davon abhielten ihre Berufung zu erfüllen: die Eroberung des ganzen Planeten mit ihrer Logik. Eins dieser Hindernisse, Grenzen und Nationalstaaten, erlitten und erleiden einen Weltkrieg (den vierten). Nationalstaaten führen diesen Krieg ohne wirtschaftliche, politische, militärische und ideologische Ressourcen, und wie die neuesten Kriege und Freihandelsabkommen demonstriert haben, auch ohne legalen Hintergrund.

Die Geschichte ging mit dem Fall der Berliner Mauer und der Niederlage des sozialistischen Blocks nicht zu Ende. Die Neue Weltordnung ist weiterhin ein Ziel in der Kampfformation des Geldes, aber der Nationalstaat liegt nun in seinen letzten Todeszuckungen auf dem Schlachtfeld und wartet auf Hilfe.

Wir bezeichnen das Führungskollektiv, das die politische Klasse als grundsätzliche Entscheidungsträger verdrängt hat, als "Gesellschaft der Macht". Es handelt sich dabei um eine Gruppe, die nicht nur wirtschaftliche Macht innehat und nicht nur in einer einzigen Nation. Mehr noch als organisch zusammenzuwachsen (nach dem Modell der "anonymen Gesellschaft"), versucht die "Gesellschaft der Macht", das Vakuum auszufüllen, das von den Nationalstaaten und ihren politischen Klassen hinterlassen wurde. Die "Gesellschaft der Macht" kontrolliert finanzielle Körperschaften (und daher ganze Länder), die Medien, Industrie- und Handelskonzerne, Ausbildungszentren, Armeen und öffentliche und private Polizeiabteilungen. Die "Gesellschaft der Macht" wünscht sich einen Weltstaat mit einer supranationalen Regierung, aber sie beteiligt sich nicht an seiner Errichtung.

Die Globalisierung ist für die Menschheit eine traumatische Erfahrung gewesen, ja, aber vor allem für die Gesellschaft der Macht. Erdrückt von der Anstrengung, ohne Übergang vom Stadtviertel oder Gemeinde zur Hyper-Polis zu wechseln, vom Lokalen zum Globalen, während die supranationale Regierung errichtet wurde, suchte die "Gesellschaft der Macht" von neuem in einem verwelkenden Nationalstaat Zuflucht. Der Nationalstaat der "Gesellschaft der Macht" erweckt nur den Anschein von Vitalität, was völlig schizophren ist. Ein Hologramm - das ist der Nationalstaat in der Metropolis.

Jahrzehntelang als Bezugspunkt für Stabilität aufrechterhalten ist der Nationalstaat dabei aufzuhören zu existieren, aber sein Hologramm bleibt zurück, genährt von den Dogmen, die darum kämpfen, das Vakuum aufzufüllen, das von der Globalisierung nicht nur geschaffen, sondern auch verschärft worden ist. Die Globalisierung der Welt in Zeit und Raum ist für die Macht etwas, das immer noch geleitet werden muß. Die "Anderen" sind nicht mehr "woanders", sondern überall und immer. Und für die Macht ist der "Andere" eine Bedrohung. Wie begegnet man dieser Bedrohung? Indem man das Hologramm der Nation hochhält und den "Anderen" als Aggressor denunziert. War nicht eins der Argumente von Señor Bush für die Kriege in Afghanistan, daß beide die nordamerikanische "Nation" bedrohen würden? Aber, von der "Realität" abgesehen, die von CNN geschaffen wurde, sind die Fahnen, die in Kabul und Bagdad wehen nicht die von Stars and Stripes, sondern der großen multinationalen Konzerne.

Im Hologramm des Nationalstaates wurde die Vortäuschung der Modernität par excellence, das heißt die "individuelle Freiheit" in ein Gefängnis eingesperrt, das auch durch die Tatsache, daß es global ist, kaum weniger repressiv ist. Das Individuum ist so verschwommen, daß nicht einmal die Bilder der gestrigen Helden die geringste Hoffnung haben herauszuscheinen. Den "Self Made Man" gibt es nicht mehr, und da es unmöglich ist, von einem "Self Made Konzern" zu sprechen, treiben die sozialen Erwartungen davon. Welche Hoffnung gibt es? Zurück zum Kampf um die Straße, um das Stadtviertel? Weder noch. Die Fragmentierung erfolgte so brutal und rücksichtslos, daß nicht einmal diese Minimaleinheiten der Identität so stabil geblieben sind. Das Familienheim? Wo und wie? Wie das Fernsehen wie eine Königin zur Vordertür hereinspazierte, so hackte sich das Internet seinen Weg durch den Riß des Cyberspace hinein. Die britischen und nordamerikanischen Truppen, die neulich den Irak besetzt haben, sind gleichzeitig auch in fast alle Häuser auf der ganzen Welt eingefallen.

Der Nationalstaat, der nun den Titel "Heilige Hand Gottes" für sich beansprucht, (die USA) existiert lediglich im Fernsehen, im Radio, in einigen Tageszeitungen und Zeitschriften und im Kino. In den Traumfabriken der großen Medienkonzerne sind die Präsidenten intelligent und sympathisch, die Gerechtigkeit siegt immer; die Gemeinde besiegt den Tyrannen, die Rebellion im Angesicht der Willkür erfolgt schnell und effizient, und "sie lebten glücklich für immer" ist immer noch das Ende, das der nationalen Gemeinde versprochen wird. Aber in Wirklichkeit sieht alles anders aus.

Wo sind die Helden der Invasion Afghanistans? Wo sind die Helden der Besetzung des Iraks? Was ich meine ist, daß der 11. September 2001 seine Helden hatte, die Feuerwehrleute und die Einwohner von New York, die für die Rettung der Opfer des messianischen Irrsinns kämpften. Aber diese wahre Helden waren für die Macht nutzlos, deshalb wurden sie schnell vergessen. Für die Macht ist ein "Held" jemand, der erobert (das heißt, zerstört), nicht jemand, der rettet (also bewahrt). Das Bild der Feuerwehrleute, die mit Asche bedeckt zwischen den Ruinen der Twin Towers von New York arbeiteten, wurde durch den Panzer ersetzt, der die Statue von Saddam Hussein in Bagdad niederriß.

Die einzige Gemeinsamkeit der modernen Polis (ich verwende den Begriff "Polis" statt "Stadt" um zu betonen, daß ich damit einen urbanen Raum meine, der von wirtschaftlichen, ideologischen, kulturellen, religiösen und politischen Beziehungen bestimmt wird) mit der klassischen (Plato), ist das oberflächliche und frivole Bild der Schafherde (den Leuten) und dem Schäfer (dem Regierenden).

Aber die Modernität zerschlug das platonische Bild vollkommen. Nun ist es ein industrieller Komplex, einige Schafe werden geschoren und andere werden geopfert um Nahrung zu erhalten. Einige Schafe, die "kranken", werden isoliert, eliminiert und "verbrannt", um die anderen nicht zu kontaminieren.

Der Neoliberalismus stellst sich selbst als die effizienteste Verwaltung dieser Mischung aus Schlachthof und Pferch dar, die die Polis darstellt, weist aber darauf hin, daß diese Effizienz nur möglich ist, wenn man die Grenzen der Polis niederreißt und sie auf den ganzen Planeten ausweitet (das heißt: einmarschiert): die Hyper-Polis.

Aber wie es aussieht, hat der "Administrator" (der Regierende / Schäfer) den Verstand verloren, und hat beschlossen, alle Lämmer zu opfern, auch wenn der Besitzer sie nicht alle essen kann und für morgen keine Schafe mehr zum Scheren oder zum Opfern übrigbleiben werden. Der alte Politiker, der von früher (und damit meine ich nicht "vor Christus" sondern das Ende des 20. Jhds.), hatte sich darauf spezialisiert, die Bedingungen für das Wachstum der Herde aufrechtzuerhalten, um genug Schafe für verschiedene Zwecke zu haben und zusätzlich, damit die Schafe nicht rebellieren würden.

Der Neo-Politiker ist kein "kultivierter" Schäfer mehr. Er ist ein dummer und ignoranter Wolf (der sich nicht einmal unter einem Schafspelz verbirgt), der damit zufrieden ist, den Teil der Herde zu fressen, der ihm gegeben wird, der aber seine wichtigsten Aufgaben aufgegeben hat. Es wird nicht lange dauern, bis die Herde verschwindet oder rebelliert.

Könnte man meinen, daß es nicht darum geht, das "Pferch / Fabrik / Schlachthaus" der modernen Polis zu "vermenschlichen", sondern um die Zerstörung dieser Logik? Darum, den Schafspelz herunterzureißen und, ohne Schafe, herauszufinden, daß der "Schafhirte / Schlächter / Scherer" nicht nur nutzlos ist, sondern hinderlich?

Die Logik der Nationalstaaten lautete (grob umrissen): eine Polis-Stadt umfaßt ein Territorium (und nicht umgekehrt), eine Provinz umfaßt mehrere Poleis [gr.: Mz. von Polis], eine Nation umfaßt mehrere Provinzen. Ergo die Polis-Stadt war die Grundzelle des Nationalstaates, und das Polis-Kapital drückte der übrigen Polis ihre Logik auf.

Dann gab es eine Art gemeinsames Anliegen, eins von mehrere Faktoren, die zum inneren Zusammenhalt der Polis führten, so wie es Faktoren gab, die den Nationalstaat zusammenhielten (Territorium, Sprache, Währung, gesetzlich-politisches System, Kultur, Geschichte, etc.) Diese Faktoren wurden von der Globalisierung zerfressen und gesprengt (oftmals im wahrsten Sinne des Wortes).

Aber wie steht es um die Polis im gegenwärtigen Niedergang (fast bis zum Punkt des Verschwindens) des Nationalstaates? Und was kam zuerst? Die Polis oder der Nationalstaat? Der Niedergang der einen oder des anderen? Es spielt keine Rolle, zumindest nicht in dem Rahmen, von dem ich jetzt spreche. Ob die Fragmentierung (und daher das tendenzielle Verschwinden) des Nationalstaates auf die Fragmentierung der Polis zurückzuführen ist oder umgekehrt, ist nicht die Frage, die ich anspreche.

Die Polis (wie der Nationalstaat) hat das verloren, was sie zusammenhielt. Jede Polis ist nichts anderes als eine ungeordnete und chaotische Fragmentierung, eine Überlagerung von Poleis, die sich voneinander nicht nur unterscheiden, sondern manchmal sogar gegensätzlich sind.

Die Macht des Geldes fordert einen speziellen Raum, der nicht nur ein Spiegel ihrer Größe und ihres Wohlstandes sein wird, sondern sie zusätzlich auch von den "anderen" Poleis (die der "Anderen") beschützen soll, die sie umzingeln und "bedrohen". Diese "anderen" Poleis ähneln nicht den barbarischen Gemeinden von ehemals. Die Polis des Geldes versucht, sie in ihre Logik einzubeziehen, und sie braucht sie, aber gleichzeitig fürchtet sie sie auch.

Da, wo früher ein Nationalstaat war (oder wo immer noch um den Platz gekämpft wird), gibt es heute eine ungeordnete Ansammlung von Poleis. Die Polis des Geldes auf der Welt sind die "Häuser" der "Gesellschaft der Macht". Da, wo es früher jedoch ein gesetzliches und institutionelles System gab, das das interne Leben der Nationalstaaten und deren Beziehungen untereinander regelte (internationale gesetzliche Struktur), gibt es heute gar nichts.

Das internationale gesetzliche System ist obsolet, und sein Platz wird eingenommen vom spontanen "gesetzlichen" System des Kapitals: dem brutalen und gnadenlosen Wettbewerb mit allen Mitteln, darunter auch Krieg.

Was sind die öffentlichen Sicherheitsprogramme der Städte denn anderes als der Schutz derer, die alles haben, vor denen, die nichts haben? "Mutatis mutandis," sind die nationalen Sicherheitsprogramme nicht länger national und richten sich gegen andere Nationen, sondern richten sich gegen alles, überall. Das Bild der Stadt, die von Kreisen des Elends umzingelt wird, und das Bild der Nation, die von anderen Ländern belästigt wird, wird allmählich verändert. Armut und Dissidenz (diese "Anderen", die nicht höflich genug sind zu verschwinden) stehen nicht länger am Rande, sondern können in fast allen Teilen der Großstädte und Länder gesehen werden.

Worauf ich hinauswill, ist daß die "Reorganisierung" dieser Fragmente, die in den Regierungen der Poleis als Übung oder "Training" für die nationale Reorganisierung ausgeführt wird, nutzlos ist. Denn mehr noch als mit der Umordnung zielt sie darauf ab, die "schädlichen" Fragmente zu isolieren und die Auswirkung zu mindern, die ihre Forderungen, Kämpfe und Widerstände in der Polis des Geldes haben könnte.

Jene, die in der Stadt herrschen, verwalten nur den Fragmentierungsprozeß der Polis, in der Hoffnung zur Verwaltung des nationalen Fragmentierungsprozesses aufzusteigen.

Die Privatisierung des Raumes in den Städten ist nichts anderes als Furcht, die ihre eigenen Richtlinien verletzt. Die Polis wurde in einen anarchischen Raum von Inseln verwandelt. Die "Koexistenz" zwischen den wenigen ist möglich wegen ihrer gemeinsamen Furcht vor den "Anderen". Lang leben die privaten Straßen! Private Stadtviertel werden folgen, dann Städte, Provinzen, Nationen, die gesamte Welt privatisiert, das heißt isoliert und beschützt vor den "Anderen". Aber es wird nicht lange dauern, bis der reiche Nachbar auch zum "Anderen" wird.

Das, was der Nuklearkrieg nicht geschafft hat, bringen Konzerne zustande. Alles zu zerstören, sogar das, was sie reich macht.

Eine Welt in der keine Welten passen, nicht einmal die eigene. Das ist das Projekt der Hyper-Polis, die auf den Ruinen des Nationalstaates errichtet wird.

III. Die Politik

Gibt es keine nationalen Anliegen mehr, die die Polis, die Nationen, die Gesellschaften zusammenhalten? Oder gibt es keine Politiker mehr die fähig wären, sich dieser Anliegen anzunehmen? Die Diskreditierung der Politik ist etwas mehr als das: sie hat etwas mit Haß und Bitterkeit zu tun. Der Durchschnittsbürger bewegt sich tendenziell von der Gleichgültigkeit vor den Vergehen der politischen Klasse hin zur Ablehnung, die immer "aussagekräftigere" Formen annimmt. Die "Herde" widersteht der neuen Logik.

Der Politiker von ehemals definierte die gemeinsame Aufgabe. Der moderne Politiker versucht es und versagt. Wieso? Vielleicht, weil er seinen Prestigeverlust selbst verursacht hat, oder genauer gesagt: anstatt ein Anliegen zu prostituieren, hat er einen Beruf prostituiert.

Mangels einer Realität als Bezugspunkt produziert die moderne politische Klasse ein Hologramm, das nicht auf der Größe ihrer Erwartungen basiert, sondern auf der Größe ihres tatsächlichen Kalenders: jene, die ein Volk regieren, haben es nicht aufgegeben, eine Stadt zu regieren, eine Provinz, eine Nation, die ganze Welt. Es ist nur so, daß ihr Heute ein Volk bezeichnet, und um den nächsten Schritt zu machen, werden sie auf die nächsten Wahlen warten müssen.

Wenn der Nationalstaat früher die Möglichkeit hatte "vorauszusehen" und die notwendigen Bedingungen zu projizieren, damit sich das Kapital "in crescendo" reproduzieren konnte, um ihm dabei zu helfen, mit seinen periodischen Krisen fertigzuwerden, so hindert die Zerstörung seiner Grundbasis ihn daran, diese Aufgabe zu vollbringen.

Das soziale "Schiff" treibt dahin, und das Problem ist nicht nur das Fehlen eines fähigen Kapitäns. Es sieht auch ganz so aus, als sei das Steuerrad gestohlen worden und nirgendwo aufzutreiben.

Während Geld das Dynamit war, waren Politiker die "Ausführenden" der Zerstörung. Mit der Vernichtung der Basen des Nationalstaates zerstörte die traditionelle politische Klasse auch ihr eigenes Alibi: die allmächtigen Athleten der Politik starren nun verwundert und ungläubig einen stupiden Kleinhändler an, der keine Ahnung von den Staatskünsten hat, und sie nicht einmal besiegt, sondern nur einfach ersetzt hat.

Diese traditionelle politische Klasse ist unfähig, die Grundmauern des Nationalstaates wiederaufzubauen. Wie ein Raubvogel gibt sie sich damit zufrieden, sich an der Beute eines Landes satt zu fressen und im Schlamm und Blut zu mästen, auf denen das Imperium des Geldes errichtet wird. Während sie frißt, wartet der Herr des Geldes am Tisch.

Der Freie Markt hat eine schreckliche Metamorphose durchlaufen: man kann jetzt frei wählen, in welches Einkaufszentrum man gehen möchte, aber der Laden ist der gleiche, und die Marke ist auch die gleiche. Die falsche anfängliche Freiheit in der Tyrannei der Ware, "freies Angebot und freie Nachfrage" wurde zerschlagen.

Die Grundfesten der "westlichen Demokratie" sind gesprengt worden. Kampagnen und Wahlen wurden auf ihren Trümmern veranstaltet. Das Feuerwerk der Wahlen scheint hoch hinauf, so hoch, daß es nicht schafft den Schutt, der die politische Arbeit bedeckt, auch nur ein wenig zu beleuchten.

Auf die gleiche Weise ist die Wirbelsäule der Regierungsarbeit, der raison d' etat, nutzlos geworden. Nun wird die Politik von der Logik des Marktes geleitet. Warum Politiker beschäftigen, wenn Marktanalytiker die neue Logik der Macht besser verstehen können?

Der Politiker, das heißt, der professionelle Staatsmann, wurde durch den Manager ersetzt. Und so wird die Vision des Staates als eine Vision des Vermarktung neu zusammengesetzt (der Manager ist nichts anderes als der Vorarbeiter von ehemals, der fest daran "glaubt", daß der Erfolg seiner Firma auch sein eigener Erfolg ist) und der Horizont schrumpft, nicht nur seine Entfernung, sondern auch seine Größe.

Abgeordnete und Senatoren erlassen keine Gesetze mehr, diese Arbeit wird von den "Lobbies" von Beratern und Anweisern besorgt.

Die traditionellen Politiker und ihre Intellektuellen, Witwen und Weisen, raufen sich das Haar (wenn sie noch welches haben) und üben immer wieder neue Alibis ein, um sie auf dem Markt der Ideen anzubieten: alles vergeblich. Es herrscht dort ein Überangebot an Verkäufern, und es gibt keine Käufer.

Sich an die traditionelle politische Klasse als Verbündeten im Kampf des Widerstandes zu wenden, ist eine nette Übung in Nostalgie. Sich an den Neo-Politiker zu wenden, ist ein Symptom von Schizophrenie. Da oben gibt es nichts zu tun, außer vielleicht zu wetten, ob möglicherweise etwas getan werden kann.

Es gibt einige, die sich der Vorstellung widmen, daß das Steuerrad weiterhin existiert und um ihren Besitz kämpfen. Es gibt einige, die nach dem Steuerrad suchen, und sicher sind, daß es hier irgendwo rumliegen muß. Und es gibt einige, die eine Insel nicht in eine Zuflucht für Selbstzufriedenheit verwandeln, sondern in ein Schiff, um eine weitere Insel zu finden und noch eine und noch eine.

IV. Der Krieg

Im postmodernen Streß der "Gesellschaft der Macht" ist der Krieg die Couch. Die Katharsis des Todes und der Zerstörung lindert zwar, heilt aber nicht. Die gegenwärtigen Krisen sind schlimmer als in der Vergangenheit, und deshalb ist auch die radikale Lösung, die die Macht für sie anbietet, schlimmer als früher.

Die Globalisierung, der größte Betrug in der Geschichte der Menschheit, besitzt nun nicht einmal den Anstand zu versuchen, sich zu rechtfertigen. Tausende Jahre nach der Erfindung der Worte, und damit des vernünftigen Argumentes, wird die entscheidende Position nun wieder von der Gewalt beherrscht.

In der Geschichte der Konsolidierung der Macht wurde das harmonische Zusammenleben der Menschheit in Koexistenz verwandelt. Während man Krieg führt. Die dominant-dominierte Dichotomie definiert nun die Weltgemeinde, und versucht, das neue Kriterium für "Menschheit" zu sein, sogar für die verstreutesten Fragmente der globalen Gesellschaft.

Das Vakuum der Staatsmänner wird gefüllt, vom Hologramm des Nationalstaates, von Managern und Emporkömmlingen. In der scheinbaren Ordnung des Kapitals jedoch setzen die Unternehmersoldaten (eine neue Generation, die nicht nur Sun Tzu lesen und anwenden, sondern auch die materiellen Mittel haben, um seine Bewegungen und Manöver umzusetzen) den militärischen Krieg (um ihn vom wirtschaftlichen, ideologischen, psychologischen, diplomatischen und anderen Arten von Krieg zu unterscheiden) als einen weiteren Faktor ihrer Marktstrategie ein.

Die Logik des Marktes (mehr Profite, immer und um jeden Preis) wird der alten Kriegslogik (die Operationsfähigkeit des Gegners zerstören) aufgesetzt. Die internationale Gesetzgebung stellt sich manchmal in den Weg und muß ignoriert oder zerstört werden. Die Zeit der plausiblen Rechtfertigungen ist vorbei. Jetzt werden nicht einmal mehr "moralische" oder "politische" Kriegsrechtfertigungen hervorgehoben. Die internationalen Institutionen sind nur noch nutzlose und lästige Monumente.

Für die Gesellschaft der Macht sind Menschen entweder Kunden oder Kriminelle. Um die Mittelmäßigkeit der ersteren zu gewährleisten und die letzteren zu eliminieren, verleiht der Politiker der illegitimen Gewalt der Macht ein gesetzliches Gesicht. Der Krieg braucht keine Gesetze mehr, die ihn "rechtfertigen" oder "unterstützen". Es reicht schon aus, Politiker zu haben, die ihn erklären und die Befehle unterzeichnen.

Wenn die Regierung der Vereinigten Staaten sich die Rolle des "Polizisten" der Hyper-Polis angeeignet haben, muß man sie fragen, welche Ordnung sie aufrechterhalten wollen, und welches Eigentum verteidigt werden soll, welche Kriminelle eingesperrt werden sollten, und welche Gesetze ihren Handlungen Kohärenz und Ordnung verleihen. In anderen Worten, wer sind die "Anderen" vor denen die Gesellschaft der Macht beschützt werden muß?

Es gibt keinen mieseren General um einen Krieg zu führen als einen Militär, deshalb waren früher Politiker, Staatsmänner die großen Generäle, die Gewinner der Kriege (nicht jene, die ihn gekämpft haben). Aber wenn es die nicht mehr gibt, wer führt den derzeitigen Kampf um die Eroberung der Welt? Ich zweifle, daß irgendjemand bei klarem Verstand denken könnte, daß Bush oder Rumsfeld den Irakkrieg führen.

Die Führer sind also entweder Militärs oder nicht. Wenn sie es sind, werden die Ergebnisse bald zu sehen sein. Das Militär ist nicht zufrieden, bis der Gegner nicht vernichtet wurde. Vollkommen, das heißt, nicht besiegt, sondern verschwunden, fertiggemacht, zerstört. Und so ist die Lösung der Krise nur die Einleitung zu einer noch größeren Krise, zu einem Schrecken, der unbeschreiblich ist.

Wenn es nicht das Militär ist, wer führt dann? Die Konzerne, könnte man antworten. Aber auch sie haben eine Logik, die sie den Menschen aufdrücken und sie leiten. Wie ein lebendiges, intelligentes Wesen weist der Konzern seine Mitglieder an in diese oder jene Richtung zu gehen. In welche? Auf die Profite zu. In dieser Logik geht das Geld dorthin wo die besten Bedingungen für schnelle, wachsende und anhaltende Profite gewährleistet werden können. Wird es sich dorthin wenden, wo es weniger oder mehr gibt? Ja, der Konzern richtet sich tendenziell meistens gegen einen anderen Konzern.

Werden die Ergebnisse des Irakkrieges die Krise der großen Konzerne lösen? Nein, oder zumindest nicht sofort. Der Ablenkungseffekt eines Konfliktes für die Erwartungen des Nationalstaates-der-anstrebt-supranational-zu-sein hat die Lebensdauer eines Werbespots.

"Wir haben im Irak bereits gewonnen", werden die Bürger der Vereinigten Staaten denken. "Und was jetzt? Ein weiterer Krieg? Wo? Ist das die neue Weltordnung? Ein Krieg, immer und überall, nur von Werbespots unterbrochen?"

V. Die Kultur

Ausgestreckt auf der Couch des Krieges, betrachtet die Gesellschaft der Macht ihre Komplexe und Gespenster. Diese tragen viele Namen und viele Gesichter, haben aber eine gemeinsame Bezeichnung: "Der Andere". Dieser "Andere", der vor der Globalisierung weit in Zeit und Raum entfernt war, aber den der unordentliche Aufbau der Hyper-Polis in den Hinterhof der Machtgesellschaft gebracht hat.

Die Kultur des "Anderen" wird zum verachteten Spiegel. Nicht weil sie die unmenschliche Grausamkeit der Macht widerspiegelt, sondern weil sie die Geschichte der "Anderen" erzählt. Der Andersartige, der vom "Ich" der Macht nicht nur unabhängig ist, sondern auch seine eigene Geschichte und Glanz hat, ohne auch nur die Existenz des "Ich" bemerkt zu haben oder sich sein Erscheinen vorgestellt zu haben.

In der "Gesellschaft der Macht" wird das Versagen des Menschen, harmonisch zu leben, als kollektive Wesen zu leben, hinter dem persönlichen Erfolg verborgen. Aber dieser verbirgt seinerseits, daß der Erfolg nur möglich ist durch die Zerstörung des Anderen, des kollektiven Wesens. Jahrzehntelang belegte das Kollektiv in der Vorstellung der Macht den Platz des Bösen, der Willkür, des Jähzorns, der Grausamkeit, der Unversöhnlichkeit. Der "Andere" ist das Gesicht des Rebellen "Luzifer" in der neuen Bibel der Macht (die keine Erlösung sondern Unterwerfung predigt), und man muß ihn wieder aus dem Paradies verjagen. Und die "klugen" Bomben übernehmen die Rolle des flammenden Schwertes.

Das Gesicht des "Anderen" ist seine Kultur. Hierin liegt seine Andersartigkeit. Sprache, Glaube, Werte, Traditionen, Geschichte, bilden die kollektive Körperschaft einer Nation, und erlauben es ihr, sich von anderen zu unterscheiden und auf der Basis dieser Unterschiede mit ihnen in Beziehung zu stehen. Eine Nation ohne Kultur ist eine Einheit ohne Gesicht, also ohne Augen, ohne Ohren, ohne Nase, ohne Mund und ohne Hirn.

Die Kultur des Anderen zu zerstören ist die durchschlagendste Art, ihn zu eliminieren. Die Plünderung des kulturellen Reichtums im Irak war nicht das Produkt von Unaufmerksamkeit oder mangelnder Interesse seitens der Besatzungstruppen. Es war eine weitere Militäraktion in einem Kriegsplan.

In den großen Kriegen widmen sich große Tyrannen und Genozide besonders angestrengt der kulturellen Zerstörung. Die Ähnlichkeiten zwischen Hitlers und Bushs kulturellen Phobien liegt nicht in den gemeinsamen Symptomen von Wahnsinn, die sie bewiesen haben. Die Ähnlichkeit liegt in den Globalisierungsprojekten, die den einen antrieben und den anderen lenken.

Kultur ist eins der wenigen Dinge, die den Nationalstaat immer noch am Atmen halten. Die Eliminierung der Kultur wird der Gnadenschuß sein. Niemand wird dem Begräbnis beiwohnen, und nicht aus Unwissenheit, sondern wegen der "Einschaltquoten".

VI. Manifeste und Demonstrationen

Der kriegerische Gründungsakt des neuen Jahrhunderts war nicht der Zusammenbruch der Twin Towers, noch war es der schwerfällige und unspektakuläre Fall der Statue Husseins. Das 21. Jahrhundert begann mit dem globalen "NEIN ZUM KRIEG", das der Menschheit ihre Essenz zurückverlieh und sie in einem Anliegen zusammenführte. Wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde der Planet von diesem "NEIN" erschüttert.

Von Intellektuellen aller Größen bis zu den ungebildeten Einwohnern vergessener Ecken dieser Erde wurde das "NEIN" zu seiner Brücke, die Gemeinden, Ortschaften, Villas, Städte, Provinzen, Länder und Kontinente verband. In Manifeste und Demonstrationen versuchte das "NEIN", die Vernunft im Angesicht der Gewalt zu verteidigen.

Obwohl dieses "NEIN" mit der Besetzung Bagdads teilweise verebbte, liegt in seinem Echo mehr Hoffnung als Machtlosigkeit. Einige sind jedoch zum theoretischen Terrain übergegangen und haben die Frage "Wie kann man den nächsten Krieg verhindern?" mit einer anderen ausgetauscht: "Wo wird die nächste Invasion stattfinden?"

Einige versichern offenherzig, die Erklärung der US Regierung nichts gegen Kuba unternehmen zu wollen, würde beweisen, daß es keinen Grund gibt eine nordamerikanische Militäraktion gegen die Karibikinsel zu befürchten. Der Wunsch der nordamerikanischen Regierung, in Kuba einzufallen und es zu besetzen, ist real, aber es ist etwas mehr als ein Wunsch. Es gibt bereits Pläne mit Routen, Zeiten, Möglichkeiten, Stufen, Teil- und Endzielen. Kuba ist nicht nur ein Territorium, das es zu erobern gilt. Es ist in erster Linie auch eine Kränkung. Eine unerträgliche Beule im Luxusauto der neoliberalen Modernität. Und die Marines sind die Mechaniker. Wenn diese Pläne umgesetzt werden, wird man sehen, wie jetzt im Irak, daß das Ziel nicht darin bestand, Señor Castro Ruz zu stürzen oder einen politischen Regimewechsel zu erzwingen.

Die Invasion und die Besetzung Kubas (oder jedes anderen Ortes auf der Welt) benötigt keine Intellektuellen, die von den Maßnahmen des Nationalstaates (vielleicht den letzten in Lateinamerika) für interne Kontrolle "überrascht" sind.

Wenn die nordamerikanische Regierung weder von der lauwarmen Ablehnung der UN und der Regierungen der Ersten Welt bewegt werden konnte, noch über die explizite Verurteilung von Millionen Menschen auf der ganzen Welt besorgt war, werden die ablehnenden oder ermutigenden Worte der Intellektuellen sie auch nicht ermutigen oder aufhalten. (Da wir gerade von Kuba sprechen: Eine neue "Heldentat" israelischer Soldaten ist gerade bekannt geworden. Sie haben einen Palästinenser mit einem Genickschuß getötet. Der Palästinenser war 17 Monate alt. Gab es da irgendwelche Statements, irgendein Manifest mit empörten Unterschriften? Selektiver Horror? Ermüdung des Herzens? Oder beinhaltet das "wir verurteilen sie überall und wer immer sie sind" jetzt und für immer auch jede einzelne Dose des Terrors, den die Oberen den Unteren zu schlucken zwingen? Ist es genug, einmal "Nein" zu sagen?)

Auch Protestdemonstrationen, ganz gleich wie massiv oder langanhaltend sie sein mögen, auch wenn sie innerhalb der US stattfinden, werden sie nicht aufhalten.

Das heißt: NICHT ALLEINE.

Ein fundamentaler Faktor ist die Fähigkeit der Betroffenen, Widerstand zu leisten, die Intelligenz Arten des Widerstandes zu kombinieren und, etwas das vielleicht "subjektiv" klingen mag, die Entscheidungsfähigkeit betroffener Menschen. Das zu erobernde Territorium (sei es Syrien, Kuba, der Iran, die Berge des mexikanischen Südosten) werden sich dann in ein Territorium des Widerstands verwandeln müssen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Schützengräben, Waffen, Fallen und Sicherheitssysteme (die aber auch notwendig sind), sondern die Bereitschaft (die "Moral" würden einige sagen) dieser Menschen Widerstand zu leisten.

VII. Der Widerstand

Krisen gehen der Wahrnehmung ihrer Existenz voraus, aber die Reflexion über die Ergebnisse oder Lösungen solcher verwandelt sich in politische Handlungen. Die Ablehnung der politischen Klasse ist keine Ablehnung der Politik, sondern einer bestimmten Art, sie zu betreiben.

Die Tatsache, daß an dem sehr beschränkten Horizont des Kalenders der Macht noch keine neue Art Politik zu betreiben aufgetaucht ist, heißt nicht, daß dies nicht in einigen oder vielen der Fragmente der Gesellschaft auf der ganzen Welt passiert.

Alle Widerstände in der Geschichte der Menschheit schienen ineffektiv, nicht nur am Vorabend, sondern bis tief in die Nacht des Angriffes, aber die Zeit steht paradoxerweise auf ihre Seite, wenn sie auf diese Weise aufgefaßt wird.

Viele Statuen können fallen, aber wenn die Entschlossenheit von Generationen fest bleibt und Nahrung findet, ist der Triumph des Widerstandes möglich. Er wird kein bestimmtes Datum haben, und es wird keine ermüdende Paraden geben, aber der vorhersehbare Verfall eines Apparates - der seine eigene Maschinerie in ein Projekt für eine Neue Ordnung verwandelt - wird letzten Endes vollendet sein.

Ich predige nicht die leere Hoffnung, sondern daß man sich ein wenig an die Geschichte der Welt und des eigenen Landes erinnert.

Wir werden siegen, nicht weil es unser Schicksal ist, oder weil es in unsere jeweiligen rebellischen oder revolutionären Bibeln so geschrieben steht, sondern weil wir dafür arbeiten und kämpfen.

Deshalb braucht es ein wenig Respekt vor dem Anderen, der mit seiner Andersartigkeit irgendwo anders Widerstand leistet, und viel Bescheidenheit um sich daran zu erinnern, daß man von dieser Andersartigkeit viel lernen kann, und Weisheit um nicht nachzuahmen sondern eine Theorie und eine Praxis hervorzubringen, die nicht Arroganz zu ihren Prinzipien zählt, sondern ihre Horizonte erkennt und die Werkzeuge, die für diese Horizonte nötig sind.

Es geht nicht darum, die existierenden Statuen zu festigen, sondern darum, für eine Welt zu arbeiten, in der Statuen nur dazu dienen, damit die Vögel auf sie scheißen.

Eine Welt, in die viele Widerstände passen. Nicht eine Internationale des Widerstandes, sondern eine vielfarbige Fahne, eine Melodie mit vielen Tonarten. Und wenn sie falsch klingt, dann nur weil der Kalender von unten immer noch dabei ist, die Partitur zu arrangieren, auf der jede Note ihren eigenen Platz, ihre Lautstärke, und vor allem, ihre Verbindung mit den anderen Noten finden wird.

Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. In der Zukunft wird Koexistenz möglich sein, nicht durch die Kriege um den anderen zu dominieren, sondern wegen des "Neins", das den Menschen wie einst in der Vorzeit ein gemeinsames Anliegen verliehen hat und damit eine Hoffnung: die des Überlebens der Menschheit gegen den Neoliberalismus.

aus den Bergen des mexikanischen Südostens
Subcomandante Insurgente Marcos

Originaltext: http://chiapas.at/ezln/sieben_gedanken.htm


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS