Golos Truda (Anarchistische Zeitung) - Lenin und der Anarchismus (1918)

Die von Gedanken der Ordnung, Vorsicht und Umsicht erfüllten "Sozialisten" werfen dem Genossen Lenin stets einen Hang zum Anarchismus vor. Die Erwiderungen des Genossen Lenin beschränkten sich jedesmal auf die gleiche Formulierung: "Geduldet Euch. Ich bin noch nicht ganz und gar Anarchist."

Die Anarchisten greifen den Genossen Lenin wegen seiner Schwäche für die marxistische Lehre an.
Die Erwiderungen des Genossen Lenin beschränken sich jedesmal auf die gleiche Formulierung: "Geduldet Euch. Ich bin nicht mehr ganz und gar Marxist."

Wir verspüren den Wunsch, all denen, die sich über diese Äußerungen den Kopf zerbrechen, zu sagen: "Keine Sorge, wartet nicht darauf! Der Genosse Lenin ist ganz bestimmt kein Anarchist." (Nach einer kurzen Analyse der Position Lenins gegenüber der Revolution schließt der Artikel folgendermaßen:)

"Der Genosse Lenin hat Recht, wenn er sagt: Wir lehnen den Parlamentarismus, die Konstituierende Versammlung usw. ab, weil die Revolution die Sowjets hervorgebracht hat. Richtig, die Revolution hat die Sowjets hervorgebracht (...), aber nicht nur die Sowjets, sondern überhaupt eine wichtige und gesunde Tendenz zu einer nichtpolitischen, nicht staatsbejahenden Klassenorganisation. Nur in dieser Tendenz liegt das Wohl der Revolution. Der Genosse Lenin hätte Recht gehabt, wenn er viel früher, in seiner Jugend, erkannt hätte, daß die wahre Revolution gerade diesen Weg nehmen würde. Leider war er zu jener Zeit "reiner Marxist"! Und jetzt? Jetzt bringen ihn die mehr und mehr bewußt anarchistischen Tendenzen der Massen natürlich in Verlegenheit. Die Haltung der Massen hat Lenin bereits gezwungen, vom ehemaligen Weg abzuweichen. Er ist dabei nachzugeben, sich zu beugen. Er hält den "Staat", die "Obrigkeit", die "Diktatur" nur für eine Stunde aufrecht, für eine kurze Minute, für den "Übergangsmoment". Und danach? Danach wird es den Anarchismus geben, den "Fast-Anarchismus", den Anarchismus "a la Lenin". Die mit Methodik, Weisheit und Mißtrauen vollgepfropften "Marxisten" rufen voller Entsetzen: "Seht ihr? Hört ihr? Versteht ihr? Es ist fürchterlich! Ist das etwa Marxismus? Ist das etwa Sozialismus?"

Großer Gott! Seht ihr denn nicht kommen, ihr sozialistischen Genossen, was der Genosse Lenin sagen wird, wenn sich die gegenwärtige Macht konsolidiert haben wird und es möglich wird, die Stimme der Massen zu übergehen?

Dann wird er auf seinen üblichen, ausgetretenen Pfad zurückkommen. Er wird einen waschechten "marxistischen Staat" schaffen. Und in der feierlichen Stunde des endgültigen Sieges wird er euch sagen: "Sehen Sie, meine Herren, ich bin erneut ganz und gar Marxist!"

Es bleibt nur eine Frage, die wichtigste: werden die Massen nicht schon vor dieser glücklichen Stunde "ganz und gar anarchistisch" werden und den Genossen Lenin daran hindern, wieder "ganz und gar zum Marxismus" zurückzukehren?

Aus: Volin: Die unbekannte Revolution, Band I, Verlag Association, Hamburg 1975, S. 274-275

Originaltext: Degen, Hans-Jürgen: „Tu was du willst“. Anarchismus – Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Verlag Schwarzer Nachtschatten 1987. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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