Patrick Hesse - Die Münchner Räterepubliken: Soziale Revolte oder politisches Emanzipationsprojekt?

Der Aufstand der Münchner Arbeiter, Soldaten und Bauern, aber auch einiger Schichten des Bürgertums am und nach dem Ende des I.Weltkriegs ist bei weitem nicht die einzige Erhebung gewesen, die aus der allgemeinen Krisenhaftigkeit der Zustände am Ende des Krieges erwuchs. Im Gegensatz zu den übrigen Rätemodellen, die eher im Norden der sich konstituierenden Weimarer Republik zu finden waren, war der bayerischen (oder baierischen, wie sie sich selbst bald nannte) Variante jedoch eine deutlich längere Lebensspanne gewährt. Dies hängt, wie zu zeigen sein wird, vor allem mit der Regierungszeit des rätefreundlichen Kurt Eisner zusammen, unter dessen Mandat sich die Strukturen und Geisteshaltungen, die im Frühling 1919 zur Räterepublik drängten, erst aufbauen und entfalten konnten.

Der vorliegende Artikel will sich nur soweit erforderlich mit einer Chronik der Ereignisse oder den handelnden Personen dieser Zeit befassen, dazu ist in der Vergangenheit bereits ausreichend veröffentlicht worden; vielmehr soll es um eine Klärung der Frage gehen, ob es sich bei der Umsetzung des Rätemodells unter Eisner und besonders in den beiden Räterepubliken um einen eher spontanen Ausbruch angestauten Protestpotenzials handelte, der abebbte, sobald nur der Krieg vorbei war, oder ob von politischen Emanzipationsprojekten auszugehen ist, die mit dem monarchisch-obrigkeitsstaatlich organisierten Staats- und Gesellschaftsmodell ernstlich brechen wollten. Dazu wird es nötig sein, sowohl einen Blick auf Ideen eines Rätesystems zu werfen, um einen Begriff von ihrer Umsetzung entwickeln zu können, als auch die tatsächlichen Träger der Revolution (also verschiedene Interessengruppen) auf ihre Ziele zu untersuchen. Ebenso sind die Begleitumstände und zugrundeliegenden  Strömungen kurz in Betracht zu ziehen, aus denen heraus die Krisensituation vom Herbst 1918 und ihre Folgen letztlich entstehen konnten.

Es wird sich dabei zeigen, dass das Phänomen der bayerischen Räterepubliken sich monokausalen Zuordnungen entzieht; dass auch Bevölkerungsschichten wie etwa die Bauernschaft beteiligt waren, in denen die Monarchie traditionell ihren stärksten Rückhalt besaß; dass schließlich die Mitwirkung dieser ‚revolutionsfernen’ Schichten, solange sie einzubinden waren, wiederum auf die Revolution zurückwirkte und ihre Ausprägung wesentlich bestimmte.

Rätesystem: Annäherung an ein Konzept

„Eine Räterepublik bezeichnet allgemein ein Herrschaftssystem, bei dem die Herrschaft vom Volk über direkt gewählte Räte ausgeübt wird.“ Der Duden definiert Rätedemokratie als „Form der direkten Demokratie, bei der alle Macht ohne Gewaltenteilung von Räten, Gremien“ und Vollversammlungen ausgeübt wird. Ein wirklicher Begriff des Angesprochenen, der seine Tragweite reflektiert, lässt sich freilich erst gewinnen, wenn man das Terrain der enzyklopädischen Worterklärung verlässt und sich bei denjenigen umtut, denen es tatsächlich auf die Umsetzung einer Räteherrschaft ankam.

„Räte sind im eigentlichen Sinne nichts anderes als die Vereinigung Gleichberechtigter zur Beratung ihrer eigenen gemeinsamen Angelegenheiten.“ Dieser Satz Erich Mühsams von 1930 gibt die Richtung vor, in der ein emanzipatorisches, auf dem Rätegedanken gründendes Modell zu denken ist: Die Versammlung der ihr tägliches Leben ohne den Zwang von Institutionen organisierenden Einzelnen. In den Räten schließt sich die städtische und ländliche arbeitende Bevölkerung zur unmittelbaren Ausübung der Verwaltungsfunktionen zusammen; die Verwaltung des Gemeinwesens kann niemals eine staatliche sein. Zweck ist die Ersetzung der staatlich organisierten gesellschaftlichen Leitung durch Bündnis und Zusammenschluss der Arbeitenden zur eigenständigen Regelung von Arbeit, Verteilung und Verbrauch. Alles öffentliche Leben geht von den Gemeinden aus. Diese starke föderative Gewichtung ist entscheidend für Mühsams Konzeption eines Rätesystems, denn er sah den Grund für eine ausgebliebene erfolgreiche Überwindung des warenproduzierenden Systems im verbreiteten „Glaube[n] an das Heil der Zentralgewalt, der seine Verkünder zwangsläufig zu der Auffassung führt, dass nur sie sie ausüben dürfen“, der wiederum zu Widerstand im Rest der Bewegung führt. Mühsam stand das schlechte Beispiel der Sowjetunion vor Augen, die auf die Losung „Alle Macht den Räten“ hin einen autoritär-bürokratischen Staatsapparat errichtet hatte, dem die Räte als ergebene Organe angegliedert waren und der schließlich in den proletarischen Bonapartismus eines Josef Stalin mündete. Unter der Errichtung einer ‚echten’ Räterepublik hingegen verstand Mühsam mit Bakunin „die vollständige Liquidation des politischen, juristischen, finanziellen und verwaltenden Staates, den öffentlichen und privaten Bankrott, die Auflösung aller Macht, Dienste, Funktionen und Gewalten des Staates (…) [die Aufstellung] einer absolut negativ gearteten Charta, die (…) festsetzt, was für immer abgeschafft werden muss (…) ferner die Organisation einer gemeinsamen Verteidigung gegen die Feinde der Revolution.“

Unter diesen Bedingungen sei, sobald tatsächlich alle Macht in ihren Händen liege, die Aufgabe der Räte „vom ersten Tage der Revolution an die kapitalistische Organisation der Wirtschaft radikal aufzulösen und Arbeit, Umlauf und Verbrauch sofort umzustellen auf den Bedarf der Arbeitenden in den Städten und auf dem Lande.“

Paul Cardan beschäftigte sich zwar eher mit Sozialismus als direkt mit Räteherrschaft, er sah die beiden aber aufs engste verknüpft. Sozialismus ist nach Cardan die Verwaltung der Produktion durch die Arbeiter, deren wahrscheinlichste Organisationsform die Arbeiterräte sind. Auch Cardan stand der Idee des Staates als zentralem Organisator des öffentlichen Lebens ablehnend gegenüber. Institutionen parlamentarischer Art betrachtete er als von vornherein nicht sozialistisch. „Ein Parlament dient dazu, das Volk nicht zu vertreten. [Hvhbg. im Original]“ Das Erreichen des Sozialismus war für ihn keine Frage der besseren Gesetzgebung: „Statuten als solche bedeuten nichts", zumal sie und die aus ihnen hervorgehenden bzw. sie hervorbringenden zahlreichen Institutionen und Apparate zur Eintrübung des Gesellschaftsbildes der Menschen führten, so dass nur wenige sich darin noch zurechtfänden. Die Aufgabe einer sozialistischen Gesellschaft bestehe also in einer radikalen Vereinfachung der gesellschaftlichen Organisierung und der möglichst weitgehenden Durchsetzung von Transparenz. Entsprechend sah er den Sozialismus als nur durch eine Revolution erreichbar, als Ergebnis einer sozialen Krise, in deren Verlauf „die Massen“ die Macht der herrschenden Klassen und ihrer Institutionen brechen. Lokale Gruppen sollten danach auch hier die Basis für sämtliche politischen und wirtschaftlichen Institutionen sein und dabei möglichst viel lokale Autonomie behalten. Den von den Anarchisten propagierten vollständigen Abschied vom Zentralismus hielt er jedoch für einen Fehler und plädierte für eine „libertäre Lösung“ des Zentralisationsproblems. An Zentralorgane sollte keine Macht delegiert werden, vielmehr sollten sie Ausdruck der Macht des Volkes sein.

Vor allem im letzten Gedanken Cardans (stellvertretend für viele andere) ist die Nähe zur bürgerlichen Staatstheorie greifbar. Die Legitimation des Parlamentarismus bürgerlicher Prägung ist beinahe gleichlautend, nur hat jener eine Gewaltenteilung und kennt kein imperatives Mandat. Dass sich Organe ausbilden, die über die Verwirklichung des Willens aller wachen, heiße er nun volonté général oder „Volkswille“, ist ein beiden (bürgerlicher Gesellschaft und Sozialismus vom Schlage Cardans) gemeinsames Merkmal, welches die Möglichkeit dafür bereithält, dass die „Herrschaft des Menschen über den Menschen“ (Marx) doch nur, wenn auch in anderer Form, verlängert wird. Die Linie von einer Revolution oder einem Aufstand über Rätebildung und Organausbildung zur Verselbständigung dieser zu einer zentralisierten, autoritären Herrschaftsform lässt sich zwar nicht ohne weiteres ziehen, ist jedoch gerade angesichts der historischen Verläufe nicht ausgeschlossen. Dieses „Umschlagen“ (Hegel) eines emanzipatorisch angelegten Ausbruchs aus den Zwängen eines unliebsam gewordenen Gesellschaftssystems in ein neues, nur unwesentlich anders auf Zwang gründendes System ist ein bedeutender Punkt, an dem sich das Kriterium des „politischen Emanzipationsprojektes“ messen lassen muss.

Politische und soziale Entwicklungen in Bayern 1918: I Soziale Krisenlagen

Der letzte Kriegswinter 1917/18 war für die deutsche Bevölkerung von besonderer Härte. Schon der vorherige hatte die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kohle  knapp werden lassen, gleichzeitig lagen viele landwirtschaftliche Flächen brach, da auch in der Bauernschaft kriegsbedingt ein erheblicher Arbeitskräftemangel herrschte: In den letzten beiden Kriegsjahren wurde jeder verfügbare und wehrfähige Mann eingezogen. In der Hoffnung auf einen kurzen Krieg hatte keine der Landesregierungen größere Nahrungsmittel- und Brennmittelvorräte angelegt, und die Folgen machten sich nun bemerkbar. Da die Regierung Höchstpreise festsetzte, verkauften viele Bauern ihre Erzeugnisse nicht mehr regulär; entsprechend konnten viele Städter sich nur noch über den Schwarzmarkt versorgen. Bereits 1916 war es zu Versorgungsunruhen in München gekommen. Die Situation verschlechterte sich weiter: 1918 hatten die Lohnabhängigen im Vergleich zu 1914 einen Reallohnverlust von 43% hinnehmen müssen. Die Folge war eine weit um sich greifende soziale Degradierung der Arbeiterschichten und des Kleinbürgertums, aber auch der Mittelschichten, die sich fortan in der USP (Unabhängige Sozialdemokratische Partei) zu sammeln begannen. Darunter war ein beträchtlicher Teil des mehr und mehr verarmenden Beamtenstandes, dessen Loyalität spürbar sank. Der Wunsch nach Frieden „um jeden Preis“ griff immer weiter um sich.

Die Bevölkerungsstruktur hatte sich im Kriegsverlauf infolge der gezielten Ansiedlung von Industrie, vor allem von Rüstungsindustrie, durch den bayerischen König Ludwig III. nachhaltig verändert. So wurde Bayern im Kriegsverlauf zu einem wichtigen Industriezentrum, zu BMW gesellte sich insbesondere die Firma Krupp. Das bedeutete ein überproportionales Anwachsen der Zahl der Arbeiter; um diese als unruhige bekannte Bevölkerungsschicht kontrollieren zu können, wurde in allen bayrischen Städten die Garnisonsstärke vor allem 1918 deutlich erhöht. München wurde zur Arbeiter- und Soldatenstadt, ein Umstand, dem später größtes Gewicht zukommen sollte. Da aber auch die Kasernen nicht ausreichend verpflegt wurden, weil fast alle Nahrungsmittel an die Front geleitet wurden, war die Stimmung im Hinterland noch schlechter als dort.

Politische Entwicklungen: II Die Arbeiterbewegung

Die politischen Hintergründe für den Umsturz von 1918 schließlich sind überwiegend im Jahr davor zu suchen. Im April 1917 spaltete sich eine Oppositionsgruppe in der SPD, fortan MSP (Mehrheitssozialdemokratische Partei) genannt, auch organisatorisch ab: Die USP entstand. Die Partei war zunächst vor allem in ihrer Führungsriege gemäßigt, radikalisierte sich aber zusehends und trat immer vehementer gegen die Weiterführung des  Krieges und den staatliches Autoritarismus ein. Wesentlich wichtiger noch war der Erfolg der Oktoberrevolution in Russland. In großen Teilen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft wuchs die Bereitschaft zu Streiks als politischen Aktionen, hauptsächlich zur Beendigung des Krieges.

Dies zeigte sich in der Streikbewegung Ende Januar 1918, die (wenn auch zeitlich versetzt) reichsweit wirkte und sich insbesondere gegen den Annexions- und Diktatfrieden von Brest-Litowsk des deutschen Reiches mit der Sowjetunion richtete. Einige hunderttausend Arbeiter nahmen am Streik teil, die sich auch bereits in Streikräten zu organisieren begannen. Im Gegensatz zu den zeitlich vorhergehenden Arbeitsniederlegungen in Österreich spielte in Deutschland die Ernährungslage nur eine untergeordnete Rolle bei der Mobilisierung.

In München begann der Streik am 31. Januar, und im Gegensatz zu denjenigen in Berlin und auch in Nürnberg fand er ohne die Mehrheitssozialdemokraten statt, deren Führer – vor allem Erhard Auer – sich deutlich gegen einen Streik aussprachen. Daher ging der Streik an Bayern als Ganzem größtenteils vorbei: Die königlich-bayerische Sozialdemokratie war deutlich gemäßigter als die Reichspartei, schreckte auch vor Bündnissen mit bürgerlichen Kräften nicht zurück und legte keinen übergroßen Wert auf ihre Existenz als reine Arbeiterpartei, zumal nur in München, Nürnberg und Augsburg eine nennenswerte Arbeiterschicht existierte. Sie hatte noch vor dem Krieg dem bayerischen Staatsbudget zugestimmt, was ihr die Kritik der Berliner Parteiführung einbrachte. Diese Gemäßigtheit trug später wesentlich zur Radikalisierung großer Teile insbesondere der Arbeiterschaft bei, da diese bald in der MSP keine angemessene Interessensvertretung mehr sahen und sich angesichts ihrer Frustration mit den bestehenden Verhältnissen andere Bündnispartner suchten. Denn „nicht die Utopie einer zukünftigen herrschafts- und staatsfreien Gesellschaft oder einer auf dem Rätewesen aufbauenden neuen politischen und sozialen Ordnung (…), sondern weiterhin das aus liberalen und demokratischen Traditionen entwickelte Konzept des freien Volksstaats bestimmte faktisch das Staatsideal und die konkrete Politik der Sozialdemokratie“.

Gerade in München aber war die USP stark und besaß in Kurt Eisner einen charismatischen Kopf. Die  Krupp-Arbeiter verabschiedeten eine von Eisner eingebrachte Resolution, in der sie ihre Absicht bekundeten, „dem Krieg des Wahnsinns und der Wahnsinnigen ein Ende zu bereiten.“ Eisner selbst fasste die Streikbewegung als Mittel zu noch ganz anderen Zielen auf: nämlich „unbedingt und rückhaltlos die Monarchie zu stürzen und nicht nur den preußischen, sondern den gesamten Militarismus niederzuringen“. Das einzige Mittel dazu sei die Revolution.

Politische Entwicklungen: III Der Stellenwert des Separatismus

Der bayerisch-preußische Gegensatz ist mittlerweile so sprichwörtlich, dass er reichlich Eingang auch in eher mentalitätsbezogene kulturindustrielle Schöpfungen gefunden hat. Der Gegensatz hat auch historisch Tradition, so kämpfte Bayern im Krieg von 1866 auf Seite des Deutschen Bundes und damit Österreichs gegen die preußischen Hegemoniebestrebungen. Weiterhin erinnerte man sich im katholischen Bayern noch gut an die Kulturkampfzeit der 1870er Jahren, als Preußen unter Bismarck weitreichende Anstrengungen zur Eindämmung des politischen wie gesellschaftlichen Einflusses des Katholizismus unternommen hatte. Die folgenden Punkte sollen kurz verdeutlichen, dass jener bajuwarische Antiborussianismus einer bayerischen Revolution einen nicht zu unterschätzenden Auftrieb verlieh.

Der Weltkrieg konnte den erwähnten Gegensatz nicht lange unter dem Dach des Hurrapatriotismus von 1914 vereinen. Der Kriegsverlauf gab dazu auch wenig Anlass: Operierte das königlich-bayerische Heer anfangs noch unter dem Oberbefehl Ludwigs III. als unabhängiger Verband, so wurde es nach dem Scheitern der Offensive im Westen in die Reichsarmee integriert und unterstand nun preußischem Oberbefehl. Dies beförderte Legendenbildungen über die benachteiligte Stellung der bayerischen Regimenter unter preußischem Kommando. Bis Anfang 1918 waren 13% der bayerischen Soldaten an der Westfront gefallen. Dieser Blutzoll ließ antipreußische Ressentiments in der Bevölkerung erst recht sprießen, die den Eindruck hatte, ihr Nachwuchs würde vom Generalstab als „Kanonenfutter“ behandelt.

Hinzu kam, dass Bayern als agrarisches Überschussland im großen Stil Nahrungsmittel nicht nur an die Front, sondern auch an die norddeutschen Staaten liefern musste. Die Bevorzugung der Konsumenten gegenüber den Produzenten brachte dem preußischen Beamtenapparat die Abneigung der bayerischen Bauern ein, die ihre Landsleute hungern sahen und nach Preußen Lebensmittel liefern mussten. Diese Abneigung wurde durch wohlhabende Touristen aus dem Norden verstärkt, welche aufgrund ihres gut gefüllten Portemonnaies nicht von Rationierungen betroffen waren.

Die bayerische ‚Eigenbrötlerei’ sollte sich auch anderweitig bemerkbar machen, nämlich als Ressentiment der bayerischen Revolutionsteilnehmer gegen die aus anderen Städten, vor allem Berlin, zugereisten Revolutionäre wie Eugen Leviné.

In der Situation des Jahres 1918 waren weite Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer sich zusehends verschlechternden sozialen Lage zu entschlossenem Eintreten für ihre Interessen bereit. Unter diesen ist in erster Linie das sofortige Ende des Krieges als Symbol für Unterversorgung und Mangelwirtschaft zu nennen, ein Ziel, das alle revolutionären und weniger revolutionären Gruppen einte und selbst die königstreuen, patriotischen bayerischen Bauern auf die Barrikaden und in die Räte trieb. Das Modell Preußen wurde als verhängnisvoll angesehen; die Regierung hatte die Beendigung des Krieges zu lange versäumt, um dem angestauten Unmut der Bevölkerung mit der Kapitulation im November noch gerecht werden zu können.

Die „Erste Revolution“: Kurt Eisner und die Zentralratszeit

Die Frage 'Rätesystem oder Parlamentarismus' stellte sich allen antimonarchistischen Kräften im Kaiserreich, als am Ende des Krieges das Ende der monarchischen Staatsform in greifbare Nähe rückte. Im letzten Kriegsjahr gab es auch in Bayern immer häufiger Demonstrationen, die jedoch keine vorübergehenden Erscheinungen waren, sondern in sich bildenden Betriebs- und Arbeiterräten ihre Spuren hinterließen. Als Vorbild diente die Pariser Kommune von 1871, in der erstmals die Macht in den Händen von Arbeiter- und Soldatenräten konzentriert gewesen war.

Am 7. November 1918 fand in München eine große Friedenskundgebung statt. Anstelle des Zuges in die Innenstadt nach der Versammlung auf der Theresienwiese löste sich eine Gruppe unter Eisner und zog zu den Kasernen. Noch am selben Abend hatten sämtliche Garnisonen der Stadt gemeutert. Das Kabinett musste abdanken, der König fliehen: Bayern hatte als erster deutscher Staat keinen Monarchen mehr. Beliebt war er ohnehin nicht gewesen, zuletzt nicht einmal mehr in der Bauernschaft; zu sehr war seine Treue zu Preußen zu einem Makel geworden, ein Umstand, den Eisner für sich zu nutzen vermochte.

Die Anfangs gestellte Frage beantwortete Eisner mit einem entschiedenen Sowohl-als-auch. Ein Zurück zum Parlamentarismus gab es für ihn nicht; ebenso wenig wollte er ernst machen mit einer Rätediktatur, wie vom Spartakusbund gefordert. Zum genauen Verhältnis zwischen Räten und Parlament bei Eisner finden sich unterschiedliche Angaben, wobei eine genaue Abgrenzung der Tätigkeiten und Kompetenzen bis zu seinem Tod unterblieb; jedenfalls sollten sie aber als Übergangsregierung bis zur Wahl der Nationalversammlung im Januar 1919 dienen. Dieses Oszillieren ließ die politische Situation zwar undurchschaubar werden, sicherte Eisner aber die Unterstützung weiter Bevölkerungskreise, inklusive der SPD und Teilen des Bürgertums.

Dieser ‚dritte Weg’ oder „Volksstaat“, wie Eisner selbst ihn nannte, zwischen Parlamentarismus und Räteherrschaft war durchaus beabsichtigt und nicht aus der Not oder einer Taktik geboren. Das Ziel Eisners war ein „ethische[r] Sozialismus“, der eher ethisch als sozialistisch angelegt war, denn das Eigentum an Produktionsmitteln sollte nicht angetastet werden.  In Eisners Worten hieß „Demokratie (…) gleiche Recht für alle, aber auch gleiche Pflichten für alle.“ Die Revolutionäre könnten auch „nicht die ganze bürokratische Staatsmaschine stillegen [sic], sonst würde alles zusammenbrechen.“ Dies befindet sich beinahe bis aufs Wort in Einklang mit der Haltung der MSP, die ebenfalls nicht umhin kam, mit Kräften des alten Regimes zusammenzuarbeiten, „wenn sie kein wirtschaftliches und soziales Chaos heraufbeschwören wollte“. Dieser „Anti-Chaos-Reflex“ bestehe in der Überzeugung, dass komplexe, arbeitsteilige Industriegesellschaften nicht durch einen radikalen Umsturz revolutionierbar seien.

Nichtsdestoweniger betonte Eisner sein Eintreten für ein anderes gesellschaftliches Organisationsmodell, seine Überzeugung, dass „es überhaupt nur einen Zukunftsgedanken gibt, einen aufbauenden Gedanken, den Sozialismus! [Hvhbg. im Original]“ Den Weg zu diesem Zukunftsgedanken sah Eisner als langfristige, rein pädagogische Aufgabe an, deren wichtigstes Instrument die Räte als „Schule[n] der Demokratie“ sein sollten. Wohl deshalb gab es keine Verstaatlichungen: Eisner ging davon aus, sie würden irgendwann quasi von selbst erfolgen; zudem war der Großteil der Berufsgruppen der Sozialisierung gegenüber ablehnend eingestellt. Erich Mühsam fasste es so zusammen: „Als ‚Sozialisten’ brauchten ihn Bayerns Kapitalisten in keiner Weise zu fürchten.“ Wieder ist die Nähe zur MSP nicht zu übersehen, die der Ansicht war, der Sozialismus sei ein von der Geschichte determiniertes Ereignis, das sich irgendwann ‚von allein’ schaffe; da er noch nicht eingetreten sei, sei die Zeit auch noch nicht reif für ihn, also brauchte er auch keine besondere Beförderung durch die Politik.

Immerhin die Umsetzung des Rätegedankens gedieh nach dem Umsturz recht weit, zumindest was den Grad Selbstorganisation anbelangt. Zwar ging außerhalb der Großstädte die Revolution hauptsächlich von den Garnisonen aus, jedoch waren bald überall in Bayern Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte entstanden, deren Anzahl im Dezember 1918 etwa 7000 betragen haben dürfte, die sich auf mehreren Ebenen organisierten. Der Rätegedanke genoss hohe Popularität in der Bevölkerung, was wohl einerseits auf den besonders hohen Grad an Bürokratie im königlichen Bayern und andererseits auf das seinerzeit noch positiv wirkende Vorbild Russlands zurückzuführen ist. Die größte politische Gruppierung innerhalb der Räte war die MSP, nur in München dominierten radikalere Kräfte wie der Revolutionäre Arbeiterrat (RAR), dem die Anarchisten Erich Mühsam und Gustav Landauer angehörten.

Eisners Umsturz konnte sich der Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten sicher sein, die sich von einer Abkehr vom alten monarchischen Modell Einiges, insbesondere aber das Ende der Not erhoffte. Wie gesehen liefen fast alle bayrischen Garnisonen zu den Revolutionären über; die Arbeiterschaft hatte für die alte Ordnung ohnehin nicht viel übrig; auch das verarmte Kleinbürgertum, vor allem in der USP organisiert, schloss sich der Umsturzbewegung an. Die Kriegssituation hatte den Zulauf in den Bayrischen Bauernbund erhöht, dessen Führer Gandorfer eng mit Eisner zusammenarbeitete. Die Revolution hatte somit den größten Teil der oberbayrischen Bauern hinter sich, was sich stabilisierend auf ihren Verlauf und die Möglichkeiten ihrer Umsetzung auswirkte.

Krise und Ende des Eisnerschen „Volksstaats“

Die Dominanz der MSP sorgte im jungen Rätemodell für Spannungen, denn bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 19.01.1919 errangen die bürgerliche Bayerische Volkspartei (BVP) und die MSP einen überragenden Sieg; politisch allerdings war den Mehrheitssozialdemokraten an einer Eindämmung der Macht der Räte in Richtung auf ein unbedeutendes Beratungsorgan gelegen. Auch die MSP-Mitglieder in Eisners Regierung hatten sich bemüht, um den Einfluss der Räte gering zu halten. Das Bürgertum lehnte das Rätemodell als Alternative zum Parlamentarismus ohnehin ab. Somit ergab sich die paradoxe Situation, dass große Teile der Bevölkerung sich in Organen zusammenschlossen, von denen ihre soeben gewählten Vertreter Abstand nahmen. Schon vorher hatte der Rätekongress in Berlin im Dezember 1918 unter dem Einfluss der stark vertretenen Mehrheitssozialdemokraten für eine Abschaffung des Rätesystems votiert, sich also faktisch selbst überflüssig gemacht. Die anhaltende Verwurzelung der MSP im Arbeiterbewegungsmilieu wurde zu einer „Bürde ihrer Geschichte“, da die Partei inzwischen staatstragend geworden war und sich gegen allzu emanzipatorische Absichten ihrer Klientel zu stemmen hatte. Die Folge war eine Entfremdung von Teilen der Anhängerschaft, die weiter nach links tendierten.

Zudem verschärfte sich die Situation im Januar wegen Versuchen der MSP, Errungenschaften der Revolution wie die Deprivilegierung der Offiziere rückgängig zu machen, und auch aufgrund einiger Verhaftungen von Kommunisten, die zum Wahlboykott aufgerufen hatten. Diese „Parole der Wahlabstinenz“ war denn auch eine Komponente, die entscheidend zur Revolutionierung des Proletariats in den ersten Monaten des Jahres 1919 beitrug. Eine andere war, dass auch der bayerische Rätekongress für die Übertragung seiner Befugnisse an den Landtag gestimmt hatte; das lag durchaus in Eisners Absicht.  Der RAR veranstaltete eine große kommunistische Kundgebung, um die Kampfbereitschaft der Arbeiter und Soldaten zu demonstrieren.

Die Situation wurde unhaltbar, so dass Eisner am 21. Februar plante, seinen Rücktritt einzureichen; jedoch wurde er noch auf dem Weg zum Landtag durch einen Offizier erschossen. Das Attentat wurde so verstanden, wie es gemeint war: Als Anschlag auf die Revolution, und „der Drang nach Rache war am stärksten gerade bei den Kämpfern des Proletariats, die bisher Eisners Politik auf das Erbittertste bekämpft hatten“. Tatsächlich trug der Mord am Ministerpräsidenten entgegen der Intention seines Ausführenden wesentlich zur Radikalisierung der Revolutionsbewegung bei, die nun daran ging, weitergehende Forderungen nach Emanzipation selbstbewusster als zuvor zu artikulieren: Die „zweite Revolution“ nahm ihren Anfang.

Der Zentralrat und der Beginn der "zweiten Revolution"

Nach Eisners Tod (und der weiteren Vertagung des Landtags) füllten die Räte das von der provisorischen Regierung Eisner hinterlassene Machtvakuum. Der weiterhin tagende Rätekongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte wählte aus sich heraus einen Zentralrat als ausführendes Organ, der wiederum einen Aktionsausschuss bildete, der als ein verkleinerter, ständig tagungsbereiter Rätekongress fungierte. In Aktionsausschuss und Zentralrat saßen nun allerdings nur noch Parteifunktionäre und keine Räte mehr, die Mitglied in einer Partei waren. Der Einfluss der Parteien begann sich in der Organisation der Gremien niederzuschlagen.

Die Regierungsgewalt wurde also faktisch vom Rätekongress übernommen. Da die zögerliche MSP die Versammlung dominierte, unterließ es der Kongress jedoch, allzu sehr an der Regierung Statt zu handeln und beschloss am 08.03. anstelle dessen, auf Basis der Nationalversammlungswahl eine Regierung neu zu wählen. Die geforderte Bewaffnung der Arbeiterschaft wurde durchgeführt, allerdings wurden ausschließlich Gewerkschafter und Sozialdemokraten bewaffnet und einem Stadtkommandanten unterstellt, der später den Putsch gegen die 1. Räterepublik anführte. Als am 17.03. die Regierung unter Johannes Hoffmann gewählt wurde, brach diese die Absprachen mit dem Kongress und holte anstatt der Rätevertreter bürgerliche Kandidaten in die Regierung. In der Folge verabschiedete die USP eine Erklärung gegen Parlamentarismus und bürgerliche Demokratie und erklärte das Ziel der „Eroberung der politischen Macht durch die Räte“.

Dieser Entwicklung zugrunde lag ein weitreichender Ausdifferenzierungsprozess an der Basis. Die zentrale Polarisationsfrage zwischen den beiden Alternativen Räterepublik und Parlamentarismus führte zu einer heftigeren Radikalisierung, als angesichts der Stimmungslage in der Bevölkerung eigentlich angemessen war. Nach der Ermordung Eisners wurden in zahlreichen Versammlungen und Kundgebungen revolutionäre Forderungen laut, wie nach der Bewaffnung der Arbeiterschaft und der Ausrufung der Räterepublik, nach Eisners Tod die „Losung des Tages“ unter der Bevölkerung. Unter der arbeitenden Bevölkerung und Teilen der Intelligenz kam es zu einer weiteren Bewegung nach links; angesichts von energisch geführten Kampagnen in den größeren Zeitungen nahm die Öffentlichkeit nunmehr nicht nur den Mörder als an Eisners Tod schuldig wahr, sondern den gesamten parlamentarisch ausgerichteten Flügel, was die Polarisierung entscheidend vorantrieb.

Zu Beginn des Frühlings gab der Rätekongress daher das Stimmungsbild in der Münchner Bevölkerung nicht länger wieder. Im März verschlechterte sich die Ernährungslage, die Zahl der Arbeitslosen stieg und es kam zu zahlreichen Arbeitskämpfen. Diese Situation erhöhte das Potenzial für linksradikale Agitation; die Räterepublik wurde als Lösung aller Probleme angesehen. Die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn durch Béla Kun gab ihren Befürwortern weiteren Auftrieb und schürte die Kampfbereitschaft insbesondere der Arbeiter. Zu dieser trug auch die sich formierende Konterrevolution in Gestalt der MSP auf der parlamentarischen und der Reichswehr auf der militärischen Seite bei. Insbesondere die Gefahr des Einsatzes letzterer wirkte als Kitt unter den Revolutionären, stand sie doch für das militaristische und reaktionäre Preußen, das die freiheitliche bayerische Revolution bedrohte.

Die jetzt unmittelbar bevorstehende Räterepublik war ein Produkt der Enttäuschung durch dem gemäßigten Rätekongress: Einenteils konnte er die Bevölkerung nicht ausreichend versorgen, andererseits vereitelte er die von vielen Teilen erhoffte politische und soziale Emanzipation und drohte, selbst das Erreichte durch Zusammenarbeit mit der Konterrevolution in Gestalt Preußens preiszugeben. Diese Mischung ermöglichte die Flucht nach vorne.

Die erste Räterepublik: Konstituierung und Struktur

Am 07.04.1919 wurde die Räterepublik proklamiert. Diesem Schritt voraus waren lange Diskussionen gegangen, und nach verbreiterter Ansicht war er eher der allgemeinen politischen Dynamik geschuldet als einem bewussten und durchdachten Prozess. Folgendes Zitat mag dies auch stilistisch durch seine Atemlosigkeit verdeutlichen: „…Rache für Eisner, der Zentralrat (…) übernimmt die Regierungsgewalt, er proklamiert den Generalstreik (…)[,] den Belagerungszustand (…), die Arbeiterschaft, von der sozialen Tatenlosigkeit der Republik enttäuscht, fordert, dass der politischen endlich die soziale Revolution folge, was in Russland gelungen ist, muss auch hier gelingen, der Parlamentarismus habe versagt, der Gedanke der Räterepublik gewinnt die Massen.“

Der Enthusiasmus für die Räterepublik war groß, aber ebenso der Mangel an Vorstellung, was darunter zu verstehen sei. „Der Rausch (…) gewann die Oberhand.“ Der neu gewählte Zentralrat bestand hauptsächlich aus Intellektuellen und Literaten. Landauer und Mühsam, aber auch illustre Gestalten wie Silvio Gesell (als Finanzbeauftragter) gehörten ihm an. Im Gegensatz zum letzten Zentralrat beruhte dieser jedoch nicht mehr auf einem Proporz der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte; wichtiger war nun die Gewichtung der einzelnen Parteien bzw. politischen teilnehmenden politischen Gruppen geworden. Gerade dies beförderte eine Schwächung des Rätesystems durch Entmachtung seiner Exekutivorgane.

Politische Zielsetzungen

Politisch verfolgte die Räterepublik durchaus ambitionierte Ziele. Ihre Absicht war die Durchsetzung der Vollsozialisierung. Davon wurde zuerst wurde die Presse betroffen, die sich in der Vergangenheit meist gegen die Revolution gestellt hatte. Das Ziel war eine weitgehende gesellschaftliche Umwälzung, die unmittelbar in Angriff genommen wurde. So widmete sich eine Direktive vom 09.04. der Umgestaltung der Universität; dies allerdings in einer Lage, die Schutz und militärische Sicherung erfordert hätte. So wurden die republiktreuen Bürgerwehren bis zum vorletzten Tag der Räterepublik nicht entwaffnet. Außenpolitisch waren die Ziele nicht weniger hochgesteckt: Angestrebt wurde eine „brüderliche Verbindung“ mit den Sowjets in Russland und Ungarn. Die Berliner Regierung wurde wegen ihrer „imperialistisch-kapitalistisch-militaristisch[en] Politik“ abgelehnt, das angestrebte Ziel war ein Abbruch der politischen Verbindungen mit dem Reich. Wieder bildeten separatistische Bestrebungen ein wichtiges Fundament des revolutionären Aktionsprogramms.

Als Indikator für den emanzipatorischen Horizont der Raterepublik in Bezug auf die soziale Frage mochte die Besetzung des Amtes des Wirtschaftsbeauftragten dienen. Otto Neurath, Erfinder der Bildstatistik und ein Hauptvertreter der Sozialisierungsbewegung, war in dieses Amt gewählt worden, um seine Sozialisierungsvorstellungen umzusetzen. Neurath beanspruchte noch vor dem Krieg, die Disziplin der „Kriegswirtschaftslehre“ entwickelt zu haben, was ihn in die Nähe von Rathenau rückte. Wie dieser war Neurath im Kern kein Sozialist; sein Konzept, obgleich nah am Sozialismus gebaut, avisierte einen radikalen Umbruch in der Wirtschaftsgestaltung mit dem Ziel einer auf dem Naturalientausch beruhenden Planwirtschaft. Die Wirtschaft sollte durch ein Zentralwirtschaftsamt gelenkt werden und ein „Kompensationsverkehr“ von Waren und Dienstleistungen vorherrschen. Markt und Geld sollten also abgeschafft, der Warentausch hingegen erhalten bleiben. Diese Aufwertung der Produktion gegenüber der Zirkulation ist seit Proudhon der Nährboden für stark vereinfachende Vorstellungen von Gesellschaft und den Grundlagen kapitalistischer Wirtschaftsweise gewesen. Entsprechend, und auch weil Neurath gleichzeitig in der exilierten bayerischen Landesregierung saß, kommt er bei kommunistischen Historikern nicht gut davon: Er habe sozialisieren gewollt, ohne dabei die Kapitalisten zu enteignen. Dabei konnte er unter anderem auf ein Dekret vom 09.04. verweisen, das die Sozialisierung des Steinkohlebergbaus veranlasste. Auch des Problems der Kapitalabwanderung aus München nahm er sich an, jedoch wurden während der kurzen Existenz der Räterepublik keine der avisierten Maßnahmen in Angriff genommen.

Angesichts des Umstandes, dass die Räterepublik nur eine Woche lang bestand, erscheinen diese und ähnliche Ziele sehr hochgesteckt. Der Makel der Übergangszeit verging nicht: An Initiativen und Plänen herrschte kein Mangel, dafür an sie umsetzenden Organen. Das zeigte sich unter anderem schon bei der vorgesehenen Neuwahl der Räte, die nicht durchgeführt werden konnte. Angesichts des allgemeinen Chaos fällt die Bilanz dieser ersten Räterepublik eher negativ aus, den Zeitgenossen ergab sich der Eindruck eines „kecke[n] Streich[es] anarchistischer Bohemiens“.

Träger der Revolution

Unter den politischen Gruppierungen blieben die Kommunisten außen vor, da sie der Zustimmung der MSP misstrauten. Die starke USP schloss sich der Republik nach einigem Zögern an. Ebenfalls ihre Zustimmung erklärten die Kasernenräte der Stadt München. Die Münchner Arbeiterschaft, inzwischen überwiegend kommunistisch, verhielt sich abwartend; im restlichen Bayern war am Tag nach der Ausrufung in jeder größeren Stadt außer Nürnberg die Räterepublik angenommen worden, schon am 10.04. aber gab es außerhalb Südbayerns nur noch in Schweinfurt und Hof eine Räteherrschaft. Dennoch befand sich ein großer Teil wenigstens der Arbeiterschaft auf Seiten der Räterepublik.

Schwerwiegender war der Abfall der Bauern. Im Bayerischen Bauernbund, einem engen Verbündeten Eisners, hatte die konservative Fraktion die Oberhand gewonnen. Dies entsprach der Stimmung in der Bauernschaft, die sich annähernd geschlossen gegen die Sozialisierungspläne der Räterepublik stellte und ihr deshalb fast nur Widerstand entgegen setzte. Der Zentrale Bauernrat in München stand zwar nach wie vor auf Seiten der Räterepublik, war aber darin isoliert. Entsprechend verschlechterte sich die Ernährungslage in München, da sich die Bauern weigerten, der Räterepublik Lebensmittel zu liefern. Einstellungen wie „Die Hauptsach ist, dass der Krieg aus ist“ bestimmten den politischen Horizont der Bauernschaft, die der Räteregierung und den durch sie herbeigeführten „chaotischen Zuständen“ misstraute. Die Dominanz der größeren, tendenziell noch stärker konterrevolutionären Bauern in den Bauernräten blieb auch Niekisch nicht verborgen: „Sie [die Bauern, PH] waren wohlhabend (…) Der Sozialismus war ihnen verdächtig.“

Die zweite Räterepublik: Entstehung und Organisation

Am Palmsonntag 1919 putschte die republikanische Garde, die unter dem gemäßigten Zentralrat aufgestellte Schutztruppe der Revolution, getragen vor allem von Berufsoffizieren. Ihr Ziel war die Beendigung der Räteherrschaft. Als der Zentralrat bereits abgesetzt war, wurde jedoch der Putsch von spontan zusammengeströmten Arbeitern und Soldaten niedergeschlagen. In der Folge konstituierte sich ein neues Rätegremium, nunmehr unter Teilnahme der Kommunisten. Die Erkenntnis, dass die ‚weißen Garden’ die Räterepublik bedrohten und „das revolutionäre Proletariat treffen“ wollten, veranlasste sie zur Einmischung, um überhaupt die Revolution zu retten.

Die Struktur der entstandenen zweiten Räterepublik war im Vergleich zu derjenigen der ersten sehr transparent. Es gab wieder einen Aktionsausschuss und einen Zentralrat, der nun jedoch Vollzugsrat hieß. Die Grundlage des Systems war neu: Die Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte Münchens, die den Aktionsausschuss gewählt hatte. Folglich wurden zwei ehemals zentrale Rätegruppierungen ausgeschlossen: Die Arbeiter- und die Bauernräte. Dies bezeichnete einen deutlichen Bruch in der Entwicklung des bayerischen Rätesystems.

Politische Ziele

Folgt man Historikern mit realsozialistischem Hintergrund, dann war die zweite Räterepublik der tatsächliche Versuch zur „Verwirklichung der sozialistischen Revolution“: „Die Räterepublik ist die Diktatur des Proletariats. Aufgabe der Diktatur ist die vollkommene Niederwerfung der Kapitalistenklasse und der Ausbau des Sozialismus.“ In der Tat ging der Vollzugsrat unmittelbar daran, die Vorgaben einer solchen Revolution umzusetzen, und konnte sich im Gegensatz zur ersten Räterepublik auf eine straffe Organisation und eine frisch zusammengestellte Exekutive verlassen: Das wichtigste Anliegen bestand in der Bewaffnung der Arbeiterschaft und der Aufstellung einer Roten Armee. Zu diesem Zweck wurde ein neuntägiger Generalstreik ausgerufen. Das war nötig, weil die Fabriken immer noch in privater Hand waren und es während der beiden Wochen der zweiten Räterepublik auch blieben: Auch sie garantierte das Eigentum, hauptsächlich allerdings zum Schutz vor Plünderungen. Der Katalog an beschlossenen Maßnahmen war weniger umfangreich als in der vorhergehenden Räterepublik, und die Beschlüsse konzentrierten sich auf den Aufbau einer militärischen Sicherung, um die es hier nicht gehen soll. Ein kurze Übersicht soll daher genügen:

Die staatliche Verwaltung wurde von kaisertreuen Beamten gesäubert und durch Arbeiter übernommen. Sie sollte basisdemokratisch strukturiert, lokal organisiert und durch Räte geleitet werden. Zudem wurde erstmals seit dem Umsturz vom November die Wittelsbacher Polizei entwaffnet. Die dahinter stehende Leitidee findet sich bei Beyer: Es sei darauf angekommen, „den alten politischen Apparat vollkommen zu beseitigen und (…) diejenigen Elemente (…) auszuschalten, die durch ihre Klassenstellung oder andere Motive konterrevolutionär arbeiten. Zu diesem Zweck wurde die Polizei (…) aufgelöst. Weiter wurden diejenigen Elemente entfernt, die (…) sich in die neue Organisation nicht zu schicken vermögen.“

Die Kräfte der alten Ordnung sollten also vom Einfluss auf das revolutionäre Gemeinwesen abgehalten werden. Die Unterlassung dieser Maßnahme hatte schon Eisner Schwierigkeiten eingebracht, nun aber stellte sich ein anderes Problem, nämlich der „eklatante Mangel an geeignetem Personal“, den KÖGLMEIER sowohl für die Roten Garden (die neue Polizeitruppe) als auch für die Verwaltung konstatiert. Dazu trug auch das fehlende Bündnis mit den städtischen Mittelschichten bei.

In den Betrieben wurde als erster Schritt zur beabsichtigten Sozialisierung die Arbeiterkontrolle eingeführt, getragen von den Betriebsräten, und betriebsübergreifende Fachräte gewählt, denen die Aufsicht über die Menge der produzierten Güter obliegen sollte. Auch die Banken sollten an schädigender Einwirkung gehindert werden und wurden dem „Revolutionären Rat der Bankangestellten“ unterstellt. Barabhebungen wurden beschränkt, am 16.04. auch die Safes geöffnet und ihr Inhalt der Staatskasse einverleibt.

Auf der Ebene der Politik war der Räterepublik nicht weiter an einem bayerischen Sonderweg gelegen, wie noch ihrer Vorgängerin. Vielmehr betrachteten die Kommunisten die Situation in Bayern als eine gute Ausgangsposition für weitere revolutionäre Aktivität. Leviné, der Vorsitzende des Vollzugsrates, hoffte, sich so lange halten zu können, bis auch an anderen Orten Räterepubliken ausgerufen würden. Die Hoffnungen der Kommunisten beruhten auf einer Fanalwirkung des Münchner Modells, das anderswo Nachahmer finden und so die bayerische Räterepublik entlasten könnte.

Träger der Revolution

„Die Räteregierung war die Regierung der Arbeiter.“ Auf keine der neuen Organisationsformen seit dem Sturz der königlichen Regierung im November 1918 trifft dieser Satz mehr zu als auf die zweite Räterepublik. Der Enthusiasmus der arbeitenden Schichten reichte soweit, dass Dachau hauptsächlich dank der Unterstützung der Arbeiter in der örtlichen Pulverfabrik von den Revolutionstruppen relativ einfach zurückerobert werden konnte. Tatsächlich waren in der zweiten Räterepublik eher die Betriebsräte das eigentliche Rückgrat der Macht. Die Soldatenräte waren weniger wichtig, da sie als unzuverlässiger, d.h. vielfach reformistisch eingestellt galten. Die zweite Räterepublik spaltete sie, in manchen Stützpunkten gingen 60% der Soldaten zu den ‚Weißen’ über. Zudem waren in den Kasernen „weitgehend wirtschaftliche Gründe für die Einstellung zur jeweiligen politischen Führung maßgebend“, angesichts der schlechten Versorgungslage nicht unbedingt ein Grund für die Treue zur Räterepublik.

Gandorfer und der BBB stellten sich gegen die zweite Räterepublik, wo der Zentrale Bauernrat noch zur ersten gehalten hatte. Der Einfluss der Münchner Republik auf dem Land war annähernd null. Die verbreitete Ablehnung in der Bauernschaft hatte auch Rückwirkungen auf die Soldaten, die großteils Bauernsöhne waren. Dennoch unterblieben Meutereien in der Stadt. Die städtischen Mittelschichten blieben der Räteregierung ebenfalls fern, was den schon angesprochenen Mangel an qualifizierten Verwaltungskräften bedingte.

Die Aufgabe des bayerischen Partikularismus war jedoch die schwerwiegendste Hypothek der Räterepublik. Er hatte immerhin dazu geführt, dass die bayerische Regierung nicht genügend landeseigene Truppen aufbieten konnte, die gegen die Räterepublik vorzugehen gewillt waren, und zur Weigerung derselben, die Lage durch Reichstruppen in den Griff bekommen zu lassen: Zu groß war die Angst vor einer breiten, spontanen Solidarisierung der Bevölkerung gegen den „preußischen Wahn“. Die kosmopolitische und universalistische Ausrichtung der zweiten Räterepublik jedoch ließ viele der ihr als einem bayerischen Projekt verbliebenen Sympathien schwinden und erleichterte die konterrevolutionäre Propaganda gegen die „landfremden Agitatoren“ in München.

Die Münchner Rätemodelle: Eine Analyse

Oben entwickelte Darstellung befasste sich hauptsächlich mit der Abfolge der verschiedenen Revolutionsphasen und ihren Prämissen. Diese sollen nun abschließend auf ihre Zielrichtung analysiert und im Sinne der Fragestellung des Textes ausgewertet werden.

Als Eisner mit einer Gruppe Revolutionäre am 07.11.1918 die königliche Regierung stürzte, entsprach er damit sicherlich dem Wunsch der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung Bayerns. Der König stand für Krieg, Versorgungskrisen und preußische Bevormundung; Eisners Versprechen eines sozialen Wandels fand die Zustimmung der Massen. Die starke Einbeziehung der rechten Mehrheitssozialdemokraten verhieß jedoch eher einen Stillstand in dieser Richtung, der auch eintrat. Eisner wandte sich folglich stärker der Außenpolitik zu und versuchte, Bayern eine prominente Stellung in einem föderal strukturierten Staatengebilde zu verschaffen. Da Eisner auch wegen seiner breiten Koalition an den Fundamenten der gesellschaftlichen Ordnung nicht zu sehr rütteln wollte und daher wesentliche Bereiche wie die Verwaltung oder das Eigentum an Produktionsmitteln bei seinen Reformen von vornherein aussparte, handelte er sich die Gegnerschaft der auf radikalen Wandel drängenden Räte ein, vor allem denjenigen der Arbeiter. Den König abgesetzt zu haben, bleibt Eisners Verdienst; seine Konzeption eines Volksstaats Bayern als Zwitterwesen mit rätedemokratischen und parlamentarischen Elementen hingegen scheiterte an der Spannung zwischen den starken MSP-Anhängern und den sich zusehends selbstbewusster artikulierenden radikalen Arbeiterräten.

Eisners wollte keine Diktatur des Proletariats, sondern einen in absehbarer Zeit zu errichtenden ‚ethischen Sozialismus’; er wollte keine Obrigkeitsstaatlichkeit, sondern einen offenen Staat mit diesen beratenden Räten; er wollte keine sozialisierten Betriebe, sondern weniger Ausbeutung und Arbeitermitbestimmung. BEYER beschuldigt ihn des Neokantianismus, ein weniger komplizierter Begriff findet sich freilich leicht: Eisners Programm war eine sozialdemokratische Revolution. Sie änderte nicht viel, sondern ordnete neu, ohne den Rahmen des vorgegebenen Gesellschaftssystems zu durchbrechen. Aus einer sozialen Revolte entstanden, verlief sein politisches Emanzipationsprojekt daher im Sande.

Erst Eisners Ermordung setzte eine Dynamik frei, die eine über den Rand der Verhältnisse hinausschauende Perspektive entwickelte. Versuchte der gemäßigte Rätekongress noch, seine Funktion und Kompetenz an die nächste gewählte Regierung abzutreten, begünstigte der allgemeine Gang der Ereignisse – die herrschende Verwirrung, die schlechte Versorgungslage und nicht zuletzt die Bedrohung durch die Truppen der bayerischen Exilregierung – diejenigen, denen es auf eine grundlegende Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse ankam: Die Räterepublik entstand, allerdings auf weit kleinerer Basis als Eisners Modell. Für die bayerische Bauernschaft war der Grund für einen Umsturz seit dem durch Eisner erreichten Stand der Dinge nicht mehr vorhanden. Die ‚sozialrevoltierende’ Spreu trennte sich vom ‚revolutionären’ Weizen: Die soziale Lage Vieler war als eher bescheiden einzustufen, aber die drückende Not der Kriegszeit war in weiten Teilen des Landes vergangen. Entsprechend nahmen die Sympathien für weitere revolutionäre Aktivitäten ab, dafür waren diese nun von größerem Willen zu anderen als den bestehenden Verhältnissen geprägt. Die Räterepubliken geben davon eindrücklich Zeugnis. Insbesondere die zweite war vom Anliegen getrieben, eine möglichst radikale Umgestaltung gesellschaftlicher Lebensverhältnisse ohne Rücksicht auf gewachsene Verhältnisse und Weltsichten zu erreichen, orientiert am erfolgreichen Vorbild in Russland.

Bis heute ist sie eines der wenigen Beispiele dafür geblieben, dass sich gewaltförmige Ordnungen selbst abschaffen können. Formal gesehen endete die Räterepublik nicht mit der militärischen Niederlage am 02./03. Mai 1919, sondern in einer Abstimmung am 27.04., in der die Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte dem Aktionsausschuss das Vertrauen entzog und dieser daraufhin zurücktrat, anstatt mit Hilfe der Roten Armee seine Herrschaft weiterhin aufrechtzuerhalten. Auch die Abkehr vom bayerischen Partikularismus und die Zuwendung zum Universalismus distinguierte die zweite Räterepublik gegenüber ihrer Vorgängerin als Vorreiterin gesellschaftlicher Emanzipation, stellte jedoch auch einen ihrer politischen Sargnägel dar: Zu groß war der Reputationsverlust, den sie unter den ‚eigenbrötelnden’ Bayern hinnehmen musste. Ein weiterer Grund für ihren Zerfall war, dass sie sich beinahe ausschließlich auf die revolutionären Teile der Arbeiterschaft stützen konnte, eine soziale Basis, die sich für die Herausforderungen der Übergangszeit als nicht ausreichend erwies und außerhalb des industrialisierten Münchens keinen nennenswerten Einfluss besaß.

Fazit

Dem einleitend entwickelten Begriff von Rätesystem hat keine der behandelten Formen gesellschaftlicher Organisation zur Gänze entsprochen, wiewohl es während der gesamten Zeit deutliche Schritte in diese Richtung gegeben hat. Eine gründliche politikwissenschaftliche Analyse der Struktur, Zusammensetzung und Legitimation der einzelnen Rätegremien und eine Gegenüberstellung mit den Räteideen ist hier unterblieben und wäre zur Beantwortung der Leitfrage dieser Arbeit auch wenig hilfreich gewesen. Nichtsdestoweniger lässt sich bald erkennen, dass der Grad der Umsetzung dieser rätekommunistischen Vorstellungen im gleichen Maße stieg, wie ihre soziale Basis schrumpfte – also mit fortschreitender Zeit bis zum 27. April 1919. Gleichzeitig mit der Umsetzung weitergehender sozialistischer Ideen jedoch (also in der zweiten Räterepublik) lässt sich deutlich die Herausbildung einer alternativen Staatsmaschinerie nachverfolgen, gestützt von Roter Armee und den Roten Garden, eine jener zwangsmäßig aufgebauten Organisationsformen also, die die Revolutionäre im Sinne des Rätewesens zu überwinden angetreten waren – ganz nach dem Vorbild Sowjetrusslands aber bald den wirklichen oder vermeintlichen 'Notwendigkeiten' unterordneten.

So erweist sich das Phänomen der Münchner Räterepubliken als nicht mit einem Schlagwort erklärbar. Zunächst aus sozialem Antrieb (blanker Not) entstanden, nahm das Projekt, das im November 1918 begann, schnell eine Vielzahl von Facetten an. Es verlor bald seine Einigkeit und zerfiel in verschiedene Strömungen. Dass diese zusammen in einer Bewegung ‚nach links’, in Richtung gesellschaftlicher Emanzipation resultierten, ist ebenfalls kein Ergebnis linearer Entwicklungen. Einerseits ist diese Emanzipation nicht nur als soziale Besserstellung, sondern ebenso als Erringung individueller politischer Freiheiten abseits gesellschaftlicher Zwangszusammenhänge zu verstehen; in diesem Sinne muss – mit zunehmendem Organisationsgrad der Revolution – ihr partielles Scheitern gerade aufgrund ihres Überlebenswillens konstatiert werden. Andererseits fanden sich unter den Unterstützern der Bewegung bis in die erste Räterepublik viele, die der Revolution aus Motiven wie etwa bayerischem Separatismus ihre Stimme liehen, es also nicht zwingend auf individuelle Mitbestimmung und soziale Emanzipation anlegten, sondern lediglich einem eingedampften Patriotismus das Wort redeten.

Bleibt noch festzuhalten, dass – anstatt die Flut an unterschiedlichen Eindrücken, Motiven und Entwicklungen in postmoderne Beliebigkeit nach dem Motto tout va aufzulösen – die spezifische historische Entwicklung einer ebenso spezifischen historischen Konstellation zu verdanken ist, deren einzelne Komponenten nur aufgrund ihres dialektischen aufeinander-Rückwirkens das entstandene Resultat erbracht haben. Es handelte sich hier also auch nicht um eine soziale Revolte oder ein politisches Emanzipationsprojekt, um zwei mögliche Motivationen herauszugreifen, auch stehen diese oder andere nicht einfach gleichberechtigt und unvermittelt nebeneinander; ein der Sache angemessener Begriff muss die in ihr enthaltenen Widersprüche in sich aufnehmen und darf sie nicht um der falschen Eindeutigkeit willen nach einer Seite auflösen. Das wäre für jetzt und die Zukunft auch weiteren Beiträgen zum Thema zu wünschen, die klare Worte und damit verbundenen Distinktionsgewinn über die angemessene Darstellung des Sachverhaltes setzt.

Bibliographie:

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  • Exemplarisch u.v.a. aufgeführt seien hier LINSE, Ulrich: Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918-1919. Berlin 1974; MITCHELL, Alan: Revolution in Bayern 1918/19. München 1967; HÖLLER, Ralf: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/19. Berlin 1999.
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Rätesystem.
  • Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden. Aktualisierte Online-Ausgabe. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 1999-2004.


Originaltext:
http://www.workerscontrol.net/de/autoren/die-muenchner-raeterepubliken-soziale-revolte-oder-politisches-emanzipationsprojekt


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