Kropotkin und Theorien der Evolution, Erziehung und des anarchistischen Kommunismus

Peter Alexander Kropotkin wurde als Pyotr Alekseyevich Kropotkin am 21. Dezember (9. Dezember alte Zeit) 1842 in Moskau, Russland, geboren. Er war der Sohn des Prinzen Aleksey Petrovich Kropotkin und wurde von den exklusiven "Corps of pages" in St. Petersburg unterrichtet. Ab 1862 war er fünf Jahre ein Armeeoffizier in Sibirien, wo er nebenbei das Tierreich und die Geographie studierte. Dort entwickelte er eine Theorie über die Strukturlinien der dortigen Berge, die die Kartographie von Ostasien veränderten. Außerdem gewann er Wissen über die Vereisung von Asien und Europa während der Eiszeit. Durch diese Entdeckungen öffnete sich für ihn die Tür für eine wissenschaftliche Karriere. Allerdings verweigerte er 1871 das Schriftführeramt der "Russischen Geographischen Gesellschaft" und widmete sein Leben trotz seiner adligen Herkunft der sozialen Gerechtigkeit.

Während seiner Rückkehr nach Russland schloss er sich einer revolutionären Gruppe an, die Propaganda unter den Arbeitern in St. Petersburg und Moskau verteilte. Er wurde 1874 bei einer Polizeiaktion festgenommen, konnte zwei Jahre später nach einem sensationellen Ausbruch fliehen und erreichte Westeuropa. Sein Name wurde dort schnell berühmt. Die nächsten Jahre verbrachte er meist in der Schweiz, bis er auf die Bitte der russischen Regierung aus dem Land verwiesen wurde, nachdem Revolutionäre 1881 ein Attentat auf Alexander II. gelang. Nach einem Aufenthalt in Frankreich zog er nach England, wo er blieb, bis ihm die Revolution 1917 wieder erlaubte, nach Russland zurückzukehren. Mittlerweile 75 Jahre alt und über 40 Jahre im Exil wird ihm von der neuen provisorischen Regierung in Russland ein Posten als Erziehungsminister angeboten, den er harsch ablehnte. In Russland entstanden nach der Revolution überall spontan Kommunen und Sowjets (ArbeiterInnen- und Soldatenräte), die die Basis für eine staatslose Gesellschaft hätten legen können. Kropotkins Hoffnungen auf eine libertäre Zukunft waren nie stärker, doch das neue autoritäre Regime der Bolschewiki enttäuschte seine Erwartungen. In ihnen sah er ein Beispiel, wie eine Revolution NICHT gemacht werden sollte. Kropotkin starb 1921 in Dmitrov, einem Dorf bei Moskau. An seinem Begräbnis nahmen zehntausende AnhängerInnen teil – es sollte für lange Zeit die letzte Möglichkeit für AnarchistInnen bleiben, im „kommunistischen“ Russland unter der schwarzen Fahne aufzumarschieren.

Kropotkin hatte in seinem Leben stets seinen hohen moralischen Standard und die Kombination von Gedanken und Aktionen, die er in seinen Büchern gepredigt hatte, beibehalten. Er war einer der bedeutendsten Gründer der russischen und englischen anarchistischen Bewegung und beeinflusste den Anarchismus in der Schweiz, Frankreich und Belgien stark. Kropotkin zeigte keinen Egoismus und keine Lust auf Macht wie viele andere Revolutionäre. Gerade deswegen wurde er nicht nur von seinen KameradInnen, sondern auch von Leuten bewundert, für die Anarchismus nur Gewalt und Terror bedeutete.

„Gegenseitige Hilfe“

Während seines Exils in Europa schrieb er mehrere Bücher, darunter zum Beispiel "Paroles d'un révolté" (1885: "Wörter eines Rebellen"), "Die Eroberung des Brotes" (1892) und "Memoiren eines Revolutionäres" (1899). Sein bekanntestes Werk wurde "Gegenseitige Hilfe" (Originaltitel: "Mutual Aid"), ein Buch, mit dem er seinem Ziel, dem Anarchismus eine wissenschaftliche Basis zu geben, sehr nahe kam. In diesem Buch widerspricht er der Theorie Darwins, dass nur die Stärksten und Mächtigsten mit der Evolution Schritt halten können. Nach seiner Ansicht ist nicht die Konkurrenz, sondern die gegenseitige Hilfe der Hauptfaktor für das Überleben, was er in dem Buch durch zahlreiche Beispiele belegt. Auch in der menschlichen Welt ist gegenseitige Hilfe eher die Regel als die Ausnahme.

„Anarchistischer Kommunismus“

Kropotkin entwickelte den wirtschaftlichen Gedanken des Anarchismus entscheidend weiter und stellte seine Theorie des "Anarchistischen Kommunismus" auf. Privatbesitz und ungleiche Einkommen würden abgelöst durch die freie Verteilung aller Güter und Dienstleistungen. Anstelle des Prinzips des Lohnes setzte er das Prinzip des Bedürfnisses. JedeR solle selbst entscheiden, wieviel er/sie braucht und sich soviel aus dem Laden nehmen, wie er/sie für nötig hält, egal, wieviel Arbeit er/sie investiert hat. Kropotkin's Vision war, dass alle Mitglieder einer kooperativen Gemeinschaft ca. vom 20. bis zum 40. Lebensjahr vier bis fünf Stunden am Tag als das arbeiten sollten, was sie am liebsten tun. Dies sollte für ein zufriedenes Leben ohne Engpässe ausreichen.

Erziehung und Strafrecht

Um Leute für diese Art von Leben vorzubereiten, setzte er seine Hoffnungen in die Jugend. Er wollte eine Erziehung schaffen, die mentale und mechanische Fähigkeiten schult und den Schwerpunkt in Humanismus, Mathematik und Wissenschaft hat, ohne nur aus Büchern zu lernen. Das Lernen sollte aus aktiver Beschäftigung im Freien und reellen Erlebnissen bestehen, einer Methode, wie sie heute von vielen modernen Erziehungswissenschaftlern empfohlen wird. Durch seine eigenen Erfahrungen in Gefängnissen sprach er sich für eine Umstellung des Strafsystems aus, denn Gefängnisse bezeichnete er als "Verbrechensschulen", die den/die VerbrecherIn ihn in seinen/ihren kriminellen Einstellungen erhärten würden. Ein seiner Vorstellung von Gesellschaft würden VerbrecherInnen nicht durch Gesetze und Gefängnisse geändert, sondern durch menschliches Verständnis und den moralischen Druck der Gesellschaft.

Quellen u.a.:

  • Martin A. Miller "Kropotkin" (1976)
  • George Woodcock und Ivan Avakumovic "Der Anarchistische Prinz" (1950)
  • Encyclopedia Britannica "Kropotkin, Peter Alekseyevich"


Originaltext: http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/8522/kropot.html (wurde überarbeitet)


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