“Eine neue, bessere Menschheitsepoche”. Zum 100.Geburtstag des Anarchisten Ferdinand Groß

Vor hundert Jahren, am 11. Februar 1908, kam Ferdinand Groß als Kind des Hutmachers Wenzel Groß und der Hausfrau Maria Groß, geborene Kreusel, in Wien zur Welt. Zu seinen ersten Erinnerungen zählte der Abschied vom Vater, als dieser für die Österreichisch-Ungarische Armee in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Seine ausgeprägte Abscheu vor allem Militärischen dürfte hier ihre Wurzel haben. Krieg blieb ihm sein Leben lang eine der schrecklichsten Geisseln der Menschheit. Neben dem Krieg zählte der Hunger in der Zeit während und nach dem 1. Weltkrieg zu seinen frühesten Erinnerungen, von denen er auch im hohen Alter noch erzählte. Nach der Grundschule in Wien zog Ferdinand Groß mit seiner Familie nach Graz, wo er 1925 eine Schlosser- und Dreherlehre bei den Puch-Werken abschloss. In einer Zeit, in der sich große Teile der ArbeiterInnenklasse ganz selbstverständlich noch in der ArbeiterInnenbewegung engagierten, suchte auch Ferdinand Groß ab 1925 Kontakt zu SozialdemokratInnen und KommunistInnen. Sein diesbezügliches Engagement führte zu seiner ersten Entlassung von seinem Arbeitsplatz bei den Puch-Werken. Mit einem Freund begab er sich daraufhin auf die Walz. Von Hamburg aus wollten die beiden nach Brasilien auswandern, was jedoch scheiterte. Arbeits- und mittellos landete Ferdinand Groß schließlich in Luxemburg, wo er von einer kurzfristigen prekären Beschäftigung in die nächste stolperte. Dabei handelte es sich um schwere körperliche Arbeiten, wie Hilfsarbeiten bei der Errichtung von Eisenbahntrassen, deren Bedingungen für viele EuropäerInnen heute kaum vorstellbar waren. Ferdinand Groß sollte diese Jahre später als seine ”soziale Schule” bezeichnen.

Nach Graz zurückgekehrt, erwartete ihn zunächst wieder das Schicksal von Arbeitslosigkeit. Er engagierte sich in der ”Sängerrunde Freiheit” und in der so genannten ”Friedlandsiedlung”, einem Versuch eine Siedlung für Arbeitslose aufzubauen. Die ”Sängerrunde Freiheit” trat 1933 anlässlich einer Rede des österreichischen Anarchisten Rudolf Großmann, genannt Pierre Ramus, in Graz auf. Dabei lernte Ferdinand Groß erstmals sein späteres großes Vorbild persönlich kennen und war vom pazifistischen Anarchismus von Ramus ”Bund herrschaftsloser Sozialisten” begeistert. Der Bund vertrat in seiner 1922 beschlossenen Grundsatzerklärung ”das Prinzip individueller Freiheit in sozialer Gemeinschaft” und strebte einen ”Kommunismus zwangloser Assoziation, für den grundlegend ist das Nichtvorhandensein irgend eines Monopolprivilegiums”(1) an.

Bund herrschaftsloser Sozialisten

Zum ersten Mal war ”Ferdl”, wie er von seinen GenossInnen genannt wurde, mit dem Beitritt zum Bund politisch organisiert. Weitere persönliche Begegnungen mit Pierre Ramus und das Studium der Schriften von Kropotkin, Tolstoi und anderen AnarchistInnen festigten seine Überzeugung und beflügelten sein enthusiastisches Engagement für einen pazifistischen Anarchismus. Er engagierte sich für die Vasektomie, die freiwillige Sterilisation des Mannes. Nach der Ausschaltung des Parlaments durch das austrofaschistische Regime wurde das Engagement des ”Bundes herrschaftsloser Sozialisten” für die Vasektomie verfolgt und Pierre Ramus zu 14 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Während Pierre Ramus seine Strafe in der Grazer Haftanstalt Karlau verbüßte, führte eine kleine Gruppe des ehemaligen Bundes, an deren Rand sich auch Ferdinand bewegte, die Vasektomierungen weiter. Nachdem die Gruppe aufgeflogen war, wurden fünf beteiligte Anarchisten zu Gefängnisstrafen verurteilt. ”Ferdl” blieb jedoch vorerst auf freiem Fuß und konnte schließlich über die aus Bulgarien nach Graz geflüchteten bulgarischen Anarchisten Dimitri Keremidtschieff, Haralampi Dimitroff-Haralampieff und Panajot Tschiwikoff Kontakte zu anarchistischen Gruppen im Ausland knüpfen. Mit dem Beginn des Spanischen Bürgerkriegs 1936 begannen sich auch die Grazer AnarchistInnen neu zu formieren, die sich 1937 in zwei anarchistischen Gruppen organisierten: eine um den Malergehilfen Josef Stefflitsch und eine um die Schwestern Ottilie und Maria Leeb (verheiratete Binder und Rader). Ferdinand Groß hielt zu beiden Kontakt und arbeitete in beiden Zusammenhängen immer wieder mit. Flugblätter wurden illegal verteilt und Zusammenkünfte organisiert, schließlich sogar eine kleine Untergrundzeitschrift mit wechselnden Titeln herausgegeben. Eine Verhaftungswelle im November 1937 zerschlug diese Strukturen wieder weitgehend. Noch im Jänner wurden Stefflitsch und andere nach §58b und c des Strafgesetzes, wonach sie zu Handlungen ”zur gewaltsamen Veränderung der Regierungsform und Herbeiführung einer Empörung und eines Bürgerkrieges im Innern aufgefordert, angeeifert und zu verleiten gesucht” hätten, angeklagt und verurteilt. Wer Ferdinand Groß später nach seiner politischen Biographie befragte, dem erklärte er mit diesen Erfahrungen, warum er die Untergrundarbeit für wenig sinnvoll erachtete und für ein offensives Bekenntnis zum Anarchismus eintrat. Während andere AnarchistInnen in Graz die NS-Zeit durch innere Emigration überlebten und ihre Aktivitäten einstellten, wurde Ferdinand Groß nach dem ”Anschluss” erst richtig aktiv. Alte Nummern von Ramus’ Zeitschrift ”Erkenntnis und Befreiung” legte er in den Umkleideräumen der Puch- Werke aus, in denen er mittlerweile wieder arbeitete. Ehe man den Urheber dieser Aktion finden konnte, wurde er am 1. März 1939 jedoch aus einem anderen Grund von der Gestapo festgenommen.

Gestapo und KZ

Beim folgenden Verhör bei der Gestapo bekannte er sich offensiv zum herrschaftslosen Sozialismus und erklärte, Anarchist und Kriegsgegner zu sein. Mit der Drohung, bei der kleinsten Auffälligkeit ”nach Dachau” zu kommen, wurde er entlassen. Wer ”Ferdl” persönlich kannte, weiß jedoch, dass dieser glühende Anarchist einfach nicht ruhig sein konnte. Bei einer von den Nazis in den Puch-Werken veranstalteten Feier anlässlich der Okkupation der Tschechoslowakei im März 1939 verweigerte er als Einziger den Deutschen Gruß und wurde prompt wegen ”politischer Unzuverlässigkeit” entlassen.


Es folgte eine erneute Vorladung durch die Gestapo, die ihn als ”Schutzhäftling” nach Dachau deportieren ließ. Von dort wurde er ins KZ Flossenbürg, 1940 wieder nach Dachau verlegt. Im Sommer 1944 wurde er zum Straftransport abkommandiert, was fast immer einem Todesurteil gleichkam. ”Im Viehwaggon wurde er ins >Arbeitslager< Neckarelz bei Mosbach (Baden-Württemberg) gebracht, wo er in einem aufgelassenen Gipswerk für die Fortführung der Rüstungsindustrie arbeiten musste. Zunächst wieder Stubenältester, meldete er sich dann zum Arbeiten und war zunächst für die Wartung des Werkzeugs zuständig, dann als Kantineur tätig. Nach der Bombardierung des nahegelegen Dorfes wurde er zum Rücktransport nach Dachau abkommandiert.”(2) Auf dem Weg zum Bahnhof gelang ihm im März 1945 gemeinsam mit einem kommunistischen Spanienkämpfer die Flucht und schließlich die Rückkehr nach Österreich zu seiner Frau Rosa nach Graz. Wie bei vielen ehemaligen KZ-Häftlinge blieben diese Jahre für ihn eine Zeit der traumatischen Erlebnisse. Auch wenn Ferdinand Groß in späteren Jahren wesentlich lieber von seiner Begeisterung für den Anarchismus sprach, als von seinen schrecklichen Erlebnissen im KZ, so bildete dieses doch immer das Gegenbild, das zeigte, was aus einer Gesellschaft werden konnte, die nicht den Weg der Freiheit ging.

Befreiung

Nach allem was er erlebt hatte, wollte der wieder in Graz lebende Anarchist nach 1945 die neue Freiheit nutzen, um für seine Gedanken zu werben. Verglichen mit der breiten anarchistischen Szene der ersten Republik, waren aber nur wenige AktivistInnen übrig geblieben. Die Reorganisationsversuche der anarchistischen Szene in Graz blieben ebenso erfolglos, wie in anderen Teilen Österreichs. So blieb ”Ferdl” Groß nach 1945 primär ein Einzelkämpfer, der jedoch ab 1970 neue Kontakte v.a. in die antimilitaristische Friedensbewegung in Graz knüpfen konnte. 1976 gründete er schließlich seine eigene Zeitschrift, die er in der Nachfolge der Zeitschrift von Pierre Ramus ”Befreiung” nannte und die er über Jahre allein herausbrachte. Sie war das letzte Bindeglied zwischen den jüngeren Generationen österreichischer AnarchistInnen und der anarchistischen Bewegung der ersten Republik. Ein Großteil der Texte verfasste er – teilweise unter verschiedenen Namen – selbst; er machte aber auch längst vergessene Texte für jüngere Generationen zugänglich.

Ein Alter unter Jungen

Es gehörte zu seinen erstaunlichsten Fähigkeiten, dass Ferdinand Groß bis ins hohe Alter erfolgreich Kontakt zur Jugend suchte. Auch wenn in den 1980er- und 1990er-Jahren viele junge Anarchos aus der autonomen Szene nichts mehr mit dem ”alten Mann” anfangen konnten, so blieb er für jene, die ihm zuhören wollten, eine faszinierende Inspiration, die weit mehr war als ein lebendes Geschichtsbuch. Man musste seinen teils christlich angehauchten Anarchopazifismus und seine uneingeschränkte Begeisterung für Pierre Ramus, Leo Tolstoi oder Peter Kropotkin nicht teilen, um dem unermüdlichen Einzelkämpfer, der sich trotz aller Verfolgungen nie brechen ließ, Respekt zu zollen und einfach gerne zuzuhören. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ”Ferdl” Groß noch 1993 an einem Camp junger AnarchistInnen in Niederösterreich teilnahm und einige von uns ganz fasziniert seinen Geschichten lauschten, während andere – die heute teilweise gerade ihre Karrieren in Wirtschaft und Politik bestreiten und denen ihr damaliger Anarchismus heute sicher peinlich wäre – den ”alten Mann” als harmlosen, freundlichen Spinner abtaten und nur ihre eigene männlich inszenierte (Gewalt)Pose für radikal hielten. Noch im Alter von 86 Jahren gab er uns für unsere kurzlebige Zeitschrift Vogelfrei ein Interview, in dem er voller Optimismus erklärte: ”Es bedarf nur der schaffenden Hände aus der ewig grünenden und fruchtbaren Erde, den Nahrungsbedarf für alle Menschen zu decken und zwar überreich, um nirgends Menschen hungern lassen zu müssen. Das Privileg der herrschenden Klasse muss entzogen werden auf dass alle Menschen das Recht auf Wohlstand haben. Wenn wir dafür viele Menschen gewinnen wird dies eine neue bessere Menschheitsepoche einleiten.” (3)

Nach dem Tod seiner Frau Rosa 1994, die er jahrelang während ihrer Erkrankung an multipler Sklerose gepflegt hatte, und deren Tod ihn schwer traf, blieb er in seiner Wohnung allein und beschäftigte sich weiter mit der Herausgabe seiner Zeitschrift. Im Dezember 1997 brachte er, bereits schwer erkrankt, noch die Nummer 85 seiner ”Befreiung” heraus, ehe er entkräftet ins Grazer Landeskrankenhaus eingeliefert werden musste, wo er am 12. Jänner 1998 verstarb. Mit ihm starb auch der letzte Vertreter des Anarchismus der ersten Republik.

Die jüngeren AnarchopazifistInnen, mit denen Ferdinand Groß schon einige Zeit zusammengearbeitet hatte, benannten ihre eigene Zeitschrift ”friedolin” in ”friedolins befreiung” und traten damit das Erbe von Ferdinand Groß’ ”Befreiung” an. Die Zeitschrift wurde jedoch Ende 1999 eingestellt. Sie war nicht das einzige anarchistische Projekt der jüngeren Generation, dem der lange Atem eines Ferdinand Groß fehlte.

Thomas Schmidinger

Fußnoten:
(1) Was ist und will der Bund herrschaftsloser Sozialisten? Die auf der Bundestagung am 25. und 26.
März 1922 angenommenen Leitsätze und Richtlinien unserer Anschauung und Betätigung, Kapitel 2: Die
Grundsätze des Bundes herrschaftsloser Sozialisten
(2) Reinhard Müller: Ferdinand Groß (Wien 1908 - Graz 1998) - Aus dem Leben eines österreichischen
Anarchisten und Antimilitaristen. S. 4 – 15: 9
(3) Vogelfrei, Zeitschrift der Libertären Liga, Nummer 1 (1/94), S. 24-26

Aus: akin – aktuelle informationen, Nr. 5 2008, 12. Febr

Originaltext: http://akin.mediaweb.at/2008/05/05gross.htm


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