Oder: kennst du den? Nein? Dann raus aus meiner Szene! Wie Privilegien und Arroganz eine anschlussfähige und revolutionäre Linke verhindern

Durch irgendwelche Verbindungen wie Musik oder Freund*innen bist du auf einem Konzert, einer Party oder einem Vortrag gelandet und wirst von allen erstmal beäugt.
Schon beim Vorstellen kann es zu unangenehmen Erfahrungen kommen: klingt dein Name vielleicht nicht deutsch? Dann wirst du auch unter Linken gefragt “Woher du denn kommst?“,
heisst du vielleicht Jaqueline, Chantall, Kevin oder gar Ronny? Dann Gnade dir Gott.

Aus einem vermeintlichem “Klasse gegen Klasse“ ist eine Szene aus, zum größten Teil, belesenen Jugendlichen aus dem Mittelstand geworden, die “jetzt mal dem Murat aus der Türkei oder so erklären wie Revolution geht“. Wenn du nicht die szenetypischen Erkennungsmerkmale hast (Turnschuhe, Pulli, bedruckter Turnbeutel) oder Iro, Aufnäher oder wenigstens Buttons trägst, wirst du erstmal nicht ernst genommen.

Wenn du dich da reingefuchst hast, die ersten Sprüche, Zitate und Parolen kannst und weisst welcher große Lehrmeister sie sprach (mit Absicht nicht entgendert, oder wie oft wird bei euch Emma Goldman, um die bekannteste zu nennen, zitiert?), dann gehts aber erst richtig los.

Hast du Buch XY gelesen? Warst du beim “Vortrag zur kritischen Theorie im heutigen Mexiko“? Wenn nicht, findet sich mit Sicherheit ein Mensch der dir ungefragt die Welt erklärt. Meistens ist dies ein weisser Heteromann, ende zwanzig oder älter. Hat natürlich studiert.


Nebenbei wird dir auch regelmäßig ungefragt erklärt, deine vegetarische oder gar omnivore (omnivore – Fleisch essen) Ernährung sei grausam und “nicht konsequent“. Das in vegetarischen oder veganen Ersatzprodukten deutlich mehr Allergene und sie deutlich teurer sind, wird gar nicht infrage gestellt. Wenn du kein Geld hast, geh halt zur Küfa (Küche für alle. Dort gibt es Essen gegen Spende, vegan). Tja, da wird nur leider nicht Glutenfrei/Histaminfrei gekocht. Naja, du findest ja immer was zum meckern. Nicht dass Veganismus keine tolle Sache wäre, nur halt nicht für alle umsetzbar.

Wenn du jetzt alle diese Hürden gemeistert hast, wirst du fester in Strukturen eingebunden: die ersten Demos, das organisieren von Solipartys und Plena (Mehrzahl von Plenum – ein Treffen von Menschen um gemeinsame Diskussionen zu führen und ggf. Entscheiden zu treffen oder Aktionen zu planen). Dafür brauchst du natürlich eine verschlüsselte Mailadresse, mit Thunderbird und RiseUp solltest du dich mindestens auskennen.

Check am besten alle ein bis zwei Stunden deine Mails, denn wenn eins sich nicht kümmert, hat es auch kein Mitspracherecht. Oder wie war das nochmal mit dem Konsens?

Auf Plena solltest du dich übrigens regelmäßig melden, du wirst sonst schnell übergangen.

Im Idealfall hast du, wenn du zu Demos gehst, eine Bezugsgruppe (eine Gruppe in der ihr euch vertraut, aufeinander aufpasst und einen Aktionskonsens habt). Nur: auch in linken Kreisen gibt es eine starke Mackerkultur (Macker – Mensch der sich übertrieben männlich zugeschriebenen Eigenschaften zuwendet). Da wird auch mal gemeckert wenn du vielleicht keine Kraft/Lust/GrundXY hast dich mit Nazis oder Bullen (Polizist*innen) zu kloppen. Eine Sitzblockade (damit werden Nazidemonstrationen blockiert. Meist lösen die Bullen die Blockade mit Knüppel und Pfefferspray auf, tragen einen weg und nehmen Personalien auf.) bis zum schmerzhaften Ende muss schon sein!

Aber wenigstens bist du dabei, wehe dir, du musst regelmäßig absagen. Gründe dafür gibt es genug: vielleicht hat deine Beziehung gerade Zeit notwendig (falls du eine hast), du musst für die Schule lernen, musst zur Lohnarbeit, die Eltern stressen rum, du musst auf Geschwister aufpassen oder du hast einfach kein Geld um andauernd durch Deutschland zu fahren.

Hast du dir eigentlich schon einen Twitteraccount zugelegt? Da spielen jetzt die coolen Antifa-kids.

Wenn du diese Diskussionen hinter dir hast, passiert dir jetzt allerdings das schlimmste: Du teilst einen Artikel auf Facebook (was du natürlich alles voll anonym hälst), dessen Autorin mal was rassistisches gesagt hat. Netterweise wirst du in Indymediaartikeln, Kommentaren auf deiner Pinnwand und auf der nächsten Vollversammlung (dort treffen sich alle aktiven Gruppen aus einem Haus, einem Bündnis o.ä.) darauf hingewiesen. Jetzt sei klug: eskalier nicht rum, bedanke dich ggf. für das Aufmerksam machen und lösche den Artikel (das meine ich Ernst!). Das jetzt alle deine Freund*innen dich wieder nicht ernst nehmen, legt sich wieder, mit Glück nehmen sie sogar zur Kenntnis das die Art dir zu sagen das du was Rassismus reproduzierendes (Reproduktion – Vervielfältigung/weiterverbreitung/Aufrechterhaltung eines Zustandes oder einer Meinung.) geteilt hast, nicht die beste Art war.

Jetzt mal im Ernst: Die Linke hat viele Probleme, zwei davon sind Klassismus und das nicht reflektieren von Privilegien.

Wir teilen täglich Texte und Zeichnungen von weissen Männern und lassen Marginalisierte und (mehrfach) Diskriminierte kaum oder gar nicht zu Wort kommen. Arme, Dicke, Schwarze, People of Colour, BeHinderte, Trans, Inter, Nonbinäre, LGBT, Queers und Frauen werden täglich anders behandelt, nicht ernst genommen, ignoriert und diskriminiert. Wer von dieser Diskriminierung nicht betroffen ist, gilt als privilegiert. Diese Privilegien gilt es immer zu hinterfragen um eigenes Handeln beeinflussen zu können. Die meisten von uns werden in einer Umgebung voller rassistischer und sexistischer Stereotypen aufgewachsen sein und haben ebendiese verinnerlicht, nun heißt es, dagegen zu kämpfen.

In sozialen Interaktionen kommt es , fast immer, zu einem hierarchischem Machtverhältniss, sei es von Mann zu Frau, Cis zu Trans/Inter/Nonbinär, Weiss zu Poc usw., dieses gilt es aufzulösen.

Dies kann uns, vorerst, leider nur im kleinen gelingen. Das Problem ist Global und strukturell.

Unser Dank sollte allen Marginalisierten gelten, die sich trotz und wider den prekären Umständen im Alltag im Internet, auf Vorträgen etc. Diskussionen und Arroganz stellen um für ihre Rechte und die anderer einzustehen und zu kämpfen.

Eine freie Welt kann nur durch hierarchiefreies Leben entstehen.

Deshalb: Heute schon deine Privilegien gecheckt?

Originaltext: https://schwarzerabriss.wordpress.com/2016/04/27/gehen-adorno-marx-und-stalin-in-ein-veganes-restaurant/


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