P. Aršinov - Die Machno-Bewegung und der Anarchismus (1)

Der Anarchismus umfaßt zwei Welten: eine Welt der Philosophie, der Ideen und eine Welt der praktischen Tat, des Handelns. Diese beiden Welten stehen in engem Zusammenhang miteinander. Die kämpfende Arbeiterklasse ist vor allen Dingen an der konkreten, praktischen Seite des Anarchismus interessiert. Das grundlegende Prinzip dieser Seite des Anarchismus ist das Prinzip der revolutionären Initiative der Werktätigen und ihrer Selbstbefreiung. Ganz von selbst ergibt sich hieraus das Prinzip der Staatslosigkeit und der Selbstverwaltung der Werktätigen in der neuen Gesellschaft.

Einstweilen gibt es aber in der Geschichte des proletarischen Kampfes kein Beispiel einer anarchistischen Massenbewegung in reiner, prinzipieller Form. Alle Arbeiter- und Bauernbewegungen, die es bislang gegeben hat, waren Bewegungen im Rahmen der kapitalistischen Weltordnung mit dieser oder jener anarchistischen Tendenz. Und das ist vollkommen begreiflich und natürlich. Die arbeitenden Klassen leben nicht in einer Welt, die ihren Wünschen entspräche, sondern in einer Welt, in der sie täglich physischen und psychischen Einflüssen feindlicher Kräfte ausgesetzt sind. Außer der anarchistischen Ideenwelt, die ja nur schwach verbreitet ist, stehen sie ständig unter dem Einfluß der ganzen bestehenden kapitalistischen Weltordnung sowie der Gruppen, die sich zwischen Kapitalismus und Anarchismus befinden.

Die nach heutigem Recht bestehenden Lebensbedingungen umgeben die Werktätigen von allen Seiten, umgeben sie, wie das Wasser im Meer die darin befindlichen Fische umgibt. Die Werktätigen haben keinen Ort, an dem sie diesen Bedingungen entrinnen könnten. So kommt es, daß der Kampf, den sie führen, unvermeidlich Spuren der mannigfachen Bedingungen und Besonderheiten bestehender Ordnungen aufweist. Niemals konnte dieser Kampf sich in fertiger, abgeschlossener anarchistischer Form abspielen und allen Forderungen des Ideals entsprechen. Eine so vollendete Form ist nur in begrenzten politischen Kreisen möglich und auch dort nicht etwa unmittelbar im praktischen Leben, sondern nur in Plänen und Programmen. Die große Masse wird aber, wenn sie einen Kampf, insbesondere einen großen Kampf, beginnt, anfangs unvermeidlich Fehler begehen, es wird Widersprüche und Abweichungen geben, und erst im weiteren Verlauf des Kampfes wird die allgemeine Richtung dem Ideal, für das man kämpft, angepaßt werden.

So ist es immer gewesen, und so wird es auch immer sein. Wir mögen in der voraufgehenden Friedensperiode die Organisationen und Positionen der Arbeiterklasse noch so sorgfältig vorbereitet haben - am ersten Tage des entscheidenden Massenkampfes wird die Sache doch nicht so gehen, wie es im Plan vorgesehen war: In manchen Fällen werden schon allein dadurch, daß es sich dann um eine Massenbewegung handelt, einige Positionen verschoben werden; in anderen Fällen wieder wird man in Anbetracht unvorhergesehener Abweichungen und Stoßrichtungen der Masse neue Stellungen beziehen müssen. Und erst allmählich wird die gewaltige Massenbewegung den richtigen, den Prinzipien entsprechenden Weg finden, der ans Ziel führt.

Das bedeutet natürlich nicht, daß eine vorbereitende Organisierung der Kräfte der Arbeiterklasse nicht erforderlich wäre. Im Gegenteil, eine vorbereitende Arbeit dieser Art ist die einzige Vorbedingung für den Sieg der Werktätigen. Hierbei muß man aber stets im Auge behalten, daß eine solche Arbeit das Werk noch lange nicht krönt, daß, wenn auch eine solche Arbeit vollbracht ist, die Bewegung dennoch in jedem Augenblick ein tieferes Verständnis, ein schnelles Orientieren in neuen Verhältnissen erfordert. Mit einem Wort, es wird eine revolutionäre Klassenstrategie nötig sein, von der der weitere Ausgang der Bewegung in bedeutendem Ausmaß abhängig sein dürfte.

Das anarchistische Ideal ist groß und reich in all seiner Mannigfaltigkeit. Doch ist die Rolle der Anarchisten im sozialen Massenkampf sehr bescheiden. Ihre Aufgabe ist es, den Massen dabei zu helfen, den richtigen Weg des Kampfes und den rechten Weg des Aufbaus der neuen Gesellschaft zu beschreiten. Wenn die Massenbewegung noch nicht ins Stadium eines entscheidenden Zusammenstoßes gelangt ist, dann sind sie es, die den Massen dabei helfen müssen, sich den Sinn des bevorstehenden Kampfes, dessen Aufgaben und Ziele klarzumachen; sie sind es, die ihnen helfen müssen, ihre Kampfstellungen festzulegen und ihre Kräfte zu organisieren. Ist die Bewegung aber ins Stadium des entscheidenden Kampfes getreten, so müssen sie sich ihr, ohne einen Augenblick zu verlieren, anschließen, ihr dabei helfen, von falschen Einstellungen freizukommen, die Massen in ihrem ersten, schöpferischen Beginnen unterstützen, ihnen vor allem auf theoretischem Gebiet dienen und die ganze Zeit darauf bedacht sein, daß die Bewegung festen Fuß faßt auf dem Weg, der zum grundlegenden Ziel der Werktätigen führt. Hierin ist die entscheidende und vielleicht auch einzige Aufgabe des Anarchismus für die nächste Periode der Revolution zu suchen.

Wenn die Arbeiterklasse die im Kampf eroberten Stellungen befestigt hat und sich der sozialen Aufbauarbeit zu widmen beginnt, dann wird sie zweifellos niemandem mehr die Initiative zu schöpferischem Handeln abtreten. Sie wird sich dann von ihrem eigenen Denken leiten lassen und eine Gesellschaft nach ihren eigenen Vorstellungen schaffen. Es kann wohl sein, daß es sich dabei um anarchistische Vorstellungen handeln wird, aber sowohl diese Entwürfe als auch die Gesellschaft, die nach diesen Entwürfen gestaltet wird, werden aus den Tiefen der befreiten Arbeit emporsteigen, nach ihrem Denken und Willen geformt.

Wenden wir uns nun der Machno-Bewegung zu, so haben wir es alsbald mit zwei grundlegenden Seiten dieser Bewegung zu tun - erstens sehen wir ihren volkstümlichen, wahrhaft proletarischen Ursprung: Die Bewegung ist in den Massen entstanden und wird von Anfang bis zum Ende von den Massen unterstützt, weitergeführt und geleitet; zweitens handelt es sich nicht nur um eine elementare Bewegung, sondern sie stützt sich, völlig bewußt, gleich von den ersten Tagen ihres Entstehens an auf einige unstreitig anarchistische Prinzipien: a) auf das Recht der vollen Initiative der Werktätigen, b) auf das Recht ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Selbstverwaltung, c) auf das Prinzip der Staatslosigkeit im sozialen Aufbau.

Im Verlauf ihrer ganzen Entwicklung hält die Bewegung hartnäckig und folgerichtig an diesen Prinzipien fest. Um dieser Prinzipien willen hat sie zweihundert- bis dreihunderttausend der besten Söhne des Volkes verloren, Bündnisse, gleichviel mit welchen staatlichen Gewalten, abgelehnt und im Verlauf von drei Jahren unter unglaublich schwierigen Bedingungen mit in den Annalen der Geschichte seltenem heroischem Mut der geknechteten Menschheit das schwarze Banner vorangetragen, auf dem zu lesen ist: Wahre Freiheit der Werktätigen, wahre Gleichheit in der neuen Gesellschaft.

Wir haben in der Machno-Bewegung eine anarchistische Massenbewegung der Werktätigen vor uns, die allerdings nicht ganz vollkommen, nicht ganz ausgeformt, dennoch aber dem anarchistischen Ideal zugewandt ist und den Weg des Anarchismus beschritten hat.

Eben darum aber, weil diese Bewegung aus den Tiefen der Massen emporgestiegen war, verfügte sie nicht über die erforderlichen theoretischen Kräfte, die Kräfte der verallgemeinernden Zusammenfassung, deren jede große soziale Bewegung bedarf. Dieser Mangel machte sich darin bemerkbar, daß die Bewegung in der Entwicklung ihrer Ideen und Losungen, in der Ausarbeitung ihrer konkreten, praktischen Formen nicht mit der Wirklichkeit Schritt halten konnte. So kam es, daß sie sich langsam und schwerfällig entfaltete, besonders angesichts der zahlreichen feindlichen Mächte, die sie von allen Seiten umringten.

Man hätte erwarten sollen, daß die Anarchisten, die stets so viel von der revolutionären Massenbewegung zu sagen wußten, die sie doch jahrelang wie das Kommen eines Erlösers erwartet hatten, sich sofort an der Bewegung beteiligen, sich ihr anschließen, ganz in ihr aufgehen würden. In Wirklichkeit aber war das nicht der Fall.

Die Mehrzahl der russischen Anarchisten, die die theoretische Schule des Anarchismus durchgemacht hatten, blieb in ihren isolierten, damals vollkommen nutzlosen Gruppen stecken, hielt sich abseits, suchte herauszubekommen, was das denn wohl für eine Bewegung sei, wie man sich zu ihr stellen solle, tat aber nichts und tröstete sich mit dem Gedanken, die Bewegung sei keine rein anarchistische.

Inzwischen wäre ihre Hilfe besonders in der Zeit, da der Bolschewismus das normale Wachstum der Bewegung noch nicht unterbrochen hatte, unschätzbar gewesen. Die Masse brauchte unbedingt Helfer, die es verstanden hätten, ihre Ideen zu formulieren und zu entwickeln, sie in das freie Leben hinauszutragen und die Formen und den weiteren Weg der Bewegung festzulegen. Die Anarchisten haben solche Helfer nicht sein wollen. Damit haben sie sowohl sich selber als auch der Bewegung stark geschadet. Der Bewegung dadurch, daß sie ihr nicht rechtzeitig ihre organisatorischen und kulturellen Fähigkeiten zur Verfügung stellten, weshalb die Bewegung sich nur langsam, gleichsam in Qualen weiterentwickeln konnte, indem sie sich mit jenen wenigen Theoretikern behalf, die in den unteren Volksschichten selbst zur Verfügung standen. Sich selbst haben die Anarchisten insofern geschadet, als sie die Verbindung zur lebendigen Wirklichkeit nicht aufnahmen und sich selbst auf diese Weise zur Untätigkeit und zur Unfruchtbarkeit verurteilten.

Wir müssen hier als Tatsache feststellen, daß die russischen Anarchisten in ihren Zirkeln die größte Massenbewegung verschlafen haben, die in der gegenwärtigen Revolution vorläufig als einzige dazu berufen ist, die historischen Aufgaben der geknechteten Menschheit zu erfüllen. Gleichzeitig sind wir aber auch der Meinung, daß es nicht zufällig zu dieser bedauerlichen Entwicklung gekommen ist, sondern daß es dafür sehr bestimmte Gründe gibt. Wir wollen diese Gründe herauszufinden suchen.

Ein großer Prozentsatz unserer anarchistischen Theoretiker entstammt der sogenannten Intelligenz. Dieser Umstand ist bedeutungsvoll. Viele von ihnen konnten, obwohl sie unter den Fahnen des Anarchismus standen, doch nicht ganz mit der Psychologie der Mitte brechen, der sie entstammten. Während sie sich mehr als die anderen mit der Theorie des Anarchismus befaßten, ließen sie sich allmählich immer mehr von dem Gedanken durchdringen, sie hätten die Führung der anarchistischen Welt in ihren Händen, und sie glaubten, daß auch die anarchistische Bewegung von ihnen ausgehen oder doch unter ihrer unmittelbaren Beteiligung einsetzen würde. Die Bewegung begann aber fern von ihnen, irgendwo an der Peripherie, dazu noch in den tiefsten Tiefen der zeitgenössischen Gesellschaft. Sehr wenige Persönlichkeiten unter den Theoretikern des Anarchismus hatten den erforderlichen Instinkt und brachten die Kühnheit auf, die Bewegung als die zu erkennen, mit der sie sich in der Theorie schon lange beschäftigt hatten, und ihr zu Hilfe zu eilen.

Es wäre richtiger, zu sagen, daß von allen intelligenten und theoretisch gebildeten Anarchisten nur Volin (2) sich mit Entschiedenheit der Bewegung angeschlossen und seine Fähigkeiten, seine Kräfte und sein Wissen voll in ihren Dienst gestellt hat. Die große Masse der anarchistischen Theoretiker hielt sich von ihr fern.

Das spricht natürlich weder gegen die Machno-Bewegung noch gegen den Anarchismus, sondern lediglich gegen die Anarchisten und anarchistischen Organisationen, die im Augenblick der historischen sozialen Bauern- und Arbeiterbewegung sich als so beschränkt, passiv und hilflos erwiesen, daß sie es nicht einmal fertiggebracht haben oder nicht fertigbringen wollten, an ihre eigene Sache heranzugehen, als diese Fleisch und Blut geworden war und alle zu sich rief, denen die Freiheit der Arbeit und die Idee des Anarchismus teuer waren.

Eine andere, noch wichtigere Seite der Ohnmacht und Tatenlosigkeit der Anarchisten war die Verworrenheit der Ideen des Anarchismus und das organisatorische Chaos in seinen Reihen.

Trotz aller starken Seiten, trotz allem Positiven und Unanfechtbaren an den Idealen des Anarchismus enthält er doch viel Unausgegorenes, abstrakte Gemeinplätze und Abirrungen in Bereiche, die mit der sozialen Bewegung der Werktätigen nichts zu tun haben. Deshalb ist es auch möglich, die Ziele des Anarchismus und sein praktisches Programm in entstellter Weise wiederzugeben.

So gibt es bis zur Stunde noch viele Anarchisten, die sich mit der Frage beschäftigen, ob die Befreiung der Klasse, der Menschheit oder der Persönlichkeit das eigentliche Problem des Anarchismus sei. Die Frage ist müßig. Sie beruht jedoch auf einigen unklaren Thesen des Anarchismus und gibt vielfach Anlaß zu Mißbräuchen in der anarchistischen Theorie und Praxis.

Zu noch größeren Mißbräuchen gibt die unklare Theorie von der anarchistischen Freiheit der Persönlichkeit Anlaß. Natürlich werden Menschen der Tat, Menschen mit festem Willen und mit stark entwickeltem revolutionärem Instinkt in der Idee der anarchistischen Freiheit der Persönlichkeit vor allen Dingen die Idee des anarchistischen Verhältnisses zu jeder anderen Persönlichkeit sehen, die Idee des unermüdlichen Kampfes für die anarchistische Freiheit der Massen. Die Leute aber, die von revolutionären Leidenschaften nichts wissen, die mehr um Emanationen ihres «Ichs» besorgt sind, deuten dies auf ihre eigene Weise. Immer wenn die Frage laut wird, ob die anarchistische Praxis organisiert und ob neben Rechten auch Pflichten und Verantwortung jedes einzelnen festgelegt werden müßten, greifen sie nach der Theorie von der anarchistischen Freiheit der Persönlichkeit, widersetzen sich auf Grund dieser Theorie jeder Organisation und fliehen jede Verantwortung. Jeder von ihnen begibt sich in den Schatten seines eigenen Feigenbaumes, schafft sein eigenes Werk und predigt seinen eigenen Anarchismus. Denken und Handeln der Anarchisten werden so auf unsinnige Weise gespalten.

Im Ergebnis finden wir denn auch bei den russischen Anarchisten ein Übermaß an den verschiedensten praktischen Systemen. In den Jahren 1904 bis 1907 hatten wir die praktischen Programme der «Autoritätslosen» und der «Schwarzbannerträger», die Expropriationsakte und den wahllosen Terror als Methoden des anarchistischen Kampfes empfahlen (3). Es ist unschwer zu erkennen, daß diese Programme die zufällige Stimmung zufälliger Persönlichkeiten, die sich zum Anarchismus bekannten, zum Ausdruck brachten und den Anarchisten nur vorgeschlagen werden konnten, wenn das Gefühl der Verantwortung vor dem Volk und seiner Revolution schwach entwickelt war.

Neuerdings verfügen wir über eine Reihe von Theorien, die entweder Sympathien für eine Staatsregierung enthalten oder für eine Führung der Massen eintreten oder aber jegliche Organisation im Prinzip ablehnen und die absolute Freiheit der Persönlichkeit predigen, oder die von den «universalen» Aufgaben des Anarchismus sprechen, in Wirklichkeit aber darauf bedacht sind, den schwierigen Verpflichtungen des Augenblicks zu entrinnen.

Jahrzehntelang wurden die russischen Anarchisten von einer Fieberseuche, nämlich von ihrer mangelnden Organisiertheit, geschüttelt. Diese Seuche hat ihnen das Empfinden für reales Denken ausgetrieben und dazu geführt, daß sie in der revolutionären Epoche tatenlos blieben. Mangelhafte Organisation ist mit Verantwortungslosigkeit eng verbunden, beide zusammengenommen führen aber zu einer Verflachung der Ideen und zu Hohlheit in der Praxis.

Das waren die Ursachen, warum die Anarchisten, als die spontane Revolution der Masse in Gestalt der Machno-Bewegung aus den Volkstiefen aufstieg, sich so unvorbereitet, so willensschwach und ohnmächtig erwiesen.

Wir glauben, daß es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung handelt. Diese Erscheinung ist damit zu erklären, daß die russischen Anarchisten nicht fest verbunden, nicht organisiert sind. Sie müssen sich organisieren, indem sie alle die zusammenfassen, denen der Anarchismus wirklich heilig ist und die vor allen Dingen den arbeitenden Klassen ergeben sind. Nur dadurch wird das dem Anarchismus im Grunde fremde Element mangelnder Organisiertheit überwunden werden.

Der Anarchismus ist keine Mystik, keine Schöngeisterei, kein Schrei der Verzweiflung. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, daß er sich in den Dienst der geknechteten Menschheit stellt. Er verkörpert das Streben der Massen nach Gerechtigkeit, ihren Heroismus, ihre Willensimpulse und ist gegenwärtig die einzige soziale Lehre, auf die sich die Massen in ihrem Kampf vertrauensvoll stützen können. Um aber dieses Vertrauen zu rechtfertigen, genügt es nicht, daß der Anarchismus eine große Idee ist, die Anarchisten aber deren platonische Verkünder. Die Anarchisten müssen ständige Teilnehmer, Schwerarbeiter der revolutionären Massenbewegung sein, dann wird diese Bewegung die ganze Fülle der anarchistischen Ideale zur Entfaltung bringen. Nichts fällt einem in den Schoß, jedes Werk fordert hartnäckiges Bemühen und Opfer.

Der Anarchismus muß die Einheit des Willens und die Einheit des Handelns sowie eine genaue Vorstellung von seinen historischen Aufgaben gewinnen. Der Anarchismus muß in die Masse eindringen, mit ihr verschmelzen. Obwohl sich die Machno-Bewegung selbständig gebildet und entwickelt hat, ohne Einwirkung der anarchistischen Organisationen, ist ihr Schicksal mit dem Schicksal des Anarchismus im heutigen Rußland eng verflochten. Die Machno-Bewegung strahlte in hellem anarchistischem Licht und verband unwillkürlich den Anarchismus mit sich selber. Die Masse der Aufständischen beschäftigte sich unter allen sozialen Lehren nur mit dem Anarchismus. Sehr viele Aufständische nannten sich Anarchisten und verzichteten auf diese Bezeichnung auch angesichts des Todes nicht. Gleichzeitig hat der Anarchismus der Machno-Bewegung einige vortreffliche Kämpfer geschenkt, die mit Feuereifer und voller Hingabe alle ihre Fähigkeiten und ihr Wissen dieser Bewegung opferten. So gering der Prozentsatz dieser Kämpfer auch gewesen sein mag, sie haben der Bewegung dennoch sehr genützt, indem sie den Anarchismus mit dem tragischen Schicksal der Machno-Bewegung verbanden.

Diese Verflechtung zwischen dem Schicksal des Anarchismus und dem der Machno-Bewegung begann etwa um die Mitte des Jahres 1919. Im Sommer 1920 wurde sie in der Ukraine durch den gleichzeitigen Feldzug der Bolscheviki gegen die Anhänger Machnos und gegen die Anarchisten noch verstärkt, und sie zeigte sich am deutlichsten im Oktober 1920 während des militärisch-politischen Übereinkommens der Anhänger Machnos mit der Sowjetregierung, denn die Anhänger Machnos stellten als erste Bedingung in diesem Übereinkommen die Forderung auf, sämtliche Anhänger Machnos und alle Anarchisten, die in den Gefängnissen der Ukraine und Großrußlands gefangengehalten wurden, freizulassen und ihnen das Recht zuzugestehen, ihre Ideen und Auffassungen frei zu bekennen und zu verbreiten.

Wir wollen hier in chronologischer Reihenfolge den Anschluß der Anarchisten an die Machno-Bewegung verzeichnen.

Bereits in den ersten Revolutionstagen des Jahres 1917 hatte sich in Guljaj-Pole (4) eine Gruppe von Anarcho-Kommunisten konstituiert, die sich in diesem Gebiet lebhaft revolutionär betätigte. Später gingen aus dieser Gruppe die hervorragenden Führer und Kämpfer der Machno-Bewegung N.Machno, S.Karetnik, Marcenko, Kalasnikov, Ljutyj, Grigorij Machno u.a. hervor (5). Diese Gruppe hat auch in den ersten Anfängen der Machno-Bewegung in enger Fühlung zu ihr gestanden.

Ende 1918 und Anfang 1919 wurden in dem von Machno kontrollierten Gebiet anarchistische Gruppen gebildet, die Kontakt zur Machno-Bewegung suchten. Doch waren einige dieser Gruppen, wie z.B. in der Stadt Berdjansk und anderen Orten, durchaus nicht auf der Höhe und verhießen folglich der Bewegung wenig Gutes. Glücklicherweise war die Bewegung so gesund, daß sie diese Gruppen nicht beachtete.

Zu Beginn des Jahres 1919 gab es in Guljaj-Pole außer so hervorragenden ortseingesessenen Bauern-Anarchisten wie Machno, Karetnik, Marcenko, Vasilevskij (6) u.a. auch Anarchisten, die aus den Städten gekommen waren und zu gewissen Organisationen gehörten, so Burbyga, Michajlov-Pavlenko (7) u.a. Sie arbeiteten ausschließlich an der Front oder in den Etappenstellungen der Aufständischen Armee.

Im Frühjahr 1919 trafen in Guljaj-Pole einige Genossen ein, die sich hauptsächlich mit der Organisation der Kulturabteilung in diesem Gebiet befaßten: sie gründeten die Zeitung «Put` k svobode» (8), das Hauptorgan der Anhänger Machnos, und organisierten den Anarchistenverband von Guljaj-Pole, der in der Armee und unter den Bauern zu arbeiten begann.

Um diese Zeit entstand in Guljaj-Pole auch die anarchistische Organisation «Nabat» (9). Diese Organisation arbeitete in engem Kontakt mit den Anhängern Machnos, unterstützte sie in kultureller Beziehung und brachte ihr lokales Organ «Nabat» heraus. Ein wenig später verschmolz diese Organisation mit dem Anarchistenverband von Guljaj-Pole zu einer Organisation.

Im Mai traf in Guljaj-Pole, aus Ivanovo-Voznesensk kommend, eine Gruppe von 36 Arbeiter-Anarchisten ein, unter denen sich auch die in der anarchistischen Bewegung bekannten Cernajkov und Makeev (10) befanden. Ein Teil der Eingetroffenen richtete sich in der Kommune von Guljaj-Pole, 7,5 km vom eigentlichen Guljaj-Pole entfernt, ein, während der andere Teil sich kulturellen Arbeiten in diesem Gebiet widmete und einige auch in die Armee eintraten.

Im Mai 1919 begann die Konföderation ukrainischer Anarchistenorganisationen «Nabat», die wohl die aktivste und rührigste unter allen Anarchistenorganisationen Rußlands gewesen ist, wahrzunehmen, daß der eigentliche Lebensimpuls der revolutionären Massen im befreiten Aufstandsgebiet schlug. Sie beschloß, ihre Kräfte in dieses Gebiet zu entsenden. Anfang Juni 1919 schickte sie Volin, Mracnyj, Iosif Émigrant (11) und eine Anzahl anderer Arbeiter nach Guljaj-Pole. Es bestand der Plan, nach dem Arbeiter- und Bauern-Kongreß, der vom Revolutionären Kriegssowjet zum 15. Juni nach Guljaj-Pole einberufen worden war, die Hauptorgane der Konföderation dorthin zu verlegen. Allein der gleichzeitige Überfall der Bolscheviki und Denikins (12) verhinderte die Ausführung dieses Plans. Nur Mracnyj war es gelungen, nach Guljaj-Pole zu kommen, doch sah er sich schon wenige Tage später wegen des allgemeinen Rückzuges gezwungen, umzukehren. Volin und die anderen blieben in Ekaterinoslav stecken und schlossen sich erst im August 1919 bei Odessa der im Rückzug begriffenen Armee Machnos an.

Die Anarchisten hatten sich aber der Bewegung viel zu spät zugewandt, nämlich erst zu einem Zeitpunkt, als deren normale Entwicklung schon unterbrochen, als sie von der Basis sozialer Aufbauarbeit schon abgeschnitten war und sich infolge der Verhältnisse vorwiegend kriegerisch betätigen mußte.

Von Ende 1918 bis Juni 1919 waren die Voraussetzungen für eine positive Aufbauarbeit in dem von Machno kontrollierten Gebiet wie geschaffen: Die Front befand sich 200 bis 300 km entfernt bei Taganrog, während die nach Millionen zählende Bevölkerung von acht bis zehn Bezirken sich selber überlassen war. Danach aber konnten die Anarchisten nur noch unter Verhältnissen, wie sie der Krieg mit sich brachte, arbeiten, da sie ja ständig von allen Seiten beschossen wurden und jeden Tag von Ort zu Ort weiterrückten.

Die Anarchisten, die während der Kämpfe der Armee beigetreten waren, taten alles, was in ihren Kräften lag. Einige von ihnen, wie Makeev und Kogan, betätigten sich militärisch; die meisten aber befaßten sich mit kultureller Arbeit unter den Aufständischen und in den Dörfern, durch die die Truppen Machnos zogen. Doch handelte es sich hierbei nicht um wirklich aufbauende, schöpferische Arbeit unter den Massen im weiten Sinne des Wortes. Durch die kriegerischen Verhältnisse waren die Möglichkeiten sehr begrenzt und die Arbeit vornehmlich auf flüchtige Propaganda reduziert. An aufbauende, schöpferische Arbeit war gar nicht zu denken.

Nur in seltenen Fällen, wie etwa bei der Besetzung von Aleksandrovsk, von Berdjansk, Melitopol und einer Anzahl von anderen Städten und Bezirken, hatten die Anarchisten und Anhänger Machnos zeitweise Gelegenheit, ihre Arbeit in etwas größerem Maßstab zu beginnen. Doch rollten die Wellen des Krieges bald von der einen, bald von der anderen Seite heran, spülten das Begonnene hinweg, und wieder mußte man sich damit begnügen, eine beschränkte Agitation und Propaganda unter den Aufständischen und Bauern zu treiben. Die Verhältnisse waren einer breitangelegten, schöpferischen Arbeit unter den Massen nicht günstig.

Einige Personen, die an der Bewegung überhaupt nicht oder doch nur kurze Zeit teilgenommen hatten, gelangten auf Grund der Verhältnisse in dieser Zeit zu dem fehlerhaften Schluß, die Machno-Bewegung wäre zu militärisch gewesen, sie habe ihr Augenmerk allzusehr auf die kriegerischen Angelegenheiten und in unzureichender Weise auf die positive Arbeit unter den Massen gerichtet. In Wirklichkeit aber war die ganze kriegerische Episode in der Geschichte der Machno-Bewegung nicht etwa ein Produkt ihrer Einstellung, sondern nur der Verhältnisse, wie sie sich seit Mitte 1919 entwickelt hatten.

Die bolschewistischen Verteidiger des Staatsapparats hatten den Sinn der Machno-Bewegung und die Lage des Anarchismus in Rußland klar erfaßt: Für sie bestand kein Zweifel daran, daß der Anarchismus in Rußland in dem Augenblick, in dem er keine Verbindung mehr mit einer Massenbewegung in der Art der von Machno angeführten hatte, den Boden unter den Füßen verlor, folglich für sie unschädlich und ungefährlich war. Und umgekehrt war ihrem Dafürhalten nach der Anarchismus die einzige Weltanschauung, auf die sich die Machno- Bewegung in ihrem unversöhnlichen Kampf gegen den Bolschewismus stützen konnte. Darum boten sie auch alle ihre Kräfte auf, das eine vom anderen gewaltsam zu trennen.

Und man muß ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie verfolgen hartnäckig ihr Ziel. Sie erklärten, daß die Machno-Bewegung außerhalb aller menschlichen Gesetze stehe. Hierbei verstanden sie es, sowohl in Rußland als auch besonders im Ausland als klug berechnende Geschäftsleute den Eindruck zu erwecken, als sollte das jedem ohne weiteres einleuchten, als könne man überhaupt keinen Augenblick daran zweifeln, als könnten nur Blinde und mit Rußland ganz unbekannte Menschen an der Vernünftigkeit und Rechtmäßigkeit jener Behauptung zweifeln.

Die Bolscheviki haben die anarchistische Idee nicht offiziell für vogelfrei erklärt, doch jeder revolutionäre Schritt, jede redliche Tat der Anarchisten wird von ihnen Machnovscina genannt. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, als müsse das jeder ohne weiteres verstehen, werfen sie die Anarchisten in Gefängnisse oder schlagen ihnen die Köpfe ab. Zu guter Letzt befinden sich sowohl die Machno-Bewegung als auch der Anarchismus, der nicht hündisch vor den Bolscheviki schweifwedeln will, in der gleichen Lage.

Fußnoten:
1.) P. Aršinov, Istorija Machnoskogo dvizenija (1918-1921 gg.), Berlin 1923, S. 228-239: «Machnovscina i anarchizm». Die deutsche Übersetzung von Walter Hold: P. Arschinoff, Geschichte der Machno-Bewegung (1918-1921), Berlin 1923, S.286-300: «Die Machno-Bewegung und der Anarchismus», wurde an Hand des russischen Originals überarbeitet. Zur Machno-Bewegung vgl. Einleitung S. 41 -44.
2.) Volin (Pseudonym für V. M. Ejchenbaum, 1882-1945), Bruder des berühmten Literaten Boris Ejchenbaum, war der bedeutendste Kopf unter den russischen Anarchisten der Revolutionsjahre. Zunächst Sozialrevolutionär, entfloh er aus der sibirischen Verbannung und wurde in Frankreich zum Anarchismus bekehrt. 1917 kehrte er nach Rußland zurück, das er 1922 verlassen mußte. Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er in seinem wichtigen Buch «La Révolution inconnue (1917-1921). Documentation inédite sur la Révolution russe», neue Ausgabe Paris 1969, zusammengefaßt.
3.) Es handelt sich um zwei terroristische Gruppen: Beznacalie (Autoritätslose) und Cernoe znamija (Schwarzes Banner). Die ersteren, mit dem Zentrum in St. Petersburg, erklärten sich zwar zu kommunistischen Anarchisten, neigten aber tatsächlich mehr zum individualistischen Anarchismus im Sinne Stirners, Tuckers etc. Die letzteren hielten sich für eine anarchistisch-kommunistische Organisation im Sinne der Ideale Kropotkins, in ihrer Taktik orientierten sie sich allerdings eher an Bakunin; sie hatten ihre Schwerpunkte im Westen und Süden des Landes. Beide befürworteten den uneingeschränkten Terror gegen die kapitalistische Ordnung und den Staat.
4.) Guljaj-Pole, ein Ort im Zaporoger Gebiet der Ukraine mit 1926 12.027 Einwohnern. Von hier aus erstreckte sich die Machno-Bewegung zeitweise über die ganze südliche Ukraine.
5.) Semen Karetnik, landloser Bauer aus Guljaj-Pole, seit 1907 Anarcho-Kommunist, 1920 Stellvertreter N. Machnos; Marcenko, Bauer aus Guljaj-Pole, seit 1907 Anarcho-Kommunist, fiel 1921 in den Kämpfen gegen die Rote Armee; Kalasnikov, ehem. Fähnrich, seit 1917 Schriftführer der anarchistischen Organisation von Guljaj-Pole, fiel 1920 in den Kämpfen gegen die Rote Armee; Isidor Ljutyj, Bauer aus Guljaj-Pole, Anarchist, gehörte zu den ersten Aufständischen um N. Machno, fiel 1919 in den Kämpfen gegen Denikin; Grigorij Machno, kämpfte 1918/19 in der Roten Armee, trat 1919 der Machno-Armee bei und fiel in den Kämpfen gegen Denikin.
6.) Grigorij Vasilevskij, Bauer aus Guljaj-Pole, gehörte von Anfang an zum engsten Kreis um Machno; er fiel Ende 1920 in den Kämpfen gegen die Rote Armee.
7.) Michajlov-Pavlenko, Bauernsohn, Mitglied der Petrograder Anarchistenorganisation. Er kam Anfang 1919 nach Guljaj-Pole und wurde im Juni von Truppen der Roten Armee gefangengenommen und hingerichtet. Über Burbyga war nur zu ermitteln, daß er das Schicksal Michajlov-Pavlenkos geteilt hat.
8.) Zu den Herausgebern von «Put` k svobode» (Weg zur Freiheit) gehörten u.a. Volin (vgl. Text 18, S. 351, Anm. 2) und der Verfasser dieses Textes, Petr Aršinov.
9.) Deutsch: Sturmglocke.
10.) Makeev, Arbeiter aus Ivanovo-Voznesensk, Mitglied der dortigen Anarchistenorganisation, kam Ende April 1919 mit 35 Anarchisten aus Ivanovo-Voznesensk nach Guljaj-Pole, befaßte sich zunächst mit Propaganda, wurde dann zum Quartiermeister der Machno-Armee gewählt und fiel Ende November 1919; über Cernjakov konnte nichts Näheres ermittelt werden.
11.) Mark E. Mracnyj, führendes Mitglied der anarchistischen Studentenorganisation in Char`kov, wurde 1920 von der Ceka (bolschewistischen Geheimpolizei) gefangengenommen und 1922 zusammen mit anderen Anarchisten aus Sowjetrußland ausgewiesen. Wer sich hinter dem Decknamen (?) Iosif Émigrant verbarg, konnte nicht ermittelt werden.
12.) General A.I. Denikin (1872-1947), Kommandeur einer «weißen» Freiwilligenarmee im Bürgerkrieg, drang im Sommer 1919 vom Nordkaukasus kommend durch die Ukraine bis vor Tula vor. Im Herbst brach seine gegen Moskau gerichtete Offensive zusammen. Machno hatte sich also zeitweise gleichzeitig der Truppen Denikins und der Bolscheviki zu erwehren. Im Herbst 1919 schloß er mit den letzteren ein kurzlebiges Bündnis zum gemeinsamen Vorgehen gegen Denikin.

Aus: Oberländer, Erwin (Hg.): Dokumente der Weltrevolution. Der Anarchismus. Walter-Verlag 1972. Digitalisiert und bearbeitet (Bol`seviki zu Bolscheviki usw.) von www.anarchismus.at


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