Die Kirche

In gewisser Beziehung ist der Entwicklungsgang der Religionen mit dem der politischen Parteien zu vergleichen. Als Sekte ohne Einfluss auf die Gestaltung der Machtverhältnisse, war das Christentum in seinem Beginn schwärmerisch, aufopfernd, volkstümlich. Es waren Bettler, Gichtbrüchige, überhaupt arme, mühselig lebende Leute, aus welchen sich die Gefolgschaft Jesu zusammensetzte. Diese Anhänger glaubten an das Wunder, denn nur durch unerhörte Wundertaten eines Erlösers konnten sie hoffen, aus ihrer elenden Lage befreit zu werden. Das Wunder erschien als einzige Rettung.

Bis diese Erlösung kam, hatte man sich im Bussetun, in Zerknirschung und Demut zu üben, denn die ganze Erlösungslegende ging davon aus, dass der Mensch ein grundverdorbens, nichtwürdiges Geschöpf sei, das nur infolge der unerschöpflichen Gnade Gottes nicht zu ewigem Rösten in der Hölle verdonnert wurde. Diese winselnde Demut, dieses Selbsterniedrigen, werden für die weltlichen Machthaber nicht zuletzt den Ausschlag gegeben haben, die Christenlehre als Staatsreligion anzuerkennen. Eine knechterische Religion konnten sie sich gar nicht wünschen.

Die Unterordnung, die sie in ihren Gesetzen vorgeschrieben, wurde hundertmal übertroffen durch die christlichen Vorschriften zur Selbstaufgabe der Persönlichkeit, des Lebensgenusses, des Irdischen überhaupt. Eine Religion, die den Armen lehrte, das eigentliche Leben, das „ewige", beginne erst im Jenseits und dem werde dort die fetteste Extrawurst gebraten, der im Diesseits am meisten gelitten habe, bedeutete für die Reichen einen kostbaren Fund; - Sie zögerten keinen Augenblick, den Armen die himmlischen Süssigkeiten zu überlassen, und sich von diesen als Ersatz dafür irdische Güter, weltlichen Luxus aufhäufen zu lassen.

Das Christentum als Staatsreligion hörte auf schwärmerisch und arm zu sein. Es wurde demagogisch und teilte sich mit den Weltlichen Gewaltinhabern in die Beherrschung der Völker. So entstand aus der Religion die Kirche, ähnlich, wie eine politische Partei, wenn sie zur Macht gelangt, sich in eine Regierung verwandelt. Und wie aus dieser alle früher in ihr enthaltenen Ideale verschwinden und die Herrschaft zum Selbstzweck wird, so dient auch in der Kirche die frühere Sehnsucht und Schwärmerei nach höheren Formen des Erkennens und Empfindens nur noch zu Dekorationszwecken. Das Materielle hat diese Dinge völlig verdrängt, was übrig bleibt, ist das Streben nach Ausdehnung der Gewalt- und Machtsphäre. Die Kirchepredigt zwar den Armen bis auf den heutigen Tag das Evangelium der Entsagung, aber sie selbst entsagt weder der irdischen Gewalt, noch den irdischen Gütern; sie will herrschen und Reichtümer aufhäufen.

Zur Erreichung dieser Ziele verbündet sie sich mit den jeweilig herrschenden Gesellschaftsschichten. Sie predigte Demut den Untertanen der Fürsten, den Leibeigenen der Adeligen; jetzt predigt sie Demut und Unterordnung den Fabriksklaven, den Heloten des Ackerbaues. Unter fürstlichem Regime sassen die Pfaffen mit den Gewalthabern in den Burgen und Schlössern an der Festtafel, in der modernen Zeit sind sie die Gäste und Ratgeber der Präsidenten, der oberen Bureaukratie, der reichen Bourgeosie.

Es gibt bis jetzt noch kein Beispiel dafür, dass die Kirche und die Regierungsgewalt sich ernsthaft und dauernd entzweit hätten. Es kamen Grenzstreitigkeiten genug zwischen ihnen vor, denn beide Kontrahenten stellen die Herrsch- und  Raubgier in Person dar, so dass Ausbrüche von Konkurrenzneid, von Streitigkeiten um die besten Bissen unvermeidlich, sind. Sie fanden sich jedoch immer wieder zusammen, weil sie beide ein gleich starkes Interesse daran haben, dass die Unwissenheit und die knechtische Gefügigkeit der Massen bestehen bleiben, zwei unerlässliche Bedingungen der Unterjochung und Ausbeutung der Geistes- und Körpersklaverei.

Karl der „Grosse" liess die geschlagenen heidnischen Sachsen gleich zwangsweise christlich taufen, in dem er seinen Kriegern den Befehl gab, die Gefangenen durch den Fluss zu treiben. Ist die Bande erst dem Pfaffen, dem Kreuz und Weihwasser ausgeliefert, dann wird sie auch bald der Staatsmacht untergeordnet sein. — Auf diese Weise arbeiten sich Kirchen- und Regierungsgewalt noch heute in die Hände. In manchen Staaten proklamierten sogenannte "aufgeklärte", „liberale" Herrscher Religionsfreiheit. Das hiess aber nur, der Untertan könne sich unter den verschiedenen Herrgöttern einen auswählen, der ihm am besten gefalle. Aber gar keinen Herrgott anzuerkennen, das gab es nicht.

Von jenem „aufgeklärten" österreichischen Kaiser Joseph, der mit der halb und halben Freidenkerei in ähnlicher Weise sein Spielchen trieb, wie der Preussenkönig Friedrich, wird eine Anekdote erzählt, die auch auf die modernen Patronatsherren und -Damen der Kirche angewendet werden kann. Gnädig hatte dieser Joseph den Österreichern Religionsfreiheit bewilligt. Da wurde ihm eines Tages mitgeteilt, dass in der und der Ortschaft ein Mann lebe, der an gar keinen Gott glaube und auch keiner Kirche angehöre. Das war für seine Aufgeklärtheit zuviel. Er liess eine Ordre ausfertigen, in der die Behörde des Ortes ermahnt wurde, alles aufzubieten, um den ungläubigen Kerl zur Raison und zum Anschluss an eine Religionsgemeinschaft zu bewegen. Weigere sich der Mensch auch dann noch, so seien ihm so und soviel Stockschläge zu verabfolgen.

Den gegenwärtigen Tyrannen und Menschenschindern ist es gleichfalls ganz schnuppe, in welchen kirchlichen Geistespferch sich die Menschen einsperren lassen. Wenn sie nur glauben, geduldig sind, sich placken, plündern, büttein lassen, an der Obrigkeit festhalten, weil die von Gott eingesetzt wurde, und zugeben, dass es immer Reiche und Arme geben müsse. Die Kirche soll die Menschen davon abhalten, ihre irdischen Angelegenheiten unbefangen ins Auge zu fassen, sie so zu gestalten, dass Lug und Trug verschwinden und niemand mehr Ursache hat, sich aus dem weltlichen Jammertal in ein schwindelhaftes, besseres Jenseits hinein zu träumen. Dieser Aufgabe kommen die Kirchen denn auch pflichtgemäss nach; ob sie katholisch, lutherisch, presbyterianisch, methodistisch, baptistisch sind - in allen zetern die Pfaffen über die Begehrlichkeit des „gewöhnlichen" Menschenvolkes, das nicht mehr gehorchen wolle und durch seinen Ungehorsam und seine irdischen Gelüste wahrscheinlich eine zweite allgemeine Sintflut heraufbeschwören werde.

Niemand weiss es auch besser wie die Pfaffenschaft selbst, dass sie den Machthabern als Werkzeug zur Darniederhaltung und Auswucherung der Volksmassen unentbehrlich ist. Auf dieses Wissen pocht sie, wenn immer sie mit ihnen in Konflikt gerät. Sie besiegte Bismarck damit und wenn sich die politischen Freibeuter, die zurzeit als Staatsmänner Frankreichs einen anscheinend unerbittlichen Krieg gegen die Kirche führen, auch noch so radikal geberden, das französische Ausbeutertum, die Fabrikanten, Aktionäre, Bankiers, werden mit der Kirche nicht brechen, in der sie ihre Bundesgenossin erblicken.

Und so wird es früher oder später in Frankreich wieder eine Regierung geben, die mit den Pfaffen gemeinsame Sache macht. Das heisst, wenn nicht vorher etwa per direkter Aktion und Generalstreik sowohl der panamatischen Flibusterwirtschaft der Regierungsmänner, wie auch der Pfaffenherrlichkeit ein Ende bereitet wird.

Wie genau die Kirche ihre Position unter dem kapitalistischen Regime kennt, das zeigte auch eine Berechnung der geschäftlichen, materiellen Vorteile, die den Besitzenden aus der Tätigkeit der Kirchen erwachsen. Der betreffende Artikel wurde in mehreren amerikanischen Zeitschriften nachgedruckt und war offenbar von einem Sachverständigen verfasst,der den wohlhabenden, reichen Bürgern kühl auseinandersetzte, dass die Kirche allerdings für ihren, gleichzeitig aber auch für den Profit der Händler, Spekulanten, Fabrikanten arbeite. Hawaii bringe dem amerikanischen Handel mehr ein, als das ganze Missionswesen Kosten verursache. Ein Missionar sei als Bahnbrecher der Schacherei 50.000 Dollar pro Jahr wert. Eine Million Dollars, so berichtet der Eingeweihte, habe die Kirche auf den Inseln in Unternehmungen angelegt. Der Segen Gottes ruht sichtbarlich auf dieser Million, denn sie bringt nach der Versicherung des kirchlichen Geschäftsmannes 60 Prozent Zinsen ein. Die Kirche biete, selbst wenn man sie rein als ein geschäftliches Unternehmen betrachte, soviele Vorteile, dass jedem Unternehmer nur zu raten sei, sie stark und aktionsfähig zu erhalten.

Der Extrakt dieser Ausführungen ist in den folgenden Worten enthalten: „Wie im eigenen Lande, so bereitet die Kirche auch in den fremden Zonen die moralische Basis für einen prosperierenden Handel vor." Der „Wilde" sei nämlich für den Handel unbrauchbar, eher eine Last als ein barer Vorteil; erst wenn der Missionar seine Bekehrungsarbeit mit Erfolg erledigt habe, wenn der Wilde zum Christen wird — erst dann ist er reif für die christlich-kapitalistische Ausbeutung.

Die Kirche ist demnach in der Hauptsache eine unter der Maske der Religion verkappte internationale Agentur der kapitalistischen Spekulation, deren Aufgabe es ist, die Arbeiter im eigenen Land und in den erbeuteten Kolonieen für die Zwecke der Profitmacher zu erziehen, das heisst, ihr Denken und Empfinden mit der christlichen Sklavenmoral in Verwirrung zu bringen und in stumpfer Passivität zu erhalten.

Aus: Der freie Arbeiter, 4. Jahrgang, Nr. 4, 1907. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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