Es lebe die Kommune!

In treuer Erinnerung an den 18. März 1871 und an den heldenmütigen Kampf des Pariser Volkes.

„Mit Blut befleckt, doch lehenstark, so wurdest du geboren:
Das jüngste Kind der Mutter Zeit zum letzten Kampf erkoren,
Gezeugt in einer Nacht voll Finsternis und Glut.
Der Lärm der Revolutionen klang in deinen Ohren.
Und nie hast das Erinnern du an diesen Klang verloren:
Er zuckt in deinem Hirn und er durch­pulst dein Blut."
(John Henry Mackay „Am Ausgang des Jahrhunderts").

Zum 37. Male feiern wir diesmal die Wiederkehr eines Tages, nein, einer Epo­che in der Geschichte des großen, prole­tarischen Befreiungskampfes, deren Ereig­nisse uns nicht wie jene der achtundvier-ziger Tage so ganz entrückt sind, daß wir sie nur im Sinne historischer Pietät bege­hen; der 18. März 1871 ist ein Datum, das mit unverwischbarer Runenschrift in unseren Geist, in unser Gefühl eingeritzt wurde, denn er war ein Vorsignal der sozialen Revolution der Zukunft. Er ist der Tag einer grandiosen Volkserhebung, in der der Internationalismus kühn und stolz seine Standarte erhob, denn Männer und Frauen aller Nationalitäten begründeten die Pariser Kommune. Er bildete die erste große Vor­ahnung von der strategischen Form des Kampfplatzes und der Kampfesstrategie in dem endlich unvermeidlichen Ausringen zwischen Bourgeosie und Proletariat, denn zum ersten Mal seit fast einem Jahrhundert erhob am 18. März in Paris der Geist des Föderalismus wieder sein Haupt gegen­über dem seit der französischen Revolution unumschränkt waltenden Prinzip des jakobinistischen Centralismus. Der 18. März 1871 ist die Besitzergreifung einer Stadt durch das gesamte geistig und physisch herange­reifte Volk von Paris gewesen, denn die­ses begriff, daß es sich nur so einer fran­zösischen Regierungsbande von Royalisten und Pseudorepublikaner, politischen Aben­teurern und militärischen Betrügern er­wehren, von ihr befreien konnte. Und 73 Tage lang bestand die Pariser Kommune — ohne Zen tral ge wal t, ohne Poli­zeischutz, ohne Gerichtshöfe, ohne Kapitalistengilde, ohne Prostituirte und männliche Charlatane aller Sorten. Alles dies hatte sich geflüchtet, übrig war nur das Paris des heldenmütigen Sinnens, des schöpferischen Gestaltens, des kühnen Wollens geblieben, das im Begriffe stand, eine neue Weltordnung zu zeugen.

Ist der Haß aller Autoritäten auf allen Gebieten des Lebens gegen die Kommune irgendwie unerklärlich? Nein; kein soziales Gebilde der Gegenwart zog das Prinzip der herrschenden Autorität so tief hinab in das abgrundtiefste Nichts, wie gerade die Kommune. Ist die Verleumdung des Thiers und seiner Manen eine erstaunliche Sache? Keineswegs; keine soziale Empörung be­wies es klarer, als es die Kommune tat, daß die republikanischen Tyrannen, nachdem sie das ehemalige Gottesgnadentum des Absolutismus gestürzt, sogleich — Rene­gaten der Revolution werdend — dieselbe ökonomische und politische Unterjochung etablieren, wie es ihre ehemaligen Gegner getan. Und die Kommune bewies, wie spielend leicht es für ein Volk ist, ohne diese »republikanischen« Herrscher auszu­kommen, daß die Wohlfahrt eines Volkes sich blühender ausgestalten kann, wenn dasselbe sich vom Drucke dieser Gewalten befreit hat, wie Paris es während den Kom­munetagen sehr klar und deutlich erfuhr. Alle die tausendfache Lüge und Verleum­dung und Niedertracht, die gegen die Kom­mune und Kommunarden beiden Geschlech­tes ausgespielt wurden — sie alle werden begreiflich, wenn man das Eine weiß: Die Kommune jagte ihre Regierung davon; die Pariser Kommune wollte für Paris die Rechte unabhängigster Selbstverwaltung, dadurch für sich den zentralen Staat ent­setzend und seines »wohltätigen Berufes« entkleidend; die Pariser Kommune erklärte, die ökonomische Grundlage des bestehen­den Systems in Frankreich antasten zu wollen, und mit Waffengewalt verteidigten die Pariser Bürger ihre wirkliche Heimat — Paris — gegen die Söldner und Zuaven-heere eines Thiers und Mac-Mahons — die Kommune war die Proklama­tion der Unabhängigkeit, Selbst­ständigkeit und Autonomie eines Volkes gegenüber dem Staate, der gesellschaftlichen Zentralgewalt!

Heldenmütiges Paris, ihr Männer, Frau­en, Kinder der Kommune — wir denken euer! Ein leuchtendes Vorbild der Geistes­klarheit, ein edles Standbild für großmüti­ges Opferwerk um eines Prinzips willen, verklärt vom Ruhmesstrahle einigen Wollens — so steht ihr März-Kämpfer von 1871 vor uns! Es war der letzte Kampf, der da ausgefochten werden sollte; die Geschichte hat ihn noch nicht gewollt, aber ihr, die ihr mit euren Leichen den Boden Paris ge­düngt und besät habt, ihr wäret die Bahn­brecher, die Pioniere von Gedanken, die die Zeit reifen und siegen lassen wird.

Das Paris von 1871 wollte Freiheit, wollte ökonomische Gleichheit, wollte Selbst­ständigkeit und Brüderlichkeit. Daß es nicht zur Ausführung all dieser Ideale gelangte, noch schreiten konnte, ist nicht seine, son­dern seiner Gegner Schuld gewesen, die es umzingelten und im ewigen Kriegszu­stand erhielten. Aber zahlreich sind die Anzeichen, welchen Weg die Kommunarden geschritten wären, welchen Weg sie hätten schreiten müssen, wenn man der Entwick­lung der Kommune freien Lauf gelassen härte, der Entwicklung zum Sozialismus und zur konsequenten Autonomie — An­archie.

Wenn wir der heroischen Kommunar­den gedenken, dann steht vor uns der 18. März; die Tage, die ihm folgten, erheben sich in gewaltiger Größe, wenn auch ihre Bedeutung vertieft aufgefaßt werden muß; und endlich erheben sich vor unseren Augen die bluti­gen Maitage — das Ende der Kommune...

Kampfessichere Entschlossenheit und herrliche Einmütigkeit des Wollens — das ist uns der 18. März 1871. Verwirklichung eines Grundprinzips des Sozialismus der anarchistischen Schule: die Gedankengänge des Föderalismus und der Autonomie, das ist uns die Dauer der Kommune. Und ein Erbe, so schwer und traurig anzusehn, weil es unheilverkündend in die Zukunft deutet, uns lehrt, daß das siegreiche Prole­tariat vor allem stets sich seinen Sieg be­wahren, nicht wieder aus den Händen reißen lassen darf, bei Strafe des Unter­ganges nicht — das ist uns das Ende der Kommune von 1871.

* * *

Die Kommune war das Kind eines Krieges, der geführt wurde zwischen Deutsch­land und Frankreich. Zwei Völker waren mutwillig aufgepeitscht worden zu einem menschenschändenden, tausendfaches Un­glück herbeiführenden Krieg, in dem sie sich gegenseitig zerfleischten. Der Krieg sollte sein, so wollte es ein Bismarck, der zu diesem Zwecke selbst vor einer Fälschung der berühmten Emser Depesche nicht zurück­scheute. Heute, wo Jahrzehnte der gereiften Entwicklungseinsicht hinter uns liegen, wissen wir es genau genug: Der Krieg, der anno 1871 geführt wurde, drehte sich nicht etwa so sehr um Machterweiterung durch gewaltsame Aneignung, sondern vor­nehmlich darum, in Europa eine nicht mehr neue politische Geistesvorherrschaft abermals zu begründen. Es war der Rachekrieg wider Frankreich; aber nicht wider den dritten Napoleon oder seinen erbärmlichen Nachtretern. Es war der Krieg gegen den stets von Frankreich aus über ganz Europa flatternden Freiheitsgeist, der hier Rache nahm, dieses Frankreich der Revolutionen endgültig demütigen, zu Boden schleudern und abermals das Prinzip des zentralistisch-absolutistischen Gedankens in ganz Europa aufpflanzen wollte. Dies gelang: unter der mi­litärischen Übergewalt- und Macht Deutsch­lands brach Frankreich — innerlich unei­nig durch soziale Tendenzen — zusammen, das militärische Prinzip des zentralisierten Großstaates Deutschland erhob triumphirend das blutige Banner; auf Jahrzehnte hinaus war jede bedeutende revolutionäre Erhe­bung in Europa tot, jede echt sozialistische Bewegung zerfiel oder mußte direkt von neuem beginnen, es brach an die sogenann­te legalistisch-legitime Reaktionsperiode, die, ausgehend und gestützt von Deutsch­land, sich wie ein Todeskeim über den revolutionären Gedanken von ganz Europa legte und erst gegenwärtig überall im Schwin­den begriffen ist.

Eine unfähige, korrumpierte Militär- und Kriegsführung bereitete Frankreich Nieder­lage auf Niederlage. Unter ihrem Einflüsse drängten sich die Ereignisse, die zum Stur­ze des Staatsstreichlers Napoleon III. führ­ten und eine provisorische republikanische Regierung wurde eingesetzt. Aber sie war nur scheinbar republikanisch und stützte sich vornehmlich auf die Provinz, die das revolutionäre, nach Freiheit ringende Paris nicht begriff. Zahlreiche royalistische Intri­gen begannen sich zu spinnen, insgeheim wurde Paris gelästert, beschimpft für das, was es getan hatte. Und dann ging diese sogenann­te republikanische Regierung zur offenen, un­verhüllten Herausforderung und Beschimpf­ung über: Sie verlegte ihren Sitz zuerst nach Bordeaux, dann nach Versailles, da ihr die leidenschaftlich erregte Stimmung in Paris wenig zusagte; dann wieder wagten es diese zur Herrschaft gelangten Krautjunker, gegen positive soziale Erleichterungen für die weitesten Kreise der Bevölkerung, wie z.B. die Stundung der Mietszahlungstermine, aller Kreditpapiere, u. dgl. m., ihr Veto einzulegen, dadurch die Aufregung nur steigernd, die sich nun zur höchsten sozi­alen Not nicht nur für die Arbeiter, son­dern auch und ganz besonders für die minderbegüterten Klassen gestaltete und aus dieser ihre Nahrung sog.

Mittlerweile erlitt Frankreich unter der verräterischen, zweideutigen Haltung Trochu's Schlappe auf Schlappe. Und an­statt sich zur energischesten Aktion aufzuraffen, Frankreich gegenüber dem immer näher heranrückenden Feind zu verteidigen, wenigstens einmal gehörig zurückzuschla­gen — vertrödelte die Nationalversammlung der neugeschaffenen Bourgeoisrepublik die kostbare Zeit mit den lächerlichsten Beden­ken und gemeinsten Taten, zu denen u.a. die Inhaftierung des großen Sozialisten Blanqui samt zahlreichen Genossen ge­hörte, nur weil sie diese, die konsequentesten Vertreter des revolutionären Prinzips des damaligen Sozialismus, am meisten fürchtete und sie ihr im Wege standen in ihren reaktionären Anschlägen, die auf die Wiedererrichtung des dritten Kaiserreiches hinaus liefen.

Da, plötzlich, holte sie zu einem neu­en Anschlage aus. — Es war der Funken, der ins Pulverfaß fallen sollte! — Allen ihren infamen Plänen stand eines hindernd gegenüber: Paris! Die Landbevölkerung konnte leicht genug betört werden, nicht aber diese eine Stadt, die nun schon eine Tra­dition der Revolution besaß, und von dem man leicht annehmen durfte, daß es zur Etablierung einer dritten Kommune schrei­ten könnte — schon im Mittelalter unter Marcel Stephan, dann wieder ihm Jahre 1792 konstituierte sich Paris als selbständi­ge Gemeinschaft, wenn man nach der gereizten Stimmung und dem ernsten Miß­mut der ganzen Bevölkerung über das Re­gime der Nationalversammlung, die Kriegs­führung usw., urteilen sollte. Was gab es da zu tun? Nur eines: Die Entwaffnung von Paris — die Wegnahme der Kanonen und womöglich der Gewehre, die Aufhe­bung der Nationalgardisten, denen man die Waffen zum Kriegführen gegen den äußeren Feind gegeben hatte, aber nicht zwecks Verteidigung ihrer eigenen Interessen.

Es war dieser wahnwitzige Plan, der in dem finsteren Tyrannengehirn eines Thiers ausgebrütet wurde, der das Pariser Volk in einmütigster Selbstverteidigung zur kommunalen Revolution schreiten ließ. Denn alle: Männer, Weiber, ja sogar Kin­der begriffen hier eines sehr wohl: Ohne Bewaffnung waren sie verloren — war die Republik verloren — waren alle Mühen, Sorgen, Kämpfe vergebens gewesen — ja, waren sie wehrlos, sowohl dem inneren Feinde der neugebackenen Regierungsmacht als auch dem äußeren, den immer mehr umzingelnden deutschen Soldatenwerkzeu­gen ausgeliefert.

Am 18. März 1871 sollte die Schand­tat Thiers, des neuen Präsidenten der Re­publik, des größten Schurken, den uns je die Weltgeschichte, in diesem Sinne wirk­lich ein Weltgericht, überantwortet hat, zur Ausführung gebracht werden. Früh morgens, als wie wenn sie sich ob ihres Tuns schämten, drangen die Häscher und Räuber über den Montmartre vor. Aber siehe da — ohne irgend welche Vorbereitung oder Verabredung, ohne ir­gend welches Signal erhebt die Revolution ihr stolzes Haupt... Wer waren die Ersten, die sich um ihre Kanonen stellten, ihre Waffen verteidigten? Wie hießen sie? Wer sagte ihnen, was bevorstand?

Niemals hat es die Revolution glänzen­der bewiesen, daß sie nicht Werk von Verschwörungen oder einzelnen Agitatoren, sondern ein Werk der Namenlosen, der vulkanische Ausbruch aller Gefühlselemente, die in den getretenen und verachteten Namenlosen schlummern, ist, als die Pariser Kommune es lehrte und zeigte. Wer es gewesen, der den 18. März 1871 zu einem glorreichen Volkstage gestaltete, fragt ihr? — Keiner weiß es. Vielleicht irgend ein Weib des Volkes, vielleicht irgend ein Kind, das sich in unbestimmter Morgen­dämmerung im Freien befand und die dunklen Soldatengestalten beobachtete, wie sie ihr schändliches Werk zur Ausführung bringen wollten. Genug — im Nu war es überall lebendig, aus allen Häusern und Kellern strömte das Volk, scharte sich um seine Verteidigungsmittel, redete gütlich auf die Soldaten ein, beschwor sie, von ihrem volksverräterischen Tun abzustehen, ihre Väter, Mütter, Geschwister nicht wehrlos zu machen. Und urplötzlich verwandelte sich das Bild auf dieser Szene welthistorischen Geschehens: — in den Armen lagen sich die Arbeiter im Soldatenrock und die Arbeiter im Arbeitskittel, die Soldaten und das Volk fraternisierten. Die Menschen hatten sich als Menschen wiedergefunden...

Aber es gab auch solche, denen das rein Menschliche fremd und die keiner menschlichen Regung zugänglich waren. Thomas und Lecomte, die ihren Soldaten auf das Volk zu schießen befahlen — und die diesen entsetzlichen Befehl mit ihrem Leben büßen mußten. —

Und als die Morgensonne sich in strahlender Pracht über Paris erhob, da waren nicht nur die Schatten der Nacht verscheucht, da war auch ein Tag der Freiheit angebrochen, ein Tag des Lichtes und der Freude. Die funkelnden Strahlen der Sonne beleuchteten das Paris der Freiheit, das verlassen wurde von allen reaktionären Elementen. Eines aber stand stolzer da als je, das Haupt noch kühner in den Nacken geworfen: Das Volk von Paris, das heldenmütige, wackere Volk des Freiheitskampfes, das Paris der Revolution und Gerechtigkeit...

* * *

Das ist es, was wir an dem 18. März des Jahres 1871 in begeisterten Worten feiern. Was nun folgt, ist der heldenmütigste Friedenskampf eines Volkes, den es je gegeben. Denn Paris wollte Frieden mit dem übrigen Frankreich, wollte in Wahr­heit das Prinzip der Brüderlichkeit walten lassen, wollte gemeinsam die Verteidigung Frankreichs gegen den Ansturm der Mili­tärreaktion Deutschlands durchführen. Die­ses ernste Streben nach Frieden ist ein Ruhmesblatt der Pariser Kommune, die sich nun konstituierte in einer vom Volke mit überwältigender Majorität siegreich durch­geführten Abstimmung, aber dieses Streben der Pariser Kommune nach Frieden, während alle Reaktionsgewalten sich zum Krieg gegen sie konzentrierten, sollte auch ihr Unglück werden.

Es würde uns zu weit führen, wollten wir den Gang der Ereignisse auch nur flüchtig skizzieren. Es genügt, wenn wir die Situation in einigen markanten Strichen kennzeichnen, denn diese Periode gehört ja schon eigentlich den grundlegenden Ur­sachen, die zur blutigen Maiwoche und dem Untergange der Kommune führten, an, und wir werden ohnedies nochmals auf dieselben zurückkommen.

Dort wo die Kommune anarchis­tisch, das heißt, aus dem Innersten des Volkes, aus seiner eigenen Kraft und Er­kenntnis heraus gehandelt hatte, dort ist sie siegreich gewesen. Der 18. März ge­hört dem Siegesgedanken des Anarchismus, instinktiv verwirklichte ihn das Pariser Pro­letariat. Was nun anhebt, das ist noch immer großartig und gewaltig, aber es ist nicht mehr die Aktion des Volkes selbst, sondern eines geführten Volkes, das sich selbst erwählte Volksführer auferlegte und die konstituierte Kraft der Revolution dadurch ihrer fähigsten Elemente beraubte, diese auf das abschüssige Gebiet des parlamen­tarischen Geschwätzes, der Komiteediskussi­on verweisend, das in einer Zeit, die förm­lich nach Taten schrie.

In der Aktivität der Kommune selbst, mit ihrem Zentralkomitee, ihren Beschlüssen und der Art ihrer Durchführung können wir etwas durchaus Sozialdemokrati­sches erblicken. So ist denn auch die Wesensart der Kommune die große prak­tische Lehre von der Unfähigkeit irgend einer Regierung, eine Revolution im Volks­sinne der Befreiung glücklich zu Ende füh­ren zu können, ist der beste, praktisch erprobte Beweis für die totale Lahmlegung wenn dieses in bewegten Zeitläufen sich Autoritäten erkürt, die es leiten sollen, statt im stolzen Selbstvertrauen seine Sa­che durch- und zu Ende zu führen. An dieser Zentralregierung, ihrer Unfähigkeit und oftmals Feigheit ging die Kommune zu Grunde - und in diesem traurigen Ende sehen wir das Aufgehen der revolu­tionären Erkenntnis des Anarchismus von der herrschaftslos durchzuführenden Umwälzung der sozialen Lebensverhältnis­se: eine Revolution, die mit dem möglichen Minimum an Gewalt- und Opferver­lusten an Leben das Maximum des mög­lichen Glückes für Alle erreicht und dies in einer lebendigen Periode beschleunigte­ster Evolution, an der alle Kräfte des Ge­sellschaftswesens mitwirken, fortschreitend das Neue gebärend.

Wie dem aber auch sein möge, lassen wir die Fehler der Kommune, und wenden wir uns vor allem ihrem ernsten Wol­len zu. Und da sehen wir viel. Man be­denke: von allen Seiten umgeben von wuterfüllten Hassern, vermochte die Kom­mune noch an eine ganze Anzahl soziale, tiefgreifende Reformen zu denken, und was das Wichtigste: versuchte sie den lang­samen, allmählichen Übergang zur sozialisti­schen Produktion und Verteilung durch Einsetzung einer Kommission, die die durch die Flucht ihrer Eigentümer nun leerste­henden Werkstätten und kleineren Fabriken wieder in genossenschaftlichen Betrieb setzen lassen sollte. Es obliegt bei allen Kennern gar keinem Zweifel, daß sie naturnotwendig zum Sozialismus gelangt wäre. Die Kom­mune proklamierte das Prinzip des inter­nationalen Völkerfriedens und stieß das Symbol des mordenden Krieges, Napoleon I. Monument, um. Im übrigen ist es Tatsache, daß alle die infamen Lügen der Versailler Regierungsbanditen, der Thiers, Gallifets, Mac Mahons, Vinoys u.s.w., über den Raub, die Plünderung, das Petroleusentum der Kommune sehr schöne Phantasiemärchen waren, an denen auch nicht der Schatten einer Wahrheit. Die Rotschild'sche Bank von Paris kann ein Stückchen Lebens­tatsache darüber berichten; daß nämlich die Kommunarden die Bank durch Wachtposten beschützen ließen und in ganz ehrbarer Weise eine sehr unbedeutende Anleihe von ihr aufnahmen, von ihr, die die Kommune sofort anerkannte — wie konziliant ist doch das Kapital! — hinter ihrem Rücken aber auch der republikanischen Versailler Mörderklique eine unendlich bedeutendere Geld­anleihe als der Kommune gewährte.

Und Paris selbst, die Stadt, wie befand sie sich? Es war das ewig junge, schöne Paris, das Paris, das im sorglosesten Freu­denjubel dahinlebte. Nun aber nicht mehr im Orgientaumel der reichen Prasser und Vornehmen, sondern das Volksparis mit seinen nun allen zugänglichen Volksbelus­tigungen, der Abwesenheit jedes Diebstahls und sogenannten Verbrechens an Leben und Sicherheit, der Abwesenheit jeder Prostitu­tion, kurz der bürgerlichen Weltordnungs­schablone. Dieses Paris konnte selbst seine grimmsten, gemeinsten Gegner nicht hassen. In seinem friedlichen Glück und freien Le­ben, in der unter den Umständen bewun­derungswürdigen Ordnung, der Selbstlosig­keit der meisten seiner führenden Persön­lichkeiten — wir nennen nur Varl in, Duval, Delescluze, Arnould etc., — glaubte es, der Welt ein herrliches Beispiel der selbst­errungenen Freiheit zu geben und seine Feinde zu bekehren. Es hat sich arg getäuscht; aber dies gereicht nicht Paris, son­dern den Kabylenschlächtern und der re­publikanischen Bourgeoisie zur ewigen Schande und Schmach.

Die Pariser Kommune hat mit ihren Fehlern den nachfolgenden Geschlechtern diejenigen Lehren gegeben, die ihnen über vieles hinweghelfen werden, was sich sonst  wie Ballast an ihren Fersen und Armen gehängt hätte. Wären die Kommunarden sofort übergegangen zum freien Kommunis­mus, wie sie es teilweise sowohl poli­tisch als auch ökonomisch ja taten — vie­les, vieles wäre wahrscheinlich anders ge­kommen. Denn diese Übereinstimmung der ökonomischen Gemeinschaftsprinzipien mit den sozialpolitischen hätte ungeahnte Elementarkräfte erstehen lassen, die unweiger­lich zum Siegesverlaufe der erhabenen Zu­kunftssache geführt hätten.

* * *

Es hat noch nicht sein sollen — und so nehmen wir die Kommune als das, was sie war, als das, was sie uns bot. Die Astronomie lehrt uns, daß es Ster­ne gibt, die erst im Sinken hell erstrahlen und ein fast überirdisch leuchtendes Licht verbreiten. Ein solcher Stern am Fir­mament des sozialen Ringens war und ist die Pariser Kommune. Ein Heldendenkmal des Volksmutes, die große Gemeinschaftstat eines geeinten Volkes, das Zerbrechen von Ketten, die bislang un­zerbrechlich schienen und eine leuchtende Fackel in die Zukunft Und wenn wir uns auch der Hoffnung hingeben wollen, daß das strahlende Licht der menschlichen Ver­nunft und Humanität uns vieles von der tiefschwarzen Trauer jener Tage erübrigen, ersparen wird, so neigen wir doch dan­kend unser Haupt in treuer Erinnerung an die erhabenen Tage der Kommune; am 18. März, da wollen auch wir in Gedan­ken hinaus zum Pere Lachaise, zur historischen Friedhofsmauer, dort, wo die Kommunarden den letzten Befreiungskampf kämpften, in ihrer Niederlage den Zukunfts­sieg der Freiheit verbürgten und ihrer denken: der Pioniere, unserer Vorkämpfer und Pioniere, die da lebten und starben mit einem Ruf auf den Lippen, der ertönen wird, bis er Wirklichkeit ward: »Es lebe die Kommune!«

Aus:
"Wohlstand für Alle", 1. Jahrgang, Nr. 6 (1908). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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