Auf Syndikalismus.tk entwickelte sich im April 2012 eine Debatte über Kapitalismuskritik, in deren Folge Tuli diesen Diskussionsbeitrag verfasste. Ich finde diesen lesenswert und gebe ihn daher hier wieder.

In den letzten Jahren haben gewisse Teile der radikalen Linken in Deutschland versucht, die Personalisierung kapitalistischer Ausbeutung in eben dieser radikalen Linken zurückzudrängen. Stichworte ist hierbei die „verkürzte Kapitalismuskritik“.

In diesem Kontext möchte der Texte eine kurze Darstellung des Verhältnisses von personalen Spielräumen und kapitalistischer Ausbeutung bieten. Dabei kann nur ein kleiner Ausschnitt der real äußerst komplexen Verhältnisse erfasst werden. Es sollte als nur Grundstock an Begrifflichkeiten und Zusammenhängen gelegt werden.

Um diesen Grundstock zu bilden, werden im Folgenden zwei Modelle gegenübergestellt und verdeutlicht wo die Unterschiede zwischen dem Verständnis einer „personalisierten Ausbeutung“ und einem wechselseitigen Modell liegt.


Mit dieser Gegenüberstellung soll ein Stück klarer gemacht werden, was es denn eigentlich bedeutet, wenn eine Darstellung als „verkürzt“ bezeichnet wird. In der letzten Zeit wurde dieses Konzept teilweise so beliebig gebraucht, dass es seine Diskussionswert zu verlieren droht. Schließlich muss bedacht werden, dass ein jedes Modell der realen Verhältnisse eine Vereinfachung dieser darstellt.

Das personalisierte Modell kapitalistischer Ausbeutung

Jene Diskussionsbeiträge, die allgemeinen als “Personalisierung kapitalistischer Ausbeutung” oder auch als „verkürzte Kapitalismuskritik“ bezeichnet werden können, zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Missstände unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen darauf zurückführen, wie sich bestimmte Personen verhalten. Hier liegt ein monokausales Konzept zu Grunde. Es wird genau eine Ursache für die gesamte Problematik identifiziert, nämlich ein gewisses Personal an Ausbeuter_innen. Grafisch lässt sich diese „Personalisierung“ folgendermaßen darstellen:

Kapitalismuskritik1

Das Personal erzeugt also in dieser Vorstellung die kapitalistischen Verhältnisse und aus diesen resultiert die Ausbeutung. Als Personal wird hier jener Bestand an Personen bezeichnet, der eine gewisse Kontrolle über die Produktionsordnung inne hat. Wichtig ist: Dieses Modell funktioniert strikt monokausal von oben nach unten.

Warum ist eine solche Kapitalismuskritik problematisch?

Eine derartige Personalisierung der kapitalistischen Ausbeutung kann aus zweierlei Gründen als problematisch betrachtet werden:

1.) Ist ihr eine gewisse mit antisemitisch-faschistischen Vorstellungen nicht abzusprechen. Die Faschist_innen rühmten sich gar dieser Verkürzung. In Goebbels eigenen Worten: „Der Nationalsozialismus hat nun das Denken des deutschen Volkes vereinfacht und auf seine primitiven Urformeln zurückgeführt. Er hat die an sich komplizierten Vorgänge des politisch-wirtschaftlichen Lebens wieder auf ihre einfachste Formel gebracht.“ (zitiert nach Horn 1974: 72)
Allein um derartig autoritär-reaktionären Krisenreaktionen keine Chance zu bieten ist es ratsam ein derartig einfaches Modell zu vermeiden.

2.) Lenken solche Vereinfachungen allzu leicht von realen Problemen und Zusammenhängen ab. Wichtige Komponenten und Mechanismen werden einfach ausgeblendet. Die Personalisierung der kapitalistischen Ausbeutung, bietet nicht nur reaktionäre Anknüpfungspunkte, sondern ist an sich auch zu unterkomplex um als Orientierungshilfe zu dienen. Es braucht ein komplexeres Modell.

Ein wechselseitiges Modell kapitalistischer Ausbeutung

Wichtig Punkte für ein solches verbessertes Modell sind, dass die kapitalistischen Verhältnisse auch das Personal beeinflussen, sowie dass die kapitalistischen Verhältnisse auch von der Ausbeutung abhängig sind. Der Einfluss ist wechselseitig. Das Gegenmodell muss also mindestens so aussehen:

Kapitalismuskritik2
Hier haben wir es nicht mehr mit einem monokausalen Modell zu tun, stattdessen haben jetzt alle drei Variablen Einfluss auf den gesamten Zusammenhang. Aber zumindest ein Zusammenhang sollte noch bedacht werden: Das Personal ist teilweise selbst der Ausbeutung unterworfen, bzw. die Arbeiter_innen stellen selbst teilweise das ausbeutende Personal. Dies geschieht durch eine Internalisierung der Herrschaftsverhältnisse. Ohne einen minimalen Grad einer solchen Internalisierung wäre kapitalistische Produktion gänzlich unmöglich. Würde nur Dienst nach Vorschrift betrieben, ständen alle Räder still. Dem zufolge sollte das Modell so aussehen:

Kapitalismuskritik3

Allerdings ist auch dieses Modell eine stark vereinfachte Abbildung der sozialen Realität. So wird in diesem Bild zum Beispiel der Einfluss von anderen Herrschaftsformen wie Sexismus, Rassismus etc. auf das Personal (und somit auf den gesamten Zusammenhang) nicht mitgedacht. Auch das Widerstandspotential jener, die der kapitalistischen Ausbeutung unterworfen sind, und der Einflusses des Staates auf die Erhaltung des Zusammenhangs fehlen vollkommen.

Das bedeutet, dass dieses Modell immer noch nicht für eine Gesamtkritik der Gesellschaft geeignet sein kann! Nur gewisse ökonomische Unterdrückungsmechanismen können in einem solchen Modell ohne allzu krasse Verkürzungen beschrieben werden.

Schuld und Freiheit

Wenn wir nun von einer solchen Vorstellung des kapitalistischen Zusammenhangs ausgehen, ist es absurd die Schuld rein auf die Schultern (gewisser Teile) des Personals zu legen. Denn auch dieses ist schließlich ein Produkt der sozialen Ordnung. Dies sah bereits Bakunin: „Since the social organization is always and everywhere the only cause of crimes committed by men, the punishing by society of criminals who can never be guilty is an act of hypocrisy or a patent absurdity. The theory of guilt and punishment is the offspring of theology, that is, the union of absurdity and religious hypocrisy… All the revolutionaries, the oppressed, the sufferers, victims of the existing social organization, whose hearts are naturally filled with hatred and a desire for vengeance, should bear in mind that the kings, the oppressors, exploiters of all kinds, are as guilty as the criminals who have emerged from the masses; like them they are evildoers who are not guilty, since they, too, are involuntary products of the present social order. It will not be surprising if the rebellious people kill a great many of them at first. This will be a misfortune, as unavoidable as the ravages caused by a sudden tempest, and as quickly over; but this natural act will be neither moral nor even useful.“ Bakunin 2005: 84f.

Auch Bakunins Darstellung ist eine Vereinfachung der Realität, so lässt er etwa der_m Einzelnen keinen Spielraum gegenüber der Determination, der Fremdbestimmung durch die Gesellschaft.

In dem hier dargelegten wechselseitigen Modell bleiben dem Personal des Kapitalismus durchaus Spielräume in der Bestimmung der kapitalistischen Verhältnisse und diese werden auch genutzt. Das weitere Personal des Kapitalismus haben konkreten Interesse, die sie zu erreichen versuchen und innerhalb ihrer Spielräumen gelingt ihnen dies auch. Aber welche Interessen sie überhaupt haben und wie diese erfüllbar sind hängt von den kapitalistischen Verhältnisse und weiteren Variablen, die in unserem Modell fehlen, ab.

Das bedeutet: Dem Personal kann durchaus Verantwortung aufgelastet werden, jedoch hat dies seine Grenzen, denn das Personal ist eben selbst ein Ergebnis der sozialen Ordnung!

Hier gilt es, meines Erachtens, sich den radikalen Freiheitsbegriff des Anarchismus in Erinnerung zu rufen: Radikale Freiheit existiert als der Freiheit aller, einer freien Sozialität.

„Die Radikalität liegt in der Konzeption der Freiheit bei Bakunin, sie ist nur möglich in der Einheit von individueller, politischer und sozialer Freiheit. Die Freiheit des Individuums und die Freiheit als Organisationsprinzip der Gesellschaft sind bei Bakunin kein Widerspruch, da sich die Freiheit nur innerhalb der Gesellschaft realisieren lässt.“ Mümken 2003: 265

Das bedeutet nicht zuletzt, was wir bereits bei Bakunin lesen konnten: Da das Personal des Kapitalismus selbst nicht frei ist, schließlich lebt es in keiner freien Gesellschaft, kann ihm auch nicht die alleinige Verantwortung an den Verhältnissen zugeteilt werden. Die Verhältnisse verantworten sich auch selbst.

Eine emanzipatorische Kapitalismuskritik hat daraus ihre Konsequenzen zu ziehen und den gesamten kapitalistischen Zusammenhang ihrer Kritik zu unterwerfen.

Auf dass die Debatten lebendig werden, Praxis stiften und die Verhältnisse ändern.

Quellen:

  • Bakunin, Michail (2005): Programm of the International Brotherhood. In: Graham, Robert (Hg.): Anarchism: A Documentary History of Libertarian Ideas, Volume One: From Anarchy to Anarchism (300CE-1939). Montreal/New York/London: Black Rose Books: 84-86.
  • Horn, Klaus (1974): Gesellschaftliche Produktion von Gewalt. Vorschläge zu ihrer politpsychologischen Untersuchung. In: Rammstedt, Otthein (Hg.): Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der Kritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag: 59-106.
  • Mümken, Jürgen (2003): Freiheit, Individualität und Subjektivität. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive. Frankfurt am Main: Verlag Edition AV.

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