Alexander Berkman - Nestor Machno: Der Mann, der die Bolschewiki rettete

Nestor ist tot ...

Im Tenon Krankenhaus von Paris starb kürzlich ein armer Mann, vergessen von fast all den Millionen, die ihn einst als
Befreier und Held feierten. Sein Name ist Nestor Machno.

Große Persönlichkeiten sind wie Edelsteinfiguren, sie stechen deutlich auf der Leinwand des Lebens hervor und ermöglichen uns ein klareres Verständnis der sozialen Hintergründe. Die Geschichte selbst bringt oft solche bedeutenden Figuren hervor, die auch der Lauf der Zeit nicht auszulöschen vermag. Sie personifizieren das Genie ihres Volkes, ihr Leben und ihre Taten erhellen die Vergangenheit und werfen ein prophetisches Licht auf die Zukunft.

Solch eine Figur war Nestor Machno. Ein wahres Kind einer revolutionären Epoche, waren sein Leben und seine Taten vom Geist eines dominierenden Zieles geprägt und es ist mehr als wahrscheinlich, dass außer für ihn und seine rebellische Armee von ukrainischen Bauern die Sowjetunion nur noch in der Erinnerung lebt.

Gerüchte um Machno...

Es war im Jahre 1920 als ich auf Reisen in Russland zum ersten Mal von Nestor Machno hörte. Die Geschichten, die um ihn kreisten waren so romantisch, seine Abenteuer so fantastisch und die Meinungen über ihn so gegensätzlich, dass er mir als legendäre Figur erschien.

“Wer ist dieser Machno, von dem alle so viel reden?” fragte ich einen prominenten Bolschewiken.

“Ein Bandit”, gab dieser irritiert zurück, “ein gefährlicher Konterrevolutionär, der uns viel Ärger macht”.

“Ich habe gehört, dass die Leute ihn einen revolutionären Helden nennen,” sagte ich.

“Er ist ein Bandit,” wiederholte er ärgerlich. “Auf seinen Kopf ist ein hoher Preis ausgesetzt und er wird auf der Stelle erschossen werden.”

Erst als ich in die Ukraine kam, begann Machno konkretere Formen anzunehmen. Auch hier blieb mir seine Persönlichkeit für eine ganze Weile verborgen, ich erhielt nur dann ein paar Fakten über ihn und seine Aktivitäten, wenn ich zufälligerweise mit Männern in Kontakt kam, die ihn aus erster Hand kannten.

Auf der Suche nach Material über die Geschichte der Revolution, rief ich eines Tages den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei in Kharkov an, wie es meine Gewohnheit in jeder Stadt war, die ich besuchte. Die Sowjetunion hatte ihre Herrschaft in der Ukraine noch nicht gefestigt und Kharkov ähnelte einem Militärlager. Es war schwierig Zugang zu den Bolschewiki in hohen Positionen zu erhalten, aber meine Beglaubigungsschreiben aus dem Zentrum, wie Moskau in den Provinzen genannt wurde, überwanden rasch alle Hindernisse. Ich war gerade in einer Unterhaltung mit dem Sekretär, als ein großer junger Mann in Militäruniform durch den Raum ging. Er warf mir einen neugierigen Blick zu, schaute noch einmal und sprach mich an.

“Pardon Genosse,” sagte er, “aber sind Sie nicht Berkman?”

Ich gab mich zu erkennen.

“Alexander Berkman? Wirklich?” Und bevor ich wusste was geschah, hatte er mich in die Arme genommen und küsste mich dreimal nach der alten russischen Art.

Es war mein alter Freund Leo aus Amerika, Chef der Verwaltungsabteilung der Roten Armee in Kharkov. Der zierliche, schlanke Jugendliche, den ich viele Jahre zuvor in New York gekannt hatte, war ein schmucker Bursche mit militärischem Verhalten geworden. Eine tiefe Narbe in seinem Gesicht, offensichtlich ein Schwertschnitt, ergänzte seine resolute Erscheinung.

“Nun, ich soll verdammt sein!”, rief er, “Wer hätte sich je träumen lassen, Dich hier zu treffen! Ich wusste nicht, dass Du im Land bist – hörte, Du warst im Gefängnis. Ich sage Dir, es gibt tausend Dinge, die ich gerne mit Dir besprechen würde und ...” Plötzlich unterbrach er sich selbst und fragte: “Vielleicht in geheimer Mission?”

“Ganz und gar nicht,” sagte ich.

“Nun denn, komm mich besuchen, da gibt es einen Haufen Burschen, die ganz wild darauf sein werden, Dich zu sehen.”

Er kritzelte eine Adresse auf ein Stück Papier und verschwand.

Leo...

Ich hatte einige Schwierigkeiten, Leos Haus zu finden. Es war außerhalb der Stadtgrenze, ein kleines Lager, das von dem
Offizier und seiner Familie bewohnt wurde. Unter den Anwesenden erkannte ich verschiedene Männer aus den Staaten, einen von ihnen, der Emigrant genannt, hatte ich in Detroit gekannt.

“Du bist zu spät, alter Junge, ganz und gar nicht amerikanisch,” schalt mich Leo freundschaftlich. Er wischte meine
Entschuldigungen beiseite: “Es ist in Ordnung – wir sind ein bisschen außerhalb. Aber es ist ruhig hier und wir können reden!”

Wir sprachen von den alten Zeiten und jeder war begierig darauf zu wissen, was in der Welt passierte und vor allem in Amerika. Rußland war blockiert und sie fühlten sich vom Rest der Menschheit abgeschnitten. Es dauerte nicht lange und die Unterhaltung kam auf die Revolution.

Die Ukraine...

Die Ukraine war noch immer im Krieg – die Weißen hatten eine neue Offensive gestartet und es gab Kämpfe in verschiedenen Landesteilen im Süden: Leo war von Anfang an in der Revolution aktiv gewesen. “Du wirst hier andere Bedingungen als in Petersburg oder Moskau finden,” sagte er. “Die Dinge sind mehr oder weniger geklärt, aber wir sind noch immer inmitten der Revolution. Siehst Du, der Sieg in Rußland war vergleichsweise leicht, aber die Ukraine ist nicht Rußland. Wir sind ein Land von 40 Millionen, von anderem Schlag, mit unserer eigenen Sprache und Kultur. Die Revolution folgt hier nicht dem selben Schema wie im Norden. Dort sind die Bolschewiki nach dem Fall von Kerensky leicht an die Macht gekommen, aber hier hatten wir in den letzten zwei Jahren 14 verschiedene Regierungen...”

“Und eigentlich gar keine Regierung,” warf der Emigrant ein.

“Er meint Machno,” erklärte Leo. “Du musst von ihm gehört haben, stimmt´s?”

“Habe ich. In Moskau sagte man mir, dass er ein Bandit sei und auf der Stelle erschossen werden würde.”

“Dazu müssen sie ihn erst fangen,” lachte der Emigrant.

“Oh, das haben sie Dir gesagt?”, rief Leo, der plötzlich auf die Füße sprang. “Siehst Du das?” Er zeigte auf die Narbe in seinem Gesicht. “Das erhielt ich, weil ich glaubte, Machno sei ein Bandit!”

“Sprich nicht in Rätseln,” sagte der Emigrant, “Warum erzählst Du nicht der Reihe nach – Du schämst Dich, stimmt´s?”

“Ja, ich schäme mich,” gab Leo zurück. “Beschämt, dass ich so ein Idiot war,” fuhr er zu mir gewandt fort, “ich glaubte auch, Machno sei ein Bandit. Ich war damals in Budenny´s Kavallerie. Verschiedene Abteilungen der 18. Division waren in einem Dorf im Bezirk von Gulyai-Pole – Machno´s Region, weißt Du. Nun, eines Tages erhielten wir Befehl eine Bande von Grünen in der Nachbarschaft anzugreifen...”

“Aber er weiß nicht, wer die Grünen sind,” unterbrach der Emigrant.

“Das stimmt,” gab Leo zu. “Die Grünen sind Banditen, sie werden so genannt, weil sie ihre Hauptquartiere immer in den Wäldern haben. Nun, wir umstellten den Wald und wir waren uns sicher, wir hätten die ganze Bande, als wir Staubwolken aus dem Tal aufsteigen sahen. Einige Reiter kamen auf uns zu – nicht mehr als fünfzig. Budenny rief etwas und meine Kompanie – über zweihundert Mann stark – feuerte eine Salve direkt in diesen Haufen. Sie hatten uns offensichtlich nicht gesehen und wurden von uns überrascht. Ich sah die Männer in der ersten Reihe fallen und ihre Pferde wild werden. Wir bereiteten uns auf die Verfolgung vor – wir waren uns sicher, sie würden kehrtmachen und fliehen – wir umzingelten sie fünf gegen einen. Nun, bevor wir wussten was geschah, waren sie direkt in uns hinein galoppiert, holten rechts und links mit ihren Säbeln aus und riefen "Freiheit oder Tod!". Ihre Attacke war so unvorhergesehen, so unglaublich rücksichtslos, dass unsere Männer in Panik gerieten. Wir flohen.”

Leo unterbrach sich, seine Hand fuhr an seinen vernarbte Wange, wie in Erinnerung an den Schmerz. “Wir wussten, keine Grünen können so kämpfen,” begann er wieder. “Budenny hatte uns angelogen – es waren Machnos Männer.”

“Er bekam einen Vorgeschmack von Machno bevor er ihn überhaupt gesehen hatte,” neckte ihn der Emigrant. “Geschah ihm auch recht!”

“Sie waren keine Banditen?”, fragte ich.

“Banditen, zu Hölle!”, rief Leo ärgerlich. “Glaub' nicht solchen Unsinn! Machno und ein Bandit! Er und seine Kräfte waren damals Teil der Roten Armee!” Als er das offensichtliche Erstaunen im meinem Gesicht sah, ergänzte er: “Du hast noch eine ganze Menge zu lernen, bevor Du verstehen wirst, was hier los war.”

“Er wird es schon lernen, keine Sorge,” kommentierte der Emigrant scherzhaft; “es gibt keine bessere Schule als die
Revolution.”

“In Moskau würde er es nie lernen,” insistierte Leo, “aber wenn er lange genug hier bleibt, und wenn Du...” Er zögerte einen
Moment, und schaute seinen Freund fragend an. “Kann ich es ihm sagen?”, fragte er.

“Natürlich. Mach' nur weiter,” sagte der Emigrant.

“Nun, Alexander, er kann Dir Dinge erzählen, die Dir die Augen öffnen werden. Er hat mit Machno gearbeitet, weißt Du.”

Ich erinnerte mich an den Emigranten als einen ruhigen, recht ernsten Jugendlichen, der sich für soziale Themen interessierte. Er war eher ein Studiosi, als militärisch veranlagt, und ich konnte ihn mir nicht in der Rolle des Banditen oder als waghalsigen Teufel vorstellen, unter welcher Flagge auch immer. Ich fragte mich, was seine “Arbeit” mit dem zweifelhaften Machno gewesen sein könnte.

“Da wir gerade von Augenöffnern reden,” bemerkte der Emigrant freundlich, “wie wär's mit einem Drink Jungs? Es ist fürchterlich heiß.”

Der hausgemachte russische Kwas, aus Äpfeln destilliert, schmeckte kühl und erfrischend. Es war eine typische ukrainische Sommernacht; nicht ein Lüftchen rührte sich; der Himmel, mit Sternen bestreut, hing tief aber klar, alles war ruhig, abgesehen vom monotonen Murmeln der nahen Quelle und dem gelegentlichen Pfeifen der Vögel in den Wäldern. Etwas entfernt lag die weite Steppe und die sinnlichen Felder, in majestätischer Stille und unberührt von Menschenhand. Wir redeten bis weit in die Nacht.

Der Emigrant...

Der Emigrant stellte sich als wahre Enzyklopädie mit einem phänomenalen Gedächtnis für Namen, Daten und Ereignisse heraus. Er skizzierte für mich die Geschichte der Revolution, von ihren Anfängen mit der erhellenden Einsicht in Ursache und Wirkung, die den kreativen Historiker auszeichnet. Er schien mit jeder Phase des großen Kampfes vertraut zu sein, und er hatte die Angewohnheit, seine Geschichte mit “Ich habe ein Dokument Nummer so und so – von dem und dem Datum – unterschrieben von dem und dem...” zu würzen. Scheinbar war er ein Propagandist und als ich später Gelegenheit hatte, seinen historischen Schatz zu untersuchen, fand ich darin seltene und wertvolle Dokumente; Proklamationen und Erlässe herausgegeben von Lenin und Trotzki, von den deutschen Besatzungstruppen, von Machno und auch von Denikin, Wrangel und anderen weißen Generälen.

Von dem Emigranten hörte ich zum ersten Mal die Geschichte von Machno. Zu meinem Erstaunen, erfuhr ich, dass er (weit davon entfernt ein Bandit zu sein, wie es mir die Bolschewiki versichert hatten), ein alter “Politischer” war, der für revolutionäre Aktivitäten unter dem zaristischen Regime zum Tode verurteilt worden war. Aufgrund seiner Jugend war die Strafe in lebenslänglich umgewandelt worden und Machno verbrachte zehn Jahre in Butirky, dem Zentralgefängnis von Moskau, wo er für neun Jahre an Händen und Füßen gefesselt war, bis er durch die Februarrevolution 1917 befreit wurde.

Nestor Machno...

Zu dieser Zeit lebte der Emigrant in der Ukraine und traf Machno bald nachdem dieser nach Gulyai-Pole, sein Heimatdorf in der Provinz von Jekaterinoslav zurückgekehrt war. Machno, damals jünger als 30 Jahre, war von mittlerer Größe und starkem Körperbau, mit stechenden, stahlgrauen Augen und entschlossenem Ausdruck. Der Sohn eines ukrainischen Bauern hatte das Blut seiner kosakischen Vorfahren in den Adern, die berühmt waren für ihren Unabhängigkeitswillen und ihre kämpferischen Fähigkeiten. Obwohl er durch seine lange Strafe, während der seine Lungen geschädigt worden waren, geschwächt war, überraschte er alle durch seine Vitalität und Energie. Schon bald sprach man von ihm als dem Führer einer kleinen aufständischen Gruppe gegen die Austro-Germanischen Eroberer, die nach dem Frieden von Brest-Litowsk die Herrscher des Landes geworden waren. Es war offensichtlich ein hoffnungsloser Kampf gegen eine gewaltige Übermacht, den Machno und seine handvoll bäuerlicher Rebellen aufnahmen; aber ihr außergewöhnlicher Mut und ihre fantastischen Abenteuer brachten ihnen bald große Beliebtheit ein und nach kurzer Zeit hatte Machno eine beachtliche Kraft, von der dankbaren Bauernschaft mit Proviant und Pferden unterstützt. Er führte gegen die alteingesessenen Herren und ausländischen Unterdrücker einen undankbaren Guerillakampf und bekämpfte jeden konterrevolutionären General, der die rebellischen Bauern unterdrücken und ihnen das Land wieder entreißen wollte, welches sie von den Großgrundbesitzern enteignet hatten. Ganze Armeen wurden ausgesandt, um “Machno zu fangen und zu bestrafen,” wie die Phrase hieß, aber er erwies sich immer als trickreich, attackierte die Feinde immer im unerwartesten Zeitpunkt und Ort und verbreitete unter ihnen Panik. Stets am Kopf seiner leichten Kavallerie, schien er ein angenehmes Leben zu führen. Es hieß, er hätte nie eine Schlacht verloren und wäre nie verwundet worden, obwohl seine favorisierte Methode der Mann-zu-Mann-Kampf mit dem Schwert oder Säbel war. Seine Bekanntheit verbreitete sich rasch, lange bevor die ukrainische Bauernschaft glaubte, er sei “immun gegen Kugeln und sicher vor dem Schwert.”

Es war hauptsächlich der Führung und einzigartigen Genialität Machno´s zu verdanken, dass die Ukraine Ende 1918 von fremden Invasoren befreit war. Aber dem Chefrebell genügten die militärischen Erfolge nicht. Er unternahm den Versuch, die unverwirklichten Ideale der Oktoberrevolution in die Tat umzusetzen und seine Gulyai-Pole-Region gegen Unterdrückung jeder Art, politisch oder militärisch zu verteidigen. Er tauschte das Schwert gegen Stift und Bühne und wurde der Ratgeber und Lehrer seiner Leute. Bauern- und Arbeiterräte hatten sich in der ganzen südöstlichen Ukraine organisiert, sie unterschieden sich von den bolschewistischen Räten darin, dass sie komplett unabhängig von politischen Parteien oder Regierungsautoritäten waren.

Die Haltung Moskaus...

Moskau sah scheel auf das neue soziale Experiment, das Machno in der Ukraine begonnen hatte. Die bolschewistische Presse begann, ihn zu attackieren und stellte ihn beständig als Feind der Kommunistischen Partei dar. Die von Machno angeführte Bauernbewegung, Machnowstchina, wurde als verbrecherisch und konterrevolutionär bezeichnet. Aber Machno setzte trotz des Kremls seine Arbeit fort und wo immer die Revolution in Gefahr war, eilte er den Bolschewiki zu Hilfe. Es waren Machno und seine Bauernarmee, die im Herbst 1919 – als Denikin erfolgreich in Orel einmarschiert war und Moskau bedrohte und damit die Existenz der sowjetischen Regierung – den zaristischen General angriffen, ihn in mehreren wichtigen Schlachten besiegten, die Weißen von ihrer Versorgungsbasis abschnitten und Denikin zwangen, sich hastig zurück zu ziehen. Ungeachtet der großen Dienste, die Machno der Revolution erwiesen hatte, denunzierten die Bolschewiki ihn weiterhin und Trotzki verbannte ihn schließlich.

Wer ist der Verräter?

Was ich von dem Emigranten und Leo hörte, gefiel mir ganz und gar nicht. Ich wusste, wie ernst und wichtig meine Freunde die Revolution nahmen – beide hatten dafür gelitten und geblutet – ich konnte, würde, was sie mir gesagt hatten, dennoch nicht in Betracht ziehen. Es schien zu ungeheuerlich, um wahr zu sein. Ich beschloss, die ganze Wahrheit kennen zu lernen. Ich dachte, es liegt vielleicht alles nur an Missverständnissen, die im Wirbel der Zeit entstanden sind, und vielleicht könnte ich in irgendeiner Weise helfen, die Situation aufzuklären.

Bedingt durch meine Arbeit verließ ich Kharkov und ging in andere Teile der Ukraine. Je weiter ich nach Süden kam, desto konfliktreicher und fantastischer wurden die Geschichten über Machno und seine Taten. Ich besuchte die Orte, die seine Armee zu dieser oder jener Zeit besetzt hatte, und traf Leute in verschiedenen Lebenssituationen – Soldaten, Arbeiter, Bauern – unter diesen Einige, die mit oder gegen Machno gekämpft hatten. Es klingt merkwürdig, aber selbst seine erbittersten Feinde, die ihn als konterrevolutionär, Progromanstifter und Judenfänger denunzierten, konnten ihre heimliche Verehrung für den Mann, der mit einer handvoll Leuten ganzen Armeen getrotzt hatte und immer siegreich geblieben war, nicht verbergen. Seine Abenteuer waren so ungewöhnlich, dass sogar die Kommunisten in der Ukraine seinen außergewöhnlichen Mut und militärisches Geschick lobten. Es war ein Bolschewik, der mir davon erzählte wie Machno, der einen Überfall auf eine von Denikin besetzte Stadt plante, eine Bauernhochzeit in aller Öffentlichkeit arrangierte. Als Trauzeugen verkleidet, verteilten Machno's Männer großzügig Wodka unter den Soldaten der Garnison. Auf dem Höhepunkt der trunkenen Orgie, erschien plötzlich Machno, der eine kleine Gruppe von Reitern anführte. Von der unerwarteten und wilden Attacke überwältigt, kapitulierte die gesamte Garnison, etwa 1000 Mann, kampflos.

Machno hatte den Ruf, öfters ähnliche Strategien anzuwenden. Etwa als er die Stadt Jekaterinoslaw einnahm, wo Petlura ein großes Kontingent seiner Armee zusammengezogen hatte. Geschützt durch den Dniepr-Fluss, alle Annäherungsversuche stark bewacht, schienen die Weißen vor Attacken sicher. Aber nichts konnte den unverzagten Anführer der povstansty, wie die aufständischen Bauern genannt wurden, von seiner Entscheidung anhalten Jekaterinoslav einzunehmen. Einzeln und zu zweit begannen sich unverdächtig aussehende Bauern in Nishne-Dneprovsk, einem Dorf auf der gegenüberliegenden Seite, zu sammeln. Dann füllten diese Männer, ausgerüstet mit großen Proviantpaketen, eines Morgens in der Dämmerung den Zug, der die Stadt mit dem Dorf verband. Der Zug fuhr geradewegs in den Bahnhof hinein und plötzlich ergossen sich daraus tausend bewaffnete Männer mit Maschinenpistolen. Es gab eine verzweifelte Schlacht im Herzen der Stadt und am Abend war Jekaterinoslav in Machno's Händen.

Je näher ich der Machnoregion kam, desto mehr war ich über die Verehrung erstaunt, mit der die Bauern von Machno sprachen.

Machnos Ruf...

Einmal, als ich gerade mit einem alten Typen, einem wahrhaftigen Patriarchen mit einem langen weißen Bart sprach, überraschte es mich, dass er als der Name Machno erwähnt wurde, seine Bauernmütze, mit einer ehrerbietigen Geste abnahm.

“Ein großer und guter Mann,” sagt er, “möge Gott ihn schützen. Es ist jetzt zwei Jahre her, dass er hier war, aber ich kann ihn immer noch vor mir sehen, wie er auf einer Bank auf dem Platz stand und zu uns sprach. Wir waren ungebildete Leute und verstanden nie diese Bolschewiki, die uns orakelten. Aber er sprach zu uns in unserer Sprache und seine Rede war einfach. "Brüder", sagte er, "Ich bin gekommen, um euch zu helfen. Wir haben den Landbesitzer und seine Soldaten verjagt und ihr seid jetzt frei. Teilt das Land unter euch auf, gerecht und wie Brüder und arbeitet für den Nutzen aller." Ein guter, heiliger Mann,” schloss er ernsthaft.

Er ging zu der Ikone, die in einer Ecke der Hütte hing, verbeugte und bekreuzigte sich und wandte sich dann in der ganzen Erhabenheit seiner frommen Überzeugung zu mir.

“Pugatchew´s Prophezeiung ist glücklicherweise wahr geworden!” erklärte er. “Vor einhundertfünfzig Jahren, als der große Rebell auf der Folterbank lag, sagte er zur Zarin Jekaterina, "Ich habe dich nur erschreckt, aber bald wird ein eiserner Besen kommen, der euch Tyrannen von unserer heiligen russischen Erde fegen wird." Der Besen ist da – es ist BATKO Machno!”

“Batko?”, wunderte ich mich. “Ja, Batko Machno. Er ist nicht unser Kommandeur, nicht unser General – er ist unser Freund, unser "Kleiner Vater", unser geliebter Batko, den höchsten Titel, den wir ihm geben konnten. Ich habe teuer dafür bezahlt, aber er verdient diesen Namen.” Ich schaute ihn fragend an.

“Letztes Jahr kam Shurko hierher, Denikin´s blutiger General,” fuhr er fort, “Er gab das Land unseren alten Herren zurück, nahm uns alles und zwang unsere jungen Männer in seine Armee. Wir weigerten uns. Iwan, mein ältester Sohn, wurde herausgeholt und wie viele andere erschossen. Wir unterrichteten Machno davon. Er kam mit ein paar Hundert und Shurko hatte 3000 Mann im Dorf. Wir dachten, wir seien verloren. Aber in der selben Nacht schlug sich Machno seinen Weg durch die feindlichen Posten, griff die Weißen an und drang dann bis in das Zentrum unseres Dorfes vor. Wir kamen ihm alle mit Spitzhacken und Äxten zu Hilfe und im Morgengrauen hatten wir Shurko und seine Henker aus dem Dorf verjagt. Machno verfolgte sie bis über den Fluss.”

Er machte eine kurze Pause und sagte dann feierlich: “Mein Sohn, es war ein Wunder. Am Morgen versammelten sich die Bauern aus der gesamten Region bei uns. Der alte Wassily, mein Nachbar, war ihr Sprecher. "Kleiner Vater", sagte er zu Machno, "Du bist unser Befreier. Von nun an wirst Du unser Batko sein und wir schwören, Dir bis in den Tod zu folgen!"”

Die Stimme des alten Mannes wurde dünn. “Ich habe meinen anderen Jungen in dieser Nacht verloren,” sagte er gebrochen, “aber so wurde Machno unser Batko.”

In Kiew...

Einige Zeit später besuchte ich Kiew. Eines Abends, als ich mich gerade zurückziehen wollte, klopfte es an der Tür. Ich fragte mich, wer der späte Besucher wohl sein könnte. In der Umgebung gab es schwere Kämpfe und die Stadt war in den Ausnahmezustand versetzt. Sich nach Einbruch der Dunkelheit draußen aufzuhalten, war bei Todesstrafe verboten, es sei denn man hatte eine Sondererlaubnis des Militärs. Vielleicht die Tcheka, der gefürchtete Geheimdienst, dachte ich. Sie operierten immer in der Nacht und ein Besuch von ihnen bedeutete in diesen Tagen nichts Gutes. Aber meine Beziehungen zu den Bolschewiken waren noch immer die freundlichsten. Eine Verhaftung war unwahrscheinlich.

Ich öffnete vorsichtig die Tür. Der Flur war dunkel und verlassen, aber plötzlich trat eine kleine Figur aus einer Ecke hervor. Es war eine Frau, offensichtlich eine Bäuerin, mit einem Korb an ihrem Arm. Ein großer Schal, bedeckte ihren Kopf und Hals, fast alle ihre Merkmale.

“Ich will Dich sehen,” sagte sie. Sie sprach Russisch mit leicht ukrainischen Akzent.

Ich führte sie zu einem Stuhl. Sie nahm ihren Schal ab und zu meinem Erstaunen hatte ich eine junge Frau von außergewöhnlicher Schönheit vor mir.

Galina Machno...

“Ich bin Galina, Machno´s Frau,” sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme. “Ich bringe Dir eine Nachricht von ihm.”

Die bloße Erwähnung des Namens barg unter diesen Umständen Gefahr in sich. Plötzlich fiel mir ein, dass es Machno sein könnte, der in diesem Moment gegen die Bolschewiki kämpfte. Das Getöse der Artillerie war in einiger Entfernung zu vernehmen.

“Machno hier?”, rief ich.

Warnend hob sie ihren Finger an den Mund. “Er ist nicht sehr weit,” sagte sie.

“Aber wie kannst Du so ein Risiko in Kauf nehmen?”, fragte ich alarmiert. “Du weißt, was es bedeutet.”

“Das stimmt,” erwiderte sie ruhig. “Aber Nestor hat auf Dich gewartet – er hoffte Du würdest einen Weg finden, zu kommen. Er ist sehr darauf aus, dass Du weißt was passiert.”

“Und dafür riskierst Du Dein Leben?”

“Vielleicht verstehst Du nicht, wie wichtig es ist. Nestor will, dass Du weißt, dass er dein Kamerad ist, Dein wahrer Kamerad,” betonte sie.

“Ich schätze seinen Kampf gegen die Bolschewiki nicht,” sagte ich.

“Du glaubst noch immer an sie?”, fragte sie mit einem bitteren Ton in der Stimme.

“Ich bin in vielen Dingen nicht mit ihnen einverstanden,” gab ich zurück, “Aber sie sind von Feinden umzingelt und ich denke jeder, der die Revolution liebt, muss helfen, sie zu verteidigen...”

“Es ist Machno, der die Revolution verteidigt,” unterbrach sie mich erregt.

“Indem er die Bolschewiki bekämpft?” “So lange die Bolschewiki für die Revolution kämpften, war Machno an ihrer Seite,” sagte sie ernst. “Er und unsere Aufständischen waren Teil der Roten Armee. Wir bekämpften Hetman Skoropadsky, Petlura, Grigoriew, Denikin und jeden anderen weißen Feind. Als die Bolschewiki in Schwierigkeiten waren, riefen sie immer Nestor zu Hilfe und er verweigerte sie ihnen nie. Aber sobald die Gefahr vorüber war, wendete sich Moskau gegen uns. Sie verleumdeten uns als Banditen und Konterrevolutionäre, sie setzten ein Kopfgeld auf Nestor aus und versuchten sogar, ihn umzubringen..”

“Aber das ist unmöglich,” rief ich; “ich kann nicht glauben, dass Lenin oder Trotzki...”

“Nestor wusste, das es hart für Dich sein würde, an einen solchen Verrat auf seiten der alten Revolutionäre zu glauben,” erwiderte sie. “Ich habe einige Dokumente mitgebracht, um Dich zu überzeugen.”

“Aber was haben sie gegen Machno?”, fragte ich. “Es muss sehr gute Gründe geben...”

“Sehr gute Gründe,” antwortete sie. “Genau um Dir das zu erklären, hat mich Nestor zu Dir geschickt.”

In klaren, groben Strichen zeichnete sie mir die Geschichte von Machno und der Bewegung, die er anführte nach. Er hatte
Gemeinden im Gulyai-Pole Bezirk und großen Teilen der Ukraine organisiert, auf einer Fläche von Hunderten Meilen mit Millionen Menschen, die frei lebten und sich weigerten, sich irgendeiner politischen Partei unterzuordnen. Die Bolschewiki wollten den Bauern ihre Autorität aufzwingen, aber diese widersetzten sich. Schließlich beschloss Moskau, Machno zu liquidieren und Trotzki unterschrieb einen Befehl, der den revolutionären Militärrat der Machnoregion und alle seine Mitglieder ächtete.

“Hier,” sagte sie, indem sie mir ein Dokument gab, “Du kannst es selbst lesen.”

Es war ein allgemeiner Befehl des revolutionären Rates der Republik vom 4.Juni 1919 und trug die Nummer 1824. Es heißt in Auszügen:

“Die Sektion des Rates, genannt Exekutivkomitee von Gulyai-Pole und die Mitglieder der Machnobrigade sind hiermit ab dem 15. Juni verboten und dürfen unter keinen Umständen tagen. Teilnahme daran wird als Verrat an der Sowjetrepublik betrachtet und entsprechend behandelt. Dieser Befehl tritt sofort in Kraft, telegraphisch.

TROTZKI. Vorsitzender des revolutionären Rates der Sowjetrepublik
WATSETIS. Ausführender Befehlshaber
ARALOV. Mitglied des revolutionären Rates der Sowjetrepublik
KOSHKAREW. Regionaler militärischer Befehlshaber, Kharkov.”

“Das war eine Kriegserklärung an uns,” fuhr Galina fort. “Zur selben Zeit gab Trotzki geheime Anordnungen für die Festnahme Machno´s, seiner Mitarbeiter und aller Mitglieder der Kulturabteilung...”

“Kulturabteilung?”

“Ja, natürlich. Wir haben ein spezielles Büro in unserer Armee, das Zeitungen, Flugblätter und Broschüren herausgibt, um unsere Ideen und Ziele den Leuten zu erklären. Kennst Du den Emigranten? Nun, er arbeitet mit mir dort und ist einer der wertvollsten Männer,” sagte sie lächelnd. “Wir haben den größten Teil von Grigoriew´s Armee mit unserer Propaganda besiegt. Es ist Nestor sehr wichtig, dass Du weißt, was wir dort machen. Aber ich sprach von Trotzkis Befehlen. Nun, Du kennst Trotzki – er meint, was er sagt. Fünf Tage später griffen die Roten Verbände Gulyai-Pole an, unser Hauptquartier. Verschiedene Mitglieder unseres Rates und militärische Mitarbeiter wurden mit einer List gefangengenommen und exekutiert. Trotzki wusste, dass Nestor in diesem Moment eine neue Offensive gegen Denikin führte, aber er weigerte sich, uns mit Munition zu versorgen. Er erklärte, dass Machno eine größere Gefahr sei als Denikin. Und er hatte recht,” kommentierte sie erbittert, “unsere freien Ideen sind für Moskau gefährlicher als die Weißen.”

“Aber Du hast gesagt, Machno gehörte zur Roten Armee?”

“Ja.”

“Wie konnte Trotzki ihm dann die Versorgung verweigern?”

“Er tat sogar noch mehr. Er zog verschiedene Regimenter der Roten Armee von unserer nordöstlichen Front ab und gab so Denikin´s Kavallerie die Gelegenheit, Machno von der linken Flanke her anzugreifen. Ohne Munition waren unsere Männer gezwungen, sich zurück zu ziehen – es war das allererste Mal, dass das passierte. Und was glaubst Du, was Trotzki dann tat?”

“Was?”, fragte ich atemlos.

“Er bestrafte uns, indem er die Front für Denikin absichtlich öffnete!”

Sie machte eine kurze Pause, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. “Nestor war in einer fürchterlichen Situation,” fuhr sie fort. “Er erkannte die finstere Verschwörung gegen ihn, weigerte sich aber, seine Waffen gegen die Bolschewiki zu erheben. Die Sache der Revolution war ihm zu wichtig. Er beschloss, sein Kommando in der Roten Armee niederzulegen und unterrichtete Moskau davon. Er gab einen Aufruf an die Aufständischen heraus, weiter gegen die Weißen zu kämpfen und zog sich dann zurück.”

“Vollständig?”

“Du musst gehört haben, was passiert ist. Die Rote Armee zog sich weiterhin vor Denikin zurück. Letzterer erreichte Orel und bedrohte Moskau. Die Bolschewiki waren in Panik. Das bedeutete die Niederschlagung der Revolution und die Rückkehr des Zarismus. Dann brachte Machno sich wieder ins Spiel. Er sammelte seine Kräfte und lieferte sich eine Schlacht mit Denikin. Er attackierte dessen Flanke und schnitt ihn von seiner militärischen Basis ab. Denikin kehrte um und Nestor drängte ihn in Richtung Don ab. Das war das Ende von Denikin.”

“Sicherlich wussten die Bolschewiki Machno's Hilfe zu schätzen,” sagte ich.

“Du kennst sie noch nicht,” gab sie ungeduldig zurück. “Als sie ihn nicht mehr brauchten, ächteten sie ihn erneut, genau wie sie es gemacht hatten, als er sie vor Ataman rettete...”

“Was, Ataman?”

“Ataman Grigoriew, den zaristischen Offizier, der zu den Bolschewiki übergelaufen ist.”

Sie nahm das Bündel Dokumente und gab mir ein Papier. Es war ein Telegramm der Bolschewiki, datiert vom 12. Mai 1919, adressiert an “Gulyai-Pole, Batko Machno, Adresse unbekannt.” Es war vom Oberbefehlshaber der Roten Armee im Süden, und informierte Machno, dass “Ataman Grigoriew die Front betrogen und seine Waffen gegen die Sowjets gerichtete hatte.” Das Telegramm drängte die Führer der Aufständischen “unverzüglich eine Proklamation gegen den Verräter zu veröffentlichen und die Meuterei zu unterdrücken.”

“Nestor brauchte nicht lange, um Ataman zu liquidieren,” fuhr Galina fort. “Grigoriew hatte eine starke Armee, aber sie bestand hauptsächlich aus Bauern, die gegen ihren Willen dort hinein gezwungen worden waren. Nestor wollte ein Blutvergießen unter ihnen vermeiden. Er wies unsere Kulturabteilung an, eine Proklamation zu publizieren, die Ataman der Konterrevolution bezichtigte. Dann berief er ein Treffen verschiedener Abteilungen von Grigoriews Armee ein. Ataman war eingeladen, die Anklagen gegen ihn zu entkräften und er kam mit seiner ganzen Mannschaft. Nestor klagte ihn öffentlich des Verrats an der Revolution an. Gregoriew wurde wütend und zog sein Gewehr. Ich sah ihn auf Nestor zielen, der mit dem Rücken zu ihm stand und ins Publikum schaute.”

Sie stoppte, wurde bei dieser Erinnerung bleich.

“Hat er geschossen?”, fragte ich ängstlich.

“Er wurde selbst erschossen und mehr als die Hälfte lief zu uns über.”

“Aber Moskau gab seine Pläne Nestor zu zerstören nicht auf,” begann sie nach einer Weile erneut. “Als das Land von konterrevolutionären Generälen gereinigt war, rief Trotzki Machno zu seiner Polen-Kampagne. Das war das Gegenteil unseres militärischen Abkommens, das vorsah, dass Machno's Armee an der Anti-Denikin Front bleiben sollte. Nestor erkannte, dass es eine Intrige war, um ihn aus der Ukraine zu entfernen und die Bewegung der Aufständischen zu zerstören. Er protestierte gegen den Befehl und Trotzki ächtete ihn erneut. Moskau erklärte uns den Krieg und sandte eine ganze Armee in unsere Region. Die Roten Befehlshaber vermieden die offene Schlacht mit uns, aber sie übten ihre Artillerie an unseren ungeschützten Dörfern und erschossen die Bauern zu Tausenden. Wir mussten auf die Guerillataktik zurückgreifen, wie in den Tagen von Skoropadsky und den deutschen Invasoren.”

Ich war überwältigt. Ich konnte nicht glauben, dass Lenin und Trotzki, die ihre Jugend und ihr Leben der Sache der Menschen gewidmet hatten, des Verrats an der Revolution schuldig seien, wie Galina behauptete. Obwohl die Dokumente und Fakten vorlagen und sie alles untermauerten, was Leo und der Emigrant mir erzählt hatten.

“Galina,” sagte ich, “ich kenne Lenin und Trotzki persönlich. Vielleicht könnte etwas getan werden, um die Dinge aufzuklären – eine Aussprache könnte herbeigeführt werden...”

Sie schaute mich skeptisch an. “Du meinst es gut, Genosse Alexander, aber das steht außer Frage. Es ist zu spät dafür.”

“Ich wünschte, ich könnte darüber mit Macho selbst sprechen,” drang ich weiter, “obwohl ich weiß, das ist unmöglich...”

“Vielleicht ist es nicht so unmöglich wie Du denkst,” sagte sie ernst. “Deswegen bin ich zu Dir gekommen. Nestor plant ein
Treffen mit Dir...”

“Aber – ich arbeite in offiziellem Auftrag – meine Bewegungen sind bekannt...”

“Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen kann, verstehst Du?” fragte sie mit einem breitem Lächeln.

Machnos Plan...

Machno´s Plan war sehr einfach, erklärte sie. Er war sich darüber im Klaren, dass der letzte Versuch meinerseits, ihn zu erreichen, die ernsthaftesten Konsequenzen haben und sogar tödlich für mich ausgehen könnte. Er schlug deshalb vor, den Zug zu überfallen, mit dem ich an mein nächstes Ziel reisen würde. Er wollte mich als “Kriegsgefangenen” nehmen und später sicher auf bolschewikisches Territorium führen. Durch solch ein Manöver würde ich mich nicht des vorsätzlichen Kontakts mit dem gesuchten “Banditen” verdächtig machen.

Es war ein kühner und gewagter Plan, aber ich hatte genug von Machno's Abenteuern gehört, um nicht an seiner Fähigkeit ihn durchzuführen zu zweifeln.

“Was sagst Du, Genosse?” fragte Galina.

“Unter einer Bedingung,” antwortete ich, “es darf kein Blutvergießen geben.”

“Einverstanden,” sagte sie begeistert.

Ich wartete ungeduldig auf ein Zeichen von Machno, aber die Tage vergingen ohne eine Nachricht von ihm. In der Stadt wurde es friedlicher, sie erschien weniger militärisch: der Kampf hatte sich offensichtlich woandershin verlagert.

In Odessa...

Bevor ich Kiew verließ, führte mich meine Arbeit nach Odessa. Der Zug trug mich rasch aus Region der Aufständischen und ich fragte mich, was Machno davon abgehalten hatte, sein vorgetäuschtes “Kidnapping” durchzuführen. In einem Dorfbahnhof auf der Strecke bemerkte ich ein paar Leute, die sich um ein großes Poster an der Wand versammelt hatten. Es gab viel Geschrei und Aufregung und ich hörte jemanden rufen, “Noch eine Front, Gott hilf uns!”

Ich eilte dazu. In großen schwarzen Buchstaben verkündete ein Plakat, dass General Wrangel eine neue Offensive gegen die Sowjets gestartet hatte. Er rückte nordwestlich von der Krim her vor und ließ verwüstetes Land zurück. Plötzlich sprangen mir die Worte BANDIT MACHNO ins Auge. “Zum Verräter gewandelt” – stand auf dem Plakat – “Machno kämpft auf der Seite von Wrangel.”

Ich war verblüfft. Konnte das wahr sein, fragte ich mich. Kämpfte Machno wirklich an der Seite der Konterrevolution? Es schien irgendwie unmöglich.

Es begannen auch Gerüchte über Progrome von Machno zu kursieren. Wir waren im Bereich des ehemaligen Ghettos, dem alten jüdischen, aschfahlen und an jeder Ecke sah ich die schrecklichen Ergebnisse von Zerstörung und Abschlachtung. Ich traf Progromüberlebende, Opfer der unmenschlichen Folter, so entstellt, dass man fast den Menschen nicht mehr erkannte. Einige der jüdischen Orte wie Fasow, Belo-Tserkow, Lisyanka und andere wurden wiederholt von fast jeder Armee, die durchgezogen war, mit Progromen überzogen, darunter Denikin, Petlura, Grigoriew und die Grünen. Da und dort traf ich Juden, die ihre Städte verlassen hatten, die von Machno´s Banden angegriffen worden waren. Später, in Odessa traf ich Vertreter von verschiedenen jüdischen Organisationen, die die Ausschreitungen gegen Juden untersuchten, wie auch Sekretäre der Archive, in denen 1000 Progrome erfasst waren, aber nicht ein Fall konnte erwiesenermaßen als Machnoprogrom bezeichnet werden. Gewiss hat es Angriffe auf Juden von Individuen der Machnobewegung gegeben, auch von Vertretern der Roten Armee. Aber Machno war wenig zimperlich, wenn es darum ging, solche Auswüchse der rassistischen Verfolgung und des Hasses zu unterdrücken. Machno´s Haltung, Progrome auszurotten, war in der südöstlichen Ukraine wohl bekannt und ich sammelte viele seiner Bekanntmachungen gegen die Verfolgung von Juden. Mehr noch, ich wusste, das einige Juden mit Machno zusammenarbeiteten und das einige seiner engsten Freunde und Ratgeber jüdisch waren.

Ich machte wiederholt die merkwürdige Erfahrung, dass Leute mir von einem “Machnoprogrom” erzählten, jedes Detail beschrieben und minutengenau über Batko´s Erscheinen berichteten, nur um bei Nachforschungen zu erfahren, dass Machno sich dem Progromgebiet nie bis auf hundert Meilen genähert hatte. Es war bekannt, dass die Grünen und andere Marodeure, die sich über den Schrecken klar waren, den Machno unter seinen Feinden hervorrief, sich oft als Machno's Männer verkleideten, wenn sie in ein Dorf einfielen.

In Moskau...

Mein nächstes Ziel war der Kaukasus. Auf meinem Weg dorthin hoffte ich etwas über die tatsächlichen Aktivitäten Machno´s zu erfahren und vielleicht sogar in Kontakt mit seiner Armee zu treten. Unsere Expedition war gerade im Aufbruch nach Odessa, als wir die Nachricht erhielten, dass die bolschewistischen Autoritäten alle Straßen nach Osten gesperrt hatten. Wrangel hatte die sowjetischen Kräfte bei mehreren Zusammenstößen geschlagen und rückte nun nach Rostow-am-Don vor. Man nötigte uns, unsere Reiseroute zu ändern und nach Norden zu gehen. Als wir in Moskau ankamen, war ich überrascht, die Stadt in festlicher Stimmung und die Menschen jubeln zu sehen. Die Wände waren mit Plakaten bedeckt, die die ganze Rotte von Wrangel zeigten. Noch größer war mein Erstaunen, als ich die bolschewistischen Zeitungen sah. Sie waren voller Lob für Nestor Machno! Sie nannten ihn Nemesis der Weißen und berichteten, wie seine Kavallerie im entscheidenden Moment die Überreste von Wrangels Armee über die Krimhalbinsel verfolgt hatte.

Einige Zeit später, als ich eine überfüllte Straße der Hauptstadt entlang ging, wurde ich von einem schwarzbärtigen Mann mit schweren dunklen Brillengläsern angesprochen.

“Du erkennst mich in Moskau nicht, oder?”, sagte er in neckendem Ton, der mich sofort an den Emigranten erinnerte.

“Was ist passiert?” fragte ich aufgeregt, als ich bemerkte, dass er verkleidet war.

“Hast Du nichts gehört?” fragte er.

Wir zogen uns an einen ruhigen Ort zurück. Mein Freund aus Detroit, sonst so ruhig und gelassen, stand offensichtlich unter großer Anspannung.

“Ich konnte gerade mit dem Leben davon kommen,” begann er abrupt. “Aus Kharkov. Der ganze Kongress ist verhaftet, verschiedene unserer Männer exekutiert...”

“Exekutiert? Warum? Welcher Kongress?” rief ich in Panik.

“Weißt Du nicht? Wo zum Teufel warst Du? Warum hast Du Machno´s Ruf nicht beantwortet?”

Ich schaute ihn verständnislos an.

“Oh, das ist es, nicht?” brach er hervor. “Jetzt verstehe ich – sie haben Dir das Telegramm nicht gegeben – sie wollten nicht, dass Du dem Einigungskomitee dienst. Oh, diese verlogene Bande!”

Trotzkis Angriff...

Ich erfuhr, dass die Bolschewiki sich an Machno gewandt hatten, mit der Bitte um Hilfe gegen Wrangel und ein militärisch-politisches Abkommen geschlosssen hatten. Die Verfolgung von Machno und seiner Männer sollte gestoppt, gefangene Mitglieder seiner Organisation freigelassen und der Machnoregion ihre volle Autonomie gewährt werden. Machno hatte mir ein Telegramm geschickt, über Tchicherin beim Außenministerium (wo ich zu der Zeit meine Post erhalten hatte), worin er mich aufforderte, beim Einigungskomitee als einer seiner Vertreter aufzutreten. Nach Machno´s Rückzug von der Wrangelkampagne, fand ein Kongress in Kharkov statt, mit Delegierten von Machno und Linksradikalen aus allen Teilen des Landes. Bei der ersten Sitzung des Kongresses (am 26. November 1920) wurden alle Delegierten verhaftet und einige exekutiert.

“Am selben Tag wurde Machno´s Hauptquartier in Gulyai-Pole von der sowjetischen Artillerie angegriffen,” fuhr der Emigrant fort. “Verschiedene Kompanien seiner Artillerie, die von der Krim zurückkamen, wurde hinterhältig von der Vierten sowjetischen Armee umzingelt und bis auf wenige vernichtet. Semyon Karetnik, unser Krimkommandeur, wurde mit Hilfe einer List gekidnappt und zusammen mit seinem Mannschaftsleiter und verschiedenen Angehörigen der Räte umgebracht.”

“Und Machno?”

“Er wurde getroffen – vielleicht stirbt er gerade. Galina und einige Bauern kümmern sich um ihn.”

Sein Kopf sank auf die Brust und seine Schultern wurden von einem Schluchzen geschüttelt. Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, stand er auf. “Ich gehe heute Nacht nach Gulyai-Pole,” sagte er. “Es ist jetzt ein Krieg bis auf´s Messer.”

Es begann ein Kampf auf Leben und Tod. Selten wurde ein militärisches Genie auf so eine harte Probe gestellt wie Machno in dem schicksalhaften Jahr 1921. Mit nur 3000 Kämpfern mit Säbeln, umstellt von der 150 000 Mann starken sowjetischen Armee waren er und seine Männer scheinbar verloren. Ganze neun Monate hielt er dem ungleichen Kampf stand, fast Tag und Nacht kämpfend. Wieder und wieder durchbrach er den Ring des Todes, schlug sich nach Rechts und Links, blieb ungeschlagen, um seine handvoll Kämpfer in Sicherheit zu führen. In einem Brief an einen Freund ordnet Nestor Machno das Ende dieser heroischen Episode in die Geschichte der Machnowstchina ein:

“Die Infanterie der Bolschewiki war uns schwer auf den Fersen, Budenny´s Kavallerie vor uns – die Lage war verzweifelt. Aber Du kennst die Qualität unserer Kämpfer. Wir hatten große Verluste, aber wir behielten den Plan, den ich ausgearbeitet hatte ohne Änderung bei. Täglich demonstrierten unsere Männer, dass sie tatsächlich die Armee der Revolution und des Volkes waren. Alle Umstände sprachen gegen uns und es schien unvermeidlich, dass unsere Kräfte bald dahinschmelzen würden. Aber die große Sache hielt sie zusammen. Tatsächlich nahmen wir zahlenmäßig und bei der Ausrüstung zu. Wiederholt weigerten sich die Ausgesandten der Bolschewiki gegen uns zu kämpfen und schlugen sich in unsere Reihen, wie es zum Beispiel die Erste Brigade der vierten Division von Budenny´s Kavallerie getan hatte, die mit Maslak, ihrem Befehlshaber zu uns überlief. Der tägliche Kampf brachte ein wundervolles Heldentum hervor und Todesverachtung; unsere Jungs galoppierten "Freiheit oder Tod!" rufend geradewegs in die feindlichen Reihen.... Bei solch einem Unternehmen wurde ich von meinem Pferd geschossen. Die Männer dachten, ich sei tot und zogen sich zurück, sie trugen mich bewusstlos 12 Werst (ein Werst = 1,067 Kilometer) weit. Am nächsten Tag wurden wir von der Neunten Division der Kavallerie angegriffen. Ich lag im Fieber, zu schwach um mein Pferd zu besteigen. Meine Maschinengewehrmänner waren um mich. "Batko", sagten sie, "Du wirst für die Sache gebraucht und wir sind bereit zu sterben, wenn wir Dich damit retten können!" Ich fühlte wie jemand seine Lippen auf meine Wangen presste, dann wurde ich hochgehoben und weggetragen. Ich hörte lautes Geratter und wusste, meine Männer opferten sich für mich. Nicht einer von ihnen blieb am Leben... Am 13. August kämpften wir uns mit nur 100 Reitern unseren Weg zum Dniepr. An diesem Tag wurde ich sechsmal verletzt. Eine Woche später standen wir einer starken roten Truppe gegenüber, aber wir brachen wieder durch...”

Machno verlässt Russland...

An zahlreichen Wunden leidend, seine Kräfte, vom andauernden Kampf dezimiert und wünschend, dass das Blutvergießen in dem hoffnungslosen Kampf enden würde, beschloss Machno, Russland zu verlassen. Am 28. August 1921 überquerte er die Grenze nach Rumänien. Die Sowjetregierung verlangte seine Auslieferung und machte keinen Hehl daraus, dass sie Machno exekutieren wollte. Aber Rumänien betrachtete Machno als einen Politiker und als solchen von der Todesstrafe nach rumänischen Gesetzen ausgenommen. Man kam der Forderung Moskaus nicht nach.

Nach vielen Abenteuern schaffte es Machno Polen zu erreichen, wo er verhaftet und eingesperrt wurde. Später wurde er in Danzig interniert, von wo aus er nach Deutschland flüchten konnte. In Berlin traf ich ihn dann 1921 mit seiner treuen
Kumpanin Galina.

“Ich hatte ein anderes Treffen geplant, Alexander,” begrüßte er mich mit traurigem Lächeln, “aber in dieser Nacht wurde ich hunderte Meilen weit weg nach Kiew gerufen. Zu schade – die Dinge hätten sich anders entwickelt können.”

Ich war von seiner Erscheinung geschockt. Der Sturm und Stress des jahrelangen Kampfes, physische und psychische Leiden hatten den starken, untersetzt gebauten Anführer der Aufständischen zum Schatten seiner selbst werden lassen. Sein Gesicht und Körper waren von Wunden übersät, sein zerschmetterter Fuß ließ ihn lahmen. Doch sein Geist blieb ungebrochen und er träumte noch immer davon, in sein Geburtsland zurückzukehren und den Kampf um Freiheit und soziale Gerechtigkeit wieder aufzunehmen. Das Leben im Exil war nichts für ihn; er fühlte sich seinen Wurzeln entrissen und sehnte sich nach seiner geliebten Ukraine.

“Alexander, lass uns zurück nach Russland gehen,” sagte er oft; “wir werden dort gebraucht.”

Aber er erkannte, dass eine Rückkehr unmöglich war. Die graue und eintönige Existenz, seine Bedürfnisse und kleinen Sorgen – vor allem das Verlangen, seinem Volk zu helfen, machten das Leben zu einer dauernden Folter für Machno. Er schwand zusehends dahin und ich fürchtete seine Stunden wären gezählt…

Eines Tages wird die Geschichtsschreibung die ganze Geschichte des stürmischen Rebellen erzählen, der so eine bedeutende Rolle in der Russischen Revolution spielte – von dem Mann, von dessen starker Persönlichkeit und leidenschaftlicher Liebe zur Freiheit nur eine handvoll Asche in einer Urne mit der Nummer 3934 auf Père Lachaise geblieben ist.

Aber sogar im Tod bleibt Batko Machno seinen Brüdern im Geiste nah, den heldenhaften Kommunarden.

Ursprung: /anarch/lists/a-infos

Übersetzung a. d. Englischen: C., FAU Leipzig, AG Mchno-Soli (Anmerkung d. Ü.: Bei der Erwähnung Machnos sind meist alle Aufständischen und nicht nur Machno allein gemeint.)

Originaltext: http://www.nestormakhno.info/german/berkman.htm


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