Die Schleier der Geschichte lüften - Anarchismus in Dresden

Wenigen ist die Geschichte der anarchistischen Bewegung bekannt. Insbesondere in den Gebieten der ehemaligen DDR liegt diese zumeist selbst für aktuelle Befürworter*innen des Anarchismus im Dunkeln. Einige ambitionierte Menschen aus Dresden wollen nun Licht ins Dunkel bringen und die Schleier der Geschichte lüften.

Anarchismus wird oft, vorallem in Ostdeutschland, von Außenstehenden als relativ junge politische Strömung wahrgenommen. Sein aufkommen wird beispielsweise mit dem Beginn der Punkbewegung verbunden. Meist ist nur Menschen die über ein sehr breites Allgemeinwissen verfügen oder sich eingehender mit freiheitlicher Politik und Philosophie beschäftigt haben bewusst, dass die Idee der Anarchie als positiv gedachter Gesellschaftsentwurf bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert.

In Dresden ist das Andenken an anarchistisches Engagement spätestens seit 1933 aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden, dabei war die heutige Landeshauptstadt einst ein nicht unbedeutender Schauplatz libertärer Geschichte.

Ein erster Anhaltspunkt ist die eher zufällige Anwesenheit des bekannten Revolutionärs und anarchistischen Theoretikers Michail Bakunin bei den Dresdner Maiaufständen 1849. Mit Gottfried Semper und dem später als Antisemiten bekannten Richard Wagner beteiligte er sich am Sturm auf das Dresdner Rathaus, dem Barrikadenbau in der Dresdener Altstadt und der Aufstellung einer provisorischen Regierung innerhalb dieser national-liberalen Revolution. Ein ideologischer Einfluss auf den Aufstand von Seiten Bakunins lässt sich heute jedoch nicht feststellen. Bis zum Beginn des 1. Weltkrieges 1914 bildeten sich die ersten Ortsgruppen der Anarchistischen Föderation Deutschlands (AFD) und kleine, autonom-agierende Gewerkschaftsorganisationen mit teils anarchistischer Ausrichtung unter dem Namen Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG). Innerhalb der Rätebewegung in der Novemberrevolution 1919 wurde einem sozialdemokratischen Rat in Dresden ein revolutionärer Rat gegenübergestellt, der die Umwandlung der Gesellschaft auf Grundlage freier Räte (die Konsum und Produktion, Reproduktion abstimmen sollte) voranbringen wollte. An diesem beteilgten sich auch (Ex-)Mitglieder von AFD und FVdG, doch schon kurze Zeit später gelang es dem reformistischen Flügel von SPD und USPD ein Zusammenführung der beiden Räte unter ihrer Kontrolle zu erreichen, damit war die Etablierung von einem revolutionären Verwaltungssystem gescheitert.

Ebenfalls 1919 reorganisierte sich die AFD bundesweit als “Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands” (FKAD) und die FVdG nach einem entgültigen Bruch mit der SPD als radikal-antiparlamentaristische “Freie Arbeiter Union Deutschlands” (FAUD). Beide Föderationen hatten daraufhin eine/ mehrere Orsgruppen in Dresden. Später kam eine Reihe anderer Organisationen und Projekte hinzu, z.B. zeitweise 4 Ortsgruppen der “Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend Deutschlands” (SAJD), ein anarchistischer Lesekreis “Erkenntnis”, eine recht starke Ortsgruppe des “Weltbundes esperantistischer Staatsgegner”, eine Gruppe des Syndikalistischen Frauenbundes, eine Ortsgruppe der “Gilde freiheitlicher Bücherfreunde” (die Gilde beschäftigte sich mit der anarchistischen Sichtweise auf Kunst und Kultur, betreute Bibliotheken und verfügte über einen eigenen kleinen Verlag) und eine Gruppe der libertären “Freien Jugend”. In der FAUD spielten die Dresdner Gruppen eine große Rolle, wenn es darum ging, anarchistische Positionen gegenüber tagespolitischem Pragmatismus zu verteidigen. Ebenso spielten Nebenorganisationen scheinbar eine führende Rolle im deutschsprachigen Raum wenn es um die Themen Arbeitslosenkämpfe, Frauenrecht und Sexualwissenschaften ging. Auch die anarchistische Jugendbewegung erhielt reichsweit Impulse aus Dresden, so wurden hier die Jugendzeitungen “Fortschrittspionier”, “Flammenzeichen” und “Junge Anarchisten” (reichsweites Organ der SAJD) produziert.

Auch der bekannte anarchistische Dichter Erich Mühsam war Mitte der 20er durch seine Freundschaft zu dem damaligen SAJD-Mitglied Herbert Wehner öfter in Dresden zu Besuch. So ist zum Beispiel seine Verhaftung bei einer antimilitaristischen Kundgebung auf dem Postplatz dokumentiert.

Mitte der 20er verlor die FAUD massiv Mitglieder und damit politische Schlagkraft. Als anarcho-syndikalistische Gewerkschaft war sie immer weniger in der Lage tatsächlich schlagkräftige Arbeitskämpfe zu führen. In Dresden-Radebeul gelang es trotzdem noch bis 1932 wilde Streiks in einem Eisenguss-Werk zu führen. Auch die Arbeitslosenkämpfe und die Herausgabe der örtlichen Zeitung “Der Arbeitslose” wurden bis zur Machtübergabe an die National-Sozialist*innen weiter geführt. Davon abgesehen verlagerten sich die Aktivitäten vieler (ehemals) anarchistischer Aktivist*innen mit dem Herannahen der faschistischen Gefahr jedoch mehr und mehr in autoritär-kommunistische Strukturen. Als Gründe dafür sind sicher auch die damalige organisatorische Schwäche anarchistischer Strukturen und die weitestgehend pazifistische Ausrichtung der FAUD und ihrer Nebenorganisationen zu nennen. So traten schon seit Ende der 20er z.T. ganze Gruppen in die damals KPD-geführte “Rote Hilfe” ein, viele Aktive aus anarchistischen Gruppen wurden als KPD-Kader abgeworben. Seit Januar 1933 organisierte die Rote Hilfe dann in Dresden und Umgebung antifaschistische Demonstrationen mit teilweise mehreren zehntausenden Teilnehmer*innen. Die KPD versuchte Sozialdemokrat*innen und die Zentralgewerkschaften zu einer Einheitsfront und einer bewaffneten Zerschlagung der NS-Diktatur zu bewegen, was diese ablehnten. Gleichzeitig unternahm FAUD und andere ökonomische Kampforganisationen einen erfolglosen Versuch das aufblühende Naziregime mittels eines Massenstreiks außer gefecht zu setzen. Durch die Uneinigkeit und vorallem das Zögern des bürgerlich-linken Lagers waren spätestens seit der Reichstagswahl 1933 alle linken Organisation zum Abbruch ihrer Arbeit oder einer Weiterführung in der Illegalität gezwungen.

Zu dieser Zeit waren viele kommunistische und anarchistische Aktive jedoch bereits Inhaftiert und zum Teil ermordet. Die illegale Arbeit beider Bewegungen umfasste nun bis 1938 vorallem die Fluchthilfe politisch verfolgter Personen nach Tschechien und den Transport von Flyern, Zeitungen und Büchern aus dem tschechischen Exil ins Dresdner Land um hier den Widerstand zu formieren. Auch Sabotage-Akte und das Anbringen von Parolen und Plakaten an Häuserwänden, Felsen im Elbsandsteingebirger etc. ist belegt. Bei der Grenzarbeit kam es vereinzelt zu Schusswechseln mit SA-Bergsturm, SS und Grenzpolizei. Bis 1938 waren alle noch aktiven Gruppen geflohen oder durch Denunziationen verhaftet worden. Ein Teil der sächsischen Anarchist*innen kämpfte im spanischen Bürgerkrieg (vorallem in der Gruppe “Deutsche Anarchisten in Spanien”) gegen die faschistischen Truppen.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges gab es bundesweit Versuche, die überlebenden Anarchist*innen wieder in einer Organisation zu sammeln. Zu diesem Zwecke wurde die “Föderation freiheitlicher Sozialisten” (FFS) gegründet. In der sowjetischen Besatzungszone war die Organisation jedoch sofort von enormer Repression betroffen. Als 1948 in Leipzig eine “Konferenz für libertäre Bewegung” organisiert wurde, wurden kurzerhand alle Teilnehmenden verhaftet. Ein Jahr später kam es erneut zu einer Verhaftungswelle, die 270 Anarchist*innen und libertäre Sozialist*innen ins Gefängnis brachte, unter anderem in ehemalige KZs wie Oranienburg oder in politische Gefängnisse wie Bautzen. Andere Anarchist*innen beendeten in der Besatzungszone darauf hin ihre Aktivitäten oder engagierten sich in den neuen machthabenden Parteien (teilweise SED, der oben erwähnte Herbert Wehner wechselte nach seiner Tätigkeit in der KPD zur SPD und wurde in der BRD sogar Vorsitzender der SPD-Bundesfraktion – daran erinnert in Dresden das SPD-nahe Herbert Wehner Bildungswerk auf der Kamenzer Straße 12). Danach verlieren sich die Spuren anarchistischer Geschichte in Dresden für längere Zeit.

1985 trat der Anarchistische Aktionskreis (AAK) Wolfspelz in Erscheinung. Die Gruppe verteilte antimilitaristische Flugblätter und Plakate. Eine Mitbegründerin rief im selben Jahr zu einem antimilitaristischen Friedensmarsch auf, dem 8000 Menschen folgten. 1989 kam es im Zuge eines Aktenvernichtungsskandals zu einer vom AAK Wolfspelz organisierten Kundgebung vor der StaSi-Zentrale auf der Bautzner Straße. Im Verlauf der Kundgebung wurde die Außenmauer des Komplexes mit Parolen bemalt, eine Delegation aus Wolfspelz-Mitgliedern und Vertreter*innen der bürgerlichen und kirchlichen Opposition betrat zunächst das Gelände, wenig später strömten hunderte in die Gebäude und beendeten damit im wesentlichen die örtliche Arbeit des Geheimdienstes. In den frühen 90ern kam es dann zu einer regelrechten Hausbesetzungswelle, deren Zentrum vorallem die Dresdner Neustadt war, auch Auseinandersetzungen mit Faschist*innen und Neo-Nazis nahmen, wie bundesweit, auch in Dresden zu. Scheinbar kam es dabei neben dem Fortbestand der Gruppe Wolfspelz zu keiner Neugründung von explizit anarchistischen Gruppen und Projekten, libertäre und anarchistische Positionen fanden sich dafür jedoch in einem Großteil der linksradikalen Gruppen und Zusammenhänge aus dieser Zeit.

Seit 1991 gab es in Dresden einen linksradikalen Infoladen, dieser hieß damals “Schlagloch” und befand sich auf der Kamenzer Straße, nach einer Razzia 1995 und anschließenden Problemen mit der Vermietung zog er – mit einem Zwischenstop – auf die Loisenstraße 93. Ebenfalls 1991 entstand das AZ Conni das nach mehreren Anschlägen und Problemen mit den Eigentümer*innen 1996 auf die heutige Adresse Umzog. Auch die Lutherstraße 33 wurde nach mehreren Besetzungen 1992 schließlich geduldet und zum Hausprojekt ausgebaut.

1993 organisierten der Infoladen Schlagloch, der AAK Wolfspelz und andere Gruppen eine libertäre Info- und Aktionswoche unter dem Namen “Schwarze Tage”, dramatischer Höhepunkt soll Zeitzeugen zu Folge dabei die Erstürmung der Scheune durch Neo-Nazis und die Polizei gewesen sein, bei der eine Person durch einen Beamten eine Schussverletzung am Bein erlitten habe. 1995 erregte eine weitere Aktion unter Beteiligung des AAK Wolfspelz großes Aufsehen, als bei einem Besuch des indonesischen Diktators Suharto durch lautstarken und massiven Protest ein staatlicher Eklat ausgelöst wurde. Damals war die Bundesregierung bemüht, durch Anbiederung wirtschaftliche Beziehungen zu Indonesien zu knüpfen, in denen es zu ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzung und einer scharfen Verfolgung jeder Opposition gekommen war. Gleichzeitig war dies die letzte Aktion, die unter dem Namen Wollfspelz zu verzeichnen ist.

Es folgten zwei Versuche, eine Ortsgruppe der Freien ArbeiterInnen Union (FAU), Nachfolgeorganisation der FAUD, in Dresden zu gründen. Die zweite Gruppe, die ca. von 2005-07 tätig war, unterhielt zeitweise sogar einen eigenen Gewerkschaftsladen auf der Friedensstraße.

2007 bis 2009 war in Dresden mindestens eine Ortsgruppe der “Schwarzen Armee Fraktion” (Sch.A.F.) aktiv. Die Organisation verstand sich nach eigener Aussage als anarchistisches Spaßguerilla-Netzwerk mit völlig autonomen Ortsgruppen und losen bzw. keinen Verbindungen untereinander. Bindend war einzig ein Grundkonsens, der auf einen A6-Flyer Platz fand. Die Dresdner Gruppe war unter anderem in Auseinandersetzungen um eine Freifläche in der Dresdner Neustadt, die Verhinderung von Baumfällungen in Zusammenhang mit der Waldschlösschenbrücke, mehreren Hausbesetzungen und antifaschistischen Protesten aktiv. Klar anarchistische Position finden sich seit 2008 auch bei anderen Hausbesetzungen wieder verstärkt in Flugblättern und Pressemitteilungen z.B. auf der Hechtstraße 7 und eine Besetzung in Dresden Plauen (beides 2009).

Im August 2008 startete die anarchistische Online-Plattform “anarchia dresden”, diese hielt zwar nicht den selbstgesetzten Anspruch, eine Diskussionsplattform für “theoretische und taktische Debatten” oder ein einführendes Informationsorgan für neue Interessierte zu bieten, griff aber dennoch durch seine Berichterstattung (vorallem im Hausbesetzungsjahr 2009) und durch die Thematisierung internationaler anarchistischer Zusammenhänge in die politische Diskussion der Linksradikalen in Dresden ein.

2009 schlossen sich dann die neugegründeten Gruppen AK Freiraum und AK Antifa zusammen mit der bereits länger bestehenden Tierrechtsgruppe und anarchia dresden zum Libertären Netzwerk Dresden. Später gründete sich der AK Freizeit und die Bildungsvernetzung “Freie Vereinbarung” innerhalb des Netzwerks neu, das Hausprojekt Praxis und die Gewerkschaftsgruppe Allgemeines Syndikat Dresden FAU IAA traten 2010 und 2011 bei. Seit dem Frühjahr 2011 organisiert sich das Netzwerk auch im Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA)

Aus: Freidruck, Ausgabe 8 (2011)

Originaltext: http://www.libertaeres-netzwerk.info/ik-dokumentation/dresden-seit-1990/die-schleier-der-geschichte-lueften/


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