Der folgende Beitrag stammt von der Homepage der FAU (2er Teil 16.1.). Die bei der Wiederbesetzung der Villa Amalias verhafteten und einige Tage inhaftierten GenossInnen haben sich mit einem Statement zu Wort gemeldet: Wir werden es wieder tun, so oft wie es nötig ist. Erklärung der 93 im Polizeipräsidium Inhaftierten. Inzwischen gab es international einige Solidaritätsaktionen, u.a. auch eine Protestkundgebung am 10.1. vor der griechischen Botschaft in Wien. Die aktuelle Repressionswelle ist eine der härtesten seit Jahren in Griechenland und zielt auf die Zerstörung der Infrastruktur der antiautoritären Bewegung ab, weshalb neben besetzten Häusern z.B. das freie Radio 98 FM attackiert wurde. Zudem könnte die baldige Räumung von 40 weiteren besetzten Häusern im ganzen Land anstehen. Das aggressive Vorgehen der konservativ-sozialdemokratischen Regierung ist vor dem Hintergrund der drastischen Sparpolitik zu sehen - radikale soziale Bewegungen sollen geschwächt werden, um das Verarmungsprogramm für weite Teile der Bevölkerung möglichst widerstandslos weiterführen zu können.

Text: Die kapitalistische Junta schreitet voran...

Aktuelle Infos aus Griechenland: Occupied London / Contrainfo


http://www.youtube.com/watch?v=9BGnPpPir6s

Die in Griechenland beliebte Demoparole früherer Jahre: "Bullen, TV, Chrysí Avgí, alle Dreckskerle arbeiten zusammen", ist heute bittere Realität. Sie bedeutet tagtägliche (Lebens-)Gefahr für MigrantInnen, und "ausländisch" aussehende Menschen aber auch für AnarchistInnen, Antifas oder linke DemonstrantInnen gegen das kapitalistische Spardiktat. Nach der extremen Verschärfung der rassistischen Repression gegen MigrantInnen unter dem zynischen Namen „Xenios Zeus“ (gastfreundlicher Zeus) seit Sommer 2012, hat die Regierung aus konservativer Nea Dimokratia, sozialdemokratischer Pasok und dem „linken“ Feigenblatt Dimar (Demokratische Linke) nun zum Generalangriff auf die anarchistische Bewegung geblasen, dem widerständigsten Teil der griechischen Bevölkerung.

Die Genossen und Genossinnen in Griechenland leisten erbitterten Widerstand und brauchen dringend Unterstützung. Organisiert Kundgebungen, Demos ... vor griechischen Einrichtungen. Lasst euch was einfallen.


Ein unvollständiger Überblick der letzten Wochen.

  • In den Morgenstunden des 20. Dezember überfallen die Polizeitruppen das seit knapp 23 Jahren besetzte Haus Villa Amalias in Athen. Unter dem Vorwand einer „anonymen Anzeige“ wegen Drogenhandels durchsuchen sie das Gebäude. Natürlich werden weder Drogen noch große Mengen Bargeld gefunden. Trotzdem wird das Haus geräumt, die acht Anwesenden verhaftet und erst nach fünf Tagen freigelassen. In der bürgerlichen Presse werden die Polizeilügen über das „Terrornest“ bereitwillig verbreitet. Leere Bierflaschen in der Kneipe des Hauses und das Heizöl des Ofens gelten als schlagkräftige Beweise der „Demokraten“. Die Druckerei des Hauses wird beschlagnahmt. Seitdem wird die Villa von starken Polizeikräften rund um die Uhr bewacht.
  • Solidaritätsdemos und Kundgebungen u.a. in Athen, Thessaloníki, Pátras, Iráklion, Chaniá, Réthimnon, Agrínio, Kozáni, Kabála, Lárissa, Vólos, Lamía, Mytilíni, Kérkyra, Ioánnina und vielen anderen Orten. Die Bewegung betont das Haus werde wiederbesetzt.
  • Im Morgengrauen des 22. Dezember wird der soziale Raum Xanadu (der seit 2009 in der Stadt Xánthi in Betrieb ist) von Faschisten angegriffen. Die Nazis versuchen das Xanadu durch Brandstiftung zu zerstören, verursachen ernst zu nehmenden materiellen Schaden und gefährden das Leben der AnwohnerInnen. Der Brand kann gelöscht werden, der Wiederaufbau läuft.
  • Am 24.12. wird das Athener Rathaus mit Farbbomben verschönert. Solidaritätsaktionen finden überall statt.
  • Am 28.12. ziehen die staatlichen Unterdrückungskräfte vor der Wirtschaftfakultät ASOEE in der Patissíon Str. auf nachdem sich wiederum ein „anonymer Anrufer“ über den Handel mit illegalen Waren beschwert haben soll. 16 Straßenhändler, die auf das Unigelände flüchten, werden verhaftet und die Uni von starken Polizeikräften besetzt. Sie brechen die selbstverwalteten Räume politischer Gruppen auf und beschlagnahmen die Ausrüstung des anarchistischen Radiosenders „radio98fm“, der von dort seit ca. 10 Jahren sendete.
  • Demonstrationen, Kundgebungen, Plakat- und Sprühaktionen in vielen griechischen Städten. Parteibüros von ND und Pasok werden entglast, im Athener Stadtteil Sepólia ein Brandanschlag auf ein staatliches Bürgerzentrum verübt.
  • In der Nacht des 30. Dezember 2012 verüben „die Gesetzlosen“ einen Brandanschlag auf das Gericht im Athener Stadtteil Chalándri
  • 31.12. findet um Mitternacht eine Knastkundgebung mit ca. 1500 Menschen am Athener Knast Korydallós statt.
  • Täglich Demonstrationen, Kundgebungen, Solidaritätsaktionen…
  • Am Mittwoch, dem 9. Januar beteiligen sich morgens knapp 100 Menschen an der Wiederbesetzung der Villa Amalias. Starke Polizeikräfte besetzen das Viertel und schießen Tränengas durch die Fenster ins Haus. 200 GenossInnen auf dem nahe gelegenen Victoria Platz können nicht näher ran. Um 9 Uhr 30 stürmen so genannte Antiterroreinheiten das Gelände. 93 Genossen und Genossinnen werden verhaftet.
  • Gleichzeitig (9.1.) besetzten im Stadtteil Metaxourgío rund 40 solidarische Menschen die Parteizentrale der Dimar - Demokratische Linke, die Teil der Regierungskoalition ist. Dimar erstattet Anzeige, die Polizei räumt das Parteibüro und nimmt die Leute in Gewahrsam.
  • Um 15 Uhr (9.1.) treten erneut vermummte Terroreinheiten die Tür im seit 2009 besetzten Haus Patissíon 61 & Skaramangá ein und stürmen das Gebäude. 7 Anwesende werden verhaftet.
  • 18 Anwältinnen und Anwälte veröffentlichen auf indymedia athens ihre Beschwerde, dass ihnen gesetzeswidrig jeglicher Kontakt zu ihren Mandanten und Mandantinnen, sowie der Zugang zu den erstürmten Häusern verwehrt wird.
  • Um 19 Uhr (9.1.) formiert sich ein Protestzug vor der Polizeihauptwache in der Alexandras Allee von ca. 2.000 Menschen, die ihre Solidarität mit den Festgenommenen der Villa Amalias und des Skaramangá-Squat demonstrieren (die Leute des Dimar-Büros wurden freigelassen).
  • Noch in der Nacht vom 9. auf den 10.1. finden Demonstrationen in vielen griechischen Städten statt. In Iráklion und Ioánnina werden auf nächtlichen Demonstrationen die Rathäuser mit Steinen und Farbbeuteln angegriffen. In Exárchia finden Auseinandersetzungen statt. In Thessaloníki greifen Polizeischläger die Demonstration mit Knüppeln und Blendschockgranaten an.
  • 10.1. Genossen und Genossinnen besetzen Radiostationen in Xánthi, Thessaloníki und Athen um der staatlichen Propaganda und Hetze der bürgerlichen Presse etwas entgegen zu setzen. In Athen versucht die Polizei die ca.50 BesetzerInnen zu verhaften, was durch solidarische JournalistInnen des besetzten Senders verhindert wird.
  • StudentInnen der ASOEE besetzen die Wirtschaftsfakultät in Athen aus Protest gegen die Repression des Staates, deren einziges Ziel die Einschüchterung der Bevölkerung sei. Der Widerstand gegen die kapitalistische Verarmungspolitik werde weitergehen.
  • Ebenfalls am 10.1. besetzen GenossInnen in Iraklion ein ND-Parteibüro. Demos in vielen griechischen Städten.
  • Am 10./11.1. besetzen AnarchistInnen Radiostationen in Xánthi, Thessaloníki, Athen, Arta, Chaniá, Préveza, Pátras, Chalkída, Agrínio und einen Fernsehsender in Mytilíni, um der staatlichen Propaganda und der Hetze der bürgerlichen Presse eigene Inhalte entgegen zu setzen. In Athen versucht die Polizei die 50 BesetzerInnen zu verhaften, was durch solidarische JournalistInnen des Senders verhindert wird. In der Nacht zuvor war bei Brandanschlägen auf die Privathäuser von fünf als üble Hetzer bekannten Fernsehjournalisten Sachschaden entstanden. Angegriffen wurden die Häuser des Chefs der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Ana, Antónis Skyllákos, sowie von Moderatoren des staatlichen Fernsehsenders NET und der Privatsender Mega und Alpha. Die linkspluralistische Athener Tageszeitung Efimerída ton Sintaktón kommentierte die Anschläge unaufgeregt: „Die Willkür der Arbeitgeber (Kündigungen, Kürzungen, Abschaffung der Tarifverträge) hat nicht nur zu heftigen Erschütterungen im gesamten Arbeitsbereich geführt, sondern auch in der Berufsethik von Journalisten, die, um nicht ihre Arbeit zu verlieren ohne den geringsten Widerspruch bereit sind Errungenschaften von Jahren zu verraten. Sie unterlassen es kritisch zu hinterfragen, nachzuforschen, etwas aufzudecken und jene zu schützen die keine Stimme haben und mutieren zu Lautsprechern ihrer Arbeitgeber. So dienen sie bewusst oder unbewusst dem Interessengeflecht ihrer Chefs mit den Machtmenschen der Großunternehmen.“
  • In mehreren Städten kommt es zu Attacken auf Banken, staatliche Einrichtungen und Parteibüros von ND und Pasok. Die Wirtschaftsfakultät ASOEE wird von StudentInnen besetzt.
  • Der Athener Bürgermeister Kamínis (Wahlbündnis offene Stadt) behauptet auf einer Pressekonferenz ohne rot zu werden, die Villa Amalías wieder als Schule nutzen zu wollen. Realsatire! Vor der Besetzung 1990 hatten die ehemaligen Schulgebäude über 20 Jahre leer gestanden; seit 2011 wurden auf Grund des kapitalistischen Spardiktats 1300 Schulen in Griechenland geschlossen!
  • Am 12.1. Großdemonstrationen und Kundgebungen in vielen Städten, allein in Athen sind 12.000 Menschen auf der Straße. Im Athener Stadtteil Vyronas werden abends brennende Barrikaden errichtet. Inzwischen fliegen auch im Parlament die Fetzen. Die Regierungsparteien ND, Pasok, Dimar sowie die Nazis von Chrysí Avgí beschuldigen Syriza (Allianz der radikalen Linken) der „mangelnden Distanz zur Gewalt“ und der „Zusammenarbeit mit Terroristen“. Sprecher von Syriza entgegnen, solcherart „Junta-Rhetorik“ und die Räumungen sollten von der „katastrophalen, gegen die Bevölkerung gerichteten Politik“ ablenken. Große Teile der regimetreuen Presse heizen mit Bürgerkriegsszenarien die explosive Stimmung an und steigern sich in einen hysterischen Wahn als in der Nacht zum 14.1. Schüsse aus einer Kalaschnikow auf die nachts leere ND-Parteizentrale abgegeben werden. AnarchistInnen auf indymedia athen gehen in großer Mehrzahl von einem parastaatlichen Angriff aus, der nach der beeindruckenden Großdemonstration Angst verbreiten solle.
  • Die Sozialforscherin María Logothéti und ihr Kollege Níkos Soúzas analysieren in der Efimerída ton Sintaktón vom 14.1. die zugespitzte Situation: „In der Villa Amalías und den anderen besetzten Häusern Griechenlands wird ein politischer Gegenvorschlag zum Herrschenden umgesetzt: Das Ziel einer anderen Gesellschaft nimmt dort im hier und jetzt Gestalt an. (…) Die Villa Amalías hat großen Anteil daran, die Idee der Selbstorganisierung und Selbstverwaltung, das Modell der Entscheidungsfindung in offenen Plena, die direkte Demokratie, in der griechischen Gesellschaft zu verbreiten. Vom Staat als autoritäre Schule aufgegeben, verwandelte sich die besetzte Villa in eine andere, eine freiheitliche Schule, vielleicht sogar in das öffentlichste und offenste Gebäude der ganzen Stadt. (…) Man könnte sagen, dass die feindliche und repressive Herangehensweise der Herrschenden der Tatsache geschuldet ist, dass die besetzten Häuser den Kern ihrer Politik angreifen. (…) Der Angriff auf die besetzten Häuser hat auch mit einem Krieg auf dieser Ebene zu tun. Diese Infrastruktur zu erschaffen, die lebenswichtig für die tägliche Arbeit der Bewegung ist, hat sehr viel Kraft gekostet. Die Bedeutung der Häuser ist für die Bewegung von daher riesig und ihre Verteidigung selbstverständlich.“
  • In der Nacht zum 15.1. werden in verschiedenen Städten Anschläge auf Parteibüros von ND und Pasok, Bankfilialen, Konzernniederlassungen und staatliche Einrichtungen verübt.
  • Am Mittag des 15.1. stürmen MAT-Sondereinsatzkommandos das älteste, seit 1988 besetzte Athener Haus, Léla Karagiánnis 37 und verhaften die 14 Anwesenden. Schnell sammeln sich 200-300 AnwohnerInnen und GenossInnen um das Haus, rufen Parolen und versuchen näher ranzukommen Um 15 Uhr ziehen sich die Polizeitruppen zurück, das Haus wird wiederbesetzt. (Während des Zweiten Weltkriegs wurde Léla Karagiánnis zusammen mit ihren fünf Kindern von den deutschen faschistischen Besatzern gefoltert und später als Widerstandskämpferin hingerichtet.)
  • AnarchistInnen in Kérkyra besetzen eine Radiostation.
  • GenossInnen in Berlin besetzen aus Solidarität mit den geräumten und bedrohten Projekten die griechische Botschaft. (Erklärung auf indymedia und linksunten)
  • „Die Wiederbesetzung der „Léla“ hat das Lächeln auf die Gesichter der Solidaritätsbewegung zurückgezaubert. Doch wir haben weder Zeit zum Lachen oder Weinen. (...) Die Vorbereitung und Organisierung eines politischen Generalstreiks von Dauer, getragen von Arbeiterkomitees und Basissyndikaten an den Arbeitsstätten und von Nachbarschaftsversammlungen in den Vierteln stellt sich heute unter neuen Gesichtspunkten dar. Die Verteidigung all dessen was wir erreicht haben und letztendlich die unseres eigenen Lebens, erfordert es jetzt und sofort auf den Sturz dieses Notstandsregimes und seiner Regierung hinzuarbeiten.“ (Solierklärung der EEK)

 

Solidemo in Athen 12.1.2013

http://www.youtube.com/watch?v=QulFdEm0W-4

http://www.youtube.com/watch?v=d-2Mhq5fM20

Achtet auf weitere Veröffentlichungen! Mit dem Angriff auf unsere Genossen und Genossinnen in Griechenland sind wir tatsächlich alle gemeint. Solidarität ist eine Waffe und wird dringend benötigt!


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