Voltairine de Cleyre - Kristofer Hansteen

"Irdisch und dennoch unirdisch - ", Dieser Satz blieb unbeendigt, so wie ich ihn vor zwei und ein halb Jahren schrieb, als eine Krankheit mich befiel und mein ganzes Manuskript in einem langen Gedankenstrich auslief. Ich arbeitete auch damals an einer Darstellung von Kristofer Hansteen, an einer Beschreibung seiner Arbeit in Norwegen. Und jetzt, da ich in der Lage bin, den Faden meines Lebens und meiner Arbeit wieder aufzunehmen, lese ich, dass er tot ist - nicht mehr der Erde gehört, er, der ihr eigentlich nie angehörte...

In diesem Moment durchzucken mein Gedächtnis mit unwiderstehlicher Macht - vor meinen Augen steht diese zarte, durchgeistigte Persönlichkeit - die Worte, die er zu mir sprach: "Als die Ärzte mir mitteilten, dass ich möglicherweise nicht länger als bis zum Frühjahr leben würde, dachte ich mir : wenn ich sterbe, was wird aus dem Anarchismus in Norwegen werden?" Er besass keine andere Auffassung von der Bedeutung seines Lebens als diese.

In meinem Geiste tönt es wie von halberstickter Musik: "Ein Engel der Erfolglosigkeit, der mit seinen leuchtenden Flügeln im leeren Baume schlägt"..., dergleichen, Worte, ähnlich jenen Shelley's, - sie verfolgen mich immer, wenn ich mich an Kristofer Hansteen erinnere. Vielleicht erschien er jenen, die ihn in seiner Jugend kannten, bevor sein Körper aufgezehrt ward wie eine halbverbrannte Kerze, weniger durchgeistigt und spirituell veranlagt. Allein, als ich ihm begegnete - drei Jahre wird es diesen August -, da brannte in seinen Augen bereits ein ätherisches Feuer, die Blässe der Auszehrung lag auf der hohen, feinen Stirne, ein Husten durchschüttelte ihn unaufhörlich : - sein ganzes Ich glich der Vergänglichkeit eines Herbstblattes; nur, dass sein Herbst im Frühling kam...

Die äusserste Unfähigkeit dieses Mannes den gewöhnlichen, praktischen Anforderungen des Lebens gegenüber, musste störend auf Durchschnittsmenschen einwirken. Reguläre Mahlzeiten oder eine Bekleidung nach den Geboten des Wetters waren Dinge, an die er nur zerstreut denken konnte, sie waren ihm unbequem, er musste sich dazu zwingen, ihnen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Aber was er klar und deutlich sah, verschönerb durch eine begeisterte Vision, das war die Zukunft, eine freie Zukunft... Die Dinge um ihm, die Wirklichkeiten anderer Menschen, waren ihm Schattenbilder - bedrückende Schattenbilder; doch sie kümmerten ihn wenig. Nur die grossen Strömungen des Lebens sah er deutlich als reale Dinge, und inmitten all der Verwirrung der Massenbewegungen fand er die Spur des leuchtenden Stromes, der zur Freiheit führt; mit hektisch geröteten Wangen, brennenden Augen folgte er ihm, zerrissen von dem Husten, geschüttelt vom Fieber.

Die Hansteens sind eine wohlbekannte Familie in Norwegen; intelligent, oftmals excentrisch veranlagt. Aosta Hansteen, Kristofer's Tante war zur Zeit meines Besuches eine alte Matrone von über achtzig Jahren, die sich an vielen Kämpfen für die Gleichheitsbestrebungen der Frau beteiligt hatte, sowohl in Norwegen, als in Amerika. - Ihr Vater, Kristofer's Grossvater, war Astronom und Mathematiker. In seiner Jugend wanderbe Kristofer zu Fuss durch die Täler von Norwegen, und als er mich durch die Kunstgallerien von Christiania geleitete, war er ein sehr wertvoller, interessanter Führer ob seiner tatsächlichen Bekanntschaft mit den Szenen und Charakteren aus dem Leben der Bewohner der Tiefebenen. Er kannte die Lichter auf den Schneegipfeln und Bergen, wusste, welche Jahreszeit auf den Blättern lag, wo die Holzpfade eine Krümmung machten, kannte die trüben Schönheiten der Fjorde, die verschleierten Farben einer sommerlichen Mitternacht. Und wie einer, der immer auf diesen Pfaden wandelte, war er bekannt mit der Entwicklung des norwegischen Kunst- und Literaturlebens, das so geheimnisvoll erleuchtet ist.

Unsere Verbrüderungsstunden waren wenige, aber sie sind mir unvergesslich. Er war ein häufiger Besucher im Hause von Olaf Klingen, dem von der Güte und Geistestoleranz Kringen's, sprach ich vor der Sozialistischen Jugendliga, in ihrer Halle zu Christiania. Der Saal war gedrängt voll, über achthundert Menschen waren anwesend; eine kleinere Geldsumme, die nach Abzug der Auslagen übrig blieb, wurde mir eingehändigt. Ich teilte sie mit Hansteen, und er blickte mich freudig an, während es in seinen dunklen Augen aufflammte: "Nun," sagte er, "wird ,Til Frihet' um ein Monat früher erscheinen." "Til Frihet" ("Zur Freiheit!") war sein Blatt. Wollt ihr wissen, wie es erschien? Er setzte den Satz dafür in seinen freien Augenblicken, er leistete die mechanische Arbeit; und dann, da er zu arm war, um für die Postversendung des Blattes das Geld aufzubringen, trug er - ausgenommen die paar Tauschexemplare für das Ausland - es selbst von Haus zu Haus, über die Höhen von Christiania - er, ein schwindsüchtiger Mann, den der Husten zersetzte!

An dem Abend, da ich die Stadt verliess, goss es in Strömen; er hatte keine Gummibekleidung, keinen Regenmantel an. Ich hoffte, dass er glauben würde, die Propaganda verdiene, dass einer ihrer aktivsten Arbeiter sich ein Paar Galoschen anschaffen solle, da er die Zeitungen durch den Regen zu tragen habe. Ich erinnerte ihn daran, darauf zu achten, seine Füsse trocken zu halten. Aber er schaute nur zerstreut auf sie, als ob sie ihn gar nichts angingen und sagte blos: ",Til Frihet' wird um ein Monat früher erscheinen!"

Es war in "Til Frihet", dass er Hochverrat beging. Es ereignete sich einmal, dass König Oskar, temporär von dem öffentlichen Königsberufe zurückgetreten, die Ausführung diverser Angelegenheiten dem Kronprinzen überliess, trotzdem laut dem "Grundgesetz" von Norwegen dies nicht geschehen durfte.

Darauf veröffentlichte Genosse Hansteen einen Leitartikel, in dem er sagte : "Oskar verletzte das Grundgesetz, es gibt keinen König mehr in Norwegen." Er wurde des Hochverrates angeklagt und um der Einkerkerung zu entgehen, flüchtete er nach England, woselbst er sich etwa ein Jahr unter den Londoner Genossen bewegte. Als er nach Norwegen zurückkehrte, wurden einige Drohungen, die Verfolgungen wieder aufnehmen zu wollen, laut; doch die Angelegenheit kam nicht wieder auf, vielleicht deswegen, um der weiteren Veröffentlichung des königlichen "Verrats" vorzubeugen.

Schon vor diesem Ereignis gewann Genosse Hansteen seine Gefängniserfahrungen. Redakteur des täglichen "Sozialdemokraten", ein grosser gütiger Nordländer, der sich meiner von Amerika erinnerte und mich in seinem Blatte gegen die lächerliche Beschuldigung, ich sei gekommen, um Kaiser Wilhelm zu ermorden, verteidigte. Durch Hansteen's Bemühungen, unterstützt

In einer Maidemonstration, die alle Arbeiterreform- und revolutionären Parteien umschloß, sollten, nach Hansteen, auch die Anarchisten vertreten sein; er marschierte mit und trug eine rote Fahne. Der Polizeichef befahl einem Untergebenen, die Fahne zu entfernen. Es war leicht genug dies zu tun, doch nicht, ohne dass Hansteen dem Polizisten mit der Hand ins Gesicht schlug, um den Beweis seiner nur zwangsweisen herbeigeführten Unterwerfung zu erbringen. Diese kleine Hand, so schwach und zart wie die einer Frau! Ein gewöhnlicher Mann würde sie einfach bei Seite geschoben haben und nicht mehr daran gedacht haben, aber der Polizist zahlte dem starken Willen unter dem schwachen Fleische seinen Tribut, indem er Hansteens Verurteilung zu sieben Monaten Gefängnis herbeiführte.

Meine Unkenntnis des Norwegischen hindert mich daran, eine gebührende Darstellung seiner Leistungen zu bieten. Ich weiss, dass er Verfasser eine kleinen Broschüre war, "Det frie samfund" (Die freie Gesellschaft), dass er eine von Krapotkin's Arbeiten (ob die über den "Staat" oder jene über "Wohlstand für Alle", erinnereich mich nicht mehr) übersetzte und in einer Serie von Einzelheften herausgab, die schliesslich zu einem Gesamtwerk gebunden werden sollten. Wenn ich mir den tiefen Ernst seines Antlitzes zurückrufe, als er über die Schwierigkeiten sprach, die sich ihm entgegen warfen, die einer Beendigung seines Planes entgegenstürmten, da finde ich mich fast betend darum dass es ihm vergönnt hätte sein sollen, seine kostbare Arbeit beendigt sehen. Sie bedeutete ungeheuer viel für ihn. Und ich darf prophezeien, dass die Zeit kommen wird, wenn Jung-Norwegen diese opferbekundenden Fragmente wie Schätze und als wertvoller denn jede reichere und vollständigere Literatur aufbewahren wird. Sie bilden das Herzblut eines sterbenden Mannes - des Vorläufers der anarchistischen Bewegung Notwegens.

Es ist mir unmöglich, ihm ein Abschiedswort für immer zuzurufen, ohne ein Wort über seine persönliche Existenz zu sagen, die praktischen Menschen wahrscheinlich als ebenso unbegreiflich erscheinen wird, wie seine sozialen Träume. Er besass grosse Liebe für den häuslichen Herd und für Kinder; und einmal bemerkte er mir, im Tone tiefer Melancholie: "Einmal schmerzte es mich, sterben zu sollen, ohne einen Sohn zu haben; aber jetzt freue ich mich, dass ich keinen Sohn habe." Man konnte es leicht sehen, es war der seinen ganzen Körper schüttelnde Husten, der ihn zufrieden machte. Ein praktischer Durchschnittsmensch würde sich darüber gefreut haben, über die Vererbung schuldlos hinweg gehen zu können; aber es schmerzte den Denker in ihm tief...

Seine Augen wurden manchmal feucht, wenn er auf seine kleinen Töchter blickte; wirklich, es waren aufgeweckte schöne Kinder, wenn auch nicht nach ihm veranlagt. Während seiner früheren Wanderungen begegnete er einem einfachen Bauernmädchen, das er liebte. Sie war der Schriftsprache unkundig, aber begabt mit gesundem Menschenverstand; aus ihren grossen, blauen Augen strahlte die Schönheit vollständigster Ehrlichkeit. Damals, wie auch heute, ist es ein Wunder für mich gewesen, wo er in seinem geheimnisvollen Geiste - erfüllt von Abstraktionen, Verallgemeinerungen, Idealisierungen - seine Liebe für Weib und Kinder barg. Stark und zärtlich wie sie war, konnte man doch sofort den Umstand würdigen, dass er keinen Sinn für das praktische Leben besass, dessen Führung sein Weib mit merkwürdiger Selbstverständlichkeit auf sich genommen hatte. Seine ganze Imagination, in deren Umkreis er sich fortwährend bewegte, war ausserhalb ihres Geisteshorizontes; dies aber tat den Beziehungen zwischen Beiden keinen Eintracht. Noch kam ihm je der Gedanke, dass seine Weltfremde den Teil ihrer Verantwortlichkeit verdoppelte und sie allzu sehr beschäftigte.

Wenn ich über diese ganze Sache heute nachdenke, überkommt mich ein Gefühl der Verwirrung. Aber ich glaube, seine Liebe für menschliche Wesen, besonders innerhalb seiner Familie, war von jener tiefen, stillen, sehnenden Art, die wir für die Wälder und Berge der Heimat empfinden. Ihre ruhige, sich nie aufdrängende Gegenwart erfüllt uns mit Ruhe und Gewissheit; wir empfinden Unruhe, wenn wir sie vermissen. Und doch nehmen wir ihre Schönheiten als selbstverständlich, denken ihrer selten in unseren aktiven Gedanken und ermessen kaum die Rolle, die sie für unser ganzes Wesen spielen.

All dieses gehört zu den dunkeln Quellbrunnen unseres Gefühllebens. Mein lieber, verblichener Stern der nordischen Lande! untergegangen - und es war noch nicht Morgen ...

Aus: Die Freie Generation. Dokumente der Weltanschauung des Anarchismus. Band 1, Heft 2, August 1906. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at. Satzfehler / Auslassungen im Original


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